Auf eine
Pilgerfahrt nach Rom, Subiaco und Monte Cassino machte sich in der ersten
Augustwoche eine Gruppe von 50 Jugendlichen aus dem südlichen Landkreis, in
Begleitung von Pater Benedikt und der KLJB Scheyern, um den Spuren des Hl.
Benedikt zu folgen. Es war ein großes Experiment. Werden die besonderen Orte,
die besonderen Begegnungen und das Miteinander helfen, zu einem vertieften
Erleben zu kommen, welches die Dimension des Religiösen aufschließt?
Dieses
Ziel vor Augen steuerte die Gruppe direkt nach der anstrengenden Nachtfahrt im
vollbesetzten Bus den Petersdom an. Dies war ein erster Volltreffer,
denn früh um acht Uhr war St. Peter beinahe menschenleer. Das Licht schien von
Osten her auf die „Confessio“, wo das Petrusgrab ist. Dort betete die Gruppe
das Glaubensbekenntnis und verließ den Ort nicht, ohne auch am Grab von Papst
Johannes Paul II. zu verweilen. Für Pater Benedikt ein besonderer Moment, weil
er in den Studienjahren einmal als Diakon an der Seite des verstorbenen Papstes
stehen durfte.
Weniger
eindrucksvoll war für die Gruppe das Mittagsgebet in der Lateranbasilika,
in der zweitausend Ministranten aus dem Erzbistum München-Freising
zusammengekommen waren. Nach dem Beziehen des Quartiers und einem anstrengenden
Fußmarsch vom Aventin über den Circus Maximus, vorbei am Kolosseum hinauf zum
Lateran, saßen alle erschöpft in der Kirche und hörten mehr auf den hungrigen
Magen als auf die Worte der Andacht.
Nach der
Mittagspause tat die Abkühlung in der Domitilla Katakombe gut. Nur
achtzehn Grad Celsius hat dieser Raum unter der Erde, Sommer wie Winter. Ein
deutschsprachiger Pater verstand es gut, die Aufmerksamkeit aller Jugendlichen
zu gewinnen und der Weg durch die Gänge mit den leeren Gräbern führte allen vor
Augen, was von unserem Leib einmal übrig bleibt, nämlich nichts.
Das war
alles viel für den ersten Tag. Der Abend in St. Anselmo, dem Studienhaus der
Benediktiner, diente der Stärkung bei „Pasta fredda“ und es war Zeit für eine gemeinsame
Reflexionsrunde. Um Geld zu sparen, hatte die Gruppe sich für zwei
Übernachtungen mit Schlafsack und Isomatte entschieden.
Der
zweite Tag war entspannender, aber nicht weniger reich an Eindrücken. Die
Basilika Santa Sabina auf dem Aventin gehört zu den schönsten Roms und zeigt
auf der originalen Eingangstür die erste Darstellung der Kreuzigung Jesu, in
einer Holzschnitzerei aus der ersten Hälfte des fünften Jahrhunderts. Vom angrenzenden Park hat man
einen hervorragenden Blick über die Stadt, bis zu Sankt Peter hinüber. Der Gang
über das Forum Romanum, dem Zentrum des alten Roms, forderte das erste
Hitzeopfer: ein Junge litt an Übelkeit und Kopfweh. Die Krankenschwester im
Team kam zum erstenmal zum Einsatz. Mit 55 Leuten quer durch Rom, ein
Abenteuer. Es konnte nur deshalb gelingen, weil alle gut aufpassten, um nur
nicht den Anschluss zu verlieren. Ortsunkundig und der Sprache nicht mächtig,
wäre ein Einzelner ziemlich verloren gewesen. Bei der Spanischen Treppe teilte
man sich dann in die sieben Kleingruppen auf, um in der Obhut der Gruppenleiter
den Nachmittag flexibler gestalten zu können.
Großes
Glück hatten jene, die sich auf den Weg zu den Vatikanischen Museen
machten, denn in der brütenden Mittagshitze gab es keine Warteschlange! In der Sixtinischen
Kapelle waren zwar viele Menschen, doch wurde man nicht zum Weitergehen
aufgefordert und so konnte man dort wirklich verweilen, Michelangelos
Meisterwerk von der Schöpfung der Welt und vom Jüngsten Gericht bewundern und
zwischendurch realisieren, dass hier Joseph Kard. Ratzinger zum Papst gewählt
wurde.
