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Leben im Land der Reformation

Benediktinerabtei zum Heiligen Kreuz                                      19. März 2017
Kloster Scheyern
                                                                                                 Ev: Joh, 4,5-42

Predigt: P. Wolfgang Hubert OSB

Liebe Schwestern und Brüder!

Leben im Land der Reformation, so haben wir diese Fastenpredigt überschrieben. Und es muss gleich konkretisiert werden, es geht um das Land, in dem Martin Luther gelebt und gewirkt hat, in Eisleben ist er geboren worden und eher zufällig, auch gestorben. In Mansfeld und Magdeburg hat er die Schule besucht, in Wittenberg hat er gelehrt und gewirkt, dieses Land der Reformation ist das Bundesland Sachsen-Anhalt, beinahe deckungsgleich mit dem heutigen Bistum Magdeburg. Natürlich müssten wir auch Eisenach nennen und besonders Erfurt, dort hat er studiert und als Augustiner-Mönch gelebt, und vor allem die Wartburg, auf der er das Neue Testament ins Deutsche übertragen hat. Damit überschreiten wir die Grenzen Sachsen-Anhalts, sind in Thüringen, im Bistum Erfurt, aber wir bleiben in einer zusammengehörigen Region, in Mitteldeutschland.
In diesem Gebiet habe auch ich gewirkt als Pfarrer und Seelsorger in verschiedenen Gemeinden, und verfüge vielleicht über einige Erfahrungen, die man andernorts so nicht macht. Und wenn der Vorsitzende der Ökumene-komission der Deutschen Bischofskonferenz derzeit der Bischof von Magdeburg ist, dann kann auch das zeigen, dass jemand, der in diesem Land der Reformation aufgewachsen ist, von vornherein herausgefordert ist und interessiert gegenüber dem Anliegen oder den Fragen der Ökumene.

Leben im Land der Reformation, dabei stamme nicht aus diesem Land, sondern noch von etwas nördlicher. Meine Familie ist in einer mecklenburgischen Kleinstadt zuhause, in der Nähe von Schwerin. Aber hier gibt es eine vergleichbare Situation, ähnliche Zahlen, etwa 3-5% der Bevölkerung sind katholisch, 15% evangelisch, und der allergrößte Teil der Bevölkerung gehört keiner Glaubensgemeinschaft an, und bezeichnet sich selbst zumeist als ungläubig. Diese Zahlen, bzw. was dahintersteht an Prägung, an Glaube oder Lebenseinstellung, das ist heute wohl ein Charakteristikum dieser Region.
Leben im Land der Reformation oder besser gesagt im Umfeld, das hab ich bereits in unserer Familie erlebt. Mein Vater war katholisch, meine Mutter zunächst evangelisch. Sie gehörte als evangelische Diakonieschwester zu einer Gemeinschaft, in der es inzwischen auch verheiratete Mitglieder gibt. Damals war das so nicht denkbar; wer heiratete, trat aus der Schwesternschaft aus. Meine Mutter tat das, und, wie es ebenfalls damals üblich war, sie wurde katholisch. Das Wort Mischehe hatte noch keinen guten Klang. Und auf dem Weg in die katholische Kirche gab es für meine Mutter eine Erfahrung, die sie sehr irritiert hat, und von der sie darum auch oft gesprochen hat. Sie hat in der katholischen Kirche, ihrer neuen kirchlichen Heimat, einen Pfarrer erlebt, der ganz merkwürdige Dinge sagte: „Wer eine Lutherbibel im Haus hat, gehört exkommuniziert“, oder „Die Lutherbibel sollte man am besten nur mit der Zange anfassen, um sie dann ins Feuer zu werfen.“ Aber, als meine Mutter ihn fragte, wie es denn mit dem Konvertitenunterricht sei, gab er ihr zur Antwort: „Ach, was wollen Sie für Unterricht, die Diakonieschwestern sind doch längst katholisch.“ Solch eine Gegensätzlichkeit ist sicher nur schwer auszuhalten zumal, wenn man sie in ein und derselben Person erlebt.

Ich möchte aber auf genau diese beiden Haltungen etwas näher eingehen. Da ist auf der einen Seite die totale Ablehnung; und dabei gerät man schnell in Gefahr, das Kind mit dem Bad auszuschütten. Dann ist eben am anderen, an der anderen Tradition, an der anderen Kirche alles schlecht, und selbst die Bibel, die ja doch immer Gottes Wort ist und bleibt, wird in solch einem Denken weg geworfen. Die Gefahr des Fanatismus, der keine Graustufen mehr kennt, kein „Ja Aber“, kein „Sowohl als auch“, sondern nur totale Identifikation oder aber totale Ablehnung bis hin zur Vernichtung des anderen, diese Gefahr ist hier durchaus in Ansätzen erkennbar.
Und auf der anderen Seite die Feststellung oder die positive Unterstellung: Der andere hat längst, was ich ihm geben will oder kann. Das, was mir wichtig und wertvoll ist, das ist bei ihm längst angekommen, auch dann noch, wenn er andere Ausdrucksformen hat, andere Worte, andere Gesten gebraucht. Was für meinen Glauben wichtig ist, das teile ich längst mit ihm, wir können voneinander lernen. Diese positive Unterstellung, die nicht vereinnahmen will, sondern den anderen wertschätzend wahrnimmt - viel davon finden wir im heutigen Gespräch Jesu mit der Samariterin am Jakobsbrunnen – und beide Haltungen findet man auch im Land oder Umfeld der Reformation und zwar von beiden Seiten und mit den verschiedenen Stufen, die dazwischen liegen. Und ich denke, zwischen diesen beiden Haltungen liegt ein Weg, die zweite Haltung ist das Ziel, zu dem wir heute finden müssen in all unseren ökumenischen Bemühungen, bei dem anderen das zu entdecken, was ich selbst glaube, was mir zum Glauben hilft, was ich als wertvoll entdeckt habe. Vielleicht ist dies schon die Einheit, die Jesus gewollt hat, die möglich ist und die uns aufgegeben ist. Einheit ist ja nie Uniformität, es gibt ja auch eine große Spannbreite innerhalb des Katholizismus, die völlig legitim ist. Wer aus dem bayerischen Katholizismus kommt, fühlt sich vielleicht in der Diaspora Norddeutschlands nicht unbedingt zuhause und umgekehrt.
Herausgefordert sind wir heute im Umfeld der Reformation vor allem von der Tatsache, dass wir von einer Umwelt umgeben sind, in der Gott weitgehend keine Rolle mehr spielt. Über 80% der Bevölkerung bezeichnet sich als ungläubig. Der Theologe Eugen Biser hat einmal von einem ozeanischen Atheismus gesprochen, und mir hat sich dieses Bild eingeprägt, weil es etwas deutlich macht: der riesige Ozean hat etwas Gefährliches, etwas Bestimmendes, etwas Vereinnahmendes; eine Welle, und die kleine Insel ist weg. Und das spüren wir, wie das die Normalität wird, keine religiöse Überzeugung zu haben: Wozu brauchst Du einen Gott, es geht doch auch ohne, komm endlich weg von solchen Märchen, solch einer kindischen Vertröstung. Neben diesem ozeanischen Atheismus zu bestehen und vor allem Kontakt zu diesen Ungläubigen zu suchen, die Auseinandersetzung zu wagen und sich nicht ängstlich abzuschotten, das geht nur, wenn enger Konfessionalismus oder spitzfindige und kleinkarierte Schuldzuweisungen, Rechtfertigungen oder Belehrungen eindeutig Geschichte sind. Wir haben so viel Gemeinsames, wenn auch vielleicht in ausgeprägt in verschiedener Mentalität, und wir haben vor allem einen gemeinsamen Auftrag, denn das „Geht hin in alle Welt, lehrt alle Völker“, oder an anderer Stelle, „Heilt die Menschen, predigt ihnen die Frohe Botschaft“, dieser Auftrag ist uns nie abgenommen worden oder einfach schon erledigt. Der „ozeanische Atheismus“ begegnet oftmals in einer Erhabenheit und einem Desinteresse, kaum allerdings wirklich aggressiv oder durch starke Argumente. Aber man tut dennoch oft so, als kenne man Kirche und ihre Botschaft, und als hätte man dasselbe Recht zur manchmal vernichtenden Kritik wie derjenige, der tatsächlich persönliche Erfahrungen mit Kirche gemacht hat. Auf der anderen Seite gibt es innerhalb der Kirchen und außerhalb viele glaubende und ehrlich suchende Menschen. Immer wieder bin ich überrascht worden von einer Aufgeschlossenheit gegenüber Fragen des Glaubens und vor allem von einer großen Bereitschaft, sich zu engagieren z.B. in der Notfallseelsorge, im Krankenhausbesuchsdienst, ja selbst im ehrenamtlichen Hospizdienst und auf anderen Feldern. Christen erleben sich bei alledem oft als „schöpferische Minderheit“, eine Beschreibung, die der Bischof von Magdeburg gern verwendet.
In diesem Sinn könnte ich jetzt ausführlich von vielen guten Begegnungen im Land und Umfeld der Reformation sprechen, von vielen Veranstaltungen oder Projekten, die oft nur gemeinschaftlich möglich sind: Ökumenische Kreuzwege, Martinsfeiern, Bibelwochen, Gottesdienste, gemeinsame Trauerfeiern, Trauungen, ja sogar Taufen, die in einer ökumenischen Feier stattgefunden haben. Oder die Tatsache, dass Studentenseelsorge, Gefängnis-, Klinik- oder Notfallseelsorge oft nur möglich sind oder Sinn machen in einem guten Zusammenwirken über konfessionelle Grenzen hinweg. Und ich will nicht verschweigen, dass es auch Enttäuschungen geben kann, weil es miteinander nicht geht, menschliche Befindlichkeiten gibt oder einfach, weil die Tatsache, dass man etwas gemeinsam macht, ökumenisch, ja noch kein Garant ist für irgendeinen Erfolg.
Über ein Projekt muss ich aber doch ausführlicher sprechen: In einer kleinen Stadt in der Altmark, in der ich als Pfarrer tätig war, gibt es eine aktive Feuerwehr. Deren Leiter kamen eines Tages mit einer Bitte zur evangelischen Pfarrerin, etwa so: „Das, was wir so leisten und auch aushalten, das muss doch mal ausgesprochen werden, das muss doch irgendwie „geheiligt“ werden.“ Die Pfarrerin war für diese Bitte offen und hat gleichzeitig gespürt, dass es hier um eine echte Herausforderung ging. Und sie hat geantwortet: „Ja, das machen wir, aber das machen wir ökumenisch.“ Nichts für sich haben wollen, das ist auch menschliche Größe und in dieser Thematik unverzichtbar. Und vielleicht hat sie auch darum gewusst, dass wir in unserer katholischen Tradition durchaus einige Schätze haben, dass wir etwas feierlich machen können, dass wir etwas zum Sprechen bringen können, ohne die Gefahr, es dabei zu zerreden. Und dann hab ich Gottesdienste erlebt, die mir immer in Erinnerung bleiben werden: Die Feuerwehr, fast alles Leute, die nicht kirchlich sind, fuhr zunächst mit Martinshorn und Blaulicht eine Runde durch die Stadt, um allen zu signalisieren: „Wir fahren in die Kirche, wir haben jetzt Gottesdienst.“ Und dann haben wir in dieser Feier tatsächlich all das zur Sprache und vor Gott gebracht, was in dem Jahr gewesen war. Wir haben es zur Fürbitte und zum Dank werden lassen, was die Menschen bewegt hat. Und eine solche Präsenz, eine solche Andacht und Ehrfurcht, wie in diesen Gottesdiensten, die immer noch einmal jährlich stattfinden, habe ich selten erlebt. Dass das gute Tun geheiligt werde, war die Bitte, die am Beginn stand.

Leben im Land der Reformation, ich möchte von zwei Erfahrungen sprechen, die mich nachdenklich werden lassen. Immer wieder kam auch dies vor, so oder ähnlich: Eine Familie in einem Dorf, weit ab von einer katholischen Kirche, bzw. einer lebendigen Gemeinde, auch die Familienstruktur macht es schwer, einen dauerhaft guten Kontakt zur Gemeinde zu knüpfen. Aber es sind zwei Kinder da, die jetzt auch religiös zu sozialisieren sind, und es gibt die evangelische Kirche vor Ort. Da bleibt es für mich als katholischen Pfarrer schwer, auszusprechen, und doch ist es das Beste: „Gehen Sie doch mit ihren Kindern in die evangelische Kirche, nehmen Sie die Angebote dort wahr, wenn dies für Sie leichter möglich ist.“
Und eine andere Erfahrung bzw. Überlegung: Wer aktiv und überzeugt Christ ist, in diesem Land mit einem ozeanischen Atheismus, für den ist Ökumene oft nicht etwas Zusätzliches, sondern wesentlicher Teil seines Christseins. Ja, er erfährt oftmals, dass er in beiden Kirchen zuhause ist, dass er diese gar nicht als zwei Kirchen erlebt, sondern als zwei Traditionen, zwei Mentalitäten. Meist gibt es dann auch beide Konfessionen in der Ehe bzw. Familie. Solche Christen erleben besonders hart, dass es noch keine eucharistische Gemeinschaft gibt. Hier hoffe ich, dass diese aktiven und oft sehr verantwortungsbewussten Christen ausreichend wahrgenommen werden, auch mit ihren Bedürfnissen, und dass es vielleicht doch auch deutlicher offiziell Möglichkeiten im Sinne der eucharistischen Gastfreundschaft geben kann und wird.
Liebe Schwestern und Brüder, ich möchte meine Gedanken zum Leben im Land der Reformation abschließen mit einer kleinen Begebenheit, die vielleicht lustig erscheint, aber eigentlich doch mehr Tiefe hat. In der schon benannten kleinen Stadt, fand in einem Jahr auch der Sachsen-Anhalt-Tag statt, also das Fest, bei dem das Bundesland sich in einer Stadt trifft. Diese Tage beginnen traditionell mit einem ökumenischen Gottesdienst. Dazu kommen, wenn möglich, der katholische Bischof und die Landesbischöfin, der Dechant und der Superintendent und die Pfarrer der benachbarten Orte. Und so standen wir nun also vereint vor der Kirche, bereit zum Einzug. Da kam plötzlich das Original unserer Stadt, eine bekannte Frau, die mit jedem offen und laut über alles Mögliche sprach, sah diese bunte Schar vor der Kirche, kam etwas näher und sagte uns schließlich: Na, dann macht mal einen schönen Gottesdienst da drinnen, und vertragt euch.
Und ich meine, genau darum geht es, das ist uns aufgetragen: Feiert Gottesdienst, betet, verkündet, denkt an die Notleidenden und vor allem: Vertragt euch!
Amen.

 

 


Reformatin – Jubiläum und/oder Mahnung

Benediktinerabtei zum Heiligen Kreuz                                      12. März 2017
Kloster Scheyern
                                                                                            L: Röm 1,13-17                                                                                                         Ev: Mk 9,2-10 (!)

Predigt: Abt Markus Eller OSB

Die Gedanken sind frei,
wer kann sie erraten,
sie fliehen vorbei,
wie nächtliche Schatten.
Kein Mensch kann sie wissen,
kein Jäger erschießen.
Es bleibet dabei:
Die Gedanken sind frei.


Liebe Schwestern und Brüder,
mit diesem vielleicht auch Ihnen bekannten Volkslied habe ich meine Fastenpredigt begonnen. Aus gegebenem Anlass sind die Predigten in diesem Jahr unter das Thema der Reformation gestellt. Bei der Vorbereitung kam mir irgendwann der Gedanke, ob nicht Martin Luther als Autor dieses Liedes in Betracht gezogen werden könnte, hat er doch einige Texte verfasst, die sich in Liedern wieder finden, so auch in unserem Gotteslob.
Das eingangs zitierte Volkslied entstand aber erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts, ab 1832 wurde es in ganz Deutschland populär, nachdem es auf dem Hambacher Fest von deutschen Burschenschaftlern gegen die sog. Karlsbader Beschlüsse gesungen wurde. Diese Beschlüsse waren eine Kampfansage der Staaten des deutschen Bundes zur Überwachung und Bekämpfung liberaler Tendenzen.

So ganz falsch lag ich aber doch nicht, denn der Gedanke der Freiheit war für Martin Luther auch ein sehr wichtiges Thema. Meint er doch in seiner Schrift „Von der weltlichen Obrigkeit inwieweit man ihr Gehorsam schuldig sei“: Die Gedanken sind zollfrei!

Aber nicht erst Martin Luther trieb der Gedanke der Freiheit um, schon viel früher dichtete Walter von der Vogelweide „Das Band kann niemand finden, das meine Gedanken bindet“

Die Gedanken sind frei! Ja, die Gedanken sind frei, aber sie nehmen sich auch die Freiheit zu kommen und gehen auch, wann sie wollen.
Liebe Schwestern und Brüder, in diesem Jahr jährt sich zum 500. Mal der Anschlag der 95 Thesen von Martin Luther an der Schlosskirche in Wittenberg, so berichtet es Philipp Melanchton. Ob es sich genau so zugetragen hat, gilt nicht mehr unbedingt als gesichert. Martin Luther hat jedoch Thesen gegen den Ablasshandel verfasst und die Verbreitung dieser Thesen gilt als Auslöser der sog. Reformation, deren Auswirkungen wir heute noch erleben, da es eben die verschiedenen Konfessionen in unserem Land gibt.

Wenn ich heute meine Predigt mit dem Lied über die Freiheit der Gedanken begonnen habe, dann liegt darin auch ein wesentlicher Grund, warum es dazu überhaupt gekommen ist. Manchmal stellt sich uns ja auch heute die Frage: Wie kommen Menschen auf so etwas?
Es ist eben eine Sache der Gedanken, die sich Menschen machen, die frei sind, aber die sich auch die Freiheit nehmen zu kommen und zu gehen, wann sie wollen, ob es uns passt oder nicht.
Nach dem was ich über Martin Luther weiß, war er ein Mensch, der sich viele Gedanken gemacht hat, aber es gab auch die Gedanken, die er sich nicht unbedingt selber ausgesucht hat, sondern die ihm einfach gekommen sind oder die sich ihm buchstäblich aufgedrängt haben.

Martin Luther wurde am 10. November 1483 in Eisleben geboren, 1501 beginnt er das Magisterstudium in Erfurt, um dann später nach dem Willen seines Vaters ein Jurastudium zu absolvieren. Am 17. Juli 1505 tritt er jedoch in das Augustinerkloster in Erfurt ein und wurde 1507 zum Priester geweiht. Das Kloster war für ihn der Ort, wo er sich viele Gedanken machen konnte, aber auch die anderen Gedanken blieben nicht aus. Es heißt, dass ihn Gedanken von großer Traurigkeit und Schwermut geplagt haben. Als er nach seiner Priesterweihe noch einmal Theologie studiert und 1512 schließlich zum Doktor der Theologie promoviert, ist das auch eine Zeit des starken Ringens um religiöse Erleuchtung. 

Der letzte Satz aus dem Abschnitt des Römerbriefs, von dem wir heute auch in der Lesung gehört haben, war für ihn eine solche Schlüsselstelle in seinem Ringen: Denn im Evangelium wird die Gerechtigkeit Gottes offenbart aus Glauben zum Glauben, wie es in der Schrift heißt: Der aus Glauben Gerechte wird leben. Und trotzdem waren damit nicht alle Probleme gelöst oder alle Gedanken verschwunden.

Gedanken, sozusagen ein richtiges Gedankengut gehören auch immer zu unserem Glauben und zum Vollzug unseres Glaubens. Wer sich keine Gedanken macht, müsste sich fast fragen lassen, ob er den Glauben unüberlegt angenommen hat, wie es der Apostel Paulus im 1. Korintherbrief formuliert.

Gerade haben wir im Evangelium davon gehört, dass sich auch die Jünger nach dem Schlüsselerlebnis bei der Verklärung Jesu auf dem Rückweg Gedanken machen über das, was Jesus ihnen gesagt hatte: Dieses Wort beschäftigte sie und sie fragten einander, was das sei: von den Toten auferstehen.

Ich weiß, das kann in manchen Ohren sehr abgehoben klingen oder sehr weit weg sein. Aber auch solche Gedanken nehmen sich die Freiheit zu kommen, wann sie wollen. Gedanken sind immer auch abhängig von der Zeit, von Situationen und vom Umfeld der Menschen. So gibt es solche Gedanken bis heute auch bei „aufgeklärten Menschen“, weil in ihrem Leben plötzlich etwas im positiven Sinne fragwürdig wird. Es ist also wert und relevant, dass man danach fragt. Nicht nur einmal wurde ich bei einem Trauergespräch gefragt: Wie stellen Sie sich das Ewige Leben, den Himmel vor? Nach meinen Gedanken, nach meinen Überlegungen wurde ich gefragt.

Die Frage, die Martin Luther umtrieb und zu der er sich viele Gedanken machte, lautete: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? Hierauf fand er bei seinem Ringen eine Antwort im Römerbrief: Der aus Glauben Gerechte wird leben.
Das Umfeld, in dem Martin Luther lebte, sprach allerdings eine andere Sprache. Das Ablasswesen war sozusagen zur negativen Hochform aufgelaufen. Vergebung und Verzeihung war zu einem Geschäft geworden. Die Vergebung war nicht mehr ein Geschenk, sondern es war eine Frage der Leistung, nämlich wer es sich leisten konnte.

Durch die Erfindung der Druckkunst wurden die Gedanken, die sich Martin Luthers machte, sehr schnell verbreitet. Das hat neben anderen Einflüssen, wie auch des politischen Kalküls und der Macht, sicher auch dazu geführt, dass es zu dem kam, was wir Reformation nennen und deren Auswirkungen wir immer noch erleben.

Manchmal frage ich mich, ob sich Martin Luther auch Gedanken gemacht hat, wohin die Verbreitung seiner Gedanken führen könnte, was auf dem Spiel steht, nämlich die Einheit des Glaubens. Martin Luther war ein „heller Kopf“, aber er war auch ein „Hitzkopf“. Das soll jetzt keine Schuldzuweisung sein, denn auch sein Gegenspieler der Kurienkardinal Cajetan, der ihn verhört hat und zum Widerruf gezwungen hat, war anscheinend auch nicht sehr geschmeidig und müsste sich das fragen lassen, ob er sich Gedanken gemacht hat, was auf dem Spiel steht. Unversöhnliche Gedanken prallten aufeinander.

Liebe Schwestern und Brüder, die Geschichte der Reformation ist auch eine Geschichte der Gedanken. Nach dem offiziellen Bruch hat man sich über Jahrhunderte viele Gedanken gemacht, wie mach sich unterscheidet, so hat sich viel auseinander entwickelt.
Erst seit wenigen Jahrzehnten macht man sich Gedanken, was die Konfessionen verbindet.

Für mich ist dieses Jahr nicht in erster Linie Jubiläum, sondern es ist ein Gedenkjahr. Es ist für mich ein Gedenken, dass man die Gedanken der Menschen von damals würdigt als Ausdruck gelebt Glaubens, der immer auch ein Ringen ist.
Weil es in der Natur des Menschen liegt, über ein Ziel hinausschießen zu können, mahnt es mich, mit Gedanken auch sorgsam umzugehen, denn Gedanken sind immer auch der Anfang einer Wirklichkeit, sei sie positiv oder eher negativ. Im Kleinen wie im Großen.

Die Gedanken sind frei. Das ist ein hohes, ein sehr hohes Gut. Gedanken nehmen sich aber immer auch die Freiheit zu kommen und zu gehen, wann sie wollen. Das ist das Gedankengut unseres Glaubens vor 500 Jahren und auch heute.


Weihnachten 2016 - Erscheinung des Herrn 2017

Überraschungen

Benediktinerabtei zum Heiligen Kreuz                                      6. Januar 2017
Kloster Scheyern

Zelebrant und Predigt: Abt Markus Eller OSB

Erscheinung des Herrn 2017               

                                                                                             L: Jes 60,1-6                                                                                                    Ev: Mt 2,1-12
Liebe Schwestern und Brüder!

Manchmal mischen sich unter die Nachrichten, die uns Tag für Tag durch unsere Medien  übermittelt werden, Meldungen, die man irgendwie als kurios bezeichnen könnte. So war es gestern. Ich hörte von einem „vorgezogenen Ostern auf der ostfriesischen Insel Langeoog.“ Hintergrund dieser Meldung war die Tatsache, dass dort seit Mittwoch Zehntausende oder gar Hunderttausende Plastik-Eier angeschwemmt wurden, die mit Spielzeug gefüllt sind. Sie stammen wohl aus einem Container, der bei Sturm über Bord eines Schiffes ging. Vervollständigt wurde die Meldung, dass die Eier noch ohne Schokoladenüberzug waren, es handelt sich also um das Innenleben der sog. Überraschungs-Eier.

Langeoog ist zwar weit weg, aber ich habe seit zweieinhalb Jahren auch eine Art Überraschungs-Ei in meinem Regal liegen. Ich habe es von den Teilnehmern der Jordanienreise vor zweieinhalb Jahren geschenkt bekommen. Es enthält ein kleines Kamel in Erinnerung daran, dass wir auf dieser Reise auch immer wieder Kamele sozusagen in freier Wildbahn gesehen haben. Es enthält aber auch den Hinweis auf die Schriftstelle aus dem Buch Jesaja, die wir heute im Gottesdienst gehört haben: Auf, werde licht, Jerusalem, denn es kommt dein Licht, und die Herrlichkeit des Herrn geht auf über dir.

Überraschungen, die gibt es nicht nur in solchen Plastik-Eiern, mit oder ohne Schokoladenüberzug, sondern das Leben und die Zeit halten so manche Überraschungen für uns bereit. Es kommt darauf an, in welchem Licht wir sie sehen und sehen können. Es gibt schöne, aber auch böse Überraschungen.
Im Evangelium, das wir gerade gehört haben, kommen beide vor, eine schöne und eine böse Überraschung. Dem König Herodes wird kein Überraschungs-Ei zugespielt, sondern es ist eine Frage die es in sich hat und die ihn erschrecken lässt: Wo ist der neugeborene König der Juden? Mit dieser Frage war der Spaß vorbei, das Spiel zu Ende. Es war für ihn eine „böse Überraschung“. Wir haben gehört, wie er damit umgehen wollte und von welchen Motivationen er sich leiten ließ: Es darf keinen anderen geben und es wird auch keinen anderen geben.
 
Liebe Schwestern und Brüder, am heutigen Fest denken wir aber nicht zuerst an König Herodes, sondern wir denken an die drei Weisen, die drei Magier, die drei Könige, wie sie auch immer bezeichnet werden. Oder sind es einfach nur drei Suchende, drei suchende Menschen? Wir denken an Menschen, die sich auf diese Frage eingelassen haben: Wo ist der neugeborene König? Wir denken an Menschen, die sich auch überraschen lassen wollten. Vermutlich haben auch sie sich zunächst etwas anderes vorgestellt oder erhofft. Sie suchen ihn da, wo man einen König vermuten würde, im Palast des Königs. Als sie ihn aber dort nicht fanden, geben sie nicht enttäuscht auf, sondern suchen weiter.
Die Überraschung oder das Überraschende ist, dass sie anscheinend gar nicht mehr lange weiter suchen müssen. Es ist gar nicht mehr so weit, das Gute kann sprichwörtlich doch so nahe liegen.
Das Schöne an der Geschichte ist, dass diese Suchenden schließlich mit sehr großer Freude erfüllt wurden. Für mich ist das mehr als nur ein Gefühl. Für mich ist in dieser Freude auch ein tiefer Friede enthalten, eine Gewissheit, dem alle Ängste, alle Sorgen und alle Vorbehalte, die wir ja immer irgendwie auch in uns tragen, gewichen sind. Sie fallen nieder und holen  ihre Schätze hervor. Sie zeigen das, was man nicht gleich und vor allem nicht jedem zeigen wird. In der Tradition sind das Gold, Weihrauch und Myrrhe. Der größte Schatz aber war ihr Leben. Das legen sie vor dem Kind nieder, und es erfüllte sie große Freude.

Auf, werde licht, Jerusalem, denn es kommt dein Licht, und die Herrlichkeit des Herrn geht auf  über dir. In einem Gottesdienst hat sich der Lektor einmal bei diesem Satz verlesen und er sagte:  „...und die Herrlichkeit des Herrn geht auf dich über!“ Welch eine Überraschung, durch die Umstellung von ein paar Worten, kann uns dieser Satz viel näher kommen und betreffen. Mann könnte auch sagen: Die Herrlichkeit des Herr geht auf mit dir oder durch dich.

Liebe Schwestern und Brüder, wir stehen am Anfang eines neuen Jahres, das für uns auch so manche Überraschungen bereithalten wird. Möge uns immer mehr ein Stück des tiefen Friedens und der großen Freude geschenkt werden, auch wenn sich manche böse Überraschung darunter mischen wird. Die Herrlichkeit des Herrn geht auf dich über!

Der große Theologe Karl Rahner hat es einmal so formuliert:
 
Der Stern ist da und leuchtet.
Er ist nur klein, weil du noch weit zu laufen hast.
Er ist nur fern, weil deiner Großmut ein unendliche Reise zugetraut wird.
Brich auf, mein Herz, und wandere!
Es leuchtet der Stern.
Viel kannst du nicht mitnehmen auf den Weg.
Und viel geht dir unterwegs verloren.
Lass es fahren!
Gold der Liebe, Weihrauch der Sehnsucht und Myrrhe der Schmerzen
Hast du ja bei dir.
Er wird sie annehmen.
Denn du wirst ihn finden.

Auf, werde licht, Jerusalem, denn es kommt dein Licht, und die Herrlichkeit des Herrn geht auf dich über. Was für eine Überraschung, auch ohne Schokoladenüberzug.


Wovon das Herz voll ist, davon spricht der Mund

Benediktinerabtei zum Heiligen Kreuz                                      1. Januar 2017
Kloster Scheyern                                                                       Neujahr 2017

Zelebrant und Predigt: Abt Markus Eller OSB

Neujahr 2017                                                                            L: Num 6,22-27
                                                                                                Ev: Lk 2,16-21

Liebe Schwestern und Brüder!

Die Tage um Weihnachten und zwischen den Jahren sind schöne Tage, aber für Menschen manchmal auch nicht einfache Tage. Menschen meinen es in diesen Tagen sicher gut miteinander, müssen dann aber feststellen, dass gut gemeint noch lange nicht gut ankommen muss, dass es nicht gut tut oder nicht gut ist. Das Zusammenleben der Menschen ist manchmal schon kompliziert, gerade auch an solchen Tagen.

Da gibt es auf der einen Seite die Anstandsregel: Mit vollem Mund spricht man nicht! Aber wenn Menschen „den Mund voll nehmen“, dann wissen wir, dass sie sehr wohl etwas zu sagen haben.
Wenn Menschen „den Mund voll nehmen“, dann ist damit zwar schon auch gemeint, dass sie vielleicht ein wenig frech oder keck auftreten, aufschneiden oder übertreiben, aber es bewegt sie etwas, es treibt sie etwas um, das sie unbedingt mitteilen möchten.

Vor diesem Hintergrund hört sich die Stelle aus dem Evangelium, die wir gerade gehört haben, etwas anders an.

In jener Zeit eilten die Hirten nach Bethlehem und fanden Maria und Josef und das Kind, das in der Krippe lag. Als sie es sahen, erzählten sie, was ihnen über dieses Kind gesagt worden war. Und alle, die es hörten, staunten über die Worte der Hirten.

Die Hirten erzählen, sie wollen erzählen, vielleicht müssen sie auch erzählen, denn das, was sie gehört hatten, das haben sie nicht einfach nur gehört oder zur Kenntnis genommen, sondern es hat sie beschäftigt, es hat sie bewegt, so dass sie sich aufgemacht haben, sich in Bewegung gesetzt haben. Leider wird nicht gesagt, was sie erzählt haben, es wird nur erwähnt, dass die anderen darüber staunten.

Liebe Schwestern und Brüder, damit man den Mund voll nehmen kann, muss zuerst etwas anderes voll sein, nämlich das Herz: Wovon das Herz voll ist, davon spricht der Mund, so lautet ein anderes Sprichwort.

Was werden, was könnten die Hirten erzählt haben? Wenn wir darüber nachdenken, dann werden unsere Gedanken auch davon abhängen, wovon unsere Herzen gerade voll sind, was uns beschäftigt, was uns bewegt und vielleicht aufwühlt.

Es ist schön und gut, wenn Menschen in diesen Tagen miteinander sprechen, vielleicht auch nur erzählen, was sie so beschäftigt oder bewegt. Das zu tun ist gar nicht so leicht, denn gut gemeint heißt noch lange nicht, dass es auch gut ankommt, gut tut oder gut ist.

Als ich heute Nacht die Kirche aufgesperrt habe, da war ich zunächst alleine in der Kirche. Ich habe mich vor die Krippe hingestellt und habe sozusagen erzählt, was mich bewegt und beschäftigt hat im ausgehenden Jahr, was mir durch den Kopf geht im Blick auf das neue Jahr: Vorhaben, Hoffnungen. Befürchtungen… Was da zur „Sprache kam“, das sage ich Ihnen jetzt nicht, Sie können es sich vielleicht denken, und dabei wird es wieder auch davon abhängen, was Sie gerade beschäftigt.
 
Zum Jahreswechsel, da nehmen wir den Mund manchmal ganz schön voll und wir dürfen ihn auch voll nehmen mit den Wünschen, die wir für uns und füreinander haben. Wir brauchen an guten Wünschen nicht sparen. Das, was Sie und ich in diesen Tagen in Gedanken und im Herzen tragen, könnte etwa so lauten, wie es in einem „Krankenblättchen“ steht und was mir gut gefallen hat:

Mögen wohlklingende Laute deinen Ohren schmeicheln,
mögen viele bunte Farben deine Augen erfreuen!
Mögen deine Lippen jede Stunde ein Lächeln formen,
möge deine Zunge Freundliches und Wahres reden,
möge sich Freude in deine Tage mischen,
möge dein Herz Liebe und Dankbarkeit erfahren!
Möge deine Uhr viele glückliche Stunden anzeigen,
mögen deine Schritte sicher und fest sein,
mögen deine Gedanken friedvoll und lauter sein,
möge in deinem Herzen ein Stück Himmel sein.


Mit diesen Wünschen wollte ich meine Predigt eigentlich beschließen, aber da fiel mir ein, dass ich dieser Tage noch einen Text gelesen hatte, der das noch viel kürzer und prägnanter ausdrückte und dabei den Mund gar nicht „so voll nahm“. So war es meine erste Tätigkeit im neuen Jahr, in meinem Chaos auf dem Schreibtisch danach zu suchen. Ich habe ihn auch gefunden. Es ist ein Text von Jörg Zink, den ich Ihnen jetzt in das neue Jahr mitgeben möchte:

Ich wünsche dir aber, dass dich immer wieder etwas berührt. Es ist etwas, was ich gar nicht recht beschreiben kann. Es heißt Gnade.
Ich weiß, das ist ein altes Wort, aber wer sie erfährt, für den ist sie wie ein Morgenlicht.
Man kann sie nicht wollen und erzwingen, aber wenn sie dich berührt, dann weißt du: Es ist gut.


Bombenstimmung

Benediktinerabtei zum Heiligen Kreuz                                    26. Dezember 2016
Kloster Scheyern                                                                    Stephanstag 

Zelebrant und Predigt: Abt Markus Eller OSB

Liebe Schwestern und Brüder!

Dieses Weihnachtsfest werden viele Augsburger wohl nicht so schnell vergessen, so auch unsere Mitbrüder in der Abtei St. Stephan nicht. Auch sie mussten wie die anderen ca. 54.000 Augsburger den Innenstadtbereich wegen der Entschärfung einer Fliegerbombe verlassen. Im Augsburger Dom und in den anderen Innenstadtkirchen konnten gestern kein Weihnachtsgottesdienste gefeiert werden.

Zum Glück ist alles gut gegangen, und die Menschen konnten am Abend in ihre Wohnungen zurückkehren. Diejenigen, die mit solchen Fliegerbomben zu tun haben, wissen, dass mit ihnen nicht zu spaßen ist, weil sie auch noch nach vielen Jahren in der Erde ihre explosive Kraft und damit ihre Gefahr nicht verloren haben.

Man könnte fast sagen, in Augsburg herrschte gestern eine Bombenstimmung, wenn das Wort nicht so zweischneidig wäre.
Von einer Bombenstimmung sprechen wir ja nicht nur, wenn die Stimmung einfach gut ist, sondern mit einer Bombenstimmung meinen wir eine Hochstimmung, vielleicht sogar eine ausgelassene Stimmung. Eine solche Stimmung kann aber schnell durch bestimmte Faktoren ins Gegenteil umschlagen. Panik fürchtet man bei einer Bombenstimmung am allermeisten. Wie gefährlich die sein kann, brauche ich wohl nicht eigens zu erklären.

Von einer Art Bombenstimmung ist jedes Jahr unmittelbar nach Weihnachten am Fest des hl. Stephanus die Rede. Obwohl wir das, was Stephanus gesagt hat,  in der Lesung gar nicht gehört haben, sind wir doch damit vertraut, dass die Stimmung gegen ihn innerhalb kürzester Zeit umgeschlagen hat. Die Stimmung war „hochexplosiv“, wie man auch sagt, und das hat ihm schließlich das Leben gekostet.
 
Im Evangelium sagt Jesu selbst, dass die Menschen, die sich zu ihm und seiner Botschaft bekennen, damit rechnen müssen, in Konflikte zu geraten, angefeindet, bedroht oder gar verfolgt zu werden. Das Schicksal des Stephanus liegt schon lange zurück. Aber ich glaube, man kann schon sagen, dass die Botschaft Jesu bis heute, also auch nach so vielen Jahren, nichts von ihrer Strahlkraft, aber auch von ihrer „Sprengkraft“verloren hat.

Viele Menschen haben um ihres Glaubens willen Benachteiligung erfahren oder auch das Leben verloren. Es gibt Orte, wo Menschen um ihres Glaubens willen sterben. Aber man muss gar nicht immer auf die Krisengebiete der Erde verweisen, selbst in unserer Gesellschaft, selbst im katholischen Bayern kann man sich schon einen Schiefer einziehen, wenn man sich in bestimmten Fragen und Themen auf die christliche Botschaft bezieht. Als Vertreter der christlichen Kirchen in der Flüchtlingsfrage ihre Stimme erhoben haben, bekamen sie von Mandatsträgern gesagt: „Die Kirche möge sich bitte doch nicht einmischen, sondern sich um ihre eigenen Themen kümmern.“ Hört, hört! Man mag vielleicht darüber streiten, wie diese Einmischung geschehen kann oder soll, aber dass sie geschieht, ist nicht verhandelbar.

Aber auch Sie, liebe Schwestern und Brüder, werden das in Ihrem Umfeld, vielleicht sogar in der eigenen Familie merken: Mit dem christlichen Glauben und der daraus erwachsenen Überzeugung kann man auch anecken. Es kann zu Meinungsverschiedenheiten, ja zu Streit und Auseinandersetzungen kommen, die vielleicht in dem Vorwurf enden: Was bist denn du für einer? Was glaubst denn du?

Und wir, die wir an einem solchen exponierten Ort wie einem Kloster wohnen, merken das auch. Manchmal werden wir gefragt, ob wir überhaupt echt sind? In der Seelsorge im Umgang mit ganz verschiedenen Menschen erlebt man das noch einmal in einer besonderen Art und Weise. Der christliche Glaube hat Lebens- und Feierformen hervorgebracht. Es ist aber nicht mehr unbedingt klar, dass die auch einen bestimmten Inhalt haben. Eine Taufe ist zwar ein Familienfest, aber nicht nur. Es geht vor allem darum, dass der, der getauft wird, mit dem christlichen Glauben vertraut ist oder vertraut gemacht wird. Wir haben schöne Gebäude, aber sie sind nicht einfach Kulisse, sondern Ausdruck eines gelebten Glaubens.

Die Botschaft Jesu hat nichts von ihrer Strahlkraft und ihrer „Sprengkraft“ verloren. Sie fordert immer wieder neu heraus.

Liebe Schwestern und Brüder, Jesus wollte und will mit seiner Botschaft nichts in die Luft sprengen oder gar zerstören, aber Jesus kann mit seiner Botschaft für den Menschen und für das menschliche Zusammenleben etwas dazu beitragen, dass wir sozusagen nicht irgendwann in die Luft fliegen. Die Botschaft von Jesus kann dazu beitragen, dass sich Menschen nicht selbst zerstören und dass das Zusammenleben der Menschen auch gelingen kann.

Die Botschaft des Glaubens lässt Menschen feiern, wie wir es an Weihnachten getan haben. Die Botschaft des Glaubens lässt Menschen für einander einstehen und einander helfen, wie es in Augsburg gestern geschehen ist. Die Botschaft des Glaubens hat aber auch eine Bedeutung zwischen den Extremen von Feier und Katastrophe, nämlich im Alltag.
Lassen Sie es mich so zusammenfassen. Sag mir, an welchen Gott du glaubst, und ich sage dir, welches Bild du von den Menschen hast.


Das weiß doch jedes Kind

Benediktinerabtei zum Heiligen Kreuz                                    25. Dezember 2016
Kloster Scheyern                                                                    Weihnachten 

Liebe Schwestern und Brüder!

Das weiß doch jedes Kind! Wenn Menschen so sagen, dann betonen sie damit auf der einen Seite, dass etwas eine Selbstverständlichkeit darstellt oder es sich um eine Art Allgemeinwissen handelt. Auf der anderen Seite kann man mit dieser Formulierung auch seine eigene Unsicherheit, ja vielleicht sogar sein Unwissen verstecken. Denn man kann fast sicher sein, dass man keine Frage mehr gestellt bekommt, wenn es doch schon jedes Kind weiß.

Das weiß doch jedes Kind! Ja, Kinder wissen viel, und es wird auch viel dafür getan, Kinder mit Wissen und Zusammenhängen aller Art vertraut zu machen. Vielleicht haben Sie auch schon einmal ganz verstohlen die „Sendung mit der Maus“ oder „Willi will’s wissen“ angeschaut, wo Kindern ganz anschaulich erklärt wird, was uns selbst vielleicht gar nicht klar war oder ist.

Das weiß doch jedes Kind! Diese Sendungen trauen sich auch an komplizierte Sachverhalte oder heikle Themen heran, wo Menschen gerne so tun, als wüssten sie es schon längst, weil es doch jedes Kind weiß. Die Themenliste von „Willi will’s wissen“ liest sich spannend: „Wie kommen Babys auf die Welt?“; „Was ist das mit dem Tod?“; „Wie sieht die Welt für Blinde aus?“, „Männer werden Mönche“ oder auch „Was wünscht sich das Christkind zu Weihnachten?“ Kinder wollen viel wissen und Erwachsene auch, wenn es doch schon jedes Kind weiß.

Ja, wir wollten es auch wissen, als wir uns im April dieses Jahres als Pilgergruppe aufgemacht haben nach Israel, in das Land, wo die Namen zu Hause sind, die wir in den biblischen Texten gerade an Weihnachten immer wieder hören: Nazareth, Bethlehem usw. Wir wollten es wissen, wo denn dieser Stall gestanden haben könnte. Ein Besuch auf dem Hirtenfeld stand auch auf unserem Programm. Ich muss sagen, das war der enttäuschendste Augenblick dieser Reise. Nichts, überhaupt nichts, was auch nur im entferntesten daran erinnern könnte, wie wir, wie ich mir das irgendwie vorgestellt habe.

Weihnachten ist nicht nur das, was wir heute Nacht im sogenannten Weihnachtsevangelium gehört haben und das Menschen so inspiriert und angeregt hat, es in unseren Krippen und vielen Bildern darzustellen.
Weihnachten ist auch das, was wir gerade gehört haben und was sehr trocken und spröde klingt:
Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott.
Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.
Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt.
Allen, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden.
Niemand hat Gott je geschaut. Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht.

In meiner Enttäuschung vom Hirtenfeld sind mir Abschnitte dieses Textes aus dem Johannesevangelium eingefallen, sozusagen eine andere oder die andere Seite von Weihnachten. Das weiß doch jedes Kind, dass nach 2000 Jahren nicht mehr viel da sein wird! Oder hätte man vielleicht doch noch einmal graben sollen, ob da wirklich nichts ist…

Nein, da hilft alles Graben nichts. Im Anfang war ein Wort. Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt. Was mich auf unserer Israelreise am meisten beeindruckt hat, war die Gegend um den See Genezareth, also da, wo Jesus gelebt hat. Da hat man etwas ausgegraben, da hat man viel gefunden, was darauf schließen lässt, dass irgendetwas, eine Botschaft, das Leben der Menschen verändert hat. Allen, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden. Dafür hat man Zeugnisse gefunden.

Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt. Das weiß, doch jedes Kind, oder?
Das Christkind ist nämlich ein Profi, so wurde ein Kind in der Weihnachtsausgabe einer Zeitung zitiert. Und ich musste daran denken, wie mir mein kleiner Neffe vor ein paar Jahren  gesagt hat, als ich mich am Telefon danach erkundigt habe, ob das Christkind für mich daheim auch ein Geschenk abgeben hat: „Nein, das Christkind kennt doch Deine Adresse in Scheyern.“

Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt. Allen, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden. Niemand hat Gott je geschaut. Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht.

Es geht nicht an, dass Gott Mensch wird und alles bleibt, wie es ist.
Es geht nicht an, dass Gott Mensch wird und kein Mensch lässt ihn ein.
Es geht nicht an, dass Gott Mensch wird und kein Mensch wird anders.
Es geht nicht an, dass Gott Mensch wird und die Welt geht ihren Gang.
Es geht nicht an, dass Gott Mensch wird und Kinder weinen noch immer.
Es geht nicht an, dass Gott Mensch wird und Menschen müssen abseits stehen.
Es geht nicht an, dass Gott Mensch wird und keinem Menschen geht ein Licht auf.

Weiß das noch jedes Kind?

 


Wir schenken uns nichts mehr.

Benediktinerabtei zum Heiligen Kreuz                                    24. Dezember 2016
Kloster Scheyern                                                                    Heilige Nacht

Zelebrant und Predigt: Abt Markus Eller OSB

Liebe Schwestern und Brüder!

Wie feiert man Weihnachten? Wie geht das? Wie macht man das?
Das ist doch keine Frage, oder? Doch es ist eine Frage!
Wie feiert man Weihnachten?

Wie Menschen Weihnachten feiern, was sie da machen oder auch nicht machen, das beschäftigt seit einigen Jahren regelmäßig die Medien in den Tagen vor Weihnachten. Sie kennen es. Prominente werden beispielsweise gefragt, wie sie Weihnachten verbringen und feiern. Als Klostergemeinschaft werden wir auch ab und zu angefragt: Wie feiert Ihr Weihnachten? Vor ein paar Jahren kam deshalb jemand vom Bayerischen Rundfunk und hat wenige Tage vor Weihnachten ein Interview gemacht.
In den letzten Tagen gab es auch die Möglichkeit bei einem Radiosender anzurufen. Da konnten Menschen einfach erzählen, wie sie Weihnachten feiern.

Mit großem Interesse habe ich in den letzten Tagen, wenn ich mit dem Auto unterwegs war, zugehört, was Menschen da erzählt haben, wie sie Weihnachten feiern. Dabei ist mir ein Satz aufgefallen, der immer wieder gesagt wurde und der mich noch immer beschäftigt. Menschen haben auf die Frage nach Geschenken geantwortet: Wir schenken uns nichts mehr!

Menschen schenken sich nichts mehr, weil man gar nicht mehr weiß, was man sich überhaupt noch schenken soll, weil wir in einem Teil der Welt leben dürfen, wo wir eigentlich alles haben und vor allem mehr, viel mehr als wir brauchen.
Diese Übereinkunft, sich nichts mehr zu schenken, die kenne ich auch, haben wir sie doch auch in unserer Klostergemeinschaft getroffen. Wir schenken uns auch nichts mehr, weil auch wir alles haben. Wir haben, was wir brauchen und auch was wir wollen.
Wenn Menschen sagen: Wir schenken uns nichts mehr, dann heißt das nicht unbedingt „gar nichts“, sondern es kann ja auch die sprichwörtliche Kleinigkeit sein. Wobei die Meinungen sehr weit auseinander gehen können, wie groß denn eine Kleinigkeit sein darf.

Wir schenken uns nichts mehr. Dieser Satz beschäftigt mich, weil er auch noch etwas anderes bedeuten kann.
Wenn sich Menschen im sprichwörtlichen Sinn nichts mehr schenken, dann bezieht sich das auf die Art und Weise, wie sie miteinander umgehen.
Wenn Menschen im Leben nichts mehr geschenkt wird, dann sind die Herausforderungen des Lebens an der Grenze zur Überforderung angekommen.

Liebe Schwestern und Brüder, das Evangelium, das wir gerade gehört haben und das Menschen auch zu Tränen rühren kann, ist so eine Geschichte, wo Menschen nichts geschenkt wird. Unter diesem Aspekt wird jede Art von Romantik mit einem Streich vom Tisch gewischt. Wenn Menschen nichts mehr geschenkt wird, geraten Menschen in Not, und Leben kann in Gefahr sein. Leben ist dann zu einem Kampf geworden.
Maria und Josef wurde nichts geschenkt, sie mussten sich durchbeissen, sie mussten sich etwas erkämpfen. Auch die Hirten gelten in der Überlieferung als Berufs- oder Standesgruppe, denen nichts geschenkt wurde, sondern die sich ihren Lebensunterhalt hart erarbeiten mussten.
Weil Not viele Namen und viele Gesichter hat, werden sich Menschen in dieser Geschichte wiederfinden. Vielleicht rührt sie auch deshalb so an.

Wir schenken uns nichts mehr. Das kann auch eine Umschreibung für großen Druck, für  Belastungen, für ein feindseliges Miteinander, ja ein Gegeneinander sein.
Wir schenken uns nichts mehr, das kann auch ein Ausdruck von Gefühlskälte und Gleichgültigkeit, von Misstrauen und Auseinandersetzungen sein. Der Prophet Jesaja hat das so umschrieben: Das Volk, das im Dunkel lebt: Menschen wird nichts geschenkt.

Das Volk, das im Dunkel lebt, sieht ein helles Licht; über denen, die im Land der Finsternis wohnen, strahlt ein Licht auf. Es kann sich etwas ändern und es muss sich auch etwas ändern. Das ist die Botschaft von Weihnachten für die Welt, die in den Satz mündet: Ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns geschenkt. Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren.

Wie man Weihnachten feiert, wird auch davon abhängen, ob wir mit diesem Geschenk noch etwas anfangen können oder wollen. Zunächst wird uns da ins Gedächtnis gerufen, dass wir unser Leben alle geschenkt bekommen haben und dass das Leben selbst ein Geschenk ist.

Wenn es aber auch heißt: Gott schenkt uns seinen Sohn, dann wird uns damit Vertrauen geschenkt. Uns wird das Leben anvertraut und uns wird das Zusammenleben anvertraut, also genau das, wo wir uns etwas schenken oder nicht mehr schenken. Dieser Jesus Christus hat sich in seinem Leben dafür stark gemacht, dass sich Menschen etwas schenken und auch schenken müssen. Er hat nicht gesagt, dass wir uns etwas kaufen müssen, sondern er hat betont, dass vieles im Leben nur geschenkt werden kann: ein Lächeln, Zeit, ein aufmunterndes Wort, Vertrauen, Ansehen, Achtung, Würde, Gehör, Aufmerksamkeit, Zuversicht, Hoffnung, Vergebung, Verzeihung. All das wird geschenkt und muss geschenkt werden.

Menschen zur Seite zu wissen, die zu mir halten
die durch dick und dünn mit mir gehen,
die mich aushalten, mich so nehmen wie ich bin,
die mich halten, wenn ich hinzufallen drohe,
die Halt geben auch bei Gegenwind.
Das ist ein Geschenk!

Liebe Schwestern und Brüder, wollen wir uns nicht doch etwas schenken?! Vielleicht wissen wir dann nicht nur, wie wir Weihnachten feiern, sondern auch was wir an Weihnachten feiern. Leben ist ein Geschenk an uns und für uns!


Die Erde ist schön, es liebt sie der Herr

Benediktinerabtei zum Heiligen Kreuz                                      15. August 2016
Kloster Scheyern

Zelebrant und Predigt: Abt Markus Eller OSB

Mariä Himmelfahrt 2016                    L: Offb 11,19,19a;12,1-6a.10ab
                                                         Ev: Lk 1,39-56

Liebe Schwestern und Brüder!

Es gibt Menschen, vielleicht gehören Sie auch dazu, die pfeifen oder singen manchmal einfach vor sich hin, weil sich ihnen eine Melodie tief eingeprägt hat und ihnen dann plötzlich wieder in den Sinn kommt. „Ohrwurm“ nennen wir das mit einem nicht gerade schmeichelhaften, aber doch treffenden Ausdruck. Es hat sich etwas ganz tief eingeprägt.

So einen Ohrwurm, der mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen ist, hatte ich in den letzten drei Wochen auch. Der Ohrwurm ist ein modernes Kirchenlied, wobei modern ein relativer Begriff ist, denn die Kinder- und Jugendzeit, in der wir dieses Lied oft und immer wieder gern gesungen haben, liegt schon einige Zeit zurück. Bei einem Ohrwurm ist es aber egal, wie lange etwas zurückliegt. Mein Ohrwurm lautete: Die Erde ist schön, es liebt sie der Herr.

Die Erde ist schön! Nicht nur dieses Lied ist mir eingefallen, sondern das, was da gesungen wurde, ist mir in den Wochen des Urlaubs richtig aufgefallen. Ein Gutschein machte es möglich, dass ich eine Woche in Sizilien verbringen durfte. (Jetzt wissen Sie auch, wo ich meine Farbe her habe.) Schon beim Landeanflug kam mir das in den Sinn: Schön, einfach schön!
Als ich dann zum ersten Mal die Bucht und den Strand von Mondello sah, habe ich mich nicht gleich in die „Fluten“ des Meers gestürzt, sondern ich habe mir zuerst das Farbenspiel des Meeres angeschaut. Schön, einfach schön!

Die Erde ist schön! Das gilt nicht nur für weit entfernte Reiseziele, sondern das gilt auch für unser Land. In meiner Heimat, wo ich den zweiten Teil des Urlaubs verbracht habe, stehen die Berge praktisch vor der Haustüre. Ich bin zwar kein großer Bergfreak, sondern ich halte mich lieber an den vielen Seen auf wie den Staffelsee, Riegsee, Kochelsee, Walchensee, Ammersee usw. Es ist schön, einfach schön.

Die Erde ist schön. Das gilt für alle Orte, wo Menschen leben und leben dürfen. Das gilt natürlich auch für unsere Holledau, das gilt für Scheyern und all die Orte, aus denen Sie kommen. Es gilt nicht nur für das Bekannte und Berühmte, sondern es gilt auf für das Abgelegne und das Unscheinbare, das wir liebevoll Kleinod nennen: Die Erde ist schön, es liebt sie der Herr.

Liebe Schwestern und Brüder, ich denke dieser Ohrwurm passt nicht nur für einmalige und typische Landschaften, sondern dieser Ohrwurm passt auch zu dem Fest der Aufnahme Mariens in den Himmel, das wir heute miteinander feiern. Er passt nicht nur, weil wir an diesem Tag mit den Kräuterbuschen ein Stück dieser wunderbaren, schönen und farbenprächtigen Schöpfung in unsere Kirche holen, sondern er passt, weil wir uns mit diesem Fest in Erinnerung rufen, dass Gott auch das Kleine, das Unbekannte und das Unscheinbare liebt, es von Herzen liebt, auch über den Tod hinaus.

Maria, die von ihrem Sohn durch die besondere Beziehung der Liebe in den Himmel erhoben wurde, war ja nicht eine Person von Rang und Namen, sondern sie war ein Mensch, der in der so genannten Weltgeschichte überhaupt keine Rolle gespielt hat. Es gibt aber nicht nur diese Weltgeschichte mit dem Bedeutenden, dem Wichtigen, dem Schönen und auch so viel Unschönem, sondern es gibt noch eine andere Geschichte, die zu dieser Welt gehört und die diese Welt auch ausmacht. Es ist die Heilsgeschichte, aus der wir sagen und singen können: Die Erde ist schön, es liebt sie der Herr.

