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Garten Getsemani: Ein Blick in die Geschichte

Am Fuße des Ölbergs liegt hinter einer hohen Mauer der Garten Getsemani. Der Name bedeutet übersetzt „Ölkelter“, denn hier stand zur Zeit Jesu ein Gehöft mit einer größeren Olivenbaumplantage. Jesus dürfte den Besitzer gekannt haben, denn dieser erlaubte es ihm, sich mit den Jüngern in den Gärten aufzuhalten und die Grotte zu benutzen.

Der Eingang zum Garten und auch zur heutigen Kirche der Nationen befindet sich am Weg, der zum Ölberg hinaufführt. Der offizielle Eingang an der Straße nach Jericho ist meist verschlossen. In dem Garten stehen zwischen bunten Blumenbeeten einige uralte Ölbäume. Um 70 n. Christus ließ Titus bei der Belagerung Jerusalems alle Bäume bis zum Umkreis von 20 km abholzen. Man geht davon aus, dass die jetzigen Bäume aus den Wurzelstöcken der gefällten Bäume neu gewachsen sind. 

In der letzten Nacht vor der Kreuzigung bekam Jesus im Garten Getsemani Todesangst. Das Geheimnis dieser Angst hütet die Kirche der Nationen. Sie wird deshalb auch Getsemanikirche oder Todesangstbasilika genannt. 1920 entdeckte der Architekt beim Bau der heutigen Kirche Fundamente einer byzantinischen Basilika aus dem Jahr 380. Bereits 1909 waren die Franziskaner, denen das Grundstück seit 1681 gehört, auf die Grundmauern einer Kreuzfahrerkirche des 12. Jahrhunderts gestoßen.

Der Fund von 1920 war natürlich noch um einiges bedeutsamer. Die byzantinische Kirche war 25,05 m lang, 16,35 m breit und endete in drei Apsiden. Teile ihres wunderschönen Mosaikfußbodens, den man 2 m unter dem Kreuzfahrerbauwerk fand, sind unter schützendem Glas noch zu sehen. Diese Kreuzfahrerkirche die von  den Kreuzfahrern „Kirche des Erlösers“ genannt wurde, ist im 12. Jahrhundert entstanden. Sie verfiel aber nach dem Abzug der Kreuzfahrer und schon Mitte des 14. Jahrhunderts war von ihr nichts mehr zu sehen.

Die heutige Kirche der Nationen, deren Bau mit Spenden vieler Nationen finanziert wurde, entstand zwischen 1919 und 1924. Auf dem großartigen Giebelmosaik über dem Hauptportal erscheint  Jesus als Mittler zwischen Gott und der Menschheit. Darunter steht ein Wort aus dem Hebräerbrief: „Als er auf Erden lebte, hat er mit lautem Schreien und unter Tränen Gebete und Bitten vor den gebracht, der ihn aus dem Tod retten konnte, und er ist erhört und aus seiner Angst befreit worden.

Auf einem der Bilder können sie zwischen den Bäumen das Dach der Basilika erkennen. Es ist im islamischen Stil gebaut worden und besteht aus zwölf kleinen, mit Bleiplatten gedeckten  Kuppeln. Blaugraue Alabasterfenster tauchen das Innere der Kirche in ein Dämmerlicht, das den Besucher in die Nacht des Gründonnerstags versetzt. Die Säulen aus rotbraunen Bethlehem-Kalkstein symbolisieren die Ölbäume des Gartens. Die Kuppelmosaike wurden von verschiedensten Künstlern geschaffen, unter anderem auch von Künstlern aus England, Spanien, Frankreich, Italien, USA, Deutschland und Belgien.

Der Anziehungspunkt der Kirche ist aber der flache Felsen, der sich vor der Hauptapsis erhebt. Die Tradition sagt, dass Jesus auf diesem Felsen in Todesangst zu seinem Vater gebetet hat. Darüber erhebt sich das Apsismosaik: Jesus in einsamer Angst, aber dem Vater ergeben.


