Ev.: Joh 10,11-18
Hochwürdigster Herr Vater
Abt,
verehrte Mönche der Abtei
Scheyern,
liebe Schwestern und Brüder,
liebe Wallfahrer zum
Heilig-Kreuz-Fest!
1.
Gern
habe ich die Einladung von Abt Engelbert angenommen, heute das
Heilig-Kreuz-Fest mit Ihnen zu feiern. Dankbar verehre ich mit Ihnen das
heilige Kreuz in Scheyern. Dabei werden Erinnerungen an frühere Besuche wach.
Als ich noch in Fulda Professor und Seelsorger in einer Pfarrei war, habe ich
viele Wallfahrten nach Rom organisiert. Hier in Scheyern bei der ersten Rast
haben die Pilger und ich fast immer den Segen mit der Heilig-Kreuz-Reliquie
empfangen. So gestärkt haben wir dann unsere Reise fortgesetzt.
Liebe Mitchristen, wir können gar nicht hoch genug das Kreuz verehren und nicht oft genug auf das heilige Kreuz schauen und es betrachten, um seinen Sinn immer tiefer zu erkennen und daraus zu leben. Der heilige Konrad von Parzham hat das Kreuz „mein Buch“ genannt. Es war für ihn die Zusammenfassung des ganzen Evangeliums. Im Blick aufs Kreuz erfasste er die Heilsgeschichte Gottes mit seinem Volk und erkannte, dass allein im Namen Jesu Heil ist. Im Kreuz wird die unbegreifliche Liebe Gottes zu uns Menschen verkündet. Am Kreuz vernichtet Christus den Tod. Das Kreuz erwirbt die Auferstehung und führt zum ewigen Leben. Das Kreuz offenbart und verurteilt aber auch die Bosheit der Menschen gegen ihre Mitmenschen; das Kreuz klagt an und stellt fest, dass das, was der Mensch Böses gegen den Mitmenschen tut, er Gott auch antut. Das Kreuz ist schließlich auch Schule der Geduld, es schenkt Trost und Kraft im Lebenskampf und im Leid. „Das Kreuz ist mein Buch“, möge das jeder von uns sagen können.
2.
Wir
feiern das Heilig-Kreuz-Fest in diesem Jahr am 4. Sonntag der Osterzeit, am
Welttag für geistliche Berufe. Ich möchte Sie alle, liebe Schwestern und
Brüder, bitten und Ihnen eindringlich ans Herz legen, um Priesterberufe zu
beten.
Die Kraft des Kreuzes
Christi, die Erlösung von der Sünde und die Befreiung vom Tod durch das Kreuz
und das neue Leben des auferstandenen Heilands werden uns sakramental-real
durch die Eucharistie geschenkt. „Ecclesia de Eucharistia“ heißt die letzte
Enzyklika von Papst Johannes Paul II., die Papst Benedikt XVI. in „Deus caritas
est“ bestätigt. Die Kirche lebt aus der Eucharistie. Der Priester feiert die
Eucharistie. Wir haben derzeit zu wenige Priester, um die Eucharistie
überall, wo es richtig und angemessen wäre, vor allem am Sonntag mit den
Gläubigen zu feiern. Es mangelt nicht an Berufungen. Der Herr der Kirche beruft
genügend Männer zum priesterlichen Dienst. Zu wenige hören den Ruf. Wir, die
ganze Christengemeinde, können den Resonanzboden verstärken oder die Antennen
besser ausrichten. Wenn wir unser Gebet, gerade auch das gemeinsame und
öffentliche für Priester vermehren und verstärken, spüren junge Leute, dass sie
gewünscht sind und erwartet werden als Priester. Das Gebet um Priesterberufe
muss deshalb verstärkt werden.
3. Liebe Schwestern und Brüder! Das Kreuzfest in der Osterzeit lenkt unseren Blick auf viele Statuen, die in unserem bayerischen Heimatland in der Osterzeit aufgestellt werden. In vielen Kirchen steht derzeit, oft über dem Tabernakel oder an einer anderen sichtbaren Stelle, der auferstandene Heiland und streckt als Siegeszeichen das Kreuz den Betrachtenden entgegen. In mittelalterlichen Buchmalereien ist das gleiche Motiv zu finden. Diese Statuen und Malereien erwecken den Eindruck, als habe Christus nach seiner Auferstehung aus dem Grab nichts Dringlicheres und Eiligeres zu tun gehabt, als auf Golgatha hinaufzusteigen und das Kreuz, an dem er gestorben war, zu suchen, in die Hand zu nehmen und es als Trophäe den Menschen entgegenzustrecken.
4. Was wollen diese Statuen und Malereien vermitteln? Sie wollen sagen, dass Christus am Kreuz die Auferstehung bewirkt hat. Das Kreuz ist nicht Zeichen der Niederlage, der Vernichtung, des Todes. Das Kreuz - wie es Christus gesehen, getragen, gelebt hat - ist Zeichen des Lebens und der Liebe. Jesus hat das Kreuz freiwillig auf sich genommen. „Niemand entreißt mir das Leben, sondern ich gebe es aus freiem Willen hin“, so heißt es im heutigen Evangelium. Am Kreuz hat er den Ungehorsam der Menschheit überwunden, am Kreuz hat er die Lieblosigkeit, den Hass, den Egoismus mit seiner Liebe gebrochen, am Kreuz hat er die Verschlossenheit und Ichsucht der Menschen aufgebrochen, am Kreuz hat er dem Tod den Sieg genommen und die Gräber geöffnet für das ewige Leben. Das Kreuz ist Symbol für die Geburt des neuen Lebens in Christus.
