In dem folgenden Predigtarchiv finden Sie eine Auswahl von Predigten zum Nachlesen. Diese sind in einem Zeitraum bis zu einem Kalenderjahr zurück aufgeführt.

Neben dem Gottesdienst bieten wir auch die Möglichkeit das Sakrament der Beichte zu entrichten.

2021

                                                                              L: 2 Kor 5,6-10                              
                                                                              Ev: Mk 4,26-34

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Das Blaue vom Himmel. Wenn Menschen das Blaue vom Himmel erzählen, dann kann sich das durchaus schön anhören, vielleicht sogar so schön oder zu schön, um wahr zu sein. Es ist Vorsicht geboten, denn das Blaue vom Himmel entspricht nicht unbedingt immer der Wahrheit, um das Wort „Lüge“ hier einmal zu vermeiden.

Das Blaue vom Himmel. Dabei handelt es sich eher um Wunsch- und Phantasievorstellungen oder um Zusagen und Versprechungen, die nicht haltbar sind. Es gibt auch Menschen, die nie um eine Ausrede verlegen sind und auch so den Himmel hellblau, dunkelblau oder weiß blau sein lassen, je nach dem, was sie gerade für ihre Zwecke und Interessen brauchen. 

Vor kurzem habe ich mir ein Buch gekauft, dessen Titel mich irgendwie gereizt hat: „Die Wahrheit über das Lügen – 10 Geschichten“. Ich bin noch nicht recht weit gekommen. Es scheint, das wird eine Urlaubslektüre werden. Die erste Geschichte aber beginnt so: „Es war einer dieser späten Sommertage – der Himmel blau und in zarten milchigen Dunst gehüllt – die einen übermütig werden lassen und das Gefühl von Zeitlosigkeit geben, als wäre der nahende Herbst noch weit entfernt.“ Da bin ich gespannt, was da noch alles kommt.

Das Blaue vom Himmel. Eigentlich schade, dass das Blaue vom Himmel in unserem Sprachgebrauch so negativ besetzt ist. Ein blauer Himmel ist doch etwas Schönes, an dem wir unsere Freude haben, in den wir gerne schauen. “Der Himmel war schon lange nicht mehr so blau“, so konnte man immer wieder hören oder lesen, seit, bedingt durch Corona, der Flugbetrieb über unseren Köpfen erheblich, sprich sichtbar und hörbar, weniger geworden ist. Oder täuschen wir uns da durch das Blau des Himmels und bilden uns das nur ein?

Das Blaue vom Himmel. Wenn Jesus vom Himmelreich, vom Reich Gottes spricht, dann ist dieser Himmel meistens gar nicht besonders „blau“, sondern die Bilder, die Jesus für den Himmel verwendet, haben einen ganz anderen Charme, der viel einfacher und damit wohl auch viel ehrlicher ist.

Womit sollen wir das Reich Gottes vergleichen, mit welchem Gleichnis sollen wir es beschreiben? Es gleicht einem Senfkorn. Dieses ist das kleinste von allen Samenkörnern, die man in die Erde sät. Ist das nicht schön? Aber ist das nicht auch enttäuschend? Das Reich Gottes so ein mickriges Ding? Ein Senfkorn, ausgerechnet das kleinste Samenkorn der damaligen Lebenswelt. Und genau dieses kleine Senfkorn hat das Potential für das Reich Gottes, auch wenn es nur ein Bild dafür ist.

Ist es aber gesät, dann geht es auf und wird größer als alle anderen Gewächse und treibt große Zweige, so dass in seinem Schatten die Vögel des Himmels nisten können. 

Wenn Jesus vom Reich Gottes, vom Himmelreich spricht, dann erzählt er den Menschen nicht das Blaue vom Himmel, das so schön, zu schön ist, um wahr zu sein, sondern in seinen Bildern bringt er auch zum Ausdruck, dass alle eine Chance dafür und darauf haben, auch wenn sie noch so unscheinbar aussehen oder einen solchen Eindruck erwecken. Wir können das Himmelreich zwar nicht machen, aber wir dürfen, ja wir müssen daran mitwirken. Auch dabei kommt es nicht auf große Leistungen oder Außergewöhnliches an, sondern es braucht eigentlich nur das Naheliegende, das getan werden muss: Säen! Ein Samenkorn muss gesät werden, damit es sich entwickeln und wachsen kann. Dafür muss ich ihm Zeit geben und Zeit lassen und nicht ständig nachschauen, wie weit es denn schon ist oder gar daran ziehen, damit es schneller geht. Damit mache ich eine Pflanze genauso kaputt wie das Himmelreich.

Für das Himmelreich muss ich mir sozusagen die Hände schmutzig machen wollen. Das beinhaltet das Bild vom Samenkorn auch. Ich darf mir nicht zu schade sein, auch Banales zu tun. Das war schon immer eine Versuchung in der Gemeinschaft der Kirche und ein strittiger Punkt, dass man um des Himmelreiches Willen die Erde klein und schlecht gemacht hat. Der Abschnitt aus dem 2. Brief des Apostels Paulus an die Korinther und vor allem seine Wirkungsgeschichte, sind nicht ganz frei von solchen Tendenzen: Wir leben fern vom Herrn, solange wir in diesem Leib zuhause sind. Ich denke, ich weiß schon, wie das Paulus gemeint haben könnte, aber daraus kann auch sehr schnell Leibfeindlichkeit werden. Warum muss ich um des Himmelreiches Willen die Erde immer klein machen? Das hat der Himmel doch gar nicht nötig.

Warum nimmt Jesus das Bild vom Senfkorn und vom Acker? Nur damit es die Menschen leichter verstehen oder weil es für ihn etwas mit Himmel zu tun hat? Er hätte doch auch das Blaue vom Himmel erzählen können, das so schön ist, zu schön, um wahr zu sein. Das Samenkorn muss gut in der Erde verwurzelt sein, um in den Himmel wachsen zu können. Erde und Himmel sind keine Gegensätze.

