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Golgota: Ein Blick in die Geschichte

Die Grabeskirche stellt das Hauptheiligtum der Christen dar, das den Golgotafelsen als Stätte der Kreuzigung, und das leere Grab des Auferstandenen  umschließt. Sie wird auch kurz  Anastasis , d. h. Auferstehung genannt. Sie ist in dem Häuser- und Gassengewirr  der Jerusalemer Altstadt trotz ihrer Größe nicht leicht zu finden, und wenn man endlich vor ihr steht, wird man etwas enttäuscht sein, weil man wegen der  vielen Anbauten nur wenig von dem noch immer herrlichen Bauwerk sieht.

ast jede christliche Konfession drängte so nahe wie möglich an Golgota und das Grab, und so entstand im Laufe der Jahrhunderte außerhalb wie innerhalb der Grabeskirche ein verwirrendes Konglomerat von Kapellen, Klöstern und Altären. Es würde den Rahmen sprengen, wollte man hier nun den gesamten geschichtlichen Hintergrund rund um die Grabeskirche erschließen.

Zu erwähnen sind jedoch die Besitzverhältnisse in der Grabeskirche: Es ist durchaus verständlich, dass die vielen christlichen Konfessionen jeweils einen möglichst großen Anteil an dem wichtigsten Heiligtum der Christenheit haben möchten, um in der Nähe der Kreuzigungsstätte und des Grabes Jesu ihre Liturgie feiern zu können. In der Vergangenheit veränderten sich die Besitzverhältnisse immer mehr, wobei es häufig zu gegenseitigen Störungen und heftigen Streitereien kam.

Aus diesem Grunde verkündete die türkische Regierung im Jahre 1852 das Gesetz des "Status quo", das die damals herrschenden Besitzverhältnisse festschrieb, und fortan als Norm für jede Regierungsentscheidung bei Meinungsverschiedenheiten galt. Diese Status-quo-Regelung, die die Lateiner den Griechen gegenüber benachteiligt, hat auch der Staat Israel übernommen: Die Grabeskirche als Bauwerk ist gemeinsamer Besitz der Griechen, Armenier und Lateiner. Den Kopten, Syrern und Äthiopiern gehören lediglich einzelne Kapellen bzw. Bereiche.

Simultane Stätten der Griechen, Armenier und Lateiner sind die Rotunde mit der Grabkapelle und der Salbungsstein. Das Gesetz des "Status quo" betrifft auch die Liturgiefeiern, deren Beginn und Ende genau festgelegt wurden, um gegenseitige Störungen zu vermeiden. Neue Feierlichkeiten dürfen nicht mehr eingeführt werden.

Wir stehen auf dem Vorhof zur Grabeskirche, der auf das 12. Jahrhundert zurückgeht. Die 19,5 m hohe Südfassade mit dem Hauptportal ist der architektonisch reizvollste äußere Teil der sonst nahezu schmucklosen Kirche! Sie gehört zum Kreuzfahrerbau, der im 12. Jahrhundert also in der Übergangsphase von der Romanik zur Gotik entstand. Vom Hauptportal der Grabeskirche gelangt man durch das südliche Nebenschiff in das Querschiff, das den Golgotafelsen im Osten mit der Grabrotunde im Westen verbindet.

Seit 1810 blickt der Besucher hier auf den Salbungsstein, eine rötliche Kalksteinplatte, die für die griechisch-orthodoxen Christen wesentlich von Bedeutung ist. Hier weihen sie in den vorhandenen Duftölen ihre Pilgermitbringsel. Der Stein und seine Öle erinnern daran, dass auch Jesus, als er mit Leinenbinden umwickelt wurde, zuvor mit wohlriechenden Alben eingerieben wurde.

Gleich hinter dem Hauptportal ersteigt man 15 Stufen zur 11,45m langen und 9,25m breiten Golgotakapelle, auch Kalvaria genannt. Beide Namen meinen in der Übersetzung nicht Schädelstätte im Sinne von einer Hinrichtungsstätte, sondern vielmehr weißt der Name  auf die Flurbezeichnung einer Felsformation hin, der die Form eines Schädels hatte.

Zwei Säulen teilen die Kapelle in zwei Bereiche. Der südliche Teil gehört den Lateinern, der nördliche den Griechen. Auf Golgota gedenken die Gläubigen der zehnten, elften und dreizehnten Station des Kreuzweges: Jesus wird an das Kreuz genagelt, Jesus stirbt am Kreuz, Jesu Leichnam wird in den Schoß der Mutter gelegt.