Diese schöne Welt ist dem Gesetz der Vergänglichkeit unterworfen. Das gehört nicht nur zu diesem Tag, sondern das gehört zu allen Tagen unseres Lebens. Meistens empfinden wir das als Mangel oder als Nachteil, weil eben nichts so bleibt, wie es ist. Wenn wir aber auf die biblischen Texte schauen, die wir gerade gehört haben, dann birgt diese Vergänglichkeit auch immer die Möglichkeit zur Veränderung: Es muss nichts so bleiben wie es ist.
In der Lesung aus der Offenbarung des Johannes haben wir von einem Kampf zwischen dem Leben und den lebensfeindlichen Kräften gehört. Das Leben ist bedroht. Auf diese Bedrohung folgt Schutz und Hilfe. Ein Mensch auf der Flucht findet einen Zufluchtsort.
Der Apostel Paulus ist in seinem Brief an die Korinther fest davon überzeugt, dass alle, die zu Christus gehören, nicht im Tod bleiben.

Im Evangelium haben wir das Magnifikat gehört, sozusagen ein Ohrwurm der Kirche, weil er zum täglichen Gebet gehört, damit es sich den Menschen einprägt, tief einprägt. Dieses Magnifikat zeigt die Chancen dieser Veränderung auf: Unbeachtete kommen plötzlich zur Geltung, Mächtige werden vom Thron gestürzt, Hochmütige werden zerstreut, Hungrige werden mit Gaben beschenkt.

Die Erde ist schön, es liebt sie der Herr. Ja, so heißt es. Dass es anderes gibt, das wissen wir auch, denn so ist es halt.
Die Geschichte unserer Welt besteht nicht nur aus Guttaten. Das gilt für die Vergangenheit, das gilt auch für die Gegenwart. Die Medien führen uns jeden Tag alle möglichen Grausamkeiten und Gräueltaten vor Augen, die unsere Welt so entstellen und hässlich machen.

Die Weltgeschichte reiht solche Ereignisse einfach aneinander, sie zählt sie auf und macht vielleicht noch Zusammenhänge sichtbar. Die Heilsgeschichte aber lädt uns ein, an der Schönheit dieser Welt mitzuarbeiten und mitzuwirken.

Mein Ohrwurm, den ich Ihnen jetzt vielleicht ins Ohr gesetzt oder nur um die Ohren gehauen habe, der sagt das auch. Die Erde ist schön, es liebt sie der Herr. Und es heißt weiter: Neu ist der Mensch, der liebt wie er!

Neu ist der Mensch, der liebt wie er. Liebe kann viel! Liebe kann verändern, auch da, wo alles starr geworden und zum Stillstand gekommen ist, wo keine Hoffnung und keine Perspektive mehr ist.

Aus Liebe zu dieser Welt ist Christus aus Maria Mensch geworden.
Aus Liebe hat Christus Maria nicht im Tod gelassen, sondern sie mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen.

So ist mein Wunsch an diesem Festtag eigentlich ganz einfach. Ich wünsche uns, dass wir mit offenen Augen durch diese Welt gehen und ihre Schönheit nicht nur sehen, sondern sie auch bewusst wahrnehmen.
Ich wünsche uns aber auch, dass wir mit einem liebenden Herzen durch unsere Welt gehen, damit sie da, wo sie durch das Zutun der Menschen entstellt und hässlich geworden ist, wieder heil und schön werden kann.

Die Erde ist schön, es liebt sie der Herr. Neu ist der Mensch, der liebt wie er!


Die gute Nachricht - Ostern

Benediktinerabtei zum Heiligen Kreuz                               Ostern  27. März 2016
Kloster Scheyern

Zelebrant und Predigt: Abt Markus Eller OSB

                                                                                L: Apg 10,34a-43                   
                                                                              Ev: Joh 20,1-9

Die gute Nachricht 

Liebe Schwestern und Brüder!

„Evangelium unseres Herrn Jesus Christus“, so lautet die Formel nach den Evangelienabschnitten, die wir - wie jetzt gerade - in den Gottesdiensten hören. Wir kennen diese Formel und wir kennen die meisten Texte wohl in- und auswendig. Wir denken aber wohl kaum daran, was in diesen Texten steckt oder was sie sind oder was sie sein sollen: Eine gute Nachricht. Die gute Nachricht von Jesus Christus. Das ist Evangelium! Das heißt Evangelium übersetzt.

Ich weiß schon, für Nachrichten sind in unserer Welt und in unserer Gesell-schaft andere zuständig, nämlich unsere Medien. Sie versorgen uns Tag für Tag mit einer Fülle von Meldungen aus aller Welt, so dass wir sie gar nicht mehr alle bewusst wahrnehmen können oder wahrnehmen wollen. Trotz der Aktualität der Nachrichten, kommt es uns bisweilen so vor, als würden wir sie auch schon kennen, weil sich die Inhalte wiederholen oder bestimmte Themen über einen langen Zeitraum das politische, das gesellschaftliche oder wirt-schaftliche Geschehen beherrschen. Wir hören Tag ein Tag aus Meldungen von Skandalen, von Terror und Krieg, von Katastrophen und Unglücksfällen, von Krisen und Problemen, von Siegen und Pleiten usw.

Ohne jetzt pessimistisch klingen zu wollen, meistens sind es keine guten, son-dern eher sogar schlechte Nachrichten, die uns da erreichen. Auch die Verantwortlichen bei den Medien wissen darum und sind wohl deshalb dazu übergegangen, auf gute Nachrichten extra hinzuweisen. So gibt es in manchen Zeitungen oder anderen Medien eine Plattform oder eine Spalte mit einer „guten Nachricht“. Vielleicht kennen Sie so eine Rubrik und lesen sie bewusst jeden Tag. Ich tue das nicht immer, manchmal aber schon.

Kennen Sie die gute Nachricht von gestern? Ich sag’ Sie Ihnen: „Laufen hält gesund! Wer läuft, erhöht seine Chancen auf ein langes Leben.“ Weil wir sol-che guten Nachrichten leichter annehmen können, wenn sie wissenschaftlich bewiesen sind, wurde dieser Beweis gleich mitgeliefert: „Sportwissenschaftler der Universität Mississippi haben entdeckt: Nur Menschen, die regelmäßig die Laufschuhe schnürten, besaßen auffallend lange Chromosomen-Kappen, die als Zeichen für jung gebliebene Zellen gelten.“ Wer läuft, lebt länger! Jetzt also wissen wir um die gute Nachricht und ihre Hintergründe.

Ob das die Hauptdarsteller unserer guten Nachricht, die uns gerade vorgelesen wurde, auch gewusst haben? Im heutigen Evangelium wurde gelaufen, es wurde viel gelaufen. Maria von Magdala lief schnell zu Simon Petrus und dem Jünger, den Jesus liebte. (…) Da gingen Petrus und der andere Jünger hinaus und kamen zum Grab, sie liefen beide zusammen dorthin.

Menschen laufen, sie laufen für ihr Leben! Die einen tun es, um gesund und fit zu bleiben bis ins hohe Alter. Andere laufen buchstäblich um ihr nacktes Überleben, weil sie bedroht sind oder weil sie dort, wo sie leben, keine Zukunft für ihr Leben sehen.

Maria von Magdala, Simon Petrus und der andere Jünger laufen auch für ihr Leben. Sie laufen wohl nicht, um körperlich fit zu bleiben, sie laufen auch nicht, weil sie unmittelbar verfolgt wären. Trotzdem hat ihr Laufen mit dem Leben zu tun, mit ihrem Leben ganz konkret. Ihre Sehnsucht nach dem Leben war größer als die Enttäuschung, die sie erlebt haben.

Er, der so faszinierend von einem anderen Leben erzählt hat. Er, der so für ein anderes Leben geworben hat, er lebt, so wie er es versprochen hat. Es ist also doch wahr!

Können wir diese gute Nachricht auch annehmen? Ich kann, anders als in der guten Nachricht von gestern keinen Beweis und keine Forschungsergebnisse einer Universität liefern.

Ich kann nur auf das verweisen, was der Apostel Petrus in seiner leidenschaft-lichen Predigt, erzählt hat: Wie Gott Jesus von Nazareth gesalbt hat mit dem heiligen Geist und mit Kraft, wie dieser umherzog, Gutes tat und alle heilte, die in der Gewalt des Teufels waren.

Ich kann nur darauf verweisen, dass die von Petrus Angesprochenen keine Nachrichtensprecher waren oder wurden, sondern dass sie selbst zu Zeugen wurden und dazu beigetragen haben, dass sich diese gute Nachricht wie eine Art Lauffeuer um die ganze Erde verbreitet hat, so dass wir heute immer noch Ostern feiern können.

Ich kann nur darauf verweisen, dass es diese Sehnsucht der Menschen nach einem anderen Leben, nach einer anderen Sicht des Lebens als das, was diese Menschen im Alltag erleben und erfahren, immer noch gibt und sie deshalb in Bewegung bringt und beweglich hält.

Ich kann nur darauf verweisen, dass jung sein nicht nur eine Frage des Le-bensalters ist, sondern dass gläubige Menschen jung bleiben und jung geblie-ben sind in ihren Hoffnungen, in ihren Sehnsüchten, so dass sie von ihrem Le-ben immer noch etwas erwarten können. Dass solche Menschen, auch wenn sie schwer oder gar nicht mehr laufen können, noch Ziele haben.

Die gute Nachricht des heutigen Festes könnte man vielleicht so zusammenfassen:

Ostern – auferstehen aus einem Leben der Resignation und des Zweifels.
Ostern – auferstehen aus einem Leben der Angst und der Trauer.
Ostern – auferstehen aus einem Leben des Hasses und der Verbitterung.
Ostern – auferstehen aus einem Leben der Mutlosigkeit und der Hoffnungslosigkeit
Ostern – auferstehen zu einem neuen Leben in der Kraft des Auferstandenen.

Evangelium unserer Herrn Jesus Christus! Das ist die gute Nachricht des heuti-gen Tages. Sie ist in unsere Hand und uns ans Herz gelegt, nicht dass wir sie einfach nur zur Kenntnis nehmen, sondern dass wir versuchen, aus ihr zu leben, dass wir für sie laufen, um fit zu sein für die Herausforderungen unseres Lebens, unserer Zeit und unserer Welt.

Lob sei dir Christus! Amen Halleluja!

 


Karfreitag: Und welches Kreuz tragen Sie?

Benediktinerabtei zum Heiligen Kreuz                                      25. März 2016
Kloster Scheyern

Predigt: Abt Markus Eller OSB

 

Und welches Kreuz tragen Sie?

Anfang März wurde in der Münchner Michaelskirche inmitten der Fußgängerzone vor dem Altar ein großes Kreuz aufgestellt. Diese Maßnahme fand viel Beachtung, nicht nur weil es sich um ein künstlerisch recht wertvolles Kreuz handelte, das nun an seinen angestammten Platz zurückgekehrt ist, sondern weil sich der Blick und die Atmosphäre in der Kirche total verändert haben.

Ein Foto dieses Kreuzes war gestern in einer großen Münchner Tageszeitung abgedruckt. Es füllte die ganze dritte Seite. Über diesem Kreuz stand als Überschrift die Frage: Und welches Kreuz tragen Sie?

Das Bild des Kreuzes teilte die Seite der Zeitung in vier Teile. Und in diesen Teilen waren Lebensportraits von Menschen abgedruckt, die ein Kreuz in ihrem Leben tragen.

Da war ein 75-jähriger Mann, der seit mehreren Jahren seine demenzkranke Frau, die rund um die Uhr Betreuung braucht, pflegt. Sein größter Wunsch ist, dass seine Frau so lange wie möglich zuhause sein kann. 

Ihm gegenüber wurde von einem 46-jährigen Mann berichtet, der als sog. Klinikclown in Altenheimen und Krankenhäusern unterwegs ist und so durch seine Späße für Menschen Momente der Freude in einen eintönigen und bedrückenden Alltag bringt. Besonders wichtig, aber auch belastend ist für ihn der regelmäßige Besuch auf der Krebsstation für Kinder.

In einem weiteren Teil ist über das Porträt eines 33-jährigen Mannes zu lesen, der seit über 20 Jahren mit Leib und Seele bei der Freiwilligen Feuerwehr Dienst tut. Er schätzt die Gemeinschaft und die Verlässlichkeit über alles. Er kennt aber auch die Momente, wo selbst die Helfer machtlos dastehen müssen, weil sie nicht oder nicht mehr helfen können.

Last, but not least ist von einer 70-jährigen Frau die Rede, in deren unmittelbaren Nachbarschaft eine Flüchtlingsunterkunft eingerichtet wurde. Als sie einfach aus Interesse einmal dort hingegangen ist, war ihr erster Gedanke: Diese Menschen brauchen Hilfe! Seitdem ist sie als Helferin engagiert und hat auch eine Patenschaft für eine syrische Familie übernommen.

Und welches Kreuz tragen Sie? Viele Lebensgeschichten und Lebensporträts, auch hier und jetzt in unserer Basilika, könnte man um dieses Kreuz herum stellen.

Und welches Kreuz tragen Sie? In den geschilderten Lebensgeschichten ist das Kreuz nicht ein religiöses Symbol, sondern es ist ein Synonym für eine Lebenssituation, die für Menschen sehr schwer und belastend geworden ist. Und wenn man diese erwähnten Geschichten genau anschaut, dann ist es die Situation von anderen Menschen. Durch den Einsatz und die Hilfe von Menschen wird Schicksal der anderen geteilt und das Kreuz eines Lebens auf mehrere Schultern gelegt und vielleicht ein wenig erträglicher. In der Markuspassion ist es Simon von Zyrene, der diese „Nebenrolle“ übernommen hat.

Meistens bleiben solche Hilfeleistungen und Hilfestellungen im Verborgenen und finden wenig Beachtung. Und doch verändern sie den Blick auf das Leben von Grund auf.

All diese Menschen tragen wir heute mit unserem Scheyrer Kreuz mitten durch die Kirche und damit bleibt auch die Frage präsent: Und welches Kreuz tragen Sie?

 


Auf Augenhöhe - Gründonnerstag

Benediktinerabtei zum Heiligen Kreuz                  Gründonnerstag 24. März 2016
Kloster Scheyern

Predigt: Abt Markus Eller OSB

                                                                                    L: 1 Kor 11,23-26 
                                                                                  Ev: Joh 13,1-15

Auf Augenhöhe

Liebe Schwestern und Brüder!

In den vergangenen Tagen hatten wir in unserer Gemeinschaft Exerzitien. Der Exerzitienleiter hatte dieses Plakat, das hier am Ambo hängt, mitgebracht. Es ist voll mit Worten und Ausdrücken, die Menschen mit dem Thema und dem Begriff der Barmherzigkeit in Verbindung bringen: Geduld, Zuversicht, Vertrauen, Offenheit usw.

Da wir uns in den vergangenen Tagen auch mit diesem Thema, das ja im Mittelpunkt des außerordentlichen Heiligen Jahres der Barmherzigkeit steht, beschäftigt haben, waren uns diese Begriffe auf diese Weise immer vor Augen.

Auf einen der Begriffe musste ich immer wieder schauen. Ich musste an ihn denken, weil ich mit ihm eine eigentlich lustige Geschichte verbinde. Vor gut 22 Jahren wurde nach der Renovierung unsere Barockbibliothek wieder eingeräumt und mir fiel es als gelernten Schreiner zu, die Fächer der Regale einzurichten und die Schilder der Fachgebiete anzubringen. Oft fragte ich den damaligen Bibliothekar P. Franz, wie und wo dieses und jenes hin solle. Da sagte P. Franz „Auf Augenhöhe“ Weil aber unser P. Franz zwei Köpfe kleiner war als ich, entgegnete ich ihm: „Auf welche? Meine oder Ihre?“

Auf Augenhöhe! Das ist der Begriff, den ich in den letzten Tagen immer wieder angeschaut habe. Es ist ein Begriff, mit dem auch immer wieder die Frage nach der richtigen Höhe verbunden ist: Was ist die richtige Augenhöhe? Meine, Ihre, seine?

Das Geschehen des Gründonnerstags, das wir heute miteinander nicht nur begehen, sondern dem wir auch nachspüren, hat etwas mit diesem Begriff der Augenhöhe und der Frage nach der richtigen Augenhöhe zu tun. Vielleicht ist es sogar der zentrale Dreh- und Angelpunkt dieses Tages: Augenhöhe!
Meine, Ihre, seine?

Wenn wir auf das schauen und hören, was uns die biblischen Texte des heutigen Tages erzählen, dann merken wir, dass es bei der Augenhöhe nicht um Körpergröße geht, sondern dass es um Lebenssituationen geht, bei denen Augenhöhe und auch Augenmaß gefragt ist.

Zwei Anhaltspunkte für die richtige Augenhöhe spielen am heutigen Abend eine wichtige Rolle.

Da ist zunächst die Fußwaschung, die wir heute in Erinnerung an das Geschehen im Abendmahlssaal nachvollziehen. Jesus beugt sich dabei tief hinab und übernimmt einen Sklavendienst.

Er begibt sich damit auf Augenhöhe von Menschen, deren Lebenssituation nicht gerade die beste und angenehmste ist.

Er beugt sich hinab zu Menschen, die nicht als solche angesehen werden, die nicht frei sind, sondern wie eine Sache behandelt oder gehalten werden.

Er beugt sich hinab zu Menschen, denen die Würde abgesprochen oder vorenthalten wird.

Er begibt sich auf die Augenhöhe von Menschen, die undankbare Tätigkeiten oder Berufe ausüben oder ausüben müssen.

Mit seinem Hinabbeugen nimmt er noch ganz andere Menschen in den Blick. Unsere Welt wird immer wieder durch Terroranschläge erschüttert, zuletzt in Belgien. Die Bilder, die uns die Medien liefern, sind sich immer sehr ähnlich: Menschen liegen am Boden, erschüttert, verletzt oder gar tot. Andere Menschen beugen sich zu ihnen hinab, um ihnen zu helfen und beizustehen. Auch das ist eine Augenhöhe, die uns Jesus mit seinem Beispiel vorgegeben hat.

Genau heute jährt sich der Flugzeugabsturz von German Wings in den französischen Alpen. Durch diese Katastrophe wurde vielen Menschen buchstäblich der Boden unter den Füßen weggezogen. Bis heute liegen die Angehörigen und Hinterbliebenen in gewisser Weise am Boden, weil ihr Leben am Boden zerstört ist.

Augenhöhe, das ist der Blick Jesu auf ganz verschiedene Menschen und ganz verschiedene Lebenssituationen auch hier in unserer Basilika.

Es gibt noch eine andere Augenhöhe, die wir nachvollziehen, auch wenn sie nicht immer gleich erkennbar ist. Jesus setzt sich mit Menschen sozusagen an einen Tisch und damit relativieren sich gewisse Unterschiede, die Menschen auseinander halten oder voneinander fern halten. Jesus lässt keine Zweifel daran, dass er der Herr und Meister ist, aber er akzeptiert Menschen als Gäste an seinem Tisch, er akzeptiert sie als Partner, als Gesprächspartner auf Augenhöhe.

Viele Probleme unserer Welt werden sich erst lösen und lösen lassen, wenn sich Menschen an einen Tisch setzen, wenn sie vielleicht an einem Verhand-lungstisch zusammenfinden oder dorthin wieder zurückkehren, wo auch und vor allem über knifflige Fragen auf Augenhöhe gesprochen werden kann.

Augenhöhe: Welche? Meine, Ihre, seine?

Liebe Schwestern und Brüder, zur Gabenbereitung werden wir heute folgendes Lied singen: Also sprach beim Abendmahle Jesus als sein Testament: Seid geeint und liebt euch alle, dass mich diese Welt erkennt! Wie der Vater mich gesendet, eins mit mir, wie ich mit euch, gehet hin mein Werk vollendet, eins zu sein in meinem Reich!

Wie das gehen kann, davon sind ganze Bibliotheken voll, auch unsere. Es braucht aber immer Menschen, an deren Leben man es buchstäblich ablesen kann. Das ist seine Augenhöhe, mit der er uns begegnen will. Heute an diesem Abend und an allen Tagen unseres Lebens. Auf Augenhöhe. Meine, Ihre, seine!


Ewige Profess von fr. Vitalis

Benediktinerabtei zum Heiligen Kreuz                                      19. März 2016
Kloster Scheyern

Zelebrant und Predigt: Abt Markus Eller OSB

                                                                         L: Röm 4,13.16-18.22
                                                                       Ev: Mt 1,16.18-21.24a

Ewige Profess von fr. Vitalis 

Liebe Verwandte und Gäste von fr. Vitalis,
liebe Mitbrüder, liebe Schwestern und Brüder!

Die Wahrheit wird euch befreien! Diesen Satz aus dem Johannesevangelium, den Sie auch auf der Vorderseite des Liedblattes finden, hat sich unser fr. Vitalis für den heutigen Tag seiner Profess gewählt und damit stellt er auch in gewisser Weise sein Leben als Mönch hier in unserer Scheyrer Klostergemeinschaft unter diese Worte Jesu.

Die Wahrheit wird euch befreien! Die Geschichte, warum sich fr. Vitalis diesen Satz gewählt hat, kenne ich ein bisschen und ich glaube, dass ich sie heute auch erzählen darf. In den letzten drei Jahren haben wir beide uns mehrmals in der Woche getroffen, um miteinander in der Bibel zu lesen, miteinander Bibel zu teilen. Wir haben uns über Abschnitte aus der Bibel, die wir gelesen haben, ausgetauscht. Es war ein ganz unterschiedlicher Austausch, manchmal verging die halbe Stunde, die wir uns dafür Zeit genommen hatten, schneller, mal langsamer. Manchmal ist uns zu dem, was wir gelesen hatten, mehr eingefallen, ein andermal weniger, aber wir haben uns zusammengesetzt und wir haben uns damit auseinandergesetzt.

Die Wahrheit wird euch befreien! Irgendwann fiel bei einem solchen Treffen dieser Satz, und fr. Vitalis fand Gefallen daran, auch im Hinblick auf den heutigen Tag. Ja, es ist schon ein faszinierender Satz aus dem Munde Jesu, aber auch ein herausfordernder zugleich.

Dann werdet ihr die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wir euch befreien. So lautet der ganze Satz und er wurde gesprochen in einer Auseinandersetzung, in einer harten Auseinandersetzung mit den Juden, wie es uns der Evangelist Johannes überliefert.

Die Wahrheit wird euch befreien. Die Wahrheit!

Was ist Wahrheit? So wird in der nächsten Woche am Karfreitag Pilatus Jesus fragen. Ja, was ist Wahrheit? Ist es das, was bewiesen und nachgewiesen ist? Ist es die Fülle von Entdeckungen und Erfindungen? Sind es mathematische Formeln und Berechnungen? Ist es das, was ich schwarz auf weiß habe? Das alles hat sicher mit Wahrheit irgendwie zu tun. Aber ist es die Wahrheit?

Die Heilige Edith Stein sagt einmal: Wer die Wahrheit sucht, sucht Gott, ob es ihm klar ist oder nicht. Die Wahrheit, ein Prozess des Suchens nach Gott.

Wer die Wahrheit sucht, sucht Gott. Das, lieber fr. Vitalis, ist es, worauf Sie sich heute auf den Weg machen; denn der heilige Benedikt fordert von seinen Mönchen, dass sie wahrhaft Gott suchen. Mit der Profess machen Sie klar: Ich möchte ein Gottsucher sein! Auch wenn dieser Entschluss in den letzten drei Jahren für Sie und für uns gereift ist, so wird es nicht immer so ganz klar sein, wie diese Wahrheit Gottes bzw. die Wahrheit in Gott ausschaut.

Ihr Professtag fällt auf das Fest des heiligen Josef, und in den biblischen Texten dieses Tages werden uns Gottsucher ganz unterschiedlicher Couleur vor Augen gestellt.

Im Evangelium war vom hl. Josef die Rede, der festgestellt hat, dass die Wahrheit Gottes  nicht unbedingt immer „ein Traum“ ist, wie wir landläufig zu unseren Wunschvorstellungen sagen, die wir hegen und auch pflegen. Die Wahrheit Gottes kommt in diesem Fall eher wie eine Art Alptraum daher, weil sie so ganz anders ist, als wie sich Menschen das vorstellen. Vielleicht hat er „nicht einmal in Traum daran gedacht“, dass sein Leben so verlaufen könnte, wie es dann ein Engel im Traum aufzeigt. Die Wahrheit Gottes kann auch Lebensplanungen über den Haufen werfen, aber sie zeigt auch Wege auf, die Menschen nicht gleich für möglich halten.

Die Wahrheit wird euch befreien!

Auch in den Lesungen war von Gottsuchern die Rede. Gott wird dir ein Haus bauen, so hörten wir im 2. Buch Samuel die Nachricht, die Natan dem David überbracht hat. Gott wird aber nicht nur ein Haus bauen, sondern auch Bestand verleihen, der allerdings nicht frei sein wird von Überraschungen.

Die Wahrheit wird euch befreien!

In seinem Brief an die Römer argumentiert Paulus, der selber ein leidenschaftlicher Gottsucher war, mit Abraham, der in seiner Suche nach Gott für ihn zu einem faszinierenden Vorbild geworden war: Aus Glauben, damit auch gilt aus Gnade!

Das, was heute geschieht, kann man nicht machen und erzwingen, sondern es ist Gnade, also unverdient. Berufung kann man nicht machen. Leider, so denke ich manchmal, und vielleicht  andere auch. Berufung ist und bleibt ein Geschenk des Glaubens, auf das man keinen Anspruch hat.

Auf der anderen Seite ist es aber gut, dass man Berufung nicht machen kann, denn als Ordenschristen sind wir eben keine „gemachten Leute“, sondern wir sind und bleiben Suchende. Wir sind und bleiben Gottsucher; ein Leben lang. Wann wir ihn finden, wann wir ihn finden dürfen, das liegt nicht in unserer Hand. In unserer Hand liegt es, dass wir uns darauf einlassen, ihn zu suchen, ernsthaft zu suchen, auch wenn es manchmal nicht so verläuft, wie wir uns das in unseren Träumen vielleicht ausmalen.

Die Wahrheit wird euch befreien!

Lieber fr. Vitalis, wir freuen uns heute mit Ihnen über dieses Geschenk des Glaubens und der Gnade. Wir heißen Sie nicht einfach „willkommen im Club“, sondern wir wollen uns mit Ihnen als Gemeinschaft auf den Weg machen, als Gemeinschaft der Gottsucher in Scheyern. Es ist eine Suche, die gerade ab morgen mit dem Palmsonntag wieder in eine ganz entscheidende Phase eintritt: Deinen Tod, o Herr, verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit, so lautet das Geheimnis des Glaubens und der kommenden Woche.

Lieber fr. Vitalis, liebe Schwestern und Brüder, heute feiern wir Profess am Fest des heiligen Josef. An seinem Fest haben wir das Geheimnis und das Geschenk des Glaubens so besungen:  Wir preisen Gott, den Herrn, der schwache Menschen wählt und ihnen Kraft verleiht, ihm allzeit zu vertraun’. Sein Wort führt uns den Weg, der noch verborgen ist, bis hin zu seiner Herrlichkeit.
Amen

 


„Gerechtigkeit und Barmherzigkeit“

Benediktinerabtei zum Heiligen Kreuz                                     13. März 2016
Kloster Scheyern

Predigt:  P. Lukas Wirth OSB

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn,
liebe Pfarrgemeinde!

Wo ist der Mann, mit dem die angeklagte Frau die Ehe gebrochen hat? Das ist doch der eigentliche Skandal, dass nur die Frau angeklagt wurde, während der Mann unbehelligt davon kommt. So etwas ist doch nicht gerecht!

Doch, liebe Schwestern und Brüder, was ist denn gerecht? Was ist  Gerechtigkeit? Viele werden in diesem Zusammenhang sagen: Gerechtigkeit hat mit Gleichheit zu tun, mit einer Gleichheit vor dem Gesetz, mit einer Gleichheit zwischen Männern und Frauen, mit der Gleichbehandlung von Reichen und Armen, von allen Menschen unabhängig von Kultur, Religion oder Hautfarbe. Ein solches Gerechtigkeitsverständnis finden wir in unserem Grundgesetz und danach müssen oder sollten sich zumindest in unserem Land alle rechtlichen Vorschriften und Verhaltensnormen richten.

Doch Gerechtigkeit als eine wesentliche Grundvoraussetzung in jeder gesellschaftlichen Ordnung hat noch einen tiefern Ursprung. Gleichheit reicht nicht! Wenn alle gleich schlecht behandelt werden, entspricht das noch nicht dem Ideal von Gerechtigkeit.
Gerechtigkeit besteht vielmehr darin, „jedem das seine zu geben“ – suum cuique, so die Formulierung des römischen Staatsmannes und Philosphen Cicero (106-43 v.Chr.). Doch was ist das „Seine“? Baut sich nicht hier schon eine Spannung zur Gleichheit auf, denn wie auch der Hl. Benedikt in seiner Regel betont, braucht der eine mehr, der andere eben weniger…(RB 34 u. 55,20ff.)

Wir spüren, dass Gerechtigkeit noch einen Ausgleich oder eine Ergänzung bedarf. Papst Franziskus hat es so formuliert: „Wenn Gott bei der Gerechtigkeit stehen bliebe, dann wäre er nicht mehr Gott, sondern vielmehr wie die Menschen, die die Beachtung des Gesetzes einfordern. Die Gerechtigkeit alleine genügt nicht….Darum überbietet Gott die Gerechtigkeit mit der Barmherzigkeit und Vergebung.“

Die Gerechtigkeit alleine genügt nicht. Ja, da wo Menschen meinen alleine auf Gerechtigkeit ein Leben und vor allem ein fruchtbares Miteinander aufbauen zu können, da bricht nicht nur ein Wust an Bürokratie aus, sondern da bewahrheitet sich auf kurz oder lang das alte römische Sprichwort: „summum ius summa iniuria“ – das höchste Recht bringt letztlich höchstes Unrecht hervor.

Für uns gläubige Menschen ist schon hier eine Ursache zu erkennen, warum ein rechtsstaatliches Gemeinwesen nicht ohne eine Rückbindung an den barmherzigen Gott auskommt. Ein Wissen, das die Väter und Mütter unserer Staatsverfassung nicht nur diskutierten und im Grundgesetz und der Bayrischen Verfassung niederlegten, sondern ganz selbstverständlich noch hatten.

Uns kann dabei ein Blick auf Jesus helfen. Er macht auf ganz anschauliche Weise immer wieder dieses unserer Welt zugewandte barmherzige Gesicht Gottes sichtbar: So in dem am vergangenen Sonntag gehörten Bildwort vom „verlorenen Sohn oder barmherzigen Vater“; als der jüngere Sohn zum Vaterhaus zurückkehrte, hatte er eigentlich kein Recht, wieder aufgenommen zu werden. Die Barmherzigkeit des Vaters aber übertraf das Rechtsdenken (Lk 15, 11 – 32). Im heutigen Sonntagsevangelium nimmt Jesus die Ehebrecherin, die natürlich gegen geltendes Recht verstoßen hat, in Schutz (Joh 8,1-12). Und, um nun noch eines der vielen Beispiele, die Jesus nennt, aufzuzeigen: Wer weniger arbeitet, wird auch – und das entspricht doch unserem Sinn von Gerechtigkeit – einen geringeren Lohn erhalten. Aber alle sollen genug zum Leben haben, so das Geheimnis der Barmherzigkeit im Bildwort Jesu über die zu verschiedener Stunde angeworbenen Arbeiter (Mt 20, 1-16).

In der Landshuter Zeitung wurde am vergangen Montag aus der Predigt unseres Erzbischofs Kardinal Marx im dortigem Martinsmünster zitiert, nach dessen Gedanken, wohl etwas reduziert wiedergegeben, die Gerechtigkeit im Bereich des Staates, Barmherzigkeit hingegen im Bereich Gottes läge.
Die Spannung, die hier zum Ausdruck kommt, sie ist letztlich nie ganz auflösbar. Sie beschränkt sich aber nicht einfach auf den Bereich von weltlichen und sagen wir „geistlichen“ Instanzen: „Die Opfer wollen Gerechtigkeit, aber die „Täter“ – alle Menschen – sehnen sich nach Barmherzigkeit. Gerechtigkeit schafft den Raum der Freiheit, Barmherzigkeit bietet die Dynamik der Liebe. Gerechtigkeit hütet die Würde des Menschen, Barmherzigkeit achtet die Würde jedes Einzelnen. Für Gerechtigkeit ist die Gesellschaft wichtig, für Barmherzigkeit ist der Einzelne kostbar.“ So fand ich es in Gedanken des indischen Jesuitenpaters und Leiter eines christlichen Ashrams Sebastian Painadath.

In dieser Spannung müssen wir leben und diese Spannung zwischen Gerechtigkeit und Barmherzigkeit lösen wir bestenfalls ein Stück durch unser bewusstes Leben Im Glauben, als Christen.

Erst im täglichem Leben und Miteinander und eben nicht in der theoretischen Reflexion wird sich zeigen, was der Sozialethiker Nikolaus Monzel auf die Formel gebracht hat: „Liebe als Sehbedingung der Gerechtigkeit“. Liebe, Barmherzigkeit allein vermag den Blick auf unsere Mitmenschen so zu lenken, dass wir erspüren, was wirklich das Gerechte, das „suum cuique“ ist.


Miteinander unter uns genauso wie in Staat und Gesellschaft und darüber hinaus gelingt nur, wenn wir versuchen in unserem Leben sichtbar zu machen, was Papst Benedikt XVI. so formuliert hat: "Liebe in der Gerechtigkeit und Gerechtigkeit in der Liebe".

Wo Gerechtigkeit für ein solidarisches Miteinander sorgt, da kann das Rechtsdenken ohne Barmherzigkeit zu grausamen Verhaltensweisen führen. Barmherzigkeit allein verändert oft wenig, fördert manchmal sogar Gleichgültigkeit und Bequemlichkeit, Gerechtigkeit fordert hingeben in klaren Sanktionen den Fortschritt und die Entwicklung jedes Einzelnen und der Gesellschaft als ganzes. Gerechtigkeit könnten wir vielleicht als das Mindestmaß der Liebe bezeichnen. Das Übermaß an Liebe hingegen wäre die Barmherzigkeit, denn sie geht über die geschuldete Gerechtigkeit weit hinaus.
Letztlich liegt gerade dort auch die politische Dimension der Barmherzigkeit, denn nur sie deckt einen Mangel an Gerechtigkeit auf. Dort wo es etwa Essens- und Lebensmittelausgaben gibt, stellt sich beispielsweise die Frage warum es in einem Land wie Deutschland solche braucht.

Im gleichen Sinne hat die Selige Mutter Theresa von Kalkutta gehandelt. Viele warfen ihr nur ein kurzsichtiges Tun vor, das die Strukturen der Ungerechtigkeit zu wenig in den Blick nahm. Und doch wurde gerade durch ihre – letztlich uns allen mögliche – Zuwendung zu den Bedürftigen, ein neues Bewusstsein geschaffen und der Ansporn für eine neue Gerechtigkeit verstärkt. Sie betete übrigens täglich: „Herr, nimm von mir die Angst weg, im Einsatz der Barmherzigkeit verbraucht zu werden.“
Nimm diese Angst auch von uns, Herr, so möchte auch ich beten, damit auch wir an einer gerechten und barmherzigen Welt mitbauen.
Amen.




Die Werke der Barmherzigkeit

Benediktinerabtei zum Heiligen Kreuz                                      06. März 2016
Kloster Scheyern

Predigt: P. Benedikt Friedrich OSB

                                           1. Les. Jos 5, 9-12 (vom 4. Fastensonntag)
                                           2. Les. Jakobusbrief 3, 1-12: von der Macht der Zunge
                                             (Lektionar: 6. Woche im Jahreskreis, II. Lesung)
                                            Ev. Matthäus 25, 31-46: „Das habt ihr mir getan.“
                                               (Lektionar: Christkönigsonntag, Lesejahr A)

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn,

das Evangelium aus dem 25. Kapitel von Matthäus erklärt, woher die so-genannten sieben Werke der Barmherzigkeit  kommen: Sie leiten sich direkt auf Jesu Einstellung zu allen Benachteiligten her. Er identifiziert sich mit der Not so sehr, dass er sagen kann: „Was ihr einem eurer Nächsten getan habt, das habt ihr mir getan.“

1.    Hungrige speisen
2.    Durstigen trinken zu geben
3.    Fremde und Obdachlose beherbergen
4.    Nackte bekleiden
5.    Kranke pflegen
6.    Gefangene besuchen
7.    Tote begraben

Das sind Werke der Barmherzigkeit, die sehr schnell im Alltag einer oder eines jeden von uns eine Rolle spielen können: Krankheit, Behinderung, Pflegebedürftigkeit durch Altersschwäche, Sterbebegleitung, eine würdige Beerdigung. Da erlebe ich hier vor Ort in allen Häusern ein sehr hohes Niveau, da ist das Evangelium wirklich Teil unserer Lebenskultur ge-worden.
 
„Immer dort, wo wir Menschen Barmherzigkeit erfahren, blitzt für einen kurzen Moment etwas Göttliches in unserem Leben auf. Ein besonderes Gefühl, ein Aha-Moment, ein Erlebnis aus einer anderen Dimension. In diesem Moment fühlen wir die Schönheit des Lebens und spüren, wozu wir Menschen fähig und berufen sind. Erlebte BARMHERZIGKEIT WIRD ZU EINEM GOLDENEN FADEN, der Himmel und Erde verbindet – und uns mit den anderen Menschen.“ 
„Barmherzigkeit wird zu einem Goldenen Faden, der Himmel und Erde verbindet“ - oder wie Jesus es sagt: „Das habt ihr mir getan“.
Das ist ein ganz wichtiger Grundsatz: In jedem Menschen begegnet mir Christus! In jeder Tat der Barmherzigkeit verbinden sich Himmel und Erde!
Aus aktuellem Anlass scheint es mir wichtig, auf ein Werk der Barmherzigkeit näher einzugehen, das uns noch vor zwei Jahren nur am Rande betroffen hatte: „Fremde und Obdachlose beherbergen“:
Bisher konnten wir Deutsche beim Helfen und beim Lindern von Not selbst entscheiden, wo wir helfen wollen, in welchem Umfang und zu welchem Zeitpunkt. Denn die Not war weit weg.
Jetzt aber können wir nicht mehr nur helfen, jetzt müssen wir teilen.
Durch den Krieg im nahen Syrien, Afghanistan und dem Irak und durch andere Umstände hat sich die Lage verändert: Auf einmal ist die Not in Form von konkreten Menschen in unserem Land angekommen. Letzte Woche auch in Scheyern durch die Unterbringung von 47 Flüchtlingen im Gebäude 9 der ehemaligen Bundeswehrgebäude.
Der Landkreis, die Gemeinde und der Helferkreis der Nachbarschaftshilfe kümmern sich um alles Notwendige. Wer noch hinzustoßen möchte: Man kann ganz konkrete einzelne Dienste übernehmen, die nicht überfordern, oder fragen, ob etwas Gebrauchtes zur Verfügung gestellt werden soll.
 
Ein Punkt ist mir für uns als Ortskirche wichtig. Zu den sieben Werken der Barmherzigkeit gehört es, Hungernde zu speisen, Durstige zu tränken, und als drittes schon: Fremde aufzunehmen. Fremde zu beherbergen und nicht im Regen stehen zu lassen ist ein WERK DER BARMHERZIGKEIT.


Das bleibt es auch dann, wenn man auf anderer Ebene um die richtigen politischen Entscheidungen ringt. Auch wenn man eingestehen muss, dass es so wie im letzten Jahr nicht weiter funktioniert, weil es gerade einen Paradigmenwechsel gibt, von der offenen Tür hin zu einem verschlossenen Europa. Mögen die jeweils politisch Verantwortlichen zu überlegten, nachhaltigen und menschlich zu verantwortenden Entscheidungen kommen!
Für uns hier und heute gilt: Fremde und Obdachlose, die bei uns sind, zu beherbergen, ist ein WERK DER BARMHERZIGKEIT.
Unsere Aufgabe als Christen wird es sein, dass wir den Mut haben, dies immer dann zu betonen, wenn andere das gute Werk schlecht machen wollen. Wenn Sie jemanden in ihrem Beisein schlecht reden hören, wagen Sie es bitte zu sagen: „Fremde zu beherbergen ist ein WERK DER BARMHERZIGKEIT; Respekt vor allen, die sich da so sehr engagieren.“ Dann sorgen wir als Ortsgemeinde dafür, dass das Gute weiterhin gut genannt wird. Denn die Macht der Schlechtredenden ist das Schweigen der Guten.
Die Kirche ist in unserer Gesellschaft die einzige große Institution, welche die Menschenwürde wirklich hochhält. Weil in Christus Gott sich mit jedem Neugeborenen identifiziert, sehen wir in jedem Mitmenschen das Antlitz Christi. Das gilt vor der Geburt, das gilt im Kranken- oder auf dem Sterbebett, das gilt für Nahestehende und Fremde in gleichem Maße.
Papst Franziskus wird nicht müde, seinen Einfluss geltend zu machen und gilt weltweit als Mahner für Menschlichkeit, Gerechtigkeit, zukunftsfähigen Lebensstil und Barmherzigkeit.

Barmherzigkeit betrifft auch das seelische und geistige Heil des Menschen, das in unseren Breiten oftmals nötiger als eine materielle Unterstützung ist. Die sieben geistlichen Werke der Barmherzigkeit. Sie umschreiben das, was uns im Innern gut tut:
1. Die Unwissenden lehren.
2. Den Zweifelnden recht raten.
3. Die Betrübten trösten.
4. Die Sünder ermahnen.
5. Die Lästigen geduldig ertragen.
6. Denen, die uns beleidigen, verzeihen.
7. Für alle Menschen beten.
Diese Werke geschehen weniger mit den Händen, als mit dem Herzen und mit Worten. Sie fordern uns auf, dass wir unsere Stimme erheben, wenn Menschen in Unkenntnis urteilen, wenn Ihnen die Informationen fehlen und nur aus dem Bauch heraus polemisiert wird. Dann heißt es: „Die Unwissenden lehren“, die Fakten auf den Tisch legen und nicht weiter im Trüben fischen.
Sie fordern uns auf, auch einmal jemanden in die Schranken zu verweisen, wenn er oder sie durch sein Tun oder Reden Schaden anrichtet, andere verletzt oder schlecht macht: „Die Sünder ermahnen.“ – Dabei ist freilich ein Dreierschritt zu beachten, der sogar im Evangelium steht: Zuerst unter vier Augen, dann mit den Leitern der Gemeinde, also jemand Verantwortlichen hinzuziehen, und erst, wenn das alles nichts hilft, in der Öffentlichkeit seine eigene Kritik anbringen. Heutzutage ist es leider nicht selten umgekehrt, dass zuerst ein Foto mit Text im Internet gepostet wird, z.B. von einem misslungenen Faschingsauftritt bei einem Umzug hier in der Nähe. Jemanden Zurechtweisen muss zuerst ganz diskret geschehen.
Lehren, Rat geben,  trösten, ermahnen, ertragen, verzeihen, für die anderen beten: das sind Haltungen, die uns an unsere menschlichen Gren-zen führen. –
 
„Ohne die Barmherzigkeit Gottes gerät unsere menschliche Barmherzigkeit schnell an Grenzen. In seinem Schreiben zur Ankündigung des heili-gen Jahres sagt Papst Franziskus auch deshalb: „Öffnen wir unsere Herzen füreinander und für Gottes Barmherzigkeit“. Und er wendet sich an die Kirche selber: „Öffnet die Türen. Lasst die Menschen hinein, damit sie Gottes Liebe erfahren können!“ 
Wie kann das konkret aussehen, den anderen Menschen am Arbeitsplatz, in der Schule, in der Nachbarschaft und natürlich auch in der Familie hineinlassen?
Drei Grundhaltungen  reichen dafür schon aus:
a) Einem Menschen sagen: Du gehörst dazu.
b) Ihm signalisieren: Ich höre dir zu.
c) Zusichern: Ich rede gut über dich.

Du gehörst dazu: Mobbing, das meint jemanden anpöbeln, angreifen, über jemanden herfallen, ihn schikanieren, ausgrenzen. Auch in Schulen ist das Phänomen weit verbreitet, selbst Drittklässler erleben, wie Mitschüler ausgegrenzt werden. Hartz-IV-Empfänger, Ausländer, Kranke, Behinderte, alleinlebende Alte sehen sich ähnlich behandelt.
Weil jemand selber kein Außenseiter sein will, meidet er/sie diese leicht, nach dem Sprichwort: „Sage mir, mit wem du umgehst, dann sage ich dir, wer du bist.“ Vielleicht ist es aber gerade diese Angst, selbst zum Außenseiter zu werden, die den anderen erst zum Außenseiter macht.

=> Einem Menschen sagen: Du gehörst dazu.
Ich höre dir zu: Wann sehen Deutsche rot für ihre Partnerschaft? Eine Umfrage ergab, dass drei von Vieren sagen: Ich sehe rot, wenn der andere nie zuhört. Ist der Partner nicht ganz Ohr, glauben 85 Prozent, dass er kein Interesse hat an dem, was man sagt. Die Zeitung mal runterlegen, wenn der andere etwas sagt. Oder im Gang stehen bleiben, sich dem anderen zuwenden und ihn anblicken und so signalisieren: Ich höre dir zu.
 
Ich rede gut über dich: Kaum etwas ist so beliebt und dennoch so gefürchtet wie das Lästern. Die Folge ist, dass viele zu Recht Angst um ihren guten Ruf haben, weil andere über ihn oder sie herziehen könnten. Lästern ist eine schlimme Untugend. Haben wir doch mal den Mut, wenn andere über jemanden schlecht reden, ganz bewusst auch etwas Gutes von diesem Menschen in die Runde zu werfen.
=> Den anderen zusichern: Ich rede gut über dich.

Das ist unsere Berufung:
Bei der Kindertaufe spricht der Taufspender über das Kind:
„Der Herr lasse dich heranwachsen … er öffne dir Ohren und Mund, dass du sein Wort vernimmst und den Glauben bekennst, zum Heil der Menschen und zum Lobe Gottes.“  (aus dem Taufritus)

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn, das dürfen wir uns zum Abschluss auf der Zunge zergehen lassen: Unser aller Lippen wurden berührt und gesegnet, damit unsere Worte „zum Heil der Menschen und zum Lobe Gottes“ gesprochen werden. Welch‘ schöne Berufung, wie viel Energie und Ärger können wir uns sparen, wie viel Heil wird es geben, wenn wir nur das sprechen, was dem Heil der Menschen und zum Lobe Gottes dient.
Amen.


Die biblischen Grundlagen der göttlichen und menschlichen Barmherzigkeit

Benediktinerabtei zum Heiligen Kreuz                                  28. Februar 2016
Kloster Scheyern

Predigt: Prof. Dr. Theo Seidl

                                                           Dtn 15,7-11; Tit 3,3-8; Mt 18,23-35

 Die biblischen Grundlagen der göttlichen und menschlichen Barmherzigkeit

 

1. “Der Name Gottes ist Barmherzigkeit“ –  diesen Titel des Papstbuches zum Hl. Jahr wiederholte Abt Markus mehrfach in seiner ersten, einführenden Fastenpredigt. Um das Motto des Papstes ein wenig zu präzisieren: „Barmherzigkeit“ ist kein Gottesname. Vielmehr gilt: Das Adjektiv „barmherzig“ bezeichnet eine der vielen Eigenschaften und Attribute Gottes, die gläubige Menschen Gott zuschreiben, und zwar in allen drei Buchreligionen: In der Hebräischen Bibel stellt sich der Gott Israels dem Mose bei der Beschriftung der Gesetzestafeln auf dem Sinai mit der sog. Gnadenformel vor: „Jahwe ist ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig, reich an Huld und Treue“ (Ex 34,6). Der jüdische Religionsphilosoph Philo von Alexandria, ein Zeitgenosse Jesu, bezeichnet die Barmherzigkeit als dritte Grundkraft der göttlichen Weltlenkung neben seiner schöpferischen und königlichen Kraft. Diese Grundlegung der hebräischen und jüdischen Welt hat die christliche Gottesvorstellung unverkürzt übernommen, ebenso und sehr deutlich der Islam: Der Koran beginnt ja mit „Im Namen Gottes, des Barmherzigen, des Erbarmers ….“ und widmet die ganze 55. Sure mit dem Beinamen „Der Barmherzige“ dieser Eigenschaft Gottes.

Barmherzig und Barmherzigkeit sind demnach wichtige, Religionen umspannende und Religionen verbindende Umschreibungen für Gottes Handeln an den Menschen.

Meine Aufgabe ist heute zu zeigen, wie unsere Bibel, AT und NT, das Sprechen vom barmherzigen Gott und von der menschlichen Barmherzigkeit versteht und was sie mit dieser Bezeichnung unserem Glauben und Handeln vermitteln will.

2. Wir fragen zuerst: Was verstehen wir unter Barmherzigkeit und welchen Wortschatz hat die Bibel dafür?

Barmherzigkeit ist „die freie und nicht geschuldete, liebend-vergebende Hinwendung Gottes zu seinem Geschöpf, … die Ausprägung seiner Liebe und damit der Gnade verwandt. Die Barmherzigkeit Gottes zeigt sich in seiner Zuwendung zu den Elenden und Armen, in seiner Nähe zu den Gebrochenen, in seiner verzeihenden Huld den Sündern gegenüber, als Geneigtheit und wirkmächtige Zugewandtheit für den, der diese nicht verdient“ (LThK 2,15).

Wichtig an dieser Definition der göttlichen Barmherzigkeit ist, dass sie ein freies, ungeschuldetes Handeln Gottes ist und dass sie dem immer schuldigen, stets fehlbaren Menschen ohne eigenes Verdienst als freie Gabe Gottes, als sein gnädiges Erbarmen zukommt.

Viel plastischer und konkreter als diese Definition sind die biblischen Ausdrücke für das, was wir „barmherzig“ und „Barmherzigkeit Gottes“ nennen. Aus dem reichen Wortschatz der Bibel dafür wähle ich nur je ein Beispiel aus dem Hebräischen, Griechischen und Lateinischen aus, die uns vor Augen führen können, wie anschaulich die Bibel von Gottes Barmherzigkeit redet.

- Dem hebräische Wort für Barmherzigkeit rachamim liegt rächäm zugrunde, und das ist die Bezeichnung für das Organ der Gebärmutter, für den weiblichen Mutterschoß. Er ist der Inbegriff von Geborgenheit, Schutz, Ausstattung für das Leben und die frühe Lebenserhaltung. Diese mütterlich-fraulichen Komponenten werden mit der Bezeichnung rachamim, rachum Gott zugeschrieben: Er ist in seinem Handeln an uns einer guten Mutter zu vergleichen; er ist ebenso bergend, schützend aufnahmebereit und natürlich verständnisvoll für menschliches Versagen und bedingungslos verzeihend.

- Das Griechische des NT verwendet für Gottes barmherziges Handeln das Verb splanchnízesthai und das ist abzuleiten von splanchná = Eingeweide; Herz, Lunge, Leber: Nach der antiken Anthropologie Sitze und Träger menschlicher Gefühle und Emotionen. Barmherzigkeit ist also ein emotionales, von Gefühlen geleitetes Handeln. Es beschreibt das, was uns bis ins Mark erschüttert, anrührt, bewegt und von dieser inneren Erschütterung ausgelöst nach außen kommt und das Handeln bestimmt. Barmherzigkeit ist von dieser Wortbestimmung her die emotionale Kraft, die unsere Ratio überwältigt. Ich verwende ungern das Modewort „Bauchgefühl“, aber für das, was die Bibel als barmherziges Handeln bezeichnet, ist dies durchaus eine zutreffende Umschreibung.

Die Bibel schreibt also Gott Gefühle zu, starke Gefühle, wenn er an uns barmherzig handelt.

- Das lateinische Wort für „barmherzig“ hat unser deutsches Verständnis von Barmherzigkeit maßgeblich geprägt: misericors; es heißt wörtlich: „Das Herz bei den Armen haben“. Und diese Haltung und Eigenschaft trifft ganz besonders auf den Gott des Alten Testaments zu, der im Gesetz und in den Propheten, in der Weisheitsliteratur, besonders in den Psalmen als Anwalt der Armen auftritt, an ihrer Seite steht, ihre Rechte vertritt und so den Mächtigen und ihrer Ausbeutung der Armen widersteht. Als Gott, der sein Herz bei den Armen hat, wird er auch im „Magnificat“ beschworen und gerühmt: „Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen“(Lk 1,52).

Barmherzigkeit ist in der Bibel auch die Kraft, die Gottes Zorn im Zaum hält, ihn bändigt, die Kraft, die Gottes Gerechtigkeit und sein Erbarmen im Gleichgewicht hält und, wenn es zugunsten der Menschen geschehen muss, die seinen göttlichen Zorn sogar besiegt.

Die Jona-Erzählung bringt uns diesen emotionalen Gott besonders nahe: Jona muss selbst erst langsam lernen, als Prophet des Zornes Gottes mit dem gnädigen, barmherzigen Gott zu leben, der sich der vielen Menschen in Ninive und sogar des lieben Viehs erbarmt und sein Strafgericht nicht vollzieht.

Zusammengefasst: Mit „barmherzig“ und „Barmherzigkeit“ spricht die Bibel Gott Gefühle zu, menschliche Gefühle und wirkt damit einem einseitig strengen und einem verengten Bild eines nur gerechten Gottes entgegen. Der Höhepunkt des barmherzigen Handelns Gottes mit uns Menschen ist die Menschwerdung seines Sohnes, der unser Menschsein voll angenommen hat und so unser Retter geworden ist; trefflich zusammengefasst ist dieses höchst barmherzige Handeln Gottes im programmatischen Satz des Nikodemusgesprächs: „So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn dahin gab, damit alle, die an ihn glauben nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben“ (Joh 3,16).

3. Wir haben gesehen und längst bemerkt: Wie alles, was wir von Gott aussagen, kommt auch die Bezeichnung „barmherzig“ für Gott aus dem menschlichen Bereich, kommt von unseren Erfahrungen und Erwartungen, dass Menschen einander Barmherzigkeit, Gunst gewähren, Gnade vor Recht ergehen lassen. Ohne diese grundlegende zwischenmenschliche Erfahrung gibt es kein Sprechen vom barmherzigen Gott. Und vielleicht ist das Gottesbild durch die Jahrhunderte so einseitig streng und strafend geraten, weil Menschen einander so selten gnädig und barmherzig begegnen, vielmehr meist Gewalt anwenden und Vergeltung üben.

Bemerkenswerte Beispiele, wie Menschen einander barmherzig behandeln, hat die Bibel genug. Ich führe nur drei an:

- In der Jakobsgeschichte der Genesis beeindruckt, wie Esau seinem Zwillingsbruder Jakob, der ihn nach Strich und Faden betrogen, ihn um Erstgeburtsrecht und –segen gebracht hat, wieder- begegnet: Nicht mit Vergeltung und Rache, sondern angerührt von Jakobs großer Familie mit Gunst und Versöhnung (Gen 33).

- Das mosaische Gesetz kennt, wie wir in der ersten Fastenpredigt gehört haben, den Schuldenschnitt des Jobeljahres, in dem Schulden erlassen und mit Grundschuld belasteter Besitz wieder an seinen Eigner zurückfällt. Heute hörten wir in der Lesung, wie sogar einem Missbrauch der Jobeljahr-Bestimmung vorgebeugt wird: Weil im Jobeljahr aus Schulden Spenden werden, könnte man in der Nähe des Erlassjahres einem plötzlich verarmten Mitbürger Pfand und Kredit verweigern. Darum wird eingeschärft: „Öffne deinem notleidenden Bruder (auch dann) die Hand“ (Dtn 15,7-11). 

- Das Gleichnis vom „Schalksknecht“, als Evangelium gehört, lehrt uns anschaulich, dass wir die Barmherzigkeit Gottes, die uns immer wieder geschenkt ist, an die Mitmenschen weitergeben sollen, ganz nach dem Jesus-Wort: „Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist“ (Lk 6,36).

4. Wir nehmen den Impuls dieses Gleichnisses auf und fragen: Wie können wir einander Barmherzigkeit erweisen? – nicht nur im Hl. Jahr, sondern als ständige, das Leben und unseren Umgang bestimmende Haltung, wie dies auch die erste Fastenpredigt angeregt hat? Wo und wie könnte es angezeigt sein, Gnade vor Recht ergehen zu lassen?