Am Abend
versammelten sich alle zur Eucharistiefeier auf dem Petersplatz, bei der
ca. 42.000 Ministranten anwesend waren. Kardinal Schönborn aus Wien verstand
es, die jungen Leute anzusprechen. Besonders eindrucksvoll war der Hinweis auf
den großen Obelisken, der in der Mitte des Petersplatzes steht. Er stand früher
im Circus des Nero „und hat den Hl. Petrus sterben sehen.“ Die vielen deutschen
Ministranten waren z.T. mit Flaggen geschmückt und stimmten nach dem
Gottesdienst in Deutschland-Rufe ein, eine Frucht der Fußballweltmeisterschaft.
Kardinal Schönborn, ein Österreicher, meisterte die Situation und lud alle für
den nächsten Morgen ein, zur Audienz mit Papst Benedikt XVI. Jetzt rief die Menge
„Benedetto“ und die Scheyerer Gruppe suchte ihren Weg quer durch die sich
auflösende Menge nach Hause.
Man
hatte nur einen Platz am Rande gehabt, sehr weit weg vom Hauptaltar. Das sollte
am nächsten Tag nicht passieren. So gab es auch keine Widerstände gegen eine
stramme Planung für den nächsten Morgen: 6 Uhr aufstehen, halb sieben losgehen,
mit leerem Magen und vollen Koffern, die Frühstücksbrote im Rucksack. Bus
packen, Fahrt bis zur Engelsburg und dann zu Fuß bis zum Petersplatz. Um 8 Uhr
war dieser noch leer, aber einige Tausend standen schon an den Einlassstellen
an. „Aktives Anstehen“ war nun die Parole, niemanden vordrängen lassen. Es
dauerte etwas. Die Sicherheitsschleusen waren noch geschlossen. Ein bis zwei Sicherheitsbeamte
gingen hin und her. Da geschah es: Auf der anderen Seite des Petersplatzes
wurden die Menschen bereits hereingelassen und die Jugendlichen stürmten auf
die besten Plätze. Als sich auf der hiesigen Seite immer noch nichts tat,
sprangen die ersten über die bauchhohe Absperrung, andere taten es ihnen nach
und auf einmal waren es Hunderte. Der Sicherheitsbeamte war machtlos und sprach
hastig in sein Funkgerät. Jetzt hieß es, schnell zu sein, und bevor fünf
Minuten später die Schweizer Garde in Uniform und in Zivil wieder für Ordnung
gesorgt hatte, war der Großteil der Scheyerer Gruppe schon über drei
Absperrungen hinweg in den vordersten Teil gelangt, auf der linken Seite, weil
von dort das Papamobil gewöhnlich einfährt. Eine Viertelstunde vor Beginn der Papstaudienz
sah man den weißen Hubschrauber über den Platz fliegen, der direkt von Castel
Gandolfo zum Vatikan flog. Pünktlich um zehn Uhr kam Papst Benedikt im offenen
Auto und ließ sich über den ganzen Platz fahren und stieg erst auf der Altarinsel
aus. Seine Worte waren sehr persönlich und von großer Leichtigkeit. Er freute
sich, dass er nach seinem Urlaub als erstes diese Audienz mit den Jugendlichen
hatte und stellte ein Jesus Wort in den Mittelpunkt: „Ich nenne euch nicht
Knechte, sondern Freunde: bleibt in meiner Liebe, und euer Leben wird fruchtbar
werden“ (vgl. Joh. 15,9.15). Er sagte auch: „Ich fasse mich kurz, denn es ist
heiß.“ Das stimmte. Die Sonne prallte auf den vollen Petersplatz. Um Viertel
nach elf fuhr er wieder zurück in den Vatikan, nur wenige Meter an einigen
Scheyern Pilgern vorbei. Die Gelegenheit ihm zuzurufen: „Scheyern grüßt Sie!“
Ob er es wahrgenommen hat, ist ungewiss. Alle waren sich einig: Dieser
Vormittag war einer der bewegendsten der ganzen Fahrt. Das frühe Aufstehen
hatte sich gelohnt. Foto: von Papst Benedikt (Elke Seibel, Mitterscheyern)
Viele
Menschen, genau genommen zu viele, Sommerhitze, Stadtverkehr, der Stress, immer
die Gruppe zusammenzuhalten und viele hundert Eindrücke. Davon war die erste
Station der Fahrt geprägt: Rom als Stadt. Nun wollte die Gruppe es wie der Hl.
