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Einblicke in das Kloster – anlässlich der Abtweihe

von P. Prior Benedikt Friedrich OSB

Die Wahl und die Weihe eines Abtes ruft viel öffentliches Interesse hervor und lässt in Gesprächen spüren, wie wenig Außenstehende im Allgemeinen über die klösterlichen Belange wissen. Dieser Beitrag will dem interessierten Leser einige tiefere Einblicke ermöglichen.

Die Wahl

Die elf bayerischen Benediktinerklöster haben sich zur Bayerischen Kongregation zusammengeschlossen und leben nach gemeinsamen Satzungen, welche die Regel des Heiligen Benedikt in spiritueller, praktischer und rechtlicher Hinsicht auslegen. Seit den 70er Jahren sehen diese Satzungen vor, dass ein amtierender Abt im Alter von 70 Jahren seinen Rücktritt (Resignation) einreicht, so wie auch bei Pfarrern (mit 70) und Bischöfen (mit 75) eine Altersgrenze für die Ausübung ihres Dienstes gilt. Der einzige, der bis zum Tod sein Amt innehat, ist der Papst.

Das Procedere einer Abtwahl ist in den Satzungen genau geregelt. Der Abtpräses, der auf Zeit gewählte Vorsitzende der Kongregation, bestimmt den Termin, steht der Wahl vor und bestätigt am Ende das Ergebnis. Mit der Wahl eines Abtes haben wir in der Kirche ein demokratisches Element: Hier wird ein Oberer nicht ernannt, sondern gewählt, und zwar von allen Mitbrüdern des Klosters, die sich durch die ewigen Gelübde (Ewige Profess) auf Lebenszeit an das Kloster gebunden haben. Diese geheime Wahl gibt es in den Klöstern schon von alters her, in Männer- wie in Frauenklöstern. Bemerkenswert ist dabei, dass Nonnen schon lange vor der Einführung des allgemeinen Wahlrechtes für Frauen gegen Ende des 19. Jahrhunderts ihre eigene Leitung wählen durften.

Die Weihe

Nach der Wahl wird der Gewählte gefragt, ob er die Wahl annimmt, und anschließend durch den Wahlleiter, den Abtpräses, in das Amt eingeführt. Der bisherige Abt übergibt seinem Nachfolger das Brustkreuz (Pectorale), die symbolischen Schlüssel des Klosters und das Siegel. Damit ist der Neugewählte mit allen Rechten und Pflichten Abt des Klosters. Daraus wird bereits ersichtlich, dass der Begriff der Abtweihe nicht ganz korrekt ist. Denn mit einer Diakonen- oder Priesterweihe wird der Weihekandidat erst durch den Akt der Weihe zu dem, was er vorher noch nicht war: Diakon oder Priester. Daher wird häufig der Begriff der Abtsbenediktion, der Segnung gebraucht: Der Bischof segnet den neuen Abt und erbittet für dessen verantwortungsvollen Dienst Gottes Segen. Eines ändert sich allerdings durch diesen Gottesdienst schon. Der Abt bekommt die Insignien (Stab, Ring und Mitra) überreicht und darf sie fortan als Zeichen seines Amtes tragen. Der Stab erinnert an einen Hirtenstab und die Sorge für die ihm Anvertrauten, der Ring symbolisiert die Treue.

Der Obere

Diese äußeren Zeichen machen anschaulich, welche gewichtige Rolle ein Abt auch kirchenrechtlich hat. Er ist der „höhere Obere“ für die ihm anvertrauten Mönche und kann z.B.  Mitbrüder aus gerechtem Grund (z.B. wegen Alter oder Krankheit) von kirchlichen Geboten (z.B. Fasttagen oder der Verpflichtung zum Stundengebet) dispensieren. Ein Benediktinerkloster ist juristisch exemt, d.h. nicht ein Teil der Diözese, sondern sozusagen eine Kirche im Kleinen.

Die Frage, ob ein Mitbruder nach dem Theologiestudium geweiht werden soll, verantwortet der Abt, wenn er diesen Kandidaten dem Bischof zur Weihe vorschlägt. Der Bischof richtet im Ritus der Diakonen- oder Priesterweihe an den Abt die Frage, ob er den Mitbruder für würdig halte, und weiht den Kandidaten im Auftrag des Klosters. Alle Mönche sind selbstverständlich dem Papst unterstellt, wie jeder andere Glaubende auch, und die in der Seelsorge tätigen Patres müssen sich an die Vorgaben des Diözesanbischofs halten, wie alle anderen Seelsorger auch. Doch als Mönch ist man nur dem Abt unterstellt und kann z.B. nicht an eine andere Seelsorgsstelle abgeordnet werden.