Das könnte geschehen, wenn wir den ersten Schritt zur Versöhnung tun, wenn wir über unseren Schatten springen und jahrelang schwelende und alle belastende Feindschaften in Familie, Verwandtschaft, Nachbarschaft beenden.

Das könnte gerade jetzt und ganz aktuell geschehen, wenn wir den Flüchtlingen und Asylsuchenden, die zu uns kommen,  nicht abweisend, nicht voller Vorurteile oder gar mit Hass begegnen, sondern offen und dabei unser Herz und unsere Gefühle sprechen lassen: Diese Menschen sind schuldlos in diese Situation geraten. Lassen wir unser Mitleid mit ihnen über unsere rechtlichen und politischen Bedenken und über unsere Ängste siegen.

5. Ich füge noch ein persönliches Anliegen an: Wenn Rom ein Jahr der Barmherzigkeit anordnet und ausruft, ist es wohl angebracht, kritisch zu fragen: Ist auch die Institution der römischen Kirche fähig zur Barmherzigkeit? Als kritisch Glaubende haben wir sehr wohl das Recht zu fragen und zu klagen: Wo ist die Barmherzigkeit der römischen Kirche gegenüber den Kirchen der Reformation, gegenüber den wiederverheiratet Geschiedenen, gegenüber den verheirateten Priestern, gegenüber den sexuellen Minderheiten unter den Menschen? Bei all diesen delikaten Bereichen kann ich mich des Eindrucks nicht verwehren, dass in unserer Kirche immer noch das Recht vor der Gnade steht.

Da tröstet mich immer eine Beischrift auf einem der Fürstenbilder in der Scheyerer Kapitelkirche. Auf ihr spricht der bayerische Herzog Otto II., der Erlauchte; er ist im 13. Jh.  als Parteigänger Kaiser Friedrich II. im Kirchenbann gestorben; ein kirchliches Begräbnis wurde ihm deshalb verweigert; aber die Scheyerer Mönche gewährten es ihm. Die Inschrift lautet: Roma parens ligavit, sed Schyra mater in sacrum nos tumulum gratiose indidit  – „Rom, die „Rabenmutter“ hat mich (uns) gebannt, aber Scheyern, die (wahre) Mutter hat mich (uns) gnädig (sprich: barmherzig) ins (kirchliche) Grab aufgenommen“.

Die Kirche vor Ort, unsere Orts- und Pfarrgemeinde, die eigentliche, wirkliche Kirche, wird – da bin ich überzeugt – immer nach dem Grundsatz der Bibel handeln und entscheiden: „Barmherzigkeit will ich, nicht Schlachtopfer, Gotteserkenntnis statt Brandopfer“ (Hos 6,6, vgl. Mt 9,13;12,7).

 

Theo Seidl

 

 


„Das Heilige Jahr der Barmherzigkeit“

Benediktinerabtei zum Heiligen Kreuz                       21. Februar 2016
Kloster Scheyern

Predigt: Abt Markus Eller OSB

Fastenpredigt                                                           L: Lev 25, 8-19                                                                                                                Ev: Lk 9,28b-36


Liebe Schwestern und Brüder!

Unser Papst Franziskus hat im März letzten Jahres ein „Heiliges Jahr der Barmherzigkeit“ ausgerufen und es am 8. Dezember 2015 feierlich eröffnet. Schon die Ankündigung wie auch das Öffnen der heiligen Pforte fand bei den Medien Beachtung und wurde damit in alle Welt übertragen. Manche Menschen werden sich gefragt haben: Was ist ein heiliges Jahr und was hat es mit einer heiligen Pforte auf sich? Vielleicht wurden Sie von Menschen aus Ihrer Umgebung, die nicht zur katholischen Kirche gehören oder ihr nicht nahe stehen, danach gefragt. Oder Sie haben sich auch selber die Frage gestellt: Woher kommt das, ein heiliges Jahr und wie ist diese Tradition überhaupt entstanden? So sei am Anfang der Fastenpredigtreihe zum Thema „Barmherzigkeit“ in diesem Jahr zunächst einmal ein Blick in die Kirchengeschichte erlaubt.

Heilige Jahre gibt es in der Tradition der Katholischen Kirche seit dem Jahr 1300. Papst Bonifatius VIII. hat damals das Jubiläum der Geburt Christi zum Anlass genommen, ein Jubeljahr auszurufen, und es sollte in Zukunft alle 100 Jahre stattfinden. Der konkrete Anlass für die Einführung eines Jubeljahres scheint aber die Volksfrömmigkeit gewesen zu sein. Eine Quelle berichtet davon, dass am 1. Januar des Jahres 1300 unheimlich viele Menschen in die Peterskirche geströmt sind, um einen vollkommenen Ablass zu gewinnen. Auch wenn die Frage eines vollkommenen Ablasses den meisten Menschen, auch den Gläubigen, heute fremd ist, so wird man vielleicht doch verstehen, dass der Wechsel in ein neues Jahrhundert für Menschen schon etwas Besonderes darstellte und sie damit besondere Hoffnungen und Erwartungen verbanden. Wir alle waren in dieser Hinsicht vor 16 Jahren sogar Zeugen eines Jahrtausendwechsels. Das hat uns doch auch bewegt.

Bereits im Jahr 1345 wurde die Wiederkehr eines Heiligen Jahres durch Clemens VI. auf 50 Jahre festgelegt, 1389 durch Papst Urban VI. auf 33 Jahre (nach dem Lebensalter Jesu). Papst Paul II. verfügte, dass ab dem Jahr 1475 alle 25 Jahre ein heiliges Jahr zu begehen sei, damit jede Menschengeneration wenigstens ein Heiliges Jahr feiern könne.
So wie das turnusgemäße Heilige Jahr zweimal ausgefallen ist (1800, Tod des Papstes in französischer Gefangenschaft, und 1850, der Papst war wegen der republikanischen Revolution aus Rom geflohen), so gab es ab dem Jahr 1500 auch außerordentliche Heilige Jahre aus bestimmten Anlässen oder zu einem bestimmten Thema. Aus dem Jahr 1500 ist übrigens auch erstmals eine feierliche Hammer-Zeremonie überliefert, mit der eine eigens dafür vorgesehene Tür geöffnet wurde.
Auf diese Tradition der außerordentlichen Heiligen Jahre hat nun Papst Franziskus zurückgegriffen. Der konkrete geschichtliche Anlass war für ihn der 50. Jahrestag des Abschlusses des Zweiten Vatikanischen Konzils am 8. Dezember 1965.

Ich selber kann mich noch gut an das Heilige Jahr 1975 erinnern, als im Fernsehen die Öffnung der Heiligen Pforte übertragen wurde, wobei Papst Paul VI. fast von einem herabfallenden Putzteil getroffen wurde. Dieses heilige Jahr habe ich aber auch deshalb noch in Erinnerung, weil sich damals mein Opa in den Kopf gesetzt hatte, im Alter von 75 Jahren zusammen mit zwei gleichaltrigen Freunden mit einem Pilgerzug nach Rom aufzubrechen.
Diese Fahrt nach Rom muss meinen Opa tief beeindruckt und bewegt haben, denn bis zu seinem Tod 14 Jahre später, hat er immer und immer wieder von seiner Romfahrt im Heiligen Jahr 1975 erzählt.

Als sich meine Eltern einige Jahre später auch zu einer Pilgerfahrt nach Rom entschlossen haben, gab er ihnen einen ganz praktischen Rat mit auf die Reise: „Nehmst a Greicherts mit, denn wos G’scheits zum Essen gibt’s do drunt net!“ Mit der italienischen Küche konnte er sich anscheinend nicht so recht anfreunden, aber trotzdem war es für ihn immer ein Erlebnis.

Erlebnisse prägen das Leben von uns Menschen positiv wie negativ und Erlebnisse können sich uns Menschen auch einprägen, tief einprägen. Es gibt Erlebnisse, deren Bedeutung uns oft erst im Nachhinein so richtig bewusst wird und die unser Leben auch verändern können.

Von einem solchen Erlebnis haben wir gerade im Evangelium gehört. In der Verklärung verändert sich das Aussehen Jesu. Sein Gesicht wird anders und seine Kleider werden leuchtend weiß. Außerdem wird von einer Stimme berichtet, die etwas preisgibt über diesen Jesus: Dieser ist mein auserwählter Sohn, auf ihn sollt ihr hören. Egal, was diese Jünger genau gehört und gesehen haben, es war ein Erlebnis. Es war ein Erlebnis, das ihre Sicht auf Jesus wohl verändert hat. Sie erfahren, sie ahnen etwas von seinem Ende. Auf der einen Seite scheinen sie diesem Jesus näher gekommen zu sein, auf der anderen Seite hat er sich von ihnen irgendwie entfernt. Das war nicht ihre Welt. Das war ein Blick in eine ganz andere Welt.

Unsere Welt, in der wir leben, ja die ist eine ganz andere und darüber könnten wir wohl auch viel erzählen. Haben Gotteserfahrungen, solche Gotteserfahrungen, in unserer Welt überhaupt noch Platz? Edith Stein wird der Satz zugeschrieben: Wer die Wahrheit sucht, sucht nach Gott, ob es ihm bewusst ist oder nicht. Es gibt sie also die Gotteserfahrungen. Es gibt sie in unserer Welt und in unserer Zeit, auch wenn sie uns nicht immer gleich bewusst sind.

Papst Franziskus hat im Zusammenhang des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit gesagt: Der Name Gottes ist Barmherzigkeit! Damit verweist er auf viele Stellen in der Bibel, wo es um gelebte Barmherzigkeit im Namen Gottes und im Namen Jesu geht.
Er hat damit auch auf die Stelle aus dem Buch Levitikus verwiesen, die wir in der Lesung gehört haben und die auch einen Zusammenhang zur Tradition der Heiligen Jahre in der katholischen Kirche herstellt. Vielleicht haben sie es noch im Ohr:hren Erklärt das fünfzigste Jahr für heilig und ruft Freiheit für alle Bewohner des Landes aus. Es gelte euch als Jubeljahr. Jeder von euch soll zu seinem Grundbesitz zurückkehren, jeder soll zu seiner Sippe heimkehren.

Das sog. Jobeljahr (=Erlassjahr), von dem unser Begriff des Jubeljahres stammt, ist eine Art Schuldenschnitt, um einen Begriff aus der Welt von heute zu nehmen. Er ist von Zeit zu Zeit angesagt, um den Namen Gottes erfahrbar zu machen und Menschen einen neuen Anfang zu ermöglichen. Interessant finde ich, dass es die Idee vom Schuldenerlass und Schuldenschnitt bis heute im wirtschaftlichen Denken gibt, auch wenn er sehr umstritten ist.

Heilige Jahre haben und hatten immer mit einer Art „persönlichen Schuldenschnitt“ zu tun, um Menschen einen neuen Anfang zu ermöglichen oder sie einfach zu einem neuen Anfang zu ermutigen. Das Heilige Jahr der Barmherzigkeit thematisiert diese Erfahrung, die es nicht nur gab oder gibt, sondern die es im Leben von Zeit zu Zeit immer wieder braucht.

Der Name Gottes ist Barmherzigkeit. Das gilt nicht nur für dieses Jahr und das gilt auch nicht nur, wenn von Barmherzigkeit die Rede ist, sondern das gilt immer und weit darüber hinaus. Lässt sich fragen, warum es dann so etwas gibt, wie ein Heiliges Jahr der Barmherzigkeit. Ich möchte es jetzt nicht einfach erklären, warum das so ist oder so sein könnte. Ich möchte es vielmehr ein Stück erfahrbar machen mit einer Geschichte, die ich in der letzten Woche in einem Begleiter zur Fastenzeit gefunden habe:

Gott ist überall. Und Gott ist überall der Gleiche. Das sagte der Rabbi Kuk seinen Schülern immer wieder. Wenn ihm die Arbeit in Jerusalem aber zu viel wurde, zog er sich zum Gebet in die Wüste zurück. Seine Schüler fanden das sehr merkwürdig. Eines Tages fragten sie ihn deshalb kritisch: Rabbi, du hast uns doch gesagt: Gott ist überall. Und Gott ist überall der Gleiche. Warum gehst du dann zum Beten in die Wüste, wenn Gott doch überall ist? Darauf sagte Rabbi Kuk: Ihr habt Recht: Gott ist überall und Gott ist überall der Gleiche. Aber ich, ich bin nicht überall der Gleiche. Deshalb gehe ich zum Beten in die Wüste.

Heiliges Jahr – jedes Jahr
Der Name Gottes ist Barmherzigkeit immer und überall – Aber wir, liebe Schwestern und Brüder wir sind halt auch nicht immer und überall die Gleichen.


Predigt zur Beerdigung von fr. Wunibald

Benediktinerabtei zum Heiligen Kreuz                       29. Januar 2016
Kloster Scheyern

Beerdigung fr. Wunibald

Zelebrant und Predigt: Abt Markus Eller OSB

                                                                        L: 1 Kor 12, 1.4-11
                                                                      Ev: Mk 3,31-35

Jetzt bist Du wieder ganz der Alte. So sagen wir zueinander, wenn wir am anderen Eigenschaften und Wesenszüge wieder entdecken, die für ihn so bezeichnend und typisch sind, dass wir auch von Erkennungsmerkmalen sprechen.

Bei dieser Redewendung vom Altsein spielt das Lebensalter keine Rolle, jeder Mensch, auch junge Menschen, können in diesem Sinne plötzlich ganz die Alten sein.

Als fr. Wunibald am Donnerstag vor einer Woche aus der Reha-Klinik Kipfenberg in unser Kloster zurückkehrte, da war er ganz und gar nicht mehr ganz der Alte. Die Folgen des Schlaganfalls, den er im November erlitten hatte, waren schwerwiegend. Fr. Wunibald war ganz auf Pflege angewiesen. In den Tagen nach seiner Rückkehr blitzten in seinem Angewiesensein und seiner Bedürftigkeit immer auch der Schalk durch, den wir von ihm kannten. So entgegnete er unserem fr. Kilian auf seinen Wunsch für eine gute Nacht: „Angenehmes Flohbeißen!“. Ja, das war unser fr. Wunibald, wie wir ihn kannten. Er war nicht einfach der Pflegefall, sondern es war fr. Wunibald, der jetzt auf Pflege angewiesen war.

Ein großes Repertoire an Sprüchen und Witzen gehörte untrennbar zu seinem Leben. Am Mittwochabend bei der Rekreation haben wir einige davon zusammengetragen und wir werden es sicher in der nächsten Zeit immer wieder tun.
Ich selber musste in der letzten Zeit hin und wieder an einen Witz denken, den er oft um die Weihnachtszeit zum Besten gegeben hat: Ein Dominikaner und ein Jesuit unterhalten sich darüber, warum das Jesuskind in der Krippe gelacht habe. Der Dominikaner erklärte dem Jesuiten: Das Jesuskind machte die Augen auf, blickte nach rechts und sah den Esel, es blickte nach links und sah den Ochsen. Es schloss die Augen, lachte und dachte: Das also ist die Gesellschaft Jesu! Das ist eigentlich ein Insider-Witz, denn die Jesuiten bezeichnen sich als Gesellschaft Jesu, als Societas Jesu (SJ).

Die Gesellschaft Jesu, das sind aber nicht nur die Jesuiten, sondern zur großen Gesellschaft Jesu gehören alle Menschen, die sich diesem Jesus in irgendeiner Weise verbunden fühlen und für die er in ihrem Leben eine Rolle spielt.
Gerade haben wir im Evangelium gehört, wie Jesus die Zugehörigkeit zu seiner Gesellschaft, zu seiner Gemeinschaft definiert: Wer den Willen Gottes erfüllt, der ist für mich Bruder, Schwester und Mutter. Es war der Evangelienabschnitt, der am vergangenen Dienstag, an seinem Sterbetag, in den Gottesdiensten vorgelesen wurde.

Ich denke, so gesehen gehörte auch fr. Wunibald zur Gesellschaft Jesu, auch wenn er 1951 in unsere Benediktinerabtei in Scheyern eingetreten ist. Irgendetwas hat den jungen Michael Klebl ja umgetrieben, zu suchen und zu fragen, worauf es im Leben ankommt, was der Sinn des Lebens ist und wo in seinem Leben der Wille Gottes sich erfüllen kann.

22 Jahre durfte ich fr. Wunibald kennen und auch immer wieder auf eine andere Art und Weise kennenlernen. Ich getraue mir jetzt zu sagen, dass er manchmal schon eine harte Nuss gewesen ist. Wenn er sich mal etwas in den Kopf gesetzt hatte, wenn er von etwas überzeugt war, dann konnte man ihn nicht so einfach davon abbringen. Es gab aber immer wieder auch Momente, wo ein weicher, ein sehr weicher Kern in ihm sichtbar und spürbar wurde, weil ihn Begebenheiten, Nachrichten und Schicksale anderer Menschen sehr bewegt haben, oft über Jahre hinweg.
 
Zur Gesellschaft Jesu, wie sie Jesus selber haben möchte, gehören ganz verschiedene Menschen, manche stehen uns näher, andere ferner. Es sind Menschen, die wir mögen oder auch nicht. In der Gesellschaft Jesu geht es manchmal recht bunt zu, so dass es manchem auch zu bunt werden kann. In der Gesellschaft Jesu werden Menschen einander auch als  Ochs und Esel ansehen oder gar betiteln. Wir sind aber trotzdem einander Brüder, Schwestern, Mutter, wenn wir nicht aufhören nach dem Willen Gottes zu suchen und zu fragen.

Das Leben von fr. Wunibald weist uns aber noch auf ein anderes wichtiges Kennzeichen der Gesellschaft und Gemeinschaft Jesu hin: Wir sind begabte Menschen. Wir haben alle unsere Begabungen. In der Lesung aus dem ersten Brief des Apostels Paulus an die Korinther haben wir von den Charismen, den Geistesgaben gehört, mit denen Menschen ausgestattet und befähigt sind. Zu dem, was Paulus in seinem Brief aufzählt, müsste man noch viele handwerkliche Begabungen und Fähigkeiten hinzufügen.

Unser fr. Wunibald war gerade in dieser Hinsicht ein sehr begabter und geschickter Mensch. Vieles hat er sich selber beigebracht. So hat er in unserem Kloster auch ganz verschiedene Tätigkeiten ausgeübt. Er hat als Bäcker und als Fischer gearbeitet, seit 1972 war er Imker. In seinem Personalakt hat er noch selber hinzu geschrieben: „Seit Mai 2013 Kirchenmaler“. Bei der Renovierung der Seitenschiffe hat er sich einfach angeboten, ist mit seinen 80 Jahren auf das Gerüst gestiegen und hat beim Abkratzen geholfen. Schließlich entdeckte er auch seine Liebe zum Vergolden. Eine Begabung darf hier an diese Stelle nicht vergessen werden, seine Fähigkeit, Uhren wieder zum Leben zu erwecken und damit zum Laufen zu bringen.

Jetzt ist er wieder ganz der Alte könnten wir unsere Erinnerungen zusammenfassen und dabei ganz übersehen, dass ihm das Leben in den letzten Jahren immer mühsamer und schwerer wurde. Das Alter wurde spürbarer. Er hörte schlecht, er wurde aber vor allem von Schmerzen in den Beinen geplagt, und keine ärztliche Kunst konnte ihm so richtig helfen. Das hat ihn sehr verdrossen, und er hat ganz offen darüber gesprochen, sterben zu wollen.
In der Nacht vom 10. auf den 11. November schlug ein schwerer Schlaganfall noch ein ganz anderes Kapitel in seinem Leben auf, das zu seinem letzten wurde.

Fr. Wunibald hatte mit einer Patientenverfügung Vorsorge getroffen. Auch wenn die Richtung klar war: „Keine lebensverlängernden Maßnahmen“, so galt es doch viele kleine und größere Entscheidungen zu treffen, auch die, ob wir ihn zusammen mit der Caritas Sozialstation in unserem Haus entsprechend pflegen und betreuen können.
Wenn ich auf diese letzten sechs Tage seines Lebens schaue, dann hoffe und glaube ich dass wir es richtig gemacht haben. Er hat gemerkt, dass er wieder zu Hause ist, dass er in seiner Zelle ist, so dass er schließlich ganz heimgehen konnte.

Nun steht der Sarg mit dem, was an fr. Wunibald sterblich war, genau da, wo bis vor wenigen Wochen die Krippe mit dem lachenden Jesuskind stand. Jetzt kann fr. Wunibald noch einmal nach links und nach rechts schauen. Die Krippenfiguren sind längst verschwunden, aber die Gesellschaft Jesu in Scheyern ist da: Wir, seine Mitbrüdern, seinen Verwandten und alle, die ihm heute das letzte Geleit geben.
Jetzt ist er auf der einen Seite wieder ganz der Alte und doch auch ein ganz Neuer. Er gehört zu dem Teil der Gesellschaft Jesu, der uns alle einen Schritt voraus ist: Er hat das Ziel seines Lebens erreicht. 

So möchte ich schließen mit dem, was er in seinem Gesuch für die Zulassung zum Noviziat geschrieben hat. Es ist mein Wunsch, dass ich ein guter Laienbruder im Kloster Scheyern werden kann, damit ich eine glückliche Sterbestunde erlange und nach dem Tode ewig glückselig werde. Ich will das Leben gut benützen, denn dasselbe vergeht wie ein Traum. Ich bitte mein Verlangen zu prüfen.

Lieber fr. Wunibald, jetzt vertrauen wir Dich dem an, der prüfen wird. Wir vertrauen Dich aber auch dem an, der heilen wird, was verwundet ist.


Zukunftswerkstatt

Benediktinerabtei zum Heiligen Kreuz                       6. Januar 2016
Kloster Scheyern                                                        L: Jes 60,1-6
                                                                                  Ev: Mt 2,1-12

Zelebrant und Predigt: Abt Markus Eller OSB

Erscheinung des Herrn 2016         Zukunftswerkstatt   

Liebe Schwestern und Brüder!

Zukunft ist nicht nur ein schönes Wort, sondern Zukunft weckt Interesse und Aufmerksamkeit. Zukunft hat etwas mit Phantasie zu tun und lädt zum Träumen ein. Von der Zukunft zu sprechen und an die Zukunft zu denken ist etwas, was uns Menschen ausmacht und auch auszeichnet. An die Zukunft zu denken und von der Zukunft zu sprechen, gehört zum Wesen des Menschen, es gehört zum Leben. Wer aufhört, an die Zukunft zu denken und von ihr zu sprechen, der hört auch irgendwie auf zu leben.

Manche Rede von der Zukunft ist sprichwörtlich geworden, wie etwa der folgende Ausdruck: Das steht in den Sternen! Sterne sind das Entfernteste, was wir sehen, aber nicht fassen und greifen können. Sterne weisen über den eigenen Horizont hinaus und zeigen uns damit gleichzeitig, dass Leben und Dasein mehr ist als das, was wir wissen, planen und schaffen. Wenn etwas oder wo etwas in den Sternen steht, dann ist damit ein Kennzeichen der Zukunft mitbedacht und mitgenannt, nämlich dass Zukunft immer auch unsicher und ungewiss ist, weil Zukunft nicht automatisch und gleich auf die Gegenwart folgt.

Das steht in den Sternen! Ob die Menschen, von denen das Evangelium heute erzählt hat, diese Redensart kannten, weiß ich nicht. Aber das, was wir von ihnen gehört haben, ist, dass sie nicht aufgehört haben, an die Zukunft zu denken und von der Zukunft zu sprechen. Sie haben nach der Zukunft Ausschau gehalten und versucht, die Zukunft nicht aus den Augen zu verlieren. Wie es die Geschichte beschrieben hat, war das gar nicht so leicht.

Wir wissen nicht, woher diese Menschen genau kamen und wer sie waren. Mal sind es Könige, mal sind es Magier, Sterndeuter oder einfach nur die Weisen. Wir kennen nicht ihre Lebensumstände. Wir wissen nicht, wie sie von dem „neuen König“ erfahren haben; Smartphon und Internet gab es noch nicht. Und wir wissen auch nicht, ob sie sich immer so einig waren, wie es den Anschein macht. Wahrscheinlich war es wie heute: Drei Menschen und vier Meinungen. Ich denke es wird auch Streit und Spannungen gegeben haben. Wo gehen wir jetzt hin? Welcher ist der richtige Weg?

Das steht in den Sternen!
Die Geschichte von der Zukunft und den Sternen, die wir heute gehört haben, erzählt auch davon, dass Zukunft nicht nur die Phantasie im positiven Sinne anregt, sondern dass sie auch Ängste und Befürchtungen hervorbringt.
Wir hören dieses Evangelium in einer Zeit, in der sich nicht nur drei Menschen aufgemacht haben, sondern wo sehr viele Menschen aufgebrochen sind und unterwegs sind. „Beängstigend“ viele. Viele Menschen in unserem Land und in ganz Europa fragen sich, wo das alles noch hinführen wird. Und eigentlich kann ihnen niemand eine richtige Antwort darauf geben; und wenn Antworten gegeben werden, dann sind sie meistens sehr kurz gedacht und werden wahrscheinlich noch mehr Fragen aufwerfen oder noch größere Probleme nach sich ziehen, als wie die, die sich jetzt ergeben. 

Das steht in den Sternen! Es gibt einen Begriff im Zusammenhang mit der Zukunft, der mir gut gefällt. Es ist der Begriff der „Zukunftswerkstatt“. An der Zukunft muss gearbeitet werden, sie fällt nicht vom Himmel und sie fällt uns schon gar nicht in den Schoß. Die Zukunft muss erarbeitet werden.
Das Ziel, das die Weisen heute im Evangelium erreicht haben, war ein kleines Kind. Es war ein Leben, aus dem noch etwas werden konnte, und es war ein Leben, aus dem erst noch etwas gemacht werden musste. Es war nicht fertig, es war noch offen.

Wir wissen von diesem Jesus, dass er eigentlich nie fertige Antworten oder fertige Lösungen gegeben hat, sondern dass er mit den Menschen gearbeitet hat. Er hat mit den Menschen an der Zukunft gearbeitet, die bis heute andauert. Auf der einen Seite kommen wir in den Genuss des Denkens und Arbeitens der Menschen, die vor uns gelebt, gearbeitet und geglaubt haben, und auf der anderen Seite ist es uns aufgetragen, an und in dieser Zukunftswerkstatt weiterzuarbeiten, auch wenn heute Feiertag ist und wenn wir heute ein Fest der Zukunft miteinander feiern.

An diesem „Feiertag der Zukunft“ hören wir schöne und feierliche Texte, so wie die Lesung aus dem Buch Jesaja: "Auf, werde Licht Jerusalem, denn es kommt dein Licht." Es wird eine Vision von einer Zukunft des Friedens gezeichnet, aber es ist zuallererst vom Aufmachen und vom Auftrag die Rede: Auf, werde Licht!

Es gibt in der Geschichte unseres Landes auch so eine Vision in Liedform, die Sie vielleicht kennen. Sie heißt: Über sieben Brücken musst du gehen, sieben dunkle Jahre übersteh’n, siebenmal wirst du die Asche sein, aber einmal auch der helle Schein. Auf, werde Licht!
Was die wenigsten wissen und ich bis vor ein paar Tagen auch nicht wusste: Bekannt geworden ist diese Vision durch Peter Maffay, entstanden ist sie aber 1975 in der ehemaligen DDR durch eine Gruppe namens Karat. Die durften nicht im Westen auftreten oder für deren Medien etwas einspielen. So hat es den Anschein, als stamme das Lied von Peter Maffay.

In diesem Lied wird von der Arbeit und den manchmal zwiespältigen Gefühlen im Blick auf die Zukunft gesungen:
Manchmal geh ich meine Straße ohne Blick, manchmal wünsch’ ich mir mein Schaukelpferd zurück.
Manchmal bin ich ohne Rast und Ruh, manchmal schließ ich alle Türen nach mir zu.
Manchmal greif’ ich nach der ganzen Welt, manchmal meint man, dass der Glückstern fällt.
Manchmal nimmt man, wo man lieber gibt, manchmal hasst man das, was man doch liebt.
Über sieben Brücken musst du gehen…

Wo die Zukunft in den Sternen steht, fällt sie nicht vom Himmel, sondern sie muss erarbeitet und an ihr muss gearbeitet werden in der Zukunftswerkstatt, die unser Leben ist. Deshalb:
Wie die Weisen prüfen und abwägen, beobachten und berechnen.
Wie die Weisen neugierig sein und auf der Spur bleiben, auswählen und verwerfen.
Wie die Weisen dem Stern folgen, nachfragen und auf Antwort warten.
Wie die Weisen die Ratlosigkeit der Mächtigen ertragen, unterwegs sein und ankommen.
Wie die Weisen den König suchen und das Kind finden.
Wie die Weisen nach den Sternen greifen und den Menschen finden.

Erscheinung des Herrn! Zukunftswerkstatt des Lebens und des Glaubens. Machen Sie mit?


Mit viel Liebe

Benediktinerabtei zum Heiligen Kreuz                       1. Januar 2016, Neujahr
Kloster Scheyern                                                        L: Num 6,22-27
                                                                                  Ev: Lk 2,16-21

Zelebrant und Predigt: Abt Markus Eller OSB

Neujahr 2016        Mit viele Liebe                   


Liebe Schwestern und Brüder!

Der Jahreswechsel ist eine Zäsur, die sich bei vielen Menschen vor allem auf der Ebene des Empfindens und des Gefühls abspielt. Manches konnten wir mit dem alten Jahr abschließen oder zurücklassen, anderes nehmen wir mit in dieses neue Jahr, um daran weiterzuarbeiten oder auch ein Stück weit daraus zu leben.

Einen kurzen und prägnanten Satz nehme ich aus dem alten Jahr mit ins neue Jahr, weil er mich beeindruckt hat und weil er vielleicht sogar so etwas wie ein Motto im neuen Jahr werden könnte. Diesen Satz, der mir noch gut in Erinnerung ist, fand ich auf einer Einladung zu einer Hochzeit, bei der ich die Trauung halten durfte. Er lautete: Mit viel Liebe gemacht. Dieser Satz war wie ein Stempel auf diese Einladungskarte gedruckt, fast so eine Art Gütesiegel. So war es dann auch mein Wunsch für dieses Paar, ihren weiteren Lebensweg sozusagen unter dieses Gütesiegel zu stellen: Mit viel Liebe!

Gütesiegel gibt es inzwischen viele. Gütesiegel kennen wir. „Qualität aus Bayern“ ist so eines, das wir schon aus einem gewissen Patriotismus heraus schätzen. Auf Gütesiegel achten wir. Güte hat etwas mit gut zu tun. Ein Gütesiegel steht für gute Qualität, sei es was die Herkunft, die Verarbeitung, die Inhaltstoffe oder die Zusammensetzung von Produkten betrifft. Wir achten darauf, wo es wichtig ist in unserem Leben, ob und dass etwas auch gut ist.

Liebe Schwestern und Brüder, wir wünschen uns heute alle ein gutes neues Jahr. Wir drücken mit diesem Wunsch dem neuen Jahr mit unserer Erwartung und unserer Hoffnung den Stempel des Gutseins auf. Gut soll es sein das neue Jahr, gut soll es werden! Aber was ist gut?
Was ist gut? Was ist wirklich gut? Darüber werden die Meinungen sehr weit auseinander gehen und manchmal drängt sich mir die Frage auf, ob „gut“ überhaupt noch reicht. Es ist bei vielen Wünschen oft von besser, schöner, heller, schneller, weiter, höher die Rede. Ein gutes neues Jahr oder ein besseres schöneres, schnelleres neues Jahr?

Es ist keine Frage, dass es Entwicklung und Verbesserung braucht. Was aber ist das Ziel von so vielen, ja allen Verbesserungen, die angestrebt werden? Eigentlich doch nur, dass es gut ist, dass es endlich, dass es wirklich gut ist! Oder? Vielleicht liegt im Wunsch nach stetigen Verbesserungen eine Ursache von Stress, der zu einem zweifelhaften Gütesiegel unserer Zeit und unserer Gesellschaft geworden ist und unter dem jeder auf seine Weise zu leiden hat. Vielleicht haben wir ein wenig verlernt, etwas gut sein zu lassen. Nicht in der Form, dass Menschen einfach aufhören oder aufgeben, sondern etwas gut sein lassen können, weil es gut ist, weil es wirklich gut ist.

Das Gütesiegel für das neue Jahr könnte die Güte sein. Eine besondere Form des Gutseins, so dass wir einander das Gutsein zutrauen und zugestehen und es uns auch zusagen, weil es gut ist und gut tut.

Ein paar Kriterien dieser Güte haben wir gerade in den biblischen Texten gehört. Da geht es nicht um Mindestwerte und Obergrenzen, es geht nicht um Bestandteile und Spurenelemente. Es geht ums Gut-sein und Gut- sein-lassen.
Im Evangelium erzählen die Hirten, was ihnen über das Kind gesagt worden ist. Alle staunen über die Rede der Hirten. Von Maria aber heißt es, dass sie alles, was geschehen war, in ihrem Herzen bewahrte und darüber nachdachte. Für sie war es in diesem Moment gut. Sie konnte es gut sein lassen.
Der Abschnitt aus dem Buch Numeri, den wir in der Lesung gehört haben, enthielt den sog. Aaronitischen Segen. Ein Segen ist keine Zauberformel, sondern schlicht und einfach ein gutes Wort und ein guter Wunsch. Der Herr wende sein Angesicht dir zu und schenke dir Heil. Es soll dir gut gehen, es soll dir richtig gut gehen, nicht besser. Es soll dir einfach gut gehen!

Mit viel Liebe. Das hat mit Beziehung und mit Einstellung zu tun. Wie gehe ich auf Menschen zu oder wie gehe ich Dinge an.
Mit viel Liebe. Das sind nicht bloß romantische Gefühle und es ist auch kein schwärmerisches Motto. Die Liebe macht auch aus dem Gewöhnlichen und Banalen etwas Besonderes, weil es gut ist. Die Liebe kann etwas gut sein lassen und wertschätzen, wie wir sagen.
Mit viel Liebe. Die Liebe kennt ein ICH und ein DU. Die Liebe sieht einen, aber auch einen anderen. Die Liebe ist aufmerksam auf einander in seiner ganzen Vielschichtigkeit.

Einander!

Füreinander das Brot brechen
Miteinander teilen
Voneinander nehmen.
Aufeinander hören
Zueinander kommen
Voreinander sich bücken
Einander die Hand reichen,
in die Arme schließen,
tun wie er getan hat.


Als die Güte und Menschenliebe unseres Gottes erschien. Das ist und war die Botschaft von Weihnachten, die wir heute vor einer Woche gefeiert haben.
Als die Güte und Menschenliebe unseres Gottes erschien. Das ist das Gütesiegel unseres Glaubens und könnte zum Gütesiegel unseres Lebens werden. Oder einfach ausgedrückt: Mit viele Liebe.

In diesem Sinne einfach ein gutes neues Jahr!


Was glaubst denn Du!

Benediktinerabtei zum Heiligen Kreuz                       26. Dezember 2015
Kloster Scheyern                                                        L: Apg 6, 8-10;7,54-60
                                                                                  Ev: Mt 10,17-22

Zelebrant und Predigt: Abt Markus Eller OSB

Fest des Hl. Stephanus     Was glaubst denn Du!          

Liebe Schwestern und Brüder!

Was glaubst denn Du?! Wenn Menschen so zueinander sagen, dann interessiert sie nicht unbedingt das, was der andere wirklich glaubt. Es ist keine Frage mehr, sondern ein Vorwurf. Ein Vorwurf, dass das, was andere glauben und für richtig halten, eben nicht möglich oder nicht richtig ist.
Die weihnachtlichen Tage, die wir gerade miteinander begehen, können uns diese Anfrage, oder besser gesagt, diesen Vorwurf einbringen: Was glaubst denn Du!
An Weihnachten wird unser Glaube in diesem Sinne auch auf den Prüfstand gestellt, ob das, was wir in diesen Tagen beten und singen, auch möglich und richtig sein kann.

Et incarnatus est de spiritu sancto ex Maria virgine, et homo factus est. Hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist von der Jungfrau Maria und ist Mensch geworden. Dieser Satz aus dem Glaubensbekenntnis wird in den Pastoralmessen, die für die Weihnachtstage geschrieben wurden, besonders hervorgehoben und betont. Gestern haben wir es gehört, wie gefühlvoll das hervorgehoben wurde.
Was glaubst denn Du! Glaubst Du das wirklich?

Für unsere naturwissenschaftlich geprägte Lebenseinstellung und unseren Wissenstand klingen solche Sätze wie aus einer längst vergangenen Welt oder nicht mehr von dieser Welt, sondern irgendwie vom Mond oder vielleicht sogar von hinterm Mond.
Natürlich wissen wir alle um die Vorgänge, wie Leben entsteht und was dabei vor sich geht und doch ist unser groß gewordener Einfluss auf das Leben immer noch beschränkt. Leben ist nicht nur eine Frage der Biologie oder der Medizin, sondern Leben ist und bleibt ein Geschenk. Auf Geschenke aber haben wir keinen Anspruch. Diese schmerzliche Erfahrung machen Menschen bis heute, weil sie sich vielleicht so sehr ein Kind wünschen, aber ihr Wunsch aus unerklärlichen Gründen einfach nicht in Erfüllung gehen will.

Leben ist ein Geschenk, auf das wir keinen Anspruch haben, das uns aber zum sorgsamen Umgang anvertraut ist und das sich nicht den Statistiken und Prognosen zu beugen hat. Es gibt Menschen, die dürften nach einschlägigen medizinischen Prognosen schon gar nicht mehr am Leben sein, aber sie leben trotzdem immer noch. Und dann gibt es Menschen, deren Leben trotz zuversichtlicher und positiver Prognosen schon zu Ende ist.
Was glaubst denn Du! Steht uns Leben zur freien Verfügung oder ist es uns als Geschenk und damit zu einem verantwortungsvollen Umgang anvertraut? Unterliegt Leben nur dem Gesetz der Machbarkeit und Nützlichkeit?

Auch das heutige Fest des heiligen Stephanus fragt unser Leben und den verantwortungsvollen Umgang mit ihm noch in einer anderen Weise an. Stephanus kommt wegen seines Glaubens mit anderen Menschen in Konflikt. Der Streit eskaliert, als er den Himmel offen sieht.

Wenn Stephanus für einen offenen Himmel eintritt, dann ist das keine meteorologische Frage, ob es bewölkt oder bedeckt ist, sondern der offene Himmel enthält die Frage, ob Menschen eine Chance auf den Himmel haben, also auf gelingendes Leben. Oder ob man sein Leben sozusagen für immer auch verwirken kann.

Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an. Stephanus bittet ausgerechnet nach diesem Konflikt um Vergebung und Verzeihung, nicht für sich selbst, sondern für die Menschen, die den Himmel nicht offen sehen und offen halten wollen. Der offene Himmel ist für Stephanus ein Zeichen der Barmherzigkeit.
Gibt es in unserem Leben neben der berechtigten Forderung nach Gerechtigkeit auch so etwas wie Barmherzigkeit? Gibt es neben den offenkundigen Fakten auch noch andere Entscheidungsgründe? Kennen wir nicht nur die Forderung nach Strafe und Bestrafung, sondern auch den Wunsch und die Bereitschaft zum Vergeben und Verzeihen, damit Leben trotz allem weiter gehen und gelingen kann?

Was glaubst denn Du!

Papst Franziskus hat am 8. Dezember das Heilige Jahr der Barmherzigkeit eröffnet. Dieses außerordentliche Jahr ist nicht dafür da, den Tourismus nach Rom anzukurbeln, sondern es ist dazu da, das eigene Leben mit der Brille der Barmherzigkeit anzuschauen und auf den Prüfstand zu stellen. Jeder kann nach Rom fahren und durch die Heilige Pforte gehen, aber es wird nichts bringen, wenn sich im Leben nicht etwas ändert. Die Heilige Pforte gibt es nicht nur in Rom, sondern sie ist überall dort, wo Türen wieder aufgehen, die verschlossen sind, vielleicht schon lange verschlossen waren. Die Heilige Pforte ist überall da, wo wieder ein Zugang zu einem Menschen gelingt.

Was glaubst denn Du!

Vorwürfe sind schlecht formulierte Wünsche. So stand es am Tag vor dem Heiligen Abend auf unserem Kalender. Weihnachten ist das Fest an dem viele Wünsche in Erfüllung gehen. Nach Weihnachten wird an diesen Wünschen gerne noch nachgebessert, es beginnt der Umtausch.
Vorwürfe sind schlecht formulierte Wünsche. Vielleicht könnten wir in diesen Tagen nach Weihnachten bis zum Ende des Jahres auch ein bisschen nachbessern und so manchen Vorwurf umtauschen und umwandeln in einen Wunsch, den der andere vielleicht besser oder leichter annehmen kann, ohne dass dabei ein berechtigtes Anliegen einfach unter den Tisch fällt.

Was glaubst denn Du!

Ja, was glaubst Du? Was glaube ich? Ist vielleicht doch mehr möglich, als was ich immer gerne glaube.

Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr; fremd wie dein Name sind mir deine Wege. Seit Menschen leben, rufen sie nach Gott; Mein Los ist Tod, hast du nicht andern Segen? Bist du der Gott, der Zukunft mir verheißt? Ich möchte glauben, komm mir doch entgegen.

Was glaubst denn Du!

 


In den richtigen Farben zur Welt kommen.

Benediktinerabtei zum Heiligen Kreuz                       25. Dezember 2015
Kloster Scheyern

Zelebrant und Predigt: Abt Markus Eller OSB

Weihnachten 2015     In den richtigen Farben zur Welt kommen.

Liebe Schwestern und Brüder!  

In den richtigen Farben zur Welt kommen. Dieser Satz im Radio ließ mich vor wenigen Tagen aufhorchen.

In den richtigen Farben zur Welt kommen. Was könnten das und was werden das wohl für Farben sein, die richtigen? Des Rätsels Lösung ließ nicht lange auf sich warten. Im Nürnberger Südklinikum wurde ein Kreißsaal in den Vereinsfarben des 1. FC Nürnberg eingerichtet, so dass Kinder unter dem Banner des „ruhmreichen“ Traditionsvereins geboren werden können.

Am nächsten Tag konnte man dann in der Zeitung Genaueres nachlesen: „An der Tür prangt das Vereinswappen. An den Wänden hängen Fotos von Kindern, die dem Traditionsverein schon in jungen Jahren leidenschaftlich anfeuern. Ein Schriftzug in den rot-schwarzen Vereinsfarben heißt die Neulinge auf der runden Fußballerde willkommen.“

Rot-Schwarz, das also sind die richtigen Farben. Ist hier jemand anderer Meinung? Schließlich wurde noch der Club-Vorstand zitiert: „Mit der Prägung auf die Vereinsfarben könne nicht früh genug begonnen werden.“

Übrigens diese Art der Fanwerbung ist keine Nürnberger Erfindung. Es wurde berichtet, so etwas gäbe es schon in Gelsenkirchen, Dortmund und Mönchengladbach. Schau ma mal, ob und wann andere hier vielleicht nachziehen.

Mit der Prägung kann nicht früh genug begonnen werden. Wir Menschen können geprägt werden und wir Menschen sind geprägt. Das, was uns Menschen prägt, was uns schließlich ausmacht, dazu sagen wir auch: „Das wurde uns in die Wiege gelegt.“ Das, was uns in die Wiege gelegt wurde, das ist zum einen das Wunder des Lebens überhaupt, dass wir Fähigkeiten und Begabungen sozusagen als Startkapital in unser Leben einfach mitbekommen. Auf der anderen Seite sind es auch die Einflüsse, denen ein Kind vom Augenblick der Geburt an - und auch schon davor - ausgesetzt ist. Alles das prägt einen Menschen, vielleicht wird uns in den weihnachtlichen Tagen auch bewusst, wo und wie wir aufwachsen durften oder unter welchen Bedingungen Menschen bis heute aufwachsen müssen.

Mit der Prägung kann nicht früh genug begonnen werden. An Weihnachten wird viel für diese Prägung getan und viel dafür ausgegeben. Kinder werden in diesen Tagen reich beschenkt, manchmal geradezu überhäuft, um ihnen etwas mitzugeben. Es sei heute einmal die Frage erlaubt, was das eigentlich ist, was den Kindern da mitgegeben werden soll oder wie die Kinder auf diese Weise geprägt werden sollen. Soll den Kindern gezeigt werden, dass sie bedingungslos geliebte Menschen sind? Oder ist darin schon ein Hinweis versteckt: Es wäre nicht schlecht, wenn du einen Beruf ergreifen würdest, von dem wir auch etwas haben. Ich weiß, das klingt jetzt ein bisschen böse. Aber diese Art der Prägung ist nicht nur bei Fußballvereinen nicht so ganz absichtslos.

Mit der Prägung kann nicht früh genug begonnen werden. Weihnachten ist ein Fest, das Menschen prägen kann und prägen soll, auch nicht absichtslos. Gerade haben wir es ja im Evangelium gehört: Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind. 

Wir sollen Kinder Gottes werden. Ja, sogar noch mehr: Wir sollen die Macht haben, Kinder Gottes zu sein. Was ist das für eine Macht, die Kinder Gottes haben können und sollen? Wenn wir auf die Krippe schauen, dann ist es die Ohnmacht. Es ist die Ohnmacht und die Wehrlosigkeit, das Angewiesensein und die Hilfsbedürftigkeit eines Kindes. Auf der anderen Seite ist es auch ein Lächeln, das Menschen buchstäblich entwaffnen kann.

Mit der Prägung kann nicht früh genug begonnen werden. Kinder Gottes sollen wir sein. Kinder Gottes dürfen wir sein.

Aber welche Absicht steht hinter dieser Prägung? Keine oder doch eine? Im Evangelium war es so ausgedrückt: Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, Gnade über Gnade. Ich möchte es so formulieren: Wir sollen und wir dürfen Kinder Gottes sein, weil Gott ein absoluter Fan des Lebens und ein Fan von uns Menschen ist. Ein Fan aber, ein richtiger Fan, der hält seinem Verein die Treue, die absolute Treue, in Höhen und auch in Tiefen. Wenn wir untreu sind, bleibt er doch treu, denn er kann sich selbst nicht verleugnen. So sagt es der Apostel Paulus im zweiten Timotheusbrief.

Dieser „Verein“ der Menschheit, zu dem wir alle gehören, hat die Treue Gottes sehr oft und immer wieder herausgefordert. Und wir alle sind in diesem Sinn sicher keine unbeschriebenen Blätter. Trotzdem gibt er uns immer wieder die Macht, die Kraft und vor allem die Möglichkeit, Kinder Gottes zu werden.

In den richtigen Farben zur Welt kommen. Liebe Schwestern und Brüder, nicht nur Vereine haben sich Farben als ihre Zeichen gewählt, auch politische Vereinigungen werden nach Farben eingeteilt. In der letzten Zeit wurde auf ein wichtiges Element in der politischen Farbenlehre immer wieder aufmerksam gemacht. Unsere Welt ist bunt und unser Land muss bunt bleiben, denn Gott hat sich nicht auf eine Hautfarbe beschränkt. Gott ist ein Fan aller Menschen, egal welcher Hautfarbe, egal welcher Herkunft und welcher Rasse.

Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden. Nirgendwo steht geschrieben, dass es einfach ist, ein Kind Gottes zu sein. Eines aber kann den „Verein“ der Menschen immer noch und immer wieder, nämlich verbinden. Er verbindet Menschen guten Willens, Menschen, die wirklich einen guten Willen und einen Willen zum Guten haben. Das ist ein Auftrag und das ist auch eine Forderung, damit wir die Engel nicht anders, nämlich sprichwörtlich, singen hören.

Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden.

In den richtigen Farben zur Welt kommen. Mit der Prägung kann nicht früh genug begonnen werden.

Gott weist einen neuen Weg.
Einen Weg mit den Menschen.
Einen Weg durch Höhen und Tiefen des Lebens.
Gott ist Anstoß und Wegbegleiter.
Gott ist Anstoß und Wegbegleiter in das Leben.

Wo das gelingt, da steht es 1:0 für das Leben, da steht es 1:0 für den Menschen.

Frohe Weihnachten!

 


Der Kern von Weihnachten

Benediktinerabtei zum Heiligen Kreuz                       24. Dezember 2015
Kloster Scheyern

Zelebrant und Predigt: Abt Markus Eller OSB

Heilige Nacht 2015       Der Kern von Weihnachten

 Liebe Schwestern und Brüder!                                  

Gerade haben wir die Weihnachtsgeschichte gehört, wie wir so landläufig sagen. Eigentlich ist es aber das Weihnachtsevangelium, die gute Nachricht, die gute Botschaft von Weihnachten. Für viele oder die meisten Menschen ist und bleibt es aber die Weihnachtsgeschichte. Es ist eine Geschichte, die so klingt wie die Geschichten, die folgendermaßen beginnen: Es war einmal …

Für viele Menschen klingt die Weihnachtsgeschichte wie ein Märchen. Für viele Menschen ist die Weihnachtsgeschichte ein Märchen, das mit der Realität nichts zu tun hat: Es war einmal…

Von Märchen aber heißt es, dass sie einen wahren Kern haben. Was ist also der Kern der Weihnachtsgeschichte? Was zieht sich durch alle Veränderungen, die diese Geschichte auch erlebt hat, hindurch? Was bleibt bei dieser Geschichte trotz aller Ergänzungen, Einfügungen oder vielleicht auch Entstellungen immer gleich? Es geht um ein Kind! Das Kind ist der wahre Kern der Weihnachtsgeschichte! Wir können es auch noch ein bisschen konkreter sagen: Das Leben ist der wahre Kern der Weihnachtsgeschichte! An Weihnachten geht es um das Leben, durch alle Bräuche hindurch und allem Trubel zum Trotz.

Am vergangenen Freitag hat der Pfarrkindergarten St. Martin auf unserem Klostergutshof eine sog. Stallweihnacht durchgeführt hat. Die Kinder hatten über Wochen die Weihnachtsgeschichte mit den verschiedenen Rollen eingeübt. Vor einer Woche war dann der große Tag, wo sie vor den Eltern, den Großeltern und anderen Gästen zeigen konnten, wie gut sie die Geschichte kennen.

Wie das bei Kindern halt so ist, wenn sie etwas spielen, dann kann es auf uns Erwachsene einen komischen Eindruck machen. So gab es bei dieser Stallweihnacht auch eine komische Situation, wo Erwachsene zu lachen begannen. Daraufhin sagte ein Kind ganz laut: Das ist nicht witzig! Manchen Erwachsenen blieb daraufhin das Lachen ein wenig im Hals stecken: Das ist nicht witzig!

Dieses Ausspruch des Kindes gehört für mich auch zum wahren Kern von Weihnachten und zum wahren Kern des Lebens: Es ist nicht witzig! Das bedeutet nicht, dass es in einem Leben nicht etwas Schönes, Frohes oder auch etwas Lustiges geben kann, aber witzig ist es nicht.

Auch die Weihnachtsgeschichte ist nicht witzig, auf der anderen Seite ist sie auch schön. Deshalb mögen wir sie ja auch. Die Weihnachtsgeschichte ist nicht witzig, weil uns darin das Leben vor Augen geführt wird. Ein Leben, das seinen Ernst hat und seinen Ernst braucht, weil man im Leben eben nicht so tun kann, als ob. Ein Leben ist von Entscheidungen und von Entschiedenheit gelenkt und auch getragen.

Ist Ihnen schon einmal aufgefallen wie viele Entscheidungen in dieser Weihnachtsgeschichte stecken. Entscheidungen, die das Leben verändern, seien sie nun von außen aufgezwungen oder Entscheidungen, die Menschen selber getroffen haben und treffen mussten: Der Befehl der Volkszählung, der Entschluss sich auf dem Weg zu machen, die Entscheidung die Türen nicht zu öffnen, sondern sie verschlossen zu halten, oder sich mit der Notlösung einer Geburt im Stall zufrieden zu geben. Das alles war nicht witzig und ist bis heute nicht witzig, weil es Menschen immer noch erleben und erleben müssen.

Diese Nacht, die wir gerade miteinander feiern, gehört zu den schwierigsten im Leben von Menschen. Weil der Ernst des Lebens gerade in dieser Nacht so richtig zuschlagen kann. Es kommt schmerzlich auf, wo etwas nicht geht oder nicht mehr geht, aber auch, wo etwas nicht stimmt oder nicht mehr stimmt. Das Video einer großen Lebensmittelkette hat das vor wenigen Tagen den Menschen vor Augen geführt. Manchen ist das Lachen im Hals stecken geblieben. Das ist nicht witzig. Wenn ein einsamer Opa seine Familie mit einer fingierten Todesanzeige nach Haus zwingt, weil sie sonst nicht gekommen wären.

Liebe Schwestern und Brüder, das Leben verteilt auf ganz eigene Weise Rollen, die wir spielen und manchmal auch spielen müssen, weil wir sie uns nicht ausgesucht haben. Wenn ich an die Kinder bei der Stallweihnacht denke, dann hat mich der Ernst beeindruckt, mit dem sie ihre Rollen gespielt haben. Es war mit Ernst, aber sie hatten auch Freude daran.

Der letzte Satz bei der Stallweihnacht lautete: Jetzt habt ihr gehört, jetzt habt ihr gesehen wie alles begann. Seid nett zu einander, dann fängt Weihnachten an.

Das ist die Sprache der Kinder. Hinter diesem Nettsein zueinander steckt aber wieder der Kern von Weihnachten und der Weihnachtsgeschichte, nämlich dass wir uns mit Achtung, mit Respekt und mit Würde begegnen, dann fängt Weihnachten an.

Das ist auch mein Wunsch in dieser Nacht, dass wir das leben und auch erleben dürfen, in unseren Beziehungen und überall da, wo sich Menschen begegnen: Seid nett zueinander, dann fängt Weihnachten an. Wir haben es gehört und wir haben es gesehen. Jetzt liegt es an unseren Entscheidungen und unserer Entschiedenheit daraus Wirklichkeit werden zu lassen.

In jenen Tagen erließ Kaiser Augustus den Befehl. Der letzte Satz des Weihnachtsevangeliums lautet: Verherrlicht ist Gott in der Höhe und auf Erden ist Friede bei den Menschen seiner Gnade. Es war einmal?

Wenn ich auf das Heute schaue und ins Heute schaue, dann könnte das bedeuten, was heute auf unserem Kalender steht. Zu leben bedeutet, jede Minute geboren werden.

Der Kern von Weihnachten seit 2015 Jahren und im Jahr 2015.

 


Zeit und Ewigkeit
Gedanken zum Fest Mariä Himmelfahrt

mit Abt Markus Eller OSB

Ich freue mich immer über Postkarten, die mir andere aus dem Urlaub schicken, liebe Zuschauerinnen und Zuschauer. Sie sind mir auch lieber als Bilder, die auf dem Handy ankommen und so Grüße übermitteln. Ich selber schreibe auch gerne Postkarten. In diesen Wochen der Ferien werden die schönsten Urlaubsmotive von tausenden und abertausenden Postkarten rund um den ganzen Erdkreis getragen. Da ich selber in den letzten Wochen in Urlaub war, sind auch von mir welche dabei.

Beim Auswählen der Postkarten ist mir aufgefallen, dass es nicht nur auf den Bildausschnitt ankommt, ob eine Karte gefällt oder nicht, ob sie einen sympathischen und treffenden Eindruck vom Urlaubsort vermittelt oder eher weniger. Offensichtlich braucht es neben einem guten Motiv bei vielen Bildern vor allem auch einen entsprechenden Himmel.

Der Himmel ist wichtig, damit das entsprechende Motiv im richtigen Licht zur Geltung kommt. Postkarten mit grauem Hintergrund findet man selten. Meistens ist darauf ein strahlend blauer Himmel zu sehen. Oder der sprichwörtlich weiß-blaue Himmel. Oder ein Himmel mit der aufgehenden oder untergehenden Sonne. Jedenfalls ist auf den Postkarten meistens ein schöner Himmel vielleicht sogar manchmal ein bisschen schöner als in Wirklichkeit.

Heute feiern Christen hier bei uns in Scheyern und auf der ganzen Welt ein Fest, bei dem der Himmel auch eine entscheidende Rolle spielt: beim Fest der Aufnahme Mariens in den Himmel oder, wie wir landläufig sagen, Mariä Himmelfahrt. Dabei geht es um den Himmel und um Maria. Es geht aber vor allem um Gott, um Sie und um mich.

