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Berg Sion: Ein Blick in die Geschichte

Der heutige Sionsberg hat im Ursprung seiner Geschichte nicht immer diesen Namen getragen. Auf dem Bild oben sehen wir am Fuße des Ölbergs die Ausläufer der alten Davidsstadt, die Urzelle der Stadt Jerusalem. Zu diesem Stadtteil gehörte zur Zeit Davids ein Südosthügel den man  Sionsberg nannte.

Später wuchs die Stadt immer mehr und der Begriff Sion ging über auf den Berg Moria, den heutigen Tempelplatz. Von hier aus fand der Name Eingang in die Sprache der Psalmsänger und Propheten als Bezeichnung für das religiöse Zentrum des Gottesvolkes. In byzantinischer Zeit ging der Name Sion auf den Südwesthügel über, weil Juden und Christen dort fälschlicherweise die Stadt Davids vermuteten. Heute bezeichnet man meist nur noch den südlichen Teil dieses Hügels mit dem Namen Sion. Es ist der Teil, der also außerhalb der Stadtmauer liegt, wie es das Bild treffend zeigt.

Die Bedeutung des Namens ist umstritten. Er könnte „Fels“ meinen oder besser noch „Burg, Festung“. Das markanteste Bauwerk auf dem Sionsberg ist der neoromanische Zentralbau der Dormitio – Basilika. Die Kirche folgt der Tradition, dass die Mutter Jesu auf dem Sionsberg im Kreis der Jünger gestorben sei.

1898 erhielt Kaiser Wilhelm II. das Grundstück vom türkischen Sultan Abdul Hamid als Geschenk. Der Kaiser übergab das Grundstück dem erzbischöflichen Stuhl von Köln, der den deutschen Dombaumeister Heinrich Renard von Köln mit dem Bau einer Marienkirche beauftragte. Renard schuf eine Rundkirche nach den Vorbildern der Pfalzkapelle von Aachen und der Kölner St. Gereon Kirche. 1906 wurde die Dormitiokirche unter Teilnahme vieler Pilger aus Deutschland geweiht und den Benediktinern aus Beuron die Sorge für das neue Heiligtum übertragen.

Das Priorat wurde1926 zur Abtei erhoben und untersteht direkt dem Abtprimas in Rom. Die Stelle der heutigen Dormitiokirche nahm in byzantinischer Zeit eine riesige fünfschiffige Basilika ein. Die sogenannte Hagia Sion. Sie wurde bereits im 4. Jahrhundert über einer kleinen Kirche erbaut, die den ersten und zweiten jüdischen Aufstand unzerstört überdauert haben soll.

Dieses kleine Kirchlein erinnerte an das Obergemach, in dem Jesus mit seinen Jüngern das Abendmahl gefeiert, und somit das Sakrament der Eucharistie gestiftet hat. An dieser Stätte wusch Jesus den Jüngern die Füße, sagte die Verleugnung des Petrus und den Verrat durch Judas voraus. Nach der Himmelfahrt Jesu erlebten die Jünger hier die Herabkunft des Heiligen Geistes.

Wo dieses Obergemach tatsächlich lag, wissen wir nicht, denn kein Evangelientext enthält einen genauen Hinweis. Die christliche Tradition sah aber die heilige Stätte schon sehr früh auf dem Sion. Ebenfalls in unmittelbarer Nachbarschaft war das Elternhaus des Evangelisten Markus, was schnell zum Mittelpunkt der Jerusalemer Urgemeinde wurde. Von der etwa 54 m langen byzantinischen Kirche, die sich an das Haus des Markus anschloss, ist nichts mehr zu sehen. 614 fiel sie dem Persersturm zum Opfer.

Nach der Eroberung Jerusalems erneuerten die Kreuzfahrer die Sionskirche als dreischiffige Basilika, die 1219 zerstört wurde. Sie trug den Namen „Sancta Maria in Monte Sion“. 1333 erhielten die Franziskaner von Sultan Malek en-Naser den Teil des Grundstücks, auf dem die frühchristliche Kirche stand. Die Königin von Neapel ließ  daraufhin ein zweistöckiges Gebäude errichten, das eine Kapelle und den Abendmahlssaal umschloss.

Heute zeigt sich das zweistöckige Gebäude in dieser Form: Die Decke des Erdgeschosses wird von zwei schweren quadratischen  Pfeilern getragen. Hier war der Saal der Fußwaschung. Noch heute verehren die Juden hier fälschlicherweise immer noch das Grab Davids, dessen Kenotaph die Moslems im 16. Jahrhundert aufstellten. Diese Verehrung des Davidsgrabes begann erst im 12. Jahrhundert. Das eigentliche Grab Davids muss aber in der alten Davidsstadt gesucht werden.