Benedikt machen, sich hinaus in die Berge zurückziehen.
Vorher aber galt es, Marschverpflegung einzukaufen. Der
große Supermarkt an der Via Aurelia war auf den Ansturm mehrerer deutscher
Reisebusse nicht gefasst und so bildeten sich lange Schlangen an den wenigen
offenen Kassen. Als sich einige Italienerinnen vordrängeln wollten, reichten
zwei Worte, um dieses zu verhindern: „Aktives Anstehen“. Die Gruppe ließ
keine fünf Zentimeter Raum und so mussten sich alle in ihr Schicksal fügen, und
eine halbe Stunde warten, bis man endlich zahlen konnte.
Nach all den Anstrengungen waren drei Stunden am Meer
eingeplant. Fünf Kilometer südlich von Ostia erstrecken sich herrliche Dünen
mit schönem Sandstrand und der notwendigsten Infrastruktur: Duschen und WC.
Doch die erholsamen Stunden waren nicht ohne Aufregung. Es war erstaunlich viel
Wind. Die Wellen brachen sich mit Kraft und es machte allen viel Spaß, sich von
diesen hin und her werfen zu lassen. Manche schwammen ein kleines Stück hinaus.
Aus dem Spaß wurde ernst, als ein Italiener sagte: „È pericoloso!“, „Das ist gefährlich“ und zeigte auf die Jugendlichen
hinter den Wellen. Die Strömung hatten wir auch schon gespürt, doch als dieser
Mann berichtete, dass es hier bei stärkerem Wind schon erwachsene Männer hinaus
aufs offene Meer gezogen hat, mussten alle Jugendlichen zusammen gerufen und
auf diese Gefahr hingewiesen werden. Der Gedanke daran, dass jemand ertrinken
könnte, wurde allen als reale Möglichkeit bewusst gemacht. „Baden nur noch,
solange man festen Kontakt mit dem Boden hat“, hieß die Devise. So konnten am
Ende alle wohlbehalten zum Bus zurückkehren.
Der Busfahrer wiederum hatte auch seine Erfahrungen
gemacht. Als er den Bus abstellen wollte, bemerkte er einen Radfahrer, der den
Bus genau musterte und zwischendurch von anderen einparkenden Autobesitzern ein
kleines Schutzgeld kassierte. Ein Alleinlassen des Busses wäre fatal
gewesen: man hätte ihn wahrscheinlich ausgeräumt, das gesamte Gepäck war darin!
Mit ein paar Flaschen von den Getränken aus dem Kühlschrank war der
selbsternannte „Parkwächter“ zufrieden gestellt worden und es gab keine
Probleme.
Am Abend in Subiaco angekommen, begann im Gästehaus der Benediktiner die Zeit der Erholung. Mehrbettzimmer mit eigener Dusche und ein Abendessen mit drei Gängen wurden nun als große Wohltat erlebt. Die kühle Brise tat ihr übriges.
Foto: Kloster von oben
Am
vierten Tag folgte man dem Hl. Benedikt in die Stille. Der Besuch von
„Sacro Speco“, der Höhle des Heiligen, in der dieser drei Jahre lang
zurückgezogen gelebt hatte, war mit den mittelalterlichen Fresken vom
kunsthistorischen Aspekt her ein Höhepunkt, aber nicht in punkto Stille. Der
Besucherstrom war groß. Mit dem Mittagessen im Rucksack zogen sich die
Kleingruppen in das Tal des Aniane Flusses
zurück, der unterhalb vom Kloster fließt. Hier konnte man Übungen
machen, die zur Stille führen: Lauschen auf die Geräusche der Natur, Gehen im
Schweigen, Hören auf das, was der andere zu sagen hatte. Zielpunkt der
Rundwanderung war der „Laghettino di San Benedetto“, eine kleine
natürliche Stauung des Flusses mit einem kräftigen Wasserfall. Auch wenn das
klare Bergwasser sehr frisch war, wagten sich einige hinein und genossen die
Abkühlung. Auf dem Rückweg waren die Ruinen der Villa von Kaiser Nero zu sehen.