Obwohl es natürlich angenehmer ist, dieses Fest bei einem schönem Wetter unter unserem weißblauen Himmel zu feiern, so ist die Farbe des Himmels dafür eigentlich nicht relevant. Es geht heute nicht irgendwie um einen Raum über den Wolken. Es geht auch nicht darum, dass irgendwelche Urlaubsziele oder Landschaften gut rüberkommen. Es geht darum, was den Himmel ausmacht. Es geht um eine Wirklichkeit, in der wir leben und auf die wir uns zubewegen, um das Ziel unserer Lebensreise. Es geht auch um das, was wir sonst lieber wegschieben und woran wir im Urlaub lieber nicht denken wollen. Es geht um den Tod und das Danach. Von diesem Moment, von dieser Lebensphase, von diesem Ziel gibt es keine Postkarten und keine Bilder.

Oder doch?

Es gibt ein Bild vom Himmel, das unser Leben und unsere Wegstrecke am Übergang von dieser Welt zu Gott hin in ein besonderes Licht rückt. Dieses Bild sprengt allerdings den Rahmen von Raum und Zeit, den wir sonst um unsere kleine Wirklichkeit herumlegen. Dieses Bild vom Himmel ist ein Bild unseres Glaubens. Das Bild des Himmels steht für das, was unser ganzes Leben umfasst. Jesus Christus sagt es mit seinen Worten so: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben!" Das ist das himmlische Panorama für unser irdisches und unser himmlisches Leben: Leben in Fülle. Gibt es ein schöneres Bild für das Ankommen im Leben und das Ausruhen bei Gott?

Um die hoffnungsvolle Botschaft von der Nähe Gottes an den Übergängen unseres Lebens in Erinnerung zu rufen und um eine Hilfe anzubieten für alle, die auf der Suche sind nach himmlischen Orten mitten in unserer Welt, haben Menschen an ihren Wegen und Straßen kleine himmlische Wegmarken gesetzt. So auch hier in Oberbayern, hier in Lohwinden bei Wolnzach. Da steht eine kleine Wallfahrtskirche mitten im Grün der vielen Hopfengärten in der Holledau. Ihr Zwiebeltürmchen ist wie ein Finger, der nach oben zum Himmel zeigt, gerade als möchte er daran erinnern: Mensch, dein Leben ist nicht nur Arbeiten und Werkeln und auch nicht nur Geldverdienen und wieder Ausgeben. Heb deinen Blick vom Tellerrand und schau nach oben. Lass dich aufrichten! Schau zum Himmel! Gott hat ihn aufgespannt für dich. Lass dich von dort her ansehen. Gott schenkt dir Ansehen. Er schafft dir Raum zum Leben. Betrachte es als Geschenk. Geh gelassen deinen Weg. Bleib offen für die Spuren, die ins Weite führen. Dir steht eine Zukunft offen, die weit über diese Welt hinausreicht.

Gottes Lebensbilder mit himmlischer Perspektive zeigen viele Motive, so viele Motive, wie es Menschen gibt. Manchmal lohnt es sich, das eine oder andere Lebensbild genauer unter die Lupe zu nehmen. Das Bild heute zeigt uns eine besondere Frau. Sie steht als Patin für das heutige Fest. Es ist die Mutter Jesu, des Mensch gewordenen Gottessohnes: Maria. Ihr trauen wir zu, dass sie mit ihrem ganzen Wesen in den Himmel eingetaucht ist, dass sie an diesem Ziel des Himmels angelangt ist. Wir trauen es ihr zu, weil sie als Mutter ganz eng ihrem Sohn Jesus Christus verbunden war, der „für uns vom Himmel gekommen ist" und der wieder in diesen Himmel zurückgekehrt ist. Wir trauen es ihr zu, dass sie in diesen Himmel aufgenommen wurde und dass ihr Leben von Gott angenommen wurde, so wie es war, mit allem, was war,

Vor dem Hintergrund des Himmels werden viele Facetten ihres Lebens erst so richtig verständlich. Ihr Leben im Einklang mit dem Willen Gottes, mit allem Auf und Ab, das Eltern mit ihren Kindern durchleben, ihre Schmerzen, die sie erlitt, alle Tränen, die sie wegen ihres Sohnes Jesus Christus vergoss, sie waren nicht umsonst. Ihr Vertrauen in den Willen Gottes wurde nicht enttäuscht. So kennen wir sie. Und so lieben sie viele Gläubige und singen deswegen aus Überzeugung: „Du Frau aus dem Volke, von Gott auserseh'n, dem Heiland auf Erden zur Seite zu steh'n. Kennst Arbeit und Sorge ums tägliche Brot, die Mühsal des Lebens in Armut und Not."

Maria, aufgenommen in den Himmel: Ein Bild des Glaubens, der alle Angst nehmen kann vor dem Tod. Ein Bild der Hoffnung auf Auferstehung. Ein Bild der Liebe, die stärker ist, als der Tod.

An Mariä Himmelfahrt feiern wir Gott, Maria, Sie und ich. „Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst, des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?" So hat sich vor über zweieinhalbtausend Jahren schon ein weiser Gelehrter gefragt. Und der Verfasser von Psalm 8 kommt seinerzeit zu der Erkenntnis: „Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott; hast ihn mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt." Der Psalmist spricht von einer Wahrheit, die so alt ist wie die Menschheit und die einen großen Bogen aufspannt am Horizont jedes menschlichen Lebens. Gott krönt unser Leben mit seiner Herrlichkeit. Jeder Mensch ist ein Ebenbild Gottes. Darin liegt seine Würde. Weil Gott seinen Himmel für alle öffnet, bekommt jedes menschliche Leben seine besondere Bedeutung und jedes Gesicht seine Schönheit.

Unter unserem Himmel, liebe Zuschauerinnen und Zuschauer, dürfen wir Tag für Tag neu ansetzen, etwas von Gottes Größe widerzuspiegeln und mehr und mehr das einzigartige Bild zu entwickeln, das er sich von uns gemacht hat. Das ist unsere Berufung. Und auch wenn wir manchmal meinen, dass wir dabei gar nicht so gut aussehen. Wir dürfen überzeugt sein, dass Gottes wohlwollender Blick auf Zeit und Ewigkeit alles so wahrzunehmen weiß, dass wir am Ende staunen werden über die Vielfalt der Bilder, die im Himmel Platz haben. Und ich bin sicher, im Himmel ist man überzeugt: Es gibt wenig schönere Motive als Sie und mich.

Ich wünsche Ihnen einen frohen und gesegneten Feiertag.


Guter Hoffnung sein!

Benediktinerabtei zum Heiligen Kreuz              15. August 2015, Mariä Himmelfahrt
Kloster Scheyern

Zelebrant und Predigt: Abt Markus Eller OSB

                                                     L:1 Kor 15,20-27a
                                                    
Ev: Lk 1,39-56

Liebe Schwestern und Brüder!

Es gibt Begegnungen zwischen Menschen, die man nicht so schnell vergisst. Das kann verschiedene Gründe haben. Sei es nun der Anlass, die Atmosphäre oder die Personen, die man trifft. Das, was wir von solchen Begegnungen oft als unvergesslich mitnehmen, sind die Worte, die gesagt worden sind. Die Begegnung, an die ich jetzt denke, liegt fünf Jahre zurück und es ist ein Satz, der mir immer wieder mal einfällt und nachgeht. Er lautet: Wenn ich Bayerisch nicht mehr spreche, dann höre ich irgendwann auf, bayerisch zu denken. Gesagt hat diesen Satz Gerald Huber, Sprecher beim Bayerischen Rundfunk, im Vorfeld der Verleihung des Johann-Andreas-Schmeller-Preises an ihn.

Wenn ich Bayerisch nicht mehr spreche, dann höre ich irgendwann auf, bayerisch zu denken. Mit diesem Satz werde ich bei manchen jetzt offene Türe einrennen, die sich für den Erhalt der Bayerischen Mundart einsetzen, aber ich möchte diesen Satz nicht auf die Bayerische Sprache beschränken, sondern auf den Zusammenhang von Sprache und Denken allgemein hinweisen. Wir alle wissen, dass sich unsere Sprache verändert und verändert hat, nicht nur was die Dialekte betrifft, sondern was die Begriffe und vor allem die Inhalte angeht. Wir wissen auch, dass man schief angeschaut werden kann, wenn man Ausdrücke verwendet, die als veraltet oder gar als antiquiert gelten. Sprache verändert sich, weil sich das Denken und das Wissen der Menschen verändert und umgekehrt.

Ein solcher Ausdruck, der eigentlich nicht mehr verwendet wird, aber den manche/viele von ihnen noch kennen ist: „Guter Hoffung sein!“ So hat man einmal gesagt, wenn Frauen schwanger sind bzw. waren. Ich denke, der Ausdruck ist schon noch bekannt, aber verwenden wird ihn wohl kaum mehr jemand. Warum auch? Vieles lässt sich heute vor der Geburt eines Kindes berechnen, erkennen und bestimmen. Warum also noch guter Hoffnung sein, wenn man schon so vieles weiß und so vieles feststeht? Pränataldiagnostik heißt dar Begriff, hinter dem sich viel Gutes, viele Möglichkeiten und viele Verfahren für das neue Leben verbergen, zweifellos. Aber wie für alles auf unserer Erde gibt es auch da eine andere Seite, es bleibt ein Restrisiko, das Menschen auch Angst machen kann. Oder positiv ausgedrückt: Leben bleibt immer noch ein Geheimnis.

Gerade haben wir im Evangelium von der Begegnung zweier Frauen gehört, eine Begegnung, die für beide wohl ein Stück unvergesslich gewesen sein wird, weil Bedeutendes gesagt wurde. Diese beiden Frauen, Maria und Elisabeth, waren nicht einfach schwanger, sondern sie waren guter Hoffnung, im wahrsten Sinne des Wortes. Das kommt in dem zum Ausdruck, was sie zueinander sagen und worüber sie miteinander sprechen.

Sie waren nicht nur guter Hoffnung für das Leben ihrer Kinder, sondern sie waren guter Hoffnung für das Leben der Menschen, aller Menschen.

Sie waren guter Hoffnung für das Leben über die Grenze von Raum und Zeit hinaus.

Sie waren guter Hoffnung, dass sich Gott den Menschen heil- und liebevoll zuwendet, vor allem den Benachteiligten und Unterdrückten.

Liebe Schwestern und Brüder, wir feiern heute miteinander das Fest der Aufnahme Mariens in den Himmel, nicht Weihnachten. Wir feiern dieses Fest, bei dem es auch um Leben geht. Es ist aber ein Leben, bei dem sich nichts berechnen, erkennen oder bestimmen lässt. Es ist ein Leben, bei dem es keine Pränataldiagnostik gibt. Es ist ein Leben, bei dem wir allein auf die Hoffnung, auf die gute Hoffnung angewiesen sind: Ein Leben nach dem Tod, ein Leben durch den Tod hindurch. So begehen wir heute diesen Tag und feiern miteinander ein Fest der guten Hoffnung.

Die Frage ist nur: Sprechen wir so und denken wir so? Oder sprechen wir nicht mehr so, weil wir nicht mehr so denken?

Die Texte, die wir heute gehört haben sprechen diese Sprache, weil es Menschen gab und gibt, die so denken: Hoffnungsvoll, liebevoll über das Leben der Menschen nach dem Tod, aber auch vor dem Tod.

Der Apostel Paulus ist sich sicher: Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht. Der letzte Feind, der entmachtet wird, ist der Tod.

Und das, was Maria im sog. Magnifikat sagt, ist durchaus ein sozialkritischer Text, der nichts an Aktualität für diese Welt verloren hat, wenn sich Machtverhältnisse verändern oder gar umkehren sollen. Maria ist von einer guten Hoffnung beseelt: Er (Gott) nimmt sich seines Knechtes Israel an und denkt an sein Erbarmen, das er unseren Vätern verheißen hat, Abraham und seinen Nachkommen auf ewig.

Unsere Sprache hat sich verändert, weil sich auch das Denken verändert hat. Unsere Sprache ist nüchterner, sachlicher, technischer, wirtschaftlicher, effizienter, vielleicht auch hektischer geworden. Dialekte scheinen zu verschwinden, weil Sprache auch globalisierter geworden ist. Das muss nicht nur negativ sein, aber es birgt auch Gefahren.

Es gibt einen Text, der von Menschen formuliert wurde, die eine Hoffnung, eine gute Hoffnung nicht nur für einzelne Regionen dieser Welt hatten, sondern für die ganze Welt haben. Sie hatten und haben eine gute Hoffnung in der Verantwortung füreinander. Der Text, den ich meine, ist das Gebet der Vereinten Nationen, das – wie ich glaube -  auch Anklänge zum Magnifikats erkennen lässt, das Maria zu Elisabeth gesagt hat. Darin heißt es.

Herr, unsere Erde ist nur ein kleines Gestirn im großen Weltall.
An uns liegt es, daraus einen Planeten zu machen,
dessen Geschöpfe nicht von Kriegen gepeinigt werden,
nicht von Hunger und Furcht gequält,
nicht zerrissen in sinnlose Trennung nach Rasse,
Hautfarbe oder Weltanschauung.

Gib uns Mut und die Voraussicht,
schon heute mit diesem Werk zu beginnen,
damit unsere Kinder und Kindeskinder einst mit Stolz
den Namen Mensch tragen

Wenn ich Bayerisch nicht mehr spreche, dann höre ich irgendwann auf, bayerisch zu denken. Liebe Schwestern und Brüder, viele Kirchen in unserem Land sind dem heutigen Festgeheimnis der Aufnahme Mariens geweiht, auch unsere Basilika. Sie sind damit Orte der guten Hoffnung.

So lasst uns heute als Menschen guter Hoffnung voll Freude diese Fest miteinander feiern und davon sprechen und singen, dass Gott heil- und liebevoll in unserer Welt wirkt, auch über den Tod hinaus. Oder sagen wir es kürzer mit unserer bayerischen Sprache: Weil er uns einfach mog! Vor dem Tod und nach dem Tod!

 


Mai san mia!

Benediktinerabtei zum Heiligen Kreuz                       25.05.2015, Pfingstmontag
Kloster Scheyern

Predigt: Abt Markus Eller OSB

                                                                          L: Eph 1,3a.4a.13-19a
                                                                          Ev: Lk 10,21-24

Liebe Schwestern und Brüder!

Mia san mia! Diesen Spruch kennen Sie. Er ist oft genug zu lesen etwa auf Aufklebern, auf Lebkuchenherzen oder auf Lederhosenträgern von gestandenen oder auch weniger gestandenen Mannsbildern und zeugt somit von einem recht soliden und wohl auch geerdeten Selbstbewusstsein.

Mia san mia! Woher dieser Spruch genau kommt, wer ihn erstmals verwendet hat, weiß wohl keiner mehr, aber ich habe mal irgendwo gelesen, dieser Spruch „bezieht sich auf die gern zitierte bayerische Volksseele, die besagt, dass die Bayern von sich und ihren Taten überzeugt sind und sich nicht gerne dreinreden lassen.“  Stimmt, oder?

Mia san mia! Das ist ein cooler Spruch, mit dem man sich heute gerne schmückt. Das war nicht immer so, aber heute ist es eben so. Seit ein paar Jahren hat sich ein in gewisser Hinsicht renommiertes Aushängeschild Bayerns, nämlich „die Bayern“ in der Gestalt des FC Bayern, diesen Slogan zu Eigen gemacht hat. Aber eigentlich ist er geklaut, wie es einmal ein Kommentar bemerkt hat.  Vor ein paar Jahren wurde der Slogan nach einer großen Erfolgsserie in Mia san Triple umgewandelt.
 
Mia san mia! Bei allem Selbstbewusstsein, bei aller Selbstüberzeugung genügt das aber nicht immer und es genügt auch nicht allein, denn muss man sich manchmal auch die Frage gefallen lassen oder wir stellen sie uns selbst: Wer sind wir eigentlich? Was macht uns aus? Was zeichnet uns aus? Was sind unsere Kennzeichen, die tiefer als solche coolen Sprüche reichen oder sich in solchen zusammenfassen und ausdrücken lassen?

Wer sind wir eigentlich? Das ist nicht nur eine Frage an die Bayern über eine gewisse Lederhosenromantik hinaus oder auch an uns Deutsche, an uns Europäer, sondern es ist auch eine Frage, die wir uns als Christen stellen dürfen und stellen müssen oder die an uns von außen gestellt wird: Wer seid Ihr eigentlich?

Wer sind wir eigentlich? Heute am Pfingstmontag wird diese Frage irgendwie aufgeworfen. Die großen Festkreise des Kirchenjahres von Menschwerdung, Leiden, Tod, Auferstehung und gestern der Geistsendung sind vorbei. Jetzt kommt wieder der Jahreskreis und damit nicht nur der liturgische Alltag. Es stellt sich die Frage, was davon übrig bleibt oder übrig geblieben ist, was wir jetzt so gefeiert haben.

Einen Antwortversuch auf diese Fragen haben wir heute in der Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus an die Epheser gehört, in dem er schreibt: Der Gott Jesu Christi, unseres Herrn, der Vater der Herrlichkeit gebe euch den Geist der Weisheit und Offenbarung, damit ihr ihn erkennt. Er erleuchte die Augen eures Herzens, damit ihr versteht, zu welcher Hoffnung ihr durch ihn berufen seid, welchen Reichtum die Herrlichkeit seines Erbes den Heiligen schenkt und wie überragend groß die Macht sich an uns, den Gläubigen, erweist.

Wer sind wir? Wir sind Menschen, die zur Hoffnung berufen sind! Hoffnung hat mit Zukunft zu tun. Hoffnung bedeutet über den Tellerrand der Zeit und des eigenen Lebens hinauszuschauen und sich Gedanken darüber zu machen. Das hat Auswirkungen auf unser Leben und auf unseren Lebensstil. In der Umweltproblematik ist das schon irgendwie angekommen, aber noch lange nicht überall. Denken Sie an die Schwierigkeiten bei den sog. Umweltgipfeln, die manchmal ohne Ergebnisse auseinander gehen, oder wo man sich nur auf den kleinsten Nenner einigen kann, so dass andere sagen, dass es gar nicht der Rede wert sei. Aber immerhin, man spricht über dieses Thema und man spricht miteinander.

In unserer Gemeinschaft haben wir im letzten Jahr ein Buch gelesen mit dem Titel: „Food crash – wir werden uns ökologisch ernähren oder gar nicht mehr“ Es wurden darin durchaus streitbare Thesen vertreten, aber mir ist auch in Erinnerung geblieben, dass die Umweltproblematik nicht nur eine Umweltproblematik ist, sondern viel weitreichender ist und mit der Frage zu tun hat: Wer sind wir eigentlich? Was sind unsere Lebensinhalte? Was sind unsere Lebensziele? Was sind unsere Glücksvorstellungen? Wofür leben wir überhaupt? Wozu machen wir das Ganze?

Im Tagesgebet zum heutigen Pfingstmontag heißt es: Gib, dass deine Kirche ihrer Sendung treu bleibt, dass sie ein Sauerteig ist für die Menschheit, die du in Christus erneuern und zu deiner Familie umgestalten willst.

Mia san mia! Sind wir das? Wollen wir das sein, Sauerteig für die Menschheit und uns in Christus zu einer Familie umgestalten lassen?
Mia san mia! Wer sind wir eigentlich? Was ist unsere Identität und womit wollen wir uns aus unserer Identität heraus identifizieren?

Prof. Heckl, der Chef des Deutschen Museums, hat bei der Einweihung des Planetenweges am vergangenen Samstag den Generalsekretär der Vereinten Nationen zitiert, der zu einem sorgsamen Umgang mit unserem Planeten Erde aufgerufen hat, indem er sagte: „Es gibt keinen Plan B, weil wir keinen Planeten B haben“.
Gib, dass deine Kirche ihrer Sendung treu bleibt, dass sie ein Sauerteig ist für die Menschheit, die du in Christus erneuern und zu deiner Familie umgestalten willst.

Ich denke, mit diesem Auftrag, der in diesem Gebet formuliert ist, können wir uns gut einfügen und einbringen auf dieser Erde, im hoffentlich einmal friedlichen Miteinander von verschiedenen Religionen, Kulturen und Völkern. Mia san mia, das bedeutet ja nicht, dass die anderen nichts sind oder es sie gar nicht gäbe.

Die vereinten Nationen, die nach dem zweiten Weltkrieg ins Leben gerufen wurden, haben die Sehnsucht und den Auftrag für ein friedlichen Mit- und Nebeneinander in einem Gebet zusammengefasst:

Herr, unsere Erde ist nur ein kleines Gestirn im großen Weltall.
An uns liegt es, daraus einen Planeten zu machen,
dessen Geschöpfe nicht von Kriegen gepeinigt werden,
nicht von Hunger und Furcht gequält,
nicht zerrissen in sinnlose Trennung nach Rasse,
Hautfarbe oder Weltanschauung.
Gib uns Mut und die Voraussicht,
schon heute mit diesem Werk zu beginnen,
damit unsere Kinder und Kindeskinder einst mit Stolz
den Namen Mensch tragen.

Damit einst unsere Kinder und Kindeskinder mit Stolz den Namen Mensch tragen. Auch in diesem Sinne: Mia san mia.


Weite und Ferne

Benediktinerabtei zum Heiligen Kreuz                       31.05.2015, Pfingsten
Kloster Scheyern

Zelebrant und Predigt: Abt Markus Eller OSB

                                                                        L: Gal 5,16-25                                                                                                                   Ev: Joh 15,26-27;16,12-15

Liebe Schwester und Brüder!

Weite und Ferne! Das sind Begriffe, die Menschen zum Nachdenken, zum Träumen oder manchmal zum Schwärmen bringen.
Weite und Ferne! Das hat mit Sehnsucht, mit Freiheit, mit Ungebundensein, oder sagen wir es mit einem anderen Wort, das hat auch mit Urlaub zu tun.
Weite und Ferne! Da steigen in uns Menschen ganz verschiedene, aber auch ganz konkrete Bilder auf. Bei den einen sind es die Berge, bei den anderen ist es das Meer, bei wieder anderen vielleicht ein großer und tiefer Wald oder etwas ganz anderes.

Menschen suchen die Weite, und manchmal suchen Menschen auch das Weite. Diese Sehnsucht nach Weite und Ferne ließ in den vergangenen Tagen tausende Menschen aufbrechen, um ein paar Tage Urlaub zu machen, abschalten zu können und somit etwas irgendwie hinter sich lassen zu können. Nicht das Ende vom Lied, sondern ein Teil des Liedes dieser Sehnsucht waren oder sind kilometerlange Staus, überfüllte Züge (sofern sie überhaupt wieder richtig fahren) oder lange Wartezeiten an den Flughäfen, so dass der eine oder die andere vielleicht genervt ein Lied im Kopf hat, das von einer ganz anderen und noch viel größeren Weite und Ferne singt: Völlig losgelöst von der Erde schwebt das Raumschiff völlig schwerelos

Weite und Ferne! Seit gestern hat Scheyern eine echte Alternative zu bieten, wie man all diesen Widrigkeiten auf dem Weg in die große Weite und Ferne entkommen kann: „Zu Fuß durch das Sonnensystem“ so stand es letzte Woche über dem Artikel in der Zeitung, mit dem die Eröffnung und Einweihung des Planetenweges am gestrigen Samstag entlang des Benediktusweges angekündigt wurde.
Vielleicht haben es manche im Vorfeld schon gesehen, dass auf großen Steinen Informationen über die Planeten zu lesen sind, und diese großen Steine symbolisieren maßstabsgetreu den Abstand der Planeten zueinander in unserem Sonnensystem, und zwar so, dass man ihn zwar zu Fuß zurücklegen und überwinden kann, aber dabei doch eine Ahnung von der Größe und Weite des Alls bekommen kann.

Der Geist des Herrn erfüllt das All, so werden wir heute noch singen, und damit versuchen wir das Geheimnis des Pfingstfestes irgendwie in Worte zu fassen.
Der Geist des Herrn erfüllt das All. Pfingsten ist das Fest des Geistes und Pfingsten ist das Fest der Weite, einer ungeheuren und vorstellbaren Weite, die nicht an Kilometern festgemacht werden kann, die aber doch etwas mit Abständen zu tun hat.

Der Apostel Paulus fordert in seinem Brief an die Galater die Menschen auf: Lasst euch vom Geist Gottes leiten, weil das für ihn mit Weite und mit Freiheit zu tun hat. Ich weiß, dieser Paulus hat einen Sprachstil, der uns manchmal etwas sauer aufstoßen kann, weil er eine Art Schwarz-Weiß-Malerei betreibt. Er spricht vom Begehren des Fleisches und vom Begehren des Geistes. Er spricht von den Werken des Fleisches und von den Früchten des Geistes. Dazwischen scheint es für ihn nichts zu geben.

Ich möchte jetzt die Werke des Fleisches nicht noch einmal aufzählen, wir haben sie ja alle gehört. Und wenn wir sie gehört haben, dann werden wir sagen können, dass uns wenigstens einige bekannt vorkommen, weil sie unser Leben betreffen, manchmal auch belasten und beeinträchtigen. So dass wir sie gerne hinter uns lassen würden, dass wir ihnen gerne entfliehen möchten, aber es ist eben nicht so leicht.
Vielleicht sind uns bei dieser Aufzählung und Auflistung, die uns Paulus zugemutet hat, auch Gedanken und Bilder gekommen, wo wir nicht nur die Weite suchen, sondern wo wir am liebsten das Weite suchen würden, also ihm entfliehen möchten.

Völlig losgelöst von der Erde schwebt das Raumschiff völlig schwerelos. und Der Geist des Herrn erfüllt das All.

Weite und Ferne! Das gibt es in unserem Leben auf ganz verschiedenen Ebenen und das hat viel mit dem sprichwörtlichen Blickwinkel zu tun, mit dem wir auf etwas schauen können oder auch schauen müssen.

Der Geist der Wahrheit wird euch in die ganze Wahrheit führen. So haben wir im Evangelium Jesus zu seinen Jüngern sprechen gehört. Jesus hatte eine bittere Wahrheit für seine Jünger, nämlich dass er sterben werde. Auch das kennen wir aus unserem Leben, Wahrheiten die bitter, sehr bitter sein können. Ich denke da an Menschen, die von ihrem Arzt eine Krebsdiagnose bekommen haben, aber auch an andere „Wahrheiten“, die das Leben der Menschen belasten und ihren Blick auf das Leben erheblich einschränken, so dass sie das Weite suchen und am liebsten davon laufen möchten.
 
Noch vieles hätte ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen, sagt Jesus. Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in die ganze Wahrheit führen. Der Geist, der Geist der Wahrheit lässt Menschen etwas annehmen, was unvermeidlich ist, er hilft ihnen tragen, wo etwas schwer oder schwer geworden ist, er hilft ihnen manchmal auch etwas aushalten, wo es eigentlich zum Davonlaufen ist.

Der Planetenweg in Scheyern zeichnet sich dadurch aus, dass es ein Rundweg ist, dass man am Ende sozusagen nicht irgendwo verloren im Weltall steht, sondern wieder an den Ausgangspunkt zurückkehrt. Das könnte auch ein Bild für die Feier des Pfingstfestes sein. Es gibt heute vielleicht Momente, in denen man sich von dieser Erde losgelöst fühlt, aber wenn man an den Alltag denkt oder ihn anschaut, dann merkt man, dass er sich überhaupt nicht verändert hat. Nach den Feiertagen oder nach den Ferien werden wir in diesen unveränderten Alltag zurückkehren müssen, der nicht ein Stück anders geworden ist, aber wir könnten ein Stück anderes geworden sein, vielleicht Menschen mit einem weiteren Blick.

Ich möchte schließen mit einem Gebet (Anton Rotzetter), das die Weite und die Ferne, aber auch die Realität und die Sehnsucht, ihr zu entfliehen, zur Sprache kommen lässt.

Rufe in mir, Heiliger Geist,
nach Gott und seiner Gerechtigkeit!

Bete in mir, Heiliger Geist,
um Freude und Zuversicht!

Schreie in mir, Heiliger Geist,
nach Freiheit und Leben!

Weine in mir, Heiliger Geist,
vor Schmerz und Trauer!

Klage in mir, Heiliger Geist,
über Trennung und Tod!

Singe in mir, Heiliger Geist,
das Lied der Befreiung!

Juble in mir, Heiliger Geist,
im Land der Lebendigen!


Weite und Ferne.
Ein Frohes Pfingstfest!


Hl. Kreuzfest

Benediktinerabtei zum Heiligen Kreuz                       03. Mai 2015
Kloster Scheyern

Hl. Kreuzfest

Zelebrant und Predigt: Joachim Kardinal Meisner, Erzbischof em. von Köln


Predigt

Liebe Schwestern, liebe Brüder!

1. Wer von Scheyern hört, denkt an das Kreuz Christi, zumindest in Bayern. Weil das Kreuz das Plus gewordene Minus der Welt durch den Einsatz Gottes ist, darum geht vom Kreuz eine Plusbewegung aus, in unser Kloster hier, aber auch in unsere Familien, in unser Land und in die ganze Welt. Diese Tatsache spricht für sich! Ohne Kreuz ist die Kirche nicht denkbar.

Der heilige Bruno von Köln, der Gründer der Kartäuser, pflegte über die Pforten seiner Klöster das Wort zu schreiben: "Stat Crux, dum volvitur orbis" - "Das Kreuz steht, während die Welt sich dreht. " Das Kreuz gibt der Kirche die notwendige Stabilität, die sie durch alle Hochs und Tiefs von 2.000 Jahren getragen hat. Das Kreuz zeigt uns Christus. Er ist derselbe gestern, Heute und in Ewigkeit.

2. Als ich 1952 von meiner kleinen Diasporagemeinde in Thüringen ins Priesterseminar ging, kam ein älteres Gemeindemitglied zu mir, den wir Jungen immer respektvoll den„ Major" nannten, denn er war Berufssoldat und war von einer imponierenden Gestalt. Er schlug mir mit seiner großen Hand auf die Schultern und sagte. "Junge, ich gratuliere dir zu deiner Entscheidung. Ich musste in meinem Soldatenleben unter drei verschiedenen Fahnen dienen: unter den Habsburgern, unter den Tschechen und unter den Deutschen. Du wirst einem Feldherrn dienen, bei dem du nie die Fahne zu wechseln brauchst. Und diese ist das Kreuz Christi, das alles übersteht".

Das Geheimnis des Kreuzes ist das Geheimnis der Liebe. Wir sind nicht durch Leid erlöst, sondern wir sind durch die Liebe erlöst. "Gott ist die Liebe" (1 Joh 4,8), sagt der Apostel Johannes. Die Liebe ist innerhalb der heiligsten Dreifaltigkeit ganz Aufschwung vom Ich zum Du der anderen göttlichen Person. Die Liebe in der heiligsten Dreifaltigkeit ist ganz und gar Vertikalität. Sie ist totales Glück und Freude.

Der Mensch hingegen ist ganz und gar Horizontalität, ganz erdhaft, ganz in sich selbst verschlossen. Sein Herz definiert der heilige Augustinus als "cor incurvatum in se", d.h. als ein in sich selbst "verkurvtes" Gebilde. Der Mensch kommt nicht über sich selbst hinaus. Im Kreuz Christi hebt Gott den Menschen über sich selbst hinaus. Ein asiatisches Sprichwort sagt: "Wenn Gott, der Absolute, ins Meer fällt, wird er ein Fisch", d.h.: Gott passt sich den Konditionen des Wassers an. Wenn Gott aber Mensch wird, dann wird er als Sohn des lebendigen Gottes zum Schmerzensmann. Als 2. Person in der heiligsten Dreifaltigkeit ist der Sohn ganz und gar Vertikalität Gottes, ganz Aufschwung und Glück. Nun nimmt der Sohn Gottes zusätzlich die Horizontalität des Menschen an. Er wird uns Menschen gleich, wie der Apostel sagt, also er wird Horizontalität, aber er bleibt Gott, d.h. er bleibt Vertikalität.

Wahrer Gott und wahrer Mensch in einem, das ist ganz Vertikalität und ganz Horizontalität in einem zusammen, und das ergibt das Kreuz. Das macht aus Christus, dem Sohn Gottes, den Gekreuzigten, den Gegeißelten, den Geschlagenen. Und nur das Kreuz macht - wie seine äußere Gestalt schon zeigt - aus dem Minus ein Plus. Das Kreuz ist das Plus gewordene Minus der Welt durch den Einsatz Gottes. Und darum sind wir Christen „ Kreuzesleute ", „ Plustypen ". Das Kreuz ist der einzige Ort in dieser Welt, an dem Minus in Plus umqualifiziert wird, Sinnlosigkeit in Sinn, Verlust in Gewinn, Verzweiflung in Hoffnung, Tod in Leben. Auf der horizontalen Weltlinie allein gibt es keinen einzigen Punkt, von dem aus der Mensch über sich selbst in die Höhe gelangen könnte, aus der Horizontalen in die Vertikale. Die Horizontale allein führt nur nach rechts und links ins Unendliche. Auf derselben Ebene zum Unendlichen verurteilt zu sein, das ist die Hölle. Nur der Kreuzpunkt, an dem die vertikale Gotteslinie die horizontale Menschenlinie durchkreuzt, macht den Überstieg möglich: aus der Horizontalen in die • Vertikale. Dort allein ge- schieht ihr Aufstieg, die Umqualifizierung, der Überstieg.

3. Das Leid ist also die Gestalt der Liebe Gottes in den Bedingungen dieser Welt. Ich sage es noch einmal: Das Leid hat in sich keinen Wert, und wir sind nicht durch Leid erlöst. Wir sind durch die Liebe erlöst, die aber in den Bedingungen dieser Welt die Form des Kreuzes und des Leides annimmt. "Ich mag dich leiden", sagen wir. In diesem Satz spricht sich doch eine Liebesserklärung aus, auch wenn dabei das Wort "Leiden" genannt wird. Worte bringen das an den Tag. Liebe und Leiden haben in der deutschen Sprache die gleiche Sprachwurzel. Am stärksten ist immer der, der am wenigsten liebt, sagt ein Sprichwort. Wir Menschen drücken darum unsere Liebe auch mit den Worten aus: „Ich habe eine Schwäche für dich". Weil Gott zuerst eine Schwäche für uns Menschen hat, deshalb ist der starke Gott ein schwacher Mensch geworden, der sich von uns Menschen hat gefangen nehmen und kreuzigen lassen. Was ich besonders liebe, macht mich schwach und wird mir zur Passion, zur Leidenschaft. Leid und Kreuz ist nur ein anderer Name für Liebe. Das Kreuz in unseren Kirchen und Wohnungen ist die Gestalt gewordene Liebeserklärung Gottes an den Menschen: "Ich mag dich wirklich leiden".


4. Wen Gott besonders liebt, den zieht er in seine Leidenschaft hinein, indem er ihn in seinen Lebensstil und in seine Lebensart einweiht. Solche Menschen lässt er dann in besonderer Weise an seiner Passion teilhaben. Er nimmt nur Petrus, Johannes und Jakobus in das Innere des Ölgartens mit, um diesen drei intimen Jüngern Teilhabe zu geben an seiner Todesangst und an seiner Todesnot. Er lässt nur Maria, die eigene Mutter, und Johannes, den Lieblingsjünger, unter das Kreuz treten, um ihnen teilzugeben an der Nacht des Karfreitags und sie zu Ohrenzeugen seines unfasslichen. "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" (Mt 27,46b) zu machen. Je größer die Liebe, desto näher das Kreuz. Diese Erfahrung drückt der französische Literat Lon Bloy in dem unvergesslichen Wort aus. "Herr, du betest für die, die dich kreuzigen und kreuzigst die, die dich lieben". Hundertmal bewahrheitet sich dies im Laufe der Kirchengeschichte. "Herr du betest für die, die dich kreuzigen und kreuzigst die, die dich lieben". Denken wir hier nur an die hl. Edith Stein, an Maximilian Kolbe, an Karl Leisner, die so genannten großen KZ- Märtyrer.


5. Die hl. Edith Stein trägt ja als Ordensname: „Schwester Teresia Benedicta a Cruce ", d.h. „ gesegnet vom Kreuze Christi ". Wir werden in Scheyern immer vom Kreuz Christi gesegnet, dann sind wir alle hier Christiani Benedicti a cruce" - „ vom Kreuz Gesegnete ". Das ist gar kein Ausnahmezustand! Das ist eigentlich für uns Christen der Normalzustand. Der Grundriss jedes christlichen Lebens ist das Kreuz, weil es das äußere Zeichen der Liebe ist.

Für mich ist es immer wieder bewegend zu erkennen, dass auch der österliche Christus seine Wundmale behält, die er seinen Jüngern als Erkennungszeichen vorweist. Dass die Auferstehung, die Wunden der Passion nicht ausgelöscht hat, zeigt, dass Leid und Verwundung wirklich nur die irdische Seite der göttlichen Liebe sind. Leid und Kreuz ragen als Ausdruck göttlicher Liebe im Irdischen ganz in seine trinitarische Herrlichkeit hinein. Sie sind dort kein Fremdkörper. Vor diesem Hintergrund wird die beschwörende Mahnung des Apostels Paulus verständlich: Entleert das Kreuz Christi nicht, höhlt es nicht aus, horizontalisiert es nicht oder linealisiert es nicht. Der Apostel sagt weiter: "Wir dagegen verkündigen Christus als den Gekreuzigten: für Juden ein empörendes Ärgernis, für Heiden eine Torheit" (1 Kor 1,23). Und ich füge hinzu. Für die lieben Christen ist es heute oft Beides zusammen. Ärgernis und Torheit.
Die erste bildliche Kreuzesdarstellung um das Jahr 120 nach Christus ist eine blasphemische Verspottung eines christlichen Soldaten durch seine Kameraden. Auf einer Wandkritzelei ist ein Esel dargestellt, der an einem Kreuz hängt. Davor kniet einjunger Mann. Darunter steht: „Alexamenos betet seinen Gott an". Auch heute ist bei uns immer wieder von Verspottungen und Zerstörungen von Wegkreuzen zu hören. In unsererffent- lichkeit wird mehr und mehr das Kreuz als störend empfunden. Vergessen wir nicht: Wo „ christlich" draufsteht und dabei das Kreuz aber ausgeklammert wird, geschieht Etikettenschwindel. Mit unserer Wertschätzung des Kreuzes steht und fällt auch unsere Überzeugung von der Integrität und Unverletzlichkeit des Menschen von seinem Anfang bis zu seinem Ende. Wir brauchen das Kreuz, um den Menschen Hoffnung und Zukunft zu geben. In der vom gekreuzigten Christus ausgelösten Bewegung, die wir Christentum nennen, geht es nie um zweitrangige Dinge, sondernhier geht es immer um die Konstanten des Menschen: um Leben und Tod, um Hoffnung und Verzweiflung.

Das Kreuz entleeren hieße, ihm seine äußere Gestalt und damit sogleich seinen Inhalt zu nehmen, es zur langweiligen Latte zurück zu kreuzen, die Liebe Gottes aus der Welt heraus zu theologisieren. Das ist seit Jahrhunderten die Mission von Scheyern, das Kreuz Christi zu verkünden, sich des gekreuzigten Christus nicht zu schämen und zu bezeugen, dass dieses Kreuz der Sieg Gottes ist, der die Welt überwindet.

Amen.
+ Joachim Kardinal Meisner
Erzbischof em. von Köln


Ostersonntag

Benediktinerabtei zum Heiligen Kreuz                       Ostern 2015
Kloster Scheyern

Zelebrant und Predigt: Abt Markus Eller OSB

Liebe Schwestern und Brüder!

Wenn wir von Zukunftsmusik sprechen, dann hat das in unserem heutigen Sprachgebrauch zunächst einmal gar nichts mit Musik zu tun. Mit Zukunftsmusik bezeichnen wir Vorhaben und Projekte, deren Verwirklichung in der Zukunft, also in weiter Ferne liegen. Es kann auch sein, dass der Begriff von der Zukunftsmusik auch als Umschreibung für eine Utopie verwendet wird, also für einen nicht ausführbaren Plan. Manchmal fügen wir allerdings hinzu: Noch! Noch nicht! Wir haben gelernt, dass sich durch den Fortschritt manches sehr schnell ändern kann, was man für undenkbar gehalten hat.
 
Ist die Botschaft von Ostern, die Botschaft von der Auferstehung Zukunftsmusik? Ich denke in einer gewissen Weise schon. Vielleicht erinnern Sie sich an das Evangelium am zweiten Fastensonntag, als Jesus mit seinen Jüngern auf den Berg der Verklärung stieg, wo sie zusammen für einen Moment ein Stück „Zukunftsmusik“ erlebt, gehört und erfahren hatten. Auf dem Rückweg unterhalten sie sich darüber: Und es heißt: „Sie fragten einander, was das sei von den Toten auferstehen.

Auch in den biblischen Texten, die wir heute Nacht oder jetzt gerade gehört haben, schwingt immer ein Stück Unwirklichkeit und Unvorstellbarkeit mit: Der weggewälzte Stein, das leere Grab! Wo haben sie den Leichnam hingebracht? Bist du der Gärtner? Menschen taten sich damals schwer und tun sich auch heute noch schwer: Tod und Leben, Leben nach dem Tod und Leben durch den Tod. Zukunftsmusik?

Zukunftsmusik, das war ursprünglich eine spöttische Bezeichnung über die Musik Richard Wagners, weil sie so ganz anders war. Ich möchte jetzt nicht über musikalischen Geschmack und musikalische Richtungen streiten, sondern ich möchte darauf hinweisen, dass Musik schon in die Zukunft weisen kann, dass Musik Menschen schon über das Eingefahrene und Festgesetzte hinausführen kann, auch in unserem Glauben.

Zukunftsmusik! Christen haben die Botschaft von Ostern, die Botschaft von der Auferstehung immer auch in Musik gekleidet. Die Osternacht hat mit einem Lied begonnen, mit dem Exultet, dem Osterlob, dem Lob auf die Osterkerze: Sie leuchte bis der Morgenstern erscheint, jener wahre Morgenstern, der in Ewigkeit nicht untergeht: Dein Sohn, unser Herr Jesus Christus, der von den Toten erstand, der den Menschen erstrahlt im österlichen Licht. Zukunftsmusik!

Ostern ist auch ein Fest der Musik, deshalb sind heute viele von Ihnen auch gekommen. Ostern aber hat auch Zukunftsmusik, weil wir in vielen Liedern die Botschaft von der Auferstehung im wahrsten Sinne des Wortes zum Klingen bringen. Vielleicht haben Sie auch ein Lied im Kopf, das für Sie untrennbar mit Ostern verbunden ist. Ich habe so ein Lied. Es heißt: „Jesus lebt“: Jesus lebt, mit ihm auch ich! Tod, wo sind nun deine Schrecken? Er, er lebt und wird auch mich von den Toten auferwecken. Er verklärt mich in sein Licht; dies ist meine Zuversicht.

Meine Zuversicht! Alle Strophen enden mit diesen Worten „Meine Zuversicht“. Zuversicht hat auch mit Zukunftsmusik zu tun. Zuversicht gibt Schwung und Kraft. Zuversicht ist von einer großen Hoffnung geprägt. Zuversicht heißt, es bedarf noch der Verwirklichung. Zuversicht kann aber auch heißen, es ist noch ein weiter und langer Weg, vielleicht sogar ein schwieriger Weg. Jesus lebt, mit ihm auch ich!  Ich trau mich zu leben. Ich trau mich auch etwas im Leben, weil er mit mir geht, weil er mit mir lebt. Jesus lebt, mit ihm auch ich!

In ein paar Tagen jährt sich zum 70-igsten Mal der Todestag eines Menschen, der zuversichtlich gelebt hat und der für mich bis heute Zuversicht ausstrahlt. Von ihm stammt der Satz: Wer Ostern kennt, kann nie verzweifeln. Zuversicht! Dietrich Bonhoeffer war der Mann, der das gesagt hat. Durch den Glauben, durch seinen zuversichtlichen Glauben kam er zum Widerstand. Am 9. April 1945, wenige Tage vor dem Ende der Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten, wurde er hingerichtet.

Dietrich Bonhoeffer hat sich seine Zuversicht durch niemanden nehmen lassen, auch dann nicht, als es für ihn persönlich gefährlich, lebensgefährlich wurde. Am 5. April 1943 wurde er verhaftet. Aus seiner Gefängniszelle kamen „nur“ drei Briefe heraus. In einem dieser Briefe war ein wunderschöner Text, der zu einem Lied geworden ist, zu einer Zukunftsmusik, als Menschen gar nicht mehr zu hoffen gewagt haben, dass es wieder anders werden könnte.
 
Ich glaube, Sie kennen diesen Text, den ich meine: Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen man. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag. Das war seine Zuversicht. Dies ist meine Zuversicht!

Liebe Schwestern und Brüder, ist das nicht eine schöne, eine wunderschöne Musik von der Zukunft?
Ostern, das Fest der Musik, der Zukunftsmusik. Ostern lädt uns ein mitzusingen, mitzusummen oder auch mitzubrummen, jeder so wie er kann.

Jesus lebt, mit ihm auch ich! Dies ist meine Zuversicht! Ihre auch? Halleluja!


Feier der Osternacht

Benediktinerabtei zum Heiligen Kreuz                       Osternacht 2015
Kloster Scheyern

Predigt: P. Benedikt Friedrich OSB

Evangelium: Osternacht (Lesejahr B): Mk 16,1-7: Maria v. Magdala: Engel in der Grabkammer
am Tag: Johannes 20: Maria v. Magdala: Begegnet Jesus

Liebe Mitbrüder, liebe Schwestern und Brüder im Herrn!
Die Frauen kommen zum Grab. Sie sind bis ins Tiefste erschüttert. Deshalb bleiben sie dort. - Vielleicht ist es so, dass wir zu wenig Ostern erfahren, weil wir uns nicht so gerne erschüttern lassen, weil das Herz abstumpfen kann. Der Prophet Ezechiel, den wir in der Lesung der Osternacht hörten, rechnet damit, dass unsere Herzen wie Steine sein können und Gott gibt die Zusage, uns das Herz von Stein zu nehmen und ein Herz von Fleisch zu geben.
Das geschieht dann, wenn etwas unser Herz nicht nur berührt, sondern aufbricht. Im Englischen gibt es dafür einen passenden Ausdruck: „a broken heart“, ein aufgebrochenes Herz.
Dieses ist dann wie die Knospen am Kastanienbaum, die zur Zeit aufbrechen und neues Leben hervorkommen lassen.

Was erreicht unsere Herzen in dieser Tiefe, was kann uns aufbrechen?
Zwei Beispiele:
Bsp. 1: Vor drei Wochen sah ich eine Dokumentation von Beckmann im Fernsehen: Darin sprach er in einem Dialog mit P. Emmanuel von der assyrischen Kirche in Syrien, der Flüchtlingen im eigenen Land hilft. Vor dem inneren Auge blieben mir vor allem die Gesichter zweier traumatisierter jugendlicher Jisiten, die in die Kamera blickten, aber kein Wort sagen konnten: Was sie erlebten hatten, war zu schlimm und noch zu frisch, um es in Worte fassen zu können.
Das Donnern der schweren Geschütze in Syrien hat unser Oberministrant vor drei Wochen selbst gehört. Er war auf einer Studienreise im Heiligen Land. Von den Golanhöhen aus sah er weit ins Land, z.T. auch direkt das Geschützfeuer.
Berichte wie diese und das Wissen, dass Fremde oft unter Lebensgefahr von weit her kommend bei uns Sicherheit und Überleben suchen, hat die Solidarität gegenüber Armen und Flüchtlingen in unserem Land enorm wachsen lassen. Auf meine Frage: „Was hat Sie zuletzt wirklich berührt?“ antwortete letzte Woche eine Scheyerer Frau: „Wie mir die drei Kinder der syrischen Familie in Schöneck vom Fenster aus zuwinkten.“ – Das hat sie gefreut, fast als wenn es die eigenen Enkel wären, da ist Beziehung gewachsen.
Bsp. 2: Es war Ende März, in Gerolsbach: Der Jahrestag des bei einem Motorradunfall verunglückten 16-Jährigen, der aus Scheyern stammte: Alle waren gekommen, die Familie, die Freunde, die Fußballer. Die Schwester hatte ein eigenes Lied geschrieben, die Familie einen Text mit der Überschrift: „Ein Jahr ohne ihn“ aufgesetzt. Das war erschütternd!
Es hatte geholfen, sich in der Kirche zu treffen, zusammenzukommen, miteinander Wege zu suchen, damit umzugehen, Trost und Kraft zu finden, um wieder neu zum Leben zu kommen.

=> Mir scheint, das ist ein Prinzip von Ostern: Zusammenkommen, solidarisch sein, sich gegenseitig bestärken.
Heute und auch damals schon:

In den Osterevangelien hören wir, wie Maria von Magdala läuft, die Jünger ruft, ihnen sagt, was sie entdeckt hat. Das statische in sich gekrümmt sein ist zu Ende. Sie wird zu denen gesandt, die sich noch ängstlich hinter verschlossenen Türen aufhalten, noch in Angst gefangen, dass es ihnen wie ihrem Meister gehen könnte.
Und dann geschieht etwas Erstaunliches: Dass die Jünger auch aufbrechen konnten. Der Kirchenvater Johannes Chrysostomos [1] hat diese Wandlung in einer Predigt anschaulich beschrieben:
„Als Christus noch am Leben war, hatten diese Männer den Angriffen seiner Feinde nichts entgegenzusetzen. Als er dann tot und begraben war – wie, glaubt ihr, hätten sie sich gegen die ganze Welt stellen sollen? Hätten sie sich denn nicht sagen müssen: ‚Er konnte doch sich selbst nicht retten, wie sollte er dann uns schützen? Als er am Leben war, konnte er sich nicht verteidigen, und jetzt, wo er tot ist, sollte er uns zur Seite stehen? Als er am Leben war, konnte er sich kein einziges Volk unterwerfen, und nun sollen wir seinen Namen ausrufen und damit die ganze Erde überzeugen?’ ... Es ist doch offensichtlich: Wenn sie ihn nicht als Auferstandenen erlebt hätten und ihnen damit nicht der Beweis seiner Allmacht geliefert worden wäre, hätten sie nicht ein derartiges Risiko auf sich genommen.“    
Wir merken: Das haben die nicht von sich aus tun können, es wurde ihnen zuteil. Ihr ängstlich verschlossenes Herz brach auf und ließ sie aufbrechen.
Das wünsche ich uns auch und rufe zum auferstandenen Herrn:
Herr, schenke uns heute, hier und jetzt,
dass wir einander stärken können.
Lass uns Aufbrechens zu neuem Leben!
"
Ja, das wäre ein Stoßgebet für die Zeit nach der Kommunion:
„Komm Herr Jesus neu in mein Herz,
und schenke mir durch deine Gegenwart neues Leben!“
D
azu sind wir berufen: Dass wir mit geöffneten und beschenktem Herzen aus der Kirche herausgehen und einander im Leben helfen und im Glauben stärken.
Wir sind hier, um in der Gemeinschaft der Glaubenden uns vom gegenseitigen Glaubenszeugnis anstecken zu lassen.

Einer in meinem Alter hat uns im Juli letzten Jahres ein Zeugnis seiner Auferstehungshoffnung hinterlassen, als bei seiner Beerdigung in Pfaffenhofen sein geistliches Testament vorgelesen wurde. Darin heißt es:
„Während meiner Krankheit habe ich die Hilfe vieler Menschen, die Nähe Gottes und den Segen des Gebetes erfahren dürfen. Ich durfte erfahren, was Wunder sind und durfte spüren, dass Gott mich noch auf dieser Erde braucht. ... Ich bin wieder als Pfarrer zurückgekehrt, wohl bewusst, dass die Zahl meiner Lebensjahre gezählt ist und der Tod vor Augen steht – das hat mir nie Angst gemacht.“
Pfarrer Frank Faulhaber wusste, dass die Lebenserwartung mit einer transplantierten Leber ca. zehn Jahre beträgt und hat daher  im Jahr 2011 anlässlich seines 20-jährigen Priesterjubiläums diese Worte niedergeschrieben. Darin heißt es weiter:
„Ich habe keine Angst vor dem Tod und auch nicht vor dem Sterben. Denn wer einmal die Hand Gottes hat spüren dürfen, der kann gut Vertrauen haben in seine Nähe. So erfüllt mich tiefe Dankbarkeit IHM gegenüber und all den Menschen, die mich begleiteten.“
Dann blickt er aus auf den Tag seines eigenen Begräbnisses und schreibt:
“Viele Menschen habe ich zu Grabe geleitet, sodass ich jetzt nicht von Freude in dieser Stunde reden möchte. Von einem aber möchte ich Zeugnis ablegen: Von meinem Glauben an die Auferstehung. Heute – auch nach der Zeit der Krankheit – glaube ich sagen zu können, dass dies der innerste Motor meines Lebens war: „Gott ist ein Gott des Lebens – Man ist das, was man vor ihm ist, nicht mehr und nicht weniger.“ (Hl. Pfarrer von Ars). "Und deswegen wünschte ich mir, Sie und Ihr alle würdet in dieser Stunde, da ihr von mir Abschied nehmt, erfüllt sein von diesem Glauben an die Auferstehung.

Das sind tiefe Worte, die in sich selbst wirken.
„Herr, lass auch uns Zeugen deiner Auferstehung sein.
Schenke uns die Erfahrung des Aufbrechens zu neuem Leben!“

Amen.

 

[1] Hl. Johannes Chrysostomos (ca. 345-407), Predigt über den ersten Briefn die Korinther, Kommentar zum Fest der Hll. Simon und Judas, Apostel

 


Muss man sich alles gefallen lassen?

Benediktinerabtei zum Heiligen Kreuz                       15. März 2015
Kloster Scheyern

Predigt: P. Lukas Wirth OSB

Fastenpredigt                                                  Lesung: Röm 13,1-7
                                                                        Evangelium Mt 5,3-12a

Muss man sich alles gefallen lassen? – Die Frage nach einem gerechten Krieg und Tyrannenmord

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn,

Wir träumen vom Frieden und doch – unsere Welt sieht ganz anders aus: Wenn sich in gut eineinhalb Monaten das Ende der größten Katastrophe des vergangenen Jahrhunderts, des 2. Weltkrieges, zum 70. mal jährt, dann verbindet das nur ein Teil unserer Weltbevölkerung mit einem Rückblick auf friedliche Jahre des Wiederaufbaues, des Wachstums und schließlich Wohlstandes.
Seit 1945 sind mindestens 25 Millionen Menschen durch Krieg ums Leben gekommen – Menschen, wie Du und ich, Menschen mit Hoffnungen und Plänen, Männer, Frauen, Kinder. Derzeit finden sich auf der Liste der andauernden Kriege und Konflikte 37 Kriegsschauplätze  und in der Presse wurde das vergangene Jahr 2014 auch als „Das Jahr der Krisen, Kriege und Konflikte“  betitelt.
Mit Stand Montag, 9. März 2015, waren genau 2532 Bundeswehrsoldaten im Auslandseinsatz und die zunehmenden Zahlen von Flüchtlingen bringt ein Stück dieser kriegerische Realität unserer Tage auch hinein in unsere Städte und Dörfer, bis vor unsere eigene Haustüre.
Was also tun angesichts so vieler Kriege und kriegs-ähnlicher Konflikte? Was tun? Zuschauen? Eingreifen? Und was, wenn wir selber betroffen sind – muss man sich alles gefallen lassen?
Nach Gedanken, dass die Forderung Jesu in der Bergpredigt keine Friedensutopie, sondern Hilfe und Anregung zur konkreten Lebensführung bleiben, heute in der Fastenpredigt der Versuch sich der konkreten Frage nach der Rechtfertigung von Krieg und Tyrannenmord zu stellen.

Der deutsche Dichter Friedrich Schiller gab auf seine Art eine Antwort zumindest auf die Frage nach dem Tyrannenmord: „Was wolltest Du mit dem Dolche? Sprich!“ Entgegnet ihm der wilde Wüterich: „Die Stadt von Tyrannen befreien!“ „Das sollst Du am Kreuze bereuen.“ In seiner Ballade die Bürgschaft aus dem Jahr 1799 ist jedenfalls der Tyrannenmörder der Gute.
Und damit greift Schiller auf eine lange Tradition zurück. Der erste geschichtlich greifbare Tyrannenmord geschah im Jahr 514 v. Chr. Harmodios und Aristogeiton verübten ein tödliches Attentat auf die Tyrannen-Brüder Hippias und Hipparchos. Dieser Anschlag gilt immerhin als Geburtsstunde der Demokratie in Athen.
Und genau am heutigen Tag – in den „Iden des Märzes“ des Jahres 44 v. Chr.  – wurde übrigens Julius Cäsar ermordet. Folgen waren damals aber nicht die Befreiung von einem Diktator, sondern Unruhen und schlussendlich das Ende der politischen Mitbestimmung für die römischen Bürger.
Die Diskussion über Tyrannenmord ist also alt und reicht über das Deutschland der Nachkriegszeit - das Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 war gescheitert - bis hinein in die Gegenwart. 
Bislang das letzte Mal wurde die Frage bezüglich einer Legitimation von Tyrannenmord nach der Tötung von Osama bin Laden im Mai 2011 gestellt, dem mutmaßlich Verantwortlichen hinter den terroristischen Anschlägen vom 11. September 2001, die nicht nur das Word Trade Center, sondern auch ein Stück die vermeindliche Unverletzbarkeit der USA zerstörten und erschütterten .