Das Blaue vom Himmel, liebe Schwestern und Brüder, Sprache ist manchmal schon ein eigenartiges Phänomen. Manchmal bringt sie etwas auf den Punkt, an dem alles gesagt ist und ein andermal wird es so schräg, dass Leben und Zusammenleben in eine Schieflage geraten kann. Das trifft oft dort zu, wo es sich um eine Art Binnensprache handelt. Glaube und die Gemeinschaft der Kirche haben sie genauso wie andere Gruppierungen wie etwa Politik, Wissenschaft und Wirtschaft.

Manchmal frage ich mich, was sie sich dabei denken, wenn wir Begriffe und Ausdrücke verwenden, die in unserem Jargon so ganz selbstverständlich klingen: Gnade, Erlösung, Rettung. Sie trauen sich das meistens nicht zu fragen, was das bedeutet. Kinder sind da viel freier: „Du, was heißt denn das?“

Liebe Schwestern und Brüder. So gibt es den Ausdruck in unserer Kirchensprache, den ich irgendwie gar nicht mag. Es ist der von der „Besonderen Berufung“. Was ist das? Wenn es eine besondere Berufung gibt, dann gibt es auch eine Berufung, die nichts besonderes ist. Und das glaube ich nicht. Meistens wird von einer „besonderen Berufung“ im Zusammenhang mit kirchlichen Berufen oder einer bestimmten kirchlichen „Zunft“ gesprochen, so dass das Blaue vom Himmel oft gar nicht mehr so weit entfernt ist. Berufung gibt es nicht nur in der Kirche und ihren Berufen, sondern Berufung gibt es in jedem Beruf. Eine Berufung wird dann zu einer besonderen Berufung, wenn sie ein Mensch als die seine erkennen darf und sie authentisch lebt. Wenn er das leben kann, was er kann und wer er ist, egal in welchem Beruf, in welchem Stand und in welcher Lebensform auch immer. Man kann zum Arzt, zum Lehrer, zum Landwirt, zum Handwerker, zur Hausfrau, ja auch zum sog. „Hilfsarbeiter“ berufen sein. Besondere Berufung hat auch mit Glücklichsein zu tun. Das dürfen wir Mönche auch für uns in Anspruch nehmen, ohne etwas Besonderes sein zu müssen. Glücklichsein, nicht mehr, aber auch nicht weniger.  

Das Blaue vom Himmel, Wunsch- oder Phantasievorstellungen bzw. Zusagen oder Versprechungen, die nicht haltbar oder nicht lebbar sind.

Was versprechen sich Menschen vom Himmel? Und warum tun sie es?

Was versprechen Sie sich vom Himmel, das Blaue?

Ich möchte schließen mit einem Liedtext, der für mich einen einfachen und ehrlichen Charme hat, sozusagen „Senfkorngröße“.

Wo Menschen sich vergessen, die Wege verlassen, und neu beginnen, ganz neu.
Wo Menschen sich verschenken, die Liebe bedenken, und neu beginnen, ganz neu.
Wo Menschen sich verbünden, den Hass überwinden, und neu beginnen, ganz neu.
Da berühren sich Himmel und Erde, dass Friede werde unter uns,
da berühren sich Himmel und Erde, dass Friede werde unter uns.

Geben wir diesem Himmel, egal ob hellblau, dunkelblau oder weiß blau auf unserer Erde eine Chance.

 

                                                                   L: Hebr 9,11-15   
                                                                  Ev: Mk 14,12-16.22-26

Liebe Schwestern und Brüder!

Die Redewendung von einer „brotlosen Kunst“ sagt aus, dass eine Arbeit für den Ausführenden zwar wichtig und interessant ist, vielleicht auch viel Freude machen kann, dass sie aber keineswegs ausreicht, um seinen Lebensunterhalt damit zu verdienen oder zu erwirtschaften.

Die Rede von der „brotlosen Kunst“ wird so manchem jungen Menschen in den Ohren klingen, wenn seine Vorstellungen und Wünsche bei der Berufswahl sich von denen seiner Eltern erheblich unterscheiden.

Die „brotlose Kunst“ bezieht sich nicht nur auf künstlerische Berufe im engeren Sinn, sondern schließt alles ein, was einen Menschen im materiellen Sinne nicht satt machen kann.

Die Umstände, in denen wir seit mehr als einem Jahr leben, haben unsere Welt nicht nur durch die damit verbundenen Einschränkungen verändert, sondern auch weil sie zu anderen Gedanken, ja in mancher Hinsicht zu einem Umdenken geführt haben. Dazu gehört auch, dass manche Berufe, die bisher als krisensicher galten und mit denen man gut verdienen konnte, plötzlich eine Art „brotlose Kunst“ wurden.

Es gab aber auch viel Angst, dass es zu Versorgungsengpässen kommen könnte. Sie hat immer wieder zu sog. Hamsterkäufen geführt, aber letztendlich mussten wir dann feststellen, dass es eine brotlose Kunst nicht nur in materieller Hinsicht gibt, sondern dass viel mehr dazu gehört. Niemand musste in unseren Breiten hungern – darüber dürfen wir froh und dankbar sein – und doch gab es einen Hunger, weil auch Brot allein nicht satt macht. Auch das beste Essen schmeckt nicht, wenn man es alleine essen muss. 

Das heutige Fest Fronleichnam, das wir durch die Umstände zwar in veränderter Weise feiern, also ohne die Prozession, die so prägend und kennzeichnend für diesen Tag ist, hat Brot zum Inhalt, ein im Glauben ganz besonderes Brot. Auch wenn wir heute nicht unterwegs sind (to go), weist dieses Fest darauf hin, dass Glaube eben „keine brotlose Kunst“ ist, sondern zu diesem Quäntchen „Mehr“ des Lebens gehört, das einen Hunger, eine Sehnsucht stillen kann.

