2026
In dem folgenden Predigtarchiv finden Sie eine Auswahl von Predigten zum Nachlesen. Diese sind in einem Zeitraum bis zu einem Kalenderjahr zurück aufgeführt.
Neben dem Gottesdienst bieten wir auch die Möglichkeit das Sakrament der Beichte zu entrichten.
- Sonntag im Jahreskreis (A), 25.01.26
L: 1 Kor 10-13.17
Ev: Mt 4,12-23
Liebe Schwestern und Brüder!
Worte, die Menschen gebrauchen, oder vielleicht treffender gesagt, Worte, die Menschen in den Mund nehmen, sind mehr als nur eine wahllose oder zufällige Zusammensetzung von verschiedenen Buchstaben aus dem Alphabet. In Worten kommt das zum Ausdruck, was Menschen beschäftigt, was uns wichtig ist, was wir wollen und was wir anderen sagen möchten.
So ist es nicht egal, welche Worte wir gebrauchen oder in den Mund nehmen, denn Worte haben nicht nur eine Bedeutung, sondern sie können auch etwas bewirken. Ja, sie haben immer eine Wirkung, ob wir es wahrhaben oder nicht, ob wir es wollen oder nicht.
In diesem Sinne sprechen wir explizit von sog. Zauberworten. Wenn jemand Kreuzworträtsel löst, dann weiß er, dass es da verschiedene Begriffe für Zauberworte gibt. Irgendwo habe ich mal gelesen: Das kürzeste Zauberwort hat 5 Buchstaben, das längste 10 bzw. 11. Als Beispiele wurden genannt: „Bitte“ und „Danke“ mit 5 Buchstaben, sowie „Simsalabim“ bzw. „Abrakadabra“ mit 10 bzw. 11 Buchstaben. Zauberworte!
Auch wer keine Kreuzworträtsel löst, weiß um die Zauberkraft von „Bitte“ und „Danke“, die ohne magischen Hintergrund, wirklich zaubern können, weil sie einfach, indem wir sie sagen, in den Mund nehmen oder auch schreiben, verändern, viel verändern können, vor allem eine Atmosphäre: Bitte und Danke!
Neben solchen Zauberwörtern gibt es aber noch eine Art besonderer Worte, nämlich so etwas wie Schlüsselworte, die nicht nur ein Code sind, der aus einer bestimmten Anzahl von Groß- und Kleinbuchstaben sowie Sonderzeichen bestehen muss, sondern sie stehen irgendwo oder irgendwie am Anfang und können uns helfen etwas zu erschließen oder zu verstehen, einen Zugang zu finden.
Gerade haben wir in Evangelium gehört: Von da an begann Jesus zu verkünden: Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe. Um Jesus zu verstehen, sind das so etwas wie Schlüsselworte oder Schlüsselbegriffe, die immer wieder auftauchen und die helfen können zu verstehen, worum es Jesus geht. Das Problem dabei ist „nur“, was er mit Umkehren genau gemeint hat oder was gemeint sein könnte. Ist es diese Kehrtwende um 180 Grad, zu der uns ein Navi auffordert: „Wenn möglich, bitte wenden!“? Oder ist es die Aufforderung zur Buße, die sich in manchen Bibelübersetzungen an dieser Stelle findet?
Ich glaube, man könnte es auch so sagen, dass es je nach Situation und Umstände eine Kehrtwende oder auch die Aufforderung zur Buße sein könnte, die noch etwas anderes miteinschließt, das auch wichtig und relevant sein könnte, nämlich umdenken.
Umdenken, anders denken, zu fragen ob, wir noch auf dem richtigen Weg sind, ob das so weitergehen kann, ob das zielführend ist, wie wir unterwegs sind, wie wir leben.
Denkt um, das Himmelreich ist nahe! In der politischen und gesellschaftlichen Situation, in der sich unser Land, ja die ganze Welt, aber auch die Gemeinschaft der Kirche befindet, ist das auch ein Schlüsselwort, das nicht unbedingt neu ist, aber doch immer wieder neu beherzigt werden könnte: Kehrt um, denkt um!
Der frühere Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Gerd Müller, hat 2020 ein Buch herausgegeben: „Umdenken – Überlebensfragen der Menschheit.“ (Wir hatten dieses Buch in der Gemeinschaft als Tischlesung). In diesem Buch skizziert er die unterschiedlichen und komplizierten wirtschaftlichen Verflechtungen, die gar nicht so einfach zu durchschauen sind. Er zeigt Chancen aber auch Risiken auf. Manche der Risiken sind inzwischen eingetreten bzw. auf dem Weg, Wirklichkeit zu werden, durch Kriege, wie etwa in der Ukraine und anderswo, oder durch die Veränderungen in den USA bzw. in anderen Staaten.
Kehrt um! Denkt um, das Himmelreich ist nahe! Heute am 25. Januar ist eigentlich ein Tag des Umdenkens, denn heute steht im liturgischen Kalender das Fest der Bekehrung des Apostels Paulus. Durch den Sonntag wird es verdrängt, also nicht gefeiert. Aber ich glaube, es kommt in diesem Satz vor: Kehrt um! Denkt um, das Himmelreich ist nahe!
Ich glaube, ich hoffe, die meisten kennen die Geschichte von Paulus, der eigentlich Saulus hieß und ein grausamer Verfolger der Christen war, bis etwas geschehen ist, das ihn aus der Bahn geworfen hat. Es war eine Frage, nur ein eine Frage: „Warum verfolgst du mich?“ In vielen Bildern ist das ganz dramatisch dargestellt und ausgemalt, so auch in der Pfarrkirche meiner Heimat, wo es den Saulus/Paulus im Deckengemälde vom Pferd haut, obwohl in der Apostelgeschichte kein Pferd vorkommt. Immer wenn ich beim Kreuzritt aufs Pferd steige, fällt mir diese Darstellung ein. Aber es war nur eine Frage, ein Schlüsselwort: „Warum verfolgst Du mich?“ Wenn Sie heute im Kreuzgang in die Jahreskrippe schauen, dann finden Sie diese Szene dort, auch mit Pferd zur Bekräftigung des Umdenkens, dass jemand vom hohen Ross steigen oder auch stürzen muss.
Deshalb fordert dieser Saulus, der zum Paulus geworden ist, in seinen Briefen immer wieder zum Umdenken auf. In der Lesung haben wir heute seine Fragen, seine Anfragen gehört: Ist denn Christus zerteilt? Wurde etwa Paulus für euch gekreuzigt? Oder seid ihr auf den Namen des Paulus getauft worden?
Nicht nur bei Paulus gab es ein solches Erlebnis, sondern auch beim Apostel Petrus. Er wurde gefragt: „Liebst Du mich?“ Kehrt um! Denkt um, das Himmelreich ist nahe!
Ich denke bei diesem Schlüsselwort auch an meine Pilgerfahrt ins Heilige Land mit Theo Seidl, wo wir auch in dieser Stadt Kafarnaum, bzw. bei den Ausgrabungen waren, also dort, wo Jesus angefangen hat, Worte zu sprechen, diese Worte in den Mund zu nehmen. Der Reiseführer sagte damals: „Hier ist etwas geschehen, dass die Menschen plötzlich anders gebaut haben. Nicht viel, aber doch anders.“
Kehrt um! Denkt um, das Himmelreich ist nahe! Zauberworte, Schlüsselworte. Es ist nicht egal, welche Worte wir in den Mund nehmen, weil es auch nicht egal ist, was wir denken, was wir fühlen. Schlüsselworte oder auch Schlüsselfragen:
Würde dich gerne fragen, was es auf sich hat mit dem Himmelreich.
Und würde gerne wissen, ob es tatsächlich nur ein Trost ist, das Himmelreich.
Und würde gerne erfahren, wo ich es finde, das Himmelreich.
Würde dich fragen, wenn ich wieder bete, um das Himmelreich.
Und werde dann verstehen, wie es anfängt, das Himmelreich.
Kehrt um! Denkt um, das Himmelreich ist nahe!
Erscheinung des Herrn, 06.01.26
L: Jes 60, 1-6
Ev: Mt 2,1-12
Liebe Schwestern und Brüder!
Es ist ein Kennzeichen unserer Zeit geworden, dass wir jeden Tag mit einer Fülle von Nachrichten und Informationen konfrontiert werden, so dass wir die meisten vermutlich gar nicht mehr wahrnehmen, geschweige denn, dass wir sie uns merken können oder auch merken wollen. Und doch sind in dieser Fülle, die uns da tagtäglich überschwemmt oder überrollt, immer wieder mal welche dabei, die uns aufmerken lassen und die uns nachgehen.
Der folgende Satz ist für mich so einer: Die Menschen halten zusammen. Vielleicht ist das jetzt das Licht im Dunkeln! Das war der letzte Satz eines Berichts über den Stromausfall nach einem Anschlag auf die Stromversorgung in Berlin, der am Samstag einen ganzen Stadtteil mit etwa 40.000 Haushalten lahmlegte und Menschen im Dunkeln sitzen ließ und der zum Teil immer noch andauert, und so Evakuierungen von Menschen notwendig waren, die sich selber nicht helfen konnten. Die Menschen halten zusammen. Vielleicht ist das jetzt das Licht im Dunkeln!
Der Bericht aus Berlin zeigte zuerst aber auch, wie abhängig unser Leben von dieser Energiequelle Strom geworden ist, so dass im Falle einer Störung das Leben eigentlich zum Erliegen kommt, weil neben Licht und Wärme auch vieles andere, ja praktisch nichts mehr geht. Das gilt nicht nur für die Hauptstadt unseres Landes, sondern das wäre, das ist überall so der Fall. Jeder von uns wird in dieser Hinsicht einschlägige und „dunkle“ Erfahrungen bereits gemacht haben.
Die Erfahrung von Dunkelheit stellt unser Leben nicht nur in der Frage der Energieträger auf den Prüfstand. Die Erfahrung von Dunkelheit steht auch am Anfang des Festes, das wir heute miteinander feiern. Wir haben von Menschen gehört, die einen Stern haben aufgehen sehen und sich deshalb auf den Weg gemacht haben, vielleicht auch nicht so ganz freiwillig. Sterne sieht man aber nur im Dunkeln, das ist sozusagen der Preis, den Menschen im Leben dafür zahlen müssen. Welche Dunkelheiten das im Leben der drei Menschen waren, wissen wir nicht. Denn siehe, Finsternis bedeckt die Erde und Dunkel die Völker, so hat es der Prophet Jesaja in der Lesung formuliert und zusammengefasst.
Die Menschen halten zusammen. Vielleicht ist das jetzt das Licht im Dunkeln! So war und ist das jetzt zum Teil immer noch in Berlin und an vielen anderen Orten auf dieser Welt, wie etwa in dem Schweizer Urlaubsort Crans Montana, wo zwar die Energieversorgung tadellos funktioniert und am Neujahrsmorgen die Sonne aufging, aber es für Menschen nach der Brandkatastrophe in der Kellerbar nicht mehr hell geworden, sondern dunkel geblieben ist. Denn siehe, Finsternis bedeckt die Erde und Dunkel die Völker. Ein ganzes Land trauert jetzt.
Auf ihrem Weg ins Licht und zum Licht lernen die drei suchenden Menschen noch eine ganz andere Art von Dunkelheit kennen, die es auch am hellen Tag geben kann. Es ist die Angst, die Angst des Herodes um die Macht. Als er die Frage nach dem neugeborenen König der Juden hörte, erschrack er und mit ihm ganz Jerusalem. Eigenartigerweise hatte er Menschen in seiner Nähe, die davon wussten, wann und wo dies geschehen sollte, aber auch sie waren offenbar von etwas geblendet, so dass sie den Stern und seine Bedeutung nicht sehen und erkennen konnten oder auch wollten.
Liebe Schwestern und Brüder, manchmal beten wir in der Komplet, also dann, wenn es dunkel wird oder schon dunkel ist: Gott, du hast uns durch deinen menschgewordenen Sohn Jesus Christus zu Brüdern und Schwestern gemacht. Lass alle, die deinen Namen tragen, gemeinsam dir dienen.
Das heutige Fest erinnert auch daran, dass die Welt an der Krippe zusammenkommt und dass dieser Welt, repräsentiert durch diese drei Menschen, beim Anblick des Kindes im wahrsten Sinne des Wortes ein Licht aufgeht: Du hast uns durch deinen menschgewordenen Sohn Jesus Christus zu Brüdern und Schwestern gemacht. Dieses Licht hat sie verändert, sie haben nicht nur ihre Schätze dagelassen, sondern auch ihre Sorgen und Nöte. Sie haben das Licht mitgenommen in die Dunkelheit, aus der sie gekommen waren.
Auch in unserer Jahreskrippe im Kreuzgang sind Anliegen und Nöte unserer Zeit unter die Schätze gemischt. Vielleicht entdecken Sie diese und legen Ihre eigenen einfach in Gedanken mit dazu.
Die Menschen halten zusammen. Vielleicht ist das jetzt das Licht im Dunkeln! So wurde und wird es jetzt ganz konkret in Berlin, einer Stadt, über die man viel sagen und denken kann und aus der man viel hört, was Menschen in unserem Land und darüber hinaus auch Angst macht.
Als im September 2011 Papst Benedikt Berlin besuchte, sagte der damalige Bischof von Berlin, Woelki, bei der Begrüßung: „Berlin ist keine gottlose Stadt, obwohl sie auch von Gottvergessenheit und Atheismus geprägt ist“. Und er erinnerte an die unterschiedlichen christlichen Kirchen in der Stadt und auch an das Miteinander der anderen Religionen zum Wohl der Menschen in dieser Stadt, was es auch gibt. Du hast uns durch deinen menschgewordenen Sohn Jesus Christus zu Brüdern und Schwestern gemacht. Das ist die Einladung zum Frieden an Menschen guten Willens, wie es der Wunsch der Engel in Bethlehem war.
Die Menschen halten zusammen. Vielleicht ist das jetzt das Licht im Dunkeln! Liebe Schwestern und Brüder, das ist nicht nur ein Satz aus Berlin, sondern auch für Berlin. Das ist ein Satz für Jerusalem und Bethlehem, für die Ukraine und Syrien, für Moskau und Washington, aber auch für Scheyern und alle Orte, aus denen Sie heute gekommen sind, und seien diese Orte auch noch so klein, denn: Du hast uns durch deinen menschgewordenen Sohn Jesus Christus zu Brüdern und Schwestern gemacht.
Deshalb: Auf Jerusalem, werde Licht, denn es kommt dein Licht – oder anders gesagt: Herr, lass uns in den Finsternissen unseres Lebens deinen Stern aufgehen, damit wir Wege finden, die uns weiterführen.
Neujahr, 01.01.26
L: Gal 4,4-7
Ev: Lk 2,16-21
Liebe Schwestern und Brüder!
Heute Nacht haben wir kurz vor Mitternacht unsere Basilika noch einmal aufgesperrt zum stillen Gebet, wie Sie es vielleicht im Pfarrboten gelesen haben. In den letzten Tagen wurde ich vermutlich auf die Notiz hin mit einem Augenzwinkern gefragt, ob sich dahinter eine Art kirchliche Silvesterparty verbirgt. Ebenfalls mit einem Augenzwinkern habe ich darauf geantwortet: Das könnte man so sagen.
Ja, man könnte es so sagen, weil es eine, weil es meine Möglichkeit ist, vom alten in das neue Jahr hinüberzugehen. Obwohl die Knaller von draußen zu hören waren, so ist es doch zunächst erst einmal still gewesen. Kurz vor Mitternacht habe ich mit denen, die da waren, das Lied gesungen: Lob preiset all zu dieser Zeit. Der vielleicht bewegendste Augenblick war, als die Menschen, die da waren, hier vorne beim Läuten unserer Glocken in ihren Anliegen und Wünschen für das neue Jahr ein Licht angezündet haben.
Die dritte Strophe des erwähnten Liedes ist mir in all den Jahren, seit ich mit dieser „kleinen, kirchlichen Silvesterparty“ ins neue Jahr komme, die wichtigste geworden: Er ist der Weg, auf dem wir gehn, die Wahrheit, der wir trauen. Er will als Bruder bei uns stehn, bis wir im Glanz ihn schauen. Das neue Kalenderjahr, das heute Nacht begonnen hat, liegt wie ein Weg vor uns. Es ist ein Weg, der uns einlädt, ihn zu gehen, auf ihm voranzuschreiten, im wahrsten Sinne des Wortes Fortschritte zu machen, Fortschritte im Guten. Es wird sich zeigen, wie weit wir kommen und was uns dabei gelingt.
Neue Jahre bringen es mit sich, dass sich auch etwas verändert oder etwas neu in den Blick rückt. Vielleicht sind Ihnen heute im Klosterhof Fahnen aufgefallen, die anders sind als die Fahnen, die dort sonst zu bestimmten Anlässen hängen. Die Fahnen, die wir heute früh aufgehängt haben, wollen auf etwas aufmerksam machen: 950 Jahre Bayrischzell – Benediktiner von Scheyern. Die Fahnen weisen auf einen Weg hin, den Menschen vor 950 Jahren mit der Gründung des Klosters in Bayrischzell, damals Margarethenzell, begonnen haben.
Es ist ein Weg, auf dem viele Menschen mit ihrem Leben unterschiedlich lang unterwegs waren.
Es ist ein Weg, der mit Umwegen und Zwischenstationen bis hier nach Scheyern geführt hat.
Es ist ein Weg, der mit Fortschritten aber auch mit Rückschritten bis heute andauert.
Und es ist ein Weg, der mit dem, was wir heute im Evangelium gehört haben, etwas zu tun hat. Hirten machen sich auf den Weg nach Bethlehem, weil sie ein Kind suchen, von dem sie gehört haben und von dem sie sich etwas erhoffen, vielleicht auch versprechen. Die Hirten haben in dem Kind jemanden gefunden, der ihre Wege anders aussehen lässt, der sie ihre Wege anders gehen lässt. Er will als Bruder bei uns stehn, bis wir im Glanz ihn schauen.
Mönche machen sich auf den Weg, weil sie etwas suchen, von dem sie gehört haben, von dem sie sich etwas erhoffen, von dem sie sich etwas versprechen. Der heilige Benedikt formuliert es für seine Mönche so: „Sie sollen wahrhaft Gott suchen.“ Ein Gott, der Wege anders aussehen lässt und der Wege anders gehen lässt. Er will als Bruder bei uns stehn, bis wir im Glanz ihn schauen.
Wie es den Mönchen vor 950 Jahre ergangen ist, als sie durch den Wunsch der Grafen von Scheyern, am Fuße des Wendelstein ein Kloster zu errichten, sich auf den Weg in diese Gegend gemacht haben, die damals noch keine schöne Fremdenverkehrsgegend war, das weiß ich nicht. Es muss sie aber etwas bestärkt und bewegt haben, diesen Weg zu gehen, weiterzugehen: Er will als Bruder bei uns stehn, bis wir im Glanz ihn schauen.
Gott suchen und zugleich bei den Menschen sein, das, so glaube ich, hat die Wege unserer klösterlichen Vorfahren bestimmt und auch ausgemacht. Es ließ Wege anders aussehen und Wege anders gehen. Dabei haben sie Spuren hinterlassen, die bis heute sichtbar sind, nicht nur in manchen Gebäuden, die bis heute noch stehen, sondern auch in der Art und Weise, wie Menschen ihr Leben gestalten können. Er will als Bruder bei uns stehn, bis wir im Glanz ihn schauen.
So lade ich Sie ganz herzlich ein, mit uns als Klostergemeinschaft dieses Jubiläumsjahr zu begehen. Es wird sicher immer wieder zur Sprache kommen. An bestimmten Tagen werden wir uns auch auf den Weg nach Bayrischzell machen und Sie einladen, wenn Sie möchten, uns dabei zu begleiten. Wir tun es, weil immer noch gilt und weil wir darauf vertrauen: Er will als Bruder bei uns stehn, bis wir im Glanz ihn schauen.
In diesem Sinne wünsche ich uns heute Gottes Segen und Gottes Geleit auf den Wegen, die vor uns liegen und die jeder einzelne von uns zu gehen hat. Er will als Bruder bei uns stehn, bis wir im Glanz ihn schauen. Dem Herrn, der Tag und Jahr geschenkt, der unser Leben trägt und lenkt, sei Dank und Lob gesungen.
Weihnachten, ein Fest mit Profil
Liebe Schwestern und Brüder!
„Alle Jahre wieder“ so beginnt ein bekanntes Weihnachtslied, das in diesen Tagen nicht nur gesungen wird, sondern manchmal auch mit einem etwas spöttischen Unterton zitiert werden kann und auch zitiert wird, wenn die Zeit des Advents und die weihnachtlichen Tage nach traditionellen und etwas eingefahrenen Mustern ablaufen, mit denen sich Menschen auch schwertun können.
„Alle Jahre wieder“, damit meinen manche auch den sog. Weihnachtsstress, dem sie ausgesetzt sind oder den sie sich selber machen. Obwohl für uns in unserer „Branche“ Weihnachten „Hochsaison“ ist und damit auch Arbeit bedeutet, empfinde ich diese Tage nicht als Stress.
„Alle Jahre wieder“ kommt es dann doch auch vor, dass mir Menschen nicht nur frohe Weihnachten, sondern auch ruhige Feiertage wünschen. Das ist dann doch ein etwas unrealistischer Eindruck, ruhig sind die Feiertage nicht, aber schön. Schön sind sie, alle Jahre wieder.
„Alle Jahre wieder“ laufen in unserer Klostergemeinschaft diese Tage vor und um Weihnachten nach einem ziemlich feststehenden Ritual ab, das ich sehr schätze und das mir nicht nur hilft, mich auf Weihnachten einzustimmen und vorzubereiten, sondern auch das damit verbundene Arbeitspensum zu bewältigen.
Heuer – so muss ich zugeben – gab es eine Abweichung, eine Änderung. Unmittelbar vor Adventsbeginn hatte ich noch drei Tage Urlaub und ich bin nach Fulda gefahren. Dort war – wie alle Jahre wieder in vielen anderen Städten auch – der Weihnachtsmarkt schon voll im Gange und man kam ihm eigentlich gar nicht aus, wenn man in die Stadt gehen wollte.
Diesen Weihnachtsmarkt habe ich meistens nur „gestreift“, denn ich hatte etwas anders vor. Ich hielt Ausschau nach Schuhen. Wenn ich nämlich unbedingt Schuhe brauche, dann finde ich bestimmt keine. Weil aber derzeit kein akuter Bedarf bestand, habe ich tatsächlich welche gefunden. Ein praktisches und auch sinnenfälliges Weihnachtsgeschenk, wie ich später merken sollte.
„Alle Jahre wieder“, das bedeutet auch, dass ich relativ viel Weihnachtspost zu schreiben habe und auch viel Post bekomme, über die ich mich freue, weil man darin auch manchmal etwas aus dem Leben von Menschen erfährt, die mir nahestehen oder mit denen ich das Jahr über zu tun habe. In dieser Weihnachtspost war heuer eine Karte, die mir sofort auffiel, weil sie so ganz anders war. Auf ihr standen nämlich nicht die üblichen Wünsche für ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest sowie für ein gutes neues Jahr, sondern auf dieser Karte stand zu lesen: Die Hirten folgten dem Stern zum Kind. Sein göttlicher und menschlicher Fußabdruck brachte: Heil, Licht, Liebe, Hoffnung Versöhnung, Barmherzigkeit und Weihnachtsfreude.
„Alle Jahre wieder“ – Weihnachten ist nicht einfach ein Fest, das man sozusagen abfeiert, absitzt oder hinter sich bringt, sondern Weihnachten ist ein Fest mit Profil, ein Fest in dem der Fußabdruck, den Jesus auf dieser Erde hinterlassen hat, sichtbar und erfahrbar wird. Dieser Fußabdruck ist ein Anforderungsprofil an uns Menschen, das sich im Leben zeigen kann und zeigen will: Heil, Licht, Liebe, Hoffnung Versöhnung, Barmherzigkeit und Weihnachtsfreude.
Der Evangelist Johannes hat das so formuliert, wie wir es gerade gehört haben: Allen, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden. Diese in Aussicht gestellte Macht ist eine Frage des Profils, nicht an den Schuhen, sondern im Herzen, im Denken und im Tun, weil es Spuren hinterlässt, ganz persönliche und individuelle Spuren. Damit das gelingen kann, muss ich diesen Jesus aufnehmen, ihn in mein Leben einlassen, ihn an mein Leben heranlassen, ihm Raum und Entfaltungsmöglichkeiten geben, was auf verschiedene Art und Weise gehen kann.
Für uns Christen geschieht das sicher im Sakrament der Taufe, bei der wir nicht einfach nur mit Wasser übergossen werden, sondern in ausdeutenden Riten noch etwas mit auf den Weg ins Leben mitbekommen, etwa das sog. Taufkleid, das zugleich ein Hinweis ist, dass Kleidung mehr ist als nur etwas zum Anziehen: Dieses weiße Kleid soll dir ein Zeichen dafür sein, dass du in der Taufe neu geschaffen worden bist und wie die Schrift sagt, Christus angezogen hast, bewahre diese Würde für das ewige Leben.
Immer wenn ich diesen Satz bei einer Taufe spreche, dann denke ich an die Mesnerin in meiner Heimat zu meiner Ministranten-Zeit, die immer sagte: „Zu am gscheiden Gwand gehörn a guade Schua.“ Und deshalb hat sie für alle Täuflinge Schuhe gestrickt, die der Pfarrer mit dem Taufkleid übergeben hat. Ob das heute immer noch so ist, weiß ich nicht, aber heute weiß ich, dass das ein starkes Zeichen dafür war, dass Menschen ein Profil in ihrem Leben brauchen, das ihnen im Leben wie das Profil an den Schuhen Halt und Sicherheit geben kann, nämlich den Fußabdruck Jesu: Heil, Licht, Liebe, Hoffnung Versöhnung, Barmherzigkeit und Weihnachtsfreude.
Liebe Schwestern und Brüder, ja dieser Jesus hat mit seiner Geburt und mit seinem Leben Spuren hinterlassen und Maßstäbe gesetzt, die bis heute sichtbar sind, die bis heute gelten und auch notwendig sind: Heil, Licht, Liebe, Hoffnung Versöhnung, Barmherzigkeit und Weihnachtsfreude.
Es sind Fußabdrücke, die uns manchmal wie bei der Schuhgröße eine Nummer zu groß erscheinen, und manchmal können wir bei dem, was dieser Jesus vorgelebt hat, gar nicht Schritt halten, weil uns die Luft ausgeht. Deshalb feiern wir alle Jahre wieder Weihnachten, um sozusagen in seine Fußspuren Stück für Stück hineinzuwachsen oder uns wie mit neuen Schuhen einzulaufen.
Liebe Schwestern und Brüder, meine neuen Schuhe, die ich mir heuer zu Weihnachten gekauft bzw. selber geschenkt habe, hatte ich an den vier Adventswochenenden angezogen, um mich darin einzulaufen, damit ich sie jetzt an Weihnachten ohne Beschwerden tragen kann.
Jesus hat mit seinem Leben Spuren hinterlassen: Heil, Licht, Liebe, Hoffnung Versöhnung, Barmherzigkeit, Weihnachtsfreude. Und ich möchte hinzufügen: Menschenfreundlichkeit.
Denn die Geburt Jesu als menschgewordenes Wort Gottes hat für uns noch eine Zusage als Menschen: An Weihnachten sagt Gott zu dir: Ich kann dich verstehen! Ich weiß, wie es um dich steht, wo dich der Schuh drückt, weil ich selber menschliche Füße hatte, und ich weiß, was in deiner Haut steckt, weil ich selber in sie geschlüpft bin. Ich bin Mensch geworden – deinetwegen, um dich zu verstehen. Alle Jahre wieder!
Ich komme, bring und schenke dir, was du mir hast gegeben
Liebe Schwestern und Brüder!
Es gibt in unserer Sprache Worte und Begriffe, mit denen man Aufmerksamkeit erzeugen oder auch gewinnen kann. Das Wort, das ich meine, lautet: „Geschenk“. Wenn man von Geschenken spricht, kann man sich der Aufmerksamkeit von Menschen ziemlich sicher sein, gerade in diesen Tagen. An Weihnachten gibt es Geschenke, an Weihnachten geht es um Geschenke. Das wissen wir alle, ob es uns immer so gefällt oder nicht. Das mit den Geschenken, das wissen auch die Kinder, und das macht für sie dieses Fest so interessant und auch schön. Das kennen wir vermutlich alle noch aus unserer Kindheit, auch wenn sich in Art und Umfang der Weihnachtsgeschenke viel verändert hat, weil sich in denen der Wohlstand widerspiegelt, in dem wir leben und leben dürfen.
Geschenk. Weil man damit Aufmerksamkeit gewinnen kann, wird dieser Begriff auch da in den Mund genommen, wo es eigentlich nichts geschenkt gibt, nämlich in der Werbung. Vielleicht haben sie ein paar dieser Werbeslogans im Ohr wie „Wir schenken ihnen die Mehrwertsteuer!“ oder „Zwei kaufen und das dritte geschenkt!“ Nichts gibt es geschenkt, es hat nur einen anderen Preis. Oder ist es Ihnen schon einmal gelungen, mit folgender Bemerkung an der Kasse vorbeizukommen: „Die ersten beiden brauche ich nicht, ich nehme nur das dritte, also das Geschenk“?
An Weihnachten geht es nicht nur um Geschenke, sondern es geht um ein Geschenk, bei dem wir meistens gar nicht daran denken, dass es ein Geschenk ist und was für ein Geschenk es ist, nämlich Leben und Menschsein, was beides immer eine Geschichte hat, eine Geschenkegeschichte.
Vor wenigen Tagen traf ich im Klosterhof einen Mann, der mir freudestrahlend einfach sagte: „Ich habe mein Geschenk heuer schon“, wobei er seine neben ihm stehende Frau fest in den Arm nahm und sagte: „Ich habe sie gestern aus dem Krankenhaus geholt.“ Als er merkte, dass mir irgendwie nicht ganz klar war, was er damit meinte, wurde seine Miene plötzlich sehr ernst und er erzählte mir, was in den letzten beiden Wochen passiert war. Abschließend sagte er: „Herr Abt, an diesem Tag waren alle Schutzengel gerade bei der Weihnachtsfeier in München rechts der Isar.“
Leben und Menschsein sind ein Geschenk, und alle Geschenke, die in diesen Tagen gemacht und ausgetauscht werden, sollen und wollen das eigentlich zum Ausdruck bringen, weil es da jemanden gibt, von dem und zu dem ich sagen kann: „Es ist schön, dass es dich gibt.“ Oder bayrisch unvergleichlich schön ausgedrückt: „I mog di.“
In den Texten und Liedern, die wir in der Weihnachtszeit hören, wird das irgendwie angedeutet, auch in dem Weihnachtsevangelium, das wir gerade gehört haben. Ein Kind, neues Leben, ist ein Geschenk, auch wenn nicht immer gleich klar ist, wie anspruchsvoll und herausfordernd das sein kann. Beschenktsein und Schenken, das gehört immer zusammen. Kinder sind ein Geschenk, denen man Aufmerksamkeit und Zuneigung schenken muss, weil sie das brauchen.
In einem Weihnachtslied aus der Hand von Paul Gerhard, zu dem dann Johann Sebastian Bach eine wunderbare Melodie geschrieben hat, wird das so formuliert: Ich steh an deiner Krippe hier, o Jesu, du mein Leben. Ich komme, bring und schenke dir, was du mir hast gegeben: Nimm hin, es ist mein Geist und Sinn. Herz, Seel und Mut, nimm alles hin und lass dir’s wohl gefallen.
An dieses Lied musste ich vor ein paar Tagen denken, wobei ein kleiner Teddybär eine wichtige Rolle spielt. Ich war im dritten Stock unseres Hauses unterwegs, wo in einer Ecke eine Weihnachtskrippe aufbewahrt wird. Als ich an dieser Krippe vorbeiging merkte ich, dass neben dem Kopf des Jesuskindes dieser kleine Bär lag. Wenn ich es fotografiert hätte und ihnen zeigen würde, es könnte nie zum Ausdruck bringen, was ich in diesem Moment empfunden habe. Ich komme bring und schenke dir, was du mir hast gegeben.
Dieser Bär ist auch ein Geschenk, das ich vor ein paar Jahren von den Barmherzigen Schwestern in München mitgebracht habe für jeden meiner Mitbrüder. Ich glaube dieser Bär, der da in der Krippe lag, ist der aus der Zelle unseres am 2. Juni verstorbenen fr. Kilian. Ich komme, bring und schenke dir, was du mir hast gegeben.
Ob der Bär für fr. Kilian eine Rolle gespielt hat, das weiß ich nicht, aber ich weiß, dass es viele – gerade alte – Menschen gibt, die auf solche Zeichen der Nähe und der Wertschätzung angewiesen sind. Ich komme, bring und schenke dir, was du mir hast gegeben.