Das Mosaik über dem „Altar der Kreuzannagelung“ wurde 1937 von einem Italiener geschaffen und zeigt das grausame Geschehen auf Golgota. Hinter dem Kreuz steht die vor Schmerz erstarrte Gottesmutter. Die Deckenmosaike wurden ebenfalls 1937 gestaltet.

Lediglich ein Christusoval besteht noch aus dem Mittelalter. Zwischen den Säulen, die die Altarplatte tragen, befindet sich das Felsloch, in dem das Kreuz gestanden haben soll. Unter der silbernen Deckplatte kann man den Felsen ertasten. Die Ikonenwand hinter dem Altar zeigt den gekreuzigten Jesus, links von ihm Maria, rechts Johannes. Zwei schwarze Marmorplatten weisen auf die Stelle hin, wo angeblich die Kreuze der beiden Schächer standen.

Rechts vom Altar sieht man einen 15 cm breiten Felsspalt, der beim Tode Jesu entstanden sein soll: "Die Erde bebte, und die Felsen spalteten sich."(Mt)


Bibelstelle zu Golgota

Die Kreuzigung und der Tod Jesu: Mt 27,31b -54

Die Kreuzigung:

Dann führten sie Jesus hinaus, um ihn zu kreuzigen. Auf dem Weg trafen sie einen Mann aus Zyrene namens Simon; ihn zwangen sie, Jesus das Kreuz zu tragen. So kamen sie an den Ort, der Golgota genannt wird, das heißt Schädelhöhe. Und sie gaben ihm Wein zu trinken, der mit Galle vermischt war; als er aber davon gekostet hatte, wollte er ihn nicht trinken.

Nachdem sie ihn gekreuzigt hatten, warfen sie das Los und verteilten seine Kleider unter sich. Dann setzten sie sich nieder und bewachten ihn. Über seinem Kopf hatten sie eine Aufschrift angebracht, die seine Schuld angab: Das ist Jesus, der König der Juden.

Zusammen mit ihm wurden zwei Räuber gekreuzigt, der eine rechts von ihm, der andere links. Die Leute, die vorbeikamen, verhöhnten ihn, schüttelten den Kopf und riefen: Du willst den Tempel niederreißen und in drei Tagen wieder aufbauen? Wenn du Gottes Sohn bist, hilf dir selbst, und steig herab vom Kreuz!

Auch die Hohenpriester, die Schriftgelehrten und die Ältesten verhöhnten ihn und sagten: Anderen hat er geholfen, sich selbst kann er nicht helfen. Er ist doch der König von Israel! Er soll vom Kreuz herabsteigen, dann werden wir an ihn glauben. Er hat auf Gott vertraut: der soll ihn jetzt retten, wenn er an ihm Gefallen hat; er hat doch gesagt: Ich bin Gottes Sohn. Ebenso beschimpften ihn die beiden Räuber, die man zusammen mit ihm gekreuzigt hatte.

Der Tod Jesu:

Von der sechsten bis zur neunten Stunde herrschte eine Finsternis im ganzen Land. Um die neunte Stunde rief Jesus laut: Eli, Eli, lema sabachtani?, das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Einige von denen, die dabeistanden und es hörten, sagten: Er ruft nach Elija. Sogleich lief einer von ihnen hin, tauchte einen Schwamm in Essig, steckte ihn auf einen Stock und gab Jesus zu trinken. Die anderen aber sagten: Lass doch, wir wollen sehen, ob Elija kommt und ihm hilft.

Jesus aber schrie noch einmal laut auf. Dann hauchte er den Geist aus. Da riss der Vorhang im Tempel von oben bis unten entzwei. Die Erde bebte und die Felsen spalteten sich. Die Gräber öffneten sich und die Leiber vieler Heiligen, die entschlafen waren, wurden auferweckt. Nach der Auferstehung Jesu verließen sie ihre Gräber, kamen in die Heilige Stadt und erschienen vielen.

Als der Hauptmann und die Männer, die mit ihm zusammen Jesus bewachten, das Erdbeben bemerkten und sahen, was geschah, erschraken sie sehr und sagten: Wahrhaftig, das war Gottes Sohn!