Eine Führung durch die mittelalterlichen Kreuzgänge des Klosters am späten
Nachmittag machte deutlich, wie sehr in Italien Natur und Kultur beieinander
liegen.
Der
fünfte Tag führte zum dritten Schritt der Reise: Nach dem Leben in der Stadt
und dem Rückzug in der Natur ging es um die Frage, was aus dem eigenen Leben
werden soll, was man daraus machen kann. Die Fahrt führte nach Monte Cassino,
zu dem Kloster, welches der Hl. Benedikt im Jahre 529 aufgebaut hatte. Die deutschsprachige
Führerin zeigte auch die Cella des Hl. Benedikt, ein alter römischer Turm, der
hier schon vor der Errichtung des Klosters stand. Hier hatten 1944 die zwölf
Mönche der Abtei die Bombardierung und völlige Zerstörung der Abtei überlebt
und konnten diese zwei Tage danach verlassen. Benedikt hatte bereits die erste
Zerstörung durch die Langobarden vorausgesehen und im Gebet erreicht, dass
zumindest die Brüder ihr Leben retten konnten. Ob diese Bitte aus dem sechsten
Jahrhundert zur Rettung der Mönche im II. Weltkrieg beigetragen hat? Nicht
wenig staunten die Teilnehmer, dass die Figur des Hl. Benedikt auf dem freien
Platz nicht zerstört worden war und dass ausgerechnet über dem Grab von
Benedikt und Scholastika ein Blindgänger geborgen wurde, eine große Bombe, die
nicht explodiert war. Dies ergibt den Eindruck, dass mitten im Chaos und der
blinden Zerstörung die Vorsehung Gottes nicht verdrängt werden kann.
Mittagspause
in Cassino, weit weg von den Touristenströmen. Da kostet die Pizza mit fünfzig
Zentimeter Durchmesser nur sieben Euro. So gestärkt fuhr man zum deutschen Soldatenfriedhof.
20057 deutsche Soldaten liegen hier begraben. Nach etwas Geschichte über die
Schlacht von Monte Cassino und einem geistlichen Impuls suchte sich jeder
Jugendliche ein Grab zum stillen Gedenken. Diese Minuten gehörten zu den
tiefsten der Fahrt und die nachfolgenden Gespräche waren alle vom Thema des
Krieges geprägt. „Mein Opa war auch im Krieg, ist aber wieder nach Hause
gekommen“, wussten manche zu berichten. Man kann hinzufügen: Wäre er nicht nach
Hause gekommen, würde es dich nicht geben! Hier an diesem Ort wurde beides
deutlich: Unser Leben kann gelingen, wir können etwas aufbauen, das hoffentlich
Bestand hat, so wie das Kloster Monte Cassino. Unser Leben kann aber auch
scheitern oder völlig zerstört werden.
Am Abreisetag
war es an der Zeit, Danke zu sagen. Als Pilgergruppe tat man dies in der
angemessenen Weise: mit einer Eucharistiefeier. Dass diese eine Stunde dauerte,
merkte man erst am Ende. Niemandem kam es lange vor, denn die Fülle der
Eindrücke füllten die Zeit und die Herzen. Auf der langen Heimfahrt war Klausen
in Südtirol ein geeigneter Ort zu einem Halt für das Abendessen. Hoch über dem
Ort liegt das Benediktinerinnenkloster Säben. Nach Innsbruck war der
Fahrertausch. Die Gruppe verabschiedete ihren tollen Busfahrer Roland sehr
herzlich u.a. mit einem Segenslied. Mitten in der Nacht nahmen die wartenden
Eltern ihre jugendlichen Kinder wieder in Empfang, Gott sie Dank alle
wohlbehalten und an Erfahrungen bereichert, die sicherlich für das weitere
Leben prägend sein werden. Wir sind Freunde Jesu, der uns in einer jungen und
lebendigen Kirche zusammengerufen hat.