Dass das aber auch Kinder verstehen, wie wichtig Geschenke sein können, ja sind, und welchen Sinn sie haben, zeigt mir eine Geschichte, die ich vor längerer Zeit auf „Bayern eins“ gehört habe. Wer diesen Sender hört, so wie ich, wird wissen, dass irgendwann am Morgen nach den Nachrichten die sog. gute Nachricht oder Geschichte auf dem Programm steht, auf die ich mich immer freue, wenn ich sie hören kann. Viele dieser guten Geschichten habe ich schon gehört, aber die meisten vergessen. Eine habe ich mir aber gemerkt, weil sie mir imponiert und mich fasziniert hat. Rettungsdienste haben in ihrer Ausrüstung oft einen sog. Notfall-Teddy bzw. Trost-Teddy dabei für den Fall, dass Kinder in Unfälle verwickelt oder Zeugen davon geworden sind. In der guten Geschichte wurde von einem 6-jährigen Buben berichtet, dem ein solcher Teddy nach einem Verkehrsunfall in den Arm gegeben wurde, damit er abgelenkt wurde und sich daran festhalten konnte, während sich die Hilfskräfte um die anderen verletzten Autoinsassen kümmerten. Als der Bub erfuhr, dass dieser Teddy, sein neuer Freund, über Spenden beschafft werden konnte, spendete er sein gesammeltes Taschengeld für die Anschaffung solcher Teddys an das BRK. Ich komme bring und schenke dir, was du mir hast gegeben.
Leben und Menschsein ist ein Geschenk, auch wenn uns das im Alltag nicht immer bewusst ist. An Weihnachten können und wollen uns Geschenke oder andere Zeichen darauf aufmerksam machen. Es soll und darf uns bewusst sein und bewusstwerden, dass wir dafür dankbar sein dürfen.
Deshalb können wir mit Paul Gerhard heute sagen oder singen: Ich steh an deiner Krippe hier, o Jesu, du mein Leben. Ich komme, bring und schenke dir, was du mir hast gegeben: Nimm hin, es ist mein Geist und Sinn. Herz, Seel und Mut, nimm alles hin und lass dir’s wohl gefallen.
Leben und Menschsein sind ein Geschenk für dich und auch für mich. Das feiern wir an Weihnachten. Mit dieser Erfahrung möchte ich uns allen frohe Weihnachten wünschen.
- Adventssonntag
L: Jes 35,1-6a.10
Ev: Mt 11,2-11
Liebe Schwestern und Brüder!
Viel Spaß! So lautet ein Wunsch, den man oft hören kann, weil ihn sich Menschen in ganz unterschiedlichen Situationen oder einfach so zusagen.
Viel Spaß! Das ist inzwischen zum geflügelten Wort geworden, mit dem sich Menschen eine gute Zeit wünschen, und das Freude, Vergnügen und Unterhaltung mit Witz, Scherz, Jux bzw. Fun miteinschließt. Und auch im Blick auf die kommenden Weihnachtstage kann man diesen Wunsch in folgender Kombination hören: „Viel Spaß beim Auspacken der Geschenke.“
Viel Spaß! Ohne jetzt zum Spaß- oder Spielverderber werden zu wollen, möchte ich doch einen Eindruck oder die Erfahrung einbringen, dass es Situationen gibt, wo dieser Wunsch nicht oder nicht mehr greift oder wo er einfach unpassend ist, weil der Spaß aufhört oder vorbei ist.
In eine solche Situation hat uns gerade das Evangelium geführt bzw. versetzt: In jener Zeit hörte Johannes im Gefängnis von den Taten Christi. Da schickt er seine Jünger zu ihm und ließ ihn fragen: Bist du es, der kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten?
Johannes und die Menschen um ihn herum waren sehr unsicher geworden. Perspektiven und Ziele waren nicht mehr so klar, wie sie es vielleicht einmal waren. Es ist etwas geschehen, es ist etwas eingetreten, wo sozusagen der Spaß aufhört bzw. vorbei war. Es braucht einen neuen Blick, eine neue Perspektive, vielleicht sogar einen neuen Anfang. Die Frage, die dabei immer und zu allen Zeiten im Raum stand und steht, ist die nach dem „Wie“. Wie geht das? Wie mache ich das? Wie kann das gelingen?
Die Antwort, die Jesus gibt, klingt eigentlich recht einfach. Ob sie für Menschen unter konkreten Umständen auch so einfach ist, steht auf einem anderen Blatt. Jesus sagt: Berichtet, was ihr hört und seht. Es ist die Aufforderung wahrzunehmen, wirklich wahrzunehmen. Es ist die Einladung, gut, genau und vielleicht noch einmal hinzuschauen oder hinzuhören: Blinde sehen wieder und Lahme gehen wieder; Aussätzige werden rein und Taube hören; Tote stehen auf, und den Armen wird das Evangelium verkündet.
Mir ist in diesem Satz ein Wort aufgefallen, das so etwas wie ein „Schlüsselwort“ sein kann, nämlich das Wort „wieder“, Blinde sehen wieder und Lahme gehen wieder. Es gibt eine Veränderung, eine Veränderung zum Guten. Veränderungen gehen selten mit einem Schlag, sondern Veränderungen sind meistens ein Prozess, der dauert, der sich hinzieht und der nicht nur vielleicht, sondern sehr wahrscheinlich auch Mühe macht. Manchmal müssen Menschen etwas wieder lernen oder ganz neu lernen. Wenn Lahme wieder gehen, dann werden sie vermutlich nicht einfach aufstehen und loslaufen können, sondern zuerst kleine, vielleicht ganz kleine Schritte wagen.
Auch die Medizin, die sich heute der meisten Menschen annimmt, von denen Jesus gesprochen hat, kennt mit der sog. REHA Maßnahmen, die Heilungsprozesse unterstützen, und bei denen Menschen manchmal etwas wieder ganz neu lernen müssen. Das sind Zeiten und Abschnitte im Leben der Menschen, die vermutlich keinen Spaß machen.
Liebe Schwestern und Brüder, Weihnachten feiert man nicht einfach aus dem Stand heraus. Weihnachten hat mit dem Advent eine Vorlaufzeit, die man auch als eine Art REHA bezeichnen könnte, in der wir lernen können, in der wir etwas lernen dürfen und vielleicht auch wieder neu lernen müssen.
Der heutige Sonntag „Gaudete“ zur Halbzeit thematisiert einen solchen Lerninhalt, nämlich Freude. Freude, die etwas anderes ist, ja viel mehr ist als der Spaß, den Menschen wollen und suchen. Vor dem Hintergrund der Texte aus der Bibel kann man sagen und bekräftigen, was wir aus unserer Lebenserfahrung wahrscheinlich alle kennen: Freude kann man nicht befehlen, aber Freude kann man lernen. Freude kann man lernen, weil es Prozesse und Wege gibt, die Veränderungen zum Guten sind. Auch für dieses Lernen der Freude gilt die Einladung Jesu zum Wahrnehmen: Gut, genau und vielleicht noch einmal hinzuschauen oder hinzuhören.
Als Klostergemeinschaft haben wir in den letzten Wochen ein Buch gelesen, das sehr anstrengend und auch schwierig war. Der Titel lautete: „Acht Tage im April. Dietrich Bonhoeffers letzter Weg nach Flossenbürg“. Elf Menschen fahren zusammen mit Dietrich Bonhoeffer in seiner letzten Lebenswoche einem ungewissen Schicksal entgegen. Dabei machen sie ganz unterschiedliche Erfahrungen, sie dürfen lernen, manches aber müssen sie lernen.
Dietrich Bonhoeffer hat uns viele Texte hinterlassen, die uns auf den Wegen unseres Lernens helfen können. Einer davon gefällt mir nicht nur besonders gut, sondern ich glaube auch, dass er gut in diese Tage des Advents passt. Er lautet:
In mir ist es finster, aber bei dir ist Licht.
Ich bin einsam, aber du verlässt mich nicht.
Ich bin kleinmütig, aber bei dir ist Hilfe.
Ich bin unruhig, aber bei dir ist Frieden.
In mir ist Bitterkeit, aber bei dir ist Geduld.
Ich verstehe deine Wege nicht, aber du weißt den rechten Weg für mich.
Liebe Schwestern und Brüder, bis Weihnachten ist es nicht mehr weit, aber vielleicht dürfen oder müssen wir bis dahin noch etwas lernen, wie es das Tagesgebet am Anfang des Gottesdienstes formuliert hat:
Mache unser Herz bereit für das Geschenk der Erlösung, damit Weihnachten für uns alle ein Tag der Freude und der Zuversicht werde.
Freude und Zuversicht lernen, denn Jesus Christus ist nicht zum Spaß vom Himmel auf diese Erde gekommen, sondern zu unserem Heil, zu unserer Freude und für unsere Zuversicht.
Bußgottesdienst Hand aufs Herz
L: Apg 16,11-15
Ev: Mk 12,28b-34
Liebe Schwestern und Brüder!
Zu den Fähigkeiten, die wir Menschen haben und die uns auch ein Stück weit ausmachen und auszeichnen, gehört zu einem großen Teil die Sprache. Sprechen ist mehr als nur etwas zu sagen, Sprechen ist eine Möglichkeit, um anderen von sich etwas zu zeigen, die Fähigkeit, sich auszudrücken und mitzuteilen. So kommt es nicht nur darauf an, was man sagt, sondern auch wie man etwas sagt, welche Worte man dafür verwendet, so dass es „die richtigen Worte“ sind.
Bei unserer Wortwahl können wir sozusagen in eine Schatzkiste greifen, die wir deshalb auch „Wort-Schatz“ nennen. Jeder Mensch hat einen Wortschatz, seinen ganz persönlichen Wortschatz, aus dem er auswählen kann und mit dem er sich ausdrücken kann.
In dieser „Wort-Schatz-Kiste“ gibt es einen Begriff, den nicht nur alle kennen, sondern der auch sehr vielseitig ist, ja manchmal auch bedeutungsvoll oder bedeutungsschwer. Es ist das Wort „Herz“. Das Herz ist nicht nur das Körperorgan, das uns am Leben erhält, sondern mit Herz meint und verbindet unsere Sprache und unser Denken viel mehr.
In der Verbindung mit dem Wort „Herz“ können Begriffe eine ganz andere und intensivere Bedeutung bekommen. In diesem Sinne sprechen wir von „Herzensangelegenheiten“ oder von einem „Herzenswunsch“. Unser Tun und Lassen bekommt eine ganz andere Note, wenn wir etwas „beherzigen“ oder „beherzt“ angehen. „Herzlich willkommen“ klingt nicht nur ganz anders, sondern ist auch anders, als nur ein so dahergesagtes „Willkommen“. Ebenso verhält es sich mit den „herzlichen Grüßen“. In Verbindung mit Herz ist vieles eben ein Stück mehr, oder anders gesagt, es ist mehr als bloße Information, denn etwas kann uns auch „zu Herzen gehen“.
Warum wir heute hier sind und was wir heute tun, das kann man auch mit einer Redewendung ausdrücken, in der das Herz vorkommt, weil das Herz eine wichtige Rolle spielt, nämlich: „Hand aufs Herz“. Wir müssen heute nichts zugeben, sondern es geht um Ehrlichkeit, um Aufrichtigkeit und um Ernsthaftigkeit im Blick auf mein Leben. Deshalb: Hand aufs Herz!
Was ist da in meinem Leben? Was treibt mich um, was beschäftigt mich oder was lässt mich einfach nicht los? Oder warum ist in meinem Leben etwas genau so, wie es ist? Wenn ich in diesem Sinne meine Hand auf das Herz lege, dann bringe ich damit zum Ausdruck, dass mir an meinem Leben etwas liegt, dass mir mein Leben etwas wert ist, so dass ich dafür auch etwas tun kann und tun will.
Diese Wertschätzung des Lebens versucht man auch den Kindern in ihrer Sprache zu vermitteln, und so gibt es ein Lied, das sie voller Begeisterung singen, nämlich „Pass auf, kleines Auge, was du siehst“. Und unter den vielen Strophen, wie man auf das Leben achten kann und auch achten soll, gibt es die Strophe mit dem Herzen: „Pass auf kleines Herz, wer in dir wohnt.“ (bzw. was du glaubst).“
„Hand aufs Herz“, das gilt auch im Blick auf diese Tage des Advents, in denen wir nicht nur auf Weihnachten zugehen, sondern in denen wir uns auch auf Weihnachten vorbereiten, wie wir sie gestalten oder was wir von diesen Tagen für unser Leben erwarten. Auch hier bringt es unsere Sprache in einem Adventslied auf den Punkt: Komm, o mein Heiland Jesu Christ, meins Herzens Tür dir offen ist.
Wofür sind wir offen in unserem Leben und mit unserem Leben? Hat unser Herz so etwas wie eine Tür, so dass wir in unserem Leben für etwas zugänglich sind, dass wir etwas an uns heranlassen, so dass wir sagen können, das „geht mir zu Herzen“ oder das „nehme ich mir zu Herzen“.
Wenn sich Menschen etwas zu Herzen nehmen oder wenn ihnen etwas zu Herzen geht, dann bleibt das im Leben nicht unbemerkt. Diese Erfahrung machte die Frau namens Lydia in der Lesung, der die Botschaft von diesem Jesus, die ihr Paulus verkündete, zu Herzen ging und ihr einen anderen Blick auf ihr eigenes Leben und das der anderen Menschen ermöglichte.
Wenn dann auch etwas mit ganzem oder von ganzem Herzen getan wird, so wie es Jesus im Evangelium dem Fragesteller ans Herz legt, mit ganzem Herzen zu lieben, dann wird das nicht unbemerkt bleiben.
Liebe Schwestern und Brüder, für unsere Sprache ist unser Wortschatz entscheidend und wichtig, denn damit können wir ausdrücken, was uns beschäftigt und bewegt. Oder anders ausgedrückt: Wovon das Herz voll ist, davon spricht der Mund.
So habe ich heute im Blick auf unsere Welt und das Zusammenleben von uns Menschen einen Herzenswusch, nämlich dass wir auch darauf achten, was und wovon wir ständig reden und sprechen, ohne es vielleicht selber zu merken: Wovon das Herz voll ist, davon spricht der Mund. Krise oder Hoffnung?
Komm, o mein Heiland Jesu Christ, meins Herzens Tür dir offen ist. Ach zieh mit deiner Gnade ein, dein‘ Freundlichkeit auch uns erschein. Dein Heilger Geist uns führ und leit den Weg zur ew‘gen Seligkeit. Dem Namen dein, o Herr, sei ewig Preis und Ehr.
1. Adventssonntag,
Les: Jes 2, 1-5
Ev: 24,29-44
Liebe Schwestern und Brüder!
Wenn Menschen ein Lied von etwas singen können, dann heißt das noch lange nicht, dass sie auch singen können oder singen wollen.
Wenn Menschen ein Lied von etwas singen können, dann haben sie Erfahrungen gemacht, die sie beschäftigen, die ihnen nachgehen, vielleicht sogar bis in den Schlaf hinein.
Wenn Menschen ein Lied von etwas singen können, dann sind damit nicht nur – aber doch oft – negative oder leidvolle Erfahrungen gemeint, die Menschen gemacht haben oder machen mussten.
Am vergangenen Freitag habe ich eine Erfahrung gemacht, von der viele andere Menschen auch ein Lied singen können, denn ich war mit der Bahn, mit dem Zug unterwegs. Es begann mit einem Satz auf der Anzeigetafel des Bahnhof Fulda, der dann für viele weitere Strophen eines Liedes sorgte, das Menschen in dem oben gemeinten Sinn singen können oder singen müssen: „Zug fällt aus!“
Bevor ich aber jetzt mein Lied sozusagen weiter singe und von meinen Erfahrungen bzw. Gedanken erzähle, möchte ich eine Strophe einschieben, die für mich in diesem Zusammenhang auch wichtig ist. Ich möchte meinen Respekt und auch meinen Dank an die Mitarbeiter der Bahn aussprechen, die sich in diesen Situationen dann hinstellen und hinstellen müssen, weil woanders etwas nicht geklappt hat oder schief gegangen ist, für das sie nichts können. So war das auch am Freitag, an dem ich dann mit Verspätung – am Ende waren es drei Stunden – schließlich doch in Scheyern angekommen bin.
Wenn Menschen ein Lied von etwas singen können, dann haben sie Erfahrungen gemacht, von denen sie nicht nur erzählen können, sondern die sie auch meistens weitergeben wollen. So denke ich, ist das auch bei dem Abschnitt, der uns gerade aus dem Matthäusevangelium vorgelesen wurde und der nicht unbedingt zu den schönsten Texten aus der Bibel gehört. Trotzdem ist er wichtig, gerade heute an diesem ersten Advent, an dem wir uns nicht nur in Richtung Weihnachten auf den Weg machen, sondern auch in ein neues Kirchenjahr.
Der Evangelist Matthäus lädt uns nicht nur zur Wachsamkeit und Achtsamkeit für unser Leben und unsere Lebensgestaltung ein, sondern er fordert uns dazu eindringlich auf: Seid also wachsam! Denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommt.
Dem Evangelisten Matthäus ist es wichtig, dass Menschen nicht unvorbereitet sind, dass sie nicht einfach so in den Tag hineinleben, weil sowieso alles egal ist, sondern es ist ihm ein Anliegen, dass Menschen mit offenen und wachsamen Augen durch diese Welt gehen, aber auch mit achtsamen und liebevollen Augen auf das eigene Leben schauen.
Er weiß wohl aus eigener Erfahrung, dass es ein zu spät geben kann, aber ihm ist es wichtig zu sagen, dass es jetzt noch nicht zu spät ist, sondern dass man jetzt noch etwas tun muss und auch tun kann: Seid also wachsam! Denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommt.
In die gleiche Richtung zielt der Abschnitt aus dem Propheten Jesaja, den wir in der Lesung gehört haben. Er schaut in die Zukunft, ohne sie vorhersagen zu wollen, sondern er hat für die Zukunft eine Hoffnung, eine Vision. Das Lied, das Jesaja singen kann und auch singen möchte, ist ein Lied der Hoffnung: Viele Nationen machen sich auf den Weg, sie sagen: Kommt, wir ziehen hinauf zum Berg des Herrn und zum Haus des Gottes Jakobs.
Wenn Menschen ein Lied von etwas singen können, dann haben sie Erfahrungen gemacht, von denen sie nicht nur erzählen können, sondern die sie auch weitergeben wollen.
Liebe Schwestern und Brüder, zu meinen Erfahrungen am vergangenen Freitag gehört noch etwas anderes. Als der Zug in Nürnberg angekommen war und alles darauf hindeutete, dass es jetzt gleich weitergehen kann, meldete sich der Zuführer zu Wort und bat um unsere Aufmerksamkeit. Er teilte uns mit, dass der Zug nicht weiterfahren kann, weil die Strecke im Raum Ingolstadt wegen eines „Notarzteinsatzes am Gleis“ gesperrt ist. Reisende in Richtung Ingolstadt bat er auszusteigen, weil der Zug über Augsburg jetzt umgeleitet werde.
Es wurde eigenartig still im Zug, weil viele von denen, die von der Bahn ein Lied singen können und konnten, wussten, was sich hinter der Formulierung „Notarzteinsatz am Gleis“ verbirgt, nämlich dass vermutlich ein Mensch für sein Leben keine Hoffnung mehr sehen konnte.
Wenn Menschen ein Lied von etwas singen können, dann haben sie nicht nur Erfahrungen gemacht, sondern dann ist es auch wichtig, diese Erfahrungen mit jemandem teilen zu können, der zuhört und vielleicht auch ein wenig mitsingt, so dass wieder andere Töne eine Chance haben, über die Lippen zu kommen. Vielleicht ist das auch der tiefere Sinn dieser Redewendung, von etwas ein Lied singen zu können, dass man das auch kann, sich etwas von der Seele singen.
Liebe Schwestern und Brüder, ein Lied von etwas singen können. Das kann auch die Frage an uns stellen, wovon wir in und mit unsrem Leben ein Lied singen oder welche Lieder wir mit unserem Leben singen wollen.
Der Advent, den wir nun beginnen, ist eine Zeit, die von vielen Liedern geprägt ist, und es sind ganz besondere Lieder. Als ich am Freitagabend auf meinen Anschlusszug nach Ingolstadt gewartet habe, sind mir manche dieser Lieder in den Sinn gekommen und es ist mir aufgefallen, dass es eigentlich Lieder voller Hoffnung sind. Lieder, die von Hoffnung, von einer großen Hoffnung singen.
Wenn Menschen ein Lied von etwas singen können, dann haben sie Erfahrungen gemacht, von denen sie nicht nur erzählen können, sondern die sie auch weitergeben wollen. Nach meinen Erfahrungen am Freitag möchte ich mit Ihnen folgendes Lied teilen:
Kündet allen in der Not: Fasset Mut und habt Vertrauen. Bald wird kommen unser Gott, herrlich werdet ihr ihn schauen. Allen Menschen wird zuteil Gottes Heil. Vielleicht hätte dieses Lied oder diese Erfahrung, die dahintersteht, einem Menschen helfen können.
Kündet allen in der Not: Fasset Mut und habt Vertrauen. Bald wird kommen unser Gott, herrlich werdet ihr ihn schauen. Allen Menschen wird zuteil Gottes Heil.
In diesem Sinne wünsche ich uns allen einen gesegneten und hoffnungsvollen Advent!
Predigt am 23. Jahressonntag C
Les: Am 6,1a.4-7
Ev: Lk 16,29-31
Liebe Schwestern und Brüder!
Jesus ist tatsächlich ein Meister im Geschichten erzählen. Die Erzählung vom Reichen und vom armen Lazarus ist eine Geschichte mit einer großen Tiefe, und es gibt ein kleines Detail, das sie so besonders macht: Der reiche Mann bleibt anonym, er hat keinen Namen, der Arme hat einen Namen, Lazarus. Wer keinen Namen hat bleibt ein Niemand, das heißt, er ist eigentlich nichts, man wird sich an ihn nicht erinnern, wie denn auch, er hat keine Bedeutung; an dieser Tatsache ändert kein Reichtum etwas, kein momentanes Ansehen, das ich mir vielleicht erkaufen kann, keine Äußerlichkeit. Es ist das Besondere an dieser Erzählung Jesu, dass es die Sichtweise, mit der wir normalerweise leben, radikal auf den Kopf stellt: derjenige hat einen Namen, derjenige ist groß, der normalerweise gar kein Ansehen hat. Der andere, der nur so strotzt vor Reichtum, und das kann vieles bedeuten, Geld, Macht, Ansehen, der ist, genau genommen ein Nichts, ein Niemand.
Die Erzählung hat zwei Teile, auch wenn wir sie immer als Ganzes betrachten. Aber zunächst beschreibt sie in aller Kürze diese beiden Personen: Der Reiche in seinem Luxus, in seinen Markenklamotten, ein Mensch, dessen Nähe man begehrt, man liebt die Partys in seinem Haus oder auf seiner Yacht, weil es da alles gibt, was das Herz begehrt.
Und dann der Arme, Lazarus; Jesus platziert ihn vor die Tür des Reichen, vielleicht, weil das so üblich war, wo sollten denn die Armen hin, wenn nicht vor die Türen der Reichen, wo wenigstens die Chance bestand, dass ihnen hin und wieder etwas aus dem Fenster zugeworfen wurde. Offenbar war das hier aber nicht der Fall, sondern eher die Tatsache, dass niemand dem Armen etwas gab, stattdessen, heißt es, kommen die Hunde zu ihm. Vielleicht platziert Jesus den Armen aber auch deshalb vor die Tür des Reichen, weil das die Chance des Reichen gewesen wäre, wie leicht wäre es gewesen, den Armen satt zu machen, ihn glücklich zu machen, wie leicht wäre es gewesen, ihn aus diesem Zustand der Armut herauszuholen. Nichts dergleichen passiert, man feiert ungestört, man genießt unbeeindruckt. Vielleicht hat es sogar die Überlegung gegeben, ja, wenn wir diesem Armen helfen, dann ist bald der Nächste da, aber wahrscheinlich ist es die pure Ignoranz, die überhaupt nicht mehr wahrnimmt, dass da etwas nicht stimmt, grundsätzlich nicht stimmt, wenn einer alles hat, und der andere nichts.
Wir können diese Erzählung auf die verschiedenen Ebenen unseres Lebens übertragen, sie beschreibt den Zustand unserer Welt, in der es die Reichen gibt, und auch wir gehören allesamt dazu, wenn wir ein Dach über dem Kopf haben, etwas zu essen und die notwendige medizinische Versorgung und von allem vielleicht sogar mehr als genug, und wenn wir gleichzeitig sehen, dass es eine große Zahl von Menschen gibt, die das alles nicht haben. Es soll mir auch niemand den Satz sagen: „Ich habe mir das alles hart erarbeitet“, manche Menschen haben ebenso hart gearbeitet, für nichts, sie hatten nie die Möglichkeit, sich einen bescheidenen Wohlstand anzueignen. Das Bewusstsein dieser schreienden Ungerechtigkeit in der Welt, an der wir, die Reichen, nicht unschuldig sind, sollte vor jeder Entscheidung über sichere Grenzen und Flüchtlingsbegrenzung stehen und sie zumindest mitbegleiten.
Wir können in unsere Gesellschaft, und ich höre schon den Einwand, wir müssten uns ja erstmal um die Ungerechtigkeit bei uns kümmern, in unserm eigenen Land, die gibt es nämlich auch. Richtig, und hier sind staatliche Stellen und Institutionen gefordert. Ich will auch nicht alles schlechtreden, sondern sehr vieles ist sehr gut geregelt. Genau daraus ergeben sich ja die Ansprüche, die uns merken lassen, wo es fehlt, wo etwas schief liegt. Also als Beispiel: Wir haben insgesamt eine medizinische Versorgung auf einem hohen Niveau und vieles ist möglich. Aber genau darum ist es schlimm, wenn beispielsweise ein gesetzlich Versicherter, nicht immer rechtzeitig die erforderlichen Untersuchungen bekommt, die er bräuchte um optimal behandelt zu werden. Wenn alles schlecht wäre, wäre dies ja der Normalfall und würde gar nicht auffallen.
Aber dann gibt es noch etwas, was man nicht gern sagt und nicht gern hört, wie ist es denn mit dem ganz persönlichen Einsatz, mit der Bereitschaft, etwas von meinen Möglichkeiten abzugeben. Natürlich kann ich alle staatlichen Regelungen kritisieren, ich darf und muss Institutionen und Hilfswerke in die Verantwortung nehmen, aber wenn ich eine Not wahrnehme und helfen kann, warum tu ich es eigentlich nicht auch persönlich. Also ganz konkret: Wenn ich weiß, dass die alleinerziehende Mutter nebenan, große Mühe hat, den Urlaub mit ihrem Kind zu finanzieren, warum gebe ich ihr nichts dazu, wenn ich es denn könnte. Jeder ehrenamtliche Dienst, der geleistet wird, ist umgerechnet Geld wert, warum wäre es so abwegig, direkt etwas zu geben. Wenn wir einmal schauen, was hier möglich wäre, könnte es in unserer Gesellschaft manchmal anders aussehen. Und es hätte Wechselwirkungen, weil es Menschen plötzlich zusammenbringen würde, die ansonsten in ihrer Einsamkeit oder in ihrer eigenen Blase verharren.
Wir könnten von der großen Welt und von unserer Gesellschaft, die immer noch unüberschaubar genug ist, weitergehen in unsere Kommunen, Vereine, ja bis in unsere Familien. Nehmen wir wahr, wo es Ungerechtigkeit gibt, dass die einen überfordert sind mit den pflegebedürftigen Eltern oder Geschwistern. Und die anderen so tun, als ob sie nichts damit zu tun hätten, nehmen wir wahr, dass die Aufgaben manchmal sehr ungerecht verteilt sind, während die einen aus Verantwortung sich kümmern, halten die anderen es gut aus, aus jeder Verantwortung entlassen zu sein. Die Geschichte vom Reichen und vom armen Lazarus findet in vielfacher Weise statt, wo wir sie in unserer Welt in unser Leben hinein leuchten lassen, werden die Brüche und Ungereimtheiten sichtbar.
Jesus hält sich mit seiner Erzählung nicht lange bei diesen irdischen Ungerechtigkeiten auf, sondern er lenkt den Blick sehr schnell auf das Bleibende, und was wird dieses Bleibende sein, das Dauerhafte oder Ewige? Ganz einfach: Lazarus in Abrahams Schoß, das heißt Geborgenheit, Geschütztsein, Leben dürfen oder aber das Nichtlebendürfen, das AnonymBleibende, das keine Bedeutung, keine Erinnerung mehr haben wird. Und hier scheint mir die Geschichte noch einmal auf einer ganz anderen Ebene zur entscheidenden Frage zu werden? Was an deinem Leben soll einen Namen haben, was macht dich aus, was soll bleiben dürfen, was soll deine Ewigkeit sein? Das ist die Frage, die uns aufgegeben ist. Der Reiche hätte sich einen Namen machen können, dann wäre er dort, wo auch Lazarus jetzt ist, in der Geborgenheit Gottes. Lazarus hat alles gehabt, auch alle Möglichkeiten, aber er hat sich falsch entschieden, jetzt ist das alles wertlos.
Liebe Schwestern und Brüder, wenn ich manche Ungerechtigkeit in der Welt sehe oder in unserer Gesellschaft, dann kommt mir für einen Moment das schauerliche Gefühl: Was ist, wenn da jemand einmal zu uns sagt: Ihr habt doch alles schon zu Lebzeiten gehabt, was habt Ihr daraus gemacht? Solch eine Vorstellung ist schrecklich, aber die Hoffnung bleibt, dass mir nicht ganz persönlich gesagt wird: Du hast doch alles schon gehabt.
Amen.
Les. Jer 38,4-6.7a8-10
Evangelium: Lk 12, 49-53
Liebe Schwestern und Brüder!
Am Dienstagabend, nach einem wunderschönen Tag an der Ostsee, habe ich mein Kleines Messbuch rausgeholt und mir gedacht: Wenn Du am Sonntag predigen musst, schau doch mal, worauf Du dich einstellen musst. Und ich muss ganz ehrlich sagen, als ich das Evangelium gelesen habe, war mein erster Gedanke, Nein, nicht schon wieder sowas: Ich bin nicht gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen, sondern Spaltung, Im Haus wird Zwietracht herrschen, drei gegen zwei und umgekehrt. Oder in der Lesung der Prophet Jeremia in der Zisterne, hineingeworfen, weil den Mächtigen nicht passte, was er zu sagen hatte. Solche Zisternen waren lebendige Grabstätten, man konnte sich selbst nicht befreien, man konnte nur warten, bis man irgendwann verhungert oder verdurstet war. Nur, weil jemand sich für ihn einsetzt bekommt Jeremia eine neue Lebenschance. Nein, ganz ehrlich, darauf hatte ich wirklich gar keine Lust, zumal es ja doch Texte gibt, die irgendwie harmonischer klingen, auf den ersten Blick jedenfalls. Und ist meine erste Reaktion nicht schließlich völlig normal, kann sich jemand anfreunden mit solchen Geschichten, die so grausam sind, so menschenverachtend, so angsteinflößend – Wer sehnt sich nicht nach einem Leben in Frieden, Ruhe und Geborgenheit und auch Harmonie, wer möchte ständig Stress haben mit seinen Mitmenschen in der Familie oder im Kloster oder bei der Arbeit, ganz zu schweigen vom Leben mit Krieg und Terror, also dem, was viele heute aushalten müssen mit viel Angst und Unsicherheit.