Geistlicher Impuls zu Golgota

Von Bruder Samuel Elsner OSB

Das Kreuz Christi rette Dich! Diesen Segenspruch, liebe Schwestern und Brüder, hören wir dann, wenn uns in der Kreuzkapelle das Scheyerer Kreuz aufgelegt wird. In dieser Segensformel kommt zum Ausdruck, wie unser Leben von dieser Formel zutiefst geprägt ist:

Zum einen kennen wir die Grundsehnsucht in uns nach Rettung, nach Befreiung von dem, was uns belastet, wo wir Leid und Hoffnungslosigkeit erfahren, wo wir Verfolgungen, Verleumdungen, Armut, Krankheit, Ungerechtigkeit erleben... Kurz: alles das, was uns im Leben Mühe macht, was uns schwer von der Hand geht ... Das ist ein Kreuz! Wer kennt dies Sprichwort nicht? Unser Leben wird immer wieder durchkreuzt. Nehmt euer Kreuz und Ungemach, auf euch, folgt meinem Wandel nach ...

Wie schwer uns dies immer wieder gelingt wozu uns Angelus Silesius mit seinem Lied einlädt, zeigt uns unser alltägliches Leben: Denn schnell sind wir bei der Frage: Warum? Warum lässt Gott das zu? Diese Krankheiten: SARS, Aids. Diese unendlichen Kriege: in Afghanistan, im Irak ... Warum? Eli, Eli, lema sabachtani! Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen! Ausrufe in tiefster Not, in tiefster Einsamkeit! Finsternis lag über dem Land!

Der Blick aufs Kreuz kann uns aber eine Antwort geben, denn das letzte Wort Gottes war nicht das Kreuz, sondern das Leben! Das Leben siegte! Dieses unfassbare Rätsel von Schmerz und Tod wurde durch das Leben aufgehellt! Gott hat Jesus in der Stunde seines Todes nicht verlassen! Vielmehr war es Jesus, der in dieser unerträglichen Situation Gott nicht mehr gespürt hat. Er ist nur noch um sich gekreist ...

Auch ein bekanntes Gefühl von uns: Wir kreisen so um uns, dass wir andere gar nicht mehr wahrnehmen... Wie wollen wir dann eigentlich Gott wahrnehmen? Das bisher gesagte will keine pauschale und einfache Antwort sein, die alle Dunkelheiten rational auflichtet ... Vielmehr sind wir durch das Mitleiden Gottes am Kreuz verpflichtet, die Last des anderen mitzutragen und sich aktiv einzusetzen, wo immer es möglich ist, Leid vermeidbar oder begrenzbar zu machen.

Unsere leidenden Mitmenschen sollen an uns Gott erfahren! Da kommt alles das zum Tragen, was uns bei den vergangenen Kreuzbegegnung beschäftigt hat: Der innere Tempel in mir – mein Heiliges soll erfahrbar sein. Einander das Brot teilen – für den der in unserer Welt hungert.

Trost in unseren Ängsten spenden

Und auch wenn wir alles getan haben, was in unseren Kräften steht, bleibt noch genug Leid, das wir mit bestem Willen nicht verändern können. Das Schauen auf das Kreuz mag für uns Christen dann das Einzige sein, was uns aufzurichten vermag! Wir dürfen „gegen alle Hoffnung voll Hoffnung“  sein– wie es im 4. Kapitel des Römerbriefes heißt ... (Röm 4,18)

Diese Glaubensüberzeugung, die sicherlich ein hohes Ideal ist, müsste uns Christen sensibel machen gegen die in unserer Gesellschaft wachsende Unempfindlichkeit gegenüber dem Leiden, gegen seine Verdrängung und Tabuisierung.

Wie ist denn unsere Leidensfähigkeit und Mitleidsfähigkeit? Schalten wir nicht viel lieber die Ohren ab, wenn einer mit seinen Problemen zu uns kommt? Ist das Leben nicht viel schöner ohne Probleme? Also schaue ich sie gar nicht erst an ... Oder die Gewaltbereitschaft in unserer Gesellschaft: Merken wir überhaupt noch, wie wir uns gegenseitig an Körper oder Seele verletzten?

Wenn wir lernen, das Kreuz als Echtheitszeichen unseres Lebens anzunehmen, und es in unserem Leben zu integrieren, dann können wir auch manches Leid bestehen: hindurch zum neuen Leben! Wo erfahre ich Jesus in meinem Leben als Bruder? Wo bin ich anderen Bruder oder Schwester? Bin ich auch für andere ein Kreuz?

Das Kreuz Christi rette Dich! So sei es: Amen, ja Amen!