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Der Scheyrer Psalter

Der von der Scheyrer Klostergemeinschaft seit 1971 im Stundengebet verwendete „Psalter für den Gottesdienst“ ist eine Frucht des 2. Vaticanums. Die konziliare Neuregelung des kirchlichen Stundengebets im 4. Kapitel der Liturgiekonstitution Nr. 83-101 erbrachte für die Klostergemeinschaften zwei einschneidende Neuimpulse: (1) Das Chorgebet sollte Klerikermönche und Laienbrüder nicht länger mehr trennen, sondern vereinen. (2) Nur ein muttersprachliches Offizium konnte dieses Ziel ermöglichen.

Aufgrund dieser Vorgaben beauftragte im Jahr 1968 Abt Johannes Hoeck, Konzilsvater der Jahre 1962-1965, den damaligen Scheyerer Kantor P. Ambrosius Schmid mit der Erarbeitung eines deutschsprachigen Stundengebetes. Er konnte 1971 als ersten und wichtigsten Baustein die Vertonung der Psalmen und Cantica nach der neuen deutschen „Einheitsübersetzung“ vorlegen. Dieser „Psalter für den Gottesdienst“ war in seiner 1. Auflage ein Gemeinschaftswerk mehrerer Klöster, die in mühseliger Kommissionsarbeit die endgültige Fassung erarbeiteten. Die exegetische Beratung übernahm dabei Theo Seidl; zur Lösung der musikalischen Fragen deutscher Psalmodie leisteten Prof. Fritz Schieri und Karl-Heinz Söndermann  wichtige Beiträge, so dass der „Scheyerer Psalter“ in Fachkreisen  als „mustergültiges Beispiel deutscher Psalmodie“ gewürdigt wurde.  Diese Erstfassung erlebte drei Auflagen; die 3. Auflage 1975 wurde bereits vom Kath. Bibelwerk, Stuttgart ediert.

Dem „Psalter“ konnte P. Ambrosius Schmid noch das „Antiphonar“ (21973), das „Hymnar“ (1972) und das „Kollektenbuch“ (1973) als weitere Elemente des deutschsprachigen Offiziums hinzufügen, alle  als Manuskriptdruck im Eigenverlag der Abtei Scheyern erschienen.

Das auffälligste Merkmal des „Scheyrer Psalters“ beim öffentlichen Vortrag ist die „Rollenverteilung“ der Psalmentexte. Sie ist aus den literarisch-poetischen Gegebenheiten der Psalmen gewonnen und trägt den unterschiedlichen Psalmengattungen Rechnung. Diese gründen vor allem auf der Unterscheidung individueller und kollektiver Sprecherrollen  der Gebetstexte, ebenso auf der Beobachtung wechselnder Sprechrichtungen im Gebetsprozess des Einzelpsalms.

Wahrgenommen werden im Scheyerer Psalter“ auch die in den Psalmtexten selbst vorhandenen responsorialen und antiphonalen Gegebenheiten, z. B. bei den Danklitaneien, die im lebendigen Wechsel von Einzelstimme und Gesamtgruppe vorgetragen werden. Das traditionelle gegenchörige Psallieren kommt nicht zu kurz, prägt es doch die zahlreichen hymnischen Gesänge des Psalters.

Breite und variable Gestaltungsmöglichkeiten bietet der „Scheyerer Psalter“ auch durch die Einbeziehung der musikalischen Rubriken „Sela“ (als ‚Orgelzwischenspiel‘ gedeutet)  und „Halleluja“ als Gliederungsprinzipien der Psalmen. Musikalisch reich ausgestaltet sind auch die Doxologien am Ende der 5 Psalmenbücher.

Aus diesen sprachlichen und musikalischen Elementen ergibt sich im Idealfall ein lebendiges Wechselspiel zwischen mehreren Kantorenrollen, den beiden Chorseiten und der nicht nur begleitenden, sondern die Texte auch kommentierenden Orgel.

Der „Scheyrer Psalter“ erlebte 2007 seine ebenfalls im Kath. Bibelwerk,Stuttgart publizierte 4. Auflage. Um sie haben sich Margret Hasenmüller und P. Armin Russi besonders verdient gemacht. Sie arbeiteten zahlreiche Korrekturen und Verbesserungsvorschläge ein, die aus der lebendigen Praxis der Konvente angeregt wurden. Sie erweiterten auch das Angebot der Cantica erheblich, das nunmehr auf 29 Cantica aus dem Alten Testament  und 23 Cantica aus dem Neuen Testament angewachsen ist, ein weiteres Alleinstellungsmerkmal des „Scheyrer Psalters“.

Theo Seidl