Bibelstelle zum Garten Getsemani

Das Gebet in Getsemani – Mk 14,32-42

Sie kamen zu einem Grundstück, das Getsemani heißt, und er sagte zu seinen Jüngern: Setzt euch und wartet hier, während ich bete. Und er nahm Petrus, Jakobus und Johannes mit sich. Da ergriff ihn Furcht und Angst, und er sagte zu ihnen: Meine Seele ist zu Tode betrübt. Bleibt hier und wacht! Und er ging ein Stück weiter, warf sich auf die Erde nieder und betete, dass die Stunde, wenn möglich, an ihm vorübergehe.

Er sprach: Abba, Vater, alles ist dir möglich. Nimm diesen Kelch von mir! Aber nicht, was ich will, sondern was du willst (soll geschehen). Und er ging zurück und fand sie schlafend. Da sagte er zu Petrus: Simon, du schläfst? Konntest du nicht einmal eine Stunde wach bleiben? Wacht und betet, damit ihr nicht in Versuchung geratet. Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach. Und er ging wieder weg und betete mit den gleichen Worten.

Als er zurückkam, fand er sie wieder schlafend, denn die Augen waren ihnen zugefallen; und sie wussten nicht, was sie ihm antworten sollten. Und er kam zum dritten Mal und sagte zu ihnen: Schlaft ihr immer noch und ruht euch aus? Es ist genug. Die Stunde ist gekommen; jetzt wird der Menschensohn den Sündern ausgeliefert. Steht auf, wir wollen gehen! Seht, der Verräter, der mich ausliefert, ist da.


Geistlicher Impuls zum Garten Getsemani

Von Bruder Samuel Elsner OSB

Die Bibelstelle zeigt mir, dass Jesus ein Mensch unter Menschen war. Ein Mann mit Herz und Seele, ein Mann mit Gefühlen, die er auch zeigen konnte: Letzte Woche hörten wir, wie er über die Stadt Jerusalem weinte, weil sie nicht erkannte, was ihr den Frieden bringt. Und heute hören wir, wie Jesus Angst und Traurigkeit befällt. Eigentlich ein untypisches Bild für Jesus.

Angst und Traurigkeit – wer meint, diese beiden gehören eigentlich nicht zu unserem gelungenen Leben, der irrt. Wir werden in eine Welt hineingeboren, wo immer und überall in uns und um uns Ängste aufbrechen. Potenziell ist alles auf der Welt so geartet, dass man davor auch Angst entwickeln kann. Und die Betonung liegt auf „entwickeln kann“, denn die bunte Zusammensetzung unserer Persönlichkeitsstrukturen kennt da ja Unterschiede ...

Angst ist ein uns allen vertrautes Gefühl, ist notwendiger Teil unseres Lebens, wie Durst und Hunger, Schmerz und Freude. Sobald Leben entsteht, gesellt sich die Angst dazu. Das ist gerade bei kleinen Kindern zu beobachten, die Angst haben alleine zu Hause zu sein. Oder die Angst haben, in den Keller zu gehen ...

Angst begleitet uns immer – bei manchen vielleicht unbewusst: Vom ersten Atemschrei bei der Geburt bis zum letzten Herzschlag auf dem Totenbett. Darin ist wohl auch der Ursprung aller Angst zu sehen: Die Ur-Angst vor dem Göttlichen, das uns erwartet, und von dem wir nur gläubig hoffen dürfen, da wir uns kein Bildnis machen können. Angst nimmt uns im Schlaf manche Träume und inszeniert daraus Alpträume, aus denen wir in Schweiß gebadet und fiebrig erwachen. 

Angst – nur ein besonderes Kennzeichen des melancholischen oder depressiven Menschen? Menschen, die so empfinden, sind oft einem Wechselbad der Gefühle ausgesetzt. Sie nehmen intensiver wahr, leiden stärker als andere und hinzu kommt dann noch ein Druck von außen: Ein richtiger Mann, eine richtige Frau, hat keine Angst, kennt keine Traurigkeit, vergießt keine Tränen. Weg damit!