Was meint Jesus eigentlich, wenn er solche Sätze sagt „Ich bin nicht gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen, sondern Spaltung.“ Jesus weiß sich gerufen zu einer einzigartigen Verkündigung, er spürt eine Nähe zu seinem Gott, die so groß ist, dass er vertrauensvoll von seinem Vater spricht, eine Nähe, die man in seiner Umgebung sich normalerweise nicht getraut hat, in anderen Religionen schon gar nicht, er weiß und spürt, dass diese Vertrautheit mit Gott anstößig ja gefährlich empfunden wird, als mangelnder Respekt, als Ehrfurchtslosigkeit, ja als Gotteslästerung, die sehr hart bestraft wurde. Und Jesus weiß auch, dass diese Nähe zu Gott das Heilmittel ist für die Menschen, ja für den Menschen überhaupt, er erfährt, dass Menschen gesund werden, wenn sie von ihm angeschaut werden, wenn sie von ihm berührt werden. Nicht, weil er magische Kräfte hätte, sondern weil er genau das alles nicht braucht, nur den unverstellten, ehrlichen Blick auf den Menschen, auf jeden Menschen; Er spürt, unter welchen Zwängen sie stehen, von welchen Idealen oder Konventionen sie getrieben werden, er sieht, worunter sie wirklich leiden, wie sie sich bemühen in diese oder jene Schublade oder Schablone zu passen, die nicht ihre eigene ist, er nimmt sie selbst mit auf den jeweils ureigenen Weg ihrer Heilung: Was willst Du, das ich dir tun soll? Das alles ist etwas völlig anderes als jegliches: Du musst und Du sollst und Das haben wir immer schon so gemacht oder Das ist bei uns aber Tradition, Das ist uns heilig. Nein, Jesus fragt: Was hilft Dir, Du selbst zu werden, und er sieht keinen Gegensatz zwischen Gottes Gebot und dieser Selbstwerdung. Und das alles heißt nicht, dass Jesus Gottes Gebote einfach über Bord wirft, nein oftmals verschärft er sie: Wenn es im Dekalog heißt, Du sollst nicht töten, dann sagt er: kann sein, dass Du das Gebot erfüllst, äußerlich, aber wie gehst Du wirklich mit deinem Mitmenschen um, wie gleichgültig, wie verachtend, vielleicht hast Du ihn längst getötet. Und wenn es im Dekalog heißt, Du sollst nicht die Ehe brechen, dann sagt er: Mag sein, dass es nie bis zum Äußersten gekommen ist, aber wie sehr hat dich diese Frau, dieser Mann gedanklich besetzt, was hat da nicht alles stattgefunden in deinem Kopf und in deinem Herzen. Das ist der Ehebruch, der dich von innen her auffrisst und Dir keinen Frieden gönnt, Oder die ganze Sorge um materiellen Wohlstand, wie viel Neid ist dabei, der andere könnte besser dastehen als du, wie sehr willst Du dich absichern und eben nicht leben aus einem tiefen Vertrauen, wie sehr bist Du abhängig von deinem Erfolg, von deinem Wissen, von deinem Aussehen, von deiner Gesundheit?
Wenn wir die Botschaft des Jesus von Nazareth einmal so betrachten, dann können wir leicht nachvollziehen, dass diese Botschaft Menschen nicht einfach in Ruhe gelassen hat, dass da Bewegung entstanden ist, Menschen haben etwas gespürt von dieser heilsamen Nähe Gottes, sie haben aber auch gespürt, dass Menschen, die wirklich heil werden, ganz werden, dass diese Menschen sich nicht mehr einfach bevormunden und verzwecken und instrumentalisieren lassen, dass sie den Mut haben, selber zu denken, und vielleicht auch Nein zu sagen, wo bisher immer nur ein zerknirschtes und unfreies Ja zu hören war. Und wir spüren, wie diese Botschaft uns heute herausfordern kann, wie wir sozusagen Jahrhunderte überspringen und ganz in unserer Zeit sind: Wer wirklich mit Jesus so in Kontakt ist, wer sich im Einsatz für die Menschen aufreibt, der wird in Konflikt kommen mit vielen, die einfach in Ruhe gelassen werden wollen, wer für irgendeine gute Sache Verantwortung übernimmt, der kann sicher sein, dass seine Kritiker schon in den Startlöchern stehen und alles kritisch beäugen, was er von sich gibt, wer wirklich mit Jesus in Kontakt ist, der kann manchmal sogar in der Kirche zum Außenseiter werden, weil er spürt, dass nicht jede Vereinsmeierei und jede Tradition und nicht jede fraglose Übernahme irgendwelcher Gewohnheiten etwas mit einem lebendigen Glauben zu tun hat. Und wer so vielleicht zum Außenseiter wird, der wird und darf sich in dieser Rolle nicht gefallen, sonst wäre er nur ein Querulant oder jemand, der eine besondere Rolle haben möchte, ein Narzisst vielleicht. Nein, er wird eher leiden darunter, dass ihm diese Rolle aufgegeben ist, er wird vielleicht leiden wie Jeremia in der Zisterne oder wie Jesus, der vom einsamen Weg des Kreuzes nicht nur gesprochen hat, sondern diesen Weg gegangen ist. Wer so zum Außenseiter wird, in der Kirche oder in der guten Gesellschaft, er wird aber auch immer wieder Erfüllung finden, Erfüllung und Vergewisserung. Und vielleicht sind die Sätze von Pascal Mercier aus seinem Roman „Nachtzug nach Lissabon“ genau dies: Erfüllung und Vergewisserung.“
Er schreibt:
Ich will den rauschenden Klang der Orgel hören,
diese Überschwemmung von überirdischen Tönen.
Ich brauche ihn gegen die schrille Lächerlichkeit der Marschmusik.
Ich liebe betende Menschen. Ich brauche ihren Anblick.
Ich brauche ihn gegen das tückische Gift des Oberflächlichen und Gedankenlosen.
Ich will die mächtigen Worte der Bibel lesen. Ich brauche die unwirkliche Kraft ihrer Poesie.
Ich brauche sie gegen die Verwahrlosung der Sprache und die Diktatur der Parolen.
Eine Welt ohne diese Dinge wäre eine Welt, in der ich nicht leben möchte.
Beerdigung fr. Kilian Herold
L: Jes 60,1-6
Ev: Lk 12,35-40
Liebe Familie Herold,
liebe Scheyrer Mitbrüder,
liebe Schwestern und Brüder aus anderen Klöstern und Gemeinschaften,
liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unseres Klosters,
Schwestern und Brüder im Herrn!
Mache dich auf und werde Licht! So lautet ein kurzer Liedvers, der gerne auch als stimmungsvoller und schwungvoller Kanon gesungen werden kann, in der Advents- und Weihnachtszeit, aber auch darüber hinaus.
Mache dich auf und werde Licht! Es ist schon viele Jahre her, da hatten wir bei einem Familiengottesdienst im Advent hier in unserer Basilika diesen Liedvers als Motto. Am Ende der Messe haben die Gottesdienstteilnehmer ein Kärtchen mit diesem Vers mit nachhause bekommen. Zum Mittagessen habe ich allen Mitbrüdern ein solches Kärtchen an den Platz im Refektorium gelegt.
Mache dich auf und werde Licht! Nach dem Mittagessen gab ein Mitbruder fr. Kilian sein Kärtchen mit dem Hinweis: „Im 2. Stock sind zwei Glühbirnen kaputt!“ Wer das war, weiß ich nicht mehr. Und wenn ich es noch wüsste, dann würde ich es heute nicht sagen.
Mache dich auf und werde Licht! Fr. Kilian wusste Bescheid. Er wusste nicht nur Bescheid, was zu tun war, sondern fr. Kilian kannte sich aus mit Licht und mit allem, was mit Elektronik und Technik zu tun hatte. Das war bekannt, geschätzt und fast schon ein bisschen legendär, denn er hatte es von Grund auf gelernt. Nach einer Ausbildung zum Schlosser erlernte er auch noch das Elektrohandwerk. Am 11. September 1965 legte er erfolgreich die Meisterprüfung als Elektroinstallateur ab. Beide Gesellenbriefe und der Meisterbrief liegen in seinem Personalakt. Durch seine Kenntnisse und vor allem durch seine für ihn so typische Freude am Tüfteln war er für mache einfach der „Bruder Elektro“.
Mache dich auf und werde Licht! Diese Aufforderung, diese Einladung, die sich im Buch Jesaja findet, meint jedoch noch ein ganz anderes Licht, nicht nur eines, das einfach hell macht, sondern ein Licht, das fasziniert, das anzieht und einlädt, das Leben, diese Welt in einem anderen Licht sehen zu wollen und sehen zu können: Auf, werde Licht Jerusalem. Über dir geht leuchtend der Herr auf, seine Herrlichkeit erscheint über dir. Völker wandern zu deinem Licht und Könige zu deinem strahlenden Glanz. So haben wir es heute in der Lesung gehört.
Irgendwann hat sich der junge Konrad Herold die Frage gestellt, was aus seinem Leben werden soll, wie es weitergehen und wo es hingehen könnte. Durch das seiner Heimat nahegelegene Kloster Münsterschwarzach war der Gedanke an ein Or-denslebens irgendwie naheliegend und gar nicht so abwegig. Nach der Ausbildung im dortigen Lehrlingsseminar trat er in die Abtei Münsterschwarzach ein, wie auch sein leiblicher Bruder Erwin, der spätere P. Albert Herold, mit dem er sich wie mit allen seinen Geschwistern zeitlebens verbunden fühlte.
Mache dich auf und werde Licht! Der Heilige Benedikt greift dieses Licht ebenfalls auf und schreibt im Prolog seiner Regel: Lauft, so lange ihr das Licht des Lebens habt. Auch er nennt dieses Licht und lädt Menschen damit ein, aus ihrem Leben etwas zu machen, indem sie diesem Licht nachspüren und Gott in und mit ihrem Leben suchen sollen. Auf dieser Suche nach diesem Licht, nach Gott, schien für fr. Kilian Münsterschwarzach nicht der richtige Ort gewesen zu sein, denn – so schreibt er in seinem Lebenslauf – „am 13. Oktober 1954 trat ich in Münsterschwarzach aus, um am 23. November 1954 in Scheyern als Brüderpostulant einzutreten.“
Hier bei uns in Scheyern wurde er ziemlich schnell seinen handwerklichen Neigungen entsprechend eingesetzt und bekam immer mehr Aufgaben, durch die er unsere weitläufigen Gebäude wie kaum ein anderer kennenlernte und auch kannte. Als Bauleiter hat er in 26 Jahren nicht nur viele Bauprojekte begleitet, sondern er wusste auch um das Innenleben dieser Gebäude, wo die Leitungen liegen oder sich die Sicherungskästen befinden. Es wird sicher der Tag kommen, an dem wir sagen: „Fr. Kilian würde es wissen“. Baustellen waren für ihn etwas, was ihn bis in die letzten Wochen seines Lebens interessierte und faszinierte.
Mache dich auf und werde Licht! Wer sich aufmacht, um dieses Licht zu suchen, sein Leben in diesem Licht zu sehen und zu gestalten, dem wird es nicht erspart bleiben, auch dem zu begegnen, was zum Licht dazu gehört, nämlich dem Schatten, dem Dunkel und der Finsternis, auch wenn man diese eigentlich nicht sucht und auch nicht will. Es wird konkret in dem, was Menschen in ihrem Leben erfahren und erleiden müssen, aber auch in dem, was durch das eigene Leben getan wird und geschieht.
Auch wenn unser fr. Kilian ein sonniges fränkisches Gemüt hatte, so warf dieses Licht auch Schatten auf sein Leben. Mit einem Augenzwinkern, manchmal auch selbstkritisch meinte er, dass der „Eschenbacher Lump“ nicht nur ein bekanntes fränkisches Weinanbaugebiet sein kann, das den gleichnamigen Wein hervorbringt.
Licht und Schatten gehören zum Schicksal von uns Menschen. Je länger der Tag dauert und je länger ein Leben währt, umso länger werden auch die Schatten, die sich auf das Leben legen können. Das ist die Erfahrung, die die letzten Lebensjahre von fr. Kilian immer mehr kennzeichneten und prägten. Nach einem Sturz im März 2021, bei dem er sich einen Wirbel angebrochen hatte, begann irgendwie ein ganz neuer Lebensabschnitt, mit dem er erst zurechtkommen musste.
„Geht nicht gibt’s nicht.“ Das war lange Zeit für ihn eine Art Lebensmotto, mit dem er gut durch das Leben kam. Plötzlich aber ging manches doch nicht mehr, wie er es gewohnt war und gerne gehabt hätte. Die Behandlung nach dem Sturz, die einen längeren Krankenhausaufenthalt nötig machte, hatte einen Kräfteverfall zur Folge, so dass er nicht mehr laufen konnte. Ich weiß noch, wie bitterlich er im Krankenhaus geweint hat, als er aufstehen sollte, es aber nicht mehr konnte.
Eine anschließende Reha im nahen Markt Indersdorf brachte Gott sei Dank eine glückliche Wendung für ihn. Dazu musste er selber alle Kraft zusammennehmen. Mit bewundernswerter und eiserner Disziplin lernte er wieder neu laufen und er kämpfte sich so zurück ins Leben, um auch an unserem Gemeinschaftsleben teilnehmen zu können. Es galt doch wieder: „Geht nicht gibt’s nicht!“ Die Freude war ihm anzusehen und er war darauf auch ein klein wenig stolz. Sein Radius war zwar erheblich kleiner geworden, aber alles, was er an technischen Hilfsmitteln und Werkzeugen brauchte, hatte er in greifbarer Nähe angebracht. Die Umgebung seines Bettes glich einer Werkstatt in Miniaturausgabe.
Dieser eiserne Wille kannte und hatte aber auch den Schatten. Es war schwer, fr. Kilian zu etwas zu bewegen, wenn er nicht selbst davon überzeugt war. Wir alle kennen und kannten sein energisches „NEIN“. So sei an dieser Stelle ein großes Danke an die Mitbrüder, an Dr. Manfred Seidl und an die Schwestern der Caritassozialstation gesagt für ihre unerschöpfliche Geduld.
Legt euren Gürtel nicht ab und lasst eure Lampen brennen. Haltet euch bereit, denn ihr wisst nicht, wann der Herr kommt. So haben wir gerade im Evangelium gehört und wir kennen die Worte darin nur allzu gut. Wir ahnten, wir wussten oder spürten es, dass dieser Moment, in dem der Herr kommt, für unseren fr. Kilian nicht mehr weit entfernt ist. Letztlich war es dann doch überraschend als er am Montagmittag plötzlich da war, der Moment und der Herr.
Mache dich auf und werde Licht! Lieber fr. Kilian, das wünsche ich Dir, dass Du dich aufmachen konntest zu diesem wunderbaren Licht, das keine Schatten, kein Dunkel und keine Finsternis mehr kennt. So wie wir es im Psalm 139 oft miteinander gesungen und gebetet haben: Würde ich sagen: Finsternis soll mich bedecken, statt Licht soll Nacht mich umgeben, auch die Finsternis wäre für dich nicht finster, die Nacht würde leuchten wie der Tag, die Finsternis wäre wie Licht.
Mache dich auf und werde Licht, denn dein Licht kommt, damit wahr werden kann und wahr werden darf, was Du uns so oft in der Heiligen Nacht mit eindringlicher Stimme vorgelesen hast: Christ erkenne deine Würde! In diesem wunderbaren Licht.
L: Offb 21,1-5a
Ev: Joh 13,31-33a.34-35
Liebe Schwestern und Brüder!
Seht, ich mache alles neu! Mit diesem Satz endete heute die Lesung aus der sog. Offenbarung des Johannes.
Seht, ich mache alles neu! Das ist für mich irgendwie ein „starker“ Satz, und das liegt wohl an dem kleinen Wort, das Menschen irgendwie fasziniert und mit dem sie wahrscheinlich auch ganz viel verbinden, an Hoffnung und an Sehnsucht. Es ist das Wörtchen „neu“! Seht, ich mache alles neu!
Dieses Wörtchen „neu“ kann vor allem eines, es weckt Interesse. Das weiß auch die Werbung und macht es sich zu Nutze, weil sie sicher sein kann, dass alles, was mit dem Zusatz „neu“ versehen wird, Aufmerksamkeit weckt. So kennen wir die verschiedenen einschlägigen Kombinationen mit dem Wörtchen „neu“, die da angepriesen werden und auf einen Käufer warten, nämlich genau auf „mich“. Es gibt eine neue Kollektion, ein neues Modell, eine neue Ausgabe, einen neuen Geschmack, einen neuen Duft, neue Erkenntnisse, eine neue Chance und neues Glück. Es gibt aber auch die Neuigkeit, und wenn von einer Neuheit die Rede ist, dann erweckt man damit den Eindruck, dass es so etwas noch nie gegeben hat.
„Neu“ ist aber manchmal gar nicht so neu. „Neu“ bedeutet oft nur „anders“. Aber auf dieses anders kommt es an. Die kleinen Unterschiede sind nicht nur reizvoll, sondern sie sind vor allem wichtig.
Seht, ich mache alles neu! Der Schreiber dieser Zeilen ist sich dessen bewusst und „preist“ daher einen neuen Himmel und eine neue Erde an. Er spricht von der neuen Stadt, dem neuen Jerusalem. Es ist also nicht die totale „Neuheit“, sondern etwas anderes. Es ist immer noch das Gebilde einer Stadt, es ist immer noch Jerusalem, allerdings mit dem feinen Unterschied, dass Gott darin wohnen wird, der alle Tränen von den Augen abwischt, der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage keine Mühsal. Neu, also anders, vielleicht ganz anders. Und auch noch schön! Zu schön, um wahr zu sein?
Seht, ich mache alles neu! Damit etwas neu werden kann, damit am Ende etwas Neues herauskommen kann, braucht es nicht nur viel Kreativität, sondern wahrscheinlich auch viel Anstrengung und Engagement. Zu einem „Null -Tarif“ wird es das „Neue“ nicht geben. Das Neue hat meistens auch einen neuen Preis, das kennen wir aus Erfahrung. Neue Produkte haben einen anderen Preis, meist einen höheren.
Der Preis des Neuen steckt auch in dem Begriff der „Erneuerung“. Erneuerung „kostet“ Anstrengung und kann sehr anstrengend sein.
Dessen war sich Jesus auch bewusst, wenn er von dem neuen Gebot spricht, das er uns gibt. Das Gebot, das er uns mitgibt auf unserem Weg in eine neue Zeit, die wir Zukunft nennen: Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe. Für uns ist das kein „neuer“ Satz mehr. Wir kennen ihn gut, wir kennen ihn in- und auswendig, wie wir sagen, so dass uns der feine Unterschied, das „Neue“ bzw. „Andere“, das in diesem neuen Gebot steckt, gar nicht mehr bewusst ist.
Welche Liebe hat Jesus gemeint? Wie hat dieser Jesus geliebt? Das wird in den Zeilen davor angedeutet, die wir gerne überlesen und vielleicht auch lieber weglassen würden: „Als Judas hinausgegangen war.“ Jesus spricht zwar von seiner Verherrlichung, der aber der Verrat vorausging. Dazu ist Judas hinausgegangen, um ihn zu verraten. Dann spricht Jesus von dem neuen Gebot. Es ist eine Liebe ohne Rache, eine Liebe ohne Hintergedanken. Es ist eine Liebe, die Bereitschaft zur Versöhnung schenkt.
Jesus liebt Judas trotzdem, er liebt ihn weiterhin und immer noch. Es gibt eine alte Darstellung aus dem 10. Jahrhundert, die Jesus als guten Hirten zeigt, der nicht ein Schaf auf seinen Schultern trägt, sondern den toten Judas, der sich nach dem Verrat das Leben genommen hat. Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe: Trotzdem, immer noch und weiterhin.
Neu ist meistens nur anders, aber die feinen Unterschiede sind wichtig, auf sie kommt es an.
Neues gibt es nicht zum Nulltarif, sondern etwas Neues hat auch seinen Preis, die Bereitschaft zur Erneuerung.
Liebe Schwestern und Brüder, seit zwei Wochen haben wir in Deutschland eine neue Regierung, und als Gemeinschaft der Kirche haben wir einen neuen Papst. Für beide gilt: Neu ist meistens nur ein bisschen anders, aber auf diese feinen Unterschiede kommt es an, die auch etwas bewirken können.
Am vergangenen Donnerstag hatte ich zwei Firmungen. Für mich ist das „nichts Neues“, aber für die jungen Menschen, die da kommen. Ich spreche ihnen Mut zu, eigentlich nichts Neues, vielleicht nur ein bisschen anders: „Sei besiegelt durch die Gabe Gottes, den heiligen Geist“.
Bei diesen Firmungsgottesdiensten wurde ein Lied gesungen, das mir nicht neu war, aber in diesem Moment war es doch etwas anderes, ja etwas Besonderes, das die Erneuerung in folgenden Worten besingt:
Voll Vertrauen gehe ich den Weg mit Dir mein Gott,
getragen von dem Traum der Leben heißt.
Am Ende dieses Weges bist du selber dann das Ziel,
Du, der Du das Leben bist.
Seht, ich mache alles neu!
L: Offb 7,9.14b-17
Ev: Joh 10,27-30
Liebe Schwestern und Brüder!
Es ist schon ein Phänomen, ein ganz eigenes Phänomen, dass ein Gegenstand plötzlich so ins Blickfeld der Weltöffentlichkeit rücken kann, dass Zeitungen Berichte folgendermaßen überschrieben haben: „Der Schornstein, der die Welt bedeutet.“ Oder: „Auf diesen Schornstein blickt die ganze Welt“. Ich denke, Sie alle wissen, was gemeint ist und gemeint war.
Ob die ganze Welt diesen Kamin, wie wir in Bayern eher sagen, wirklich so im Auge hatte, weiß ich nicht, aber es waren in der vergangenen Woche unzählige Kameras darauf gerichtet – sogar mit Live-Schaltung rund um die Uhr – um jede Veränderung, nämlich ob daraus weißer oder schwarzer Rauch aufsteigt, sofort in die ganze Welt zu melden.
Rauchzeichen sind eine sehr einfache Form der Fernkommunikation, die vor allem bei den indigenen Stämmen Nordamerikas gepflegt wurde. 1775 ist das Zeichen von weißem oder schwarzem Rauch erstmals bei einer Papstwahl im Quirinalpalast in Rom bezeugt, seit 1878 ist dieses Ritual der Fernkommunikation ein fester Bestandteil bei der Wahl eines Papstes, ein Ritual, hinter dem sich eigentlich ein für uns wichtiger Wahlgrundsatz verbirgt, nämlich geheim und damit auch frei, weil die Stimmzettel verbrannt werden.
Mit dem Bild des weißen bzw. schwarzen Rauchs wurde in der vergangenen Woche noch eine weitere Wahl kommentiert, die in Berlin stattfand, nämlich die des Bundeskanzlers der Bundesrepublik Deutschland. Nachdem der erste Wahlgang nicht so verlief, wie man es eigentlich erwartet hatte, tauchte im Internet ein Bild auf, das eine riesige schwarze Rauchwolke über dem Deutschen Bundestag zeigte. Schwarzer Rauch in Berlin! Und alle wussten, was damit gemeint war.
Am Donnerstagabend quoll dann doch überraschend schnell weißer Rauch aus dem Kamin der Sixtinischen Kapelle in Rom, auf den die ganze Welt geblickt hatte und zeigte an, dass ein neuer Papst gewählt war. Und damit stand die nächste Frage im Raum: „Wer ist der neue Papst?“ und „Wie ist er?“ Einige Zeit später gab es zunächst einen Namen und dann auch ein Gesicht.
Die Stimmung auf dem Petersplatz, so haben es viele wohl auch gesehen, war laut und ausgelassen. Dann aber wurde es doch ganz still, weil die Menschen gespannt waren auf die Stimme des neuen Papstes und auf das, was diese neue Stimme wohl zuerst sagen würde.
Ja, es gibt jetzt ein neues Gesicht und eine neue Stimme. An beides und auch an den Namen Leo müssen wir uns erst gewöhnen. Das ist wichtig und entscheidend für das, was wir Kommunikation nennen, die im heutigen Evangelium so beschrieben wurde: „Meine Schafe hören auf meine Stimme; ich kenne sie, und sie folgen mir.“ Was uns da in der Sprache der Bibel vermittelt wird, ist ein uraltes Bild für Kommunikation, die gelingt und die etwas bewirkt bzw. hervorbringt, was wir Vertrauen nennen und was wir für unser Leben und Zusammenleben brauchen. Vertrauen!
Das neue Gesicht in Rom ist in meinen Augen ein sehr freundliches Gesicht, das die Emotionen nicht verbergen konnte und wahrscheinlich auch nicht verbergen wollte, die den Menschen, der da gerade in eine neue Aufgabe gewählt wurde, in diesen Momenten bewegt haben. Das hat ihn für mich sehr menschlich gemacht.
Die neue Stimme in Rom ist eine kraftvolle Stimme, die etwas sagen möchte und die auch etwas zu sagen hat. Das kam in seinen ersten Worten zum Ausdruck: „Der Friede sei mit euch allen.“ Er machte damit auch klar, dass er nicht für die ganze Welt sprach, sondern dass er diesen Wunsch, diese Einladung an die ganze Welt richtete.
Es ist eine Einladung an die Menschen, diesen Weg mitzugehen, ihm zu folgen. Nicht einfach hinterherzulaufen, sondern mitzugehen und mitzugestalten. Die ersten Worte: „Der Friede sei mit Euch allen“, sind für mich auch eine Einladung, eine Art Themenwechsel vorzunehmen bei dem, worüber wir so oft und vielleicht auch gerne sprechen. Wenn ich mir das anhöre, worüber gesprochen wird und worüber dann die Medien berichten, dann sind es überwiegend Probleme. Es sind Probleme, die es ja auch wirklich gibt. Es sollte aber darum gehen, die Probleme anzugehen, versuchen sie zu lösen, und nicht damit Stimmung zu machen. Die Lösung ist ein Ziel, eine Perspektive, wo wir hinwollen und wo wir hinsollen: „Der Friede sei mit euch allen.“
„Meine Schafe hören auf meine Stimme; ich kenne sie, und sie folgen mir.“ Immer am 4. Sonntag in der Osterzeit, ist der gute Hirte nicht nur das Thema in den Gottesdiensten mit den Lesungen und den Gebeten, sondern er kommt auch selber zu Wort, indem er Menschen einlädt, sich auf den Weg zu machen, ihm zu folgen, mitzugehen, damit die Botschaft vom Frieden für die Welt auch zu den Menschen in der ganzen Welt kommen kann oder auch „neu entdeckt, geweckt und bewusst gemacht“ werden kann.
Der vierte Ostersonntag ist auch der Welttag der geistlichen Berufe. Geistliche Berufe sind nicht in erster Linie nur „Amtliche“, sei es hauptamtlich, nebenamtlich oder ehrenamtlich. Ein geistlicher Beruf ist zunächst eine persönliche geistliche Berufung: Hören, kennen und mitgehen.
Ein Sprichwort aus Afrika drückt das so aus. Viele kleine Leute an vielen kleinen Orten, die viele kleine Dinge tun, können das Gesicht dieser Welt verändern.
Der Friede sei mit euch allen. Der Friede sei mit allen Menschen auf dieser Welt und für diese Welt.
Erste Maiandacht
L: Joh 2,1-11
Liebe Schwestern und Brüder!
Der heutige Tag, der erste Mai, ist im Bewusstsein der Menschen irgendwie ein besonderer Tag. Die Gründe dafür, warum es ein besonderer Tag ist, können allerdings sehr verschieden sein. Wenn man Menschen danach fragt – manchmal tun das die Medien auch – warum der erste Mai ein Feiertag und deswegen auch arbeitsfrei ist, dann wird man ganz verschiedene Antworten zu hören bekommen.
Eine Antwort könnte lauten, dass der erste Mai der „Tag der Arbeit“ ist. Eine weitere Antwort, die man bei uns in Bayern auf diese Frage bekommen könnte, ist das Fest der „Patrona Bavariae – Maria, die Schutzfrau unseres Bayernlandes“, das es seit dem Jahr 1916 offiziell gibt und das seit 1970 immer am ersten Mai gefeiert wird.
Eine dritte mögliche Antwort könnte vielleicht lauten, weil an diesem Tag der Maibaum aufgestellt wird.
Leider, so haben es einschlägige Umfragen immer wieder gezeigt, wissen immer weniger Menschen um die Hintergründe und Grundlagen unserer Feiertage, so auch des heutigen Tages. Und es ist den Menschen auch sehr oft egal, warum es diesen Feiertag gibt, Hauptsache „frei“.
Frei zu haben ist zwar schön, aber noch lange kein hinreichender Grund, einen Feiertag zu begehen. Wenn es nämlich keinen Grund dafür gibt, dann wäre es lediglich ein „freier Tag“, aber noch lange kein „Feiertag“. Feiertage sind dazu da, sich bewusst zu machen und immer von neuem bewusst zu werden, dass sog. Selbstverständlichkeiten in unserem Leben eben alles andere als selbstverständlich sind. Alle eben genannten Antworten, warum der erste Mai ein Feiertag ist, weisen darauf hin.
Der erste Mai als Tag der Arbeit geht auf eine Entwicklung der Arbeitnehmerbewegung zurück, die darauf Wert legte und auch darum kämpfte, dass Arbeit nicht nur ein Schuften und Rackern ist, sondern dass Arbeit ein Wert ist und auch Werte schafft. Im Laufe der Zeit hat das auch die Gemeinschaft der Kirche begonnen so zu sehen und betont, dass Arbeit auch zur Würde des Menschen gehört und daher auch so gestaltet werden muss, der Würde des Menschen als Geschöpf Gottes entsprechend.
Papst Leo XIII. hat als erster im Jahr 1891 in seiner Sozialenzyklika „Rerum novarum“ die sklavenartigen Zustände an vielen Arbeitsplätzen beklagt und soziale Verantwortung eingefordert. Alle folgenden Päpste haben in entsprechenden Äußerungen auf diese Verantwortung hingewiesen. Und auch der neu zu wählende Papst wird das sicher zu gegebener Zeit tun.
Das Fest der „Patrona Bavariae“ geht darauf zurück, dass Menschen die Zerbrechlichkeit und die Gefährdung des menschlichen Lebens in ganz unterschiedlicher Weise immer wieder erfahren haben und erdulden mussten, oft in Kriegsgefahr und kriegerischen Auseinandersetzungen, sowie in Krankheit und anderen persönlichen Notlagen. Viele Wallfahrtsorte und Mariensäulen in unserem Land geben dafür ein frommes Zeugnis, dass man in den Bedrohungen des Lebens bei Maria Hilfe gesucht und auch gefunden hat.
Die Frömmigkeit der Menschen und damit auch die Suche nach Hilfe hat sich mit der Zeit sehr verändert. Trotzdem ist und bleibt das Leben immer auch gefährdet.
Eine der größten Gefährdungen des Lebens ist für mich, wenn Menschen die Freude und die Lust am Leben verlieren. Wenn sich die Frage nach dem Sinn stellt und keine Antwort darauf gefunden wird, oder weil im Leben etwas gründlich schief gegangen ist und kein Ausweg mehr in Sicht ist.
Gerade haben wir im Evangelium von einer solchen Situation gehört, wo etwas gründlich schief gegangen ist: Bei einer Hochzeit geht der Wein aus. Oh, wie peinlich! Vielleicht ist das aber mehr als nur peinlich. Vielleicht könnte sich dieser Vorfall wie ein dunkler Schatten auf die Freude und das Glück der beiden Menschen legen, die eigentlich voller Zuversicht gemeinsam in die Zukunft ihres gemeinsamen Lebens gehen wollten.
Wir alle brauchen Freude und Lust am Leben, um es sinnvoll und verantwortlich zu leben und um Leben gestalten zu können. Es kann sehr schwierig werden, wenn diese Freude und die Lust verloren gehen und irgendwann nicht mehr da sind.
In der Geschichte von der Hochzeit in Kana erkennt Maria die Peinlichkeit und auch die Gefährdung des Lebens für das Glück der Menschen und bittet deshalb ihren Sohn Jesus um Hilfe, weil das Gelingen des Lebens auch damals keine Selbstverständlichkeit war und bis heute auch geblieben ist.
In unserem heutigen Denken könnte bei dieser Geschichte sehr schnell die Frage aufkommen: War das jetzt Arbeitszeit oder Freizeit? War die Hilfe professionell, also hauptamtlich, war sie nebenamtlich oder war sie ehrenamtlich? War sie versicherungspflichtig oder steuerpflichtig?
Die Freude am Leben hängt meiner Ansicht nach nicht von dieser Unterscheidung ab, sondern von etwas ganz anderem, nämlich von der Bereitschaft und von der Verantwortung, Freude mit anderen zu teilen, oder eben nicht. Diese Einstellung des Teilens ist sogar sprichwörtlich geworden: „Geteiltes Leid ist halbes Leid und geteilte Freude ist doppelte Freude.“
Man könnte es auch so sagen: Leid und Freude sind etwas zutiefst Persönliches, aber Freude und auch Leid sind nicht etwas rein Privates. Das geht alle an!
Wenn wir heute in unserem Land das Fest der Patrona Bavariae feiern, dann steht diese wichtige Erfahrung als Lebens- und Glaubensweisheit im Hintergrund. In Maria, die in der Lauretanischen Litanei auch als die „Ursache unserer Freude“ angerufen wird, ist diese Einstellung sichtbar und damit für viele Menschen auch erfahrbar geworden. Auch das Brauchtum, das mit dem heutigen Tag verbunden ist, ist davon geprägt, sich miteinander zu freuen und miteinander zu feiern. In meiner Heimat ist es auf einer Tafel am Maibaum so zusammengefasst: „Einigkeit macht stark.“
Maria hat geteilt, sie hat viel geteilt mit den Menschen und auch mit uns. „Geteiltes Leid ist halbes Leid und geteilte Freude ist doppelte Freude.“ In den Kar- und Ostertagen, die noch gar nicht so lange zurückliegen, war davon immer auch die Rede. Wir waren eingeladen, den Kreuzweg Jesu mitzugehen.