Der Tyrann ist ein Herrscher, der sein Volk unterdrückt und ausbeutet. Allein diese im Lauf der geistesgeschichtlichen Entwicklung gefundene Definition, passt zumindest nur bedingt auf  Osama bin Laden, der zwar durchaus einen politischen Anspruch erhob, aber eher als Kriegstreiber, Unruhestifter und Terrorist bezeichnet werden muss. 
Thomas von Aquin, der große Kirchenlehrer und Denker des 13. Jahrhunderts legt, nicht zuletzt vor dem Hinter-grund, dass dadurch allzu leichtfertigt ungeliebte Zeitgenossen beseitigt werden hätten können, klare Kriterien für Tyrannenmord vor. Ein solcher ist nur legitim, wenn erstens der Herrscher die bestehende Ordnung außer Kraft setzt, die eigenen Bürger nicht mehr vor Gewalt schützt und zweitens, wenn er die Macht als Usurpator gewaltsam an sich reißt. Zudem ist der Entscheid über Tyrannenmord nie nur persönliche, sondern Angelegenheit des Volkes, der Gesellschaft.
Was auf Hitler zutrifft, passt auf Osama eher nicht.
Wir merken also, dass eine Beurteilung nur im Einzelfall möglich ist und selbst das immer nur unter Mühe und persönlichem wie gemeinsamem Ringen der Betroffenen. Das deutsche Grundgesetzt kennt – auch vor dem Hintergrund Hitler-Deutschlands in Artikel 20 ein Widerstandsrecht. Es schließt jedenfalls den Tyrannenmord als letztes Mittel gegen einen verbrecherischen Diktator nicht aus.

Im Falle Osama bin Laden scheint die Reaktionen der USA hingegen nicht frei von Gründen der Rache und Vergeltung gewesen zu sein. Vor einem solchen Hintergrund kann das Handeln der USA und weiter Teile der Westlichen Welt, das auch bewusst als Krieg gegen den Terror bezeichnet wurde, zwar als möglicherweise nachvollziehbare Reaktion auf eine Provokation verstanden werden, ist und bleibt aber moralisch und ethisch fraglich - und ob überhaupt politisch klug, wird man in Jahrzehnten beurteilen können.

Damit wird schon deutlich, dass es auch in jüngster Geschichte weniger um Tyrannenmord, sondern um die Frage nach der Rechtfertigung von Krieg und Gewalt ging und geht. Auch hier lohnt nun ein Blick in die Geschichte.

Aus der Tradition der Antike heraus versucht Cicero im ersten vorchristlichen Jahrhundert Gründe abzuleiten, die der Grausamkeit und Unbeherrschbarkeit von Krieg Grenzen setzt.
Krieg war für ihn eine Art Strafe für Angreifer von außen. Diese – gleich Verbrechern – stören die innere Ordnung, die Pax Romana. Er u. a. als Grundbedingungen zur  Recht-fertigung von Krieg: Reaktion auf erlittenes Unrecht, gescheiterte Verhandlungen, Bündnispflicht, eine formale Erklärung und die Wiederherstellung des verletzen Rechtszustandes und Wiedergutmachung von Schäden.

Die frühe Kirche greift in dieser Frage auf das Reden und Tun Jesu zurück. Er übte und gebot totalen Gewaltverzicht – auch gegenüber Verfolgern (z. B. Mt 5,39). Seine Jünger sollten keine Waffen tragen (Mk 6,8), keine Rangordnung einführen (Mk 10,42) und ihren Glauben und ihre Überzeugung nicht gewaltsam verteidigen (Mt 26,52 Kriegsdienst war für die ersten Christen undekbar.
Jedoch enthielt man sich eines Urteils im Blick die Staatsmacht. Deren Schutz- und Ordnungsmacht wurde basierend auf Paulus, wie wir es in seinem Brief an die Römer gerade gehört haben, zunehmend anerkannt.

Der Kirchenvater Origenes (+254) griff die Argumente Ciceros dann wieder auf, unterschied zwischen gerechtem und ungerechtem Krieg und erlaubte Christen grundsätzlich den Militärdient, als Dienst, ja nahezu als Pflicht zur Aufrechterhaltung der gesellschaftlichen Ordnung, welche die Voraussetzung für ein christliches Leben und dessen Entfaltung sei.

Augustinus führt (im 4. Jh.) dann das römische Denken und die christliche Tradition zusammen. Beide - Staat und Kirche streben nach Frieden, den letztlich nur Gott voll schenken kann. So gelingt es ihm, eine kritische Position sowohl gegenüber der Staatsmacht wie auch einer christlichen Gewaltbeteiligung einzunehmen. Die Teil-nahme von Christen an kriegerischen Auseinandersetzungen ist aus seiner Sicht nur legitim, wenn es dem Frieden dient: „Sei deshalb auch, wenn du Krieg führst, ein Friedens-stifter.“  Damit ist eine wichtige Bedingung genannt, die bis in unsere Tage Geltung hat: Frieden heißt das Ziel!

Im 12. Jahrhundert geht es um die Frage, ob Krieg Sünde ist. Privatfehden und immer zahlreicher werdende reine Eroberungsfeldzüge sollten ausgeschlossen werden. So kann Krieg nur gerechtfertigt werden, wenn die Motivation Güte und Friedensliebe ist, d. h. Ziel und alleinige Absicht bleibt, die und das Gute vor dem Übergriff des Bösen zu bewahren.

Der schon genannte Thomas von Aquin entwickelt nun eine systematische Lehre vom „gerechten Krieg“. Friede ist dabei nicht nur die Abwesenheit von Krieg, sondern das geordnete Zusammenleben von Gläubigen und – man staune – Ungläubigen mit der Absicht auf religiöses Heil.

Er unterscheidet erstmals ein Recht zum Krieg und ein Recht im Krieg.
Krieg ist nur zu rechtfertigen, wenn
-    von einer legitimen Autorität,
-    aus gerechtem Grund,
-    aus gerechter Absicht – also nicht Rache oder Gier, sondern zur Verhinderung  von Leid und mit dem Ziel Frieden - ,
-    als letztes Mittel und mit der Begründeten Hoffnung auf Erfolg geführt werden kann.
Im Krieg fordert er eine Verhältnismäßigkeit der Mittel – also das Leid darf durch Krieg nicht vermehrt, sondern muss gemindert werden – und die Unterscheidung zwischen Nichtkämpfenden und Kämpfern. Nichtkämpfer, wir würden haute sagen Zivilisten und deren Güter, sind zu schützen und dürfen auch im Kriegsfall nicht absichtlich zerstört werden.
Erst wenn all diese Kriterien erfüllt werden, kann Krieg seiner Ansicht nach auch vor dem Hintergrund christlicher Wertvorstellungen legitim geführt werden.
Dass dies wohl nie der Fall sein wird, ist Ethikern und Moraltheologen nicht erst in der Neuzeit bewusst geworden.

Zu bemerken auf dem Weg in unsere Tage bleibt nun noch, dass im Zeitalter der Aufklärung eine weitere Hürde eingeführt wurde. Immanuel Kant stellt 1793 fest, dass alle bisherigen Versuche Krieg an rechtliche Regeln zu binden, keinen wirklichen Frieden, sondern bestenfalls zeitliche Waffenstillstände brachten. Einzig, so Kant, ein allgemeines, mit Machtmitteln durchsetzbares Völkerrecht, dem sich jeder Staat zu unterwerfen und an das sich jeder Staat vertraglich binden muss, könne dauerhaft Frieden sichern.
Auf dieser Grundlage versucht nun die UNO heute Krieg zu ächten und durch verschiedenste Regelungen den Weltfrieden zu wahren.

Eine Rede vom „gerechten Krieg“ ist nach den langen Jahrhunderten philosophisch-ethischer Diskussion und  unzähliger Kriege so nun nicht mehr möglich. Wir sind überzeugt, es gibt keinen gerechten Krieg und es hat auch nie nur einen einzigen gegeben. Krieg ist immer Unrecht und entwickelt, unabhängig von den jeweiligen Waffensystemen, eine Eigendynamik, die nicht in moralischen Schranken zu halten ist.
Freilich schaut unsere Wirklichkeit leider anders aus. Es mag auch heute gerechte Gründe geben für den Einsatz von Truppen. Doch wird der einzelne, wie die Gemeinschaft dadurch nie unschuldig bleiben. Einen christlich begründbaren Freischein für Krieg und Gewalt gibt es nicht – selbst angesichts schauderbarer Gräueltaten! Was bleibt ist die Frage nach dem geringeren Übel.
Vielleicht denken wir in diesem Zusammenhang wieder an die Worte von Papst Johannes Paul II. wenige Wochen vor dem Ausbruch des Irakkrieges 2003: „Krieg ist niemals ein unabwendbares Schicksal. Krieg ist immer eine Niederlage für die Menschheit.“
Und besser ist zu wissen: Krieg beginnt nicht einfach so. Wir sollten weiter und noch ernsthafter daran arbeiten, Voraussetzungen zu schaffen, damit Gewalt und Krieg nicht mehr nötig erscheinen, jeder das notwendige zum Leben hat – auch im Blick, das der Preis persönlicher Verzicht und eigen Einschränkungen bringen mag. Bereits 1967 hat Papst Paul VI. davon gesprochen, dass „Entwicklung der neue Name für Frieden“ heißt .

In diesem Sinne möchte ich uns allen den Satz aus den heute gehörten Seligpreisungen erneut zurufen:
„Selig, die keine Gewalt anwenden, denn sie werden das Land erben… Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Söhne Gottes genannt werden.“ (Mt 5,3ff.)

1  Vgl. de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_andauernden_Kriege_und_Konflikte (13.03.2015)
2  Vgl. Berliner Zeitung, Jahresrückblick 26.12.2014
3  W. Huber, H.-R. Reuter; Friedensethik
4  So in: Decretum Gratiani (um 1140)
5  In: Populorum Progressio, 26.3.1967


Die Bergpredigt: Ist Friedfertigkeit eine Utopie?

Benediktinerabtei zum Heiligen Kreuz                       8. März 2015
Kloster Scheyern

Predigt: Prof. Dr. Theo Seidl

Fastenpredigt                                                Lesung: Lev 19,1.13-18;
                                                                      Evangelium: Mt 5,21f.38-48

In einem Zeitungsinterview mit einem prominenten deutschen Politiker – immerhin bekennender Katholik – stellte der Journalist die Eröffnungsfrage zur Asylproblematik: „Menschen abschieben, ist wenig christlich. Lassen die Politiker die Bergpredigt links liegen?“ Die Antwort des Politikers: „Wer kann schon die Nachfolge Jesu so radikal leben, vielleicht nur Mutter Teresa und Menschen wie sie können die Bergpredigt halten“ (SZ vom 23.2. 2015).
Diese Antwort ist eine Steilvorlage für die heutige Fastenpredigt. Ich möchte gegen die m. E. unzureichende Antwort des Politikers zeigen, wie sehr die Bergpredigt und ihre Ideale der Gewaltlosigkeit und Friedfertigkeit uns alle angehen und ständig herausfordern, wie sehr diese Maximen der Bergpredigt direkt in Alltag und jede menschliche Gemeinschaft hineinwirken und alles andere sind als ein nur von Ausnahmemenschen erreichbares Ideal oder gar eine Utopie für ferne Zeiten.
Ich will an den drei für unser Thema einschlägigen Gegensatzpaaren der Bergpredigt (unser Evangelium heute) deutlich machen, wie sie schon in ihrer Zeit ganz lebensnah waren und wie sehr sie auch unser Zusammenleben heute ständig korrigieren und dadurch fördern können.

1. Das 5. Dekalog-Gebot „Du sollst nicht töten“ und seine Deutung durch Jesus steht am Anfang der Gegensatzpaare der Bergpredigt. In dieser auch uns geläufigen Gebotsformulierung bleibt offen: Ist nur der Mord, das vorsätzliche, heimtückische Töten von Menschen verboten oder auch die fahrlässige Tötung, also jede Gewaltanwendung, die die Gefährdung menschlichen Lebens in Kauf nimmt. Im Judentum gab es daher eine engere und weitere Auslegung des 5. Gebots.
Jesus setzt bei der Gewaltproblematik viel früher und damit tiefer an: Er betont, jede Ausübung von Gewalt gegen den Nächsten hat kleine Anfänge, geringfügige Anlässe; aus ihnen aber kann sich ein gefährliches Gewaltpotential entwickeln, mehr und mehr steigern bis zu Totschlag und Mord. Darum heißt Jesu Devise: Wehret den Anfängen, denn jede Gewalttat fängt „im Herzen“ an, mit Verwünschungen, Schmähungen, Schimpfreden gegen den Nächsten. So rät das erste Gegensatzpaar der Bergpredigt, schon diese ersten Gedanken und Regungen von Gewalt und Verachtung gegen den Nächsten als Alarmzeichen zu betrachten und sich schon in diesem frühen Stadium von Gewalt zu Gesten der Versöhnung bewegen zu lassen, damit Gewalt ja nicht eskaliert. Das ist direkt in Alltag und Leben gesprochen. Damit können wir alle etwas anfangen. Jesu positive Auslegung des 5. Gebots ist alles andere als lebensfern oder gar utopisch.

2. Der Rechtsgrundsatz des nächsten Gegensatzpaares der Bergpredigt  „Auge für Auge, Zahn für Zahn“ ist kein Aufruf zu Rache und Vergeltung, wie wir ihn landläufig verstehen („wie du mir, so ich dir“) und häufig so auch zitieren; er hat ursprünglich einen Rechtsfortschritt gebracht, weil er den angemessenen Ausgleich und Ersatz bei gesetztem Schaden fordert und überzogene, zu schwere und drastische Bestrafung geringerer Delikte verhindern sollte. In bildhafter Sprache wird damit ausgedrückt: Für ein Auge ist „nur“ ein Auge zu ersetzen, für einen Zahn „nur“ ein Zahn zu geben, für eine Wunde „nur“ eine Wunde, für eine Strieme „nur“ eine Strieme (Ex 21,24).
Jesu Kommentar und Auslegung dazu setzt freilich schon vor dem Greifen und Anwenden dieses Rechtsgrundsatzes an und beruht auf folgender Überlegung: Der Grundsatz „Auge für Auge …“ setzt immer erst ein und greift erst dann, wenn die Gewalthandlung schon vollzogen ist, wenn eine Wiedergutmachung eines gesetzten Schadens nötig geworden ist.
Jesu Forderung aber lautet hier: Lasst es nicht so weit kommen, verhindert Schaden und Schadensersatz durch die Unterbrechung der Gewaltspirale, durch Veränderung eures Handelns: Es soll von Anfang an von Verzicht auf Gewalt und Gewaltanwendung geprägt sein; denn Gewalt gebiert Gegengewalt in nie endender Spirale.
In der Erziehung haben wir das mittlerweile begriffen, wenn wir heute auf die Prügelstrafe als Erziehungsmittel völlig verzichten. Denn wir sind überzeugt: Geprügelte Kinder prügeln wieder und geschlagene Kinder werden selber einmal zuschlagen. Hier ist eine sehr lebensnahe Forderung der angeblich so lebensfernen „Bergpredigt“ tatsächlich verwirklicht.
Auch das muss klargestellt werden: Niemand wird durch dieses Gegensatzpaar der Bergpredigt  um sein Recht gebracht. Natürlich muss man auf sein Recht pochen, wenn einem Unrecht geschehen ist, wenn man zu Unrecht angegriffen wird. Doch die Bergpredigt rät: Lasst es gar nicht so weit kommen, dass es einen Rechtsstreit gibt; lebt und handelt so, dass nicht alles auf Rechthaben, Durchsetzen von Recht und damit Gewaltanwendung gegründet wird. Bannt die Gewalt von Anfang an aus eurem Lebensbereich. Gewiss eine Idealforderung, aber eine sehr wirksame für unser Zusammenleben.

3. Bei der Formulierung des Gegensatzpaares  „Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen“ (5,43) muss man zuerst etwas richtig stellen: Nirgends ist im AT Feindeshass befohlen, wie es in überspitzter Rhetorik zu Beginn heißt. Gemeint ist wohl, dass man das zentrale Gebot der Nächstenliebe (Lev 19,18) nicht so vermittelt hat, dass auch der Feind, der Widersacher in sie eingeschlossen wäre. Das fordert nun ausdrücklich das Gebot Jesu.
Auch wenn es im AT durchaus Beispiele für Menschen gibt, die für ihre Feinde beteten oder Fürsprache bei Gott für sie einlegten wie Jeremia oder manche Psalmenbeter, begründet Jesus in der Bergpredigt seine Forderung der Feindesliebe mit einer Ausweitung des zentralen Hauptgebotes der Liebe: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (Lev 19,18). Diese Forderung bezog sich in der Gesellschaft des Alten Israel zunächst nur auf den Volksgenossen, auf den Nächststehenden in Familie, Sippe und Stamm, später nur auf den israelitischen Mitbürger. Das Gebot war also eng gefasst. Jesus weitet die Richtung des Gebots in der Bergpredigt auf jeden Menschen aus und begründet dies theologisch sehr gewichtig mit der Schöpfung Gottes: „Gott lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute, über Gerechte und Ungerechte“ (Mt 5,45). Wir könnten auch sagen: Weil alle Menschen Geschöpfe Gottes sind, gilt allen Menschen unsere Achtung, unser Respekt, unsere faire Behandlung – und, wenn wir können,-  auch unsere Liebe.
Diese letzte Forderung der „Bergpredigt“ ist gegenwärtig besonders aktuell für unseren Umgang mit den Fremden und Ausländern, mit denen wir zusammenleben und zusammenarbeiten, aber auch für unsere Begegnungen mit anderen Glaubensrichtungen, Konfessionen und Religionen. Die Nächstenliebe, wie sie die „Bergpredigt“ versteht und fordert, geht über die Grenzen von Nation und Religion hinaus, sie ist allumfassend, weil sie lehrt, in allen Menschen Geschöpfe, Kinder Gottes zu sehen.
Die „Bergpredigt“ versteht das alttestamentliche Gesetz so, wie man seinen Urtext auch übersetzen könnte: „Liebe deinen Nächsten, denn er ist wie du“.

4. Lassen wir im Rahmen dieser Fastenpredigt die drei ausgelegten Gegensatzpaare der Bergpredigt noch konkreter in unseren Alltag hineinsprechen und Bereiche nennen, in denen wir nach den Maximen der Bergpredigt Kurskorrekturen gerade jetzt in der Fastenzeit vollziehen könnten.

4.1 Für den weiten Geltungsbereich in der Auslegung des 5. Gebots nach der Bergpredigt haben wir in unserer Sprache aufschlussreiche Ausdrücke: „Wenn Blicke töten könnten“, sagen wir und meinen, dass wir schon vor der Anwendung von Handgreiflichkeiten und Tätlichkeiten mit Blick, Mimik und Gesichtsausdruck Menschen nicht nur auf Distanz halten, sondern verletzen können.
Wir sprechen sodann von „verbaler Gewalt“, wenn Menschen sich beim Reden nicht in der Gewalt haben und Gewaltausdrücke, Schimpfwörter und Schmähungen über die Köpfe von Menschen hereinbrechen lassen und sie bis ins Mark treffen.
Wir nennen systematische Kampagnen des Bloßstellens und Herausdrängens von Menschen modern „Mobbing“ und wissen, wie sehr sie die Betroffenen schädigen und seelisch verwunden können.
Die Bergpredigt und ihre Auslegung des 5. Gebots kennt alle diese Bereiche zwischenmenschlicher  Gewaltausübung und hält uns an, rücksichtsvoller, einfühlsamer, ja würdevoller mit Mitmenschen umzugehen und an unserem Umgangston, an unseren Umgangsformen ständig zu arbeiten.

4.2 Die andere Forderung der Bergpredigt „Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand“ ist gewiss schwierig zu realisieren; sie will uns keinesfalls zu Duckmäusern und Leisetretern erziehen. Aber hinter ihr steckt die Lebenserfahrung, dass man manchmal auch etwas einstecken können muss, ohne gleich loszuschlagen, ohne gleich dem Übeltäter sofort eins auszuwischen und auf Vergeltung zu sinnen. Manchmal ist es in einem solchen Fall besser, einmal darüber zu schlafen und dann auf eine offene, sachliche Aussprache zu drängen, die das Unrecht, das wir erfahren haben, beim Namen nennt. Das könnte einen Dauerkonflikt mit nicht endenden  Vorwürfen und ewigem Nachtragen vermeiden.

4.3 Und die Übersetzung der Forderung der Feindesliebe könnte als Aufgabe in der Fastenzeit für uns so aussehen, dass wir bei schon lange schwelenden Konflikten, ja Dauerfeindschaften, die sich  in den Familien, in der Berufswelt  oder in unserer Nachbarschaft festgesetzt haben, den ersten Schritt zur Versöhnung fertig bringen, von uns aus wieder die Hand reichen und so Versöhnung anbahnen.
Das seien nur ein paar Beispiele dafür, wie lebensnah und konkret die gewiss hart und herausfordernd klingenden Forderungen der Bergpredigt sind, wie sie aber keine Unmöglichkeiten von uns verlangen oder für Übermenschen reserviert sind. Nein, sie gelten jedem von uns und machen Friedfertigkeit und Gewaltlosigkeit nicht zur Utopie, sondern zu erreichbaren Zielen für ein förderliches Zusammenleben.

5. Die Gegensatzpaare der Bergpredigt  schließen mit einer Maximalforderung, mit der wir uns zunächst auch schwer tun: „Seid vollkommen, wie es auch euer himmlischer Vater ist“ (5,48). In ihr klingt die Eröffnung des alttestamentlichen „Heiligkeitsgesetzes“ (Lev 19 - 26) an: „Seid heilig, wie ich, euer Gott, heilig bin“ (Lev 19,1). Danach sollen wir in unserem Handeln und Umgang miteinander an Gott Maß nehmen, an seiner Heiligkeit und Vollkommenheit.
Ich möchte diese hohe Schlussanforderung der „Bergpredigt“  mit dem dafür gebrauchten griechischen Wort des Urtextes uns ein wenig näher bringen: téleios ; man könnte es wiedergeben mit „zielstrebig“, “auf das Ziel bedacht“. Dann heißt die letzte Forderung der „Bergpredigt“: Seid stets auf Ziele bedacht, seid auf Ziele ausgerichtete Menschen, vor allem auf Gott selbst, das Ziel aller Dinge.
Ziele, die wir uns setzen, halten uns in Atem, halten uns in Bewegung, lassen uns nicht erlahmen. Die „Bergpredigt“ gibt uns viele Ziele vor, Ziele, die wir erreichen sollen und in Gottes Namen und mit seiner Hilfe auch erreichen können.

Theo Seidl


„Deus vult – Gott will es“ – was will Gott?

Benediktinerabtei zum Heiligen Kreuz                       1. März 2015
Kloster Scheyern

Predigt: Abt Markus Eller OSB

Fastenpredigt                                     L: Gen 22,1-2.9a.10-13.15-18
                                                        Ev: Mk 9,2-10

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Um Gottes Willen! oder Um Himmels Willen! Wenn Menschen so ausrufen, dann ist das ein Ausdruck des Erschreckens, des Entsetzens, der Bestürzung oder der Abwehr.

Um Gottes Willen! Wir alle werden Situationen und Erlebnisse kennen, wo uns dieser Ausdruck durch den Kopf oder diese Worte über die Lippen gegangen sind. Vielleicht brauchen wir gar nicht viel und lange darüber nachzudenken, um zu wissen und zu finden, wo wir so entsetzt, bestürzt oder gar mehr ratlos und hilflos ausgerufen haben: Um Gottes Willen!

Und wenn uns aus dem persönlichen Umfeld nichts eingefallen ist, dann genügt auch das, was uns Tag für Tag über die Medien an Schreckensmeldungen aus aller Welt erreicht, um zu denken oder zu sagen: Um Gottes Willen!

 Diese Tatsache, wie sich verschiedene Kräfte und Mächte dieser Welt in den letzten Jahren gebärden, war ja auch der Ausgangspunkt, uns für die Predigtreihe in dieser Fastenzeit das Motto zu wählen: Selig die Frieden stiften – doch unsere Welt spricht eine andere Sprache.

Ja, und ich brauchte auch nicht lange zu suchen, bis ich in der Bibel einen Abschnitt gefunden habe, wo wir diesen Gedanken in unseren Köpfen oder diese Worte auf unseren Lippen haben: Um Gottes Willen!

In der Leseordnung unseres Kirchenjahres ist für den heutigen Sonntag der Abschnitt aus dem Buch Genesis sogar fast wie zufällig vorgesehen, der mit den fast verharmlosenden Worten „Die Opferung Isaaks“ überschrieben ist: Gott sprach: Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du lieb hast, Isaak, geh in das Land Morija und bring ihn dort auf einem der Berge, den ich dir nenne, als Brandopfer dar.

Um Gottes Willen! Was ist der Wille Gottes? Kann das der Wille Gottes sein? So fragen wir, weil wir es nicht glauben wollen und vielleicht auch nicht wahrhaben wollen, dass Gott von Menschen so etwas verlangen kann. War sich Abraham so sicher, dass das Gottes Wille ist? War sich Abraham sicher, dass es so gut hinausgehen wird, wie es dann doch hinausging? Auch wenn man in dieser Geschichte von einem Happy End sprechen kann, so finden Menschen diese Geschichte nicht ganz zu Unrecht als abstoßend. Und es lässt sich fast fragen, vor wem uns mehr grauen soll, vor Abraham oder vor diesem Gott.

Um Gottes Willen! Die Geschichte unseres Glaubens und unserer Kirche kennt Abschnitte und Momente, wo sich Menschen des Willens Gottes so ganz sicher waren, dass es Gott will und was Gott will. Mit den Worten Deus vult! zu deutsch: Gott will es! antwortete die Menschenmenge, als Papst Urban II. am 27. November 1095 auf der Synode von Clermont in einer Predigt zur Befreiung Jerusalems aufrief.

Gott will es, sagten die Menschen damals und wir rufen in der Rückschau eher: Um Gottes Willen! Denn mit diesem Aufruf begann eines der dunkelsten Kapitel der Kirchengeschichte, das unter dem Begriff der Kreuzzüge in die Geschichte eingegangen ist.

Wenn man das Umfeld dieser Synode betrachtet, dann war die Kirche einmal mehr mit sich selbst beschäftigt. Es gab zwei Päpste, die jeweils die Herrschaft über die Kirche beanspruchten. Vor dem Hintergrund einer so zerrütteten Kirche beschäftigte man sich auf diesem Konzil vornehmlich mit dem innerkirchlichen Alltag. Es wurden einige Reformgesetze beschlossen, die die Rechte der weltlichen Herrscher innerhalb der Kirche einschränken sollten, die Verordnungen des Zölibats wurden ebenso verschärft wie das Verbot der Simonie (Anmerkung: Als Simonie wird der Kauf oder Verkauf eines kirchlichen Amtes, von Pfründen, Sakramenten, Reliquien oder Ähnlichem bezeichnet). Als die Synode ein Hilferuf aus Byzanz gegen die muslimische Bedrohung erreichte, hatte Papst Urban II. die Idee eines Pilgerzuges nach Jerusalem. Sein flammender Aufruf war vielleicht aber auch ein willkommenes Ablenkungsmanöver von den eigenen Problemen, jedenfalls hat der Aufruf sein Ziel nicht verfehlt.

Gott will es! Um Gottes Willen

Liebe Schwestern und Brüder, auch wenn das schon lange her ist, so ist der Wille Gottes immer noch Thema. Wir hören immer wieder von der Idee eines Gottesstaates und von Gotteskriegern aus dem muslimischen Kulturkreis, aber auch bei uns ist der Wille Gottes ein Thema, obwohl wir das vielleicht gar nicht mehr bewusst wahrnehmen. Dein Reich komme, dein Wille geschehe, so beten wir jedes Mal vielleicht eher gewohnheitsmäßig als bewusst im Vaterunser. Haben Sie bei diesen Worten sich schon einmal gefragt, was denn dieser Wille Gottes sein könnte oder sind Ihnen angesichts von Katastrophen, Unglücksfällen, Anschlägen, Schicksalsschlägen und Kriegen schon einmal Zweifel gekommen an einem Willen Gottes?

Dieses Vaterunser gehört zu den Grundgebeten unseres Glaubens. Jesus hat es seinen Jüngern und damit auch uns gelehrt. Es ist dieser Jesus, von dem es heute im Evangelium geheißen hat: Das ist mein geliebter Sohn, auf ihn sollt ihr hören. Es ist dieser Jesus, der angesichts seines eigenen Schicksals gesagt hat, aber nicht mein Wille geschehe, sondern der Deine.

Um Gottes Willen!

Gott will es. Gott hat es so gewollt, und er hat sozusagen mit der Abrahams-Geschichte bei sich selber ernst gemacht, als er das Liebste, was er hatte, seinen einzigen Sohn hergegeben hat, um uns Menschen ein für alle Mal zu erlösen. Das ist nicht so ganz einfach zu verstehen. So dass wir uns mit den Jüngern im heutigen Evangelium oft im Unklaren befinden: Dieses Wort beschäftige sie und sie fragten einander, was das sei: Von den Toten auferstehen.

Gottes Wille! Gott will es! Was will Gott? Sollen wir diese Frage lieber sein lassen, damit Menschen nicht so oft ausrufen müssen: Um Gottes Willen? Ich glaube, es wird uns nicht gelingen; denn diese Frage gehört zu den Herausforderungen unseres Lebens, ob wir wollen oder nicht. Denn es ist die Frage nach dem Richtig oder Falsch, dessen Grenzen aber im Alltag nicht immer so ganz klar sichtbar sind und oft fließend verlaufen.

Liebe Schwestern und Brüder, mir persönlich ist diese Frage, was der Wille Gottes ist, mit in meine Aufgabe als Abt gegeben und es bleibt damit mehr oder weniger eine tägliche Herausforderung in vielen Entscheidungen. Mir hilft dabei ein Abschnitt aus den Satzungen unserer bayerischen Benediktinerkongregation, wo es heißt: Wenn die besondere Autorität des Abtes nicht als Herrschaft über andere, sondern als Dienst und Verantwortung verstanden wird, führt der Weg zur jeweiligen Erkenntnis des Willens Gottes über den Dialog.

Das Hinhören aufeinander ist für den Oberen wie für alle Glieder der Gemeinschaft ein Schutz gegen die Versuchung, die eigene Meinung vorschnell als den göttlichen Willen anzusehen.

Hinhören, gut hinhören und zuhören! Vielleicht ist das auch das Beste, das man der Geschichte von Abraham und Isaak abgewinnen könnte, dass Abraham gut hingehört hat und dass er es noch gehört hat, als Gott „STOP“ gerufen hat.

Gott will es! Was will Gott? Wenn sich Menschen des Willens Gottes so ganz sicher sind und nicht mehr hören können oder hören wollen, dann führt das unweigerlich in die Situationen des Entsetzens, der Bestürzung und des Schreckens, wo die Menschen rufen: Um Gottes Willen!

Das ist mein geliebter Sohn, auf ihn sollt ihr hören. So wurde uns der Wille Gottes heute im Evangelium kundgetan.

Das ist mein geliebter Sohn, auf ihn sollt ihr hören. Einer der gewichtigsten Aussagen, die dieser Jesus getroffen hat, war die Verheißung: Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.

An diesem Ziel für die Menschen auf dieser Welt wird sich alles, was mit dem Willen Gottes in Verbindung und in Zusammenhang gebracht wird, messen lassen müssen.

Jetzt und in Ewigkeit. Amen!

 


HIER!

Benediktinerabtei zum Heiligen Kreuz             6. Januar 2015, Erscheinung des Herrn
Kloster Scheyern

                                                                                           L: Jes 60,1-6
                                                                                           Ev: Mt 2,1-12


Zelebrant und Predigt: Abt Markus Eller OSB


Liebe Schwestern und Brüder!

Wer im Verbreitungsgebiet des Donaukuriers lebt oder ihn bezieht, dem ist vielleicht schon einmal eine Beilage aufgefallen, die schlicht und einfach mit dem Wort „HIER“ betitelt ist. Vielleicht kennen sie diese Beilage, die zweimal im Monat am Freitag erscheint. Die Redaktion beschreibt die Absicht bzw. den Inhalt dieser Beilage im Impressum mit den folgenden Worten: „Mit HIER porträtieren wir Menschen, die im Verbreitungsgebiet unserer Heimatzeitung leben. Nicht für die lauten und auffälligen Figuren, für die Mächtigen und Offiziellen interessieren wir uns dabei, sondern für diejenigen, die leise und unspektakulär im Hintergrund wirken, aber trotzdem ihre eigene, authentische Geschichte haben – kurz für Menschen in unserer Heimat.
Wir wollen Leute aus unserer Region vorstellen, die ihren Weg ganz individuell gehen, und ihre Geschichte aufschreiben.“


Ich weiß nicht, ob sie diese Beilage auch einmal angeschaut oder gelesen haben. Ich tue es eigentlich mit großem Interesse und erfahre dabei immer wieder interessante Details von Menschen, die eigentlich ganz in unserer Nähe leben, aber über die wir gar nichts oder nicht viel wissen. So wurde in der letzten Ausgabe (2. Januar) die Geschichte einer Frau aus Pfaffenhofen erzählt. Sie ist Künstlerin, sie malt Bilder, aber sie ist blind.

Über das Evangelium, das wir gerade gehört haben, könnten wir auch dieses „HIER“ schreiben. Wir werden zwar in eine ganz andere Region und eine ganz andere Zeit geführt, aber es geht auch um eine „Figur“, von der man sagen kann, dass sie nicht – in gewisser Weise noch nicht - zu den lauten und mächtigen gehört, sondern zu den leisen und unspektakulären im Hintergrund, die aber trotzdem ihre eigene und authentische Geschichte hat und haben wird: Der neugeborene König der Juden.

Der neugeborene König der Juden, der später einmal von sich sagen wird, dass sein Reich nicht von dieser Welt ist, also dass er andere Maßstäbe haben wird, als die, die in dieser Welt gelten oder die in dieser Welt etwas gelten. 

Auf diesen neugeborenen König der Juden weist keine Zeitung, kein Medium der damaligen Zeit hin, sondern ein Stern zeigt denen an, die nach ihm suchen, wo dieses HIER ist, wo sich dieses HIER ereignet.

Liebe Schwestern und Brüder, bedingt durch unsere Baustelle in unserer Basilika, haben wir heuer einen großen Stern aufgehängt. Natürlich haben wir das getan, um diese große Wand etwas gefälliger zu machen. Vielleicht könnte dieser Stern aber auch mehr als eine Verlegenheitslösung sein. Er könnte mehr als Schmuck und Zierde sein, er könnte uns auch anzeigen, dass in unserer Basilika auch HIER ist und dass sich in unserer Basilika HIER ereignet.

Der Stern weist darauf hin, dass Menschwerdung nicht einmal an einem bestimmten Ort geschehen ist, sondern dass sich Menschwerdung immer wieder und an verschiedenen Orten auf der ganzen Welt ereignet, so dass es ein HIER gibt, dass man das als HIER bezeichnen kann.

Dieser Jesus ist überall daheim, wo er Aufnahme findet. Allen, die ihn aufnahmen gab er Macht Kinder Gottes zu werden, wurde an Weihnachten aus dem Johannesevangelium vorgelesen. Dieser Jesus findet dort überall Heimat, wo Menschen sich aufmachen, nach ihm suchen und nach ihm fragen. Diese Weisen, von denen wir im Evangelium gehört haben und die heute in unsere Krippendarstellungen Einzug halten, stehen für diese offene Haltung.

Vielleicht macht gerade das ihre Weisheit und ihre Bildung aus, dass sie sich nicht mit dem Offiziellen und nicht mit dem Mächtigen zufrieden geben, sondern dass sie noch nach etwas ganz anderem suchen, von dem sie eigentlich gar nicht genau wissen, wie es aussieht, oder besser gesagt, wie sein Umfeld aussieht: Ein Königskind in einem Stall. Ich glaube nicht, dass sie sich das so vorgestellt haben

Diese Unsicherheit bringt ihnen den Abstecher zu König Herodes ein. Sie merken aber sehr schnell, dass er das nicht ist, dass es das nicht sein kann.
Die Geschichte, wie sie uns der Evangelist Matthäus aufgeschrieben hat, lässt den Stern woanders stehen bleiben. Die Geschichte zeigt ein anderes HIER: Und der Stern, den sie hatten aufgehen sehen, zog vor ihnen her bis zu dem Ort, wo das Kind war; dort blieb er stehen. Als sie den Stern sahen, wurden sie von sehr großer Freude erfüllt: Jetzt wussten sie: Hier ist er. Hier ist es.

Liebe Schwestern und Brüder, dieses HIER kennt viele Orte. Dieses HIER hat viele Namen und viele Gesichter, nämlich überall da, wo Menschen nach ihm suchen, nach ihm fragen, auf ihn hoffen und ihn schließlich finden.

Die Weisen brechen auf und suchen nach dem Kind
Brecht wie die Weisen auf, wo Menschen hungrig sind!

Die Weisen gehen los und suchen nach dem Kind
Geht wie die Weisen los, wo Menschen einsam sind!

Sie folgen ihrem Stern und hoffen auf das Kind.
Folgt einem Stern wie sie, wo Menschen traurig sind!

Die Weisen kommen an und finden dann das Kind.
Kommt wie die Weisen an, wo Menschen hilflos sind!

H I E R !


Neu und gewinnen

Benediktinerabtei zum Heiligen Kreuz                       1. Januar 2015, Neujahr
Kloster Scheyern

Zelebrant und Predigt: Abt Markus Eller OSB

Liebe Schwestern und Brüder!

Es gibt Worte, die allein durch ihre gezielte Verwendung und durch ihren Gebrauch das Interesse und die Aufmerksamkeit der Menschen wecken. Zu diesen Wörtern gehört das kleine Wort "neu". Dieses Wortes "neu" bedient sich die Werbung, um etwa auf ein neues Modell, eine Neuheit oder eine Neuigkeit aufmerksam zu machen. Aber auch darüber hinaus kann "neu" geradezu verheißend wirken: Neues Spiel, neues Glück. Auch der heutige Tag erhält durch das Wort "neu" seine Besonderheit: Heute ist Neujahr, vor wenigen Stunden haben wir ein neues Jahr begonnen.

Ein anderes Wort, das die Blicke und vielleicht noch mehr die Gedanken der Menschen auf sich zieht, ist das Wort "gewinnen". Wenn es irgendwo irgendetwas zu gewinnen gibt, werden Menschen hellhörig, bisweilen auch neugierig.

In gewisser Weise ist es mir selber in den letzten Tagen so ergangen. Neben anderen Aufmerksamkeiten habe ich auf Weihnachten hin auch eine Flasche Sekt geschenkt bekommen. Beim Auspacken entdeckte ich am Hals der Flasche dieses zusätzliche Etikett, auf dem geschrieben steht: Gewinne das Jahr deines Lebens! Und schon habe ich weiter gelesen, was es damit auf sich hat.

Die Teilnahme an diesem Gewinnspiel, bei dem man so nebenbei ein paar persönliche Daten preisgeben sollte, versprach eine Beteiligung an laufenden Kosten oder bei Neuanschaffungen im Jahr 2015 bis zu einer Summe von 25.000,- Euro. Eine Barauszahlung sei allerdings nicht möglich. Gewinne das Jahr deines Lebens.

Liebe Schwestern und Brüder, Gewinne das Jahr deines Lebens, das ist ein sehr verheißungsvoller Wunsch, der heute am Anfang eines neuen Jahres in den vielfältigen Wünschen, die wir uns heute zusagen, mitschwingt. In dem Wunsch nach viel Glück sind auch der Wunsch und die Sehnsucht von uns Menschen enthalten, irgendwie auf der Gewinnerseite des Lebens zu stehen.

Wie diese Gewinnerseite aussehen könnte oder was dort alles zu haben und zu bekommen wäre, das äußert sich in vielen ganz konkreten Wünschen, nach denen Menschen in diesen Tagen auch gefragt wurden. Mit Interesse habe ich gestern - Sie vielleicht auch - in unserer Zeitung gelesen, was sich Menschen für dieses neue Jahr alles wünschen. Manches davon ist sehr konkret und praktisch, manches eher allgemein gehalten.

Als acht Tage vorüber waren und das Kind beschnitten werden sollte, gab man ihm den Namen Jesus, den der Engel genannt hatte, noch ehe das Kind im Schoß seiner Mutter empfangen wurde.

In diesem letzten Satz des eben gehörten Evangeliums ist auch eine Art Gewinn "versteckt", den wir vermutlich nicht gleich bemerkt haben Es ist ein Gewinn, der sich in dem Namen Jesus verbirgt. Das Judentum kennt viele sprechende Namen, so heißt und bedeutet der Name Jesus "Gott hilft". Mit diesem Jesus stehen wir sozusagen auf der Gewinnerseite des Lebens, weil Gott hilft.

Aber auch für diesen Jesus gibt es kein Gewinnen ohne Verlieren, sagt er doch einmal selbst: "Wer sein Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen". An einer anderen Stelle hinterfragt er aber so manchen offenkundigen Gewinn, der in Wirklichkeit vielleicht doch ein Verlust sein kann: Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber dabei sein Leben verliert.

Jesus ist die lebendige Zusage Gottes, dass er uns helfen möchte und auch helfen kann.

Gewinne das Jahr deines Lebens! Ob das neue Jahr "das Jahr des Lebens" wird, wie man das so verheißungsvoll sagen könnte, lässt sich eben nicht so einfach sagen. Und das lässt sich auch an keine Summe knüpfen. Auf alle Fälle wird das neue Jahr ein weiteres Jahr unseres Lebens sein, das sich in die Reihe unserer Jahre einfügt. Es wird ein Jahr sein, in dem gewonnen und auch verloren wird.

Vielleicht können wir einen Gewinn aus allem ziehen, wenn wir diesen Jesus an unserer Seite wissen, der uns hilft, mit Gewinnen und Verlusten leben zu können.
Wenn Gott hilft, dann besorgt er uns nicht einfach Dinge, die wir bräuchten oder möchten, sondern wenn Gott hilft, dann besteht seine Hilfe im Dabeisein und im Mitgehen, so wie wir es heute gesungen haben: Er ist der Weg auf dem wir gehen. Er ist die Wahrheit, der wir trauen. Er will als Bruder bei uns stehn, bis wir im Glanz ihn schauen.

Liebe Schwestern und Brüder, ich möchte schließen mit einem Wunsch oder besser gesagt mit einer Bitte, die auch in unserer Liturgie vorkommt. Es ist ein Ruf, mit dem wir uns die Hilfe Gottes immer wieder zusagen und vergewissern, bevor wir zum Beispiel einen Gottesdienst beginnen oder auch ein Segensgebet sprechen. Dieser Ruf, diese Bitte möge nun auch am Anfang dieses neuen Jahres stehen:

Unsere Hilfe ist im Namen des Herrn.
Der Himmel und Erde erschaffen hat.


Weihnachten ist schwer verdaulich.

Benediktinerabtei zum Heiligen Kreuz                       1. Weihnachtsfeiertag 2014
Kloster Scheyern

Zelebrant und Predigt: Abt Markus Eller OSB

Liebe Schwestern und Brüder!

An Weihnachten kommt niemand vorbei. Überall wohin man in den letzten Tagen blickte, war etwas von Weihnachten zu sehen, zu spüren oder auch zu lesen. Dass es dabei auch kuriose oder komische Zusammenhänge und Verknüpfungen gibt, muss ich wohl nicht erklären.

Ich muss immer noch an die Überschrift in einer Zeitung denken, die mich zum Schmunzeln gebracht hat und immer noch schmunzeln lässt. Sie lautete: Weihnachten ist schwer verdaulich. Und weiter war zu lesen: Ernährungsexperten warnen vor Völlerei am Fest - sieben Überlebensstrategien

Diese sieben Strategien erspare ich Ihnen jetzt. Ich möchte Ihnen heute auch nicht den Appetit verderben, denn zu Weihnachten gehört für viele Menschen eben auch ein gutes Essen, wobei natürlich, weil es so gut ist, immer die Gefahr des Zuviel besteht. An dieser Stelle sei ein Gruß an unsere Klosterküche geschickt, die per Lautsprecher mithören kann und die es uns in diesen Tagen auch nicht leicht macht, nein zu sagen.

Wenn wir uns aber einmal von der Speisekarte dieser Tage lösen und auf die Texte schauen, die wir in den weihnachtlichen Gottesdiensten hören oder die Inhalte bedenken, die damit verbunden sind, dann, glaube ich, kann man im übertragenen Sinn auch davon sprechen, dass Weihnachten schwer verdaulich ist.

In der heiligen Nacht hören wir immer wieder gern den schönen und bekannten Text aus dem Lukasevangelium, wobei wir schon gar nicht mehr merken, dass die geschilderte Szene für die betroffenen Menschen alles andere als schön und behaglich gewesen sein dürfte. Und auch der Abschnitt, der uns gerade aus dem Johannesevangelium vorgetragen wurde, ist nicht unbedingt so, dass wir ihn in allen Einzelheiten und Querverweisen gleich verdaut, also verstanden haben, und selbst wenn, dann könnte uns das Gehörte ganz schön im Magen liegen.

Der Evangelist Johannes beschreibt mit seinen Worten, die uns geläufig sind, das Angebot Gottes, das nicht überall Zustimmung und Aufnahme findet: Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott. (…) Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt. (…) Er war in der Welt und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.

Weihnachten ist schwer verdaulich.

Das Wort Gottes aufnehmen bedeutet bis heute, daraus leben oder anders gesagt es zum Lebenselixier und zum Lebensmaßstab zu machen. Dieses Wort Gottes, das in Jesus Mensch geworden ist, äußerte sich wieder in Worten, gerade dort, wo er sich kein Blatt vor den Mund genommen und Missstände beim Namen genannt hat. Es gibt Menschen die leiblich und geistig verhungern müssen, weil es auf der anderen Seite Menschen gibt, die das Wort Gottes nicht aufnehmen, es nicht zur Nahrung ihres Lebens werden lassen, obwohl es in Hülle und Fülle zur Verfügung stehen würde.

Weihnachten ist schwer verdaulich. Ob sich das Papst Franziskus auch gedacht hat, als er der Kurie in Rom eine Weihnachtsansprache gehalten hat, die wohl manchen immer noch schwer im Magen liegen dürfte. Auch wenn es da und dort eine gewisse Schadenfreude gibt, dass er denen da in Rom nicht die Füße, sondern den Kopf gewaschen hat, darf nicht übersehen werden, dass der Papst seine Verlautbarungen immer sinngemäß mit den Worten schließt: Was ich aber euch sage, das sage ich allen.

Fünfzehn Krankheiten hat er aufgelistet, wobei spirituelles Alzheimer die Medienvertreter anscheinend am meisten beeindruckt hat. Spirituelles Alzheimer mahnt er an, was für ihn das Vergessen der persönlichen Geschichte mit dem Herrn darstellt. Das heißt aber nichts anderes, als dass Menschen das Wort Gottes in ihrem Alltag, egal wie er aussieht, vergessen haben. Es heißt, dass das Wort Gottes in sein Eigentum kam, aber es nicht aufgenommen wurde. Egal, ob bei einem Kardinal oder bei einem „Durchschnittschristen“.

Der Papst hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass für ihn Bethlehem in Lampedusa ist und dass Lampedusa Bethlehem heute ist, wo sich in der Behandlung der Flüchtlinge Menschwerdung entscheidet. Dass sich Menschwerdung gerade dort vollzieht, wo menschliche Not erkannt und entsprechend gehandelt wird, das liegt vielen Menschen im Magen, weil sie nicht wissen, wie sie das machen sollen, weil sie Angst haben, dass sie vielleicht kürzer treten müssten oder weil ihnen Angst gemacht wird.

Weihnachten ist schwer verdaulich.

Der Papst wünscht den Menschen am Ende seiner Ansprachen oft einen guten Appetit. Den wünsche ich Ihnen heute auch. Denn eigentlich könnte oder sollte uns bei einem guten Essen leichter wieder einfallen, dass das fleischgewordene Wort Gottes, Jesus Christus, sich mit vielen Menschen an den Tisch gesetzt hat und dass er mit ihnen gegessen und geteilt hat.

Lothar Zenetti dichtete so:

So gab der Herr sein Leben, verschenkte sich wie Brot. Wer dieses Brot genommen, verkündet seinen Tod.

Wer dies Geheimnis feiert, soll selber sein wie Brot, so lässt er sich verzehren von aller Menschennot.

Als Brot für viele Menschen hat uns der Herr erwählt, wir leben füreinander, und nur die Liebe zählt.

Immer mündet dieser Text, der zu einem Lied geworden ist, in den Kehrvers: Geheimnis des Glaubens.

Weihnachten kann wirklich schwer verdaulich sein. Trotzdem: Frohe Weihnachten und dann einen guten Appetit! 


Weihnachten ist ein bisschen anders

Benediktinerabtei zum Heiligen Kreuz                       Heilige Nacht 2014
Kloster Scheyern

Zelebrant und Predigt: Abt Markus Eller OSB

Liebe Schwestern und Brüder!

Ist es ihnen schon einmal aufgefallen, dass Menschen mit dem Begriff Weihnachten oft das Wort „früher“ in Verbindung bringen. Vielleicht kennen sie solche Gedanken oder solche Äußerungen: „Früher hatte es an Weihnachten noch Schnee“. „Früher war Weihnachten noch feierlicher“. „Früher war Weihnachten noch ruhiger“. „Früher, ja früher…“ 

Eine Tageszeitung (Münchner Merkur) griff in den letzten Tagen diese Thematik auf und stellte die Frage in den Raum: War Weihnachten früher schöner? Der Schreiber des Artikels gab selber folgende Antwort: Nein, aber es war ein bisschen anders. Und dann waren verschiedene Beiträge zu lesen, wie sich Menschen an frühere Weihnachtsfeste erinnern. Das für mich Eigenartige war vielleicht, dass auch relativ junge Menschen sich an ein früheres Weihnachten, meistens aus Kindertagen erinnerten, das sich ihnen eingeprägt hatte, so, dass sie sich noch gut daran erinnern, sogar lebhaft daran erinnern.

In den letzten Tagen habe ich das auch erlebt. Menschen, denen ich die Krankenkommunion gebracht habe, fingen plötzlich zu erzählen an von Weihnachten und wie es früher war. Aber dann mischte sich in die schöne Erinnerung des „Früher“ die schmerzliche Realität des „Heute“. Ja, Weihnachten ist nicht nur ein Fest der Liebe und der Geschenke, sondern Weihnachten ist auch ein Fest der Erinnerung, manchmal auch der schmerzlichen Erinnerung.

Auf der anderen Seite feiern wir Weihnachten ja gerade deshalb, um uns an etwas zu erinnern. Soeben wurden wir mit den Worten des Evangelisten Lukas nicht nur an ein früheres Weihnachten erinnert, sondern eigentlich an das ursprüngliche Weihnachten. Man könnte da auch die Frage stellen: War früher Weihnachten schöner? Wir müssten wohl zur Antwort geben: Nein, aber es war ein bisschen anders.

Ja, dieses frühere, dieses erste Weihnachten war anders, es war ganz anders, als wie wir heute Weihnachten feiern. Wir stellen zwar das damalige Geschehen in vielen Bildern und Szenen dar, aber es ist doch so ganz anders. Nichts von all dem, was für uns heute wichtig und gebräuchlich ist, schien damals eine Rolle zu spielen. Es war ganz anders.

Was aber ist oder war dieses ganze Andere an diesem Weihnachten. Vielleicht ist dieses Andere in dem Satz verborgen, der einem Engel in den Mund gelegt wird: Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Messias, der Herr.

Liebe Schwestern und Brüder, an Weihnachten geht es immer um das „Heute“. Wenn sich Menschen an frühre Weihnachtsfeste erinnern, dann glaube ich, hat das immer etwas damit zu tun, dass sie dieses Heute irgendwie verspürt haben, auch wenn es damals ein kindliches Glücksgefühl war. Es gab nur ein Heute, es gab kein Früher und auch kein später.

Heute ist euch in der Retter geboren; er ist der Messias, der Herr.

Liebe Schwestern und Brüder, während wir hier ein schönes Weihnachtsfest feiern und trotzdem vielleicht an frühere Weihnachtsfeste denken, gibt es viele Menschen in unserem Land und noch viel mehr auf der ganzen Erde, die nicht nur auf dieses Heute warten, sondern auch auf einen Retter aus ihrer schier ausweglosen Situation.

Die Liste der Kriegs- und Krisengebiete ist unendlich lang geworden, so dass wir gar nicht mehr wissen, wo wir zuerst hinschauen sollen und ebenso die sozialen Brennpunkte und die heiklen Punkte politischer Diskussion in unserem Land. Das ist das Heute, das schmerzliche Heute. Dieses Heute gehört in diese Nacht und zu diesem Tag, von dem es heißt: Heute ist euch der Retter geboren; er ist der Messias der Herr.

Ich glaube, dass alle Menschen sei es in den Krisengebieten oder hier bei uns, die einen Retter brauchen: Die Opfer und die Täter, die Befürworter und die Gegner, die Ängstlichen und die Zuversichtlichen, die Friedlichen und die Gewaltbereiten in dem Text verborgen und enthalten sind, mit dem ich schließen möchte.

Der Text ist überschrieben mit folgenden Worten: Eine folgenreiche Geburt. Er möchte uns daran erinnern, dass in die Geburt des Messias und Retters viele Hoffnungen gesetzt wurden, und er erinnert uns auch daran, dass bis heute Menschen in ganz vielfältigen und vielschichtigen Belangen darauf warten.

Eine folgenreiche Geburt:
Weihnachten ist geboren das Staunen
Weihnachten ist geboren die Liebe
Weihnachten ist geboren der Friede
Weihnachten ist geboren die Freude
Weihnachten ist geboren das Vertrauen
Weihnachten ist geboren die Hoffnung
Weihnachten ist geboren das Miteinander
Weihnachten ist geboren das Teilen
Weihnachten ist geboren die Barmherzigkeit
Weihnachten ist geboren die Dankbarkeit.

Es ließe sich fragen, ob Weihnachten in Zukunft dann schöner sein würde, wenn wir uns daran erinnern lassen und das alles beherzigen? Ich wage eine Antwort: Nein, aber es könnte ein bisschen anders sein.

 


Hl. Kreuzfest

Benediktinerabtei zum Heiligen Kreuz                          14. September 2014, 09.30 Uhr
Kloster Scheyern

Num 21,4-9
Phil 2, 6-11
Joh 3, 13-17

Zelebrant und Prediger: Erzabt Korbinian Birnbacher OSB von der Erzabtei St. Peter in Salzburg.