Was ist das für eine Gefühlskälte? Tatsache ist doch, dass Angst im Herzen eines jeden Menschen haust. Beim Einen stärker, beim Anderen schwächer. Und die letzten Wochen und Tage haben vielleicht manchen unter uns viel Kraft gekostet: Ängste um die Zukunft der Welt, Ängste um den Frieden, Ängste um mich selbst –  und die Bilder der Medien tun das Ihre dazu, dass einem Angst und Bange werden kann. Traurigkeit befällt einen, wenn man sieht, wie Menschen einander zerstören.

Und diejenigen, die den Konsumismus, ihre Hierarchie und Westernmethoden zu ihrer Religion erhoben haben, erteilen sich nun gegenseitig kräftige Lektionen. Auch sie haben Angst! Angst, ihr strahlendes Gesicht zu verlieren! Angst als Verlierer dazustehen. Diese unguten Kräfte machen mich betroffen, sie machen mich traurig! Wenn ich mich mit diesen vielen Gedanken nun innerlich in den Garten Getsemani (und in die Basilika der Todesangst) begebe, dann nimmt meine Seele nicht nur die dunklen Kräfte der Finsternis wahr, sondern vor allem auch Hoffnungsstrahlen!

Auch Jesus hatte Angst und seine Seele war zu Tode betrübt. Aber er zeigt uns einen Weg aus dieser Hoffnungslosigkeit, hinein in eine andere Kraftquelle: „Bleibet hier, und wachet mit mir!“ sagt Jesus. Er lädt ein, mit ihm auszuharren, in Beständigkeit das Gebet zu pflegen! Den Jüngern fiel das schwer! Sie waren erschöpft und schliefen ein ...

Auch wir sind oftmals erschöpft von dem, was uns umgibt und uns vielleicht auch Angst macht ... Konntet ihr nicht einmal eine Stunde mit mir wachen? Wie ist das denn bei mir? Gehe ich nur in den Gottesdienst, um meine Pflicht zu erfüllen? Oder weil ich dort nette Leute treffe? Oder lebe ich auch außerhalb ein Leben, beidem meine Gedanken auch mit Gott gefüllt sind? Es muss nicht immer eine ganze Stunde sein. Es gibt verschiedenste Formen, so dass für jeden etwas dabei ist ...

Natürlich hat das Gebet auch seine Skeptiker. „Jetzt betet ihr laufend um den Frieden, und nun schau an, was daraus geworden ist...“ sagte vor Tagen jemand zu mir. Das Gebet ist kein Bezwingen von Dingen!  Vielmehr ist unser Gebet die Verbindung mit Gott, in dem wir Geist und Herz zum Herrn erheben und uns so Gott zuwenden, damit auch Gott sich uns zuwenden kann. Ich muß offen sein dafür! Ich muß es pflegen! Darin erfahren wir die Kraftquelle, um das Unzumutbare auszuhalten.

Das hört sich nun vielleicht für viele sehr theoretisch an! Für die Praxis muß man sich einige Anfragen gefallen lassen: Kenne ich denn Zeiten der Stille, auch wenn es um mich herum noch so tobt? Wo habe ich den Ruhepunkte in meinem Alltag? Wie bete ich denn? Fragen, die man nicht pauschal beantworten kann, sondern jeder nur für sich.

Jesus geht uns mit seinem gutem Beispiel voran: Vater, (....) nicht was ich will, sondern was du willst soll geschehen ... Was für eine Herausforderung! Steuere ich mich nicht vielmehr durch meinen Eigenwillen? Und bin ich nicht manchmal „eigen-willig“?

So lädt uns Jesus heute mit all unseren Ängsten und Sorgen ein, mit ihm auszuharren im Gebet. Wir sollen uns Räume schaffen, die uns ein Garten Getsemani sein können. Zu denen wir uns zurückziehen können. Wo wir unsere Ängste und Sorgen mit ihm teilen dürfen. Auch wenn uns dieser Schritt manchmal schwer fällt: Wir dürfen mit Jesus vertrauensvoll einstimmen: „Vater, dein Wille geschehe!“

Was für ein Trost in unseren angstvollen Zeiten: Wir dürfen ein Garten Getsemani sein!!!!  Amen.