Im sog. „Regina Coeli“ wird das miteinander Teilen besungen. Die lateinische Fassung haben wir bereits gehört, die deutsche Fassung werden wir heute noch miteinander singen:
Freu dich, du Himmelkönigin, freu dich Maria,
freu dich, das Leid ist all dahin. Halleluja.
Bitt Gott für uns, Maria.
Die Freude des Lebens besteht nicht darin, die Freude allein zu genießen, sondern die Freude des Lebens besteht darin, sie miteinander zu teilen und damit zu leben und zu vermehren. Dazu lädt uns der heutige Tag ein, und es ist Grund genug, dass wir das als Feiertag begehen und nicht nur einen freien Tag haben.
Gedenkgottesdienst für Papst Franziskus
L: Röm 6,3-11
Ev: Lk 24,13-35
Liebe Schwestern und Brüder!
Als am Vormittag des Ostermontags die Nachricht um die Welt ging, dass Papst Franziskus gestorben ist, da war das für mich überraschend, obwohl ich natürlich auch wusste und am Ostersonntag gesehen habe, wie gesundheitlich angeschlagen er beim Segen Urbi et orbi gewirkt hat. Dass aber das Ende seines Lebens so nahe war, hat mich im letzten doch überrascht und viele andere wahrscheinlich auch. Zuerst gab es schon einen gewissen Zweifel, ob es sich um eine Fake-News handelt oder nicht.
Die Nachricht vom Tod des Papstes hat letztlich doch überrascht. Vielleicht ist auch dieses Wort „überraschend“ ein Stichwort, das sich wie ein roter Faden durch sein Leben und Wirken als Papst gezogen hat, angefangen bei seiner Wahl am 13. März 2012, als wir mit dem Namen des Kardinals aus Argentinien, Jorge Mario Bergoglio, wohl nicht viel anfangen konnten und auch sein Gesicht bis dahin nicht kannten. Aber damals war für uns in Bayern alles überraschend, was nicht bayrisch war.
Überraschend war auch der Name, den es in der Geschichte der Päpste bis jetzt noch nie gegeben hatte, den aber gerade er sich für sein Wirken ausgewählt hat, nämlich Franziskus.
Ebenso überraschend waren auch seine ersten Worte, die vielleicht auch ein wenig aus Verlegenheit über seine Lippen kamen: „Buona sera!“ Einen guten Abend wünschte er den Menschen, die sich auf dem Petersplatz versammelt hatten, um den neuen Papst zu sehen und zu begrüßen. Diese einfachen und so menschlichen Worte brachten ihm auch ziemlich bald den Titel ein, der „Papst der Herzen“ zu sein.
Ja, überraschen konnte Papst Franziskus gut und er war auch immer für Überraschungen gut, mit dem, was er gesagt hat und was er nicht gesagt hat, was er gemacht hat und vor allem, was er nicht gemacht hat. Die Medien bekamen sehr schnell ein Auge dafür. Es blieb nicht unbemerkt, dass die liturgische Kleidung schlichter und einfacher war, und dass er auf die roten Schuhe verzichtete. Diese Einfachheit hat auch „Schule gemacht“. Die Schneider, nicht nur in Rom, mussten ihr Sortiment umstellen. Schlicht und einfach war der neue Stil und auch ein bisschen der „neue Schrei“.
Franziskus ging dahin, wo man nicht unbedingt freiwillig hingeht, wie etwa in Gefängnisse, um dort den Ritus der Fußwaschung an Häftlingen zu vollziehen. Er hat mit seinen Reisen und in seinen Reden auf die Ränder der Welt und der Gesellschaften aufmerksam gemacht und dadurch auch gezeigt, dass diese Ränder oft gar nicht so weit weg sind, sondern dass Menschen mitten unter uns am Rand stehen können oder irgendwie am Rande leben.
Überraschungen können erstaunen, sie können aber auch erschrecken. So ist und so war es eigentlich unvermeidlich, dass nicht jede Überraschung bei allen auch gut angekommen ist, außerhalb und auch innerhalb der Kirche. Er musste sich auch Kritik gefallen lassen, überraschenderweise gerade von solchen, die das vorher gegenüber einem Papst für nicht angebracht hielten.
Überraschungen gehören zum Leben mit dazu. Das Leben bringt Überraschungen mit sich und diese Überraschungen im Leben werden ganz unterschiedlich wahrgenommen und auch erfahren. Das kennt wohl jeder aus seiner eigenen Lebensgeschichte.
Mit Überraschungen muss man auch zurechtkommen können. Der Spruch: „Der Mensch denkt und Gott lenkt“, lässt erahnen, dass es eine Mischung aus Anfreunden und Abfinden sein wird.
Überraschungen gehören aber nicht nur zu unserem Leben und damit auch zum Glauben, sondern Überraschungen sind der Inhalt unseres Glaubens. Alle unsere Feste, die wir feiern, weisen auf solche Überraschungen hin. Nur haben wir uns inzwischen so sehr daran gewöhnt, dass uns gar nicht mehr auffällt oder bewusst ist, welche Überraschungen in den Festen stecken. Ist uns die Überraschung wirklich bewusst, die wir an Ostern gefeiert haben und immer noch feiern? Auferstehung! Jesus lebt! Er, der tot war, lebt! Leben durch den Tod! Leben nach dem Tod!
Der Apostel Paulus hat diese Überraschung in seinem Brief an die Römer, aus dem wir in der Lesung einen Abschnitt gehört haben, so formuliert: Wir wissen, dass Christus, von den Toten auferweckt, nicht mehr stirbt; der Tod hat keine Macht mehr über ihn. Denn durch sein Sterben ist er ein für allemal gestorben für die Sünde, sein Leben aber lebt er für Gott. So sollt auch ihr euch als Menschen begreifen, die für die Sünde tot sind, aber für Gott leben in Christus Jesus.
Wie schwer sich Menschen damals getan haben und bis heute mit Auferstehung tun, davon haben wir im Evangelium gehört, das uns als „Emmaus-Geschichte“ bekannt ist. Wir sollten es nicht überlesen und auch nicht überhören: Die Überraschung ist zuerst eine herbe und bittere Enttäuschung: Der letzte Satz der Jünger, wie sie schildern und erzählen, was mit Jesus geschehen war, bringt es schmerzlich auf den Punkt: „Wir aber hatten gehofft, dass er es sei, der Israel erlösen werde.“ Und zu allem Überfluss gab es auch noch die Überraschung des leeren Grabes…Ostern, das Fest voller Überraschungen.
Mit Überraschungen muss man auch zurechtkommen können, damals und heute. Jesus hat geduldig den Menschen, die so gehadert haben, zugehört und versucht, die Gedanken der verunsicherten und verängstigten Menschen zu ordnen, dass sie verstehen konnten, ganz langsam verstehen konnten. So konnte es Abend werden und es durfte ein guter Abend werden: Bleib doch bei uns; denn es wird bald Abend und der Tag hat sich geneigt. Da ging er mit hinein, um bei ihnen zu bleiben.
Nach seiner Wahl hat Papst Franziskus den Menschen auf dem Petersplatz und auf der ganzen Welt einen guten Abend gewünscht. Am Ostersonntag war sein letzter Wunsch an die Menschen ein frohes und gesegnetes Osterfest. Gute Wünsche hatte er für die Menschen immer mit dabei. Gute Wünsche und seinen Segen!
Mit den guten Wünschen und dem Segen, den Franziskus an die Menschen richtete, war aber immer auch die Bitte verbunden, dass man für ihn beten soll. Das war keine Floskel, sondern es war ein ehrlicher, ein wichtiger und inniger Wunsch. Dieser Wunsch wurde ganz offiziell erfüllt, wenn im Hochgebet immer für unseren Papst Franziskus gebetet wurde.
Sein Wunsch wurde aber auch erfüllt in vielen ganz persönlichen Gebetsgedenken von Menschen auf der ganzen Erde.
So sind wir heute Abend hier in unserer Basilika zusammengekommen, um seiner im Gebet zu gedenken und für seinen Dienst und sein Wirken zu danken.
Papst Franziskus würde sich – so glaube ich – darüber freuen und sich seinerseits dafür bedanken. Ich könnte mir aber auch vorstellen, dass er uns – wie am Abend seiner Wahl – einfach „Buona sera“, einen guten Abend wünschen würde.
Les: Apg 5,12-16
Ev: Joh 20,19-31
Liebe Schwestern und Brüder!
Am Sonntag nach Ostern, dem Weißen Sonntag begegnet uns im Evangelium, der Apostel Thomas. Und bei Thomas lässt sich eine eigenartige Entwicklung feststellen: Während man in früherer Zeit ihn als ungläubigen Thomas oder als Zweifler betrachtet hat, das war sicher auch manchmal erhaben und ein bisschen verächtlich. Ich kann mich gut erinnern, dass das Wort Jesu: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben“, in meiner Kindheit etwa so gedeutet wurde: Also der Thomas hat mit Jesus gelebt, und er hat das alles erleben können, und der hat es trotzdem so schwer gehabt zu glauben, und wir, jetzt nach 2000 Jahren, wir glauben, obwohl wir es doch viel schwerer haben, wir haben auch solch unmittelbare Begegnungen mit Jesus gar nicht gehabt. Was wir da also zu leisten haben, ist viel mehr. Kindliche Gedanken vielleicht, aber sicher war ich nicht der Einzige, der das so empfunden hat.
In den letzten Jahren und Jahrzehnten hat der Zweifler Thomas eine große Aufwertung erfahren. Man hat erkannt, dass das Fragen und auch das Zweifeln doch etwas ganz Wichtiges ist im Glaubensprozess, ja man fühlt sich solidarisch mit Thomas. Thomas ist der moderne Mensch, der von den Naturwissenschaften geprägt ist, dem es gar nicht so leicht fällt, nicht leichtfallen darf, einmal ganz bodenständig zu sein oder scheinbar naiv zu glauben wie die anderen. Ja, man sympathisiert mit Thomas und man vereinnahmt ihn auch ein Stück, wenn es darum geht, distanziert zu bleiben, kritisch und wachsam, und niemandem den eigenen Glauben überzustülpen, vor allem den eigenen Kindern nicht. Bei dieser Distanziertheit sehe ich die Gefahr, dass man das Kind mit dem Bade ausschüttet. Und immer, wenn ich den Satz höre „Meine Kinder sollen sich einmal selbst und ganz frei entscheiden können“, dann denke ich mir auch: Ja das ist richtig, sie werden sich ohnehin selbst und ganz frei entscheiden müssen, aber biete ich ihnen meinen Glauben und meine Überzeugung denn auch so an, dass sie sich gut dafür entscheiden können oder lasse ich meine Kinder in anderen Bereichen auch sozusagen in einem Vakuum leben, um sie ja nicht irgendwie zu beeinflussen. Wie viele junge Menschen beispielsweise suchen sich einen ähnlichen Beruf wie ihre Eltern, weil da irgendwie ein Funke übergesprungen ist von der Begeisterung. Warum soll das bei Fragen des Glaubens nicht richtig sein? Zumindest können wir festhalten. Für eine Art kritische Distanziertheit, die immer abseits bleibt und sich nicht vereinnahmen lassen will, die Angst hat auch davor, dass es mich etwas kostet, wenn ich mich da einbringe, für all solche Haltungen können wir Thomas nicht als Gefährten bekommen. Dagegen spricht seine große und tiefe Glaubenssehnsucht, Thomas möchte glauben, er zweifelt, aber er will ja nicht dabei stehenbleiben, er will begreifen. Das Evangelium erzählt uns nicht, ob Thomas wirklich in die Wunden Jesu gefasst hat, wohl aber, dass er so gepackt gewesen sein muss, dass er nur noch die Worte rausgebracht hat: Mein Herr und mein Gott, das kürzeste Glaubensbekenntnis, das eigentlich alles Wesentliche enthält. Das ist Thomas: Fragen und zweifeln ja, aber um einen begründeten Glauben zu haben, ein Lebensfundament, nicht um kritisch im Abseits stehen zu bleiben.
Und diese Sicht auf Thomas bringt mich auf eine weitere Frage: Als Jesus das erste Mal die Jünger trifft, war Thomas nicht dabei. Wie wissen nicht, wo er war. Vielleicht, einfach ein paar Nahrungsmittel besorgen. Ich kann mir auch vorstellen, dass Thomas es einfach nicht ausgehalten hat, mit den anderen zusammen zu sein, schöne Erinnerungen auszutauschen an die Zeit mit Jesus und dann die Türen schön verschlossen halten aus lauter Angst. Und als die Anderen ihm erzählt haben, Jesus war da, da war für ihn alles nur noch schwerer: Jesus war da, er ist auferstanden von den Toten, und das soll ich glauben, wenn bei Euch gar nichts weiter passiert? Ja, gefreut haben sie sich, das ist ungefähr so, wie wenn wir sagen: Es war heute aber sehr feierlich. Aber hat es etwas mit den anderen Jüngern gemacht, hat es sie verändert, hat es ihnen Mut gegeben? Nein, kann ja nicht, wird man vielleicht denken, war ja noch nicht Pfingsten, war ja noch kein Heiliger Geist da. Stimmt, hab ich ganz vergessen, aber Jesus selbst war da, ganz ohne den Heiligen Geist? Und er hat ihnen doch seinen Frieden zugesprochen, er hat sie gesandt, genauso wie der Vater ihn gesandt hatte. Und – er hat ihnen den Heiligen Geist gesandt und losgeschickt Sünden zu erlassen, und zwar nicht, ganz versteckt irgendwo im Beichtstuhl, sondern den Menschen die große Botschaft von der Erlösung zu sagen. Alles ist gut zwischen Gott und Euch. Das alles hat er sie wissen lassen, und was machen sie? Sie sitzen immer noch bei verschlossenen Türen und fürchten sich. Ich kann mir vorstellen, dass drinnen alles schön aufgeräumt und ordentlich ist für den Fall, dass Jesus noch mal kommt. Und diesem verängstigten Haufen soll Thomas etwas glauben, dem soll er Auferstehung glauben, Auferstehung von den Toten? Ich vermute, der Zweifel des Thomas hat weniger mit Jesus selbst als mit dieser verängstigten kleinen Kirche zu tun, die da bei geschlossenen Türen drinnen sitzt. Und es fällt mir nicht schwer, Parallelen zu ziehen zur Kirche heute, die drinnen sitzt und schaut, wozu das Geld noch reicht, und wie bedrohlich doch alles ist, und dass es vielleicht doch besser ist, sich zurück zu halten, immerhin haben wir ja viel Schwieriges in unserm historischen Gepäck und ja keine Entscheidungen treffen, die vielleicht in die Zukunft weisen. Und dabei verzichtet sie mehr und mehr darauf, die Botschaft vom Auferstandenen zu verkünden.
Liebe Schwestern und Brüder! Gestern wurde Papst Franziskus beerdigt, und mit ihm ein Papst, der für solch eine ängstliche Jüngergemeinde wenig Verständnis hatte, der starke Bilder geprägt hat um zum Ausdruck zu bringen, wie er die Kirche möchte. Er sagt: „Mir ist eine verbeulte Kirche, die verletzt und beschmutzt ist, weil sie auf die Straßen hinausgegangen ist, lieber, als eine Kirche, die aufgrund ihrer Verschlossenheit und Bequemlichkeit, sich an die eigenen Sicherheiten zu klammern, krank ist.“ Und Franziskus hat sicher auch das Wort seines Vorvorgängers bei dessen Amtsantritt gekannt: „Öffnet, ja reißt die Tore weit auf für Christus! Öffnet die Grenzen der Staaten, die wirtschaftlichen und politischen Systeme, die weiten Bereiche der Kultur, der Zivilisation und des Fortschritts seiner rettenden Macht! Habt keine Angst!“ Ich gebe zu, das alles sind große Worte, Forderungen und Überforderungen. Auch ich gehöre oft zu den Ängstlichen, die gern hinter verschlossenen Türen bleiben. Aber vergessen dürfen wir nicht, dass wir einen Auftrag haben als einzelne Christen, als Ortskirchen, als Kirche insgesamt, einen Auftrag, der bei Jesus so heißt: Wie mich der Vater gesendet hat, so sende ich euch. Amen.
Freundeskreistreffen,
L: Apg 4,13-21
Ev: Mk 16,9-15
Liebe Freude unseres Klosters,
liebe Schwestern und Brüder!
Wenn sich Menschen darauf vorbereiten, Eltern zu werden, dann gehen ihnen viele Fragen durch den Kopf. Es sind Fragen, die nicht in erster Linie ihr eigenes Leben, sondern das Leben und die Zukunft des Kindes betreffen. Zu diesen Fragen gehört auch die nach dem Namen: Wie soll das Kind heißen? Wie soll unser Kind heißen?
Für manche ist diese Frage ziemlich schnell erledigt, weil sie schon immer einen bestimmten Namen im Kopf hatten oder weil einfach der Name des Vaters, der Mutter an das Kind weitergegeben wird. Lange Zeit ist man sehr oft nach dieser Tradition verfahren. Ich kenne eine Familie, in der es einen Josef V. gibt. Heute ist das meistens anders und ich weiß, dass sich Menschen aus vielerlei Gründen mehr und auch länger Gedanken über den Namen des Kindes machen.
Der Name eines Menschen ist nicht nur etwas Schönes – so hoffe ich, dass Sie alle mit dem Namen zufrieden sind, den Ihnen Ihre Eltern einst gegeben haben – der Name eines Menschen ist vor allem etwas Wichtiges. Weil ich einen Namen habe, bin ich für andere ansprechbar, und wenn ich den Namen eines Menschen kenne, dann kann ich ihn ansprechen. In den Zeiten von Internet und künstlicher Intelligenz wissen wir, dass es nicht immer von Vorteil oder wünschenswert ist, wenn der Name, mein Name bekannt ist.
Das Märchen vom „Rumpelstilzchen“ und der damit verbundene Satz: „Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß“ bekommt plötzlich eine ganz neue und eigene Aktualität. Der Name ist nicht nur Identität, die zu mir gehört und die mich ausmacht, sondern der Name ist auch Autorität, mit der etwas gemacht werden kann und mit der ich etwas machen und bewirken kann.
Von einer solchen Autorität haben wir gerade in der Lesung aus der Apostelgeschichte gehört. Es ist der Name Jesu Christi, in dem die Jünger predigen und auch wirken. Nicht nur die Jünger merken, dass sie mit diesem Namen ein Stück Macht in der Hand haben, mit dem sie helfen können und helfen wollen, sondern dieser Name hat auch eine Macht, die auf Widerstand stößt, denn sie kann anderen gefährlich werden. Deshalb soll den Jüngern verboten werden, in diesem Namen zu sprechen, zu lehren und zu heilen.
Der Name Jesus ist nicht einfach nur schön, sondern er hat es vor allem in sich. Der Name Jesus bedeutet: „Gott rettet!“
Wie Gott rettet, das ist auch der Inhalt von Ostern, das wir gefeiert haben und immer noch feiern, 50 Tage lang! Gott rettet! Gott rettet nicht vor dem Tod, sondern Gott rettet durch den Tod und aus dem Tod. Gott hat Jesus von den Toten auferweckt!
Dass man diese Art Gottes zu retten nicht einfach zur Kenntnis nimmt, sondern dass diese Rettungstat Gottes Menschen und ihren Glauben herausfordert, das haben wir im Evangelium gehört. Wir haben es nicht nur gehört, sondern ich denke, diese Herausforderung kennen wir aus unserem Leben, wenn sich in unseren Glauben an den rettenden Gott Fragen und Zweifel mischen.
Mit Gott retten, durch Gott retten, das war nicht nur ein Name, sondern das war auch Programm und es ist eine Aufgabe, die bis heute geblieben ist. Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen, so endete der Abschnitt aus dem Markusevangelium, den wir gerade gehört haben.
Als vor gut 12 Jahren, am 13. März 2013, der Name des neuen Papstes bekannt gegeben wurde: Jorge Mario Bergoglio, da konnten nur wenige Menschen mit diesem Namen etwas anfangen. Heute, da Papst Franziskus zu Grabe getragen wird, da wissen viel mehr Menschen um diesen Menschen, und wie er versucht hat, den Namen Jesu zu verkünden und wie er damit etwas bewirken wollte und es auch konnte.
Wir wissen, dass er sich für dieses Wirken einen neuen Namen gegeben hat, nämlich Franziskus, ein Name, der nicht nur für Aufsehen gesorgt hat, sondern der auch Programm war, nämlich die Armen nicht zu vergessen.
So hat Papst Franziskus vielen Namenlosen ein Gesicht gegeben und dafür gesorgt, dass sie im Getriebe der Welt nicht einfach übersehen und übergangen werden. Er hat die Macht seines Amtes und seines Namens genutzt und dabei auch gemerkt, dass er nicht nur auf ungeteilte Zustimmung stößt, sondern dass sich auch Widerstand geregt hat, außerhalb und auch innerhalb der Kirche.
Bald werden sich die Kardinäle wieder zum Konklave versammeln und wir dürfen nicht nur gespannt sein, wer der neue Papst sein wird und woher er kommt, sondern auch welchen Namen er sich für sein Wirken geben wird. Der Name, den er sich gibt, könnte ein Hinweis sein, wie er den Menschen diesen Gott näherbringen will, der rettet und retten will.
Der Papst allein macht aber noch lange keine Kirche, sondern es braucht Menschen, die für sich erlebt und erfahren haben, wie und wo Gott rettet. So hoffe ich, dass uns unser Name nicht nur gefällt, sondern dass wir mit diesem Namen, den uns einst unsere Eltern gegeben haben und auf den wir getauft wurden, da wo wir leben, dafür einstehen: Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen. Es ist die frohe Botschaft von dem Gott, der rettet!
Ev: Lk 24,13-35
Liebe Schwestern und Brüder!
„Das Leben zieht an mir vorbei“, dieser Satz oder diese Redewendung ist mir in diesen Tagen beim Laufen eingefallen, ich muss aber zugeben, dass dieser Satz keinerlei Bezug zu meinem Lauftempo hatte. Das Leben zieht an mir vorbei – das ist ein Satz, der auch grundsätzlich mit dieser Situation gar nichts zu tun hat: Wenn Menschen diesen Satz denken oder aussprechen, dann ist oft das Gegenteil der Fall, irgendwie hat man das Gefühl nicht wirklich dabei zu sein, nicht dazuzugehören, nicht richtig angeschlossen zu sein. Jemand hat seine Ausbildung, sein Studium abgebrochen, und es ist gar nicht klar, wie es weitergehen kann. Da hat man vielleicht eine schöne Aufgabe gehabt, die Kinder haben einen gebraucht, und nun gehen sie ihre eigenen Wege. Da entsteht eine Leere. Oder man scheidet aus dem Berufsleben aus und plötzlich ist da soviel Zeit, die irgendwie gefüllt werden muss. Oder eine Beziehung stimmt nicht, nicht mehr, man lebt so unerfüllt nebeneinander, das Leben findet woanders statt. Oder man hat einen lieben Menschen verloren, man erlebt selbst eine schwere Krankheit, eine Krise. „Das Leben zieht an mir vorbei“, wenn ich diesen Satz sage oder empfinde, dann ist Aufmerksamkeit angebracht, möglicherweise offenbart sich in diesem Satz eine ganz große Trauer oder eine Depression, die man nicht allein bewältigt.
Das Leben zieht an mir vorbei – genau das muss auch die Stimmung der beiden Menschen gewesen sein, die da am Sonntagmorgen von Jerusalem weggehen in ihr Heimatdorf: Leere, Trauer, Sinnlosigkeit, Hoffnungslosigkeit – damit ist diese Stimmung ausgedrückt. Das Leben – ja, das war einmal. Mit diesem Jesus sind sie umhergezogen. Und vielleicht hatten sie geahnt, das könnte scheitern, es ist zu gefährlich wie er lebt, was er sagt, wie er provoziert. Aber das Vertrauen, das er selbst hatte, und die Hoffnung, die tiefe Lebenszuversicht, das war auf sie übergesprungen, und so sind sie mitgezogen, begeistert, ihre Familie, ihre Existenz hatten sie einfach aufgegeben. Freunde hatten sie zurückhalten wollten, aber die Faszination dieses Menschen war größer. Wie der von Gott sprach, ganz einfach, wie von einem Familienangehörigen, oder wie er mit den Menschen umging. Da gab es keine Angst vor Krankheiten, vor Dämonen, er machte keinen Unterschied zwischen den Frommen und den Sündern, den Zöllnern oder Dirnen. Im Gegenteil, mit den Frommen war er viel strenger, da war viel Herz für die Armen, für diejenigen, die sich gar nicht ans Gesetz halten konnten und auch für die Fremden, aber da war nicht viel Respekt vor den Priestern, manchmal vergriff er sich sogar im Ton. Am Ende hatten sie doch den längeren Arm, haben ihn zum Tod verurteilen, und dann ganz schnell das Urteil vollstrecken lassen. Keine Zeit war ihm geblieben, keine Möglichkeit der Verteidigung oder gar der Flucht. Und auch ihnen war keine Zeit geblieben. Sie müssen weg aus dieser Stadt, sie müssen das alles erst einmal verarbeiten, und neben der tiefen Leere und Sinnlosigkeit ist da noch die Angst. Dabei hatten sie doch so gehofft.
Das Leben zieht an ihnen vorbei. Es ist fraglich, wie es für sie weitergehen kann, weitergehen wird, ja klar, irgendwas wird es schon zu tun geben in ihrem Heimatdorf, irgendwie wird es schon weitergehen mit ihnen, aber das war es doch nicht, weswegen sie weggegangen sind, nein sie waren ganz tief angesprochen, im Herzen, dafür gibt es keinen Ersatz, kann es keinen Ersatz geben. Gott sei Dank, geht da jemand mit ihnen, dem können sie das alles erzählen, der hört zu, und der scheint zu verstehen, und dann fragt er nach, und ja er fragt nicht nur, er macht etwas mit dieser Situation, er fängt an zu erklären, und langsam sehen sie alles etwas anders, es ergibt doch Sinn, dieses nur Tragische und Traurige zeigt sich irgendwie als Handschrift Gottes, die nicht leicht zu entziffern ist. Aber des Gottes eben, von dem dieser Jesus so gesprochen hatte wie von einem guten Verwandten, diese Vertrautheit entdecken sie wieder und irgendwie wird alles leichter, nein, der Satz, „das Leben zieht an mir vorbei“ hat gerade keinen Sinn mehr, eher geht das Leben mit mir mit. Und so laden sie den Fremden ein, bei ihnen zu bleiben, es ist ja auch gar nicht denkbar, dass er jetzt im Dunkeln so allein weiterzieht – Gastfreundschaft ist ohnehin oberstes Gebot. Und so sitzen sie und essen, und dann nimmt der Fremde mit einer Selbstverständlichkeit das Brot, so als ob er der Hausvater wäre, aber er tut es, und sie kennen das, sie lassen das geschehen, und erkennen plötzlich: Jesus, der Auferstandene, alles war wahr, was die Frauen gesagt hatten. Er, der Lebendige, war die ganze Zeit mit ihnen gegangen, aber ihr Verstand hatte nicht zugelassen, was ihr Herz längst gewusst hat, gehofft hat. Er, Jesus, der Auferstandene, er war es, der mit ihnen gegangen war, der sie im Herzen berührt hat, der Mahl mit ihnen gehalten hat.
Liebe Schwestern und Brüder, die Emmausgeschichte ist uns bekannt, sie ist den meisten sehr vertraut. Aber sie ist keine einfache Geschichte. Hier geht es nicht nur darum, Auferstehung zu glauben als etwas Zukünftiges, Ausstehendes, irgendwann einmal. Nein, die Begegnung mit dem Auferstandenen kann fast nebenbei geschehen, mitten im Alltag, dort, wo wir nicht damit rechnen, ja selbst dort, wo wir vielleicht den Eindruck haben, das Leben zieht an uns vorbei, dort kann es sein, dass das Leben neben uns geht, dass es greifbar nahe ist. Wenn wir das Spüren „Brannte uns nicht das Herz“, dann ist es wichtig auch zu bitten: „Bleib doch bei uns“, das heißt dranbleiben, nicht locker lassen, ausdauernd sein. Und etwas ist dabei nicht unwichtig: Hier im Gottesdienst ist immer und ganz sicher der Ort, an dem der Auferstandene uns begegnen will, der Ort, an dem er das Brot mit uns teilt. Lassen wir das Leben nicht einfach an uns vorbeiziehen, suchen wir es immer wieder, bitten wir um diese guten und erfüllten Begegnungen und machen wir uns selbst auf, ihn hier zu finden. Amen.
Ostern 2025
Liebe Schwestern und Brüder!
Das Sammeln von Gegenständen aller Art, ob klein oder groß, ist für manche, vielleicht sogar für viele Menschen mehr, als nur ein interessantes Hobby, es kann auch eine Leidenschaft, ja eine „Passion“ sein, wie wir sagen.
Auch unser Kloster gerät manchmal ins Visier von einschlägigen Sammlern, die von uns Bier-Etiketten, Bierdeckel oder anderes haben wollen, was man halt so sammeln kann. Und ich selbst bekomme von Zeit zu Zeit Anfragen, ob ich jemandem nicht ein handsigniertes Bildchen von der Abtweihe zuschicken könnte, weil er so etwas sammelt. Bisher habe ich diesen Wünschen immer entsprochen. Seit ich aber entdeckte, dass man dieses Bildchen inzwischen bei eBay kaufen kann, habe ich das eingestellt und verweise auf diese Möglichkeit, eine persönliche Sammlung zu vervollständigen.
In der gestrigen Ausgabe des Pfaffenhofener Kuriers habe ich mit großem Interesse einen Artikel von einer ganz besonderen Sammlung gelesen, der folgendermaßen überschrieben war. „1,4 Millionen vollendete Leben.“ Darin wird beschrieben, dass eine Frau aus Autenzell, gar nicht so weit von uns entfernt, eine Sammlung von 1,4 Mio Totenzetteln, also Sterbebildchen, aus drei Jahrhunderten nicht einfach besitzt, sondern pflegt, auch in digitaler Weise.
Von Abt Engelbert weiß ich, dass auch er Sterbebildchen sammelt, und uns so an manchen Todestag erinnert, aber auf 1,4 Mio hat er es noch nicht gebracht, oder?
Wie gesagt, mit großem Interesse habe ich diesen Artikel gelesen. Ein Satz daraus aber hat mich bewegt und er ist mir nachgegangen: „Das Sterbebild ist die letzte Visitenkarte eines Menschen.“ Dem kann und möchte ich zustimmen sozusagen aus eigener Erfahrung. Aus der Gestaltung des Sterbebildchens kann man sehr viel aus dem Leben des Verstorbenen, aber auch der Hinterbliebenen herauszulesen, obwohl sich in den letzten Jahren hier viel verändert hat. Ich frage beim Trauergespräch auch immer danach, welches Bildmotiv und welcher Spruch ausgewählt wurden. Vollendetes Leben!
Die Sammelleidenschaft der Menschen kennt keine Grenzen. Der bekannte Liedermacher und Moderator der Sendereihe im BR „Gipfeltreffen“ (am Karfreitag wurde die letzte Sendung ausgestrahlt), Werner Schmiedbauer hat darüber ein Lied geschrieben, das augenzwinkernd so beginnt:
Manche sammeln Buidl, manche Souvenirs. Manche sammeln Ketterl fürs Gnack und für die Fiaß.
Manche sammeln Geld, manche sammeln Ruhm. Manche sammeln Punkte fürd Versicherung.
Manche sammeln Macht, manche sammeln Ämter. Manche sammeln für die andern und gebn ihr letztes Hemd her.
Dann stimmt er immer voller Ernsthaftigkeit in den Refrain ein: I bin Momentnsammler, I bin Momentnsammler.
Liebe Schwestern und Brüder, egal ob wir jetzt etwas sammeln oder nicht, ich glaube, dass wir alle solche „Momentensammler“ sind, Momente in unserem Leben, von denen wir leben und aus denen wir leben, und die sich in irgendeiner Weise vielleicht auch einmal auf einem Sterbebildchen, unserer letzten Visitenkarte, wiederfinden werden.
Das Osterfest, das wir jedes Jahr feiern, gehört für uns als Christen zu den wichtigen Momenten unseres Glaubens und unseres Lebens. Im Evangelium, das wir gerade gehört haben und das vom ersten Osterfest überhaupt berichtet, sind solche Momente festgehalten, die darüber entscheiden, wie es im Leben dieser Menschen weitergeht: Da ging auch der andere Jünger, der zuerst an das Grab gekommen war, hinein; er sah und glaubte.