Heute unterhalten die Juden hier eine Synagoge, sowie in der Nachbarschaft eine Schule. Durch diese Synagoge erreicht man im Obergeschoß den eindrucksvollen Abendmahlssaal, der einen wunderschönen Mihrab beherbergt. Zwei Säulen tragen das frühgotische Spitzbogengewölbe. Hinter diesem Saal verbirgt sich die sogenannte Heiliggeist-Kapelle, die nicht öffentlich zugänglich ist.

Wichtigstes Ziel nicht nur einer deutschen Pilgergruppe ist jedoch die bereits erwähnte Dormitio–Basilika. Da der Platz als Sterbeort Mariens verehrt wird, wurde die Form des Zentralbaus gewählt, die für Grablegen gebräuchlich ist. Nach zehnjähriger Bauzeit wurde die Kirche am 10.4.1910 durch den lateinischen Patriarchen von Jerusalem geweiht.

Das Hauptportal führt unmittelbar in die Kirche, einen Nischenrundbau mit einem Choranbau, der in einer Rundapsis endet. Der Hauptraum ist mit einer Kuppel überwölbt. Der Innenraum sollte ursprünglich, der frühchristlichen und mittelalterlichen Tradition folgend, ganz mit Mosaiken und einem Marmorsockel verkleidet werden; die jetzt vorhandenen Mosaikflächen sind nur ein Teil der vorgesehenen Ausstattung. Die Mosaiken der verschiedenen Kapellen wurden zwischen 1910 und 1970 von verschiedenen Künstlern und mit verschiedenen Materialien ausgeführt.

Sechs Seitenkapellen umgeben den Hauptraum. Sie sind verschiedenen Heiligen gewidmet. Eine davon dem Heiligen Benedikt, der mit seiner großen Statur mit der Regel mahnt: Siehe das Gesetz, unter dem du dienen willst!  Das Fußbodenmosaik wurde von P. Mauritius Gisler OSB entworfen und 1932 ausgeführt. Um die drei verschlungenen Ringe als Symbol der Dreifaltigkeit in der Mitte herum sind in konzentrischen Kreisen die Namen der Propheten, die Evangelistensymbole, die Namen der zwölf Apostel und schließlich die Tierkreiszeichen und Monatsnamen angeordnet.

Das 1939 entstandene Apsismosaik von Br. Radbod Commandeur aus Maria Laach zeigt die Gottesmutter mit dem Jesusknaben. Maria weist auf Jesus, der ein offenes Buch mit den griechischen Worten: "Ich bin das Licht der Welt" hält (Joh 8,12). Unter dem Bild steht ein lateinisches Zitat aus dem  Propheten Jesaja: "Siehe, die Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären und seinen Namen nennen: Immanuel" (Jes 7,14).

Die Chorfenster sind von acht Darstellungen von Propheten umgeben, die das Kommen des Messias angekündigt haben. Zwei Wendeltreppen führen zu beiden Seiten des Hauptportals in die Krypta hinab. Die Krypta erinnert in besonderer Weise an die Dormitio Mariae, der Entschlafung Mariens, an deren traditionellen Ort die Kirche steht und deren Gedächtnis sie gewidmet ist. In der Mitte, umgeben von einem Kranz von Säulen, stellt eine liegende Skulptur die entschlafene Gottesmutter dar.

Die Kapelle des Heiligen Geistes, unter dem Chor gelegen, erinnert an das Pfingstereignis und dient als Sakramentskapelle. 


Bibelstelle zum Berg Sion

Das letzte Abendmahl: Mk 14, 12-25

Am ersten Tag des Festes der Ungesäuerten Brote, an dem man das Paschalamm schlachtete, sagten die Jünger zu Jesus: Wo sollen wir das Paschamahl für dich vorbereiten?

Da schickte er zwei seiner Jünger voraus und sagte zu ihnen: Geht in die Stadt; dort wird euch ein Mann begegnen, der einen Wasserkrug trägt. Folgt ihm, bis er in ein Haus hineingeht; dann sagt zu dem Herrn des Hauses: Der Meister lässt dich fragen: Wo ist der Raum, in dem ich mit meinen Jüngern das Paschalamm essen kann? Und der Hausherr wird euch einen großen Raum im Obergeschoss zeigen, der schon für das Festmahl hergerichtet und mit Polstern ausgestattet ist. Dort bereitet alles für uns vor!

Die Jünger machten sich auf den Weg und kamen in die Stadt. Sie fanden alles so, wie er es ihnen gesagt hatte, und bereiteten das Paschamahl vor. Als es Abend wurde, kam Jesus mit den Zwölf. Während sie nun bei Tisch waren und aßen, sagte er: Amen, ich sage euch: Einer von euch wird mich verraten und ausliefern, einer von denen, die zusammen mit mir essen.