5. Deshalb passt das Evangelium vom guten Hirten sehr gut zum Kreuz. Der gute Hirt gibt sein Leben hin für seine Schafe, das hat Jesus Christus am Kreuz getan. Er hat seine Liebe zu uns bewiesen und er hat am Kreuz für uns gesiegt.
Die Kreuzesdarstellungen ab dem 6. Jahrhundert bis zum Mittelalter zeigen daher nicht den Leidenden, sondern den König und den Sieger, der vom Kreuz herab alle an sich zieht, um sie mit seiner Liebe zum neuen Leben zu verwandeln. Aus dem Kreuz, Symbol der Liebe, sind Kulturen oder Zivilisationen der Liebe aufgebaut worden, zu denen auch unser christliches Abendland gehört: Kulturen der Menschenwürde und Menschenrechte, mit Schulen und Krankenfürsorge, sozialem Leben und Armenpflege. Auch das Rote Kreuz und die Malteser sowie die vielen karitativen Frauen- und Männerorden sowie der Caritas selbst, die fast alle das Kreuz in ihren Wappen tragen, sind Früchte des Kreuzes Christi.
6. Deshalb müssen wir auch alles tun, damit die Kreuze nicht aus unserem öffentlichen Leben verschwinden. Auch in unserem Bayernland gibt es immer wieder Tendenzen und Versuche von Einzelnen und Gruppen, das Kreuz aus den öffentlichen Gebäuden, z. B. Schulen, Gerichtssälen und Rathäusern zu verbannen. Das darf nicht sein, wir müssen uns dagegen wehren. Es geht dabei nicht darum, die Omnipräsenz, die Macht oder das Ansehen der Kirche zu bewahren und zu erhalten. Das Kreuz ist das Symbol der Liebe, aus dem unsere Gesellschaft lebt, aus dem sie human geworden ist. Wir wünschen uns doch eine Zivilisation der Liebe! Mit dem Kreuz ist sie zu finden. Deshalb soll das Kreuz in der Öffentlichkeit bleiben. Wenn wir das Kreuz verdrängen oder verbannen, dann verbannen wir die selbstlose Nächstenliebe, die uneigennützige Hingabe für den anderen, Versöhnung und Einsatz für eine gerechtere Welt; dann wird das neue Leben der Auferstehung für Gerechtigkeit, Friede und Freude weniger verkündet. Das wollen und dürfen wir nicht zulassen, deshalb fordern wir immer wieder neu, dass die Kreuze in unserem öffentlichen Bereich bleiben müssen.
7. Das Kreuz kann über das Christentum hinaus auch Kulturen und Religionen verbinden. Die Geschichte zeigt, dass das Kreuz auch in anderen Gesellschaften und Religionen - teilweise schon vor Christus - vorhanden war. Es galt als Zeichen der Verbindung zwischen Himmel und Erde, Gott und Menschen. Es wurde benutzt als Zeichen der Sonne und des Lebens. Das Kreuz kann auch kultur- und religionsverbindend wirken. Auch deshalb muss es hoch und heilig gehalten werden.
8. Deshalb lassen wir auch nicht zu, dass das Kreuz verhöhnt wird. Wenn zur Zeit in einer Werbung Christus vom Kreuz herabsteigt und dabei sagt: „Lachen statt rumhängen“ dann hat das nichts mehr mit Humor zu tun, das ist Blasphemie und Beleidigung, die wir Christen uns nicht gefallen lassen müssen und dürfen. Ich möchte es noch einmal wiederholen: Das Christentum hat unsere humane Gesellschaft aufgebaut. Sie zu bewahren, ist unsere Pflicht und unser Auftrag. Und wenn wir Kreuze tragen um den Hals oder als Schmuck, dann ist das recht. Aber die Träger sollen sich bewusst sein, warum sie es tun, sie müssen auch entsprechend leben und Zeugnis für das Kreuz ablegen.
9. Liebe Schwestern und Brüder! Schließlich muss jeder, der das Kreuz verehrt, bereit sein, die Kreuze seines Lebens, seiner Mitmenschen und auch die seiner Gesellschaft anzunehmen und zu tragen. Im Annehmen der Kreuze wird beigetragen zur Auferstehung und zum neuen Leben der Liebe, der Gerechtigkeit, der Freude und des Friedens. „Im Kreuz ist Heil, im Kreuz ist Leben, im Kreuz ist Auferstehung“, so singen wir. Das Kreuz ist Zeichen der Veränderung und des Sieges.
10. Lassen Sie uns das heilige
Kreuz heute hier in Scheyern wieder verehren, Bewusstsein für das Kreuz als
Symbol der selbstlosen Liebe bis zum Letzten schaffen und es in unserer Welt
immer neu aufrichten. So soll es auch in Zukunft Zeichen des Sieges über alles
Böse sowie Zeichen der Liebe und des Friedens sein. Es soll heute und für die
zukünftige Generation Werkzeug der Zivilisation der Liebe bleiben.