Er sah und glaubte! Nur ein Moment, ein kurzer Moment. In den nächsten Wochen der Osterzeit wird sich das in den biblischen Texten, die wir in unseren Gottesdiensten hören, weiter fortsetzen und wiederholen. Es sind immer nur Momente, in denen die Menschen, denen der Auferstandene begegnet, ihn erkennen, wodurch sich in deren Leben dann auch etwas verändert.
Werner Schmidbauer fasst in seinem Lied solche Momente treffend so zusammen:
Nix is so schee wia der Moment.
Wo ois so is, wias ghert und as Leben kriegst einfach gschenkt.
Und des Allerbeste ist dabei: Wennsd den Moment gfundn host, is er vorbei.
Auf Momente achten, mit Momenten achtsam und sorgsam umgehen, dazu fordert uns Ostern jedes Jahr wieder neu auf. Wir sind eingeladen, mit offenen, unvoreingenommenen und mit liebevollen Augen durch die Welt zu gehen und hinzuschauen, wo in vielfältiger Weise Auferstehung in der Welt geschieht und sich in unserem Leben ereignet, denn:
Manchmal feiern wir mitten im Tag ein Fest der Auferstehung.
Stunden werden eingeschmolzen und ein Glück ist da.
Manchmal feiern wir mitten im Wort ein Fest der Auferstehung.
Sätze werden aufgebrochen und ein Lied ist da.
Manchmal feiern wir mitten im Streit ein Fest der Auferstehung.
Waffen werden umgeschmiedet und ein Friede ist da.
Manchmal feiern wir mitten im Tun ein Fest der Auferstehung.
Sperren werden übersprungen und ein Geist ist da.
Liebe Schwestern und Brüder, ich weiß aus eigener Erfahrung, dass sich das schön und einfach anhört, aber nicht immer so einfach und leicht ist. Manchmal müssen wir auch zweimal oder dreimal oder noch öfter hinschauen, bis wir sehen und glauben, bis wir annehmen können. Aber es sind immer Momente, die im Leben entscheidend sind oder darüber entscheiden werden, wie es in einem Leben, in meinem Leben weitergehen kann und weitergehen wird.
Nix is so schee wia der Moment.
Wo ois so is, wias ghert und as Leben kriegst einfach gschenkt.
Und des Allerbeste ist dabei: Wennsd den Moment gfundn host, is er vorbei.
Einmal wird es in unserem Leben einen Moment geben, der der letzte sein wird und mit dem unser Leben mit den vielen und vielfältigen Momenten, die wir erlebt, die unser Leben ausgemacht haben und die wir auch kostbar nennen, vollendet werden wird.
Wann wird dieser Moment sein? Was wird das für ein Moment sein? Wie wird dieser Moment sein?
Ostern sagt mir: Jesus lebt, mit ihm auch ich. Dies ist meine Zuversicht!
Ev: Lk 24,1-12
Liebe Schwestern und Brüder!
In jedem Jahr freue ich mich auf diesen Gottesdienst, auf die Feier der Osternacht, ja ich kann sagen, je älter ich werde, desto wichtiger und lieber wird mir genau diese Feier, so still und konzentriert einerseits, so ausladend dann aber doch, der Beginn am Feuer draußen, dann der lange Wortgottesdienst mit den Lesungen, die Tauffeier, zumindest begehen wir die Taufwasserweihe und dann die eigentliche Eucharistie oder die Kommunionfeier. Mir ist aber auch klar, dass ich zu denen gehöre, die Insider sind, die sich einmal entschlossen haben, den Gottesdienst in das Zentrum ihres Lebens zu rücken, und das ist dann natürlich auch ein gewisses Privileg, wir haben die Zeit dazu, wir dürfen und müssen sie haben. Und mir ist klar, dass es heute aus verschiedenen Gründen vielen nicht mehr möglich ist, in der Liturgie so zuhause zu sein oder aber es hat für sie auch nicht diesen Stellenwert. Und dann kann es sein, dass man sich in solch einem Gottesdienst wie der Osternacht, noch dazu am frühen Morgen um 4.00 doch ein wenig verloren oder überfordert vorkommt. Diesen ganzen Vorlauf der Fastenzeit hat man so nicht gehabt, dennoch bringt man den guten Vorsatz mit, einmal richtig Ostern in der Kirche zu feiern, aber das ist dann eine ganz schöne Zumutung.
Und wenn es Menschen unter uns geben sollte, für die das so zutrifft, dann möchte ich nicht den Fehler machen, jetzt noch einmal die Liturgie zu erklären und vielleicht tot zu reden, sondern ich will versuchen in Kürze, soweit das geht, drei Elemente zu benennen, die im Gottesdienst und speziell in diesem Gottesdienst etwas mitbestimmen:
Das erste Element ist das Licht: Wir treffen uns im Dunkeln, und das liegt ja nicht an der Tageszeit, sondern diese Zeit ist bewusst gewählt, es ist noch dunkel, wir bringen diese gedämpfte Stimmung mit, wir sind noch in Trauer, wir sind wie die Frauen, die am frühen Morgen zum Grabe gehen. Aber dann wird das Feuer entzündet, Licht in der Dunkelheit, Helle, Hoffnung, dieses Feuer ist das Zeichen der Auferstehung, und von diesem Feuer nehmen wir und zünden die Osterkerze an, das Symbol für den Auferstandenen, darum trägt die Kerze auch die Wundmale als Zeichen. Und noch einmal völlige Dunkelheit, wenn diese Kerze in die Kirche getragen wird: Es wird uns zugerufen: Das Licht Christi, Lumen Christi. Und von diesem einen Licht empfangen wir das Licht für unsere kleinen Kerzen, Licht, das sich im Raum verteilt, und alles schon wesentlich heller macht. Wir hören das Lob auf diese Osterkerze, das Exsultet, und wir hören die Botschaft: Gekommen ist das heilige Osterfest und Dies ist die Nacht, in der Christus die Ketten des Todes zerbrach und aus der Tiefe als Sieger emporstieg. Das Licht macht unseren Kirchenraum hell, dieses Licht will unser Leben hell machen, will in die verschiedenen Ecken und Winkel hineinleuchten. Lassen wir dieses Licht, Christus, in uns eindringen und wirken.
Das zweite Element ist das Wasser. Wasser ist das Element unseres Lebens, ohne Wasser ist kein Leben möglich. Und Wasser ist das Mittel der Reinigung. Wasser ist in dieser zweifachen Bedeutung auch das Element unseres Christwerdens, der Taufe. Im Gebet der Taufwasserweihe heißt es ganz grundsätzlich: „Segne dieses Wasser, das uns an deine Sorge für uns Menschen erinnert.“ Gott sorgt für uns, in umfassender Weise tut er das, im Geschenk des Lebens überhaupt und im Geschenk des ewigen Lebens, der Taufgnade. Wenn die frühen Christen einen Fisch gezeichnet haben, dann war das ihr Erkennungszeichen, Ichthys, so das griechische Wort für Fisch und die Anfangsbuchstaben ergeben das Bekenntnis: Jesus Christus ist Gottes Sohn und unser Erlöser. Der frühe Kirchenlehrer Tertullian (um 200) hat in seiner Abhandlung über die Taufe einen schönen Satz über sein Verständnis des Christseins geschrieben: „Uns aber, den Fischlein, gemäß unserm Ichthys, Jesus Christus, in welchem wir geboren werden, ist nur dann wohl, wenn wir im Wasser bleiben.“ Das heißt, wie die Fische nur im Wasser leben können, so wir Christen nur in der lebendigen Gemeinschaft mit Gott und den anderen Christen. Das Wasser ist das zweite Element dieser Feier.
Das dritte Element ist das Wort. Natürlich kommen auch in diesem Gottesdienst unzählige Worte vor, und trotzdem sind es einzelne Worte und kurze Sätze, die eigentlich eine ganze Welt eröffnen: Wir haben es schon gesagt: Christus, das Licht. Oder in der Lesung heißt es: Gott sprach. Und das heißt Gott tut etwas, er bewirkt etwas, es ist ihm nicht egal, was in und mit der Welt passiert, er schafft, und er schafft so, dass er am Ende sieht: Es war gut. Oder solch ein Satz im Evangelium: Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? dieser Satz reicht für eine ganze Predigt. In der Tauffeier werden wir sagen: Ich widersage und ich bekenne, und wir wissen, da sprechen wir aus, was uns wichtig ist, worauf wir stehen, was das Fundament und auch das Ziel unseres Lebens sein soll.
Auf ein Wort möchte ich besonders eingehen: Wir Mönche spüren in jedem Jahr, wie es uns in der Fastenzeit schwerfällt, dieses Wort nicht auszusprechen, das oft auch gewohnheitsmäßig über unsere Lippen kommt: Halleluja. Und bei diesem Wort muss ich doch etwas weiter ausholen. Ein Teil der Gebäude meines alten Klosters war in der DDR-Zeit zu einem staatliches Alten- und Behindertenheim umfunktioniert worden. Große Säle mit 8 oder 10 Betten, wo die behinderten Menschen ruhiggestellt waren, denn still, satt und sauber, so waren sie gewünscht in diesem so menschlichen Staat. Als dann nach der Wende das Heim von der Caritas übernommen wurde, und man anfing, sich wirklich mit den einzelnen Menschen zu beschäftigen, merkte man die große Vernachlässigung über lange Zeit. Der Heimleiter, ein laisierter Priester übrigens, begann, sehr einfühlsam ihnen beizubringen, was Glaube ist, was Beten heißt, was Gottesdienst sein kann. Und das Halleluja sagte er, dafür gibt es gar kein richtiges anderes Wort, damit sagen wir ganz groß unser Danke an Gott für unser Leben und für diese Welt, und dass unser Leben nicht aufhört, auch wenn wir einmal tot sind usw. Und ein junger Mann, der spastisch gelähmt war und nie gelernt hatte, deutlich zu artikulieren, der hatte es am besten verstanden. Halleluja, das war sein Wort, und wir konnten es jeden Sonntag erleben, beim Halleluja da grölte Uwe mit und sprang fast aus seinem Rollstuhl. An diese unbändige Freude muss ich Ostern oft denken.
Und dann darf ich hier in Scheyern noch etwas mit diesem Wort erleben. Am Ende des Gottesdienstes um 10.00 singt der Chor das große Halleluja von Händel. Das ist ein Höhepunkt am Osterfest, und da wird für mich der Bogen weit gespannt von unserer Feier hin zu den ganz großen Themen der Menschheit. Und dann ist bei mir für große Gewissheit da, Freude, Hoffnung und Vertrauen, denn dann weiß ich, dass über unsere Welt und über jeden Menschen das letzte Wort nicht gesprochen wird von einem Putin oder einem Trump oder wie immer diese Leute alle heißen mögen. Nein, das letzte Wort wird gesprochen werden von dem, der Jesus vom Tod auferweckt hat, denn Gott der Herr regieret allmächtig. Halleluja. Amen.
Unser Leben kennt Rituale und unser Leben braucht Rituale. Jeder von uns hat seine ganz persönlichen Rituale, die uns helfen, den Alltag mit seinen Herausforderungen zu bewältigen und zu bestehen. Das gilt auch für den Umgang mit dem Thema Sterben und Tod.
Viele Menschen beginnen daher beim Lesen der Zeitung hinten bei den letzten Seiten, wo für gewöhnlich die Todesanzeigen stehen. Wir lesen in diesen „Anzeigen“ Namen und Orte, wir erfahren nähere Umstände des Sterbens – wie etwa: „Nach langer, schwerer Krankheit“ oder „Plötzlich und unerwartet“. Manchmal berührt uns auch das Lebensalter oder sonst ein Detail in diesen Todesanzeigen
Ganz oft werden uns die Namen wahrscheinlich nichts sagen, wir blättern weiter und gehen zur Tagesordnung über. Manchmal aber bleiben unser Blick und unsere Gedanken bei einem Namen hängen, weil wir jemanden kennen oder weil uns das beschäftigt, was wir über die Umstände oder das Lebensalter erfahren. Es gehört auch zu den Ritualen unseres Lebens, dass in diesen Todesanzeigen immer wieder und immer noch ein Kreuz abgedruckt wird, manchmal auch das Scheyrer Kreuz.
Gestern ist mir bei den beiden Zeitungen, die wir in unserem Haus haben, aufgefallen, dass bereits auf der Titelseite Bilder von Kreuzen zu finden waren und auch ein kurzer Text dabeistand, was es damit auf sich hat: „Erinnerung an den Kreuzestod Jesu“. Man könnte sagen, dass es zwei Todesanzeigen waren, wenn auch in einer etwas anderen Art.
Das Kreuz erinnert bis heute an den Tod Jesu. Es erinnert an die Umstände, die wir gerade in der Passion hören und auch daran, dass er eigentlich gar nicht alt geworden ist, dieser Jesus: 33 Jahre! Das Kreuz ist nicht nur ein Zeichen, sondern es ist aus sich selbst heraus ein Ritual, das uns helfen kann, mit dem Thema Sterben und Tod im Leben umzugehen. Daher wissen die meisten Menschen auch noch, was es bedeutet und welcher Umstand sich dahinter verbirgt, wenn am Straßenrand plötzlich ein Kreuz steht, wo vorher keines stand, und wenn dort immer wieder Blumen abgelegt werden: Jemand hat an dieser Stelle „sein Leben verloren.“
Zum Ritual des Karfreitags gehört die sog. Kreuzverehrung. Wir machen auf dem Weg durch die Kirche dreimal Halt und laden zum Hinschauen und zum Nachdenken ein, um unseren Alltag mit seinen Herausforderungen bewältigen zu können, zu dem eben auch Sterben und Tod gehören. Wir werden eingeladen: Seht das Kreuz, an dem der Herr gehangen, das Heil der Welt.
Unser Leben kennt Rituale und unser Leben braucht Rituale. Der Schauspieler Ottfried Fischer hat sich darüber Gedanken gemacht und es in einem Buchtitel so formuliert: Heimat ist da, wo dir die Todesanzeigen etwas sagen.
Seht das Kreuz, an dem Herr gehangen, das Heil der Welt.
Sagt uns das etwas?
Sagt uns das noch etwas?
Ob der Apostel Paulus singen konnte, wissen wir nicht, aber er schreibt in seinem Brief an die Gemeinde in Korinth, was sein Denken und Fühlen, ja sein Leben verändert hat. In der 2. Lesung haben wir den Abschnitt gehört, der in unsere Liturgie eingegangen ist: Ich habe vom Herrn empfangen, was ich euch dann überliefert habe: Jesus der Herr, nahm in der Nacht, in der er ausgeliefert wurde, das Brot und sagte: Das ist mein Leib für euch. Tut dies zu meinem Gedächtnis! Ebenso nahm er den Kelch…
Auch der zeichenhafte Dienst, den Jesus an seinen Jüngern vollzogen hat, hat Kreise gezogen, und Menschen haben davon ein Lied gesungen und singen es immer noch:
Begreift ihr, was ich an euch getan habe? Ihr sagt zu mir Meister und Herr und ihr nennt mich mit Recht so; denn ich bin es. Wenn nun ich, der Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, dann müsst auch ihr einander die Füße waschen. Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe.
Aus dieser Erfahrung ist auch ein Lied geworden, das man singen kann und das wir heute während der zeichenhaften Handlung der Fußwaschung auch singen werden: Wo die Güte und die Liebe wohnt, dort nur wohnt der Herr.
Ich hoffe, dass wir nicht aufhören, über diesen Tag und diesen Gottesdienst hinaus, dieses Lied zu singen, weil es so wichtig ist für das Leben und Zusammenleben der Menschen auf dieser Welt: Wo die Güte und die Liebe wohnt, dort nur wohnt der Herr.
Ich hoffe und ich wünsche es uns allen, dass wir ein Lied davon singen können, weil wir es in unserem Leben erlebt und erfahren haben und dass wir es immer wieder spüren dürfen: Wo die Güte und die Liebe wohnt, dort nur wohnt der Herr.
Ein Lied davon singen können. Lass uns davon immer ein Lied singen!
Liebe Schwestern und Brüder!
Wenn Menschen von etwas ein Lied singen können, dann heißt das noch lange nicht, dass sie auch gut singen können oder dass sie gerne singen. Es ist auch nicht gemeint, dass sie einen großen Schatz an Liedern haben, die sie auswendig können oder dass sie Lieder sozusagen einfach vom Blatt singen können.
Wenn Menschen von etwas ein Lied singen können, dann haben sie etwas erlebt und erfahren, das ihnen nachgeht, das sie beschäftigt, das sie bewegt, das etwas in ihrem Leben oder das ganze Leben von Grund auf verändert hat.
In diesem Sinne können ganz viele Menschen, vielleicht auch Sie, ein Lied von etwas singen. Manchmal haben Menschen dann wirklich Lieder daraus gemacht, in denen sie das besingen, was sie erlebt und erfahren haben, was ihnen nachgeht, was sie beschäftigt und was Leben verändern kann oder auch verändert hat.
Es gibt ein Lied aus dem Jahr 1980, das vielleicht manche von Ihnen kennen. Es ist mit Sicherheit nicht für den heutigen Tag geschrieben worden, aber es bringt etwas zur Sprache, etwas zum Ausdruck, was heute am Gründonnerstag mitschwingt und wovon Menschen über den heutigen Tag hinaus ein Lied singen können: „Abschied ist ein bisschen wie sterben“. So beginnt das Lied, das Katja Ebstein vor vielen Jahren gesungen hat und das bis heute immer mal wieder zu hören ist.
Ja, Abschied ist ein bisschen wie sterben, das kennen viele Menschen und das mussten viele Menschen in ganz unterschiedlicher Weise erleben. Mir ist immer noch ein Telefonanruf in Erinnerung, den ich von jemandem bekommen habe, als er auf dem Weg ins Krankenhaus war, um sich von seiner Frau zu verabschieden, die im Sterben lag. Keine zwei Stunden später wurde mir dann mitgeteilt, dass genau das eingetreten ist. Abschied ist ein bisschen wie sterben, da ist weit mehr gestorben als ein geliebter Mensch. Beim Abschied sterben Vergangenheit und Zukunft, Erinnerung und Hoffnung.
Was mag da in den Menschen vorgegangen sein, von denen wir gerade im Johannesevangelium gehört haben: Es war vor dem Paschafest. Jesus wusste, dass seine Stunde gekommen war, um aus dieser Welt zum Vater hinüberzugehen. Da er die Seinen, die in der Welt waren, liebte, erwies er ihnen seine Liebe bis zur Vollendung. Jesus weiß, dass er sterben wird, er beginnt sich zu verabschieden. Ob alle verstanden hatten, was er damit meint? Ich weiß es nicht! Diese Menschen haben etwas erfahren und erlebt, das so ganz anders war, und das sie wohl nie mehr vergessen haben, so dass sie ein Lied davon singen konnten.
Katja Ebstein versucht dieses Erleben und Empfinden in ihrem Lied so zu beschreiben:
Abschied ist ein bisschen wie sterben.
Ist wie alles verlieren, weil es dich nicht mehr gibt.
Abschied ist ein bisschen wie sterben.
Wenn du nicht mehr bei mir bist, wofür hab‘ ich gelebt?
Deine Stimme klingt heut‘ so fremd.
Deine Augen, die ich voller Wärme kenn‘,
schau’n auf einmal so ernst und verraten,
nicht mehr, was du fühlst.
Abschied ist ein bisschen wie sterben.
Das, was an jenem Abend geschah, an das wir heute Abend in diesem Gottesdienst denken und es nachvollziehen, hat Kreise gezogen und Menschen haben davon ein Lied gesungen und singen es immer noch.
Ob der Apostel Paulus singen konnte, wissen wir nicht, aber er schreibt in seinem Brief an die Gemeinde in Korinth, was sein Denken und Fühlen, ja sein Leben verändert hat. In der 2. Lesung haben wir den Abschnitt gehört, der in unsere Liturgie eingegangen ist: Ich habe vom Herrn empfangen, was ich euch dann überliefert habe: Jesus der Herr, nahm in der Nacht, in der er ausgeliefert wurde, das Brot und sagte: Das ist mein Leib für euch. Tut dies zu meinem Gedächtnis! Ebenso nahm er den Kelch…
Auch der zeichenhafte Dienst, den Jesus an seinen Jüngern vollzogen hat, hat Kreise gezogen, und Menschen haben davon ein Lied gesungen und singen es immer noch:
Begreift ihr, was ich an euch getan habe? Ihr sagt zu mir Meister und Herr und ihr nennt mich mit Recht so; denn ich bin es. Wenn nun ich, der Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, dann müsst auch ihr einander die Füße waschen. Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe.
Aus dieser Erfahrung ist auch ein Lied geworden, das man singen kann und das wir heute während der zeichenhaften Handlung der Fußwaschung auch singen werden: Wo die Güte und die Liebe wohnt, dort nur wohnt der Herr.
Ich hoffe, dass wir nicht aufhören, über diesen Tag und diesen Gottesdienst hinaus, dieses Lied zu singen, weil es so wichtig ist für das Leben und Zusammenleben der Menschen auf dieser Welt: Wo die Güte und die Liebe wohnt, dort nur wohnt der Herr.
Ich hoffe und ich wünsche es uns allen, dass wir ein Lied davon singen können, weil wir es in unserem Leben erlebt und erfahren haben und dass wir es immer wieder spüren dürfen: Wo die Güte und die Liebe wohnt, dort nur wohnt der Herr.
Ein Lied davon singen können. Lass uns davon immer ein Lied singen!
Hoffnungsorte der Entscheidung
Lesung: Jes 43,16-21
Evangelium: Joh 8,1-11
Liebe Schwestern und Brüder!
Was unsere Fastenpredigten in diesem Jahr voneinander unterscheidet, ist im Grunde jeweils nur ein Wort. Immer geht es um Hoffnungsorte, heute um Orte der Entscheidung. Und wenn wir dieses Wort hören, dann denken wir vielleicht zunächst an ganz große Entscheidungen, wo habe ich meinen Wohnort, wer ist mein Lebenspartner, meine Lebenspartnerin, in welchem Beruf arbeite ich, wie sieht es mit Kindern aus usw. Das sind sehr wichtige Entscheidungen im Leben, aber es sind tatsächlich nur die ganz großen. Entscheidungen gibt es immer, jeden Tag entscheiden wir etwas, darum lohnt es, dieses Wort einmal näher zu betrachten.
Es gibt scheinbar banale Entscheidungen, beim Einkaufen, welcher Käse oder welche Wurst soll es denn sein oder welche Sachen ziehe ich heute an. Normalerweise halten wir uns bei solchen Fragen nicht lange auf; allerdings, wenn Menschen in eine Krise geraten, erkennt man das manchmal auch daran, dass all die kleinen Entscheidungen des Alltags zum Problem werden, ja dass es manchmal schon sehr schwer wird, sich dafür zu entscheiden, morgens aufzustehen oder etwas zu frühstücken.
Entscheidungen haben etwas zu tun mit verschiedenen Möglichkeiten, und immer, wenn uns Entscheidungen schwerfallen, sollten wir auch dankbar darauf aufmerksam werden, dass wir überhaupt etwas auszuwählen haben.
Manchmal, und das sind wirklich tragische Situationen, können wir nur entscheiden zwischen verschiedenen Übeln, und es ist nicht immer klar, welches das größere von beiden ist. Wir stehen dann zwischen Baum und Borke oder zwischen Skylla und Charybdis aus der griechischen Mythologie. Das ist keine beneidenswerte Situation, und ich habe großen Respekt z.B. vor Politikern oder anderen Verantwortlichen, die in solche Situationen hineingestellt werden bzw. sich dieser Verantwortung stellen. Irgendwas reden und vor allem besser wissen, das ist immer leicht.
Manche Entscheidungen, auch persönliche Entscheidungen haben weitreichende Konsequenzen, man sollte sie in Ruhe fällen und sich nicht unter Druck bringen lassen, manche Entscheidungen bestimmen unser Leben, ja und manche Entscheidungen sind so schwer, dass wir sie oftmals ein Leben lang vor uns herschieben, in der Hoffnung, dass sie uns einmal abgenommen werden. Im Krankenhaus kommt es nicht selten vor, dass Menschen, schwer erkrankt, eingeliefert werden. Und dann gibt es keine Patientenverfügung, keine Vorsorgevollmacht, nichts ist geklärt. Und es muss ganz schnell etwas entschieden werden, was man lieber in Ruhe vorher hätte tun sollen.
Wir müssen entscheiden, aber, das sollten wir mit bedenken, wir dürfen auch entscheiden, und viele Entscheidungen sind nicht einfach tragisch, sondern vielleicht sogar ein gutes Übungsfeld, um auch in den großen Fragen unseres Lebens richtig zu entscheiden. Entscheiden zu können, das hat etwas mit unserem Menschsein zu tun, das hat etwas mit unserer Freiheit zu tun, einem Gefangenen sind viele Entscheidungen gar nicht möglich.
Gut entschieden zu haben, das bedeutet meist, dass ich mich hinterher besser fühle, dass etwas klarer ist, dass ein Weg möglich wird, dass sich ein Raum öffnet. Egal, ob ich mich für oder gegen etwas entscheide, ich fühle mich freier, eine Last ist mir abgenommen, etwas wird eindeutiger. Allerdings nur, wenn es von einer Haltung begleitet wird, wie sie uns beim Propheten Jesaja begegnet. Da werden Gott die Worte in den Mund gelegt: „Denkt nicht mehr an das, was früher war; auf das, was vergangen ist, achte ich nicht mehr.“ Gott hat sich entschieden, er hat sich neu für sein Volk entschieden, die schwierige Vergangenheit, sie gilt nicht mehr für ihn, und genau das bietet er auch seinem Volk an: Neues Denken, neuer Anfang. Tatsächlich ist solch eine Neuausrichtung unseres Lebens uns Menschen kaum möglich, vielleicht ist sie nur möglich im Wissen darum, dass Gott sich entschieden hat, für uns entschieden hat.
Und gibt es das auch, was über dieser Predigt steht: Hoffnungsorte der Entscheidung? Ja, die gibt es, und diese Orte sind sicher immer verbunden mit Menschen, mit Umständen, mit Zeiten und mit einer gewissen Fragestellung. Im Evangelium begegnet uns solch ein Ort. Es ist der Tempel, und vielleicht nicht zufällig hat der Evangelist Johannes diesen Ort gewählt, um eine dramatische Entscheidung zu schildern, wir kennen diese Geschichte von der Ehebrecherin. Dabei ist mir, ganz nebenbei, jedes Mal schleierhaft, wie schnell sich das so liest: „sie brachten eine Frau, die beim Ehebruch ertappt worden war.“ Welch eine Geilheit, welch ein Voyeurismus, welch eine fanatische Eifersucht bringt Menschen dazu, andere zu belauern, um sie dann auf frischer Tat beim Ehebruch zu ertappen und noch mit dem höchsten Maß zu bestrafen, das uns möglich ist? Aber nein, sie tun das ja gar nicht: Jesus soll entscheiden, noch einmal so eine widerliche Idee, geht es doch nur darum, etwas gegen ihn in der Hand zu haben. Diese ganze Szene muss auch Jesus angewidert haben. Und sein Satz: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein, kann als stumme Anklage verstanden werden: Ihr alle seid Sünder, ihr alle seid nicht besser als diese Frau, ich weiß es, und ihr wisst es selbst auch. Und doch enthält dieser Satz noch einmal die Einladung oder besser die Entlassung: Geht einfach, geht einfach und lasst es gut sein, gut sein für diese Frau und gut sein für euch selbst. Für diese Frau, für alle eigentlich wird der Tempel zum Ort der Entscheidung, der Entscheidung zum Tod oder, das genau passiert hier, der Entscheidung zum Leben. Jesus sagt in dieser Geschichte: „Der Tempel, der Ort meines Vaters ist ein Ort des Lebens, weil Gott ein Gott des Lebens ist, er will nicht den Tod des Menschen.“ „Ich will nicht den Tod des Sünders, ich will, dass er umkehrt und lebt.“ Diesen Satz aus dem Propheten Ezechiel hat Jesus gekannt und gelebt, und der heilige Benedikt zitiert diesen Satz in seiner Regel.
Orte der Entscheidung, Hoffnungsorte der Entscheidung – das sind Orte, an denen eine Entscheidung fällt, das sind aber auch Orte, die uns einfach eine Entscheidung möglich machen, es sind Orte, die mit Erinnerungen oder Menschen oder einfach Stimmungen verbunden sind, die für uns entscheidend waren oder sind.
Von solchen Orten, die für mich persönlich entscheidend waren und bleiben, möchte ich jetzt kurz sprechen. Da ist zunächst die Stadt Halle, in der ich meine Ausbildung zum Krankenpfleger gemacht habe. Wenn ich von Halle in den 1980er Jahren spreche, dann sagen mir andere zu Recht: „Mann, war das dreckig, verfallen, eine wirklich hässliche Stadt.“ Für mich war diese Stadt wunderschön. Ich war jung und habe meine Jugend dort verbracht, ich habe nicht nur den Dreck gesehen und die Verfallenheit, sondern ich habe die schönen Ecken gesehen, die Natur mitten in der Stadt und drumherum, die Kultur und die Geschichte, die Burgen an der Saale, das bunte Studentenleben der Uni, die vielen Möglichkeiten, in ein Konzert, ins Theater, in die Oper zu gehen und vieles mehr, was ich aus meiner mecklenburgischen Kleinstadt nicht kannte. Halle ist für mich ein Ort der Entscheidung gewesen, weil ich mich für diese Stadt entschieden habe, und weil es mir unheimlich leid tat, wie man diese Stadt hat verfallen und verdrecken lassen. Wer heute über Helmut Kohls Wort von den „blühenden Landschaften hinweglächelt“, der weiß nicht oder will nicht wissen, wie verwahrlost die Orte und Landschaften in der DDR waren. Das war und bleibt ein Verbrechen. Bitte fahren Sie einmal nach Halle an die Saale, die Stadt hat es verdient.
Ein Ort der Entscheidung bleibt für mich mein erstes Kloster die Huysburg. Ein Kloster mitten im Wald, im Vorharz. Ich wäre nie Priester und Seelsorger geworden, wenn es dort nicht einen Mitbruder gegeben hätte, der mir viel mehr zugetraut hat, als ich mir selbst, der mich da einfach in die Seelsorge reingesteckt hat, bis ich selbst gemerkt habe, dass das etwas für mich ist und dass ich da vielleicht auch etwas kann.
Ein Ort der Entscheidung ist für mich Scheyern. Ich möchte Ihnen ein Erlebnis erzählen, das mich bis heute tief berührt. Als ich vor fast 9 Jahren in meiner Gemeinde mitgeteilt habe, dass ich weggehe und wieder Mönch werde und zwar in Scheyern, keiner in Merseburg kannte Scheyern, kam am folgenden Sonntag ein alter Mann auf mich zu und gab mir etwas, ein kleines abgenutztes Scheyrer Kreuz. Und er sagte dazu Folgendes: „Mein Vater ist in Stalingrad verwundet worden. Er kam in ein Lazarett, dort hat er dieses Kreuz bekommen. Er ist wieder gesund geworden, und dieses Kreuz hat er immer bei sich getragen. Herr Pfarrer, wenn ich Ihnen dieses Kreuz gebe, dann kommt es wieder dorthin wo es hergekommen ist. Bitte nehmen Sie es, meine Kinder können leider nichts mehr damit anfangen.“ Sie können sich vorstellen, dass ich dieses Kreuz fast genauso verehre wie das Original.
Als ich neu hier in Scheyern war, hat mir ein Mitbruder etwas Besonderes gezeigt, die Kirche Verklärung Christi in Rohrbach. Vielleicht hat er sich gar nichts dabei gedacht, vielleicht hat er aber auch gewusst, dass ich als Norddeutscher manchmal nicht so viel anfangen kann mit Barock und Rokoko, und es einfach schlichter und klarer brauche. Die Kirche in Rohrbach hab ich schon manchmal besucht, wenn ich etwas zu entscheiden hatte, oder wenn mich etwas wirklich bewegt hat. Die Kirche in Rohrbach ist für mich solch ein Ort der Entscheidung, inzwischen auch die schöne Krankenhauskapelle in Pfaffenhofen.
Orte der Entscheidung sind verbunden mit Menschen, mit Erinnerungen, mit Stimmungen und mit Worten, mit Bibelworten. Sie wissen, dass mich in jedem Jahr die Jahreslosung begleitet, mal mehr und mal weniger. Als ich mich entschieden habe, mein erstes Kloster wieder zu verlassen, war das für mich keine leichte Entscheidung, sondern mit manchen Fragen und Unsicherheiten verbunden. An meiner ersten Stelle war gerade der Pfarrer in Ruhestand gegangen, ich sollte ein Vierteljahr dort aushelfen. Das war Ende des Jahres, und dann kam die neue Jahreslosung. Sie war aus dem Buch Josua und hieß: „Gott spricht, ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht.“ Zufall? Für mich bleibt dieser Satz mit 10 schönen Monaten in Köthen verbunden und mit den Menschen, mit denen ich dort zusammengearbeitet und gelebt habe. „Ich lasse dich nicht fallen, und verlasse dich nicht.“ Ein entscheidendes Wort am Ort der Entscheidung.