Da wurden sie traurig und einer nach dem andern fragte ihn: Doch nicht etwa ich? Er sagte zu ihnen: Einer von euch Zwölf, der mit mir aus derselben Schüssel isst. Der Menschensohn muss zwar seinen Weg gehen, wie die Schrift über ihn sagt. Doch weh dem Menschen, durch den der Menschensohn verraten wird. Für ihn wäre es besser, wenn er nie geboren wäre.

Während des Mahls nahm er das Brot und sprach den Lobpreis; dann brach er das Brot, reichte es ihnen und sagte: Nehmt, das ist mein Leib. Dann nahm er den Kelch, sprach das Dankgebet, reichte ihn den Jüngern und sie tranken alle daraus. Und er sagte zu ihnen: Das ist mein Blut, das Blut des Bundes, das für viele vergossen wird. Amen, ich sage euch: Ich werde nicht mehr von der Frucht des Weinstocks trinken bis zu dem Tag, an dem ich von neuem davon trinke im Reich Gottes.


Geistlicher Impuls zum Berg Sion

Von Bruder Samuel Elsner OSB

Liebe Jugendliche, liebe Schwestern und Brüder!

Es gibt Orte, an denen umgibt einen ein sonderbares Gefühl. Man spürt innere Ergriffenheit, das Herz wird unruhig und die Sehnsucht nach „mehr“ wird in einem lauter.

So, ehrlich gestanden, erging es mir, als ich das erstemal in meinem Leben 1995 durch das Sionstor hindurch auf den Berg Sion kam und somit erstmals zu Gast bei den deutschen Benediktinern war. Damals war ich 23 Jahre alt und es war eine Idee von mir, nach der Ausbildung einmal eine Reise nach Israel zu machen, ohne jeden Hintergedanken ...

In ein fremdes Land, was mir doch irgendwie nur aus der Bibel vertraut war, in einer fremden Stadt, bei fremden Menschen mit fremden Mentalitäten. Nur die Sprache des Chorgebets und der Messfeier waren vertraut: Deutsch ...

Der Sionsberg in Jerusalem ist für mich ein Ort der besonderen Gegenwart Gottes. Dieses anfangs erklärte Gefühl von Ergriffenheit und innerer Unruhe – das hat man nicht alle Tage! Es weißt darauf hin, dass etwas besonderes im Gang ist. Und wer schon einmal in seinem Leben in einen Menschen richtig verliebt war, weiß was das bedeutet: Die bisherige Ordnung kommt durcheinander, das Leben kommt ins wanken ...

Gott ist ein Gott der Liebe!

Und so dicht damals für mich dieses Erleben war, umso dichter muss es für die Jünger gewesen sein, denn sie erlebten ja nun gerade in Jerusalem und auf dem Sionsberg eine Story nach der anderen. Auch in ihrem Leben wollte einfach keine Ruhe einkehren. Der spektakuläre Einzug nach Jerusalem, das Abendmahl, die Verhandlung, der Tod Jesu, das Erscheinen des Auferstandenen.

Aber damit war nicht Schluss: Das Herabkommen des heiligen Geistes auf die Jünger, was wir im Pfingstfest feiern, der Tod der Gottesmutter Maria und ihre Aufnahme in den Himmel ... Ja, so ist das! Wenn Gott sich in unserem Leben ausbreitet und in unser Leben eingreift, dann gibt es Tumult. Dann geht es zur Sache, dann kehrt keine Ruhe ein. Und erst wenn ich ihm einen Platz in mir gegeben habe, beginnt es ruhiger zu werden.

Ein Leben an einer heiligen Stätte fordert ein Leben mit der heiligen Stätte. Das Heilsereignis will in mein Leben hineingeholt werden, es will mich prägen, es soll in meinem geistlichen Leben eine Rolle spielen, mich formen und Richtungweisend sein. Und das nicht nur an Hochfesten, sondern im Alltag.

Was heißt das denn eigentlich?: „Alltag“! ALLes soll TAG sein ... Tag! Das hat etwas mit Sonne und Licht zu tun, aber auch mit manchem Gewitterschauer. Auch das kennt die Liebe! Das Heilige, das man an den je eigenen Orten erspürt, prägt das Leben. Was mir heilig ist, das achte ich. Darauf achte ich! Da beobachte ich genau, wie es sich entwickelt, wie es weiterwächst, ich verletzte es nicht, ich pflege es!

Das Heilige will in uns wachsen.