Das Evangelium, das wir heute gehört haben, beginnt mit der Frage bzw. mit der Suche nach einem Raum, in dem sich die Jünger mit Jesus zusammensetzen können. Der Raum, das ist nicht nur die „Location“, wie wir heute vielleicht sagen, sondern der Raum, das ist immer auch Atmosphäre, in der etwas gelingen kann. Atmosphäre auch für das, was dann geschieht und was zum Kennzeichen des neuen Bundes geworden ist. Der Bund, die neue Art der Gemeinschaft zwischen Gott und den Menschen, aber auch der Bund unter den Menschen:

Während des Mahles nahm Jesus das Brot und sprach den Lobpreis; dann brach er das Brot, reichte es ihnen und sagte: Nehmt, das ist mein Leib. Dann nahm er den Kelch, sprach das Dankgebet, reichte ihn den Jüngern und sie tranken daraus. Und er sagte zu ihnen: Das ist mein Blut, das Blut des Bundes, das für viele vergossen wird.

So haben wir nicht nur gerade im Evangelium gehört, sondern so kennen wir es aus jeder Eucharistiefeier. Es sind die zentralen Worte, die wir Wandlung nennen. In der Wandlung verändert sich nicht einfach etwas, das man mit den Augen sehen könnte, sondern in der Wandlung verändern sich vielmehr Gedanken, es geschieht ein Umdenken: Brot ist mehr als Brot, Wein ist mehr als Wein.

In dem Lied „Eingeladen zum Fest des Glaubens“ heißt es unter anderem: „Und dort lernten sie zu teilen, Brot und Wein und Geld und Zeit und dort lernten sie zu heilen, Kranke, Wunden, Schmerz und Leid; und dort lernten sie zu beten, dass dein Wille Gott, geschehe; und sie lernten so zu leben, dass das Leben nicht vergehe.

Brotlos, trostlos, sinnlos, vielleicht auch gottlos. Das sind Erfahrungen, die Menschen in der letzten Zeit in ganz unterschiedlicher Weise machen mussten und immer noch machen müssen. Sie stellen das Leben auf einen harten Prüfstand. Umdenken ist eben nicht immer einfach, es braucht ein Umlernen, vielleicht auch wirklich Umschulen. Manche Arbeitsstelle gibt es schlicht weg nicht mehr. Die ganze Veranstaltungstechnik und alles was damit zusammenhängt, liegt am Boden und es geht nichts mehr. Alles, was mit Tourismus zusammenhängt, mit dem Menschen ihr Geld verdient haben…

Angesichts dessen, was Menschen erlebt haben oder immer noch erleben, könnte man meinen, dass Leben nur eine Ansammlung von Problemen ist.

Das Leben ist nicht ein Problem, das gelöst werden muss, sondern ein Geheimnis, das gelebt werden muss.

Eingeladen zum Fest des Glaubens: Lernen zu teilen, lernen zu heilen, lernen zu beten, lernen so zu leben, dass das Leben nicht vergehe.

Das Geheimnis des Glaubens ist das Geheimnis des Lebens: Nicht brotlos, sondern „brotvoll“, trostvoll, sinnvoll und gottvoll.

 

                                                                           L: Röm 8,22-27                                                                                                                                                                          L: Eph 1,3a.4a.13-19a                                              
                                                                          Ev: Lk 10,21-24

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Das war jetzt nicht so der Hit, obwohl er einer hätte werden können – oder besser gesagt – hätte werden sollen, der deutsche Beitrag zum Eurovision Song Contest 2021, der am vergangenen Samstag entschieden wurde, denn er belegte gerade mal den vorletzten Platz. So hatte es sich der 26-jährige Jendrik Sigwart aus Hamburg wohl nicht vorgestellt, aber so ist das halt mal im Showgeschäft.

„I don’t feel hate“, zu deutsch „Ich fühle keinen Hass“, so lautete der Titel seines Beitrags. Ob es daran lag, dass er es nicht auf das Siegertreppchen geschafft hat, oder wenigstens ein bisschen weiter nach oben? Ich weiß es nicht. Bei so einem Wettbewerb spielen ganz verschiedene Kriterien eine Rolle, nicht unbedingt der Inhalt der Lieder.

I don’t feel hate, Ich fühle keinen Hass, das wäre ja durchaus etwas Gutes, ja Erstrebenswertes, ja auch etwas Aktuelles, wenn man sich in der Welt und in unserer Zeit so umschaut, was da an Hass und Gehässigkeit unterwegs ist, vor allem in den sozialen Kommunikationsmitteln. „Ich fühle keinen Hass.“ Das war, das ist also nicht so der Hit? Vielleicht tröstet den jungen Mann aus Hamburg die Tatsache, dass diese sog. Hits es auf Umwegen manchmal doch schaffen, an die Spitze der Charts zu gelangen.

Was ist denn der Hit? Was schlägt denn bei den Menschen im wahrsten Sinne des Wortes ein? Was schlägt durch? Mit dieser Frage fängt der Apostel Paulus seinen Brief an die Epheser an, den wir in der Lesung gehört haben. Einen Hit gibt es nicht nur im Showgeschäft, sondern in vielen und ganz anderen Bereichen des Lebens und der Welt. Paulus geht es um den Geist, der in den Menschen steckt, den Geist, der in den Menschen lebt oder wohnt und der sie umtreibt und antreibt, ihr Leben zu leben, zu gestalten, etwas daraus zu machen. Mit anderen Worten: Was ist die Lebensmotivation, die einschlägt, die durchschlägt? Paulus sagt: Der Geist der Wahrheit und Offenbarung, damit ihr erkennt, zu welcher Hoffnung ihr berufen seid.

Aus welcher Hoffnung können wir oder wollen wir leben? Ich möchte einfach irgendwie glücklich sein. Das, so denke ich, ist eine Einstellung, eine Hoffnung, aus der Menschen leben oder ihr Leben angehen, wobei die Glücksvorstellungen sehr weit auseinandergehen können. „Ich fühle keinen Hass“. Das könnte durchaus ein Element in diesem Bestreben sein, auch wenn es beim Song Contest nicht so der Hit war. 1982 hatte die deutsche Interpretin Nicole mit ihrem Beitrag „Ein bisschen Frieden“ mehr Glück und wurde Siegerin.

Damit ihr erkennt, zu welcher Hoffnung ihr berufen seid! Frieden, keinen Hass, glücklich sein. Das sind sicher auch Hoffnungselemente für Paulus, selbst wenn er sie so nicht erwähnt.  Ein Element nennt Paulus aber aus ganz persönlichen Gründen: Ich höre nicht auf, für euch zu danken. Ist Dank, Dankbarkeit auch ein Hit, oder nicht so der Hit?