Liebe Schwestern und Brüder, auch wenn ich noch von manch anderen Orten sprechen könnte, ich bin mir sicher, dass mir nichts Außergewöhnliches passiert ist in meinem Leben, aber wenn ich manches betrachte, dann sehe ich doch, dass es so etwas wie Zusagen gegeben hat, Begegnungen mit dem lebendigen Gott, Begegnungen an Orten der Entscheidung, die zu Hoffnungsorten geworden sind. Ich bin sicher, diese Orte entdecken Sie ebenso in ihrer Biographie, wenn Sie nur aufmerksam dafür sind, und wenn Sie sich dafür entscheiden, diese Hoffnungsorte der Entscheidung auch sehen zu wollen. Ich wünsche Ihnen Orte der Entscheidung, die Hoffnung machen, Orte, an denen Ihnen jemand sagt: „Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht.“
Amen.
Hoffnungsorte der Ruhe
Lesung: Jos 5,9a.10-12;
Evangelium: 15,1-3.11-32
Liebe Schwestern und Brüder im Herrn, liebe Mitbrüder, liebe Pfarrangehörigen!
Wir kennen alle solche Tage, Stunden oder Augenblicke in den wir schlichtweg feststellen: „Es reicht!“ und in uns der Wunsch wächst: „Einfach weg!“. Einen Ort um zur Ruhe zu kommen, wer kennt nicht eine solche Sehnsucht und Jesus bring das ja übrigens auch an mehreren Stellen gegenüber seinen Jüngern zum Ausdruck, wenn er sie auffordert: „Kommt mit an einen einsamen Ort und ruht ein wenig aus!“ (vgl. Mk 6,30)
Genau um eine solche Sehnsucht geht es in der heutigen Fastenpredigt – „Hoffnungsorte der Ruhe“ überschrieben.
Diese Sehnsucht der Menschen nach einem Ort der Ruhe ist uralt und wird nicht nur oft in den Psalmen, unserem alttestamentlichen Liederbuch immer neu besungen, sondern auch vom großen und verheißungsreichen Propheten der Hoffnung, Jesaja, angekündigt: „Das Werk der Gerechtigkeit wird Frieden sein und der Ertrag der Gerechtigkeit sind Ruhe und Sicherheit für immer“ (Jes 32,17)
Ruhe wird also einerseits von Gott selber verheißen und andererseits in den Zusammenhang unseres menschlichen Tuns gerückt und besteht nicht aus reiner Passivität. Ruhe ist also einerseits ein Geschenk und zum anderen etwas, das es aktiv zu erstreben gilt.
In der heutigen Lesung aus dem Buch Josua kommt beides zur Sprache. Gott führt da das Volk in das verheißene Land, in das Land in dem nicht nur Milch und Honig fließen, sondern auch Ruhe ist und erspart doch dem Volk nicht die 40-jährige Wanderung durch die Wüste. Beides ist in- und miteinander verwoben. Gott verheißt nicht nur das gelobte Land, sondern begleitet die Seinen: Er lässt die Wasser fliehen beim Durchzug durch das Rote Meer, er gibt Manna – Brot vom Himmel, er lässt aus dem Felsen Wasser sprudeln – Gehen muss das Volk aber schon selber. Mit Gott ist also für uns Menschen Ruhe, die Erfüllung so mancher tiefen Sehnsucht zu erreichen.
Doch was verbirgt sich hinter dieser Verheißung eines gelobten Landes? Was sind Hoffnungsorte der Ruhe?
In den anfangs aufgezeigten emotionalen Momenten scheint uns das ganz klar: „Einfach weg!“, „Reif für die Insel“ oder „Tapetenwechsel“. Dahinter steckt zuerst ein großes Bedürfnis nach Veränderung – meist verbunden mit einem Ortswechsel. Doch ist ein Ortswechsel ausreichend?
Der schon in den 80-er Jahren bekannt gewordene und mehrfach ausgezeichnete Kinderbuchautor Janosch hat diese Sehnsucht beispielhaft in seinem Büchlein „Oh wie schön ist Panama“ aufgegriffen. Da machen sich zwei Freunde, kleiner Tiger und kleiner Bär – natürlich mit der berühmt gewordenen aus Holz gefertigten Tigerente – auf, das erträumte Land ihrer Sehnsucht namens „Panama“ zu suchen. Schlussendlich bestehen sie eine ganze Reihe von Abenteuern und finden dann „Panama“ in ihrem eigenen Zuhause, das sie unversehens mit ganz neuen Augen entdecken dürfen.
Wem das nun zu wenig fromm ist, der sei auf das eben gehörte Evangelium am heutigen 4. Fastensonntag und eine etwas ungewöhnliche Blickrichtung darauf verwiesen. In ihm ist geschildert, wie sich einer der beiden Söhne aufmacht – sein Glück zu suchen, sich selbst zu verwirklichen und dann, nach krachendem Scheitern, wieder zu Hause bei seinem gütigen und barmherzigen Vater Aufnahme findet, wo er sich im wahrsten Sinnes des Wortes angenommen weis.
Am Ort allein scheint es also nicht wirklich zu liegen, wenn natürlich auch ein solcher unglaublich hilfreich sein kann. So finden doch ungeheuer viele Menschen in der Natur, das, was sie suchen: Ruhe und Entspannung und Eins-Sein. Doch ich wage zu behaupten, dass da der Wald oder die Alm oder das Meer oder auch die Wüste – wie auch immer – lediglich den einladenden Rahmen bieten und den Menschen ein Stück weit auf sich selbst verweisen in ihrer unermesslichen Größe oder Stille. Das macht übrigens auch der Sport in seinen verschiedenartigsten Herausforderungen – auch Musik oder Poesie. Dem Menschen gelingt es eben oft leichter, in solchen Räumen, in solchen Übungen oder in einem solchen Umfeld all das los zu lassen, was ihm das Herz schwer macht, Ruhe zu finden.
Und doch – der Mensch nimmt sich selber mit und so erleben Manche, dass sich all diese wunderbaren Orte ganz schnell zur neuen Belastung entwickeln und erneut der Wunsch aufkeimt: „Ich muss hier wieder weg.“
„Unruhig ist unser Herz bis es ruht in Gott“ So hat dieses zu tiefst menschliche Suchen der große Kirchenlehrer und Heilige Augustinus in Worte gefasst und nennt damit zwei Gegensätze: Unruhe und Ruhe.
In der alten klösterlichen-monastischen Tradition wird der Weg des Mönches als Weg aus der Unruhe zur Ruhe hin gedeutet und interessanterweise verbindet das der große Mönchsvater Benedikt nicht mit einer Wanderbewegung, sondern mit einem stabilen Ort. Für ihn ist das Kloster die „Werkstatt“ um dieses Ziel zu verwirklichen. Wieder klingen die schon genannten beiden Seiten zusammen: das Tun des Menschen und das Geschenkhafte, die Gnade Gottes, die sich im Verzeihen zeigt und in der gelebten Gotteskindschaft zum Ausdruck kommt.
Nachdem sich der Mensch also ohnehin immer selber mitnimmt, ist also eine Ortsveränderung zwar oft hilfreich, aber nicht wirklich entscheidend. Denken wir da doch auch an Menschen, die immer neue Beziehungen eingehen, die immer an neuen Orten neu beginnen und doch immer – bildhaft – über die eigenen Füße stolpern.
„Habitare secum – Wohnen bei sich selbst“ lautet das Stichwort aus der geistlichen Tradition. Wo auch immer wir leben, was auch immer unsere Aufgabe ist – es gilt also, es bei sich selber auszuhalten. Oder anders, vielleicht etwas salopp formuliert: Wer sich selber nicht mag, mag auch meist die anderen nicht und findet so nie Ruhe!
Hoffnungsorte der Ruhe sind also weniger geographische Landmarken, sondern beschreiben einen inneren Zustand des bei sich selber Seins, des in sich selber Ruhens, des bei sich Wohnens, des vollkommenen Angenommenseins.
Dass das nicht unbedingt selbstverständlich ist, wird schon an der humoristischen und doch tiefen Äußerung eines Karl Valentin deutlich, der einmal gesagt hat: „Heute besuche ich mich, hoffentlich bin ich daheim!“
Es geht also um das Daheim sein. Meinen Schülern habe ich vor Jahren immer mal wieder im Abiturgottesdienst mitgegeben, dass sie einen Ort brauchen, wo sie daheim sind und ich habe auch erklärt, dass das im Getriebe unserer Welt und ihrer vielfältigen Aufgaben und Heraus-forderungen ein innerer Raum, etwas zu tiefst Inwendiges sein muss.
Angesichts der zunehmenden und inzwischen statistisch nachgewiesen wachsenden Zahl psychisch erkrankter Menschen, sollte das für uns alle nicht nur ein gut gemeinter Rat bleiben.
Hoffnungsorte der Ruhe, haben zutiefst etwas mit unserem Menschsein zu tun. Ja, an ihnen sind wir wahrhaft Mensch – kommen wir da an, wo Gott, Welt und Mensch nicht mehr Gegensatz, sondern Ergänzung, ja eins sind, wo wir das sind, wozu wir berufen sind: Mensch zu sein!
Wer spricht heute schon von solchen Zielen? Die Reisebranche überbietet sich mit immer neuen Zielen, unsere Konsumgesellschaft erfindet immer neue Ablenkungen. – Doch führen all diese vorschnellen Verheißungen wirklich zum Glück, zur Zufriedenheit, zur Ruhe?
Im Buch Josua wurde uns die Ankunft des Volkes im verheißenen Land mit dem Namen Kanaan beschrieben. Jetzt am Ziel leben sie von den Früchten dieses Landes und da auch Kanaan kein Schlaraffenland ist, bedeutet das auch die Sorge um das tägliche Brot.
Auch das gehört also zu den Hoffnungsorten der Ruhe. Sie sind nicht süße Orte des Nichtstuns, sondern Orte der erfüllten Zeit.
Doch es ist eine andere Zeit – eine Zeit in der wir Menschen nicht einander zum Konkurrenten werden, sondern zu dem, wofür Gott uns entsprechend des uralten Schöpfungsliedes bestimmt hat, nämlich wo wir einander Hilfe und Helfer sind – und es an Gottvertrauen nicht fehlt. Nicht umsonst schreibt uns der Hebräerbrief: „Denn hätte schon Josua sie in das Land der Ruhe geführt, so wäre nicht von einem anderen, späteren Tag die Rede. Also verbleibt dem Volk Gottes noch eine Sabbatruhe. Denn wer in seine Ruhe eingegangen ist, der ruht auch selbst von seinen Werken aus, wie Gott von den seinigen. Bemühen wir uns also, in jene Ruhe einzugehen…“ (Hebr 4,11)
Hoffnungsorte der Ruhe! Wir wünschen sie unseren lieben Verstorbenen, dass sich das vollende, was unvollendet geblieben ist. Ich wünsche es Ihnen, ja uns allen aber schon heute, dass wir Ruhe finden für unsere Seele – oder wie es im Matthäusevangelium unglaublich klar beschrieben ist: „Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; und ihr werdet Ruhe finden für eure Seele.“ (Mt 11,29)
Amen
Hoffnungsorte in der Nähe
Einführung:
„Leg deine Schuhe ab; denn der Ort, wo du stehst, ist heiliger Boden.“ =>
Keine Sorge, wir dürfen die Schuhe anlassen. Dieses Zitat aus der Lesung am Anfang soll uns bewusst machen, vor wen wir treten. „Hier bin ich.“, sagte Mose: Da-Sein, ganz, mit Bereitschaft, mich auf Gott einzulassen.
Ihn, unseren Herrn, rufen wir im Kyrie an.
Les: AT Exodus 3: Mose am brennenden Dornbusch
Ev: Lukas 13: Vom eingestürzten Turm. Und vom Feigenbaum der keine Früchte bringt.
Predigt:
Liebe Schwestern und Brüder im Herrn!
Noch sind uns die heftigen Worte des Evangeliums im Ohr.
Im ersten Teil wird nach den Menschen gefragt, die Opfer einen Unglücks geworden sind. Jesus verneint klar jeden Zusammenhang mit der eigenen Schuld: „Nein, sage ich euch.“ Da gibt es keinen Zusammenhang. Kein strafender Gott als Ursache von tragischen Ereignissen. Die Frage: „Womit hab‘ ich das verdient?“ ist sehr menschlich, aber theologisch ein für alle Mal beantwortet: Das ist keine Strafe von Gott!!
Vielmehr ist Gott eher wie der Winzer in dem Gleichnis: geduldig – nochmal ein Jahr – den Boden rundherum aufgraben und düngen. Vielleicht trägt er in Zukunft Frucht.
Liebe Zuhörer/-innen!
Kennen Sie jemanden, zu dem Sie am liebsten allen Kontakt abbrechen würden oder im Alltag aus dem Weg gehen möchten? Wie wäre es, ein viertel Jahr zu investieren: Besonders aufmerksam und freundlich sein und ein kurzes, aber ehrliches Gebet für ihn oder sie, jeden Tag zu einer festen Zeit, als Routine. Das ist wie der Dünger. Wer weiß, vielleicht verändert es etwas. An uns selbst ganz gewiss! Damit öffnen wir nämlich unser Herz dem Wirken des Geistes Gottes, wir schaffen damit Raum, dass etwas wachsen kann, das über das rein menschlich Beschränkte hinausgeht.
Für die Verankerung des Spirituellen im Leben kann es ungeheuer hilfreich sein, einen konkreten Ort zu haben, an den man auch leicht hinkommt: Ein Hoffnungsort in der Nähe.
In der Landschaft und an Wegen stehen als Wegmarken Marterl und Kreuze. Im Garten unseres Elternhauses z.B. ein Bildstock, typisch für die Rhön und den fränkischen Bereich: aus Sandstein. Unten ein massiver hoher Sockel, dann die runde Säule, oben das eigentliche Marterl, auf der die Kreuzigungsgruppe herausgearbeitet wurde.
Liebe Schwestern und Brüder
Von vielen Kreuzen und Marterln hier in der Umgebung weiß ich, dass diese nicht einfach nur herumstehen – wie Überbleibsel aus einer früheren Zeit – sondern Anlaufpunkte sind:
- Im Oktober beten wir einen Rosenkranz in Vieth an einem Kreuz, das für den Eigentümer am Abend ein guter Ort ist, um innerlich den Tag gut zu beschließen.
- Bei Winden in der Nähe der Wasserreserve steht ein Wegkreuz, das einmal im Rahmen eines Trauergespräches wichtig wurde: Der Verstorbene gehörte nicht zu den Kirchgängern. Die Witwe berichtete mir aber folgendes:
„In der Zeit der Krebsbehandlung fuhr er mit dem Fahrrad, wenn es das Wetter und die Kräfte zuließen, bis zu diesem Kreuz, sammelte unterwegs ein paar kleine Blumen und Kräuter, und steckte diesen kleinen Strauß zwischen die Arme Jesu und den Kreuzesbalken.“
Als ich hinfuhr, den vertrockneten kleinen Strauß sah und nun diese existentielle persönliche Geschichte dazu wusste, hat es mich stark berührt.
Was, liebe Schwestern und Brüder, ist ein Hoffnungsort in Ihrer Nähe, den Sie als Ankerpunkt für Ihr Gebet, Ihre Sorgen und Hoffnungen oder Ihre Trauer haben?
In den Häusern erkennt man diesen Ort öfters daran, dass dort Sterbebilder stehen:
Im Herrgottswinkel, zu Füßen des Gekreuzigten, der im Sterben sein Leben in die Hände des Vaters zurücklegte: „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist“ sagte er, im Vertrauen darauf, nicht ins Bodenlose zu fallen, sondern wieder in das Leben Gottes einzugehen.
Ein Hoffnungsort ist das Kreuz für uns, weil wir darin die Liebe sehen, die durch Leid und Tod nicht besiegt werden konnte. Unterm Kreuz ist oft eine Mariendarstellung. Hier finden wir uns wieder und können um die Kraft bitten, wie Maria standhalten zu können, wenn es widrig wird.
So ein Ort in der eigenen Wohnung erinnert uns an die Zusage, die Mose mitten in seinem Alltag – nämlich beim Viehhüten – erfahren hat: „Ich bin – ich bin da.“
Unser lieber Prof. Dr. Theo Seidl, bis ins hohe Alter geistig ganz präsent, erzählte mir, wie er und andere Alttestamentler es deutlicher übersetzen: „Ich bin der, als der ich mich erweisen werde.“ Bei dieser Übersetzung tritt der Aspekt der Hoffnung in den Vordergrund: Gott ist nichts statisches, sondern ein dynamisches Geschehen, auf Zukunft hin ausgerichtet, eine Verheißung gebend. Und das mitten in unserem Alltag, da wo wir leben und arbeiten.
- „Wie hat ihr Mann seinen Glauben gelebt?“, fragte ich bei einem anderen Trauergespräch. Die Frau zeigte auf das Kreuz, das über der Tür des Wohnzimmers hängt und sagte:
„Wenn er sich auf den Weg zur Arbeit machte, um sich als LKW-Fahrer mit dem schweren 10-Tonner auf weite Fahrt zu begeben, hielt er vor der Tür einen Moment in, schaute auf das Kreuz, und zog dann los.“
Ob er sich bekreuzigt hat, weiß ich nicht mehr, aber er hat innegehalten und hingeschaut: Ein Ankerpunkt mitten im Alltag!
Wo, liebe Anwesende, ist für Sie ein solcher Hoffnungsort in ihrer unmittelbaren Umgebung? Und welches Gefühl regt sich, wenn sie sich diesen innerlich vor Augen führen?
Wenn Sie mögen, können Sie nun eine der Personen neben ihnen danach fragen, was ihnen in den Sinn gekommen ist. Probieren wir‘s einfach mal.
***
An einem solchen Ort wird man ruhiger. Vielleicht schnauft man dort automatisch einmal tiefer ein und aus. Und wenn das Smartphone vibriert, weil jemand eine Nachricht gesendet hat, sagt man sich: „Das hat jetzt Zeit, ich bin jetzt hier, bei mir, und bei Dir, Gott.“ Das ist kostbare Zeit, die einem selbst gehört, die erdet und zugleich uns über uns selbst hinauswachsen lässt.
- Wenn unser Herz gerade recht leer ist, kann es sich neu füllen,
- wenn unsere Liebe erkaltet ist, kann sie neu entfacht werden.
Das wirkt der Geist Gottes automatisch und liebend gern!
Wir können dies unterstützen, indem wir betend unser Herz für sein Wirken öffnen. Ein kurzes altkirchliches Gebet finden Sie auf den Gebetskärtchen, die ausgeteilt wurden, auf der Seite mit der Flamme:
„Komm, Heiliger Geist,
erfülle die Herzen deiner Gläubigen,
und entzünde in Ihnen das Feuer deiner Liebe.“
Bitte einmal gemeinsam:
„Komm, Heiliger Geist,
erfülle die Herzen deiner Gläubigen,
und entzünde in Ihnen das Feuer deiner Liebe.“
Das ist noch recht allgemein. Deshalb habe ich ein klein wenig umformuliert, das finden sie auf der Rückseite.
„Komm, Heiliger Geist,
erfülle mein Herz,
und entzünde in mir das Feuer deiner Liebe“.
Bitte einmal gemeinsam:
„Komm, Heiliger Geist,
erfülle mein Herz,
und entzünde in mir das Feuer deiner Liebe“.
Spüren sie die Kraft, die darin steckt?!?
- Wenn mein Herz erfüllt ist vom Guten, hat das Böse keinen Platz,
- dann ist Resignation nicht die einzige Alternative und Zynismus kommt einem nicht mehr über die Lippen.
- Wo Feuer entzündetet ist, da gibt es Wärme und Licht, da strahlt etwas aus,
- da wächst etwas.
- Und wo Liebe ist… Diesen Satz brauche ich nicht zu Ende formulieren, denn die Liebe ist der Dreh- und Angelpunkt unseres Glaubens und unseres Lebens.
Liebe Schwestern und Brüder im Herrn!
Eine kleine Herausforderung, also eine Challenge, wie man heute sagt: Diese Visitenkarte in den Geldbeutel stecken oder zu Hause an einen Ort legen, wo Sie es sehen und beten können. Wenn dann wieder eine Begegnung ansteht oder ein Thema, bei dem Sie denken: „Oh nein bitte nicht!“, dann können Sie dreimal beten: „Komm Heiliger Geist, erfülle mein Herz, und entzünde in mir das Feuer deiner Liebe.“ Dreimal reicht erfahrungsgemäß, dass sich in mir schon etwas verändert. Da öffnet sich ein Raum, in welchem geschenkt werden kann, was ich eingangs nannte: dass etwas wachsen kann, was über das rein menschlich Beschränkte hinausgeht.
Schließen möchte ich damit, dass ich ihnen mein Hoffnungswort verrate, das in dieser Linie liegt:
„Der Geist aber macht lebendig.“
Das ABER nimmt die nüchtern die Realität in den Blick.
Das LEBENDIG drückt die Hoffnung und Zuversicht aus, das sich etwas entwickeln und wandeln kann, und dann Früchte bringt.
Letzten Sonntag war es mir und uns geschenkt, den bunten Früchtekorb des Lebens in unseren drei Solidarpfarreien [Scheyern, Niederscheyern, Gerolsbach] zu erleben, als wir am Vormittag und Nachmittag anlässlich des Geburtstages des Pfarrers 😉 einmal zusammenkamen und viel von dem sichtbar wurde, was an den einzelnen Orten an Lebendigkeit da ist. Etwas, was sonst so nicht geschieht. Es war eine sehr ermutigende Erfahrung, eine Bekräftigung, dass es auch heute noch stimmt, was der Apostel Paulus sagte:
„Der Geist aber macht lebendig.“
Amen.
Les: Phil 3,17-4,1
Ev: Mk 9,2-10
Hoffnungsort des Anfangs
Liebe Schwestern und Brüder!
Es ist noch gar nicht so lange her, da haben viele Menschen dieses Jahr 2025 ganz euphorisch mit viel Getöse begrüßt und wir haben uns wohl alle am Neujahrstag ein gutes neues Jahr gewünscht, in der Hoffnung, dass es auch so kommen möge. Inzwischen ist durch verschiedene Ereignisse und Entwicklungen eine gewisse Ernüchterung eingetreten und man wäre vielleicht auch zufrieden, wenn es ein ganz „normales Jahr“ würde, ohne größere Einschnitte und vor allem ohne Katastrophen.
Und doch ist dieses Jahr 2025 etwas Besonderes. Für die Katholische Kirche ist das Jahr 2025 ein Heiliges Jahr. In Anlehnung an das jüdische Erlassjahr, das alle 50 Jahre einen Schuldenerlass vorsah, hat Papst Bonifatius VIII. im Jahr 1300 das erste heilige Jahr für die Katholische Kirche ausgerufen; es sollte alle 100 Jahre begangen werden. Schnell wurde der Rhythmus auf alle 50 Jahre festgelegt und seit 1475 wird es alle 25 Jahre begangen.
Ich weiß, viele interessiert das gar nicht oder nicht mehr, denn das Denken und auch die Erwartungen an ein solches Heiliges Jahr haben sich grundlegend gewandelt. Trotzdem könnte das Motto des Heiligen Jahres, nämlich „Pilger der Hoffnung“ ein Anstoß, ein Impuls sein, über das eigene Leben und die Lebensgestaltung nachzudenken und vielleicht da und dort eine Neubesinnung oder eine Neuausrichtung zu versuchen.
Pilger der Hoffnung. Was ist das? Was könnte das sein? Könnte das etwas für mich sein? Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Also ist Hoffnung etwas, was es im Leben gibt und was es zum Leben auch braucht. Hoffnung schüttelt man jedoch nicht so einfach aus dem Ärmel und sie fällt auch nicht vom Himmel. Hoffnung schöpft man, Hoffnung gewinnt man und letztlich ist Hoffnung ein Geschenk. Hoffnung ist ein Geschenk, das Menschen hilft, den Lebensweg zu gehen und ihn zu gestalten.
Menschen haben für ihr Leben verschiedene Hoffnungen und es ist auch ganz unterschiedlich, wo Menschen Hoffnung für ihr Leben schöpfen und gewinnen oder was ihnen Hoffnung schenkt und Hoffnung macht. Es muss aber irgendetwas geben, woran sich diese Hoffnung festmachen lässt. Unsere Predigtreihe in dieser Fastenzeit beschäftigt sich mit konkreten Orten, die Menschen mit Hoffnung verbinden und die ihnen Hoffnung schenken können.
Den Hoffnungsort, den ich heute mit Ihnen teilen möchte, habe ich „Hoffnungsort des Anfangs“ genannt. Jeder von uns hat einen Ort des Anfangs, nämlich den Geburtsort. Wir werden nicht einfach „nur“ geboren, sondern wir dürfen zur Welt kommen, wir erblicken das Licht der Welt und zwar an einem konkreten Ort. Dieser Ort ist so wichtig, dass er in den Ausweisdokumenten festgehalten wird. Damit gehört er zu unserer Identität und er schafft auch Identität.
Leben ist ein großes Geschenk, Leben ist ein Ausdruck der Hoffnung. Leben wird weitergegeben, Leben darf weitergehen. Wenn ich mit „frischgebackenen Eltern“ zu tun habe – so wie gestern bei einem Taufgespräch – dann spürt man etwas von dieser Hoffnung, die das neue Leben in die Welt und auch in die Beziehung der Eltern gebracht hat. Es werden aber auch große Hoffnungen in dieses neue Leben gesetzt. Ich nehme an, das wird bei meinen Eltern und bei Ihren Eltern nicht anders gewesen sein.
Manche wissen es, mein Geburtsort ist Wangen im Allgäu, unweit des Bodensees. Allerdings liegt Wangen nicht mehr in Bayern, sondern bereits in Baden-Württemberg. Daher sagen meine Mitbrüder manchmal, dass ich „Migrationshintergrund“ habe. Aber egal, der Geburtsort gehört einfach zum Menschen und mein Geburtsort gehört zu mir und ich verbinde ihn mit dieser Hoffnung des Anfangs, nämlich leben zu dürfen.
Nicht nur ich verbinde mit diesem Ort Hoffnungen, sondern auch andere Menschen, das habe ich im Jahr 2008 nach meiner Wahl zum Abt von Scheyern erlebt. Da schrieb mir die damalige Äbtissin von St. Walburg in Eichstätt, Franziska Kloos, die aus der Gegend von Wangen stammt: „Endlich ein Alemanne auf dem „Abtsthron“ von Scheyern.“ Ihre Hoffnung, die sie damit zum Ausdruck brachte, wurde allerdings bitter enttäuscht, denn bei unserer ersten Begegnung sagte sie voll Entsetzen: „Wie sprechet denn Sie?“ Jedenfalls keinen Allgäuer Dialekt und ich denke, auch keinen Akzent mehr. Sehr schnell war sie damit wieder versöhnt, aber es war ihre ganz konkrete Hoffnung, die sie mit meinem Geburtsort verband.
Der Grund, warum ich diesen Dialekt nicht mehr spreche, liegt darin, dass ich genau heute vor 51 Jahren, am 16. März 1974, mit meiner Familie ins oberbayerische Obersöchering gezogen bin, wo ich aufwachsen durfte. Trotzdem pflegten meine Eltern immer den Kontakt ins Allgäu und ich habe das beibehalten, weil ich fast jedes Jahr am Ende meines Sommerurlaubs dorthin fahre. Mein Geburtsort ist für mich auch ein Stück Heimat.
Zum Hoffnungsort des Anfangs gehört für mich auch die Taufe. Mir wurde nicht nur Leben geschenkt, sondern auch der Glaube. Glaube, der mein Leben prägt und der mich auch hier an diesen Ort Scheyern geführt hat. Ein Ort, der für viele Menschen ein Hoffnungsort ist und den ich mitgestalten darf.
Vor neun Jahren war ich zu einem Gottesdienst in Weingarten bei Ravensburg eingeladen. Auf der Rückfahrt machte ich Halt in Ratzenried, unweit von Wangen, wo wir gewohnt haben und wo ich in der Pfarrkirche getauft wurde. Es war am 3. Juli 2016, genau mein 50. Tauftag. Das war für mich sehr bewegend, genau an diesem Tag dort am Taufstein zu stehen, wo sozusagen alles begann. Hoffnungsort des Anfangs.
So bin ich meinen Eltern nicht nur für mein Leben dankbar, sondern auch für den Glauben, den sie mir so gezeigt haben, dass man mit ihm leben kann und der mich auf meinem Lebensweg nicht nur begleitet, sondern auch durch verschiedene Wegetappen getragen hat und immer noch trägt.
Jedes Leben setzt sich aus verschiedenen Abschnitten und Etappen zusammen. Im Evangelium von der Verklärung Jesu auf dem Berg Tabor ist so eine Wegetappe des Lebens und des Glaubens festgehalten. Die Jünger Jesu dürfen plötzlich alles in einem anderen Licht sehen, auch das, was sie vielleicht vorher nicht verstanden haben, wo sie mit diesem Jesus nicht weitergekommen sind. Solche Momente nennen wir Sternstunden. Auch in meinem Leben und in meinem Glauben gab und gibt es solche Sternstunden. Aber Sternstunden vergehen genauso schnell wie alle anderen Stunden auch. Aus Sternstunden kann man aber Hoffnung schöpfen für die Situationen, in denen man über jeden Funken Hoffnung froh sein muss, weil man nicht weiß, ob es weitergeht und wie es weitergeht. Diese Erfahrung kenne ich genauso wie Sie wahrscheinlich auch.
Das Stadtbild von Wangen prägen drei Stadttore. Eines davon ist das sog. „Martinstor“. Als getaufter Martin war ich als Kind immer sehr stolz, dass dieses Tor genauso heißt wie ich. Und immer wenn wir in Wangen waren, wollte ich zu diesem Martinstor hin, den heiligen Martin anschauen, der dort aufgemalt war, und durch das Tor gehen.
Vor ein paar Jahren ist mir aufgefallen, dass auf diesem Tor auch zwei Äbte aufgemalt sind, die aus Wangen stammen: Ulrich Rösch, Abt von St. Gallen, und Rupert Neß, Abt von Ottobeuren. Vor einiger Zeit hat mich jemand darauf hingewiesen, dass ich es zwar nicht auf das Stadttor geschafft habe, aber auf die Wikipedia-Seite von Wangen unter der Rubrik „Söhne und Töchter der Stadt“. Das hat mich schon gefreut, dass ich dort mit anderen Personen stehen darf, die in Wangen geboren wurden und von dort sozusagen in die Welt hinausgegangen sind. Hoffnungsort des Anfangs.
Liebe Schwestern und Brüder, die Sternstunde, die die Jünger auf dem Berg Tabor erleben durften, hätten sie gerne länger ausgekostet. Sie wurde bzw. war abrupt beendet und sie mussten den Berg wieder hinuntergehen, ihren Lebensweg fortsetzen. Jesus hat ihnen ein Wort mit auf den Weg gegeben, das zu den wichtigsten Hoffnungsworten unseres Glaubens geworden ist, nämlich Auferstehung. Von den Jüngern heißt es, dass Sie sich damit schwertaten: Dieses Wort beschäftigte sie und sie fragten einander, was das sei, von den Toten auferstehen. Auferstehung, dieses Wort nehmen wir oft sehr schnell in den Mund oder es kommt uns schnell in den Sinn. Auferstehung ist aber mehr, viel mehr als ein Wort. Auferstehung ist für mich die Hoffnung aller Hoffnungen!
Pilger der Hoffnung. Pilger haben immer auch ein Ziel, meist einen sehr konkreten Ort, zu dem sie sich aufmachen. Auf das Leben bezogen sagen wir, dass sich Kreise schließen und auch schließen dürfen. Wenn das Leben eines Menschen an sein Ende, an sein Ziel gelangt ist, dann kommt das in der kirchlichen Begräbnisfeier durch verschiedene Riten zum Ausdruck. Der Sarg oder auch die Urne wird mit Weihwasser besprengt mit den Worten: Im Wasser und im heiligen Geist wurdest du getauft. Der Herr vollende an dir, was er in der Taufe begonnen hat. Oft, sehr oft habe ich diesen Satz bei Beerdigungen selber gesprochen. Für mich ist das ein sehr hoffnungsvoller und auch hoffnungsfroher Satz. Was begonnen wurde, geht nicht einfach zu Ende, sondern es wird vollendet werden. Das heißt aber auch: Wenn nichts begonnen wird, dann kann auch nichts vollendet werden. Wenn ich mich nicht auf den Weg mache, kann ich auch nicht ankommen.