Stichpunkte und Gedanken zur Predigt

•    Erstmals in Scheyern, obwohl ich eigentlich hier eintreten hätte sollen
•    Ehre und Freude, heute hier predigen zu dürfen; es soll nicht „zu lang“ sein
•    Kreuzesdarstellungen: Schaftlacher Kreuz 970, ältestes Kreuz, gotische Schmerzensmänner, oder gar der Schreckenschristus im Kolleg St. Benedikt von Jakob Adlhart. Im Urlaub habe ich viele Kreuze gesehen ... den grünen Lebensbaum in Doberan.
•    Scheyrer Kreuz: Nach den Unterlagen des Klosters kam das Kreuzpartikel erstmals während der Amtszeit von Abt Ulrich III. (1135–1160) in die Abtei, doch erst dessen Nachfolger setzte es 1180 der öffentlichen Verehrung aus. Am 18. Juni 1362 wird Scheyern als „Kloster des heiligen Kreuzes“ am Papstpalast in Avignon genannt. Zu dieser Zeit war es ein „Reliquiar von Birnbaumholz, umgeben mit silberner, vergoldeter Treibarbeit“. Von 1511 bis 1513 ließ der damalige Abt die Reliquie gotisch in Gold und Edelsteinen fassen. In den Jahren 1734–1757 wurde es durch den Augsburger Goldschmied Herkommer durch ein noch heute erhaltenes Ostensorium im Rokoko-Stil aus Silber ersetzt. 1901 waren weitere Restaurierungsmaßnahmen erforderlich und es wurde neu vergoldet
•    Das Kreuz begegnet uns mit großer Selbstverständlichkeit trotz Kreuzifixurteil vom 16. Mai 1995 (Bundesverfassungsgericht)
•    Kulturgeschichtlich ist das Kreuz natürlich nicht wegzudenken: Gipfelkreuze, Turmkreuze, ja es ist allzu selbstverständlich geworden, rüttelt uns nicht auf
•    Für uns aber: Was bedeutet das Kreuz, gerade in heutiger Zeit?  Aus Syrien sind uns grausame Bilder der Organisation „Islamischer Staat“ bekannt, wo Menschen regelrecht gekreuzigt wurden. In den Medien wurde darüber breit diskutiert, ob man solch grausame Bilder zeigen dürfe ... geht es nur um Pietät, geht es um die Abwehr von Propaganda oder haben wir schlichtweg Angst vor der Realität? (vgl. Die Zeit, Nr. 37, 4. September 2014, S. 56)
•    Angesichts dieser höchstbedrohlichen Umstände müssen wir uns fragen: Dürfen wir eigentlich feiern, was wir feiern? Ein Kreuz? Einen Galgen? Ein Zeichen, ein Symbol der Hinrichtung? Der gehängte Messias? Ein fast unüberwindlicher Skandal.
•    Das Kreuz ist in gleicher Weise, Konflikt wie Konsens, ist Kontrast und Konnex. Es verbindet Himmel und Erde, das Vertikale wie das Horizontale.
•    Das Fest der Kreuzerhöhung wurde zuerst in Jerusalem begangen. Am Weihetag der Auferstehungsbasilika, der sogenannten Grabeskirche, am 14. September 335 bot man dem Volk das heilige Kreuz zur Verehrung dar.
•    Die Texte die wir heute gehört haben, kreisen um den Zusammenhang von Erniedrigung und Erhöhung, von Leid und Befreiung.
•    Von einer wundertätigen, ehernen Schlange erzählt die alttestamentliche Lesung aus dem Buch Numeri. Was wir heute nicht gehört haben, was aber wesentlich zu dieser Stelle im Buch Numeri gehört, ist die Tatsache, dass das Volk Israel die Grundsatzfrage stellt, warum, ja wozu sind wir aus Ägypten aufgebrochen?  Wenn nun jemand von einer Schlange gebissen wurde und zu der Kupferschlange aufblickte, blieb er am Leben (Num 21, 9).
•    Im berühmten Philipperhymnus haben wir gehört, dass Jesus Gott gleich war, aber nicht daran festhielt, wie Gott zu sein, sondern sich entäußerte und wie ein Sklave wurde.  Er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz. Darum hat ihn Gott über alle erhöht und ihm den Namen verliehen, der größer ist als alle Namen, damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde ihre Knie beugen vor dem Namen Jesu und jeder Mund bekennt: Jesus Christus ist der Herr – zur Ehre Gottes des Vaters (vgl. Phil. 2, 8 -11)
•    Im Evangelium schließlich wird das Bild von der erhöhten Schlage zum Bild des gekreuzigten Herrn, die Kreuzigung Jesu zur Erhöhung.
•    Dies ist eine doppelte Kühnheit. Denn der Evanglist Johannes deutet den Augenblick äußerster Qual und grausamster Erniedrigung – die Kreuzigung! – als Moment der Erhebung!
•    Die rätselhafte Geschichte vom rettenden Schlangenbild wir zum Zeichen des Gottesheiles, das von Christus kommt.
•    Es gilt, Unfassliches zu fassen: Warum musste dieser Jesus einen so schrecklichen Weg gehen? Der Messias, gehängt am Kreuz? Welch ein Skandal!
•    In dem erhöhten Schlangenbildnis, das nach Gottes Willen dem Tod Paroli bietet, erblickt die Gemeinde des Evangelisten Johannes ein Vorbild jener Rettung, die Jesus im Einklang mit Gottes Willen  für uns erwirkt.
•    Liebe Schwestern und Brüder, das Kreuz wird immer eine Herausforderung, ein Skandal bleiben. Es wird immer Erniedrigung und Erhöhung, Triumph und Niederlage zugleich bedeuten. Das Kreuz wird immer auch Schmerz, Ohnmacht und Verlassenheit mit sich bringen. Ja, es läßt uns nicht kalt und druchkreuzt im wahrsten Sinne des Wortes unsere Pläne.             
•    Aber dieser Kreuz bedeutet immer auch Leben, gerade das sagt uns die Geschichte von der erhöhten Schlange! Durch sein Sterben am Kreuz hat Gott in Jesus diese Welt verwandelt. Er lässt es nicht dabei, dass der schmachvolle Tod das Ende ist. Dieser Gott verwandelt das Elend, er gibt uns Hoffnung und Mut.
•    Deshalb ist das Kreuz nicht die Zersetzung oder die völlige Auflösung! Das Kreuz ist auch nicht die Vernichtung oder der Marterpfahl, sondern einig und allein der Baum der Hoffnung und die letzte Freiheit.
•    Liebe Schwestern und Brüder, wir dürfen uns nicht an das Kreuz gewöhnen! Es darf der ans Kreuz genagelte Christus nicht zum schmückenden Beiwerk, zum harmlosen Ornament werden. Sondern dieser Christus und seine Botschaft dürfen uns nicht kalt lassen, müssen uns aufrütteln.
•    
•    Ich habe mich nie an Gott gewöhnt! (André Frossard). Hinschauen aufs Kreuz!
•    Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit die Welt gerichtet wird, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird (John 3, 16f.)
•    Drei Schlüsselbegriffe die uns Jesus in seinem Gespräch mit Nikodemus mit auf den Weg gibt: Leben, Liebe, Rettung
Amen!

Die Bilder vom Hl. Kreuzfest (©fm)


Mariä Himmelfahrt

Benediktinerabtei zum Heiligen Kreuz                                Mariä Himmelfahrt 2014
Kloster Scheyern 
  
Übertragung des Gottesdienstes live im Bayerischen Fernsehen

                                                                    L: Offb 11,9a;12,1-6a.10ab
                                                                    Ev: Lk 1,39-56

Zelebrant und Predigt: Abt Markus Eller OSB

Einleitung:
Begegnung ist ein wesentlicher Teil unseres Lebens. Begegnungen ganz verschiedener Art machen unser Leben zu dem, was es ist oder geworden ist. In diesem Gottesdienst begegnen wir einander. Aber in diesem Gottesdienst wird der Kreis der Begegnung über den Tellerrand dieser Zeit und dieser Erde ausgeweitet, bis in den Himmel und bis hin zu Gott.

Durch das Bayerische Fernsehen wird auch der Raum unserer Basilika ausgeweitet. So begrüße ich auch Sie ganz herzlich, die sie diesen Gottesdienst an den Fernsehgeräten mitfeiern. So wenden wir uns jetzt alle miteinander an unseren Gott und bitten ihn um seine Hilfe und um sein Erbarmen.

Predigt:
Liebe Schwestern und Brüder!

Davon kann ich ein Lied singen! Wenn Menschen so sagen, dann meinen sie damit nicht ihre musikalischen Künste und Fähigkeiten, sondern es ist eine Umschreibung dafür, dass sie mit einem sehr hartnäckigen, vor allem andauernden Problem konfrontiert sind oder dass sie unter Mühe und Mühsal zu leiden haben. Auf diese Weise kennen wir wohl alle unsere „Lieder“, die wir mal mehr und mal weniger zu singen haben, die wir singen können und manchmal auch singen müssen.

Gerade haben wir im Evangelium ein Lied gehört, das Maria in den Mund gelegt wird: Es ist das Magnifikat. In diesem Lied werden Themen angeschnitten, von denen Menschen bis heute das sprichwörtliche Lied singen können: Macht und Ohnmacht, arm und reich, Hochmut, Hunger, Enttäuschung und Gewalt. Auf der anderen Seite ist es aber ein Lied der Hoffnung und der Zuversicht, ja sogar der Freude: Meine Seele preist die Größe des Herrn, und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter.

Dieses Lied kann Maria singen und sie kann es aus voller Überzeugung singen. Sie nennt in diesem Lied auch den Grund dafür: Denn der Mächtige hat Großes an mir getan.

Der Mächtige hat Großes an mir getan, damit ist nicht gesagt, dass Maria nie ein anderes Lied gesungen hat oder gesungen hätte, singen doch auch wir in dem Lied „Maria dich lieben“ (GL 521) in einer Strophe: Du Frau aus dem Volke, … kennst Arbeit und Sorgen ums tägliche Brot, die Mühsal des Lebens in Armut und Not.

Wenn der Mächtige Großes getan hat, dann bedeutet das vielmehr, dass das Leben, das Leben Mariens mit all seinen Höhen und Tiefen bei Gott angenommen und aufgenommen ist, auch und gerade nachdem die Lebensmelodie auf dieser Erde verklungen ist. Deshalb ist dieses Lied, das Magnifikat, das Lied des Tages, an dem wir das Fest ihrer Aufnahme in den Himmel feiern.

Dieses Fest, das wir heute und jetzt miteinander begehen, ist nicht nur ein Fest, das wir im Blick auf Maria und ihr Leben feiern, sondern es ist ein Fest, das auch uns und unser Leben be­trifft, weil es Fragen aufwirft, von denen Menschen eben ein Lied singen können, auch wenn sie das gar nicht wollen: Was wird nach meinem Tod erhalten bleiben? Nur eine körperlose, von allem Erdenleben gereinigte Seele oder, wenn auch verwandelt, das was ich erhofft, erlebt und erlitten habe, was in mir, an Leib und Seele Spuren hinterließ?

Im Blick auf Maria dürfen wir die feste Hoffnung und Zuversicht haben, dass auch unser Le­ben, wenn wir die Lebensmelodie auf dieser Erde zu Ende gespielt haben, so wie es ist, bei Gott angenommen und aufgenommen wird. Davon dürfen wir heute, aber nicht nur heute, auch ein Lied singen, das auch so gehen könnte: „Da ist einer, der mit mir Großes getan hat oder versucht, es zu tun.“

Eigentlich ist es schade, dass der Ausdruck von Menschen, die von etwas ein Lied singen können, ei­nen eher negativen Beigeschmack hat. Dass das nicht immer so sein muss, das wird heute bei uns hier in Scheyern ein Stück weit hörbar und erlebbar. Unser Basilikachor kann in diesem Jahr auf 100 Jahre seines Bestehens zurückblicken. Wir tun dies heute auch in diesem Gottesdienst voll Freude und Dankbarkeit. Ich sage allen, die in diesen 100 Jahren mitgewirkt haben, ein herzliches Vergelt’s Gott für die vielen Lieder die sie singen können und gesungen haben, an frohen und festlichen Tagen oder auch dann, wenn Menschen eigentlich nicht zum Singen zu Mute war. Was ich in Bezug auf unseren Chor sagen kann das gilt sicher für die vielen Chöre, zu denen sich Menschen überall in unserem Land und auf der ganzen Erde zusammengefunden haben und immer wieder zusammenfinden. Das ist für mich ein Hoffnungszeichen für diese Welt, in der gerade in der letzten Zeit so oft das „Lied vom Tod“ gespielt worden ist.

Über die Opfer von Krieg und Gewalt möchte ich auch heute nicht einfach so hinweggehen. Möge all dieses sinnlose Sterben bald ein Ende haben, und möge das Leben und die Hoffnungen so vieler unschuldig Gestorbener aufgehoben sein bei Gott.

Es hat mich tief beeindruckt, als am Abend des 1. August im Bayerischen Fernsehen die Aufzeichnung eines Konzertes mit dem Titel „Zam rocken“ vom 1. Juli dieses Jahres ausgestrahlt wurde. Ich war im Urlaub und wollte gerade ins  Bett gehen. Bevor man sich aber dazu entschließt, schaltet man beim Fernsehen noch einmal durch, ob man noch etwas findet. Und da habe ich etwas gefunden, eben dieses Konzert. Ich weiß, „Zam rocken“ ist ein etwas eigenartiger Titel. Aber die Familie Well war nach Tel Aviv gereist, um mit Menschen jüdischer und arabischer Herkunft Musik zu machen. Diese Musik, die Kraft der Musik machte sozusagen aus Fremden nicht unbedingt Freunde, aber Vertraute.

Heute an diesem Tag tun wir das auch, etwas Vertrautes machen. Das „Lied vom Tod“ hat zwar eine schaurige Melodie, aber er hat nicht das letzte Wort. Deshalb lasst uns heute das Lied der Hoffnung, der Zuversicht und des Trostes singen: Meine Seele preist die Größe des Herrn. Ja, er hat großes an uns getan und er hat immer noch Großes mit uns vor. Amen.

Fürbitten
Bei Gott wird das Kleine groß und das Große klein. Sein Maßstab durchkreuzt unsere Berechnungen, sein Geist wandelt. Weil die Seele Mariens die Größe Gottes erkannt hat, hat Gott sie erhöht. Voll Hoffnung tragen wir unsere Bitten und Gebete vor ihn und rufen:
V/A Sende aus deinen Geist.

Für die Kirche: Dass sie allezeit unter dem Schutz Marias geborgen sei.
Gott, unser Vater. A: Sende aus deinen Geist.

Für die Mädchen und Frauen in vielen Ländern dieser Erde, deren Begabungen und Talente sich nie entfalten können, weil sie benachteiligt und missachtet werden.
Gott, unser Vater. A: Sende aus deinen Geist.

Für alle, die Macht und Einfluss haben: Dass sie erfahren, wie befreiend es ist, ihre Handlungsmöglichkeiten in den Dienst der Menschen zu stellen.
Gott, unser Vater. A: Sende aus deinen Geist.

Für die Eltern, die hilflos den Hunger ihrer Kinder mitansehen müssen: Dass sie Hilfe und Unterstützung erfahren.
Gott, unser Vater. A: Sende aus deinen Geist.

Für unsere Verstorbenen: Dass sie mit Maria das Glück des Himmels erfahren dürfen.
Gott, unser Vater. A: Sende aus deinen Geist.

Guter Gott, am Festtag der Aufnahme Mariens in die Gemeinschaft der Heiligen des Himmels danken wir dir für Maria, das mutige Mädchen aus Nazareth, unsere Schwester im Glauben. Dich loben und preisen wir, heute und alle Tage bis in Ewigkeit.

 

Bilder vom Gottesdienst (@fm)


Ostern 2014

Benediktinerabtei zum Heiligen Kreuz                                  Ostern 2014
Kloster Scheyern      

                                                        L: Apg 10, 10.34a.37-43
                                                            1 Kor 5,6b-8
                                                        Ev: Joh 20,1-18

Predigt von Abt Markus Eller OSB

Liebe Schwestern und Brüder!

Jeden Tag werden wir mit einer Fülle von Werbung in ganz unterschiedlicher Form geradezu überhäuft. Manchmal bewundere ich die Kreativität und den Einfallsreichtum der Macher und Gestalter dieser Werbung, sei es nun in der Aufmachung oder in den Sprüchen und Slogans, die uns da unterbreitet werden. Und ich bewundere auch ihren Idealismus und ihre Unverdrossenheit, mit der sie ans Werk gehen, denn ich gehe – wie Sie vielleicht auch - mit dieser Werbung nicht gerade achtsam um. Eigentlich landet fast alles ungelesen im Papierkorb, entweder in dem, der neben dem Schreibtisch steht, oder dem virtuellen.

Aber trotz allem rigorosen Vorgehen hat Werbung doch manchmal irgendwie Erfolg, selbst bei mir. Vor wenigen Wochen blieb beim Lesen der Zeitung mein Blick an einer Werbeanzeige hängen. Sie war überschrieben mit den Worten: Ostern ganz nach Ihrem Geschmack.
Vielleicht lag es daran, dass nach den „zwei entbehrungsreichen Wochen“ der Fastenkur nach F.X. Mayer – das ist die mit den alten Semmeln und der leeren Suppe – die Bilder der abgedruckten Köstlichkeiten ihre Wirkung nicht verfehlten: Ostern ganz nach Ihrem Geschmack.

Es waren aber nicht diese Bilder, sondern es war vielmehr dieser Satz: Ostern ganz nach Ihrem Geschmack, der mir aufgefallen und der hängen geblieben ist. Er hat mich nicht mehr losgelassen: Dieser Satz ließ mich fragen: Hat Ostern Geschmack? Was ist der Geschmack von Ostern? Oder: Wie schmeckt denn Ostern?
Ist es der Geschmack, der heute aus den Körben mit den Speisen aufsteigt, die viele mit in die Kirche gebracht haben? Ja, Ostern hat immer auch mit Essen zu tun. Ostern ohne Speisenweihe, das ist ja gar nicht denkbar!
In der Lesung aus der Apostelgeschichte haben wir heute Petrus sagen hören, dass sie mit Jesus nach seiner Auferstehung gegessen und getrunken haben. Immer wieder wird uns das in den biblischen Texten der Osterzeit begegnen: Jesus sitzt mit Menschen zusammen und hält mit ihnen Mahl. Das ist auch ein Erkennungszeichen des Auferstandenen, dass er das Brot mit Menschen teilt. Ostern ganz nach ihrem Geschmack!

Dass sich aber Geschmack nicht nur auf das Essen und die Speisen beschränkt, sondern dass Geschmack viel weiter reicht und etwas mit Leben und Lebensgestaltung zu tun, darauf verweist uns der Apostel Paulus, wenn er in seinem Brief an die Korinther schreibt: Lasst uns also das Fest nicht mit dem alten Sauerteig feiern, nicht mit dem Sauerteig der Bosheit und Schlechtigkeit, sondern mit den ungesäuerten Broten der Aufrichtigkeit und Wahrheit.

Paulus verwendet das Bild des Sauerteigs dafür, dass bereits weniges ausreicht, um vieles andere zu durchdringen, so wie eben der Brotteig von dem wenigen Sauerteig. Aus diesen Sätzen sprechen nicht in erster Linien Erfahrungen aus einer Backstube, sondern vielmehr die Lebenserfahrung, dass es Dinge im Leben von uns Menschen gibt, die das ganze Leben beeinflussen, weil sie uns nicht schmecken, weil wir uns damit schwer tun, weil wir darunter leiden. Paulus nennt ein paar Beispiele: Bosheit und Schlechtigkeit, und wir können in Gedanken noch vieles ergänzen, was uns nicht schmeckt, was uns das Leben schwer macht. Lasst uns also das Fest nicht mit diesem Sauerteig feiern, sondern mit den ungesäuerten Broten der Aufrichtigkeit und Wahrheit. Ostern ganz nach Ihrem Geschmack!
Zur Wahrheit des Lebens gehört aber auch die Endlichkeit und die Vergänglichkeit unseres Lebens mit allen Fassetten, die damit auch verbunden sein können. Auch das Sprechen oder die Gedanken über den Tod schmecken uns nicht immer. Oder sprechen Sie gerne über den Tod? Es besteht immer die Gefahr, dass im Menschen Hoffnungslosigkeit und Sinnlosigkeit  zurückbleibt. Menschen fragen im Angesicht des Scheitern und des Todes schon auch: Was hat denn das noch für einen Sinn?

Mit unserer Vergänglichkeit und mit unserer Endlichkeit leben zu können, das Leben zu lieben, ohne es ängstlich und krampfhaft festhalten zu müssen, weil man vielleicht meint zu kurz zu kommen oder etwas zu versäumen, das ist auch so ein neuer Teig, um mit Paulus zu sprechen, also die Lebenseinstellung, die ein Leben in seiner Gestaltung durchdringt oder anders gesagt, wie ein roter Faden durchzieht.

Schafft den alten Sauerteig weg, damit ihr neuer Teig seid! Ostern ganz nach Ihrem Geschmack! Für dieses neue Leben, für dieses vielleicht nur in wenigen, aber entscheidenden Punkten andere Leben, wirbt dieser Paulus mit genauso viel Idealismus und Unverdrossenheit wie die Werbetechniker und Werbegraphiker unserer Tage. Oft werden wir über diese Sätze hinweg lesen, sie gar nicht mehr hören. Und doch kommt immer mal wieder etwas an, es kann auch etwas hängen bleiben, vielleicht heute, vielleicht auch bei Ihnen.  

Liebe Schwestern und Brüder, wenn heute am Schluss die mitgebrachten Speisen gesegnet werden, wird dieses Segensgebet so eingeleitet: Aller Augen warten auf Dich, oh Herr, und du gibst uns Speise zur rechten Zeit.

Ja, mögen alle Menschen auf dieser Erde etwas zu beißen haben. Damit allein ist es aber nicht getan. Das merken wir in unseren Breiten, die wir genug, mehr als genug zu essen haben, weil es da etwas gibt, das uns nicht schmeckt.
Der Mensch lebt nicht nur vom Brot allein, so formuliert es die Bibel. Man kann es noch  drastischer ausdrücken: Vom Brot allein sterben wir. Mitten unter uns verhungern Menschen durch Hoffnungslosigkeit, Sinnlosigkeit und Lieblosigkeit.

Ostern ganz nach Ihrem Geschmack! Der Geschmack von Ostern hat etwas mit dem zu tun, wofür diese Kerze hier neben mir steht. Wir haben sie heute früh am Osterfeuer entzündet und in unsere Kirche getragen mit dem Wunsch und mit der Hoffnung: Sein Licht vertreibe das Dunkel der Herzen.
Liebe Schwestern und Brüder, das ist Ostern nach meinem Geschmack, vielleicht auch nach Ihrem Geschmack: Sein Licht vertreibe das Dunkel der Herzen, Halleluja!


Predigt Osternacht 2014

Ostern: Fest des Lebens, Fest der Hoffnung
Ostern, das ist ein doppeltes Fest des Lebens:
    des Lebens vor dem Tod und des Lebens über den leiblichen Tod hinaus.
 
Von P. Benedikt Friedrich OSB

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn!
In diesen Frühlingstagen um Ostern treibt die Natur wieder aus. Die Bäume schauten vor kurzem noch recht dürr aus, doch nun zeigt sich, ob und wie viel Lebenskraft noch in ihnen steckt. - Was das Frühjahr für die Natur ist, ist für mich das Osterfest im Bereich unseres Glaubens:
Kraftquelle und Ermutigung, und doch auch Gradmesser zugleich! 
So viel Dürres, Krankes, Abgestorbenes, Fehlgeleitetes, Erkaltetes können wir um uns und nicht selten auch in uns entdecken. Die Liturgie der Karwoche hat uns dazu ermutigt hinzuschauen, den Schmerz auszuhalten, der Wahrheit ins Gesicht zu schauen. Jesu Leiden und sein vertrauensvolles Sterben helfen uns, mit Situationen wie andauernde Krankheit, tiefe Trauer und dem unvermeidbaren Tod umzugehen.
Der liturgische Karsamstag dauert nur einen Tag. Im richtigen Leben kann so ein Karsamstag leicht ein ganzes Jahr dauern; wir sprechen vom „Trauerjahr“. Nach einem Karfreitagserlebnis kommt in der Regel nicht so schnell die Osterfreude. Oft ist es ein langer Weg, bis wieder Licht und Freude ins Herz kommen.

Ostern, das doppelte Fest des Lebens,
     des Lebens vor dem Tod und des Lebens über den leiblichen Tod hinaus.

Beide Aspekte möchte ich mit Ihnen vertiefen, zuerst
Ostern, das Fest des Lebens auch nach dem Tod!
Kommenden Sonntag werden zwei Menschen heiliggesprochen, die von den meisten hier anwesenden Zeitgenossen gewesen sind: Papst Johannes XXIII. und  Papst Johannes Paul II. Damit sagt die Kirche von den beiden: „Die sind jetzt sicher bei Gott angekommen.“ Schon bei der Beerdigung von Johannes Paul II, als sein schlichter Holzsarg noch auf den Stufen vor dem Petersdom stand, sagte der sonst so behutsame und gewissenhafte Theologe Joseph Ratzinger in seiner Predigt: „... Wir können sicher sein, dass unser geliebter Papst jetzt am Fenster im Hause des Vaters steht, uns sieht und uns segnet, ja, segnen sie uns hl. Vater“.

In diese Worten drückt sich unverkrampft die Überzeugung aus:
Wer sein Leben so mit Gott und für Gott gelebt hat, dass zwischen dem, was er als Gottes Wille erkannt hat und dem, was er redete und tat, kein spürbarer Abstand war, der ist auch nach dem Sterben so nah bei Gott.
Und: Wer zu Lebzeiten ein großes Herz für die Anliegen der anderen hatte, von dem nehmen wir ganz selbst verständlich an, dass er oder sie im Leben nach dem Tod noch genauso für einen da sein will: Als Fürsprecher und Fürsprecherin.
Wie sinnvoll es ist, dass die Kirche für eine Heiligsprechung nach ei-nem Wunder fragt, soll jetzt nicht unser Thema sein.

Wichtig ist mir heute am Ostertag, was die Kirche damit sagen will: Auch jenseits der Schwelle des Todes ist Leben, auch jenseits des Todes gebraucht Gott seine Diener und Dienerinnen.
Die Tagespost, eine deutschlandweite kirchliche Zeitung, berichtet von der Heilung einer todkranken Frau in Costa Rica, die im Kopf ein Aneurysma, eine gefährliche Gefäßerweiterung, hatte, aber sich eine Operation in Mexico, der USA oder in Europa nicht leisten konnte. Zitat: (10.4.14, Seite 7)
Zu Beginn der Messe wandte ich mich, den Blick auf das Papstbild fixiert, an ihn: ‚Tritt bei Gott für mich ein, damit ich nicht sterben muss und hilf mir, gesund zu werden. Sie blieb während der ganzen Messe wach, dann schlief sie ein. Nach ungefähr sieben Stunden Schlaf hörte sie die Stimme von Johannes Paul II. in ihrer Sprache: ‚Steh auf, hab keine Angst.’ Worte, man ahnt es beim Mauerbrecher Johannes Paul, mit großer Wirkung. Denn Floribeth Mora Diaz fühlte sich daraufhin sofort gesund und stand auf – zur Überraschung ihres Mannes. Ohne Kopfschmerzen und sonstige körperliche Beschwerden.“ 
Es folgten Untersuchungen, auch im Klinikum Gemelli in Rom: Sie ist gesund und wird bei der Heiligsprechung kommende Woche dabei sein dürfen.

Gott kann natürlich direkt wirken, er braucht keinen Fürsprecher. Und doch hat es ihm gefallen, Menschen in den Dienst zu nehmen. Er will gewöhnlich das Heil nicht ohne uns wirken. Er möchte, dass wir uns füreinander einsetzen.


Damit kommen wir zum zweiten Aspekt von Ostern: Das Fest des
Lebens vor dem Tod:
Globus: Wir denken sehr oft global, weil wir globale Nachrichten hören. Es ist ja gut, dass wir über unseren eigenen Kirchturm hinaus informiert werden. Aber ich beobachte eine gewisse Ermüdung und Resignation:
Was kann ich da schon machen? Ist ja alles nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Da macht es ‚psch’, und schon ist er verdunstet.“
Das ist eine fatale Einstellung, weil sie zum Nichtstun animiert und dadurch erst in die Machtlosigkeit führt! - Es stimmt, meine und Ihre Möglichkeiten sind begrenzt, vielleicht sogar sehr begrenzt, sei es zeitlich oder materiell.
Als Symbol dieser begrenzten Möglichkeiten soll dieser Meter Juteband dienen. Sie können auch einen Meter in die Hände nehmen. (Wird jetzt ausgeteilt bzw. liegt am Bankrand bereit). Er soll für das stehen, was Gott uns an Möglichkeiten in die Hand gibt. - - - Doch was kann dieser Meter bei einem weltweiten Problem schon ausmachen?
Globus: Stellen wir uns vor, um die ganze Erde wäre ein solches Band gespannt, von hier nach Südamerika und über China zurück bis zu uns. Nun führt dieses Band zufällig durch meinen Garten, liegt aber ganz eng an. So, wie ein Gürtel der Hose, der ganz eng ist. Den kann ich um ein Loch weiter machen, dann passt der Daumen dazwischen. Sie haben nun die Möglichkeit, das weltweite Band um ihren einen Meter zu verlängern, diesen Meter da wo sie wohnen, einzusetzen. Dann ist es 40.000 km plus ein Meter lang.
Ach geh’, das bringt doch gar nichts“, war mein erster Gedanke. Was meinen Sie, um wie viel wird das Band um die ganze Erde, wenn ich hier in Scheyern meinen einen Meter einsetze? - - - Es macht erstaunlich viel aus: Ein Meter mehr Umfang bedeutet ca. 32 cm mehr Durchmesser, als auf jeder Seite fast 16 cm mehr Luft, rund um den Globus.
Vielleicht geht es Ihnen wie vielen, dass Sie sagen: „Das Rechenbeispiel glaub ich nicht!“ – Diese Reaktion ist nachvollziehbar, aber mathematisch unbegründet. Bitte grübeln Sie jetzt nicht darüber nach, sie können am Kirchenausgang ein Blatt mitnehmen, auf dem die Rechnung draufsteht (siehe unten auf dieser Seite). Wichtig ist mir an diesem Beispiel, dass unsere spontane Einschätzung der Lage nicht immer richtig ist: Der gesunde Menschenverstand funktioniert gut, bei Alltagssituationen. Aber bei Themen, die unseren üblichen Horizont weit übersteigen, bietet unser Erfahrungswissen nur eine sehr ungenügende Basis, um sich ein Urteil zu bilden.
Tod und Auferstehung, Verfall des Körpers und ewiges Leben des Geistes/der Seele: Für diese Themen haben wir keine taugliche Alltagserfahrung. Wir brauchen die Zeugen der Auferstehung und ihre Berichte, wir brauchen die Hl. Schrift und die Erfahrung der ganzen Tradition der Kirche! Wir brauchen die gegenseitiger Vergewisserung und Bestärkung, ganz besonders auch im Glauben.

Ostern, das Fest des Lebens vor dem Tod, sagt uns heute:
+ Unsere Neigung zur Mutlosigkeit und Resignation ist oftmals unbegründet, später kommen wir manchmal drauf, dass wir es doch hätte wagen sollen. Gott gibt jedem von uns einen Meter Gaben und Fähigkeiten und er möchte, dass wir an das Leben glauben, auch an das Leben vor dem Tod.
+ Und dann sagen wir oftmals: „Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Überall so viele Probleme.“ – Bei dem Beispiel mit dem Seil ist es ganz egal, an welcher Stelle der Meter eingesetzt wird: Immer nimmt der Durchmesser um 32 cm zu! – Wenn wir im Leben beginnen, in einem Bereich wirklich etwas zu verändern, dann wirkt es sich auf das Ganze aus! 10 Minuten Gebet am Abend, und die Seele verändert sich, 10 Minuten am Morgen aufräumen, und der Tisch verliert sein Chaos, 1 Meter, und die Welt verändert sich.
Zum Abschluss der Predigt möchte ich ein Gebet sprechen und lade Sie ein, dazu den Meter Juteband in die Hände zu nehmen:
Gott, ich gebe Dir diesen Meter. Wenn es sein muss, binde mich damit, wenn meine Hände nach dem Falschen greifen, wenn meine Füße auf Abwegen gehen, wenn meine Augen auf Dinge schauen, die nicht für mich bestimmt sind.
Gott, ich gebe Dir diesen Meter. Ich will ihn dort einsetzen, wo Du es möchtest: Ich gebe Dir jede kleine Hilfestellung, die ich leisten kann, jedes Wort und jede Tat, die Du in meinen Mund und meine Hände legst, jede Fürbitte für meine kleine und deine große Welt.
Du Gott des Lebens, ermutige mich an diesem Osterfest. Nimm von mir die Angst vor dem Tod und die Angst vor dem Leben. Amen!





Anhang:
Berechnung des Durchmessers eines Kreises:
D = U :  Pi
Für den Durchmesser „D“ wird der Umfang „U“ durch die
Kreiszahl „Pi“   geteilt, diese beträgt gerundet 3,14159...
Bei einem Erdumfang „U“ von 40.050.000 m ist der Durchmesser
„D“ = 12.748.321,71 m
Bei einem Erdumfang „U“ von 40.050.001 m ist der Durchmesser
„D“ = 12.748.322,03 m
Die Länge des Seiles kommt in der Formel gar nicht vor!
100 cm mehr Umfang ergeben immer 31,8 cm mehr Durchmesser, macht einen größeren Radius von 15,9 cm, um den ganzen Globus.
So macht jeder/jede von uns mehr Unterschied, als man zuerst denkt!

Link zum Internet:
www.cosmiq.de/qa/show/1719310/Wenn-der-Erdumfang-40000km-betraegt-und-man-um-die-Erde-ein-Seil-spannt-und-dann-noch-ein-seil-spannt-dessen-umfang-einen-meter-groesser-ist-40000km-1m-wie-gross-ist-dann-der-zwischenraum-zwischen-den-beiden-seilen/



4. Fastenpredigt

Benediktinerabtei zum Heiligen Kreuz                                  06. April 2014
Kloster Scheyern

Predigt von P. Benedikt Friedrich OSB

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn!

Das Evangelium von der Auferweckung des Lazarus hat uns inspiriert, die Fastenpredigt für diesen Sonntag wie folgt zu überschreiben:
„Kirche – auf der Seite des Lebens“
Lazarus war schon auf der Seite des Todes. Doch Jesus ruft ihn ins Leben zurück! In seinem Wirken wurden Kranke heil und die Macht des Todes überwunden.

Ja schön. Doch wie anders geht es uns da heute:
Erfahrung von der Überbringung einer Todesnachricht:
Die Anwesenheit des Pfarrers lies schon Schlimmes ahnen...

Nie habe ich mich als Priester so mies gefühlt. Man möchte doch Gutes tun, Hoffnung bringen, das Evangelium verkünden – doch hier war ich wie ein Todesengel.

Kirche – auf der Seite des Lebens?
Ich möchte mit einem verhaltenen, leisen, aber bestimmten „Ja“ antworten: Auch dann noch auf der Seite des Lebens, wenn der Notarzt unverrichteter Dinge wieder weggefahren ist.
Gerade dann, wenn niemand mehr helfen kann.

Kirche – auf der Seite des Lebens
,
gerade dort, wo auch sonst niemand helfen will:
Wie Mutter Theresa in Kalkutta, die mit ihren Schwestern Sterbende von der Straße in ihr Haus geholt hat, damit diese die letzten Stunden ihres Lebens in Würde und Liebe verbringen können.

Kirche – auf der Seite des Lebens,
das ist auch der große Wunsch von Papst Franziskus.
Nun hat er aber in seinem Lehrschreiben ausdrücklich darauf hingewiesen, die Priester sollen nicht den Papst predigen, sondern das Evangelium Jesu vertiefend auslegend.
Das möchte ich jetzt zunächst mit Ihnen tun und daraus fünf Schritte aufzeigen, die es braucht, damit Kirche auf der Seite des Lebens steht.

Der 1. Schritt:
„Jesus ... war ... im Innersten erregt und erschüttert. Er sagte: Wo habt ihr ihn bestattet? Sie antworteten ihm: Herr, komm und sieh! Da weinte Jesus. Die Juden sagten: Seht, wie lieb er ihn hatte!“ (Johannes 11,33-36)
Jesus hatte Mitleid, er konnte mitleiden, er lebte sein Leben mit Leidenschaft. Unter diesem Motto steht ein großes Jugendtreffen in Altötting im Sommer dieses Jahres. (Link: www.emmanuel-info.de/index.php)
Manchmal braucht es das nicht einüben, da ist es einfach da. Wie bei der Beerdigung des jungen Kerls am Donnerstag, wo alle Anwesenden ebenso erschüttert und betroffen waren, wie Jesus am Grab des Freundes. - - -

 „Jesus ... ging zum Grab. Es war eine Höhle, die mit einem Stein verschlossen war. Jesus sagte: Nehmt den Stein weg! ... Da nahmen sie den Stein weg." (Johannes 11,38-39.41)
Das ist der 2. Schritt:
Den Stein wegnehmen heißt:
Wir haben Hoffnung, dass deine Situation da drinnen nicht hoffnungslos ist, dass es einen Ausweg gibt. Das zeigen wir und rollen den Stein weg: Wir öffnen die Gefängnistüre und lassen dich frei! Wir besuchen dich, auch wenn Du in deiner Depression gerade kein netter Gesprächspartner bist, wie sonst. Wir haben Hoffnung!

3. Schritt:  
„Jesus aber erhob seine Augen und sprach: Vater, ich danke dir, dass du mich erhört hast. Ich wusste, dass du mich immer erhörst; aber wegen der Menge, die um mich herum steht, habe ich es gesagt; denn sie sollen glauben, dass du mich gesandt hast.
Nachdem er dies gesagt hatte, rief er mit lauter Stimme: Lazarus, komm heraus!“
(Johannes 11, 41-43)
Das ist der Schritt, bei dem wir über uns hinausgehen müssen:
Es braucht das gläubige Gebet: „Die großen Männer und Frauen Gottes waren große Fürbitter. Das Fürbittgebet ist wie ein „Sauerteig“ im Schoß der Dreifaltigkeit. Es ist ein Eingehen in den Vater und ein Entdecken neuer Dimensionen, welche die konkreten Situationen erhellen und verändern.“ (Evangelii Gaudium Nr. 283).
Und es braucht das machtvolle Wort: „Lazarus, komm heraus“, das nur von Gott selbst in das Herz eines Menschen fallen kann. Die Worte der Heiligen Schrift, besonders der Evangelien, in eine konkrete Situation hinein gesprochen, können neues Leben wirken, neue Hoffnung wecken.
Aber auch unsere Worte für den anderen können Neues Leben wecken! Denn: „Wenn der Geist dessen in euch wohnt, der Jesus von den Toten auferweckt hat, dann wird er, der Christus Jesus von den Toten auferweckt hat, auch euren sterblichen Leib lebendig machen, durch seinen Geist, der in euch wohnt.“ (Römer 8,11)
Der Apostel Paulus erinnert uns daran, dass der Geist dessen in uns wohnt, der Jesus von den Toten auferweckt hat. Ein Stoßgebet zum Heiligen Geist ist in manchen Situationen das einzige, was uns noch weiterhilft: „Du Geist des Lebens, gib mir das richtige Wort - und den Mut, es auszusprechen.“ – Ich könnte jetzt mehrere Situationen bezeugen, in denen mich ein Zuspruch eines anderen dermaßen getroffen hat, dass in einer sehr kurzen Zeit eine innere Verhärtung weich wurde, eine Resignation in neue Hoffnung gewandelt und eine Kraftlosigkeit durch neuen Elan ersetzt wurde. Lazarus, Maria, Peter, Josef: komm heraus!  
 „Da kam der Verstorbene heraus“ (Johannes 11, 44)
Wir können füreinander beten und einander Mut zusprechen. Doch der

4. Schritt:
liegt an dem/der Betroffenen selbst: Herauszukommen aus dem Dunkel, aus dem Grab der unendlichen Trauer, aus der Sonderrolle des ewig Kranken, aus dem Tal der Resignation: Manche Menschen könnten zwar herauskommen, tun es aber nicht, scheuen noch das helle Licht des Tages. - Wenn Gott uns ins neu ins Leben ruft, dann sollten wir es wagen, egal was war!

 5. Schritt:
„Jesus sagte zu ihnen: Löst ihm die Binden, und lasst ihn weggehen!“ (Johannes 11, 44)
Alleine können wir uns nicht befreien. Wir brauchen die Mithilfe, die Solidarität und Unterstützung der anderen. Doch diese Hilfe ist nur Hilfe zur Selbsthilfe: Dann sollen sie ihn weggehen lassen. Der Tote hat wieder Leben, der Eingesperrte ist wieder frei!

Noch einmal die fünf Schritte zum Leben:
mitleiden – Hoffnung haben – gläubiges Gebet und machtvolles Wort – selbst herauskommen – losbinden/losbinden lassen

Es ist Jesus, der von sich sagt: "Ich bin die Auferstehung und das Leben.“ (Johannes 11,25). Es ist Jesus, der uns daran Anteil gegeben hat. „Kirche – auf der Seite des Lebens“ – das ist unser aller Berufung.
Die Ebene der Kirche, in der wir am meisten leben und wirken, ist die Pfarrei. Über diese schreibt Papst Franziskus in seinem Lehrschreiben EVANGELII GAUDIUM:
„Die Pfarrei ist keine hinfällige Struktur; gerade weil sie eine große Formbarkeit besitzt, kann sie ganz verschiedene Formen annehmen, die die innere Beweglichkeit und die missionarische Kreativität des Pfarrers und der Gemeinde erfordern... sie wird, wenn sie fähig ist, sich ständig zu erneuern und anzupassen, weiterhin »die Kirche [sein], die inmitten der Häuser ihrer Söhne und Töchter lebt«. (Nr. 28)
Zwei Beispiele:
+ Seit vier Wochen leben Asylbewerber in Scheyern: Die Nachbarschaftshilfe wurde schon tätig. Sie schaut, in wie weit sie in ihren Möglichkeiten Hilfen anbieten kann: Gerade für Familien mit Kindern hat sie gute Angebote. Ein Arbeitskreis Asyl hat sich gebildet: Z.B. eine schwangere Frau zum Arzt fahren und bei den ganz normalen Formalitäten helfen. Und das alles von selbst: quasi basisdemokratisch. Dazu braucht es nicht den Pfarrer, sondern das Bewusstsein der Mitwirkenden, selbst Kirche auf der Seite des Lebens zu sein.
+ 40 Jahre Kindergarten Maria Rast in Niederscheyern: Die Geschichte, wie Pater Leopold als treibende Kraft in einer ehemaligen Bäckerei Räume anmietete, einer evangelischen Erzieherin die Leitung übertrug und dieser kleine Kindergarten all die Jahre unter dem Dach der Pfarrei für viele Kinder eine Bleibe bot, bis später die Stadt die Notwendigkeit erkannte, dass Niederscheyern einen eigenen Kindergarten braucht.
=> es stimmt tatsächlich: Die Pfarrei, die Ortsgemeinde kennt die Nöte, ist am nächsten dran, kennt die zur Verfügung stehenden Ressourcen, und kann am Beweglichsten helfen.

Weiten wir unseren Blickwinkel über die Pfarrei hinaus und schauen auf die Gesellschaft:
Kirche – auf der Seite des Lebens bedeutet hier nicht selten Einspruch. Der Kürze wegen nur ein paar Überschriften aus dem Lehrschreiben des Papstes:
Nein zu einer Wirtschaft der Ausschließung.
Nein zur neuen Vergötterung des Geldes.
Nein zu einem Geld, das regiert, statt zu dienen.
Nein zur sozialen Ungleichheit, die Gewalt hervorbringt
.
Papst Franziskus spricht Fehlentwicklungen ungewöhnlich deutlich an. Im Zusammenhang mit dem Besuch von Barack Obama kam im Radio ein kurzer Beitrag zum Thema Globalisierung. Da wurde der Papst zitiert: „Wir wollen nicht eine Globalisierung, die uns nicht gut tut“. „Die uns nicht gut tut?“ Das war beschönigend übersetzt! Wörtlich hieß es: „Che ci fa tanto male“: male heißt schlecht, und tanto heißt viel. Also: „Wir wollen nicht eine Globalisierung, die uns sehr schlecht tut“. Klares Profil, klare Kante.
Eine so deutliche Wahrnehmung fordert aber zum Handeln heraus. Das ist das Unangenehme daran. Für uns in der Kirche hat er daher auch ein paar Kapitel, deren Überschriften die Richtung klar machen:

Nein zur egoistischen Trägheit.
Nein zum sterilen Pessimismus.
Nein zur spirituellen Weltlichkeit.
Ja zu den neuen, von Jesus Christus gebildeten Beziehungen
.
Eine Kirche, die aufhört sich selbst zu bejammern, vielmehr sich ganz bewusst auf die Seite des Lebens stellt.

Ich schließe diese Predigt mit einem Zitat, das uns alle mit ins Boot holt, uns allen unsere Aufgabe vor Augen hält:
Die neue Evangelisierung muss ein neues Verständnis der tragenden Rolle eines jeden Getauften einschließen. Diese Überzeugung wird zu einem unmittelbaren Aufruf an jeden Christen, dass niemand von seinem Einsatz in der Evangelisierung ablasse; wenn einer nämlich wirklich die ihn rettende Liebe Gottes erfahren hat, braucht er nicht viel Vorbereitungszeit, um sich aufzumachen und sie zu verkündigen; er kann nicht darauf warten, dass ihm viele Lektionen erteilt oder lange Anweisungen gegeben werden. Jeder Christ ist in dem Maß Missionar, in dem er der Liebe Gottes in Jesus Christus begegnet ist; (Nr. 120)
In jedem Fall sind wir alle gerufen, den anderen ein klares Zeugnis der heilbringenden Liebe des Herrn zu geben, der uns ... seine Nähe ... und unserem Leben Sinn verleiht. Dein Herz weiß, dass das Leben ohne ihn nicht dasselbe ist. Was du entdeckt hast, was dir zu leben hilft und dir Hoffnung gibt, das sollst du den anderen mitteilen. Unsere Unvollkommenheit darf keine Entschuldigung sein; im Gegenteil, die Aufgabe ist ein ständiger Anreiz, sich nicht der Mittelmäßigkeit hinzugeben, sondern weiter zu wachsen. (Nr. 121)

Amen.


Weitere Texte zu „Kirche auf der Seite des Lebens“:

„Ich träume von einer missionarischen Entscheidung, die fähig ist, alles zu verwandeln, damit die Gewohnheiten, die Stile, die Zeitpläne, der Sprachgebrauch und jede kirchliche Struktur ein Kanal werden, der mehr der Evangelisierung der heutigen Welt als der Selbstbewahrung dient“. (Nr. 27)

"Die Priester erinnere ich daran, dass der Beichtstuhl keine Folterkammer sein darf, sondern ein Ort der Barmherzigkeit des Herrn, die uns anregt, das mögliche Gute zu tun". (Nr. 44)

 „Eine Mutter mit offenem Herzen:
Eine Kirche ‚im Aufbruch‘ ist eine Kirche mit offenen Türen. Zu den anderen hinauszugehen, um an die menschlichen Randgebiete zu gelangen, bedeutet nicht, richtungs- und sinnlos auf die Welt zuzulaufen. Oftmals ist es besser, den Schritt zu verlangsamen, die Ängstlichkeit abzulegen, um dem anderen in die Augen zu sehen und zuzuhören, oder auf die Dringlichkeiten zu verzichten, um den zu begleiten, der am Straßenrand geblieben ist. Manchmal ist sie wie der Vater des verlorenen Sohns, der die Türen offen lässt, damit der Sohn, wenn er zurückkommt, ohne Schwierigkeit eintreten kann“.
(Nr. 46)


3. Fastenpredigt

Benediktinerabtei zum Heiligen Kreuz                                  30. März 2014
Kloster Scheyern

Predigt von Fr. Matthäus Beczkowiak OSB


Liebe Brüder und Schwestern im Herrn,

Der heutige vierte Fastensonntag trägt die Bezeichnung „Laetare“  -  „Freue dich“ -  Freude auf den kommenden Herrn, Vorfreude auf Ostern, das Fest unserer Erlösung. Das Thema der Freude greift auch unser Heiliger Vater, Papst Franziskus, in seinem Apostolischen Schreiben „Evangelii Gaudium“ auf. Dort schreibt er gleich zu Beginn: „Die Freude des Evangeliums erfüllt das Herz und das gesamte Leben derer, die Jesus begegnen. Diejenigen, die sich von ihm retten lassen, sind befreit von der Sünde, von der Traurigkeit, von der inneren Leere und von der Vereinsamung. Mit Jesus Christus kommt immer – und immer - wieder die Freude.“ (Evangelii Gaudium 1).

Glaube hat demnach nichts zu tun mit Verdrießlichkeit und negativer Stimmung, sondern Glaube hat ganz wesentlich zu tun mit Freude, mit einer Freude, die aus dem Herzen kommt und von Gott geschenkt ist. Die Begegnung mit Jesus schafft Heil, die Begegnung mit Jesus schafft Freude. Das durfte auch der blindgeborene Bettler erfahren, von dem wir eben im Evangelium gehört haben. Durch das Wirken Jesu erhält er sein Augenlicht, er wird sehend, ja mehr noch, er gelangt schließlich zum Licht des Glaubens, in dem er Jesus als den Messias erkennt und anerkennt.

In dem Evangelienabschnitt sind mir vor allem drei verschiedene Haltungen gegenüber dem Blindgeborenen aufgefallen: Da ist zunächst einmal die vorschnelle Reaktion der Jünger Jesu mit der Frage: „Rabbi, wer hat gesündigt…, so daß er blind geboren wurde?“ – Die Frage nach der Schuld. Wer ist schuld daran? Wem kann man die Schuld zuschieben? Eine gerade heutzutage äußerst beliebte Frage. Wenn irgendetwas schiefläuft sind sofort die (selbsternannten) Experten zur Stelle, die versuchen anderen Schuld zu zuschieben, oftmals Leute, die psychologisieren ohne selbst Psychologen zu sein. – Aber wird man damit dem Menschen gerecht??

Eine ganz andere Haltung nimmt dagegen Jesus ein. Ihm geht es nicht um Schuld und Schuldzuweisungen, sondern ihm geht es um den Menschen. Jesus geht nicht einfach am Elend dieses Blinden vorbei sondern er nimmt ihn wahr, er sieht ihn. Er sieht ihn an mit den Augen Gottes. Er will ihm Zukunft und Heil geben.

Den Pharisäern dagegen geht es nicht um den Menschen, der da geheilt worden ist, sondern ihnen geht es um die Sache: Kann einer, der sich nicht ganz genau an das Sabbatgebot hält von Gott sein? Kann jemand, der sich nicht akribisch an das Gesetz hält, kann so jemand wirklich von Gott sein? – Die engstirnige Befolgung des Gesetzes scheint ihnen wichtiger zu sein als das Heil, als das Heilwerden der Menschen. Es ist auch eine Haltung der Ablehnung gegenüber dem Wirken Jesu. Aufgrund seiner Verkündigung und aufgrund der Zeichen, die Jesus tut, könnten sie ihn als den Messias erkennen – aber sie tun es nicht! Und gerade dadurch sind sie blind, blind gegenüber dem Licht, das Jesus selber ist.

Und wir? Welche Haltung würden wir einnehmen? Sind wir als Kirche, als Gemeinschaft der Glaubenden, offen für das Wirken Gottes – auch in unserer Zeit? Sind wir nicht auch in vielfacher Hinsicht blind? Blind weil wir Gottes Wirken nicht erkennen oder erkennen wollen. Sind wir nicht auch ganz gerne wie die Jünger Jesu dazu geneigt die Schuldfrage aufzuwerfen, Verantwortliche zu suchen weil etwas so ist wie es ist oder weil man selbst unzufrieden ist. Da sind dann schnell Schuldige gefunden:  Die Mitmenschen, die Zeitumstände, das ganze System usw. Aber eine Gemeinschaft, die sich immer nur in der Suche nach Sündenböcken und in Schuldzuweisungen ergeht wird weder dem Menschen gerecht noch wird sie glaubwürdig. Erst recht gilt das für die Gemeinschaft der Glaubenden, die Kirche.

Auch eine Haltung der Engstirnigkeit wie bei den Pharisäern ist für die Offenheit gegenüber dem Wirken Gottes wenig förderlich. Nicht die akribisch genaue Befolgung von Gesetzvorschriften und Normen ist wichtig sondern das Heil des Menschen. Natürlich braucht es Gesetze und Normen, die die Richtung vorgeben, wenn gemeinsames Leben nicht im Chaos und Glaube nicht in Beliebigkeit und Belanglosigkeit versinken soll. Aber Normen und Gesetze haben immer nur dienenden Charakter und sind nicht um ihrer selbst willen da. Das Gesetz ist für den Menschen da, nicht der Mensch für das Gesetz. Offenheit für Gottes Wirken hat mit einer Engstirnigkeit, die nur die eigene vorgefasste Meinung gelten lassen will, herzlich wenig zu tun. Oder um es mit Papst Franziskus zu sagen: „Häufig verhalten wir uns wie Kontrolleure der Gnade und nicht wie ihre Förderer. Doch die Kirche ist keine Zollstation, sie ist das Vaterhaus, wo Platz ist für jeden mit seinem mühevollen Leben.“ (Evangelii Gaudium 47)

Jesus will das Heil der Menschen. Und genau das ist auch der Auftrag an die Kirche: Dem Heil, ja dem Heilwerden der Menschen zu dienen. Als Gemeinschaft der Glaubenden müssen wir uns das Handeln Jesu zum Vorbild nehmen. Wir sind aufgerufen offen zu sein für Veränderung, für Verwandlung, denn das Wirken Gottes verwandelt, sowohl uns als Kirche, als auch die Welt um uns. Wir sind aufgerufen das Wort Gottes, das wir empfangen haben zu verinnerlichen, es weiterzutragen in unsere Zeit. Wir sind aufgerufen unser Leben durch Gottes Wort und Wirken verändern zu lassen, Gott als den wahren Herrn anzuerkennen und unser Leben auf ihn hin auszurichten. Wo das geschieht, da werden wir sehend, da werden uns wie dem Blinden die Augen geöffnet und wir werden empfänglich für das Licht, das Christus selbst ist. Wo ich mich aber dem Wirken und dem Wort Gottes verschließe, da werde ich blind, blind für das Große, das Gott vorhat, blind für das Heil und die neue Hoffnung, die Gott schenken will. Wo der Mensch seine eigene Selbstgerechtigkeit pflegt und wie manche der Pharisäer abwertend auf andere herabblickt, andere diffamiert und das Heil, das Gott anderen schenkt, nicht gelten lassen will, der schließt sich selbst aus, der ist sozusagen schon gerichtet, da er sich Gottes heilendem Handeln verschließt.  Hüten wir uns davor selbstgerecht auf andere zu blicken und die eigenen Fehler unter den Tisch zu kehren!  Maßstab für unser Handeln, für uns als Kirche, muss immer das Wort und das Handeln Jesu sein. Und Jesus wendet sich gerade auch denen auf der Schattenseite des Lebens zu. Gott ist ein freudiger Geber  - und er erwartet das auch von uns. Wenn wir als Kirche das umsetzen, dann geschieht Heil, dann geschieht Heilung, ja dann wird den Menschen die Freude des Evangeliums zuteil.

 


2. Fastenpredigt

Benediktinerabtei zum Heiligen Kreuz                                  23. März 2014
Kloster Scheyern                                                                             

                                                                                         Ex 17,1-7;
                                                                                         Joh 4,5-14*

Predigt von Prof. Theo Seidl

Die Quellen der Kirche – unerschöpflich


Wo Wasser ist, ist Leben. Menschliche Siedlungen entstehen, wo eine Quelle sprudelt. Der Dorfbrunnen wird zum Quellplatz sowohl für das physische als auch für das soziale Leben. Der Brunnen, den alle zum Wasserschöpfen aufsuchen müssen – und im Alten Orient ist dies eine Domäne der Frauen -, wird zum Ort der Kommunikation, der Begegnungen und der Gespräche. Auch aus dieser Quelle lebt der Mensch.
Jesus wählt nach der Darstellung des 4. Evangeliums die Begegnungsstätte eines Dorfbrunnens, um der dort wasserschöpfenden Frau eine neue, geistig-geistliche Quelle zu erschließen: Seine Lehre, seine Person, sein Bild von einem Gott, der überall angebetet und verehrt werden kann, nicht nur in Jerusalem und Samaria. Aus dieser lebendigen, immer fließenden Quelle der Person und Botschaft Jesu schöpft die Kirche; sie hat in Jesu Wort und Wirken einen tiefen, unerschöpflichen Brunnen. Aus dieser Quelle schöpfend, versucht die Kirche ihren ersten und vornehmsten Auftrag zu erfüllen, den uns das päpstliche Wort wieder in Erinnerung ruft: Kirche solle zuerst „den Menschen Hilfe zum Heil“ bieten.
Meine Aufgabe im Rahmen dieser Fastenpredigtreihe ist, diese Quellen des kirchlichen Auftrags zu benennen und in Erinnerung zu rufen, aber auch kritisch zu fragen, ob wir diese Quellen in der Kirche auch richtig nützen und voll ausschöpfen. Ich konzentriere mein Thema auf drei Quellbereiche, aus denen die Kirche zum Heil der Menschen hauptsächlich schöpfen soll: Das Wort, die Sakramente, die Überlieferung.