Nicht nur im Showgeschäft gibt es so etwas wie eine Hitparade, in der eine Rangliste aufgestellt wird, was sozusagen up to date, also angesagt und dran ist, sondern so eine Art Hitparade gibt es auch in der Kirchenmusik. Ich meine damit jetzt nicht die großen Komponisten, wie Bach, Mozart, Haydn und wie sie alle heißen, die sich durch ihre Werke einen Namen gemacht haben, sondern es gilt auch für Lieder, die wir in unseren Gottesdiensten immer wieder singen, wenn wir denn dürfen.

Vor 60 Jahren, nämlich 1961 gewann ein junger Mann namens Martin Gotthard Schneider in der Evangelischen Akademie in Tutzing mit einem Lied den ersten Preis. Es entwickelte sich aber erst langsam zu einem Hit in Kirchenkreisen. Sie haben es wahrscheinlich alle schon einmal gehört. Es geht ganz einfach: Danke für diesen guten Morgen, danke für jeden neuen Tag. Danke, dass ich all meine Sorgen auf dich werfen mag.

Dank, Dankbarkeit für die Welt, für die Zeit in der wir leben.

Ist das für Sie ein Hit oder eher nicht der Hit?

 

                                                                                                          L: Röm 8,22-27
                                                                                                         Ev: Joh 20, 29-23

Liebe Schwestern und Brüder!

Bayern sperrt auf! Das war wohl eine der besten Nachrichten, die in den letzten Tagen über unsere Medien verbreitet werden konnte. Es war eine Nachricht, die Hoffnung machte und die vielleicht auch vereinzelt ein Lächeln auf die Lippen der Menschen gezaubert hat. Endlich!

Bayern sperrt auf! Nachdem die Zahlen der sog. Inzidenz in vielen Kreisen unseres Landes, bei weitem aber noch nicht in allen, unter diese magische Grenze von 100 gefallen waren und sich eingependelt hatten, ist nun die Zeit für vorsichtige Lockerungen gekommen, die für die meisten Menschen nicht nur das Ende einer langen Durststrecke des gesellschaftlichen Lebens bedeuten, sondern für viele Menschen schlichtweg auch heißen, dass sie nach fast 7 Monaten endlich wieder ihrer Arbeit nachgehen können und damit nicht nur Geld verdienen, sondern für ihr Leben auch wieder ein Stück Sinn zurückbekommen.

Bayern sperrt auf! Das wird in manchen Köpfen vielleicht auch sorgenvolle Gedanken hervorgerufen haben: Hoffentlich müssen wir das nicht wieder büßen.

Wie dem auch sei, was Menschen bei diesem „Bayern sperrt auf“ auch denken und empfinden, für mich ist diese Meldung, diese Schlagzeile eine schöne Brücke zum Pfingstfest, das wir an diesem Wochenende feiern. An Pfingsten wurde und wird nämlich aufgesperrt. Pfingsten ist das Fest des Heiligen Geistes und Pfingsten ist ein Fest zum Aufsperren, oder haben sie an etwas anderes gedacht, als wir gerade im Evangelium gehört haben: Am Abend des ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht von den Juden die Türen verschlossen hatten…? Die Jünger hatten nicht nur zugesperrt, sondern sie hatten auch zugemacht, sie hatten aufgegeben. Von den verschlossenen Türen lässt sich der auferstandene Jesus aber nicht aufhalten, sondern er tritt in ihre Mitte und sagt ihnen auf den Kopf zu: Empfangt den Heiligen Geist und dann ist es endlich so weit: Sie sperren die Türen wieder auf. An Pfingsten wird aufgesperrt!

Ich finde es durchaus bemerkenswert, dass dieses Aufsperren im Evangelienabschnitt gar nicht erwähnt wird, das müssen wir uns dazu denken, das müssen wir uns zusammenreimen. Was aber dasteht, ist der Grund, die Ursache, warum es so weit gekommen ist, warum zugesperrt wurde: Aus Furcht vor den Juden. Die Jünger hatten Angst, sie hatten schlichtweg Angst. Angst, das ist kein schönes Gefühl und mit Angst tun wir Menschen uns sehr schwer. Wer von uns gibt schon gerne zu, dass er Angst hat.

Angst gehört aber zu unserem Leben mit dazu, ob es uns passt oder nicht. Davon war nicht einmal das Paradies ausgenommen. Heißt es doch im Buch Genesis beim sog. Sündenfall, als Gott nach dem Adam rief, gab ihm dieser zur Antwort:  Ich habe dich im Garten kommen hören; da geriet ich in Furcht, weil ich nackt bin und versteckte mich. Adam, der Mensch, hatte Angst. Er hatte Angst auf sein Leben zu schauen. Er hatte Angst, das anzunehmen und zu dem zu stehen, was gewesen war. Da geriet ich in Furcht, weil ich nackt bin. Diese Nacktheit ist auch ein Bild für die Zerbrechlichkeit und Verletzlichkeit des Lebens. Auch diese Angst ist in uns Menschen ein Stück weit grundgelegt.

Bayern sperrt auf. Das hören und lesen wir gerne. So war es den Medien eine Schlagzeile wert, die ganz dick und fett gedruckt wurde. Hier müssen wir sozusagen uns umgekehrt etwas dazu denken und eingestehen, warum es dazu gekommen ist. Es war die Angst. Es war die Angst um das Leben. Es war die Angst, dass dieses Virus unser Gesundheitssystem, auf das wir so stolz sind, überfordert oder gar kollabieren lässt. Es war aber auch die Angst um unseren Wohlstand und unseren Reichtum, die uns auf einem sehr hohen Niveau jammern ließ. Für andere Regionen der Erde ist das gar kein Thema, weil es dort gar kein Gesundheitssystem gibt. Vereinzelt erreichten uns Meldungen, dass es Regionen auf der Erde gibt, in denen es um das nackte Überleben geht.