So gibt es nicht nur einen Hoffnungsort des Anfangs, sondern auch einen Hoffnungsort der Vollendung, den wir Himmel nennen, wo immer und wie immer das auch sein wird. Unsere Heimat aber ist im Himmel, so schreibt es der Apostel Paulus in seinem Brief an die Philipper, aus dem wir in der Lesung einen Abschnitt gehört haben. Unsere Heimat aber ist im Himmel. Dieser Himmel ist jedoch nicht losgelöst von unserem Leben und unserer Lebensgestaltung.
Liebe Schwestern und Brüder, es gibt einen Geburtsort und es wird einen Sterbeort geben. Auf der Wegstrecke von dem einen Ort zum anderen, sind wir eingeladen als Pilger der Hoffnung unterwegs zu sein, wo wir an Orten Halt machen können, die uns etwas bedeuten und die Hoffnungsorte sind. Und vielleicht helfen uns auf diesem Weg Hoffnungsworte, die uns ermutigen, den Weg weiterzugehen.
So ist meine Hoffnung, dass es einmal jemanden geben wird, der diesen Satz zu mir sagen wird: Im Wasser und im heiligen Geist wurdest du getauft. Der Herr vollende an dir, was er in der Taufe begonnen hat.
Pilger der Hoffnung, in diesem Heiligen Jahr 2025 und über dieses Jahr hinaus.
L: Ko5,20-6,2
Ev: Mt 6,16.16-18
Liebe Schwestern und Brüder!
Fehler zu machen gehört zu den Erfahrungen unseres menschlichen Lebens. Diese Tatsache ist meistens nicht weiter schlimm und wir versuchen damit umzugehen, indem wir aus Fehlern lernen, um es in Zukunft anders oder vielleicht sogar besser zu machen. Ein Fehler ist aber nicht einfach ein Fehler, sondern Fehler haben immer auch Folgen und Auswirkungen, die wir wieder gut machen möchten und vielleicht auch können, wie wir sagen.
Schwierig, ja schicksalhaft wird es dann, wenn Fehler nicht so einfach wieder gut gemacht werden können, sondern wenn die Folgen lange oder vielleicht sogar für immer sichtbar und spürbar bleiben, und wenn Menschen damit leben müssen, ob sie wollen oder nicht.
Immer wieder hören wir über die Medien von solchen Fehlern, die sich durch eine Verkettung unglücklicher Umstände ereignen, und die fatale Folgen haben. Manchmal denke ich mir dann, wie Menschen damit umgehen, wenn ihnen so ein Fehler passiert oder anders ausgedrückt, wenn sie Schuld auf sich geladen haben
Vor kurzem habe ich ein Interview gelesen, das mich sehr bewegt hat. Ein Mann erzählt in diesem Interview seine Geschichte und spricht auch über einen Fehler, den er gemacht hat und der nicht nur sein eigenes Leben, sondern vor allem das Leben anderer Menschen für immer verändert hat.
Während des Bundeswehrdienstes dieses Mannes löste sich aus seiner Waffe ein Schuss und traf einen Kameraden tödlich. Es war eine unglückliche Verkettung von vielen Umständen, aber sein schwerer Fehler dabei war ein Moment der Unachtsamkeit mit fatalen Folgen. Dafür wurde er auch vor Gericht zur Verantwortung gezogen und verurteilt. Zuerst schien für ihn damit alles erledigt, aber er hatte sich getäuscht. Die Gedanken kamen immer wieder, sie ließen ihn nicht los, denn die Folgen seines Fehlers waren nicht aus der Welt geschafft und sie konnten auch nicht aus der Welt geschafft werden. Sein Kamerad war tot.
Mich hat dieses Interview sehr bewegt, weil ich dabei an meine eigene Bundeswehrzeit denken musste und auch daran, dass wir die Belehrungen im Umgang mit der Waffe oft gar nicht so ernst genommen haben. Heute muss ich sagen, ich bin froh, dass nichts passiert ist.
Ein langer Weg des Suchens und Fragens am Rand der Verzweiflung war die Folge für sein Leben. Ein Pfarrer half ihm, seine Schuld anzunehmen und damit leben zu lernen. Dazu gehörte auch ein Gespräch mit den Eltern des getöteten Kameraden, ein Besuch an dessen Grab und eine Rückkehr an den Ort, an dem es passierte.
Warum erzähle ich Ihne das heute? Was tun Menschen, wenn man einen Fehler nicht wieder gut machen kann? Dieses Problem, diese Frage war der Anfang und der Grund dafür, dass die Gemeinschaft der Kirche nach Möglichkeiten gesucht hat, mit solchen Folgen umzugehen, die nicht so einfach oder gar nicht mehr gut gemacht werden können. Die Gemeinschaft der Kirche nannte diese Fehler „zeitliche Sündenstrafen“. Die Möglichkeit für positive Ersatzhandlungen war der sog. Ablass, der den Menschen als sinnvolle Lösung und als Hilfe angeboten wurde. Viel Gutes konnte damit auch getan werden, das wird oft gar nicht bedacht. Aus der Geschichte wissen wir vielmehr, dass die weitere Entwicklung zu einer Art „Geschäftsidee“ ein Fehler, ein sehr schwerer Fehler war, der nicht einfach wieder gut gemacht werden konnte. Der sog. „Ablasshandel“ ist auch mit ein Grund für die Reformation, die Kirchenspaltung in unserem Land.
Liebe Schwestern und Brüder, das Jahr 2025 ist ein sog. Heiliges Jahr, und in diesem Zusammenhang taucht auch immer wieder der Begriff des „Ablass“ auf. Und es gehört für mich auch zu einem Heiligen Jahr, sich darüber Gedanken zu machen, was am Anfang stand und was daraus geworden ist.
Für mich ist der „Ablass“ irgendwie aus der Zeit gefallen, weil sich auch das Denken der Menschen in dieser Richtung sehr verändert hat. Man kann nicht immer nur von der Schuld eines einzelnen Menschen ausgehen, man hat auch gelernt, andere Ursachen und Umstände mitzubedenken.
Die Möglichkeit des „Ablass“ gibt es noch immer, manche wollen ihn auch forcieren. Was es aber auch immer noch gibt ist für Menschen die Frage: Was tue ich, wenn ich einen Fehler nicht so einfach oder gar nicht mehr wieder gut machen kann? Wie gehe ich damit um? Wie kann ich damit sinnvoll weiterleben?
Liebe Schwestern und Brüder, ich möchte Ihnen jetzt nichts einreden, vor allem keine Schuld und keine Schuldgefühle. Aber ich möchte Sie heute am Aschermittwoch einladen, ehrlich auf Ihr Leben zu schauen, sich Fehler einzugestehen, dort wo es sie gibt, und aus diesen Fehlern zu lernen.
Die Fastenzeit ist für mich dabei wie eine ausgestreckte Hand, die wir ergreifen können, und die Chancen, die sich uns in dieser Zeit bieten, zu nutzen, so wie es der Apostel Paulus in seinem Brief an die Gemeinde in Korinth geschrieben hat: „Lasst euch mit Gott versöhnen!“
Dazu wünsche ich uns allen eine gute Zeit.
L: Sir 27,4-7 (5-8)
Ev: Lk 6,39-45
Liebe Schwestern und Brüder!
Zu den Fragen, die ich jungen Menschen bei der Firmung immer wieder und auch gerne stelle, gehört auch die nach dem, was sie denn gut können. Es ist schon einige Jahre her, da bekam ich auf diese meine Frage von einem jungen Burschen einmal ganz schlagfertig zu hören: „Gescheit daherreden!“ Während ich über diese Antwort richtig lachen musste, ist der Firmpate neben seinem „Schützling“ ganz blass geworden.
Beim Stehempfang nach dem Gottesdienst kam es noch zu einem netten und interessanten Gespräch mit diesem jungen Mann über seine schlagfertige Antwort. Dabei war ich sehr beeindruckt von seinen Gedanken, die er sich über die Zukunft der Welt und über das Zusammenleben der Menschen macht. In diesem Gespräch erzählte er auch, dass er Freude am Gestalten und Planen hat und dass er sich in einem Jugendparlament engagiert. Er hatte also durchaus das Zeug zum Politiker, denen ja nachgesagt wird, dass sie meistens oder oft „gescheit daherreden.“ So fragte ich den jungen Mann, ob er Interesse an der politischen Arbeit hat und ob er das gerne machen würde. Er bejaht es und ich sagte, dann soll er es auch machen, wenn er Freude daran hat, nicht nur am „Gscheit daherreden“.
„Gscheit daherreden“ wie es landläufig bezeichnet wird oder mit einem anderen Ausdruck „Sprüche klopfen“, das kommt nicht besonders gut an und wird meistens auch irgendwie verächtlich kommentiert. Und doch ist es auch wichtig, dass sich Menschen zu Wort melden, ihre Meinung kundtun oder Bemerkungen machen. Es ist auch eine Kunst, „gscheit daherzureden“, damit nicht einfach nur „gscheit dahergeredet“ wird. Da bewundere ich in den Faschingstagen all die Menschen, die das in Reimform auf den Punkt, ja sehr pointiert auf den Punkt bringen können.
In der Bibel, gibt es auch Teile, in denen „gescheit dahergeredet“ wird. Da gibt es das Buch der Sprichwörter und gleich anschließend das Buch Jesus Sirach, aus dem wir heute in der Lesung einen Abschnitt gehört haben. Es sind Sprüche, die man, je nach Situation, auch so empfinden kann, dass jemand halt „gscheit daherredet“. Da uns die vier Sprüche, die wir heute gehört haben, wahrscheinlich nicht irgendwie aufgewühlt haben, könnten wir daraus merken, dass darin durchaus Lebenserfahrung steckt oder Situationen verarbeitet sind, in denen Menschen so etwas wie Lehrgeld bezahlt haben und man sich vornimmt, in Zukunft besser aufzupassen oder es anders zu machen.
„Gscheit daherreden“ ist also nicht immer nur eine Art von Besserwisserei oder „seinen Senf dazugeben“, sondern es kann ihm schon ein ehrliches Anliegen am Wohl der Menschen zu Grunde liegen. Vielleicht fallen Ihnen ja ganz persönliche Lebenseinsichten und Lebensweisheiten ein, die Sie gern an die Menschen, die Ihnen am Herzen liegen, weitergeben oder weitergeben würden. Man könnte also diese Verse aus der Lesung mit weiteren Sinnsprüchen ergänzen, in denen vielleicht ganz persönliche Lebenserfahrung steckt.
Einen solchen Spruch, möchte ich mit Ihnen heute teilen, weil er auch gut in diese Zeit des Faschings und zu einem Faschingssonntag passt. Er lautet: „Humor ist der Knopf, der verhindert, dass der Kragen platzt.“ Wie wahr, wie wahr, denke ich mir angesichts dessen, womit wir tagtäglich in der Begegnung mit Menschen konfrontiert werden oder was uns die Medien ungefragt sozusagen aufs Brot schmieren.
„Humor ist der Knopf, der verhindert, dass der Kragen platzt.“ Ja, manchmal wird unser Humor schon arg strapaziert, um so manche Eskalation zu verhindern, im Großen wie im Kleinen. Beispiele will ich gar nicht nennen, die können sich jetzt alle denken, wie da oft „gscheit und ungscheit dahergeredet“ wird.
„Humor ist der Knopf, der verhindert, dass der Kragen platzt.“ Wenn ich auf die Sätze schaue, die wir heute im Evangelium aus dem Munde Jesu gehört haben, dann könnte da durchaus so etwas wie Humor oder Schalk bei Jesus aufblitzen, was er mit seinen Beispielen sagen will: Dass es sinnlos ist, wenn ein Blinder einen Blinden führen will, und dass es unpassend ist, auf einen Splitter im Auge eines anderen hinzuweisen und den Balken im eigenen Auge nicht zu sehen. Bespiele also, die sich in den Faschingstagen auf den Wägen gut darstellen und in Reden pointiert verarbeiten lassen, um auf humorvolle Weise Kritik anzubringen und so notwendige Veränderungen anzustoßen.
„Gscheit daherreden“, so hat mir der Firmling auf meine Frage geantwortet. Ich finde es immer spannend, welche Antworten man von jungen Menschen auf Fragen bekommen kann. Dass es eben auch ganz anders kommen kann, hat mir mal ein Pfarrer erzählt. Er meinte, ich sei sehr mutig gewesen, den Firmlingen Fragen zu stellen. Da erzählte er von der Firmung mit Menschen mit Behinderung. Der Firmspender des vorigen Jahres wollte von den Jugendlichen wissen, warum er denn diese Kopfbedeckung, also diese Mitra aufhat. Worauf er prompt zur Antwort bekam: „Weilst an Angeber bist!“
Liebe Schwestern und Brüder, Jesus schließt seine Bemerkungen – oder auch „seinen Senf“, den er zum Leben und Verhalten der Menschen abgibt – mit folgenden Worten: Wovon das Herz voll ist, davon spricht der Mund.
Wir alle wissen, und vor allem werden wir es immer wieder oder irgendwann merken, wenn jemand nur „gscheit daherredet“, also nur leere Worte macht, weil er keine Ahnung hat und es in seinem Herzen ziemlich leer ist. Wir kennen sicher auch Menschen, die immer nur jammern und für die alles eine einzige Katastrophe ist, weil es im Herzen nichts gibt, was sie froh und hoffnungsvoll sein lässt.
So wünsche ich uns allen viel Freude im Herzen, über die wir auch sprechen dürfen und sollen: Wovon das Herz voll ist, davon spricht der Mund. Ich wünsche uns, dass wir uns von der Freude anderer einfach anstecken lassen, nicht nur in diesen Tagen, sondern immer wieder und dazu einen Schuss Humor, der wie ein Knopf sein kann, der verhindert, dass der Kragen platzt.“
Glück ist eine Entscheidung, kein Schicksal.
L: Jer 17,5-8 Ev: Lk 6,17.20-26
Liebe Schwestern und Brüder!
Seit dem vergangenen Freitag richten sich sozusagen viele Blicke aus der ganzen Welt auf unsere Landeshauptstadt München, also nur wenige Kilometer von hier entfernt. Und wer den Grund dafür kennt und weiß, welche Auswirkungen das für den Straßenverkehr und die Bewegungsfreiheit in der Münchner Innenstadt hat, wird es vermeiden, in diesen Tagen nach München zu fahren.
Der Grund dafür ist die sog. Münchner Sicherheitskonferenz. 1963 hat sie zum ersten Mal stattgefunden. Die Teilnehmerzahl war damals auf 60 begrenzt und dieses Treffen hieß noch „Wehrkundetagung“. In diesem Jahr findet diese Konferenz zum 61. Mal statt, und die Zahl der Teilnehmer ist auf über 1000 angewachsen. Dieses Treffen geht auf die Initiative von Ewald-Heinrich von Kleist-Schmenzin, einem Widerstandskämpfer gegen das Nazi-Regime im Umfeld von Graf Stauffenberg zurück, und ist bis heute, man möchte es kaum glauben, kein offizielles, sondern immer noch ein privat organisiertes Treffen. Ziel war und ist es, Menschen miteinander in Kontakt und ins Gespräch zu bringen, um militärische Konflikte, wie den zweiten Weltkrieg, künftig zu verhindern.
Sicherheit ist nach wie vor ein großes Thema für uns Menschen, im Großen wie im Kleinen. Sicherheit ist nicht nur der Schutz und die Abwehr von Gefahren gerade im militärischen Bereich, sondern Sicherheit betrifft viele Bereiche unseres Lebens, sei es die Verkehrssicherheit oder die Arbeitssicherheit, sei es die Sicherheit im Gesundheitswesen, Absicherungen in Schadensfällen oder die Sicherung der Altersversorgung.
Sicherheit hat immer mit Vertrauen zu tun, ja noch mehr – Sicherheit ist in erster Linie eine Frage des Vertrauens: Wem kann ich vertrauen? Wem will ich vertrauen? Auf wen oder auf was kann und will ich mich verlassen? So gesehen ist Sicherheit auch eine Frage des Glaubens, ja eigentlich ist Sicherheit das Thema des Glaubens. Wem vertraue ich? Auf wen oder auf was kann und möchte ich mich verlassen?
Wenn Sie so wollen, dann halten wir hier in der Basilika nicht nur heute, sondern immer wieder und ganz oft eine Art „Sicherheitskonferenz“. Ganz unterschiedliche Menschen kommen zusammen, setzen sich sozusagen an einen Tisch und beschäftigen sich mit Glauben und Vertrauen. Was glauben wir? Was hoffen wir und was erwarten wir? Je nachdem, woran wir uns festmachen, werden die Antworten unterschiedlich ausfallen.
In den Texten aus der Bibel, die wir gerade gehört haben, ist uns so etwas wie eine „Tischvorlage“ gegeben, über die wir uns Gedanken machen können, über die wir reden können und auch reden sollen, auch nach dem Gottesdienst.
Der Abschnitt aus dem Buch Jeremia sagt es ganz plastisch und auch ganz drastisch. Es gibt verschiedene Wege, das Leben zu gestalten. In bestimmten Situationen, die das Leben mit sich bringt, wird es aufkommen, ob dieser Weg trägt oder nicht, ob es dieser Weg wert ist, dass man ihn geht oder nicht. Ob er „zielführend“ für das Leben ist oder nicht. Bild und Beispiel dafür ist der Baum, der nicht einfach irgendwo steht, sondern der konkret gepflanzt wird. Also eine willentliche Entscheidung, eine Frage des Glaubens: Hier soll der Baum stehen, er soll leben und wachsen und wachsen können. Wird Leben gelebt werden können, wird es gelingen oder nicht?
Die „Tischvorlage“, die uns Jesus im Evangelium zu bedenken gegeben hat, geht etwas mehr ins Detail und bietet daher auch mehr Diskussionsstoff: Was ist erstrebenswert? Was sagt der gesunde Menschenverstand? Natürlich ist es gut, ein gesichertes Auskommen zu haben, es ist auch schön, sich freuen zu können und Freunde zu haben.
Dieses Werteverständnis, diesen gesunden Menschenverstand hinterfragt Jesus, ja er stellt ihn sogar in Frage, gerade mit dem Zusatz der „Weherufe“, die im Unterschied zu den Seligpreisungen im Matthäusevangelium nur im Lukasevangelium überliefert sind. Jesus bringt es auf den Tisch, dass es auch anderes auf der Welt gibt, oft gar nicht so weit entfernt, sondern in unmittelbarer nächster Umgebung.
Deshalb erzählt auch das Lukasevangelium einige Kapitel später die Geschichte vom reichen Mann und vom armen Lazarus. Darin nimmt der reiche Mann den armen Lazarus und damit den Unterschied gar nicht wahr. Erst im Nachhinein, erst nach dem Tod der beiden, muss es ihm klargemacht werden: Du hast in Deinem Leben so viel Gutes erlebt, Lazarus aber nur „Schlechtes“.
Liebe Schwestern und Brüder, ob diese Gedanken, ob diese Geschichten in diesen Tagen in München bei der Sicherheitskonferenz auch irgendwie auf dem Tisch liegen oder als Tischvorlage mitgedacht werden? Ich weiß es nicht, aber ich hoffe es. Ich hoffe es so sehr, denn es sind nicht nur Fragen und Themen des Glaubens, sondern es sind auch die Fragen, die die Sicherheit auf der ganzen Welt betreffen, bei dem der Ausgleich zwischen Arm und Reich, die Chancen für Arm und Reich auch immer eine Rolle spielen.
Liebe Schwestern und Brüder, die Sicherheitskonferenz ist nach wie vor ein inoffizielles Treffen und geht auf eine private Initiative zurück. Bei allem Für und Wider dieser Konferenz, bei allem Aufwand, der dafür betrieben wird und betrieben werden muss, und auch wenn uns manche Äußerungen, die dort gemacht werden, nicht schmecken oder passen, es ist es doch beachtlich, was daraus geworden ist. Die inzwischen so hohe Teilnehmerzahl bedeutet auch, dass bei der Sicherheitskonferenz nicht nur die „Mächtigen“, von denen berichtet wird, an einem Tisch sitzen, sondern viele Vertreter von Nichtregierungsorganisationen und Hilfsorganisationen an vielen anderen Tischen sitzen und Lösungen für das Zusammenleben auf dieser Welt suchen.
Liebe Schwestern und Brüder, die Sicherheitskonferenz geht auf eine private Initiative zurück, daher glaube ich, dass es immer auch ein persönliches Anliegen von uns Menschen ist und bleiben muss, diese Tischvorlagen unseres Glaubens, die Gedanken, die Jesus uns gibt, zu bedenken und dann und wann auch unseren persönlichen Lebensentwurf und unseren privaten Lebensstil hinterfragen zu lassen.
Wem kann ich vertrauen? Wem will ich vertrauen? Auf wen oder auf was kann und will ich mich verlassen? Eine persönliche und private Sicherheitskonferenz.
Glück ist eine Entscheidung, kein Schicksal.
Liebe Verliebte, liebe Liebende, liebe Sonstige, Sie haben – in welcher Form auch immer – zu einem Menschen „JA“ gesagt. Damit haben Sie nicht einfach nur gewählt, sondern Sie haben sich füreinander entschieden. Ich glaube, viele von Ihnen werden mir zustimmen: Das ist keine Entscheidung, die man ein für alle Mal trifft, sondern es ist eine Entscheidung, die bei vielen Gelegenheiten und Themen des Alltags immer wieder ansteht und getroffen werden muss.
Glück ist eine Entscheidung, kein Schicksal.
So möchte ich Ihnen, sozusagen als „tägliche Entscheidungshilfe“, einen Stimmzettel mitgeben. Es ist ein Stimmzettel auf dem darauf hingewiesen wird, dass Sie alle zwei Stimmen haben, die beide gleich wichtig sind. Nämlich eine für das „DU“ und eine für das „WIR“
Glück ist eine Entscheidung, kein Schicksal.
Gottesdienst zum Valentinstag in Herrenrast,
L: Koh 4,7-12
Liebe Verliebte, liebe Liebende, liebe Sonstige!
Ich weiß nicht, wie es Ihnen heute den ganzen Tag und jetzt am Abend auf dem Weg hierher nach Herrenrast gegangen ist, aber mir sind viele Gedanken, Dinge und Themen durch den Kopf geschwirrt, mit denen ich genauso wie Sie Tag für Tag durch die Medien, aber auch durch die Begegnung mit anderen Menschen konfrontiert werde.
Es war und ist dann immer mein Wunsch, dass es einen „Punkt“ oder sogar einen Ort gibt, wo ich das alles wenigstens ein Stück weit ablegen und hinter mir lassen kann. Heute Abend könnte das dieser Raum hier in Herrenrast sein, wo etwas wenigstens für diese Zeit vor der Türe bleiben kann: Das, was gestern in München passiert ist, die Sicherheitskonferenz, die heute in München begonnen hat, oder auch die Bundestagswahl am Sonntag in einer Woche, die die Gemüter nicht nur bewegt, sondern auch erhitzt, die aber auch manchen völlig gleichgültig ist.
Obwohl – wenn wir ehrlich sind, dann ist jetzt viel „Wahl“ hier in diesem Raum vorhanden, ja im wahrsten Sinne des Wortes gegenwärtig. Dass Sie heute da sind, hat mit Wahl zu tun, nicht mit einer Wahl, zu der wir von Zeit zu Zeit eingeladen und aufgerufen sind, sondern weil Sie eine Entscheidung getroffen haben, indem Sie – in welcher Form auch immer – zu einem Menschen „JA“ gesagt haben. Und dieser Mensch sitzt, so glaube ich, jetzt neben Ihnen. Ich glaube und ich hoffe mit Ihnen, dass es eine „gute Wahl“ war.
Auf einem Kalender stand in diesen Tagen ein Spruch, der mir nachgegangen ist und den ich jetzt mit ihnen teilen möchte. Er lautet: Glück ist eine Entscheidung, kein Schicksal. Der Valentinstag kann eine Gelegenheit sein, sich dieses Glück in Erinnerung zu rufen, sich dieses Glückes bewusst zu werden. Sie haben sich nicht einfach nur getroffen, sondern Sie haben sich gefunden.
Ich finde es immer spannend, von den Menschen, die ich auf dem Weg zur Hochzeit begleiten darf, zu erfahren, wie das gegangen ist: Wie sie sich kennengelernt haben, wie sie sich schätzen gelernt und schließlich auch lieben gelernt haben, so dass sie sagen können: „Jetzt trauen wir uns!“ Jetzt trauen wir uns, gemeinsam durch das Leben zu gehen. Viele dieser Geschichten gleichen sich, und doch ist jede Geschichte auf ihre Art und Weise einzigartig. Vor jeder dieser Geschichten, die ich erfahren darf, habe ich großen Respekt. Manche dieser Geschichten kann ich mir auch gut merken, weil sie mir auch imponieren.
Im letzten Jahr hatte ich ein Brautpaar – vielleicht ist es heute da, denn ich habe sie angeschrieben und eingeladen – das hat sich eigentlich immer schon gekannt, aber dass sie einmal heiraten, dass sie gemeinsam durch das Leben gehen könnten, ist ihn gar nicht in den Sinn gekommen, bis sie in diesem Sinn plötzlich Augen für füreinander bekommen haben, bis sie sich sozusagen gefunden haben. Imponiert hat mir auch das Motto, unter das sie nicht nur ihren Hochzeitstag gestellt haben: „Zusammen“. Schlicht und einfach: „Zusammen“!
Glück ist eine Entscheidung, kein Schicksal. Von diesem Glück des ZUSAMMEN; des GEMEINSAM und des MITEINANDERS haben wir gerade aus der Bibel in dem Abschnitt aus dem Buch Kohelet gehört. Dieser Kohelet ist für mich eine Art „Grantler“ in der Bibel, dem man nicht so leicht etwas recht machen kann und der mit seiner Meinung nicht hinterm Berg hält. Windhauch, Windhauch, das ist alles Windhauch, sagt er oft und mosert so vor sich hin.
An dieser Stelle kommt er fast ins Schwärmen: „Doch für wen strenge ich mich denn an, warum gönne ich mir kein Glück? Auch das ist Windhauch und ein schlechtes Geschäft. Zwei sind besser als einer allein. Denn wenn sie hinfallen, richtet einer den anderen auf. Doch wehe dem, der allein ist, wenn er hinfällt, ohne dass einer bei ihm ist, der ihn aufrichtet. Außerdem: Wenn zwei zusammen schlafen, wärmt einer den andern; einer allein – wie soll er warm werden? Und wenn jemand einen einzelnen auch überwältigt, zwei sind ihm gewachsen, und eine dreifache Schnur reißt nicht so schnell.“
Glück ist eine Entscheidung, kein Schicksal.
Liebe Verliebte, liebe Liebende, liebe Sonstige, Sie haben – in welcher Form auch immer – zu einem Menschen „JA“ gesagt. Damit haben Sie nicht einfach nur gewählt, sondern Sie haben sich füreinander entschieden. Ich glaube, viele von Ihnen werden mir zustimmen: Das ist keine Entscheidung, die man ein für alle Mal trifft, sondern es ist eine Entscheidung, die bei vielen Gelegenheiten und Themen des Alltags immer wieder ansteht und getroffen werden muss.
Glück ist eine Entscheidung, kein Schicksal.
So möchte ich Ihnen, sozusagen als „tägliche Entscheidungshilfe“, einen Stimmzettel mitgeben. Es ist ein Stimmzettel auf dem darauf hingewiesen wird, dass Sie alle zwei Stimmen haben, die beide gleich wichtig sind. Nämlich eine für das „DU“ und eine für das „WIR“
Glück ist eine Entscheidung, kein Schicksal.
Darstellung des Herrn,
L: Mal 3,1-4
Ev: Lk 2,22-40
Liebe Schwestern und Brüder!
Was ich an Sprachen besonders faszinierend finde und was ich auch an unserer Sprache liebe, sind die sog. Redewendungen. Redewendungen sagen mit wenigen Worten so viel aus und bringen es, um es mit einer Redewendung auszudrücken, immer irgendwie auf den Punkt. Obwohl die Sachverhalte ganz unterschiedlich sein können, um die es dabei geht, weiß doch jeder, was damit gemeint ist.
Die Redewendung, die ich heute im Kopf habe, lautet: Jemandem geht ein Licht auf. Damit ist gemeint, dass jemand plötzlich etwas versteht, dass er Zusammenhänge entdeckt und erkennt, dass Menschen für sich wissen, wie es jetzt weitergehen kann und weitergehen soll. Wenn das so ist, dann ist Menschen ein Licht aufgegangen, egal wo und egal wie.
Wenn jemandem ein Licht aufgegangen ist, dann geht es aber nicht nur ums Erkennen, Verstehen oder eine Art von Wissen, sondern dann schwingt dabei auch immer Hoffnung und eine Art von Zuversicht mit. Das wird auch deutlich an der Stelle aus dem Matthäusevangelium, auf die diese Redewendung vermutlich zurückgeht, wo es heißt: „Das Volk, das im Dunkeln lebt, hat ein helles Licht gesehen.“ Menschen haben nicht nur etwas verstanden und erkannt, sondern sie bekommen und haben wieder Hoffnung für ihr Leben: Ihnen ist ein Licht aufgegangen.
Auch am heutigen Tag spielt Licht eine besondere Rolle und wir feiern ein Fest, weil Menschen ein Licht aufgegangen ist. Es geht aber nicht um irgendein Licht, sondern es geht um diesen Jesus, der selber Licht für Menschen geworden ist und bis heute Licht sein kann und Licht sein will. Simeon und Hanna, wie wir gehört haben, zwei betagte Menschen, sehen diesen Jesus, der von seinen Eltern nach religiösem Brauch in den Tempel gebracht wird. Und ihnen ist in dem Moment klar, der ist es, der die Welt und auch mein Leben verändern kann und verändern wird. Ihnen ist ein Licht aufgegangen, sie bekommen und haben nach vielen Jahren plötzlich Hoffnung, sie entdecken in ihrem Warten und in ihrem Leben, das in die Jahre gekommen ist, einen Sinn.
Das, was Simeon nach dieser „Erleuchtung“ sagt, ist zu einem Gebet in der Gemeinschaft der Kirche geworden: „Nun lässt du, Herr, deinen Knecht, wie du gesagt hast in Frieden scheiden. Denn meine Augen haben das Heil gesehen, das du vor den Völkern bereitet hast, ein Licht, das die Heiden erleuchtet, und Herrlichkeit für dein Volk Israel.“
Simeon und Hanna haben diesen Jesus gesehen und ihnen ist ein Licht aufgegangen. Sie können beruhigt, und im wahrsten Sinne des Wortes, ihr Leben zufrieden loslassen, weil sie erkennen und verstehen durften, es hat einen Sinn gehabt zu leben, zu warten und zu beten und es gibt eine Hoffnung für diese Welt, es gibt eine gute Hoffnung. Vielleicht beschreibt ein Spruch, den ich im Zusammenhang mit der Redewendung vom Licht, das Menschen aufgeht, gefunden habe, die Situation dieser beiden Menschen in der Bibel und unsere heutige Situation treffend so: „Jetzt könnte mir mal ein Licht aufgehen, denn es ist gerade so dunkel.“
Menschen geht ein Licht auf. Menschen dürfen erkennen, verstehen und Hoffnung haben. Das ist aber nicht gleichbedeutend mit einem Wunschkonzert, das Wünsche sogleich Wirklichkeit werden lässt. Denn wenn Menschen ein Licht aufgeht, werden auch Schatten und Schattenseiten sichtbar werden.
Simeon spricht davon, dass dieses Licht, dass dieser Jesus auch seine Schattenseiten hat, weil sich an ihm die Geister scheiden werden, weil um Entscheidungen gerungen werden muss und weil irgendwann auch Entscheidungen getroffen werden müssen, die nicht immer allen schmecken werden.
„Nicht jeder, dem ein Licht aufgeht, ist froh über die Erleuchtung.“ Auch dieser Spruch hat seine Berechtigung im Leben. Was wird wohl in Maria vorgegangen sein, als sie von Simeon den Satz hört: „Dir wird ein Schwert durch die Seele dringen?“
Menschen geht ein Licht auf. Menschen dürfen erkennen, verstehen und Hoffnung haben. Das ist sicher ein gutes Gefühl, aber es darf nicht dazu verleiten, leichtsinnig oder gar hochmütig zu werden. Mir ist ein Licht aufgegangen, mir geht schon wieder ein Licht auf.
„Wenn dir täglich ein Licht aufgeht, dann bist Du noch lange kein Genie. Vielleicht ist es nur ein Kontrolllämpchen und du muss mal wieder in die Werkstatt.“ So bringt es ein weiterer Spruch auf den Punkt.