Und diese spürbare Gegenwart Gottes auf dem Sionsberg hat mir erst gezeigt, dass ich das, was ich an diesem heiligen Ort erspüre, nicht nur dort erspüren kann ... Auch hier ist es! Mitten unter uns Menschen. Spüre ich es? Auf dem Sionsberg kommen viele Ereignisse aus der Zeit Jesu und danach zusammen: Unsere Abteikirche birgt das Gedächtnis der entschlafenen Mutter Gottes.

Wer war sie, diese so stark verehrte Frau? Wie weit war ihr Herz, dass sie dieses bedingungslose „Ja“ zu Gott sagen konnte und wie klein ist mein Herz dagegen ... Wie oft sage ich nein? Zu Gott, zu Mitmenschen, zu mir? Wie hat sie gelitten und wie reich ist sie beschenkt worden?

Wie bewegend ist es zu erleben, wie zu guten Zeiten tausende von Pilgern in die Krypta zum Beten und zum Singen kommen, und aus dieser oftmals einmaligen Begegnung an diesem Ort Kraft für ihr Leben schöpfen, über den Sion hinaus! Und wie weh hat es getan, als dieser Strom im Herbst 2000 von heute auf morgen durch den Ausbruch der Intifada in Israel abriss ... Die Angst hat wieder einmal gesiegt.

In unserer Hauskapelle im Kloster erinnert uns ein kleines Stück Brot in einem Lebensbaum an die Allgegenwart Gottes. Gott ist hier! Aber nicht nur hier! Auch in mir und unter uns! Gott lebt überall dort, wo auch wir sind.... In unserer Mitte. So fern und doch so nahe. Und so wie er damals das Mahl mit seinen Jüngern feierte, gedenken auch wir Tag für Tag diesem Mahl. Bin ich mir dessen überhaupt bewusst? Jeden Tag esse ich Brot! Es ist die Frucht der Erde unserer Schöpfung! In unseren Häusern, auf unseren Tischen, gebrochenes Brot für den Frieden ...

Gott an besonderen Orten zu erspüren, ist das eine! Gott in den Menschen zu entdecken, ist das andere! Der Heilige Benedikt erinnert in seiner Regel daran, dass man in jedem ankommenden Gast Christus entdecken soll. Wie schwer! Wie schwer! Gilt das denn nur für die Mönche? Oder kann es für jeden von uns zum Leitspruch werden ...

So wie Jesus das Brot voll Liebe gebrochen und in kleiner Runde achtsam verteilt hat, so sind wir eingeladen, unser Leben achtsam zu teilen. In diesen Tagen erleben wir ja im Fernsehen hautnah, wie die Welt funktioniert, wenn die Achtsamkeit außer Acht gelassen wird!! Man könnte meinen, Gewinner sei der, der am lautesten schreit und seine Meinungen, Stimmungen und Verstimmungen dem anderen aufdrückt!

Ist das gelebte Achtsamkeit?

Wer nun meint, dass die Bewohner auf dem Sionsberg alle gut miteinander auskommen, der hat sich geirrt. Das Zusammenleben auf engen Raum von Juden, Christen und Muslime, von Deutschen, Israelis und anderen Nationen fordert Toleranz, eben diese Achtsamkeit!

Und wir hier? Auch wir sollen einander Schwester und Bruder sein! Über die Grenzen des Berges hinaus. In aller Welt! Denn auch das ist ja guter Brauch bei Tisch: Natürliche Grenzen bewahren, aufeinander zugehen, hören, was der andere sagt und empfindet.... das meint „das Leben teilen! Wenn uns das auch nur ansatzweise gelingt, dann hat Gott unter uns schon sein Haus gebaut. Dann ist er in unserer Mitte! Dann können wir im anderen das Heilige erspüren!

Gott ist in ihm gegenwärtig!

Liebe Schwestern und Brüder! Ich spüre in mir, dass ich ihnen nun noch viel von unserem Leben als Benediktiner auf dem Sionsberg erzählen könnte. Aber das ist nicht das Anliegen der Scheyerer Kreuzbegegnung! Sie will sensibel machen für den Ort, an dem wir leben, und von dem sie Anteil haben in ihrem historischen Kreuz! Auch Scheyern ist ein Ort der Gottesbegegnung!

Ein Leben an einer heiligen Stätte fordert ein Leben mit der heiligen Stätte. Die Litanei von der Gegenwart Gottes fasst unser Leben an diesen göttlichen Orten wunderbar zusammen. Es ist ein Leben in der gesunden Spannung von Gottesnähe aber auch Gottesferne. Auf dem Sion, in Scheyern oder wo auch immer!

Bitten wir in der Litanei um diese Gegenwart und geben wir in dieser Zeit still unsere Anliegen und Bitten mit in die Kapsel hinein. Das Gott mit seinem Kreuz uns erlösen möge und wir so seine segnende Gegenwart erfahren! Es segne uns der Herr vom Sion her!