1. Die Kirche als Vertreterin der Buchreligion des Christentums schöpft zuallererst aus dem Wort Gottes, wie es in den Schriften des Alten und Neuen Testaments gesammelt und aufgezeichnet ist.
Das „Wort Gottes“ tritt uns in der Bibel als menschliche Glaubenserfahrung entgegen; denn die Bibel enthält die zeitlosen, immer aktuellen Glaubenszeugnisse von glaubenden und Gott suchenden Menschen aus einem Zeitraum von annähernd tausend Jahren. Aus dem Glauben dieser Menschen, aus ihren Bekenntnissen schöpfen wir für unseren Glaubens- und Lebensweg heute. Weil wir überzeugt sind, dass die in der Bibel versammelten Glaubenserfahrungen wichtig und wesentlich sind – eben „Wort Gottes“ für uns -, wird das biblische Wort zum wichtigsten Maßstab und zum ständigen Korrektiv unseres Glaubens. Die Kirche in all ihren Gliedern und in ihrem Auftrag, den Menschen Hilfen zum Heil zu bieten, hat ihren Weg stets am Wort Gottes zu korrigieren und neu zu justieren; denn ungute Entwicklungen der Geschichte verdunkeln und verstellen bis heute ihren ersten Auftrag. Darum gilt es für uns alle in der Kirche, aus dem klaren Quellwasser der Schrift zu schöpfen, um die Folgen des zu langen Genusses schalen, abständigen Wassers zu überwinden.
Ich bin persönlich beim Umgang und beim Vertiefen in das Wort der Schrift immer wieder überrascht, welch klare Wegweisungen wir auch für heute drängende Fragen in der Kirche aus der Bibel empfangen. Als Beispiel verweise ich auf die Rede der Gottebenbildlichkeit des Menschen gleich auf der ersten Seite der Bibel: Wenn allen Menschen, Mann und Frau in gleicher Weise, dieser Rang der Gottebenbildlichkeit zukommt, nämlich als königliche Stellvertreter Gottes auf Erden zu wirken, dann könnten und müssten die Barrieren wie die Ämterfrage und die Ungleichbehandlung der Frau in der Kirche überwunden werden.
Was mich ebenfalls fasziniert in der Bibel ist die Fülle und die Vielfalt ihrer Gottesbilder und Gottesvorstellungen: Da ist Gott Quelle, Fels, Berg, Höhle, Licht, Farbe, funkelnder Edelstein und Harfenklang. Welcher Reichtum, welche Vielfalt – und all das ohne Festlegung und enge Grenzziehung.
Das Wort ist also der erste und wichtigste Quellbereich, aus dem Kirche schöpft.

2. Ein zweiter Quellbereich, mit dessen Hilfe Kirche zum Heil der Menschen wirken kann, ist der Bereich der Sakramente. Sie sind sichtbare Zeichen von Gottes Gegenwart unter uns und sprechen uns als Menschen von Fleisch und Blut an, als ganze Menschen, als Menschen mit unseren Sinnen und unseren Gefühlen. Die Sakramente, die die Kirche spendet, umfassen unser ganzes Leben, von der Geburt bis zum Tod. So will Kirche durch die Sakramente Wegbegleiterin der Menschen durch ihr Leben sein und will den Menschen Gottes Gegenwart auf allen Stationen ihres Lebens zusprechen:
In der Taufe begegnen wir Gott im Zeichen und Symbol des belebenden und reinigenden Wassers, in der Eucharistie als nährende und stärkende Speise; in der Firmung wird uns Gott als bewegende und belebende Kraft zugesprochen, im Bußsakrament als vergebender, heilender, einen Neuanfang ermöglichender Gott, in Ehe und Weihesakrament als sendender und ausstattender, in der Krankensalbung als Kraft, Stärke und Geduld verleihender Gott.
So sind die Sakramente sichtbare Zeichen der Gegenwart und Begleitung Gottes durch das ganze Leben hindurch, sie sind wirkkräftige Hilfen für die Menschen auf ihrem Weg zum Heil.
Ja, die Kirche selber wird durch ihr grundlegendes sakramentales Handeln zum „Ursakrament“, zum Grundlagensakrament; sie wird selber eine Quelle für die heilsuchenden Menschen.
Wirkt da die gegenwärtige Diskussion nicht absurd mit ihrer Frage, ob die Kirche den Menschen, deren Lebensweg nicht gerade verläuft, Sakramente weiter verweigern, sie von diesen Quellen ausschließen darf? Darf sich die Kirche überhaupt eine solche Verweigerungshaltung herausnehmen? Brauchen nicht gerade diese Menschen in ihrem Versagen und Scheitern die Zusage und Stärkung Gottes in den Sakramenten? Darf die Kirche fortfahren, ihre Quellen zu verschließen? Gott Lob ist in dieser Frage die seelsorgliche Praxis an der Basis viel weiter als das kirchliche Lehramt.

3. Der dritte Quellbereich, aus dem die Kirche zum  Heil der Menschen schöpft, ist die Tradition, die Überlieferung, die lange Kette von Glaubenserfahrung und Glaubensvermittlung der Kirche, über zwei Jahrtausende hindurch. Ein wahrhaft reicher, unerschöpflicher Quellgrund. Dazu gehören: Die Lehre der Kirche, die Auslegung der Schrift, die kirchliche Frömmigkeit. Es versteht sich von selbst, dass wir in diesem dritten Quellbereich kritisch auswählen müssen, weil sich in der langen Überlieferungsgeschichte der Kirche auch manch Ungutes, nicht mehr Vermittelbares angehäuft hat.
Ich möchte aus diesem dritten, sehr umfassenden Quellbereich nur zwei Bereiche auswählen, die mir persönlich am Herzen liegen, aus denen ich selber gerne schöpfe: Die Kunst und die Musik in der Kirche.
3a) Die bildende Kunst spricht uns in Formen, Farben, Gestalten und Zeichen an, eben in den künstlerischen Zeugnissen der Architektur, der Malerei und Plastik, die menschlicher Schöpfergeist und Kunstsinn ersinnen und formen. Die in der Kirche gestaltenden Künstler werden damit zu Kündern und Verkündern der Religion, des Glaubens, der biblischen Gestalten und Szenen, die sie mit ihrer Sprache ausdeuten und erschließen. Wir schöpfen im Betrachten solcher künstlerischer Deutungen des Religiösen für unser Leben und Glauben. Beim Besuch von Kirchen, Klöstern, Kathedralen, beim Vertiefen in ihre künstlerische Formen, Farben und Räume gehen uns Zusammenhänge des Glaubens auf, ahnen wir etwas vom Geheimnis des Unsichtbaren und Ewigen. Die kirchliche Kunst ist gerade in unserem Land eine unerschöpfliche Glaubensquelle und motiviert uns auch zu Reisen und Kunstfahrten.
Als Beispiel aus unserer Kirche und ihrer künstlerischen Vielfalt verweise ich auf das Hochaltarbild von J.Chr. Wink von 1770: Es ist mir ein stets gegenwärtiges Hoffnungsbild auf unsere Vollendung bei Gott, konfrontiert mich aber auch mit den immer vorhandenen menschlichen Vorbehalten und Zweifeln am Glauben an Jenseits und Auferstehung.
3b) Die Musik spricht uns durch Töne, Harmonien, Melodien und Rhythmen in besonderer Weise als sinnenhafte Menschen an; sie weckt unsere Gefühle, Affekte und Leidenschaften.
Musik der Kirche und in der Kirche interpretiert mit ihren künstlerischen Mitteln die Schrift und die liturgischen Texte; sie ist nicht Klangkulisse im Hintergrund, sondern Verkünderin des Wortes und steht daher im  Zentrum des liturgischen Geschehens. Durch die Liturgiereform des 2. Vatikanums ist es der Musik in der katholischen Kirche möglich geworden, mit vielen Stilmitteln und in den musikalischen Formen und Gattungen aller Epochen zu verkünden und Liturgie musikalisch zu beleben. Bis zum Konzil waren wir in der Kirche gezwungen, auf einer musikalischen Einbahnstraße, dem Cäcilianismus des 19. Jh., zu fahren. Heute können wir auch musikalische Formen der reformatorischen Kirchenmusik, vor allem  Motetten und Kantaten, die das Wort auslegen, in unseren Gottesdiensten musizieren. Freilich nützen wir m. E. diese Möglichkeiten zu wenig und bewegen uns wieder auf einer Einbahnstraße, wenn wir die Kirchenmusik nur auf Kirchenlieder beschränken, unsere gängige musikalische Gestaltung der Sonntagsgottesdienste. Hier wären noch viele Quellgründe offen. Wir sollten die große Kirchenmusik nicht den Konzerten allein überlassen, sondern ihr Platz, Raum und Zeit in unseren Gottesdiensten einräumen.

„Tief ist der Brunnen der Vergangenheit. Sollte man ihn nicht unergründlich nennen“?. So beginnt Thomas Manns „Josephsroman“. Wir steigen in diesen Brunnen hinab, um unsere Gegenwart zu meistern und zu beleben. Tief sind auch die Quellgründe unseres Glaubens, die uns die Kirche zu erschließen hilft. Steigen wir gerne hinab, denn noch Vieles gibt es dort zu entdecken und zu schöpfen: Es sind Wasser, die „zur sprudelnden Quelle werden, Wasser, die ewiges Leben schenken“.

Theo Seidl


1. Fastenpredigt 2014

Benediktinerabtei zum Heiligen Kreuz                                  16. März 2014
Kloster Scheyern                                                                             

                                                                                             L: Gen12,1-4a
                                                                                             Ev: Mt 17,1-9

Predigt von Abt Markus Eller OSB

Die Kirche als Thema oder die Themen der Kirche

Liebe Schwestern und Brüder!

Am vergangenen Donnerstag war es genau ein Jahr her, dass am Abend in Rom weißer Rauch aufstieg zum Zeichen dafür, dass ein neuer Papst gewählt war. In Windeseile verbreiteten unsere Medien diese Meldung rund um die ganze Erde und viele Menschen – vielleicht auch Sie - setzten sich vor den Fernseher, um zu schauen, wer denn der neue Papst sei; 1 ½  Stunden ließ er aber noch auf sich warten.

Mir ist noch in lebhafter Erinnerung, als dann Papst Franziskus, wie er sich nannte, auf dem Balkon der Petersbasilika erschien. Er machte fast einen schüchternen Eindruck, so als würde er in dieses Zeremoniell der Präsentation gar nicht passen. Den Grund dafür konnte man fast seinen ersten Worten entnehmen, als er sagte, dass die Kardinäle einen Papst vom „anderen Ende der Welt“, ja „vom Ende der Welt“ geholt haben. Er hätte auch sagen können, dass er ein Papst ist aus einer ganz anderen Welt: Argentinien, eine Welt, die uns Europäern relativ unbekannt und bisweilen auch ziemlich egal gewesen ist oder noch immer ist. Aber es ist eine Welt, die existiert und die es gibt, auch wenn sie nicht in unserem Blickfeld ist.

Dieses Zitat vom „anderen Ende der Welt“ haben die Medien am vergangenen Donnerstag wieder aufgegriffen, als sie an die Ereignisse vor einem Jahr erinnerten und auch daran, was sich in diesem Jahr auch verändert hat.

Ganz langsam sickerte nach der Wahl im letzten Jahr die Rede durch, die Kardinal Bergolio im so genannten Vorkonklave gehalten hatte, als sich die Kardinäle darüber berieten, welche Aufgaben denn der neue Papst nach dem Rücktritt des alten Papstes - was ja auch schon neu war - angehen sollte. Dabei sagte er: „Wenn die Kirche nicht aus sich selbst herausgeht, um zu evangelisieren, bleibt sie nur bei sich selbst und wird krank. Diese Missstände, die sich im Laufe der Zeit in den Institutionen der Kirche gezeigt haben, haben ihren Grund in dieser Selbstsüchtigkeit, in der Art eines theologischen Narzissmus.

Ich glaube, man könnte auch so sagen: Wenn die Kirche ein Thema bei den Menschen bleiben soll, dann darf sie sich nicht ständig selbst zum Thema machen. Das Thema der Kirche ist nicht sie selbst, sondern ihr Auftrag: Den Menschen Hilfe zum Heil sein.

Kardinal Bergolio sagte das so: Evangelisierung setzt voraus, dass die Kirche freimütig aus sich herausgeht. Die Kirche ist dazu aufgerufen, aus sich heraus an die Peripherien zu gehen, nicht nur an die geographischen, sondern auch an die existentiellen Peripherien: Jene des Mysteriums der Sünde, des Leidens, der Ungerechtigkeit, der Unkenntnis bzw. der Missachtung des Glaubens, an die Peripherie des Denkens und allen Elends.

Und im Blick auf den zukünftigen Papst meinte er: Der nächste Papst sollte der Kirche helfen, aus sich heraus und an die existentiellen Peripherien zu gehen und der Kirche helfen, eine segensreiche Mutter zu sein…

Ob er geahnt, gedacht oder gefürchtet hat, dass er selber dieser sein sollte? Jedenfalls stand er als Papst Franziskus am 13. März 2013 in der geschilderten Weise auf dem Balkon der Petersbasilika.

Die Zeichen, die der neue Papst dann setzte und die die Medien um die ganze Welt verbreiteten, waren und sind immer noch ein Stück andere Welt.

Am Gründonnerstag feierte er die Liturgie nicht in der Lateranbasilika, sondern in einem Gefängnis nahe Rom, wo er jungen Gefangenen die Füße wusch.

Die erste Reise, die er unternahm, führte ihn zu den Flüchtlingen auf der Insel Lampedusa.

Mit diesen Gesten, die mehr sind als bloße Gesten, sondern Ausdruck einer anderen, einer neuen Welt, gab er Menschen Stimme und Ansehen, Menschen, von denen man gewöhnlich nicht oder nicht mehr spricht oder wo man lieber wegschaut.

Wenn die Kirche ein Thema bei den Menschen bleiben soll, dann darf sie sich nicht ständig selbst zum Thema machen. Das Thema der Kirche ist nicht sie selbst, sondern ihr Auftrag: Den Menschen Hilfe zum Heil sein.

Die Kirche ist dazu da zu evangelisieren. Die innige und tröstliche Freude der Verkündigung des Evangeliums.

Evangelii Gaudium, heißt das apostolische Schreiben von Papst Franziskus, das im letzten Jahr herauskam und viel Beachtung fand. Darin nimmt er seine Vorstellungen aus dem Vorkonklave wieder auf. Evangelisierung hat für Papst Franziskus verschiedene Dimensionen, auch eine soziale Dimension, wie er ausdrücklich betont.

Evangelium ist aber auch eine Botschaft, die nicht in dieser Welt stecken bleibt, sondern die über die soziale Dimension und über diese Welt hinausreicht. Auch damit können und müssen Menschen vertraut werden und vertraut sein. Zur geistlichen Lesung lädt er deshalb ein. Das ist eine Beschäftigung mit diesem Text, wodurch entdeckt werden kann und soll, wo für uns, für unsere Zeit und für jeden einzelnen von uns diese gute Nachricht verborgen ist.

Gerade haben wir auch wieder ein solches „Stück Evangelium“ gehört, nämlich die von der Verklärung Jesu. Eine Stelle, die uns wahrscheinlich bekannt sein wird von der Idee des Petrus, Hütten zu bauen: eine für dich, eine für Mose, eine für Elia“. Als Ministranten haben wir das immer nachgemacht: „eine für dich, eine für mich, eine für Mose. Ja warum eigentlich nicht: Eine für mich!

Diese Schilderung der Verklärung hat auch etwas Unwirkliches an sich, weil darin sozusagen ein Blick über den Tellerrand dieser Welt hinaus getan wird, auch für mich! Für die Jünger, die dabei waren, erschien Jesus in einem ganz anderen Licht, wie sie ihn bisher nicht kannten. Diese andere Welt ist nicht einfach nur Anlass zu Freude und Glückseligkeit, sondern das Andere, das ganz Andere, das fremd erscheint, kann Menschen auch Angst machen. Diese Angst wird nicht verschwiegen: Sie bekamen Angst und warfen sich mit dem Gesicht zu Boden.
Diese Mischung aus Furcht und Faszination dauert nur einen Augenblick und dann müssen sie wieder vom Berg hinunter in ihre eigene Welt, aus der sie gekommen sind und in der sie auch zuhause sind.

Im Evangelium wie es uns Matthäus überliefert und wie wir es heute gehört haben, endet dieser „Ausflug“ in die andere Welt mit der Ermahnung Jesu: Erzählt bei niemand von dem, was ihr gesehen habt bis der Menschensohn von den Toten auferstanden ist.
Beim Evangelisten Markus gibt es diese Erzählung auch, nur dort wird noch ein – wie ich denke
- wichtiger Satz angefügt: Dieses Wort beschäftigte sie, und sie fragten einander, was das sei: Von den Toten auferstehen.
Wenn die Kirche ein Thema bei den Menschen bleiben soll, dann darf sie sich nicht ständig selbst zum Thema machen. Das Thema der Kirche ist nicht sie selbst, sondern ihr Auftrag: Den Menschen Hilfe zum Heil sein.
Auferstehung, ein Thema der Kirche, ja sogar eine Art „Betriebsgeheimnis der Kirche“: Deinen Tod o Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit. Das ist das Geheimnis unseres Glaubens. Nicht als sollten wir das nicht wissen dürfen, sondern weil er damit steht und fällt.

Auferstehung ist aber nicht nur auf ein Fest namens Ostern beschränkt, sondern die Beschäftigung mit der Frage, was das heißt „auferstehen“, nicht irgendwann und irgendwo, sondern jetzt.
Wo braucht es Auferstehung? Wo sind unsere, meine toten Punkte?
Wo braucht es den neuen Aufbruch, so wie bei Abraham, da
ss jemand und etwas zu Segen wird oder werden kann?

Das muss Kirche sozusagen immer wieder vorbeten, wie eine Art Litanei. Es kann schon sein, dass das wie eine ewige Leier erscheint, die manchmal auch langweilt oder gar stört. Aber es ist eben ein zentrales Thema.
So möchte ich jetzt schließen mit einer Litanei, die in ihrer Überschrift angibt, warum sie immer gebet werden will. Es ist die „Litanei gegen die Mutlosigkeit:

 

Es gibt keine Wärme ohne Reibung
Kein Licht ohne Feuer

Keinen Gewinn ohne Einsatz
Keinen Sieg ohne Kampf

Es gibt kein Wiederkommen ohne Fortgehen
Keine Versöhnung ohne Streit

Keine Reue ohne Sünde
Keine Vergebung ohne Schuld

Es gibt keine Erlösung ohne Übel
Keine Auferstehung ohne Tod.

Themen der Kirche weil Themen des Menschseins.

 


Predigt zur Beerdigung von Abt em. Bernhard

Benediktiner Abtei zum Heiligen Kreuz                         13. Februar 2014
Kloster Scheyern                                                                                                                                                                                                 L: Jes 25,6-25,9

                                                                                   Ev: Lk 24,13-35

Hochwürdigster Herr Kardinal Wetter,
liebe Angehörige von Abt Bernhard,
liebe Scheyrer Mitbrüder, liebe Schwestern und Mitbrüder aus den anderen Klöstern und im geistlichen Dienst, liebe Schwestern und Brüder im Herrn!

Das Leben jedes Menschen kennt Grundsätze, Schwerpunkte und Regeln, die ihm dabei helfen, sein Leben zu gestalten und es zugleich auch unverkennbar und unverwechselbar machen. Abt Bernhard kannte und hatte die auch. Ein solcher Grundsatz im Leben von Abt Bernhard war es, nach der Feier des Dreikönigsfestes für zwei Wochen in seine belgische Heimat zu fahren.

Beim Gedanken an dieses jährliche feste Vorhaben war es in den Tagen des Advent meine Sorge, wie soll das gehen, die Anstrengungen dieser Reise, die für ihn so eine wichtige Bedeutung hatte, aber für einen Menschen, dem es große Mühe machte, auch nur über eine Treppenstufe hinwegzukommen. Lange war es für Abt Bernhard gar keine Frage, von dieser Gewohnheit zu lassen, doch plötzlich sagte er: Ich verschiebe diese Reise bis nach Ostern!

Als Abt Bernhard am vergangenen Sonntag entgegen seinem festen Grundsatz, möglichst früh oder gar als erster vor dem Gebet in unserer Kapitelkirche zu sein, nicht erschien, ging ich, um nach ihm zu schauen. Ich fand ihn, aber eigentlich war er nicht mehr da. Er war nicht weggefahren oder gar weggeflogen, sondern er war heimgegangen. Nicht in seine belgische Heimat ging die Reise, sondern in die ewige Heimat, die uns auch in der Unterschiedlichkeit unserer Herkunft gemeinsam ist. In den Minuten, in denen ich am vergangenen Sonntag mit ihm alleine war, fiel mir dieser Satz wieder ein: Ich verschiebe diese Reise bis nach Ostern!

Dein Tag, o Herr uns hell anbricht nach dieser Woche Sorgen. Es strahlt uns auf in seinem Licht ein neuer Ostermorgen und kündet, dass wir sind erlöst durch deinen Tod und neu getröst’ durch deine Auferstehung. So singen wir als Scheyrer Klostergemeinschaft oft beim Gebet am Sonntagmorgen.

Ich verschiebe diese Reise bis nach Ostern. Für Abt Bernhard war nun Ostern.

Er war noch aufgestanden, um sich fertig zu machen für die Feier des Sonntags, aber ich denke es war ihm nicht bewusst, dass es ein fertig machen für die Reise war, die uns bis zum Schluss aufgehoben ist. Es war alles gewissenhaft hergerichtet, angefangen vom weißen Hemd bis zu den Lesungstexten für den Sonntag, die auf dem Schreibtisch aufgeschlagen waren, dazu die Fünfte Sonntagspräfation, in der es heißt: In Wahrheit ist es würdig und recht, dir allmächtiger Vater zu danken und dich mit der ganzen Schöpfung zu loben. Denn du hast die Welt mit all ihren Kräften ins Dasein gerufen und sie dem Wechsel der Zeit unterworfen. Auch diese Vorbereitung war ein Grundsatz von Abt Bernhard, der seinem Leben Gestalt und Richtung gab, ganz im Sinne des Heiligen Benedikt, in dessen Lebensschule er nun 63 Jahre gegangen war.

Das Lesen der heiligen Schrift, die lectio divina, das war für ihn der Inbegriff monastischen Lebens. Als Moderator für das Kommunnoviziat der Bayerischen Benediktinerkongregation hat er die Novizen aller bayerischen Klöster über Jahre hinweg selber darin unterwiesen. Er hat es in seiner unverwechselbaren Art versucht, die lectio divina den angehenden Mönchen nahe zubringen. Vielen ist sie bis heute nicht einfach nur in guter Erinnerung ist, sondern auch eine Wegbereiterin und Wegbegleiterin für das eigene Leben.

So ist es eigentlich kein Wunder, sondern eher ganz nahe liegend, dass er sich als Wahlspruch für seinen äbtlichen Dienst in Scheyern, für den er 1972 aus seiner belgischen Heimat postuliert wurde, die Stelle aus der Benediktsregel gewählt hat: „per ducatum evangelii - Unter der Führung des Evangeliums“. 29 Jahre stand er unter diesem Motto unserer Gemeinschaft vor und hat sie auch geprägt in vielerlei Hinsicht.

Ein weiteres Charakteristikum von Abt Bernhard war seine Kontaktfreudigkeit. Am Sonntag habe ich sein Adressbuch vom Schreibtisch genommen und habe gestaunt, wie voll und vielfältig es war. Auch wenn Abt Bernhard keine Ahnung davon hatte, was sich dahinter verbirgt, wenn junge Menschen von Facebook sprachen. Ein Blick in sein Adressbuch lässt jeden User bei Facebook neidisch werden, wie viele Freunde Abt Bernhard hatte und wer sich darunter befand. Man könnte es auch so zusammenfassen: Abt Bernhard kannte Gott und die Welt. Vielleicht im Hinblick auf diese Kontakte hat Abt Bernhard auch Aufgaben übernommen, die über den Bereich unseres Klosters hinausgingen, sei es neben dem bereits erwähnten Amt des Moderators für das Bayerische Kommunnoviziat, den Vorsitz der Salzburger Äbtekonferenz, als Moderator für die Regelkommission, als Mitglied der liturgischen Kommission der BBK, die Mitarbeit für den spirituellen Teil der Satzungen unserer Kongregation, sein Engagement für die Groupe Chevtone oder AIM. Viele Menschen lernte er dabei kennen und durch ihn lernten  Menschen Scheyern kennen

Abt Bernhard kannte Gott und die Welt, wie man so sagt. Die „Welt“, seine Welt habe ich versucht kurz in Ausschnitten zu skizziert. Er kannte Gott und die Welt! Und Gott, wie kannte er Gott? Er wollte ihn kennenlernen, er hat ihn gesucht, wie es der heilige Benedikt von seinen Mönchen verlangt: Dass sie wahrhaft Gott suchen. Diese Suche nach Gott kennt aber Höhen und Tiefen, sie kennt Fortschritte und Rückschritte. So wie wir es im Evangelium von den beiden Emmausjüngern gerade gehört haben. Wir aber hatten so gehofft, dass er der sei, der Israel erlösen werde, so fassen sie ihre Sehnsucht zusammen, ihre plötzlich unsicher gewordene Sicherheit.

Dieser Jesus gibt sich zu erkennen, auf ganz einfache Weise und doch auf ganz andere Weise, als sich Menschen das denken, vielleicht manchmal auch wünschen. Und als er mit ihnen bei Tisch war, da gingen ihnen die Augen auf. Und sie sagten: Brannte uns nicht das Herz in der Brust, als er unterwegs mit uns redete und uns den Sinn der Schrift erschloss. Dieses einfache Mahl wird zum Festmahl, weil Menschen wieder zusammenfinden, weil ihr Leben wieder eine Richtung bekommt.

Mahlgemeinschaft hat Abt Bernhard gepflegt und geschätzt, die eucharistische Mahlgemeinschaft und die Gemeinschaft an den Tischen der Menschen. Es ist kein Geheimnis, dass Abt Bernhard gutes Essen liebte, wie es in der Lesung aus dem Buch Jesaja für das Mahl am Ende der Zeiten verheißen ist.

Aber auch dieses Mahl am Ende der Zeit ist ein Bild dafür, dass Menschen zusammenkommen und wieder zusammenfinden. Es ist ein Mahl, von dem Menschen als irgendwie andere aufstehen werden:  Er zerreißt die Hülle, die alle Nationen verhüllt, und die Decke, die alle Völker bedeckt.

Ich verschiebe die Reise bis nach Ostern!

Die letzte Wegstrecke seines Lebens war für Abt Bernhard sehr mühsam geworden. Seine Mahnung zur unerschöpflichen Geduld, die wir, seine Mitbrüder, von ihm oft gehört hatten: „patientisseme tolerare“, sie verlangte ihm nun selber einiges ab. Er hatte einen eisernen Willen, der es ihm ermöglichte, bis wenige Stunden vor seinem Tod am Leben unserer Gemeinschaft teilzunehmen. Es war aber auch ein Wille, der ihn an den Rand und die Grenzen seiner Kräfte brachte.

Ich bedanke mich an dieser Stelle bei meinen Mitbrüdern, die manchmal auch viel Geduld aufwenden und aufbringen mussten, wenn er in dieser Mühe so ungeduldig war.

Ich verschiebe diese Reise bis nach Ostern!

Liebe Schwestern und Brüder, Abt Bernhard hat sich nun auf die Reise gemacht, denn für ihn wurde es am Sonntagmorgen ganz plötzlich Ostern. Deshalb wollen wir ihm heute einen Wunsch erfüllen, den er für dieses letzte und endgültige Ostern geäußert hat.

Für den Musikliebhaber Abt Bernhard war die Freude und der Jubel von Ostern am besten im Halleluja von Georg Friedrich Händel zum Ausdruck gebracht. Ein Ostern ohne dieses Halleluja war für ihn irgendwie kein Ostern.

Heute ist Ostern!

An jenem Tag wird man sagen: Seht, das ist unser Gott, auf ihn haben wir unsere Hoffnung gesetzt, er wird uns retten. Das ist der Herr, auf ihn setzten wir unsere Hoffnung. Wir wollen jubeln und uns freuen über seine rettende Tat. Halleluja!

 


Hl. Dreikönig 2014

Benediktinerabtei zum Heiligen Kreuz                              06. Januar 201e
Kloster Scheyern

Einleitung:
Sterne gehören in diese Zeit, die wir gerade begehen und erleben. Sterne in allen Farben und Formen schmücken unsere Kirchen und Häuser. Am heutigen Fest der Erscheinung des Herrn ist aber immer nur von einem einzigen Stern die Rede. Der Stern, an dem sich Menschen orientieren und dem sie folgen. 

Unter vielen Sternen, den einen richtigen Stern herauszufinden, der uns Ziel und Orientierung auf unserem Lebensweg sein kann und sein soll, das gehört auch zum Leben von uns Menschen und wir wissen, dass das gar nicht so einfach ist.

Am heutigen Fest, das uns daran erinnert, zum wem dieser Stern führen kann, bitten wir den Herrn unseres Lebens und unserer Wege um seine Hilfe und um sein Erbarmen.

Predigt von Abt Markus Eller OSB
Dreikönig 2014                                                     L: Jes 60,1-6
                                                                                Ev: Mt 2,1-12

Liebe Schwestern und Brüder!

Fast auf den Tag genau vor vier Wochen, am zweiten Adventssonntag, durfte ich für ein paar Tage nach Köln fahren. Meine Mitbrüder hatten mir diese Reise zu Weihnachten 2012 geschenkt. Hauptziel war die größte frei schwingende Glocke der Welt, den 24 t schweren „dicken Pitter“ beim Läuten live zu hören und zu sehen. Davon klingen mir bis heute nicht nur die Ohren nach, sondern viele andere Eindrücke, die dieses ganze Bauwerk des Kölner Domes in mir hinterlassen hat.

Ich stand auch vor dem Dreikönigenschrein, der größten Goldschmiedearbeit des Mittelalters, an dem fast 40 Jahre gearbeitet wurde. Dieser Schrein ist nicht nur Mittelpunkt dieser Kathedrale, sondern er ist auch der Grund, warum man diese Kirche überhaupt gebaut hat. Man wollte diesem Schrein der Superlative, geschmückt mit 74 aus Silber getriebenen Figuren und mit über 1000 Edelsteinen und Perlen besetzt, ein würdiges Haus bauen.

Dieser Dreikönigenschrein birgt die Reliquien, der drei Magier, der drei Weisen oder der drei Könige, die dem heutigen Fest auch ihren Volkstümlichen Namen gegeben haben. Wie das bei Reliquien so ist, niemand weiß genau oder mit der für uns oft so wichtigen letzen Sicherheit, ob sie überhaupt echt sind. War es eine von uns heute vielleicht etwas belächelte Leichtgläubigkeit der Menschen damals oder das Machtbewusstsein, das politische Kalkül, so einen Schrein anzufertigen und eine solche riesige Kirche in Angriff zu nehmen, deren Vollendung sie überhaupt nicht erlebt haben bzw. erleben konnten? Denn an diesem Dom wurde 600 Jahre gebaut! Oder könnte es noch etwas anderes sein, was Menschen dazu bewogen hat?

Beim Blick auf das Evangelium, das wir gerade gehört haben, und beim Blick zurück zu diesem Verweilen im Kölner Dom glaube ich, dass dieser Schrein noch etwas ganz anderes birgt bzw. für etwas anderes steht. Er steht für Hoffnung! Hoffnung, die etwas sehr kostbares, vielleicht sogar das kostbarste ist, was unser Leben prägen, begleiten und auch bestimmen kann.

Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, um ihm zu huldigen. So wird die Hoffnung, die in unseren Augen wohl auf sehr vagen Angaben beruht, dieser Menschen beschrieben. Der Fürst, der Hirt des Volkes Israel. Eine Hoffnung, die sie aufbrechen ließ. Eine Hoffnung, die ein Ziel nicht mehr aus den Augen ließ. Eine Hoffnung, von der sie sich nicht durch Rückschläge und Enttäuschungen abbringen ließen.

Menschen zu allen Zeiten haben Hoffnung. Sie haben Hoffnungen, ganz verschiedene, aber auch ganz viele. In der  Lesung aus dem Buch Jesaja haben wir heute einen sehr hoffnungsvollen Text gehört. Auf, werde Licht, Jerusalem, denn es kommt dein Licht! Gesprochen wurden diese Worte in eine schwierige und hoffnungslose Zeit hinein. Es war die Zeit der Rückkehr aus dem babylonischen Exil. Auf, werde Licht, Jerusalem, denn es kommt dein Licht! Damit sollen Menschen mobilisiert werden für einen Neubeginn, für den Wiederaufbau des Tempels. Mit Bildern der „guten alten Zeit“, die es auch damals gab, nämlich der Erinnerung an die Zeit des Königs Salomo, verspricht der Prophet: Es wird wieder alles gut!

Hoffnung! Was sind die Hoffnungen unserer Zeit? Was sind unsere ganz persönlichen Hoffnungen? Wo bewahren wir sie auf und woran machen wir sie fest? Seit wenigen Tagen stehen wir in einem neuen Jahr. Für sich allein genommen ist der Jahreswechsel nur eine Frage der Schreibweise. Aus 2013 wird 2014. Auf der anderen Seite spüren wir mehr, als dass wir wissen, dass es auch mehr sein kann und auch ist. Es ist die Hoffnung auf Neuanfänge, kleinere und größere. Es ist die Hoffnung auf neue Ideen und Möglichkeiten. Es ist eine Hoffnung, die auch neuen Schwung verleiht. Menschen lassen sich das auch etwas kosten. Zig- Millionen Euro werden in der Neujahrsnacht in den Himmel geschossen, einfach so.

Hoffnung! Was haben wir für eine Hoffnung oder haben wir viel mehr Befürchtungen?

Vor wenigen Tagen gab es in unserer Zeitung eine kecke Karikatur, bei der die „Drei Könige“ herhalten mussten. Vielleicht haben Sie diese auch gesehen. Die Könige aus dem Morgenland stehen vor einem Schlagbaum und bekommen gesagt: „Nur der mit dem Gold darf herein.“ Und darunter stand: „Bayerische Zuwanderungskontrolle.“ Mit wenigen Strichen war die Diskussion um Zuwanderung zusammengefasst, die seit einigen Tagen die Politik beschäftigt und die Medien beherrscht. Mir ist schon klar, dass es damit auch um politisches Kalkül geht, um sich entsprechend zu positionieren. Mir ist auch klar, dass die neue Freizügigkeit, die am ersten Januar in der EU in Kraft getreten ist, auch Schattenseiten haben kann und haben wird.

Aber diese Karikatur stellt für mich auch die Frage, wie es um unsere Hoffnungen steht oder was aus ihnen geworden ist. Die Hoffnung und der Traum von einem friedlichen und vereinten Europa, was ist daraus geworden?

Die Domkirche in Köln wird jährlich von 6 Millionen Menschen besucht, pro Tag manchmal bis zu 20.000! Viele von Ihnen bestaunen auch den Dreikönigenschrein und bekommen dazu die entsprechenden Zahlen und Informationen gesagt: „Größte Goldschmiedearbeit des Mittelalters, 74 Silberfiguren, über 1000 Edelsteine und Perlen…“ Immer wieder habe ich das von den Führern gehört, die mit ihren Gruppen am Dreikönigenschrei vorbeizogen. Als ich mich etwas abseits in eine Bank gesetzt habe und das „Treiben beobachtet habe, fiel mir plötzlich ein Mann mit dunkler Hautfarbe auf. Er blieb vor dem Schrein stehen und zündete ein Opferlicht an. Was wird ihn dazu bewogen haben? Welche Hoffnungen wird er in dieses schlichte Zeichen im Anzünden einer Kerze hineingelegt haben? Am liebsten hätte ich ihn gefragt. Aber ich habe es nicht getan. Dafür habe ich mir Gedanken gemacht.

Er hatte kein neues und zusätzliches Gold dabei, aber wohl vieles andere, das vielleicht auf der einen Seite ganz armselig und auf der anderen Seite doch so kostbar ist, weil es etwas zu tiefst persönliches ist, wo die Hoffnung angefragt ist. Vielleicht war es das, was jemand einmal so formuliert hat. 

Meine engen Grenzen, meine kurze Sicht bringe ich vor dich.
Wandle sie in Weite, Herr, erbarme dich.

Meine ganze Ohnmacht, was mich beugt und lähmt, bringe ich vor dich.
Wandle sie in Stärke, Herr, erbarme dich.

Mein verlornes Zutraun, meine Ängstlichkeit bringe ich vor dich.
Wandle sie in Wärme, Herr, erbarme dich.

Meine tiefe Sehnsucht nach Geborgenheit bringe ich vor dich.
Wandle sie in Heimat, Herr, erbarme dich.

Von den Dreikönigen heißt es: Dann holten sie ihre Schätze hervor und brachten ihm Gold Weihrauch und Myrrhe dar. Und wahrscheinlich vieles andere mehr. Möge unser Hoffen und Suchen in diesem neuen Jahr unter einem guten Stern stehen!

 


Neujahr 2014

Benediktinerabtei zum Heiligen Kreuz                              01. Januar 2014
Kloster Scheyern

Einleitung:
Wenn sich Menschen heute begegnen, dann wünschen sie sich ein gutes neues Jahr. Das möchte ich jetzt am Anfang dieses Gottesdienstes auch tun, Ihnen und Ihren Familien von ganzem Herzen ein gutes neues Jahr wünschen!

Wie das Gute und gut Gewünschte aussehen könnte, ist ganz verschieden. Es hat etwas damit zu tun, wie wir unser Leben leben und führen können. Es hat etwas damit zutun, ob wir uns geborgen fühlen und getragen wissen von Gott, aber auch von Menschen, mit denen wir zusammenleben. So bitten wir den, der unser Leben trägt und lenkt, um seine Hilfe und um sein Erbarmen am Anfang dieses Jahres und dieses Gottesdienstes.

 

Predigt von Abt Markus Eller OSB

Neujahr 2014                                                 L: Num 6,22-27 
                                                                       Ev: Lk 2,16-21

Liebe Schwestern und Brüder!

Ein kleines unscheinbares Stück Papier, das zusammengerollt oder zusammengefaltet ist, kann die Aufmerksamkeit, ja sogar die Begehrlichkeit von uns Menschen wecken, wenn es sich dabei um ein Los handelt, das verkauft oder auch verschenkt wird. So ein kleines Stück Papier verheißt dann Glück in Form eines Gewinnes. Jeder von uns kennt solche Lose, und wir kennen auch das spannende Gefühl, so ein Los zu öffnen, um dann zu erfahren, ob man gewonnen hat oder nicht.

Lose sind aber nicht nur eine Sache des Spiels oder des professionellen Glücksspiels, sondernd das Los steht auch für das Geschick und für die Zukunft von uns Menschen. Auch jeder Menschen Seele Los fällt Herr von Deinen Händen, und was da birgt der Zeiten Schoß, du lenkst es aller Enden. (GL 560/3)  So heißt es in einem unserer Kirchenlieder.

Manche Menschen sagen auch, das Leben ist wie eine Lotterie und sie träumen dabei davon das so genannte große Los zu ziehen. Das große Los nicht nur in der Form eines vielleicht großen Geldgewinns, sondern auch in Bezug auf die Rahmenbedingungen, den Verlauf und die Ge­staltung ihres Lebens. Wie das aber bei einer Tombola oder auch bei der Lotterie so ist, man spielt nicht allein, sondern viele spielen mit. Es kann dann leicht der Eindruck entstehen, der Nachbar, der fröhliche, der erfolgreiche, habe das viel bessere Los bekommen.

Als Seelsorger lernt man nicht nur ganz verschiedene Menschen kennen, sondern man erfährt auch von ganz verschiedenen Lebensgeschichten und Lebensgeschicken, weil uns manchmal auch ein Einblick hinter die Kulissen gewährt wird.

Jede Lebensgeschichte ist anders, aber unter all den Menschen war keiner dabei, mit dem großen Los, dem makellosen Glück. Irgendetwas hatten alle, irgendein Missgeschick, eine Last, eine Wunde… Auch die „Großen und Erfolgreichen“ unserer Welt sind davon betroffen. Das Los und das Schicksal der Familie Schuhmacher bewegen in diesen Tagen viele Menschen. Nicht beim Formel-1- Fahren kam es zu diesem Unfall, sondern beim Skifahren, einer Sportart, einer Freizeitbeschäftigung, der so viele Menschen nachgehen.

Mein Heimatpfarrer sagte immer: „Unter jedem Dach ist ein Ach“. Heute weiß ich, wie er das gemeint und was er damit gemeint hat. Ich habe Menschen kennengelernt, die sind bei allem Leid oder Missgeschick doch glückliche und fröhliche Menschen geblieben. Andere haben resigniert, wenn es schwierig wurde, wenn etwas schief gegangen ist.

Erstaunlicherweise hatten manche sehr Ähnliches, wenn man das einmal so vereinfacht sagen darf, erlebt oder auch durchgemacht, aber die Menschen haben ganz unterschiedlich darauf reagiert. Die Lose der Menschen sind gar nicht so verschieden, wie man vielleicht denken mag. Der Unterschied liegt im „Wie?“. Wie nehmen Menschen ihr Los an? Wie sehen Menschen ihr Geschick, die auch Schicksalsschläge sein können?

Heute am Anfang, am ersten Tag eines neuen Jahres hört man neben all den guten Wünschen für dieses neue Jahr auch die Frage: Was es wohl bringen wird, dieses neue Jahr? Es ist die Frage nach unserem Los, nach unserem Geschick. Es ist auch die Frage danach, wie ich mit all dem umgehen kann und umgehen werde, was da auf mich zukommt.

In jener Zeit eilten die Hirten nach Bethlehem und fanden Maria und Josef und das Kind, das in der Krippe lag. Als sie es sahen, erzählten sie, was ihnen über dieses Kind gesagt worden war. Und alle staunten über die Worte der Hirten. So haben wir gerade im Evangelium gehört. Es ist der Ausschnitt aus der Lebensgeschichte von Menschen. Bei dem, wie es formuliert ist, – und alle staunten über das, was über dieses Kind gesagt worden ist – könnte man fast meinen, diese Familie hat das große Los gezogen. Aber dass es sich dabei auch nicht um das makellose Glück handelte, das wissen wir nur allzu gut.

Wie sind diese Menschen mit ihrem Los, mit ihrem Schicksal umgegangen? In dem kurzen Evangelienabschnitt war auch ein Hinweis, wie Maria es versucht hat oder versucht haben könnte. In der Tradition unseres Glaubens wird Maria von vielen Menschen als Vorbild angesehen. Sie ist eine Frau, die ihr Geschick nicht einfach nur angenommen hat, sondern die mit ihrem Geschick auch umgegangen ist. Als „Frau aus dem Volke“ (GL 595/3) wird sie vielleicht gerade deshalb besungen, weil sich Menschen in ihrem Los und Schicksal wiederfinden und sich ihr mit den eigenen Sorgen und Nöten, mit ihrem Glück aber auch mit ihren Schicksalsschlägen im Gebet anvertrauen.

Maria aber bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen und dachte darüber nach. Das ist der Hinweis, den ich meine. Nachdenken, das ist kein passives, sondern ein sehr aktives Verhalten. Es ist der Anfang und der Versuch des Umgehens, über den Moment hinaus oder auch in größeren Zusammenhängen zu denken.

Was wird es bringen das neue Jahr? Welches Los hält es für mich bereit? Diese Frage geht Menschen heute durch den Kopf, vielleicht auch Ihnen. Mir ist schon bewusst: Vieles können wir nicht machen, vieles ist vorgegeben. Die Statistik gilt nicht nur rückwärtsgewandt, sondern auch nach vorne. Sie sagt oft sehr genau, womit man rechnen muss, auf was man sich einstellen sollte. Ja, vieles können wir nicht machen, aber es liegt in unserer Hand, was wir aus dem Vorgegebenen machen.

Liebe Schwestern und Brüder, ich möchte schließen mit einem Text, der uns dazu einlädt so zu denken. Er ist überschrieben mit den Worten: Entgegen der Statistik.

Wie lange ich wohl noch lebe, habe ich mich oft gefragt
und die Jahre gezählt, die mir die Statistik noch lässt.

Wie lange ich noch lebe, habe ich mich oft gefragt
und gehofft und gebetet, dass ich gesund bleibe.

Doch viel wichtiger als „wie lange“ ist mir heute die Frage:
Lebe ich überhaupt oder zähle ich nur die Jahre?

Ein gutes neues Jahr!


Fest des hl. Stephanus 2013

Benediktinerabtei zum Heiligen Kreuz                              26. Dezember 2013
Kloster Scheyern

Predigt von Abt Markus Eller OSB

Fest des hl. Stephanus 2013                        L:   Apg6,8-10;7.54-60
                                                                     Ev: Mt 10,17-22

Liebe Schwestern und Brüder!

Verherrlicht ist Gott in der Höhe, und auf Erden ist Friede bei den Menschen seiner Gnade! So lautete die Botschaft der Engel in der Heiligen Nacht. Damit wir es nicht vergessen, findet sich diese Botschaft als Schriftzug über so mancher Krippe: „Gloria in excelsis Deo!“.
Die Botschaft von Weihnachten: Gott wird Mensch, damit Friede und Freude auf der Erde herrschen kann, damit Friede und Freude immer wieder eine neue Chance haben. Eigentlich ist das eine sehr schöne Botschaft, eine sehr verheißungsvolle Botschaft, die die Sehnsucht von uns Menschen aufgreift. Wer von uns sehnt sich nicht nach dem Frieden in der kleinen und in der großen Welt? Wer von uns sehnt sich nicht nach Freude in der kleinen und in der großen Welt?

Es ist für mich, für Sie vielleicht manchmal auch, eine Frage, woran es liegen könnte, dass die Botschaft der Liebe, für die Gott in Jesus Mensch geworden ist, so schnell wieder verfliegt, warum sie nicht nur auf Zustimmung, sondern auch auf Ablehnung und sogar auf Hass stößt? Warum bewirkt die Verkündigung Jesu nicht tiefere Frömmigkeit, sondern auch Herzenshärte einer neuen Gesetzlichkeit?

Schon einen Tag nach Weihnachten, am Fest des Heiligen Stephanus, hören wir Jesus in dem Evangelienabschnitt, der uns gerade vorgetragen wurde, selber sagen, dass Menschen, die sich zu ihm bekennen, damit rechnen müssen, sein Schicksal der Ablehnung teilen zu müssen.

Diese so schöne Botschaft von Weihnachten hat ganz konkrete und ganz vielfältige Auswirkungen, an denen sich Menschen auch reiben können. Manches ist sogar in unseren Weihnachtslieder versteckt: Gott und der Sünder, die sollen zu Freunden nun werden. Sehet die Liebe, die endlich als Liebe sich zeiget. Gott wird ein Kind, träget und hebet die Sünd. Alles anbetet und schweiget. (GL 144)

Die Botschaft von Weihnachten spricht auch von einer neuen Chance, sie spricht uns zu, dass wir noch einmal zu leben beginnen dürfen, weil Gott nichts anderes will als unser Glück. Manchmal dürfen wir neu beginnen und manchmal müssen wir neu beginnen. Das kann unter Umständen auch nicht sehr einfach sein und auf Widerstand stoßen. Gott und der Sünder, die sollen zu Freunden nun werden!

Oft genug erleben wir auch eine „erwachsene Welt“ und wir leben auch in ihr. Eine Welt, in der es nicht unbedingt darum geht, noch einmal neu zu werden, neu zu beginnen, sondern darum, vorwärts zu kommen und damit auch hart und praktikabel zu werden, um sich durchsetzen zu können. Das gibt es nicht nur im wirtschaftlichen Bereich, sondern das gibt es auch im religiösen Bereich.

So ist dieser Stephanus zwischen die Fronten und schließlich unter die Räder geraten. Es wird über ihn gesagt, dass er mit Geist und Weisheit gesprochen hat, der man nicht widerstehen konnte, aber auch dass er ein Mann der Tat gewesen ist. Dieser Stephanus gehörte zu den sieben Diakonen, die zum Dienst an den Tischen bestellt wurden. Man könnte auch sagen, dass er ein Mann der Basis gewesen ist, der durch seine Erfahrungen etwas zu sagen hatte.

Es ist immer die Frage, wie weit die Liebe, die in der Botschaft von Weihnachten gründet und ihre Wurzeln hat, gehen kann und wie weit sie gehen muss. Es ist eine Frage geblieben bis heute, weil sie sich immer neu stellt.

Das merken wir auch in der Gemeinschaft der Kirche. Manchmal greifen das auch die Medien auf. So wurde gerade in den Medien mit Spannung darauf gewartet, was Papst Franziskus sagt. Jetzt wissen wir es. Aber was machen wir damit, dass er sich für die Armen dieser Welt einsetzt?
Vielleicht ist es Ihnen aufgefallen, dass die Kommentatoren in den Berichten auch betont haben: Anders als seine Vorgänger. Es sollte eigentlich nicht um ein gegenseitiges Ausspielen gehen, sondern mehr darum das Bewusstsein wach zu halten für die Frage: Wie weit kann Liebe gehen und wie weit muss Liebe gehen?
Liebe aber ist nicht nur schön, sondern Liebe fordert auch heraus und zwar immer neu.

Stephanus stand in einer Spannung zwischen der Theorie und der Praxis, in der Spannung zwischen Himmel und Erde. Das ist eine Spannung, in der wir als Christen bis heute noch stehen. So möchte ich schließen mit einem Gebet, das um dieses ständige und immer neue Ringen weiß:

Herr, gib uns Treue zur gegenwärtigen und zur kommenden Welt.
Lass uns mit einem Ohr auf die Welt hören und mit dem anderen auf dich.
Lass es in uns zur schöpferischen Begegnung dieser beiden Formen der Treue kommen
durch die Kraft des Geistes in einem bescheidenen Herzen.

Amen. Halleluja.





Hochfest der Geburt des Herrn

Benediktinerabtei zum Heiligen Kreuz                              25. Dezember 2013
Kloster Scheyern

Predigt von Abt Markus Eller OSB

Weihnachten 2013       

Es ist gut ein Mensch zu sein!

Liebe Schwestern und Brüder!
Frohe Weihnachten und ein gutes neues Jahr, so lauten die fast standardisierten guten Wünsche, die in den vergangenen Tagen um die Welt und damit zu vielen Menschen gingen und gelangten. Weihnachten liegt am Ende eines Kalenderjahres und so manchen guten Wünschen zu diesem Weihnachtsfest und zum neuen Jahr ist oft ein kleiner Rückblick über das zu Ende gehenden Jahr beigelegt. Jedenfalls habe ich das so gemacht.
Rückblicke ganz verschiedener Art werden in diesen Tagen angestellt. Seit 1972 gibt es auch einen sprachlichen Rückblick, der von der Gesellschaft für deutsche Sprache angestellt und in dem das sog. Wort des Jahres veröffentlicht wird. Dabei werden Wörter ausgewählt, die die öffentliche Diskussion des betreffenden Jahres bestimmt haben. Worte, die für ein wichtiges Thema stehen oder sonst als charakteristisch erscheinen.
Vielleicht haben sie es vor etwa zwei Wochen gelesen oder gehört, was zum Wort des Jahrs 2013 erkoren worden ist: GroKo. Wie? Ja, ein seltsames Wort, weil gar kein „richtiges Wort“, sondern ein Kunstgebilde oder ein Kürzel für die große Koalition, die auch kurz vor Weihnachten eben nach langen Verhandlungen in diesem Wahljahr zustande gekommen ist.
In der Erläuterung stand auch zu lesen, dass der bewusste Anklang zu Kroko, also Krokodil, für die wohl zu erwartenden Spannungen in diesem politischen Gebilde nicht unbeabsichtigt sind. Wort des Jahres!
An Weihnachten geht es auch um ein Wort, auch wenn das nicht immer herauszuhören ist oder wahrgenommen wird. Es geht um das lebendige Wort, es geht um das Wort, das Fleisch geworden ist und das unter den Menschen gewohnt hat. So haben wir es gerade im Evangelium nach Johannes gehört. Es geht eigentlich um das, was dieser großen Koalition noch bevorsteht, nämlich ob den Worten vor der Wahl nun die Taten nach der Wahl folgen.
Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt. Welches Wort könnte damit gemeint sein oder welches Wort könnten Sie sich vorstellen, das da Fleisch, also Wirklichkeit geworden ist?
Im Buch Genesis heißt es: Dann sprach Gott: Lasst uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich. Sie sollen herrschen über die ganze Erde. Gott schuf also den Menschen als sein Abbild. Gott sah alles an, was er gemacht hatte. Es war sehr gut!
Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt. In Jesus Christus hat sich Gott für den Menschen ausgesprochen! Er hat damit bekräftigt, was da am Anfang der Schöpfung formuliert war und formuliert ist. Es ist gut ein Mensch zu sein! Das steht eigentlich hinter diesem ganzen Rummel, der jedes Jahr im Vorfeld dieses Festes veranstaltet wird, damit wir uns in diesen Tagen auf irgendeine und in vielfältiger Weise sagen können: Es ist gut, dass es dich gibt. Es ist schön, dass du da bist. Oder noch einmal anders: Schön, dass du geboren bist, wir hätten dich sonst sehr vermisst.
Liebe Schwestern und Brüder, das wäre eigentlich eine GroKo, eine große Koalition. Das ist eine große Koalition, ein Zusammenschluss von Menschen über alle Grenzen von Nationen und Religionen, von Herkunft, Stand und Lebensalter hinweg. Ein Zusammenschluss von Menschen, die keinen ausgefeilten Vertrag brauchen, sondern eigentlich nur die Bereitschaft, miteinander so zu leben und so umzugehen, also Menschen guten Willens zu sein!
An Weihnachten geben wir uns dabei große Mühe. An Weihnachten gelingt uns das wenigstens ein Stück weit. An Weihnachten gelingt uns das ansatzweise und zeitweise, zu leben und zu spüren: Es ist gut ein Mensch zu sein! Zugleich merken wir auf der anderen Seite oft sehr schmerzlich, wenn das nicht so ist oder wo das nicht so ist.  
Der Ehrlichkeit halber muss ich hier an dieser Stelle einfügen, dass in diesem Jahr die Gemeinschaft der Kirche selber dazu beigetragen hat, in der öffentlichen Diskussion zu sein. Auf Platz zwei beim Wort des Jahres 2013 steht der Begriff des „Protz-Bischof“. Ich denke, ich muss dazu nicht mehr sagen.
Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt. Es ist gut ein Mensch zu sein. Das ist nicht nur einfach, das ist nicht nur und auch nicht immer schön, weil der Mensch eben auch Fehler hat und Fehler macht. Als große Koalition von Menschen guten Willens können und müssen wir auch damit umgehen, weil es trotzdem gut ist, ein Menschen zu sein.
Liebe Schwestern und Brüder! Zum Schluss eine ganz kurze Weihnachtsgeschichte, auch wenn sie sich nicht gleich so anhört. Ein junger Mann kommt zu einem Rabbi mit der Frage: „Was kann ich tun, um die Welt zu retten?“ Der Weise antwortet darauf: „So viel, wie du dazu beitragen kannst, dass morgens die Sonne aufgeht.“ - Darauf der junge Mann: „Aber was nützen dann all meine Gebete und meine guten Taten?“ - Der Rabbi: „Sie helfen dir, wach zu sein, wenn die Sonne aufgeht.“
Ich lag in tiefster Todesnacht, du warest meine Sonne. Die Sonne, die mir zugebracht, Licht, Leben, Freud und Wonne. O Sonne, die das werte Licht des Glaubens in mir zugericht, wie schön sind deine Strahlen. (GL 141/3 )

Es ist gut ein Mensch zu sein! Frohe Weihnachten und ein gutes neues Jahr!


Heilige Nacht 2013

Benediktinerabtei zum Heiligen Kreuz                              24. Dezember 2013
Kloster Scheyern

Predigt von Abt Markus Eller OSB

 

Die Macht der Wünsche                    

Liebe Schwestern und Brüder!