Diese Selbständigkeit der Klöster auf der einen Seite korrespondiert mit einer finanziellen und wirtschaftlichen Selbständigkeit auf der anderen Seite. Klöster müssen sich selbst erhalten und bekommen keinen Anteil an der allgemeinen Kirchensteuer. Soweit die Mönche als Lehrer arbeiten (z.B. im Religionsunterricht), bekommt das Kloster vom Staat eine Vergütung; soweit Patres in der Seelsorge tätig sind, entlohnt die Diözese diesen Dienst. „Dann sind sie wahrhaft Mönche“, schreibt der Hl. Benedikt, „wenn sie von ihrer Hände Arbeit leben.“ Freilich kann man so nicht die großen Gebäudekomplexe unterhalten, welche gemeinhin bayerische Klöster für viele Besucher so attraktiv machen. Dazu braucht es wirtschaftliche Unternehmungen.

Die Eigeninitiative

Die Selbständigkeit des Klosters und die unmittelbare Nähe des obersten Entscheidungsträgers, des Abtes, führen dazu, dass Klöster sehr kurze Entscheidungsprozesse haben. Das ist in unserer Gesellschaft keineswegs selbstverständlich. In seinem Buch „Worauf warten wir?“ beschreibt Abtprimas Notker Wolf eine deutsche Mentalität, welche dem Land nicht gut tut: Darauf zu warten, dass andere etwas machen, und das Gefühl, mit dem eigenen Vorschlag, dem eigenen Beitrag doch nichts Entscheidendes beitragen zu können. Klöster dagegen spüren, dass sie auf niemanden zu warten brauchen. Vielmehr liegen Möglichkeit, Gedanke, Vorhaben und Umsetzung sehr eng beieinander, werden durch die große Verantwortungen und die großen Möglichkeiten gefördert.

In Scheyern hat man in diesen wenigen Jahren des neuen Jahrhunderts bereits einige Großprojekte angepackt und umgesetzt: Wiederbelebung der eigenen Brauerei, Erweiterung und Renovierung der Klosterschenke, eigene Energieversorgung mit einem Biomassekraftwerk (Hackschnitzelheizung), Modernisierung der Klostermetzgerei u.a.m.. Momentanes Großprojekt ist die Sanierung des romanischen Kirchturms und die Erneuerung von Glockenstuhl und Glocken. Diese Maßnahme wurde im Vertrauen auf die großherzige Unterstützung durch Spenden aus Nah und Fern begonnen.

Die Kontinuität

Eine Besonderheit der benediktinischen Lebensweise ist die „stabilitas loci“, das Bleiben am Ort. Der Mönch, die Nonne, bleibt in dem Kloster, in dem er bzw. sie eingetreten ist. In unserer mobilen Gesellschaft ist das ein alternativer Lebensentwurf. Klöster schenken durch ihre Kontinuität Heimat und Geborgenheit. Allein die Tatsache, dass die Gebäude die gleichen wie vor einer Generation sind, bedeutet schon viel.

Äbte und Äbtissinnen üben ihr Amt in der Regel auf lange Perspektive hin aus, anders als Provinziale in anderen Ordensgemeinschaften. Deshalb sprechen manche Gläubige auch von „unserem Abt“; es entsteht eine Identifikation nicht nur mit dem Kloster, sondern auch mit seinem Vorsteher. Dabei spielt es zunächst keine Rolle, ob die Abtwahl auf Lebenszeit (d.h. bis zum 70. Geburtstag) oder zunächst auf zwölf Jahre erfolgt ist. Diese Möglichkeit sehen die Satzungen der Bayerischen Benediktinerkongregation seit einigen Jahren vor. Davon wurde auch schon Gebrauch gemacht, auch in Scheyern.

Spirituelles Zentrum

Klöster sind in unserem Land als spirituelle Zentren nicht wegzudenken. Das beginnt schon damit, dass sie häufig an ganz besonderen Orten gebaut wurden, wo auch weniger kirchliche Menschen eine besondere Kraft des Ortes bezeugen. Hinzu kommt der Glaube der vielen Menschen, die hier gelebt, gewirkt und gebetet haben, und die Stein gewordenen Zeugnisse dieses Glaubens in den Kirchen, im Kreuzgang und in der Präsenz von besonderen Reliquien (Scheyrer Kreuz). All dies wird gefüllt mit einer besonders gut gepflegten Liturgie, an welcher alle Gläubige teilnehmen können.

Dem Abt kommt dabei eine besondere Verantwortung zu: „Er vertritt im Kloster die Stelle Christi“, so die Ordensregel, und wird Abt genannt, was sich vom biblischen „Abba, Vater“ ableitet. Somit ist eine wichtige Vorgabe gemacht. Denn auch wenn das Kloster und sein Vorsteher in der Spannung zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Tradition und Moderne stehen, so bleibt eine Lebensaufgabe immer gleich: sich mehr und mehr auf Gott hin auszurichten, „damit in allem Gott verherrlicht werde“, wie der heilige Benedikt schreibt.