Angst hat ganz verschiedene Gesichter und Angst treibt die unterschiedlichsten Blüten. Zu den Phänomenen der letzten Monate gehörten in unserem Land und bei unseren Europäischen Nachbarn die sog. Querdenker, die auf die Straße gingen, um gegen die verhängten Einschränkungen zu demonstrieren. Auch ihre Motivation war die Angst. Sie hatten nicht nur Angst um ihre Grundrechte, sondern vielmehr darum, dass sie im Leben vielleicht etwas zu kurz kommen oder gar etwas verpassen. Die Freiheit zu verreisen, diese Frage stellt sich für die allermeisten Menschen auf dieser Erde gar nicht. Ihnen werden diese Einschränkungen vom Leben vor Ort auferlegt, ja aufgezwungen

Bayern sperrt auf. – Als die Jünger aus Furcht vor den Juden die Türen verschlossen hatten. Manchmal ist es auch ein Problem, dass wir oft gar nicht wissen, ob wir jetzt eingesperrt oder ausgesperrt sind. Auf welcher Seite der Türe leben wir also, drinnen oder draußen?

Das ist auch eine Lebenswirklichkeit, die die Gemeinschaft der Kirche kennt und immer wieder erfährt. Sind wir jetzt eingesperrt oder haben wir uns ausgesperrt?

Das Aufsperren der Jünger war auch mit einer Vollmacht verbunden, die eigentlich ein Auftrag ist. Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben, wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert. Ich glaube, es war das Anliegen Jesu, den Schwerpunkt auf das Aufsperren zu legen, neue Anfänge für Menschen zu ermöglichen, auch wenn man die Vergangenheit nicht ungeschehen machen kann. Jesus selbst hat das Menschen immer wieder zugesagt: „Deine Sünden sind dir vergeben!“ Er hat damit Menschen vor den Kopf gestoßen und Ängste ausgelöst. „Das darf der gar nicht, also kann er es auch nicht.“

Leider gibt es bis heute in der Gemeinschaft der Kirche Angst, immer noch und immer wieder Angst. Angst, neue Anfänge zu ermöglichen und Veränderungen zuzulassen. Angst um die Lehre und die Tradition. Manche hadern bis heute mit den Veränderungen des 2. Vatikanischen Konzils und sagen: Mit dem Öffnen der Fenster ist nicht nur frische Luft hereingekommen. Ja das stimmt schon. Es stimmt genauso wie der ehrliche Blick auf die Vergangenheit, dass nämlich Tradition und Lehre auch Dreck am Stecken haben, vielleicht mehr als man sich bis jetzt eingestehen mochte.

Bayern sperrt auf. Auch wenn das gut klingt und unserer Seele, aber auch unserem Ego schmeichelt: Am bayrischen Wesen wird die Welt nicht genesen. Aber man sagt uns Bayern auch eine Lebenseinstellung nach, die „Liberalitas Bavariae“, die uns nicht schlecht ansteht und die in pfingstlicher Weise zumindest Brücken bauen kann, nämlich der Grundsatz: Leben und leben lassen.

Komm in unsere Mitte Herr,
wenn wir aus Furcht vor den Menschen
hinter verschlossenen Türen sitzen;
kleingläubig die Argumente hin und her wälzen,
von unseren Zweifeln nicht loskommen. 

Lass uns deiner sicher sein,
dass wir wagen die Türen zu öffnen
für alle, die Heimat brauchen;
hinauszugehen zu denen,
die warten, dass einer sie finde.

 Bleib uns nah, dass wir deinen Geist
nicht vergeblich empfangen haben:
den Geist, der nicht recht haben und behalten will,
der Schuld vergibt und vergisst,
der Geist der lehrt, Leben zu teilen,
Frieden zu stiften.

Christ erkenne Deine Würde! Zum Aufsperren sind wir berufen, nicht zum Aussperren.

Ein frohes und gesegnetes Pfingstfest.

  1. Sonntag der Osterzeit (B), 16. 05. 2021
                                                                                                       L: Apg 1,15-17.20a.c-26

                                                                                                          Ev: Joh 17,6a.11b-19

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Das ist mein letzter Wille, so oder so ähnlich beginnt ein Testament. Bei dem Wort Testament schwingen bei manchen, bei vielen Menschen ganz unterschiedliche Gedanken mit, meistens nicht unbedingt angenehme, denn wenn ich ein Testament verfasse, dann denke ich ja unweigerlich daran, dass mein Leben ein Ende hat, dass ich irgendwann sterben werde, dass mein Leben ein „Ableben“ kennt.

Als Mönche müssen wir bei der Ablegung der Profess ein Testament schreiben. 24 Jahre ist das nun her, aber ich kann mich schon noch daran erinnern, dass es ein merkwürdiges Gefühl war, mit 31 Jahren ein Testament zu schreiben: Das ist mein letzter Wille.

Diese unangenehmen Gedanken können aber auch daher rühren, weil Menschen auch wissen, dass es um den letzten Willen eines Menschen oft Streit und Zank in Familien und darüber hinaus geben kann. Erbschaftsstreitigkeiten gehören zu den schärfsten Konflikten unter den Menschen und sie werden sehr leidenschaftlich und erbittert ausgetragen.

Das ist mein letzter Wille. Damit der letzte Wille eines Menschen auch Wirklichkeit werden kann und juristische Streitigkeiten um die Gültigkeit des Testaments vermieden werden können, gibt es ein paar Kriterien, die dabei zu berücksichtigen und einzuhalten sind. Wenn man sein Testament nicht von einem Notar verfassen lässt, dann muss dieses Schriftstück vom Anfang bis zum Ende handschriftlich sein. Es muss mit dem vollen Namen unterschrieben sein, Ort und Datum dürfen nicht fehlen, es braucht genaue Angaben über den Erblasser und die Erben, sowie die eindeutige Absicht: Das ist mein letzter Wille.