Erkennen, verstehen und Hoffnung haben zu dürfen – dazu gehört auch, von Zeit zu Zeit das eigene Tun und Handeln einem kritischen Blick zu unterziehen. Das können und müssen Menschen sich gegenseitig leisten. In der klösterlichen Tradition gibt es die „correctio fraterna“, die brüderliche, die geschwisterliche Zurechtweisung. Ich glaube, dass es kein Zufall war, dass Simeon nicht alleine im Tempel war, sondern auch Hanna. Auch sie wird ihre Meinung gehabt haben und ihren Beitrag im Nachdenken über so manches geleistet haben.
Menschen geht ein Licht auf. Menschen dürfen erkennen, verstehen und Hoffnung haben. Liebe Schwestern und Brüder, ich möchte schließen mit einem etwas kecken und saloppen Spruch, der mir nicht nur gut gefallen hat, sondern der irgendwie ein Wunsch für mein Leben ist und den ich gerne mit Ihnen teile: „Es ist schwierig, Menschen hinters Licht zu führen, sobald ihnen ein Licht aufgegangen ist.“
Erkennen, verstehen und Hoffnung haben. Menschen geht ein Licht auf.
L: Neh 8,2-4a.5-6.8-10
Ev: Lk 1,1-4;4,14-21
Liebe Schwestern und Brüder!
Wenn uns Menschen etwas über einen längeren Zeitpunkt beschäftigt, dann sagen wir auch, dass uns etwas „nachgeht“. Und so gibt es wahrscheinlich nicht nur ganz Unterschiedliches, sondern auch ganz Vieles, was uns Tag für Tag und vielleicht auch jetzt bis in den Gottesdienst hinein nachgeht. Das können Bilder sein, die wir gesehen haben. Das können Worte sein, die zu uns gesagt wurden oder die wir irgendwo gehört oder gelesen haben. Das können Begegnungen und Begebenheiten sein und noch einiges andere mehr. In der Musik gibt es dafür sogar einen Ausdruck: Ohrwurm.
Was vielen von uns vielleicht auf diese Weise nachgeht, ist das Geschehen in Aschaffenburg am vergangenen Mittwoch, das uns in Wort und Bild über die Medien erreicht hat. Als ich diese Nachricht bei der Autofahrt zum Kloster Schäftlarn gehört habe, hat mich die Tatsache, dass ein zweijähriges Kind angegriffen und zusammen mit dem Mann, der es schützen wollte, getötet wurde, so aufgewühlt, dass ich bei der nächsten Gelegenheit kurz anhalten musste. Neben allem, was bisher ermittelt wurde, geht mir eine Frage nicht aus dem Kopf, nämlich die Frage nach dem Warum. Warum tut das ein Mensch, warum tun Menschen so etwas, denn es ist ja leider kein Einzelfall?
Oft sind es solche Schreckensmeldungen, die in unserer Erinnerung haften bleiben und die uns beschäftigen und lange nachgehen.
Zum Glück oder Gott sei Dank, möchte ich sagen, gibt es auch anderes, was uns Menschen nachgehen kann, etwas, wovon wir zehren können, ja auch leben können.
So etwas möchte ich heute mit Ihnen teilen und damit auf einen Satz hinweisen, den wir gerade in der Lesung gehört haben. Es ist der Satz aus dem Buch Nehemia: Die Freude am Herrn ist eure Stärke. Dieser Satz geht mir schon lange nach. Immer wieder fällt er mir ein, immer wieder muss und will ich an ihn denken. Wenn ich zurückdenke und nachdenke, wo er mir zum ersten Mal aufgefallen ist, dann ist es der Ort, wo ich vor über dreißig Jahren mein Abitur nachgemacht habe, in Wolfratshausen-Waldram. Zuerst war es eine Melodie, die mir nachgegangen ist, ein Ohrwurm sozusagen. Es war der Kehrvers, den wir heute nach der Lesung gesungen haben: Die Freude an Gott, Halleluja, ist unsere Kraft Halleluja.
Die Freude am Herrn, die Freude an Gott, ist Kraft, ist Stärke. Text und Melodie strahlten für mich so viel Zuversicht und Hoffnung aus, dass sie für mich wichtig wurden, weil ich mich daran festhalten konnte. So habe ich diesen Satz gewählt für die Profess, ich habe ihn als Primizspruch genommen und schließlich ist er auch zu meinem Wahlspruch als Abt geworden: Die Freude am Herrn ist unsere Stärke. Gaudium Domini Fortitudo Nostra.
Ich weiß, dieser Satz klingt irgendwie unbeschwert, ich möchte sagen, er klingt fast nach sonnigen und schönen Tagen. In meinem Theologiestudium habe ich erfahren, dass er einen ganz anderen Kontext hat, der alles andere als unbeschwert war. Das Volk Israel musste sich nach der Zäsur der babylonischen Gefangenschaft sozusagen neu erfinden. Es ging darum, wie es jetzt weitergehen soll, wie sie jetzt leben wollen, welche Ordnung die Grundlage für ihr Zusammenleben sein soll.
Und so hören sie sich die Weisungen der Tora, der heiligen Bücher an. Es fällt ihnen wie Schuppen von den Augen, so dass viele zu Tränen gerührt sind. Da fällt dieser Satz: Macht euch keine Sorgen, denn die Freude am Herrn ist eure Stärke.
Wie soll es weitergehen, wo führt das alles hin? Diese Fragen gingen am vergangenen Mittwoch wahrscheinlich nicht nur mir durch den Kopf. Und in meinem Nachsinnieren musste ich an diesen meinen Spruch aus dem Buch Nehemia denken, und auch daran, dass sich Menschen damals Gedanken über ihre Zukunft gemacht haben, genauso, wie wir das heute tun in unserem Land, ja eigentlich überall auf der Welt: Wie soll das weitergehen, wo führt das alles hin?
Liebe Schwestern und Brüder, der letzte Sonntag im Januar wird in den christlichen Kirchen als „Bibelsonntag“ begangen. In Erinnerung und zur Vergewisserung, dass es trotz aller Unterschiede in den Konfessionen dieses Buch und diese Texte sind, die uns verbinden, die überall gelesen werden, die zum Nachdenken anregen, wenn es um die Fragen geht: Wie soll es weitergehen, wo führt das alles hin? Immer wieder, auch hier an dieser Stelle, wird an die soziale Verantwortung der Menschen füreinander erinnert: „Schickt auch denen etwas, die selber nichts haben, denn heute ist ein heiliger Tag zur Ehre des Herrn.“ Alle Bemühungen für ein friedliches Zusammenleben werden letztlich nur gelingen, wenn es nicht nur mir gut geht, sondern auch anderen, auch den anderen.
Das Jahr 2025 ist für uns Katholiken ein sog. Heiliges Jahr, das unter dem Motto steht: „Pilger der Hoffnung“. Es ist eine Einladung oder auch ein Versuch, solche Worte der Hoffnung im Leben zu suchen und zu finden. Worte, die uns nachgehen in den verschiedenen Situationen, aber auch in den Widrigkeiten des Lebens. Worte, an denen sich Menschen in ihrem Leben festhalten können. Worte, aus denen man auch leben kann.
Gott, segne uns mit Ohren, die dein Wort hören.
Segne uns mit Augen, die deine Gegenwart erkennen.
Segne uns mit Händen, die sich nach dir ausstrecken.
Segne uns mit deinem Geist, durch den wir dich erfahren.
Deshalb noch einmal zum Schluss: Heute ist ein heiliger Tag zur Ehre des Herrn. Macht euch keine Sorgen, denn die Freude am Herrn ist eure Stärke!
L: Jes 60, 1-6
Ev: Mt 2,1-12
Liebe Schwestern und Brüder!
Langsam aber sicher nähern wir uns dem Ende der weihnachtlichen Tage. Obwohl wir ja noch bis zum kommenden Sonntag, dem Fest der Taufe des Herrn, Zeit haben, wird so mancher Christbaum in den nächsten Tagen verschwinden. Da morgen die Schule wieder beginnt und für die meisten von uns auch die Arbeit, werden wir sehr schnell im Alltag wieder angekommen sein.
Nach solchen Tagen, auf die sich doch die meisten Menschen auch gefreut haben, stellt sich mir und vielleicht auch manchen von Ihnen die Frage: Was bleibt? Was bleibt von solchen Tagen in Erinnerung?
Mir bleiben zwei Adventskalender in Erinnerung, die ein bisschen anders waren, als wir es sonst vielleicht gewohnt sind. Als Klostergemeinschaft haben wir einen Adventskalender geschenkt bekommen, der auch 24 Tage kannte, allerdings 12 Tage vor Weihnachten und 12 Tage nach Weihnachten. Mit dem heutigen Tag endet dieser „andere Adventskalender“, der aus lauter Tüten bestand, in denen größere und kleinere Kleinigkeiten durchaus mit Hintergedanken verpackt waren. Sie sorgten für Gesprächsstoff, für ein Schmunzeln oder waren Anlass, über etwas nachzudenken.
Ich selber habe auch einen Kalender bekommen, der auch aus 24 Tüten bestand. Die Tüten waren nicht auf einen bestimmten Tag festgelegt. Man konnte einfach eine solche Tüte aus dem Sack nehmen, sich überraschen und anregen lassen. Zwei dieser Inhalte möchte ich Ihnen jetzt zeigen:
Da war diese „Notfall-Schokolade“ in einer entsprechenden Dose mit der Aufschrift: „Im Notfall Scheibe einschlagen, Ruhe bewahren, Schokolade aus der Schutzhülle wickeln und einen Riegel verzehren. Bei Bedarf Dosis wiederholt anwenden.“ Die werde ich mir gut aufheben und bei Bedarf auch in Anspruch nehmen.
Die zweite Überraschung steckte in einer Tüte mit der Aufschrift: „Navi vor 2000 Jahren“. Was wird das wohl sein, dachte ich mir. Ich überlegte etwas hin und her und dann kam DAS zum Vorschein: Ein Stern! „Navi vor 2000 Jahren“
Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, um ihm zu huldigen. Wo ist der neugeborene König der Juden? So haben wir es gerade im Evangelium aus dem Mund der Magier, der Sterndeuter, der Könige, oder wie immer sie auch bezeichnet und betitelt werden, gehört. Sie haben einen Stern gesehen, der für sie mehr war als nur ein Himmelskörper. Der Stern war Zeichen für etwas Neues und Großes. Der Stern war Anlass aufzubrechen und zu suchen. Am Ende durften sie auch finden. Es war das Kind in der Krippe!
Ich weiß, angesichts unserer Erkenntnisse und vor allem der uns heute zur Verfügung stehenden technischen Mittel klingt das nicht nur abenteuerlich sondern auch primitiv. Aber die Sterne halfen den Menschen damals und über lange Zeit hinweg, den eigenen Standort festzulegen, um von dort den Weg zu einem Ziel zu finden. Losgehen, sich auf den Weg machen, das mussten damals und müssen auch heute die Menschen immer noch selber. Es gilt immer noch: Wer nicht losgeht, kommt auch zu keinem Ziel!
Navigation ist nicht einfach eine Technik, die auf Erkenntnissen beruht, sondern Navigation ist eine Kunst, die vor allem von der Erfahrung lebt, von Wegerfahrungen.
Das Navi von heute kann viel, wirklich sehr viel, es macht – so empfinde ich es – aber auch „denkfaul“. Immer wieder ertappte ich mich, dass ich mein Ziel eingebe und losfahre, ohne nachzuschauen oder mir Gedanken zu machen, in welche Richtung es überhaupt gehen soll und ob das stimmen kann, wohin mich dieses kleine Gerät führt. Meistens geht’s ja auch gut, aber nicht immer. Dann und wann gibt es Meldungen, dass Menschen mit ihren Fahrzeugen irgendwo stecken bleiben, weil sie dem Navi blind vertraut haben, so wie im August letzten Jahres ein LKW-Fahrer, für den es mit seinem 12-Tonner am Spitzingsee auf Rad- und Wanderwegen kein Weiterkommen mehr gab und der LKW schließlich mit großem Aufwand geborgen werden musste.
Es kann auch schiefgehen, wenn man beim Eingeben des Zieles nicht aufmerksam genug ist. So ist es mir einmal auf der Fahrt zu einer Firmung passiert. Schwindeck und Schwindkirchen sind einfach verschiedene Orte und ich hatte den falschen gewählt. Zum Glück habe ich es dann doch gemerkt und ich hatte genug Zeit, den richtigen Ort anzusteuern und bin nicht zu spät gekommen.
Das Denken ist immer noch erlaubt, ja unerlässlich, genauso wie ein Gefühl und ein Gespür für den richtigen Weg. Sonst hätten es auch die drei Weisen nicht geschafft, denn auch sie waren knapp daneben, als sie bei Herodes anklopften. Sie haben gemerkt, dass der ein „Schlitzohr“ ist, so formulierte es einmal ein Kind, das die Geschichte von den drei Weisen auf seine Weise und mit seinen Worten kurz und knapp zusammengefasst hat. Sie haben gemerkt, dass er der Falsche ist und sie nicht zum Ziel führt.
Das Denken ist immer noch erlaubt, ja unerlässlich, genauso wie ein Gefühl und ein Gespür für den richtigen Weg. Das gehört auch zur Botschaft zu diesem Fest und zum heutigen Tag und stellt damit so manches festgefahrene Denkmuster in Frage. Der neugeborene König war eben nicht dort zu finden, wo man einen König sucht und zu finden glaubt.
Das Denken ist immer noch erlaubt, ja unerlässlich, genauso wie ein Gefühl und ein Gespür für den richtigen Weg. Als sie das Kind sahen, wussten sie, dass dieser König der der Richtige war und sie am Ziel waren. Der richtige Weg zu diesem neugeborenen König ist eine Frage des Denkens und des Gefühls und des Gespürs.
Und der richtige Weg ist für diesen neugeborenen König selber eine Frage des Gefühls und des Gespürs. Das hat seine Botschaft für viele Menschen über die Jahrhunderte so faszinierend gemacht. Ein Gebet drückt das so aus: Wir danken dir, treuer Gott für deinen Sohn Jesus Christus, unseren Herrn und Erlöser. Er hatte ein Herz für die Armen und Kranken, die Ausgestoßenen und die Sünder. Den Bedrängten und den Verzweifelten war er ein Bruder.
Das Denken ist immer noch erlaubt, ja unerlässlich, genauso wie ein Gefühl und ein Gespür für den richtigen Weg. Die technische Entwicklung hat über die Jahrhunderte wirklich Großartiges hervorgebracht, aber nicht alles ist auch ein Fortschritt für die Menschheit. Vielleicht ist es eine der größten Gefahren und Herausforderungen für uns und die kommenden Generationen dieser hochtechnisierten Welt, sich blind auf die Technik zu verlassen und ihr zu vertrauen.
Das Denken ist immer noch erlaubt, ja unerlässlich, genauso wie ein Gefühl und ein Gespür für den richtigen Weg. Das gilt vor allem auch für den Umgang mit allen technischen Errungenschaften, wie etwa der künstlichen Intelligenz und allem, was da noch kommen wird.
Navi vor 2000 Jahren:
Folge Deinem Stern
Drei Verrückte rennen einem Stern hinterher, einem Hirngespinst – die Tagträumer-
Und sie finden den Herrn der Welt, erkennbar nur mit träumenden Augen.
Einem Stern zu folgen, kann die Welt verändern und ein Leben zu seinem Ziel führen.
Navi vor 2000 Jahren bis heute.
Jahreslosung: “Prüft alles und behaltet das Gute” (1. Thessalonicher 5,21).
Liebe Schwestern und Brüder!
Ein neues Jahr hat begonnen. Ich hoffe, Sie hatten in den letzten Tagen Gelegenheit, dies in irgendeiner Weise zu feiern, vielleicht auch ganz bewusst in Stille. Und vielleicht hat Sie vieles, was unsere Zeit gerade ausmacht, betroffen und nachdenklich gemacht, vielleicht gibt es darüber hinaus doch aber auch Hoffnung und Erwartungen, die wir mit solch einem neuen Jahr verbinden.
Für uns Christen ist der Beginn eines neuen Jahres auch immer wieder die Möglichkeit in der einen oder anderen Weise, neu mit unserm Christsein anzufangen, ernstzumachen, uns etwas bewusst zu machen. Eine dieser Möglichkeiten, die ich gern habe, ist der Umgang mit einem Vers aus der Bibel, wie er uns in der Jahreslosung angeboten wird. „Prüft alles, und behaltet das Gute“, das ist der Satz für 2025 aus dem ersten Thessalonicherbrief, ein zentraler Satz aus einem sehr frühen Brief, den der Apostel Paulus geschrieben hat. Thessaloniki war eine bedeutende Hafenstadt und ein Handelszentrum, und die Gemeinde, die Paulus hier auf seiner zweiten Missionsreise gründen konnte, bestand vorwiegend aus griechischen und römischen Bürgern. Allerdings musste Paulus die Gemeinde recht bald wieder verlassen, weil er bei den dortigen Juden wegen seiner Messiasverkündigung in Bedrängnis gekommen war.
Aber dann gibt es Nachrichten aus der Gemeinde in Thessaloniki, die Paulus beunruhigen. Und so schreibt er diesen Brief, in dem er zunächst an sein Wirken in der Gemeinde erinnert und an seine Verbundenheit zu ihnen, auch daran, wie sie das Evangelium angenommen haben. Dann folgt ein zweiter Teil mit speziellen Ermahnungen für ein Leben als Christ, auch über konkrete Fragen des Glaubens. Ganz wesentliche Sätze finden wir hier, die alle selbst eine Jahreslosung sein könnten: Freut euch zu jeder Zeit, Betet ohne Unterlass. Dankt für alles. Löscht den Geist nicht aus. Verachtet prophetisches Reden nicht! Prüft alles und behaltet das Gute. Und schließlich: Meidet das Böse in jeder Gestalt. Handfeste Sätze, die davon zeugen, dass hier Ermahnungen nötig waren aber ebenso dafür, dass hier eine Gemeinde entstanden war, von der Paulus etwas erwartete. Prüft alles und behaltet das Gute –
Wenn ich diesen Satz aus der Reihe handfester Sätze für ein christliches Leben herausgreife und auch einmal herauslöse aus den konkreten Zusammenhängen damals, dann fällt mir zunächst ein, dass Prüfen ja wesentlich zu unserem Leben gehört, unser Leben läuft nicht einfach so geordnet ab, sondern wir sind ständig herausgefordert, genau hinzusehen, zu unterscheiden, und zu entscheiden, das Für oder das Gegen gegeneinander abzuwägen, beim Einkaufen kennt es jeder. Dieses Prüfen mag anstrengend sein, aber es ist doch etwas, womit wir grundsätzlich und immer befasst sind, denn „Prüft alles“, so sagt es Paulus. Es ist nicht einfach mal Schluss damit. Mir fällt weiterhin auf, dass dieses Prüfen auf Positives ausgerichtet ist, denn Paulus geht davon aus, dass man etwas Gutes finden wird. Wir verstehen es heute oft anders: Finde den Fehler, trau niemandem, sei nicht naiv und blauäugig. Wenn ich mich allerdings an die Prüfungen erinnere, die ich in meinem Leben zu bestehen hatte, dann fällt mir im Nachhinein auf, wie viel Wohlwollen es dabei gegeben hat, wie oft man mir zugenickt hat, ja komm, Du schaffst das, Du weißt das doch. Wie viel anders wäre manche Prüfung, wie viel anders wäre mein Leben verlaufen, wenn ich ständig auf Menschen gestoßen wäre, die mich nur misstrauisch beäugt hätten, die mir nichts zugetraut hätten. Auf diese Weise kann man viel kaputtmachen, auf diese Weise werden Menschen kaputtgemacht. Unser Satz will nicht kaputtmachen, er will aufbauen, er will etwas stabilisieren.
Prüft alles und behaltet das Gute. Für die Christen in Thessaloniki ist es die Erinnerung an Paulus und sein Wirken, es ist die Erinnerung an sein Vorbild, das u.a. darin bestand, dass er mit seinen eigenen Händen seinen Lebensunterhalt verdient hat. Es ist aber auch die Erinnerung daran, wie diese Menschen zum Glauben gekommen sind, es sind durchaus persönliche Erfahrungen, denn diese ersten christlichen Gemeinden waren klein. Menschen haben sich sehr persönlich vom Evangelium ansprechen lassen, sie haben in den Erzählungen von Jesus etwas entdeckt, was ihrem Leben Halt und Fundament gegeben hat, sie haben von seinem Tod und seiner Auferstehung gehört und daran ist ihre eigene Auferstehungshoffnung gewachsen. So hat sich ihr Glaube geformt, das hat sie überzeugt, da ist eine Substanz da, die kann angeschaut werden, die kann dahin geprüft werden, ob es denn etwas Größeres gibt, etwas Hoffnungsvolleres. Und wenn das nicht der Fall ist, ja dann bitte lasst euch doch dieses Geschenk des Glaubens nicht nehmen, lass doch nicht zu, dass irgendjemand euch Unsinn erzählt, dass er euch etwas Minderwertiges dagegen anbietet, etwas das weniger gut ist. So ungefähr können wir die Ermahnung des Paulus an die Menschen damals deuten. Behaltet das Gute – Gut ist, so könnten wir sagen, was mir hilft, was dem anderen hilft, was Gemeinde aufbaut und was grundsätzlich gottgemäß ist. So hat es Paulus damals gemeint, und eigentlich gilt das immer noch auch für heute: Behaltet das Gute – behaltet das, bewahrt das, was euch wirklich zum Leben hilft, was Gemeinschaft fördert, was Vertrauen schafft, was Hoffnung gibt, eben das, was mich zum anderen und zu Gott führt, da steckt dann tatsächlich Leben drin, darum lohnt diese Anstrengung des Prüfens.
Prüft alles und behaltet das Gute. Wenn wir diesen Satz noch einmal auf unsere Zeit übertragen, dann lässt sich feststellen, die Art zu prüfen hat sich tatsächlich verändert. Grundsätzlich scheint es besser, dem anderen mit Misstrauen zu begegnen mit Vorsicht und Zurückhaltung. Aber davon kann niemand leben, weder der, der prüft, noch der der geprüft wird. Es entsteht eine lebensfeindliche Kälte und genau das spüren wir heute oftmals. Prüft alles und behaltet das Gute, ja schaut genau hin, ob es nicht viel Gutes gegeben hat. Wir sind heute oft dabei, Früheres grundsätzlich abzulehnen, das brauchen wir nicht mehr. In Bezug auf Glaube und Kirche bin ich manchmal erschrocken, wie sehr man da bereit ist, einem allgemeinen Trend zu folgen und zu sagen, das hat alles für mich keine Bedeutung mehr. So, als ob man mit Kirche und Glaube nicht viele schöne Erinnerungen verbinden könnte, so als ob man nicht wirklich Gutes erlebt hat. Wenn ich in meine Biographie schaue, dann weiß ich, dass Kirche für uns immer sehr bedeutsam war. Und es ist nicht so, dass wir dabei nur fehlerlose Menschen erlebt hätten. Wie oft lachen wir über so viel Skurriles, was wir erlebt haben über so viel Menschliches, über so viel Kleinkariertes. Aber wenn ich den Satz des Paulus da anlege, dann fällt mir auf, wie sehr ich selbst von all diesen Dingen lebe, selbst von dem Komischen. Und waren es genau besehen nicht doch Heilige, die uns da oft begegnet sind, Menschen, die ihre liebe Not hatten mit allem Möglichen, die aber dennoch wegweisend waren. Ich möchte das an einem kleinen Beispiel verdeutlichen. Als ich Kind war und gerade in dem Alter, wo man Geld zählen lernt und zum ersten Mal allein einkaufen geht, saß ich, wie so oft, bei unseren Nachbarn und dachte über die Frage nach, wie teuer dieses und jenes ist. Die Aussage, „man kann alles kaufen, man muss eben nur das nötige Geld haben“, hatte mich wohl angeregt zu der Frage, ob man wohl auch einen Menschen kaufen könnte und wie teuer der wohl sei. Und unser Nachbar, ein alter Bäcker, der nie nüchtern war, stand schwankend in seiner Küche und sagte mit großer Überzeugung: „Einen Menschen kann man nicht kaufen, ein Mensch ist unbezahlbar.“ Das war unumstößlich, das habe ich mir gemerkt, und alles, was ich später über den Menschen noch gelernt habe, war nicht so eindrucksvoll wie dieser Satz. Und ich glaube, sehr viel Böses geschieht auf der Welt, weil Menschen diesem alten Bäcker in seiner Skurrilität und in seiner Weisheit nicht begegnet sind.
Liebe Schwestern und Brüder: Prüft alles und behaltet das Gute. Lassen Sie sich nicht beeindrucken von Menschen, die heute auftreten und alles ganz neu machen und sehr erhaben sind über die Fehler, die andere vor ihnen gemacht haben. Wir brauchen keine nostalgische Verklärung früherer Zeiten; nein, da gab es genug Kritikwürdiges. Aber Wertschätzung und Bewahrung des Guten sind immer richtig, ebenso der kritische aber wohlwollende Blick auf den anderen und auf mich selbst. „Prüft alles und behaltet das Gute“, das ist ein hilfreicher Satz für dieses Jahr und für unsere Zeit. Amen.
L: Num 6,22-2
Ev: Lk 2,16-21
Liebe Schwestern und Brüder!
Immer wenn von der Zukunft gesprochen oder über die Zukunft nachgedacht wird, dann weckt das die Aufmerksamkeit und das Interesse der Menschen; denn es geht bei dieser Thematik ja auch ein Stück weit um das ganz persönliche Leben, möglicherweise um die eigene Zukunft. Dieses Interesse machen sich manche auch zunutze, denn es gibt Anlässe und Gelegenheiten, an denen dieses Nachdenken besonders wichtig ist und relevant wird.
Im Evangelium haben wir gerade so einen Anlass gehört, der Menschen anregt, sich Gedanken über die Zukunft zu machen. Es ist der Anfang eines neuen Lebens, es ist die Geburt eines Menschen. So sprechen Menschen über die Zukunft dieses neugeborenen Jesusknaben. Sie erzählen von dem, was sie gehört haben oder welche Gedanken sie sich selber gemacht haben. Welche das waren, steht leider nicht da. Auch nicht, was die Eltern Jesu beschäftigt hat, die sicher auch ihre eigenen Zukunftsgedanken hatten.
Der heutige Neujahrstag ist auch so ein Anlass, bei dem sich Menschen Gedanken über die Zukunft machen. Sie äußern sich zuerst ganz allgemein in den guten Wünschen, die wir heute einander zusagen. Diese Wünsche können aber auch ganz konkret werden, wenn man um das Leben und das Schicksal von bestimmten Personen weiß. So können die konkreten Wünsche etwa bei der Gesundheit anfangen und bis zu Glück und Erfolg bei anstehenden Entscheidungen reichen.
Auch in den Neujahrsansprachen der politischen Mandatsträger wird Zukunft thematisiert, wenn über die Aufgaben und in die Herausforderungen, die anstehen, gesprochen wird.
Wenn es um Zukunft geht, dann taucht manchmal auch der Begriff der „Zeitreise“ auf, der eigentlich aus der Physik stammt und mit der sog. Relativitätstheorie zu tun hat. Meistens aber wird der Begriff „Zeitreise“ im Zusammenhang mit hypothetischen Aussagen und Vermutungen verwendet, die in der Literatur, der Film- und Medienbranche verarbeitet werden.
Wenn wir so eine kleine Zeitreise in dieses neue Jahr machen, dann wird uns vielleicht die anstehende Bundestagswahl am 23. Februar einfallen, dass die Post teurer wird und die elektronische Patientenakte genauso wie die E-Rechnungen kommen werden und wahrscheinlich noch so manches andere mehr.
Ja, und dann ist dieses Jahr 2025 ein so genanntes Heiliges Jahr. Heilige Jahre gehören zur Geschichte der katholischen Kirche. In Anlehnung an das biblische Erlassjahr, das alle 50 Jahre einen Schuldenerlass vorsah, wurde im Jahr 1300 von Papst Bonifatius VIII. das erste Heilige Jahr ausgerufen. Zunächst war es alle 100 Jahre vorgesehen, dann aber wurde es ab 1475 alle 25 Jahre durchgeführt.
Mit einem Heiligen Jahr ist in den Köpfen der Menschen meistens untrennbar das Thema Ablass verbunden. Ablass in der katholischen Kirche ist wirklich eine ganz eigene Geschichte. Der Ablass kennt auch eine große und erfolgreiche Geschichte, weil damit auch soziale Verantwortung übernommen werden konnte. Er hat aber auch eine dunkle und verhängnisvolle Geschichte, auf die ich heute am Neujahrstag nicht eingehen möchte, aber gewiss bei einer anderen Gelegenheit.
Dieses Heilige Jahr 2025 steht unter dem Motto „Pilger der Hoffnung“. Es sagt zunächst aus, dass wir als Menschen immer unterwegs sind durch die Zeit, dass wir uns immer auf einer Art Zeitreise befinden, dass wir Pilger sind. Die Frage ist nur, wie? Wie gestalten wir die Reise durch unsere Lebenszeit? Laufen wir sozusagen einfach drauf los – oder sitzen wir lieber – oder meistens etwas aus? Haben wir Ziele für unser Leben – oder sind wir mehr oder weniger orientierungslos oder sind wir Getriebene? Pilger der Hoffnung! Ich glaube, man kann auf dieser Zeitreise des Lebens mit Hoffnungen, aber auch hoffnungsvoll und hoffnungsfroh unterwegs sein.
Vor 50 Jahren, im Heiligen Jahr 1975, war es für meinen Großvater im Alter von 75 Jahren eine Art persönliche Verpflichtung, als er die Gelegenheit dazu hatte, sich auf eine Reise nach Rom zu machen. Irgendwie kann ich mich noch daran erinnern, dass er nach seiner Rückkehr erzählt hat, dass die Eindrücke sehr gemischt waren. Es war eine Art Spannungsbogen von beeindruckend bis hin zu enttäuschend. Mein Großvater war schon ein frommer Mensch, aber auch ein sehr geerdeter Mensch. Er war durchaus kritisch gegenüber manchen Frömmigkeitsformen und Ausdrucksweisen von Glauben. Als es ihm bei einer Fronleichnamsprozession irgendwie zu viel war, sagte er: „Lachen täte ich, wenn wir das Falsche glauben!“
Auch in diesem Jahr werden Millionen, seien es nun wirklich Pilger oder einfach Touristen, nach Rom reisen. Und es wird ein großer Rummel sein, etwas das meinen Großvater gestört hat. Wer das gerne tun will, nach Rom fahren oder pilgern, kann es auch tun. Ich werde jedenfalls nicht hinfahren und ich glaube, es ist auch nicht nötig. Als Pilger der Hoffnung muss man nicht nach Rom fahren, aber als Pilger der Hoffnung braucht man Orte der Hoffnung, und davon gibt es viele auf dieser Welt. Haben Sie solche Hoffnungsorte? Welchen Ort würden Sie aufsuchen, wenn Sie Hoffnung schöpfen, Hoffnung erfahren oder Hoffnung verspüren möchten? Wo würden Sie hingehen, wenn Sie Hilfe brauchen?
Unser Erzbistum hat sechs Orte benannt, die Orte der Hoffnung sein könnten und sein wollen. Es sind dies: Die Michaelskirche in der Münchner Fußgängerzone, Maria Eich in Planegg, Maria Birkenstein in Fischbachau, Maria Eck in Siegsdorf, Maria Birnbaum in Sielenbach und unsere Scheyrer Basilika.
Scheyern, ein Ort der Hoffnung. Im Unterschied zu den römischen Hauptkirchen haben wir keine eigene „Heilige Pforte“, aber wir haben eine offene Türe für die Menschen mit ihren Anliegen. Das ist nichts Neues und in diesem Jahr auch nichts Besonderes, es kann aber auf dieser Zeitreise durch das Jahr neu ins Bewusstsein treten.
Scheyern ist ein Ort des Gebetes, das ist uns als Klostergemeinschaft Auftrag und Verpflichtung zugleich. Wer kommt, ist eingeladen, daran einfach teilzunehmen.
Scheyern ist ein Ort des Segens vor allem durch die Reliquie des heiligen Kreuzes: „Im Kreuz ist Heil, im Kreuz ist Leben, im Kreuz ist Hoffnung.“
Pilger der Hoffnung! Liebe Schwestern und Brüder, dazu braucht es Orte der Hoffnung und es braucht Worte der Hoffnung.
Und mit solchen Worten der Hoffnung möchte ich jetzt schließen. Wir haben sie heute in der Lesung aus dem Buch Numeri gehört:
Der Herr segne dich und behüte dich.
Der Herr lasse sein Angesicht über dich leuchten und sei dir gnädig.
Der Herr wende dir sein Angesicht zu und schenke dir Frieden.
Mit diesen Worten lade ich Sie ein, dass wir uns miteinander als Pilger der Hoffnung auf diese Zeitreise machen und dass wir auch die mitnehmen, die mit ihren Anliegen in diesem Jahr zu uns an diesen Ort der Hoffnung kommen.