Nie wird so viel Hoffnung in Briefumschläge gesteckt wie zur Weihnachtszeit. In den letzten Tagen habe ich voller Interesse und auch mit einem gewissen Vergnügen einen Artikel (Münchner Merkur) über Wunschzettel gelesen. Jemand hatte Menschen nach ihren Wunschzetteln gefragt und dabei festgestellt, dass es nicht nur die aktuellen Wunschzettel gibt, die im Hinblick auf dieses Weihnachtsfest bearbeitet werden bzw. wurden, sondern, dass so mancher dieser Wunschzettel aus Kindertagen auch aufgehoben wurde.

Der älteste Wunschzettel, der auf diese Weise zum Vorschein kam, stammte aus dem Jahr 1922 und hört sich im Vergleich zu manch Exemplar aus unseren Tagen wohl recht bescheiden an. Damals wünschte sich ein „folgsamer Hansi“, wie er sich selbst betitelte, einen Malkasten und einen „Bapp“, also einen Kleber, dazu vielleicht noch ein Spiel oder eine kleine Überraschung. Wunschzettel von 1922!
Es wurde auch von einem Buben berichtet, der zwar volles Vertrauen in das Christkind hatte, aber weniger in die Post, denn er schrieb gleich fünf solche Wunschzettel, in der Hoffnung, dass wenigstens einer davon ankomme.

Dieser Artikel, von dem ich Ihnen gerade erzählt habe, war überschrieben mit den Worten: Die Macht der Wünsche! Ja, nie werden so viele Wünsche formuliert, wie in dieser Zeit, und nie haben sie mehr Macht, als in diesen Tagen.
„Es gibt Wünsche, die sind zeitlos, einige sind leicht zu erfüllen, die einen kosten viel, andere kosten gar kein Geld. Aber die Lieblingswünsche des Christkinds sind die, die direkt ins Herz gehen.“ So stand es am Anfang dieses Artikels. Vielleicht ist dieser Satz auch ein Schlüssel dazu, warum Wünsche so viel Macht haben können, nämlich weil sie zu Herzen gehen.

Die Macht der Wünsche! Liebe Schwestern und Brüder, wir begehen jetzt miteinander die Nacht der Wünsche. Es ist eine Nacht, in der viele Wünsche in Erfüllung gegangen sind (Ich hoffe, Sie gehören zu den Glücklichen!), es ist aber auch die Nacht, in der so mancher Wunsch enttäuscht oder offen geblieben ist.(Das ist mir durchaus bewusst!)
So betrachtet, ist der Abschnitt aus dem Lukasevangelium, der uns in dieser Nacht immer vorgetragen wird, eigentlich auch eine Geschichte von Wünschen. Es ist eine Geschichte voller Wünsche. Vielleicht fällt uns das gar nicht mehr auf, nicht unbedingt, weil diese Geschichte so bekannt wäre, sondern weil sie einfach dazu gehört.

Die Geschichte, wie sie uns der Evangelist Lukas überliefert, kennt viele Wünsche. Da ist der Wunsch des Kaisers Augustus, das Volk in Steuerlisten einzutragen. Er hatte wohl die Macht und die Kraft dazu, diesen Wunsch in die Tat umzusetzen oder durchzusetzen.  
Da ist der Wunsch von zwei Menschen nach einer Unterkunft, nach einer Herberge, der gründlich enttäuscht wurde.
Da sind die Wünsche, die der Engel verkündet. Fürchtet Euch nicht, denn ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteil werden soll. Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren. Und: Verherrlicht ist Gott in der Höhe, und auf Erden ist Friede bei den Menschen seiner Gnade. Diese Wünsche sind eigentlich noch offen. Sie sind offen bis heute und sie sind offen für uns.

Das Christkind, das der Adressat so vieler Wünsche ist, hat auch Wünsche für uns, die zugleich Wünsche an uns sind. Diese Wünsche lassen sich mit zwei Worten zusammenfassen: Friede und Freude. Wir alle aber wissen nur allzu gut, dass das weit mehr ist, als diese beiden Begriffe.

Die Macht der Wünsche! In dem bereits erwähnten Artikel wurde auch beschrieben, dass die Wünsche sehr präzise sind und, dass Kinder dabei alles aufwenden, um ihren Wunsch eindeutig zu machen und dabei jedes Missverständnis ausschließen wollen. So findet sich auch manch aufgeklebtes Bild oder sogar eine Zeichnung auf einem Wunschzettel. Ein 13-jähriger hat es dem Christkind leichter gemacht, die Weihnachtsgeschenke zu finden, indem er die entsprechende ebay-Nummer und die einschlägigen Internet-Links angegeben hat, damit das Christkind die gewünschten Objekte bequem von zu Hause besorgen kann. Nie wird so viel Hoffnung in Briefumschläge gesteckt wie zur Weihnachtszeit!

Liebe Schwestern und Brüder, ich habe einen Text gefunden, der so ein Wunschzettel des Christuskindes an uns sein könnte. Es ist ein Text, der die Wünsche durchaus präzisiert und dabei noch genug Spielraum lässt, für die Verschiedenartigkeit und Vielfältigkeit des menschlichen Lebens.

Weihnachten mache dich weit wie ein Meer, weil ich auch für dich geboren bin.
Weihnachten mache dich froh wie ein Kind, denn Gottes Liebe wurde offenbar.
Weihnachten mache dich hell, denn sein Licht zeigt auch dir, wie du anders kannst werden.
Weihnachten mache dich reich, denn Gott gibt dir Kraft und Mut, Hoffnung und inneren Frieden.
Weihnachten mache dich gut, dann werde ich, der Herr, Tag für Tag dich begleiten und segnen.


Die Macht der Wünsche! Es gehört auch zur Botschaft von der Menschenwerdung Gottes, dass wir nie aufhören, an diese Macht der Wünsche zu glauben, weil sie die Macht haben in die Herzen der Menschen zu gehen und sie zu verändern.
So wünsche ich uns allen viele Wünsche und gute Wünsche: Gesegnete Weihnacht!


Hl. Kreuzfest im September 2013

Benediktinerabtei zum Heiligen Kreuz        So | 15. September 2013 |9.30 Uhr
Kloster Scheyern

Predigt von Bischof Dr. Gregor Maria Hanke OSB
Bischof von Eichstätt

Liebe Schwestern und Brüder!


Am Berg weitet sich der Horizont

„Der Berg ruft!“ Im südlichen Bayern ist diese Redewendung nicht unbekannt.
Alljährlich lassen sich zahlreiche Menschen von diesem Motto leiten. Im Gebirge oder Mittelgebirge verbringen  sie Tage der Erholung, um Höhen und Gipfel zu ersteigen. Bergeshöhen ziehen den Menschen an. Faszinierend und manchmal Furcht einflößend können sie sein. Sie geben dem Mensch das Gefühl, sich über den Alltag zu erheben. Der Horizont weitet sich auf dem Berg.

Die Älteren unter Ihnen werden zurückdenken an frühere Jahre, als es noch möglich war, Spaziergänge oder Wanderungen auf Anhöhen oder auf Gebirgshöhen zu unternehmen, um dort die Aussicht zu genießen, während dies heute die nachlassende körperliche Konstitution nicht mehr erlaubt. Schon das Treppensteigen kann im Alter beschwerlich sein.



Höhen des Erfolges

„Der Berg ruft!“ Dieses Motto ist für nicht wenige Menschen ein Leitmotiv der Gestaltung ihres Lebensweges. Nicht von den Gipfeln in der Landschaft fühlen sie sich gerufen, sondern von Gipfeln des Erfolgs, des Ansehens und auch des Verdienstes und Verdienens. Beschwerlichste Wege nehmen Menschen für solche Gipfel in Kauf. Hoch hinaus, immer größer, immer besser, immer mehr, immer angesehener! Die Lebenswege sollen auf die Gipfel der Superlative führen! Ist der Mensch vom Wesen her doch ein Gipfelstürmer?!

Gipfelkreuze erinnern an Kreuz Jesu

Auf vielen Gebirgsgipfeln sowie Anhöhen unserer Gegend finden sich Kreuze. Sie erinnern an das Kreuz Christi auf der Höhe von Golgotha, an den Höhen-Weg des Herrn, der zum Gipfel der Liebe Gottes führt. Vom Kreuz Christi leuchtet die Wahrheit auf, dass in Gottes Augen allein der Weg Christi den Menschen zu wahrer Erhöhung führt. Wie dringend müssten die Menschen dem Zeichen des Kreuzes auf den Gipfeln ihres Erfolgs begegnen, damit sie nicht die Orientierung verlieren.

Der Höhen-Weg Jesu bis hinauf nach Golgotha steht freilich im Kontrast, ja im Widerspruch zu den Höhenwegen, die sich der Mensch als Lebensweg aussucht.

Der Höhenweg Jesu

Jesu Höhenweg führt über den Berg der Seligpreisungen: Selig seid ihr Friedfertigen, ihr Armen im Geiste, ihr Trauernden. Der Höhenweg Jesu bis nach Golgotha führt über den Berg des einsamen Betens Jesu, dann weiter zum Berg der Verklärung, auf dem die Jünger erstmals schauen, wer ihr Meister wirklich ist, und dass er gekommen für das schmerzvolle Kreuz und vor allem für die Auferstehung. Schließlich mündet der Weg Jesu ein zum Felsen von Golgotha. Christi Kreuz auf Golgotha ist nach der Logik der Welt schreckliche Endstation eines Lebens, elendes Scheitern, brutale Vernichtung eines Menschen.


Das Kreuz: Gipfeltreffen von Gut und Böse


In der Logik Gottes wird das Kreuz Ort des bedeutendsten Gipfeltreffens der Geschichte. Am Kreuz von Golgotha trifft Gott in Jesus auf den leidenden Menschen und umarmt das Leid der Welt, macht es sich zueigen. Am Kreuz von Golgotha öffnet Gott der Sünde der Welt, dem Hass und der Vernichtungswut sein liebendes Herz.
Wie viele Gipfeltreffen mit Glanz und Gloria, aber ohne Wirkung oder Erfolg hat die Weltgeschichte aufzuweisen. Am Kreuz von Golgotha begegnet Gott dem Dunkel mit der Liebeskraft seines Herzens. Der Gipfel der Liebe umfängt den Gipfel der Sünde und Bosheit und erschließt darin dem Menschen Heil.

Wahre Kreuzverehrung

Deshalb verehren wir Christen das Kreuz Christi. Wir wissen aber auch, dass nur diejenigen wahrhaft das Kreuz verehren, die sich auf den Gipfelweg Jesu begeben. Jesus spricht im heutigen Evangelium (Mt 16,24) aus, was wahre Verehrung des Kreuzes Christi ist. Wer sein Kreuz nicht auf sich nimmt und ihm, dem Herrn, auf seinem Weg nicht nachfolgt, ist seiner nicht wert. Jünger Jesu kann man nur sein, wenn man das Kreuz trägt und den Weg mit Jesus geht.

In unserer Frömmigkeitsvorstellung herrscht vielleicht eine etwas andere Logik vor. Wir sagen uns: Du musst beten, du musst Glauben an Jesus haben, dann wird dir als Frucht dieser Haltung die Kraft geschenkt, dein Kreuz zu tragen.

Nachfolge ist Kreuztragen

Jesus ist radikaler: Nein, du kannst überhaupt nicht mit mir gehen, wenn du nicht schon dein Kreuz auf der Schulter hast. Du musst zupacken, Dich Deinem Kreuz stellen. Das ist bereits der Beginn des Weges mit Jesus.

Es ängstigt, sich an sein Kreuz zu binden! Wie kann der Herr so Schweres verlangen, fragen wir. Sprechen wir nicht vom „lieben Gott“? Der Mensch, den er geschaffen hat, ist auf Glück und Seligkeit angelegt. Unsere mediale Umgebung will uns beweisen, dass die Sehnsucht im Hier Erfüllung finden kann. Im Fernsehen, in der Werbung, aus der Welt der Stars strahlen uns scheinbar glückliche, erfolgreiche Menschen an.

Kreuzungen gehören zum Leben


Viele Menschen denken, der Weg ins Glück beginne für sie dort, wo das Raue, Harte und Schmerzliche vermieden, ausgeschlossen oder weggeschoben wird, wo es notfalls totgeschwiegen wird. Opfer zu bringen sind sie allenfalls bereit für ihre Gesundheit, für Fitness und Freizeithobbys.

In diese kuschelige Denke einer nach Glück hungernden Gesellschaft bricht das Wort Jesu in seiner Nüchternheit ein: Wer nicht sein Kreuz trägt, kann mein Jünger nicht sein. Jede und jeder von uns kennt die Lebenskreuze.
Wie gerne möchten wir davonlaufen von unseren Kreuzen, oder wir machen andere dafür verantwortlich, wir hadern mit Gott wegen unserer Kreuze. Aber ein kreuzungsfreies Leben gibt es nicht. Durchkreuzungen gehören zum Wegenetz des Lebens.


Das Kreuz ist nur in der Nachfolge tragbar


Achten wir genau auf den Wortlaut des Evangeliums. Der Herr spricht nicht wie ein Schulmeister, dessen mahnende Worte Disziplin und Ordnung unter den Kindern herstellen möchten. Jesus ruft uns nicht auf, das Kreuz zu tragen, damit Gott vor uns seine Ruhe hat. Jesus ruft auf, das Kreuz auf sich zu nehmen und IHM nach zu gehen.

Die Aufforderung alleine, das Kreuz oder die Kreuze des Lebens auf sich zu nehmen, würde keinen Sinn ergeben, würde den Menschen überfordern und ihn unter dem Kreuz zusammenbrechen lassen. Die Sinnspitze des Wortes Jesu besagt, dass wir das Kreuz auf den Weg Jesu tragen sollen. Jesus lädt uns ein, das Kreuz zu ergreifen und dem Kreuz tragenden Herrn nachzufolgen.

Das Kreuz verwandelt

Kreuze in der Musik verändern den Ton, sie erhöhen. Lebenskreuze, die dem Herrn nachgetragen werden, verwandeln auch etwas im Leben. Sagt doch der Herr von sich: ich bin der Weg! Er ist der Weg des Menschen schlechthin, weil er den Menschen an das wahre Ziel des Lebens führt.

Denn Jesus, der Herr, ist der unüberbietbare und einzigartige Weg vom Vater in die Welt, zu den Menschen, und von den Menschen wieder heim zum Vater.
Jesu Sendung ist es, Weg der Liebe Gottes aus dem Inneren des Vaters in die irdische Wirklichkeit zu sein. Er bindet die Welt an die Liebe Gottes. Er ist Brückenbauer, von Gott zum Mensch und vom Mensch zu Gott! Jesu offenes Herz steht als Einladung an den Menschen, sich auf diesen Weg einzulassen. Dabei darf das Lebenskreuz des Menschen nicht fehlen. Führt uns doch dieser Weg auf die Höhe, zum Gipfel der Liebe Gottes.
 
Das Kreuz Jesu ist Wegkreuzung

Das Kreuz des Herrn ist Wegkreuzung. Im Kreuz Christi durchkreuzen sich Wege: der Weg der unüberbietbaren Liebe Gottes zum Menschen und der Weg der Welt, der in Sünde, in Verweigerung von Liebe, ja in Hass einmünden kann. Wir tragen ihm unsere Kreuze nach, damit auch sie zu Kreuzungen werden, an denen der Mensch einbiegen kann in den Weg der größeren Liebe Gottes.

Liebe Schwestern und Brüder, meist tun wir uns schwer unter unseren Kreuzen. Sie geben uns Anlass zur Klage bei Gott und bei Mitmenschen. Nehmen wir indes die Worte des Evangeliums ernst und schwenken mit unseren Kreuzen auf Jesu Weg ein, bietet das eigene Kreuz die Chance zur Verwandlung. Was zunächst äußerlich herb und bitter, ja oft tragisch erscheint, will mich einweisen in die größere Liebe. Es sind dann gerade meine persönlichen Kreuze, die mich zu jenen Gipfeltreffen befähigen, in denen sich Gottes Liebe und die Schwachheit des Menschen wirklich berühren.

Das Kreuz beschenkt


Die heilige Anna Schäffer von Mindelstetten, die ihre schwere und lebenslängliche Krankheit als ihr Kreuz auf sich nahm und auf dem Krankenbett als Jüngerin dem Herrn hinterher trug, legt in unserer Heimat Zeugnis von der verwandelnden Kraft des Kreuzes ab, das auf dem Weg Jesu getragen wird. Dazu muss man nicht studieren, nicht besonders begabt sein und auch nicht begnadet erscheinen, sondern nur auf das Wort des Herrn vertrauen. Nimm dein Kreuz auf dich und folge mir auf meinem Gipfelweg! Mein Kreuz beschenkt dich reich.

Der Psalmist betet in Psalm 24: „Wer darf hinaufziehen zum Berg des Herrn? Wer darf stehen an seiner heiligen Stätte?“ Zugleich verheißt der Psalmist demjenigen Segen vom Herrn, der sich lauteren Herzens auf diesen Weg begibt.

Liebe Schwestern und Brüder, der Berg ruft, der Berg des Herrn mit Christi Kreuz ruft! Folgen wir mit unseren Kreuzen, Mühen und Lasten dem Herrn auf seinem Weg, damit wir uns als seine Jüngergemeinde erweisen. Auf diesem Weg laufen wir in die Liebe Gottes hinein.

Amen.


Pfingsten 2013

Benediktinerabtei zum Heiligen Kreuz                                  19. Mai 2013
Kloster Scheyern

Predigt von Abt Markus Eller OSB

 

                                                                                  L:  Apg 2,1-11

„Darf's ein bisschen mehr sein?“                            Ev: Joh 20,19-23

Liebe Schwestern und Brüder!

Es gibt Orte und Situationen, die mit Aussprüchen und Sätzen so verbunden und verknüpft sind, dass sie als typisch bezeichnet werden können. Der Ort, den ich meine, wird Sie heute wahrscheinlich etwas verwundern oder auch überraschen, aber Sie werden ihn sofort erkennen, wenn ich Ihnen den Satz sage, nämlich: Darf’s ein bisschen mehr sein?

Mit diesem Satz werden Sie sich in Gedanken sofort in eine Metzgerei versetzt fühlen und Sie wissen auch, wie er dort gemeint ist.

 Darf’s ein bisschen mehr sein? Das ist nicht nur ein typischer Satz, sondern es ist auch ein treffender Satz.

Mich führen dieser Satz und diese Verbindung zurück an den Ort meiner ersten pastoralen Schritte, wo ich eine Metzgermeistergattin auf ihrem letzten Lebensabschnitt begleitet und schließlich auch beerdigt habe. In diesen Monaten habe ich viel über die Frau erfahren. Sie stand bis ins hohe Alter hinter der Ladentheke und sie war durchaus so etwas wie eine Institution, weil dort nämlich nicht nur Wurstwaren über die Theke gingen, sondern viel mehr. Viele Menschen kannten sie und schätzten sie. Denn so ganz beiläufig wurden beim Einkauf Dinge aus dem Leben besprochen und ausgetauscht, von denen manche Details sicher pikanter waren als die gerade gekauften Köstlichkeiten. Diese Frau wusste wahrscheinlich manchmal mehr als der Pfarrer. Es war nicht nur ein Austausch von Informationen und schon gar nicht Tratsch. Menschen haben sich dort auch ausgesprochen, weil sie Vertrauen hatten. Und die Frau wusste, dass ihr etwas anvertraut war. Darf’s ein bisschen mehr sein?

 Liebe Schwestern und Brüder, wir feiern heute fünfzig Tage nach Ostern das hohe Pfingstfest. Wir feiern es, weil es auch etwas mit der Frage zu tun hat: Darf’s ein bisschen mehr sein? Wir feiern Pfingsten in dem Bewusstsein, dass das eigentlich gar keine Frage ist: Es darf nicht nur ein bisschen mehr sein, sondern es muss auch ein bisschen mehr sein.

 Mit der Botschaft Jesu Christi und der Botschaft von Tod und Auferstehung Jesu Christi ist es nicht getan. Es braucht mehr. Es muss mehr sein. Es braucht Sprache und es braucht Gemeinschaft. Pfingsten ist ein Fest der Sprache und ein Fest der Gemeinschaft. In den Texten aus der Bibel, die wir heute gehört haben, klingen diese Themen an, die zu einem „Mehr“ des menschlichen Lebens gehören und führen.

 Der klassische Text ist der Abschnitt aus der Apostelgeschichte, bei dem so mancher Lektor ins Schwitzen kommt, weil ein Zungenbrecher nach dem anderen dasteht: Mesopotamien, Kappadozien, Phrygien um Pamphylien. Diese Apostelgeschichte erzählt davon, dass sich Menschen trotz aller Unterschiedlichkeit verstehen, denn jeder hörte sie in seiner Sprache reden.

 In seiner Sprache, das muss nicht unbedingt die Muttersprache sein oder die Sprachen, die er sprechen kann, sondern seine Sprache, das können auch die Themen sein, die einen Menschen beschäftigen und die Art und Weise, wie er damit umzugehen versucht. Es braucht auch Atmosphäre und es braucht Orte, wo bestimmte Dinge angesprochen und auch ausgesprochen werden dürfen - und sei es eine Metzgerei. Es gibt viele solcher Orte, wo es in diesem Sinne ein bisschen mehr sein darf.

Gemeinschaft der Kirche kann und soll ein solcher Ort und eine solche Atmosphäre sein, wo es ein bisschen mehr sein darf, wo jeder in seiner Sprache sprechen darf und wo jeder in seiner Sprache Gehör finden darf. Jesus hat seine Jünger dazu beauftragt und auch befähigt: Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Nachdem er das gesagt hatte hauchte er sie an und sprach zu ihnen: "Empfangt den heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben, wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert".

 

Liebe Schwestern und Brüder, ich weiß, damit habe ich einen weiteren Begriff genannt, der auf der einen Seite typische Verknüpfungen herstellt und der auf der anderen Seite für manche, für viele Menschen gar kein Thema mehr ist, nämlich Sünden. Sünde und Kirche.

Empfangt den heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben. Sünde und Kirche. Vergebung und Kirche. Wer darf denn das, wer kann denn das, Sünden vergeben? Eine Antwort auf diese Frage steht da: Empfangt den heiligen Geist!

 Vergebung ist nicht nur Sache von Beauftragten in der Kirche, sondern Vergebung ist Sache der Gemeinschaft der Kirche. Empfangt den heiligen Geist! Ich denke, zu Ihnen allen wurde das bei der Firmung gesagt: Sei besiegelt durch die Gabe Gottes, den heiligen Geist. Ich darf das ja oft zu Menschen bei der Firmung sagen. Also nicht nur die Beauftragten vergeben Sünden, sondern Sie alle können vergeben oder auch nicht. Im Vergeben dürfen wir aber an Jesus Maß nehmen.

 Darf’s ein bisschen mehr sein? Ja es darf ein bisschen mehr sein und es muss ein bisschen mehr sein.

 Liebe Schwestern und Brüder, in der sogenannten Pfingstsequenz, dem Hymnus auf den Heiligen Geist, aus dem alle unsere Pfingstlieder ihren Stoff nehmen, werden sicher in ganz eigener Sprache Themen angesprochen, die bis heute relevant sind und die Menschen beschäftigen, und wo es eben nicht nur ein bisschen mehr sein darf, sondern auch ein bisschen mehr sein muss. Ein paar davon möchte ich jetzt herausgreifen und damit schließen.

 Höchster Tröster in der Zeit,
Gast, der Herz und Sinn erfreut,
köstlich Labsal in der Not,
in der Unrast schenkst du Ruh,
hauchst in Hitze Kühlung zu,
spendest Trost in Leid und Tod.

       Darf’s ein bisschen mehr sein?

 

  Ohne dein lebendig Wehn
Kann im Menschen nichts bestehn,
Kann nichts heil sein noch gesund.
Was befleckt ist, wasche rein,
Dürrem gieße Leben ein.
Heile du, wo Krankheit quält.

     Darf’s ein bisschen mehr sein?

 

  Gib dem Volk, das dir vertraut,
das auf deine Hilfe baut,
deine Gaben zum Geleit.
Lass es in der Zeit bestehn,
deines Heils Vollendung sehn
und der Freuden Ewigkeit.

                        Darf’s ein bisschen mehr sein?

 

Amen. Halleluja.


Hl. Kreuzfest Mai 2013

Abt Michael Reepen OSB mit dem Kelch

Benediktinerabtei zum Heiligen Kreuz           Sonntag | 05. Mai 2013 |9.30 Uhr
Kloster Scheyern

Predigt von Abt Michael Reepen OSB
Benediktinerabtei Münsterschwarzach

 

Predigt zum Hl. Kreuzfest Mai 2013                                                                                                 

Lieber Abt Markus,
liebe Mitbrüder,
liebe Schwestern und Brüder,

Ich habe ihnen eine Kreuzreliquie aus Münsterschwarzach mitgebracht.

Dieser kleine Kelch den wir auch in der Eucharistiefeier verwenden ist jener Kelch, den unser Br. Wenzeslaus, er war Missionar in der Abtei Tokwon in Nordkorea am 11. Mai 1949 einpackte, als die Mönche von Tokwon damals aufgefordert wurden ein paar persönliche Dinge zu richten für eine mögliche Verhaftung durch die Kommunisten. „Br. Wenzeslaus hatte noch die Geistesgegenwart, zwei Messkoffer zu packen“, heißt es in einem letzten Bericht über die Abtei.

Der Kelch begleitete die verhafteten Mönche und Tutzinger Schwestern durch das Gefängnis von Pyongyang, das Lagerleben in einer abgelegenen Berggegend und während der grauenhaften Flucht im Winter 1950 zur chinesischen Grenze. Er wurde benützt beim letzten Gottesdienst in Nordkorea am 8. Januar 1954.Die Flucht von Br. Wenzeslaus und anderen Missionaren ist geglückt und er hat ihn dann nach Münsterschwarzach mitgebracht. Die übrigen Utensilien aus dem Messkoffer sind auch noch in Münsterschwarzach vorhanden.

 Welche Bedeutung der Kelch in der Zeit der Gefangenschaft hatte, zeigt eine Bemerkung, die der Landwirt von Tokwon und später von Münsterschwarzach, Br. Altfried Sommer als alter Mann einmal machte: „Im KZ in Oksadok, überlebt hätte er nur durch die regelmäßige Kommunion. Sie wurde gespendet in winzigen Bröckchen kleiner Hostien, die die Schwestern mühsam aus einzeln gesammelten Weizenkörnern herstellten. Der kommunistische Lagerchef wollte die einzeln wachsenden Ähren vernichtet wissen, während die Beeren für den Wein wild wuchsen. Dennoch gelang es, bis zum Ende der Lagerzeit das Messopfer zu feiern.

In der ständigen Nähe des Todes ermöglichte die Eucharistie Leben.

 38 Christen, darunter Missionare, Ordensschwestern, Priester und engagierte Laien sind auf grausame Weise gestorben. Für sie haben die Christen Südkoreas nun einen Seligsprechungsprozess eingeleitet.

Unter ihnen sind auch zwei Brüder aus Münsterschwarzach:

Br. Petrus Gernert, geb. 1882 in Kleinwenkheim in Unterfranken, er wurde kurz nach seiner zeitlichen Profess 1911 als Missionar nach Korea ausgesandt.  Er war am 3. Oktober 1949 der erste Tote im Gefangenenlager in Oksadok. Es heißt: „Der schwere Aufstieg zum Lager hat ihn sehr mitgenommen…meist lag er still betend auf seinem Lager und ging so still und leise heim, dass es nicht einmal sein Nachbar merkte“ - Br. Petrus war ein stiller treuer Beter.

 Ebenso Br. Gregor Giegerich, geboren 1913 in Großwallstadt bei Miltenberg. Er wurde kurz vor dem 2. Weltkrieg im Januar 1939 noch nach Korea ausgesandt, nachdem er als Elektriker mitgeholfen hatte, die kilometerlangen Leitungen in der neuen Abteikirche zu legen, er wurde anfang Oktober 1950 im Gefängnis von Pyongyang ermordet. Es gibt noch Brüder die sich an ihn erinnern können. Er muss ein liebenswerter, lebensfroher Mensch gewesen sein.

 „Bist du bereit für Christus zu sterben?“ – so wurden die Missionare bei der Missionsaussendung gefragt.

 Das klingt heroisch, aber wie es in der Chronik über das Schreckensjahr der Yenki Mission heißt „ihr Leben und ihr Tod waren ohne Pathos, ohne Phrase, ohne Romantik, sie wollten nicht geschont werden, nicht bedauert, nicht bewundert. Von ihrem Heldentum zu reden ist beinahe eine Beleidigung….“

 

Bist du bereit für Christus zu sterben?

Was würden Sie antworten, wenn Sie nach dem feierlichen Gottesdienst draußen vor der Kirche von Reportern des Bayerischen Rundfunks gefragt würden?

         vielleicht kämen sie etwas ins stottern – ja, im Prinzip schon… Jesus ist ja auch für uns gestorben…

         wir alle würden wahrscheinlich etwas rudern…. ein klares ja zu sagen und es auch zu meinen???

 Das Blut der Martyrer von Korea hat Frucht gebracht, die Mitbrüder und Christen, die in den Süden fliehen konnten, haben eine lebendige blühende Kirche aufgebaut. So ist in der Abtei Waegwan in Südkorea eine junge Klostergemeinschaft entstanden. Zurzeit sind drei koreanische Mitbrüder zur Ausbildung oder zum Musikstudium in Münsterschwarzach.

 Was in Nordkorea geschieht hören wir in den Nachrichten. Der junge Präsident  Kim Jong Un spielt mit der Atombombe. Dort werden die Christen auch heute noch verfolgt und benachteiligt. Die ehemalige Abtei Tokwon ist heute Militärlager. Aber wir wissen, dass es im Umfeld noch Christen gibt, die im Untergrund ihren Glauben leben.

 Weltweit sind die Christen heute die meistverfolgte Religionsgemeinschaft. In aller Welt werden ca. 100 Millionen Christen verfolgt. An erster stelle steht das kommunistische Nordkorea, gefolgt von den Ländern Saudi Arabien, Afghanistan, Irak, Somalia, China, usw.

 

Liebe Schwestern und Brüder,

diese Länder sind weit weg, aber sind es nicht unsere Verwandte? Sind wir nicht durch die Taufe Blutsverwandt mit allen Christen? Verbindet nicht das Kreuz Christi, das wir heute verehren, alle Christen miteinander?
Ist das Kreuz nicht das Siegel, eine Art Geheimzeichen, ein Sieges- und Kraftzeichen aller, die an Christus glauben?

Es ist ein Band, das uns Christen jenseits von Kultur und Hautfarbe verbindet. Wir sind einander Schwestern und Brüder. Darum darf es uns betreffen, was da an Unrecht mit unseren Glaubensbrüdern und -schwestern geschieht.

Und bei all dem bleibt uns die Frage: Was ist unser Auftrag in dieser Welt, was ist mein Missionsauftrag? Wo trage ich das Kreuz der Erlösung in unsere Welt? Wo mache ich das Kreuz Christi sichtbar?

 Mein Missionsfeld ist da, wohin ich gestellt bin, meine Familie, meine Beziehungen, mein Arbeitsplatz, meine Gemeinde und die Menschen mit denen ich lebe.

 Unsere Botschaft ist vielleicht weniger das Predigen, vielmehr unser konkretes Leben wie wir miteinander umgehen, wie wir das Kreuz unseres persönlichen Lebens tragen. Es kommt darauf an, wie wir vertrauen und hoffen. Das Leid und das Kreuz nicht das Ende ist, sondern der Anfang der Auferstehung!

Karfreitag und Ostern gehören zusammen, so wie Kreuz und Auferstehung auch zusammen gehören.

 

So konnte Dietrich Bonhoeffer im Alter von 38 Jahren im Gestapogefängnis in Berlin zum Jahreswechsel 1944/45 kurz vor seiner Hinrichtung schreiben:

 „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern, des Leids gefüllt bis an den höchsten Rand, so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern aus deiner guten und geliebten Hand.“

 

                                      Amen


Rundfunkübertragung

Benediktinerabtei zum Heiligen Kreuz                               28. April 2013
Kloster Scheyern

Predigt von Abt Markus Eller OSB

 Rundfunkübertragung im Deutschlandfunk

 Den gesamten Gottesdienst nachhören können Sie hier....

                                          L: Offb. 21,1-5a  
                                          Ev: Joh 13,31-33a.34-35

 

Einleitung am Anfang der Messe

Gemeinschaft ist etwas, was zum Wesen des Menschen gehört. Wir Menschen suchen Gemeinschaft. Wir Menschen leben Gemeinschaft und wir gestalten Gemeinschaft.

Wir sind hier zusammengekommen, um Gemeinschaft zu pflegen, als Pfarrgemeinde und als Klostergemeinschaft.

Heute wird unsere Gemeinschaft durch den Deutschlandfunk über den Raum unserer Basilika hinaus ausgeweitet. So begrüße ich alle, die mit uns in dieser Stunde verbunden sind und mit uns Gemeinschaft leben und feiern.

Wir feiern Gottesdienst und bringen damit zum Ausdruck, dass wir auch mit Gott Verbindung haben und verbunden sind. Ihn bitten wir jetzt am Anfang um seine Hilfe und um sein Erbarmen.

 

Predigt

 Liebe Schwestern und Brüder hier in unserer Basilika und an den Rundfunkgeräten!

 

 

In unserer Sprache gibt es Worte und Begriffe, die wir gerne als „Zauberworte“ bezeichnen. Zauberworte deshalb, weil sie Situationen und Menschen allein dadurch, dass sie gesagt und genannt werden, verzaubern, also verändern können. Zwei dieser Zauberworte werden uns wohl sofort einfallen, nämlich „Bitte“ und „Danke“. Das sind nicht nur Höflichkeitsformeln, sondern wenn Menschen so sagen und es zu erkennen geben, dann verändert es den zwischenmenschlichen Umgang.

 

Es gibt aber noch mehr solcher Zauberworte. Eines, das mir heute wichtig erscheint, ist das kurze Wort „Neu“. Der Begriff „Neu“ weckt bei den Menschen Interesse und zieht die Blicke an. Vor allem die Werbung macht sich das zu Nutze. Da wird eine neue Kollektion angepriesen, ein neues Modell wird auf den Markt gebracht, eine neue Ausgabe erscheint. Neuheiten und Neuigkeiten werden auf dem Nachrichtensektor gehandelt. Sie kennen die Gelegenheiten und Orte, wo in großen und bunten Buchstaben dieses Wort zu lesen und zu finden ist.

 

Aber auch die Gemeinschaft der Kirche hat mit einem „Neuen“ bei vielen Menschen Interesse geweckt. Seit einigen Wochen haben wir einen Papst, der allein schon durch seine Herkunft etwas Neues darstellt. Und immer noch fragen Menschen, was er wohl alles neu macht.

 

Gerade haben wir zwei Texte aus dem Buch unseres Glaubens, der Bibel, gehört, in denen auch von „Neuem“ oder „Neuigkeiten“ zu hören ist. Da uns diese Texte wohl sehr bekannt sind, wird uns das gar nicht mehr so auffallen. Aber es steht immer noch da und es wird uns immer wieder oder von neuem vorgelesen. Jemand, der diese Texte zum ersten Mal hört, wird sich oder uns fragen, was denn damit gemeint ist, wenn in der Offenbarung des Johannes von einem neuen Himmel und einer neuen Erde die Rede ist oder wenn Jesus von einem neuem Gebot spricht.

 

Ich, Johannes, sah einen neuen Himmel und eine neue Erde… Der Schreiber dieser Zeilen schaut nicht einfach in die Zukunft, sondern er träumt von einer Zukunft, die anders ist, als das, was er erlebt oder erlebt hat: Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen: Der Tod wir nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen. So wird es sein oder besser gesagt, so könnte es sein, wenn Gott unter den Menschen wohnt. Seht, die Wohnung Gottes unter den Menschen!

 

Wir hören diesen Text in einer Zeit, wo immer noch gestorben wird und zwar tragisch, schwer und schicksalhaft, so dass Menschen trauern, klagen und Situationen erleben, die die Bibel Mühsal nennt.

Wir hören diesen Text aber auch genau vier Wochen nach einem Fest, das wir alle gefeiert haben, nämlich Ostern. Und wir werden angefragt, was denn davon noch übrig oder hängen geblieben ist.

Er, der auf dem Thron saß sprach: Seht, ich mache alles neu. Machen wir seit Ostern auch alles neu? Oder anders? Oder machen wir immer noch weiter wie zuvor?

 

Neu hat immer etwas mit Kreativität und mit Phantasie zu tun. Das können wir von den Menschen lernen, die Werbung machen. Auch wenn mir nicht immer alles gefällt, was da präsentiert wird, aber irgendwie bewundere ich diese Menschen. Sie lassen sich viel einfallen, um Aufmerksamkeit zu erhalten und Blicke zu lenken. Auch die Produkte, die beworben werden, sind ja nicht etwas völlig anderes. Es ist immer noch Kleidung, es sind immer noch Fahrzeuge oder andere Geräte usw., aber es werden Akzente gesetzt, die sich von dem Vorher unterscheiden, vielleicht sogar deutlich unterscheiden.

 

Welche Akzente haben wir in den vergangenen Wochen seit Ostern gesetzt, zu setzen versucht oder wollen wir noch etwas verändern, neu machen?

 

Jesus spricht von einem neuen Gebot, das er gibt: Liebt einander, wie ich euch geliebt habe. Jesus hat einen Akzent gesetzt. Er hat seinen Jüngern die Füße gewaschen. Das steht vor diesen Zeilen, die wir heute gehört haben. Er hat etwas getan, was er eigentlich nicht hätte tun brauchen. Es war die Aufgabe von anderen (Sklaven); aber er tut es. Er tut es einfach so, weil er etwas zeigen will: So kann Liebe auch sein.

 

Liebe Schwestern und Brüder, Zauberworte heißen deshalb so, weil sie einfach so gesagt werden, und weil so etwas sichtbar und spürbar wird: Ein Stück Himmel, der die Welt verändert und neu macht.

So möchte ich schließen mit einem Dank an alle, die es heute ermöglicht haben und dazu beitragen, dass dieser Gottesdienst aus unserer Basilika im Rundfunk übertragen werden kann. Gott kommt auf diese Weise dahin, wo Menschen wohnen, mitten hinein: Seht, die Wohnung Gottes unter den Menschen! Ein neuer Himmel, eine neue Erde, wenigsten ein Stück weit oder wenigstens heute.

 

 

 Fürbitten:

 

Das alte und neue Gebot Jesu lautet: Liebt einander! Wir wissen, dass wir hinter diesem Auftrag auch zurückbleiben können. Darum beten wir:

  Dass alle Glieder der christlichen Kirchen daran erkannt werden, dass sie einander und ihre Mitmenschen lieben. Christus höre uns

  Dass die Grundsätze christlichen Glaubens auch für profane Gesellschaften als hilfreich erkannt werden. Christus höre uns

  Dass wir selbst danach streben, dass unsere Worte mit unseren Taten übereinstimmen. Christus höre uns.

  Dass  unsere Toten nun in deiner Liebe für immer geborgen sind. Christus höre uns.

  Gott, du bist gütig, und ewig währt deine Huld. Bei dir sind wir geborgen, was auch geschieht. Dir sei Ehre in Ewigkeit.


Gottesdienst zum Amtsende von Papst Benedikt XVI.

Benediktinerabtei zum Heiligen Kreuz                          28. Februar 2013
Kloster Scheyern

Predigt von Abt Markus Eller OSB
                                                                              L: Jer 17,5-10 
                                                                              Ev: Lk 16,19-31
 
 
Liebe Schwestern und Brüder!
 
Seit am 11. Februar, dem Rosenmontag, Papst Benedikt seinen Amtsverzicht zum Ende dieses Monats, also zum heutigen Tag angekündigt hat, haben sich viele Menschen in irgendeiner Weise dazu geäußert, positiv wie auch negativ. Wir alle konnten davon lesen und hören. Durch die Vielzahl der Stellungnahmen wollten wir vielleicht schon gar nichts mehr davon hören. Mir ist es jedenfalls bisweilen so ergangen. Eine Äußerung ist mir doch in Erinnerung geblieben, weil sie nicht nur treffend war, sondern weil sie auch irgendwie schön ist.
Der Erzbischof von Berlin, Kardinal Woelki, hat gesagt, dass Papst Benedikt XVI. durch diesen Schritt das Papstamt auf positive Weise „entzaubert hat“.
 
Obwohl unsere Welt sehr nüchtern und technisch abgeklärt geworden ist, gibt es immer noch Bereiche, auf denen ein gewisser undurchschaubarer Zauber liegt, was auf der einen Seite romantisch schön sein kann, auf der anderen Seite aber auch zu realitätsfernen oder überzogenen Ansprüchen führen kann.
 
Der Papst hat mit seinem Schritt klar gemacht, dass ihm angesichts seines Alters die Kräfte ausgehen, die er für diese Aufgabe eigentlich bräuchte. Das war neu, das hatte es bisher nicht gegeben. Damit war etwas entzaubert.
Menschen haben Kraft, Menschen brauchen aber auch Kraft. Woher nehmen sie die? Woher nehmen wir sie?
 
Die Frage nach der Kraftquelle wurde auch in dem Abschnitt aus dem Buch Jeremia gestellt, den wir in der Lesung gehört haben. In einer Art schwarz-weiß Malerei werden zwei Möglichkeiten aufgezeigt: Schwaches Fleisch und Hoffnung auf den Herrn. Wir alle wissen aus unserer Lebenserfahrung, dass es in der Wirklichkeit wesentlich vielschichtiger und vielfältiger ist. Aber in der Richtung, in der Grundausrichtung kann es durchaus gegensätzliche Entwürfe und Einstellungen geben. Für den Propheten ist der, der seine Wurzeln in Richtung Herrn ausstreckt, eben wie der Baum, der an Wasserbächen gepflanzt wird. Er wird Frucht bringen auch unter widrigen Einflüssen.
Wenn man sich an die ersten Worte von Joseph Ratzinger erinnert, die er als Papst gesprochen hat, dann waren es Worte der Hoffnung auf diesen Herrn, der Kraft gibt, dass er auch ihm die nötige Kraft gibt. Fast acht Jahre hat er diese Kraft bekommen. Das Vertrauen ist sicher geblieben, aber auch ein Papst kennt Alter und Alterung, bei der die Kräfte nachlassen: Entzaubert!
 
Johannes nimm dich nicht so wichtig, so wird es von Papst Johannes XXIII. überliefert. Mit dem nun wirksam werdenden Amtsverzicht spricht Benedikt XVI. die gleiche Sprache, obwohl er es anders ausdrückt. Ein Amtsverzicht sagt auch: Es gibt auch andere, die etwas können, die das können: Entzaubert!
 
Was müssen Päpste können? Viel, sehr viel! Die Ansprüche und Anforderungen in einem solchen Amt sind gewaltig. Auch hier gilt: Es allen recht getan; ist eine Kunst, die niemand kann: Entzaubert!
Das Evangelium vom armen Lazarus und dem namenlosen Reichen zeigt indirekt eine Aufgabe des Papstes auf, die sich sogar in den Titeln wiederfindet: Pontifex Maximus -Brückenbauer - großer, ja größter Brückenbauer.
Zwischen diesem armen Lazarus und dem Reichen gibt es einen Abgrund, der nicht mehr zu überwinden ist. Es ist aber ein Abgrund, der zu Lebzeiten hätte überwunden werden können und den man hätte überwinden können: Soziale Gerechtigkeit.
 
Der Papst trägt den Titel eines Brückenbauers, aber es ist eine zutiefst menschliche Aufgabe, Brücken zu bauen, ja es ist sogar eine Frage des Menschseins, Brücken zu den Menschen zu bauen. Wir alle wissen, dass das nicht so leicht ist. Brückenbauen ist immer noch eine Kunst. So manches Brückenbauwerk wird als Kunstwerk bestaunt. Auch die Brücken zu den Menschen und mit den Menschen sind eine Kunst, die Gelingen, aber auch Scheitern kennt.
Viele Brücken dürfen Menschen bauen, manche müssen sie bauen. Manche Brücken werden nie fertig, andere stürzen sogar wieder ein. Brückenbauen ist ein lebenslanger Auftrag.
 
Heute Abend endet ein Auftrag zum Brückenbauen als Amt und als Dienst. Es wird ein Neuer dazu bestimmt werden, der wieder Brücken zu bauen hat. Er wird an manchen Brücken weiter bauen. Er wird neue Brücken bauen müssen, auch solche, die noch am Anfang der Planung stehen oder an die man noch gar nicht denkt.
 
Wir sind heute Abend nicht beieinander, um noch eine Äußerung oder noch einen Kommentar zu dem Schritt des Amtsverzichts dazuzugeben oder eine Art Bestandsaufnahme zu machen, was gelungen ist oder was nicht gelungen ist. Das ist einfach so, das ist so wie es ist: Entzaubert!
 
Wir sind beieinander, um Danke zu sagen für ein gläubiges und ein menschliches Lebenszeugnis bis ins hohe Alter.
Ich möchte schließen mit einem etwas abgewandelten Wunsch aus einem Lied, das so heißt:  
Sag beim Abschied leise Servus!
Heute Abend soll es heißen und soll gelten:
Sag beim Abschied leise Vergelt’s Gott!


„Glaube - zwischen Tradition und Moderne“

Benediktinerabtei zum Heiligen Kreuz                      10. März 2013
Kloster Scheyern                                                

Predigt von P. Lukas Wirth OSB

 3. Fastenpredigt

„Glaube - zwischen Tradition und Moderne“

In der Predigt wird auch auf die Lesungen des 4. Fastensonntags verwiesen, insbesondere auf die 2. Lesung (2 Kor 5,17-21) und das Evangelium vom „Verlorenen Sohn“ bzw. „Vom barmherzigen Vater“ Lk 15,1-3.11.32

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn,

im Wort des Apostels Paulus klingt heute die Spannung zwischen Alt und Neu an: „Wenn jemand in Christus ist, dann ist er eine neue Schöpfung: Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden.“ Wenn Paulus hier Alt und Neu gegenüber stellt, so deutet er an, dass mit und in Jesus Christus mehr als eine Zeitenwende, ja die Versöhnung mit Gott erfolgt ist.

2000 Jahre später lassen sich „Alt“ und „Neu“ nicht mehr so einfach auf die Zeit vor bzw. nach Jesu hin deuten. 2000 Jahre Geschichte liegen zwischen uns und diesem Jesus, in dem Paulus gemeinsam mit den ersten Jüngerinnen und Jüngern den Messias, den Herrn erkannt hat. Längst haben sich Traditionen in der Nachfolge Jesu, mitten unter den Seinen gebildet, Traditionen die für viele in der Gemeinschaft unserer Kirche nicht wesentlich weniger prägend sind, als das Wort Jesu selber.

„Rückwärts blickend, vorwärts stolpernd!“ hat ein kritischer Geist mir gegenüber seine Sichtweise auf die Kirche beschrieben. „Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden.“ – Längst ist unser Glaube geprägt von Tradition und Traditionen und doch will er noch immer Zukunft verheißen. Wie auch immer wir das empfinden. „Glaube – zwischen Tradition und Moderne“ soll der Leitgedanke der heutigen Fastenpredigt, der heutigen ausführlicheren Gedanken sein.

Der noch immer gerne gelesene und in den letzten Jahren unter der Studentenschaft wieder neu entdeckte dänische  Theologe und Philosoph Sören Kierkegaard (1813 – 1855) stellt in seinem Werk „Philosophische Brocken“ 1844 u. a. indirekt die Frage, wie weit Tradition Glauben fördert oder doch eher behindert.

Er vergleicht die Jünger in der Gefolgschaft Jesus, den so genannten „gleichzeitigen Schüler“ mit den Gläubigen zu seiner Zeit, das heißt mit den Christen  heute, die er „Schüler zweiter Hand“ nennt und damit ganz bewusst macht, dass ihr Glaube ein vermittelter, ein Glaube nicht basierend auf eine unmittelbare Begegnung mit der historischen Person Jesu, eben ein Glaube zweiter Hand, auch geprägt durch eine lange Tradition, ist.

In seinen abwägenden Gedanken, ist er sich bewusst, dass zwar die unmittelbare Begegnung mit Jesu kaum überschätzt werden könne, doch das Wagnis wider alle Hoffnung nach dem absoluten Scheitern Jesu am Kreuz, andererseits eine enorme Herausforderung für den Glauben der ersten Generation bedeutet haben muss.

Andererseits fehlt die „Gleichzeitigkeit“ mit Jesus uns heutigen Menschen, dafür können wir auf unendlich viele bewährte Zeugnisse des Glaubens, auf Menschen in allen Jahrhunderten zurück schauen, denen der Glaube Stütze und Halt im und für das Leben war.

Seine nahezu salomonische Schlussfolgerung lautet dann jedenfalls: „nach der Wendung, die die Sache nun genommen hat, scheint der Vorzug der Gleichzeitigen, den ich zuerst sehr hoch anzuschlagen geneigt war, bedeutend reduziert zu sein, … im Grunde seien alle gleich.“

Was hier Kierkegaard eindeutig auf eine sich immer als gleich groß und gleich schwierige persönliche Herausforderung zu Glauben darstellt, wird von vielen Menschen heute ganz anders gedeutet.

 

Während unsere Gesellschaft in der Moderne nach neuen Ansätzen im Denken, im Leben oder genauso in der Kunst gesucht hat, sind wir inzwischen längst in der so genannten Postmoderne angekommen. Postmodern, das heißt, das alles irgendwie geht, dass alles irgendwie gleich und gleich gültig ist, ja dass es das, was es für unendlich viele Denker in der Tradition der letzten Jahrhunderte zu suchen galt, die Wahrheit, so nicht mehr zu geben scheint. Darin stellt sich nun eine noch einmal ganz neue und andersartige Herausforderung auch an unseren Glauben.

 

In einer Zeit in der vordergründig Toleranz und Freiheit betont werden, scheint alles möglich und dementsprechend klare Wahrheit genauso wie sittlich-moralische Handlungsrichtlinien zu zerfließen. Konkret stellt sich in der Postmoderne z. B. die Frage: „Warum sollte denn ausgerechnet unser Glaube der richtige sein? Jeder macht sich doch sein eigenes Bild.“

Gerne wird in diesem Zusammenhang eine vergleichende These aufgestellt: „Die Farbe des Wassers ist die Farbe des Gefäßes.“

Übertragen auf den Glauben meint das, dass alle Menschen im Grunde die selben Erfahrungen machen, schließlich gibt es doch nur einen Gott, diese Erfahrungen werden aber je nach der persönlichen Erfahrung und den kulturellen Zusammenhänge anders ausgedrückt. Wenn auch eine solche Argumentation auf das erste zu bestechen scheint, so entbehrt sie doch jeglicher rationaler Grundlage und zeugt mehr von Hochmut und Selbstüberschätzung, denn von wahrhafter Suche und redlichem Streben.

 

Ein solches Urteil würde nämlich bedingen, dass man quasi in die verschiedenen Wassertöpfe hineinschauen könnte - übertragen auf den Glauben: Religionen sind keine fest umschriebenen Theoriezusammenhänge, die man von außen betrachten kann. Um eine Aussage treffen zu können, muss man sich einlassen, persönlich betreffen lassen. So wäre es klüger auf jegliche Beurteilung anderer Religionen zu verzichten und viel mehr in der Überzeugung zu wachsen, dass unser Christlicher Glaube ein guter und gangbarer Weg zum Leben ist. Es gelte wieder mehr zu vertrauen auf die Person Jesu, von dem nicht grundlos gesagt ist, er sei der Weg, die Wahrheit und das Leben und damit ist er der  Eckstein. An ihm scheiden sich die Geister, ohne ihn kein christlicher Glaube.

 

Da ist nicht alles irgendwie gleich, gleichwertig oder gleichgültig, wie uns der Zeitgeist der Postmoderne glauben machen möchte.

Vielmehr bläst dieser Zeitgeist, der sich mit religiöser Toleranz und Freiheit schmückt, in dieselbe Richtung wie der praktische Atheismus. Auch bei ihm ist alles egal – auch Religion. Und so hält es der praktische Atheist für unnötig und nicht wichtig, sich mit religiösen Fragen ernsthaft zu beschäftigen, sich der klaren Herausforderung Leben, der Herausforderung Gottes für die eigene Existenz zu stellen. Es ist eben nicht alles gleich oder, wie gesagt, gleich gültig. Entweder gibt es Gott oder es gibt ihn nicht. Ein dazwischen widerspricht menschlicher Vernunft und jeglicher Logik.

So ist uns heute nicht die Vernunft Herausforderung für unseren Glauben, sondern die Unvernunft, die innere Gleichgültigkeit oder eine mit Faulheit und Bequemlichkeit gepaarte Dummheit.

 

An Jesus scheiden sich die Geister, von ihm ist gesagt: „Viele Male und auf vielerlei Weise hat Gott einst zu den Vätern gesprochen, in dieser Endzeit aber hat er zu uns gesprochen durch den Sohn,….. er ist der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Abbild seines Wesens….“ (vgl. Hebr 1,1-3). Dem Wesen Gottes begegnet also, wer Jesus begegnet. Und Jesus kann man noch immer begegnen – er spricht zu uns, in seinem Wort; er rührt uns an, im Tun der Seinen.

„Jahr des Glaubens“ heißt damit immer auch „Zeit des Suchens“.

 

Jegliche Tradition hat nur da Wert, wo sie hilft Jesus zu finden, ihm zu begegnen und so Glaube zu wecken und zu fördern. Unabgesehen vom künstlerischen oder historischen Wert ist es egal, ob uns das Wort Jesu in den Melodien des gregorianischen Chorals, eines barocken Oratoriums oder im Gewand der afro-amerikanischen Gospels berührt. Tradition an und für sich ist im Blick auf Glauben wertlos oder bestenfalls volkloristisches Gepränge. Es braucht eine lebendige Tradition, die sich wandelt, die dem Menschen dient, hinter dem zeitbedingten Äußeren den überzeitlichen Kern der Botschaft Jesu, die unbegreiflichen Liebe Gottes zu finden.

Wo das gelingt, bleibt Jesus keine historische Gestalt und die Worte der Bibel nicht einfach Geschichten. Sie werden Gegenwart und lebendig. Wo immer ein Mensch egal wie groß seine Schuld oder Dummheit war, wieder mit offenen Armen aufgenommen wird, bleibt das heutige Sonntagsevangelium nicht ohne heilende Wirkung.

 

Der Heilige Benedikt mutet dem Abt, als Vater der Gemeinschaft, zu, Neues und Altes zur Auferbauung seiner Brüder hervor zu holen. Tradition und neue Ansätze im Glauben sind keine unversöhnlichen Gegensätze. Gute Tradition ist immer nach vorne hin offene, d. h. sie ist offen für eine Weiterentwicklung, für Neues, denn Tradition ist nichts Gott gegebenes und sie fiel nicht einfach vom Himmel. Tradition ist geworden und muss weiter werden, sich verändern.

Gut ist in diesem Sinne nur jegliche Tradition, die dem Menschen nutzt! Was freilich sehr unterschiedlich empfunden werden wird – nicht nur zwischen den Generationen. Wahrer lebensspendender Glaube ist aber nie abhängig von irgendwelchen Denk oder Sichtweisen, von irgendwelchen Trends. Glaube wird geprägt durch Begegnungen – vor allem in menschlichen Begegnungen.

Und damit schließt sich der Kreis und wir sind noch einmal eingeladen auf die gehörten Worte des Apostels Paulus an seine Gemeinde in Korinth zu hören. Er spricht nicht nur von Altem und Neuem, sondern davon, dass wir Gesandte an Christi Statt sind. Das können wir nur sein in absoluter Aufrichtigkeit. Menschliche Begegnung ist nicht geschenkt und möglich im Gestern und genauso wenig im Morgen, sondern nur im Heute. So bleibt der Glaube nicht nur die Herausforderung der Stunde, sondern genauso stetes Angebot, wie Ziel unseres Mühens und Studierens.

Beides klingt an im uralten Psalmwort: „Heute wenn ihr seine Stimme hört, verhärtet nicht euer Herz.“ (Psalm 95,8) Es muss uns schon etwas wert sein, dem Anruf Gottes zu antworten, damit auch heute in unseren Menschenherzen – wie auch in den Generationen vor uns, in deren Tradition wir stehen - Leben aus dem Glauben immer neu und jung erwachsen kann.
Amen.