Das ist mein letzter Wille. Auch wenn es nicht dasteht, so haben wir doch gerade im Evangelium einen Textabschnitt gehört, den wir als Testament Jesu bezeichnen können. Er war entnommen aus den sog. Abschiedsreden. Jesus macht sich Gedanken über seinen Tod und die Zeit nach seinem Tod und diese Gedanken formuliert er in einem Gebet. Juristisch gesehen ist dieses Testament aus heutiger Sicht natürlich anfechtbar, ja eigentlich ungültig, denn alles, was ich gerade über die Abfassung eines Testamentes gesagt habe, ist nicht erfüllt. Es gibt keinen handschriftlichen Text von Jesus und doch trägt er irgendwie die „Handschrift“ Jesu. In diesem kurzen Textabschnitt sind sein Leben, sein Auftrag zusammengefasst und sein Wille ist ausdrücklich vermerkt: Heiliger Vater, bewahre sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast, damit sie eins sind wie wir. Das ist der Wille, der letzte Wille von Jesus.

Obwohl es bei diesem Testament Jesu nicht um die Verteilung materieller Güter geht und sozusagen auch nichts zu „holen ist“, gibt es bis heute Streit um diesen letzten Willen Jesu, der ein Auftrag ist: „Damit sie eins sind“

Was ist diese Einheit, von der Jesus spricht? Vielleicht sollte man besser sagen und fragen: Welche Art von Einheit meint er denn? Ist Einheit für ihn Gleichheit ohne jegliche Ausnahme und Unterschied? Oder gibt es und braucht es in dieser Einheit auch Vielfalt? Wieviel Vielfalt verträgt Einheit?

Um diese Einheit wurde und wird nicht nur gerungen, sondern auch erbittert gestritten. Und als ob Jesus das irgendwie schon geahnt hätte, macht er gar nicht den Versuch, seinen letzten Willen juristisch wasserdicht zu formulieren, sondern er kleidet seine Worte und seinen Willen in ein Gebet.

Vielleicht ist in dieser Art und Weise des Gebetes sein letzter Wille bereits wesenhaft und wesentlich enthalten, nämlich dass diese Einheit nicht nur mit weltlichen Maßstäben durch Gesetze, Normen und Regeln erreicht wird, sondern mit der Veränderung eines Blickwinkels zu tun hat.

Am Donnerstag haben wir Christi Himmelfahrt gefeiert. Die Veränderung des Blickwinkels, könnte die Himmelsperspektive sein, dass wir sozusagen versuchen, von oben drauf zu schauen. Vieles, was wir in der Kirche haben, ist nicht einfach vom Himmel gefallen, sondern hat eine geschichtliche Entwicklung, die von konkreten Ereignissen und vom Wissenstand der Menschen zur jeweiligen Zeit geleitet und beeinflusst ist. So sei an dieser Stelle erwähnt, dass der Zölibat eingeführt wurde, um Erbschaftsstreitigkeiten um das Kirchengut zu vermeiden. Es gab also nicht nur spirituelle Gründe.

Jesus spricht in seinen Gedanken vom Ableben und der Zeit danach auch immer wieder von dem Geist, den Beistand, den er senden wird. Dieser Geist ist nicht eine Art „Zauberer“, ein geheimnisvoller Geist aus der Flasche, der alles irgendwie hinbiegt und hinkriegt, so dass es mehr oder weniger recht ist und recht wird, sondern für mich ist dieser Geist eine Atmosphäre. Eine Atmosphäre sieht man nicht, aber man spürt sie. Wir kennen das aus unserem Alltag. Es gibt eine Atmosphäre, da muss nicht viel gesagt werden, aber es läuft und es gelingt einfach. Wir kennen aber auch Atmosphären, von denen ich haargenau weiß: Ein Wort noch und dann fliegt mir alles um die Ohren. Diese Atmosphäre hat auch mit Augenhöhe und mit Augenmaß zu tun, so dass Menschen auch mitkönnen.

In der Lesung aus der Apostelgeschichte haben wir ein konkretes Beispiel einer Atmosphäre gehört, in der etwas gelingen kann. Die Nachfolge des Judas wird durch eine Wahl entschieden. Es war keine Kampfabstimmung bei der es einen Sieger und einen Besiegten gibt, auch wenn man das auf den ersten Blick auch so sehen könnte. Es wird nicht einfach abgestimmt, sondern es wird gewählt nach bestem Wissen und Gewissen.

In den Auseinandersetzungen um die Einheit derer, die das Erbe Jesu nicht einfach verwalten, sondern weitertragen, ist immer wieder zu hören, dass Kirche doch keine Demokratie ist. Das stimmt auch. Die Kirche ist keine Demokratie, aber es gibt in ihr demokratische Elemente. Es gab und gibt in der Gemeinschaft der Kirche auch immer Wahlen, die nach bestem Wissen und Gewissen durchgeführt werden und deren Entscheidungen auch von der jeweiligen Zeit abhängen und dem Wissenstand der Menschen.

In unserem Land hat sich Kirche im synodalen Weg im Ringen um die Einheit auf den Weg gemacht. Dieser synodale Weg ist nicht unumstritten. Kritiker sprechen von einem deutschen Sonderweg, den es nicht geben kann, weil es ihn nicht geben darf, um der Einheit Willen. Dabei fallen immer die gleichen Worte, die sie aus den Medien vielleicht auch kennen: Wir können nicht hinter den Willen Jesu zurück. Dazu sind wir nicht ermächtigt…

Der Wille Jesu. Was ist der Wille Jesu? Er ist klar definiert und lässt doch Raum: Ich möchte, dass sie eins sind, nicht gleich!

Vielleicht kann man den Kritikern auch einmal entgegenhalten, dass unser Land nicht nur einschlägige Erfahrungen der Trennung mit der Reformation gemacht hat, sondern dass unser Land mit der Widervereinigung der beiden deutschen Staaten auch einschlägige Erfahrungen mit Einheit vorweisen kann. Ich weiß, das sind ganz unterschiedliche Ebenen. Ich möchte sie auch nicht miteinander vergleichen. Ich weiß, dass bei der Wiedervereinigung nicht alles Gold ist, was glänzt. Ich weiß aber auch, dass diese Einheit nur Wirklichkeit werden konnte, weil es Menschen gegeben hat, die an die Einheit geglaubt haben und diese Hoffnung nicht nach ein paar Jahren zu den Akten gelegt haben, weil es halt so ist und man da nichts mehr machen kann. Für sie war der Tag der Deutschen Einheit am 17. Juni nicht bloß ein arbeitsfreier Tag, sondern sie haben Chancen genutzt und zu einer Atmosphäre beigetragen, so dass es gelingen konnte.

Damit sie eins sind. Das ist das Testament, der letzte Wille Jesu. Er hat diesen Willen geäußert, damit er auch Wirklichkeit werden soll und Wirklichkeit werden kann. Einheit ist nicht Gleichheit und Einheit hat zu verschiedenen Zeiten auch verschiedene Gesichter nach bestem Wissen und Gewissen.

So möchte ich schließen mit Gedanken vom Schweizer Pfarrer Kurt Marti als Ansporn im Bemühen um die Einheit und auf dem Weg zur Einheit.

Wo kämen wir denn hin,
wenn alle sagten, wo kämen wir denn hin,
und keiner ging um einmal zu schauen,
wohin man käme, wenn man ging.

 

Christi Himmelfahrt 2021

                                                                                    Les: Apg 1,1-11
                                                                                      Ev: Mk 16,15-20

Liebe Schwestern und Brüder!

Ein junger Mann ist gestorben, viel zu früh, mit 27 Jahren etwa. Seine Freunde sitzen in seiner Wohnung, sie verbringen eine ganze Nacht miteinander, immer wieder wird gesprochen, nachgedacht, philosophiert über den verstorbenen Freund, über sein Leben und das Leben an sich, über das, was das Leben ausmacht. Das ist der Inhalt eines Kurzfilms, den man zurzeit in der Mediathek von ARTE sehen kann.

Einer der Freunde dieses Verstorbenen spricht von seinem Glauben, er spricht von Gott, sehr klar, abgrenzend, fast könnte man sagen: fundamentalistisch. Das bleibt nicht ohne Widerspruch, und der hört sich so an: „Ich bin ohne Anleitung zur Welt gekommen. Und ich komme klar, ich lebe. Wenn es nach diesem hier noch ein Leben gibt, warum muss ich mich dann sorgen, um mich darauf vorzubereiten? Wenn ich lüge, ist mir das bewusst. Wenn ich stehle, fühle ich mich schuldig. Ich brauche kein höheres Wesen, um mir das klar zu machen. Das liegt in meiner Natur. Sonst weiß ich nichts. Ob es ein Paradies oder ein Leben nach dem Tod gibt – ich komme schon klar. Alles zu seiner Zeit.

Soweit diese Worte von einem der Freunde. Natürlich ließe sich manches dazu sagen, und es reizt mich sehr, diese Sätze zu analysieren, ob sich da nicht manch ein Widerspruch entdecken lässt, ob da nicht das Leben an sich oder der Mensch viel zu kurz betrachtet werden. Und es reizt mich diesem Freund zu sagen: „Wenn Du dein Leben so annehmen kannst, dann bist Du doch viel näher dran an dem, den wir Gott nennen, viel näher, als Du selbst es Dir eingestehst.“ Viel wichtiger aber ist mir die Erkenntnis: diese Sätze sind für viele unserer Zeitgenossen ganz plausibel, ja so denkt man, man kommt mit dem Leben einigermaßen zurecht, man braucht nicht mehr, man braucht kein höheres Wesen, und falls es doch so etwas geben sollte oder ein Leben nach dem Tod, na umso besser. Aber Genaues wissen wir darüber ohnehin nicht zu sagen. Ich bin überzeugt, so denken sehr viele Menschen heute, und wir sollten dabei nicht nur an die irgendwo außerhalb der Kirche denken, nein, so denken auch viele Christen: Nichts Genaues weiß man nicht, also was soll alle Spekulation? Und das Entscheidende ist ja schließlich, dass ich mit meiner Einschätzung leben kann, dass ich klarkomme. Mit einem Himmel, mit irgendeiner Vorstellung davon, können viele nichts mehr anfangen, obwohl das etwas sehr Zentrales im Christentum ist.

Wir feiern heute Christi Himmelfahrt, und wenn wir allein schon die deutsche Bezeichnung dieses Festes nehmen, dann kommen wir am Himmel nicht vorbei: Himmelfahrt Christi. Es muss ihn geben, den Himmel, sonst hat dieses Fest keinen Sinn. Und Himmelfahrt Christi macht deutlich, dorthin ist Christus gegangen, es ist sein Ort, er macht letztlich den Himmel aus.

Am Beginn der Apostelgeschichte fasst der Evangelist Lukas noch einmal kurz zusammen wer das ist, dieser Christus, es ist Jesus, der Mensch, der mit den anderen gelebt hat, gelehrt hat, der gelitten hat, aber der sich nach seinem Tod als der Auferstandene gezeigt hat, als der Lebendige, der mit ihnen gegessen und getrunken hat, der ihnen Weisung gegeben hat, und der ihnen seinen Geist versprochen hat, den Beistand. Was Menschen mit Jesus erfahren haben, was sie fasziniert hat, das lässt sich mit wenigen Worten zusammenfassen: Sie haben jemanden erfahren, der einfach nur gut tut. Und wenn wir Christus sagen, dann heißt das auch, dieser endgültig gewordene Jesus; er ist der Gesalbte Gottes, der Messias; Himmel ist die endgültige Begegnung mit diesem Menschen, der einfach nur gut tut.

Himmelfahrt Christi, sollte uns der Himmel nicht doch etwas mehr interessieren, verändert es nicht alles, wenn tatsächlich so etwas Großes und Gutes auf uns wartet, wenn das Beste immer noch aussteht. Entkrampft es nicht unser Leben, wenn ich weiß, dass ich gar nicht alles in diese 70, 80 Jahre hineinpressen muss; Und schließlich, ist es nicht doch die große und versöhnliche Hoffnung für all das, was mir in diesem Leben versagt bleibt, für all das, was mir in diesem Leben nicht gelingt, für all das, was ich nicht leisten und nicht gut machen kann, wo ich immer wieder meine begrenzten Möglichkeiten erfahre, all das auch, was mich überfordert.

 Wenn es nach diesem hier noch ein Leben gibt, warum muss ich mich dann sorgen, um mich darauf vorzubereiten?

Wir könnten antworten: Wie schade, wie kurzsichtig, wie voreingenommen, auf diese große Hoffnung zu verzichten, sich dieses Stück Mehr vom Leben selbst zu versagen. Aber vielleicht ist diese Einstellung ja auch ein Stück Reaktion darauf, wie wir christlich und kirchlich oft vom Himmel gesprochen haben. Hat das Freude ausgelöst, Hoffnung, oder ist da nicht auch Angst mit verbreitet worden, Schrecken. War es Trost wirklicher und ehrlicher Trost oder war es manchmal eine, vielleicht billige, Vertröstung.

Ich jedenfalls möchte von meiner Freude auf den Himmel sprechen, von der Freude auf jemanden, der einfach nur gut tut, und der Gott selber ist, ich möchte fest daran glauben und davon sprechen, dafür hat er mir seinen Geist gegeben.

Ein paar kurze Sätze von Ulrike Altherr können mir das Geheimnis und die Bedeutung der Himmelfahrt Christi nahebringen.
Sie schreibt:

Jesus, gekommen vom Himmel,
hast du den Himmel auf die Erde gebracht.
Himmelfahrt zeigt, deine Wurzeln sind im Himmel.
Du wächst von oben nach unten.
Dank dir sind wir auch schon oben verwurzelt.

 

Ewige Profess P. Wolfgang, 03.05.21                                            L: Phil 2,6-11

                                                                                               Ev: Joh 3,13-17

 

Lieber P. Wolfgang, liebe Verwandte von P. Wolfgang,
liebe Mitbrüder, liebe Schwestern und Brüder!

„Was sind das für Menschen, die ins Kloster gehen? Was sind das für Menschen, die in einem Kloster leben?“ Diese oder so ähnliche Fragen treiben die Menschen jenseits der Klostermauern um. Manchmal werden uns diese Fragen direkt gestellt, mehr oder weniger charmant. Sie werden gestellt, um eben herauszufinden, was das für Menschen sind bzw. was wir für Menschen sind.

Wer und was sich hinter dem P. Wolfgang aus dem Kloster Scheyern verbirgt, das haben die Medien vor etwa einem Jahr einer relativ breiten Öffentlichkeit vorgestellt, als Du, lieber P. Wolfgang, in der Ilmtalklinik ausgeholfen hast. „Vom Habit in den Klinikanzug“, konnte man in verschiedenen Zeitungen lesen, nicht nur in unserer Region. Es hat die Menschen interessiert. Es hat Beachtung und auch Anerkennung gefunden.

Es gibt aber noch etwas, was für Dich charakteristisch ist, um das aber nur relativ wenige Menschen wissen: Du bist ein Läufer! Mit dem Laufen hältst Du Dich fit. Mit dem Laufen tust Du etwas für Deine Gesundheit. Laufen ist ein Stück Leidenschaft von Dir. Wir, Deine Mitbrüder, bewundern Deine Kondition. Marathon! Das hört sich nach viel und vor allem nach „weit“ an! Auch wenn wir da wohl alle mit Dir nicht mithalten könnten, so sind wir mit Dir doch unterwegs. Wir sind gemeinsam unterwegs, nicht bei einem gemütlichen Spaziergang, sondern bei einem Lauf, bei einem richtigen Lauf.

 „Lauft, solange ihr das Licht des Lebens habt“ So wendet sich der heilige Benedikt im Prolog seiner Regel an Menschen, die nicht nur wissen wollen, was das für Menschen im Kloster sind, sondern an die Menschen, die für ihr Leben so einen Schritt in Erwägung ziehen: „Lauft, solange ihr das Licht des Lebens habt, damit die Schatten des Todes euch nicht überwältigen. Und der Herr sucht in der Volksmenge, der er dies zuruft, einen Arbeiter für sich und sagt wieder: Wer ist der Mensch, der das Leben liebt und gute Tage zu sehen wünscht? Wenn du das hörst und antwortest: Ich, dann sagt Gott zu dir: Willst du wahres und unvergängliches Leben, bewahre deine Zunge vor Bösem und deine Lippen vor falscher Rede: Meide das Böse und tu das Gute; suche Frieden und jage ihm nach.“ Jage ihm nach!

Jeder Mensch darf aus seinem Leben etwas machen und jeder Mensch muss aus seinem Leben auch etwas machen. Das Leben verlangt Menschen schon etwas ab. Außerhalb und innerhalb von Klostermauern. Was aus dem Leben eines Menschen dann wird oder geworden ist, das nennen wir sicher nicht ohne Grund den „Lebens-Lauf“. Denn auch für das Leben braucht man Ausdauer und Kondition, weil das Leben kein Spaziergang ist, sondern eben ein Lauf, bei dem man schon auch mal einen Spurt hinlegen muss. Das weiß auch der Heilige Benedikt: „Meide das Böse und tu das Gute; suche Frieden und jage ihm nach.“ Jage ihm nach!

Gerade haben wir in der Lesung aus dem Philipperbrief einen Abschnitt aus einem Lebenslauf gehört, aus einem besonderen Lebenslauf, auch wenn er etwas anders klingt. Es ist ein Teil des Lebenslaufs Jesu und er hört sich nicht besonders glorreich und erfolgreich an: Christus war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz.

Ein Lebenslauf kennt auch Grenzsituationen, er kennt Mühe und Erfolglosigkeit, ja auch Scheitern, auch der von Jesus. Das wird wohl niemandem erspart bleiben, dem einen mehr, dem anderen weniger. Das Geheimnis des Lebens aber ist: Lauft, lauft solange ihr das Licht des Lebens habt. Die Frage, die sich dabei immer wieder einstellt, lautet: Wohin?

Loriot hat diese Frage nach dem „Wohin“ aus einem Sketch von Wilhelm Bendow und Franz-Otto Krieger in seinem Zeichentrickfilm von der Rennbahn aufgenommen und damit erst so richtig bekannt gemacht: „Wo laufen sie denn, wo laufen sie denn hin?“ Mit seinem hintergründigen Humor – naja so ein Pferd ist ja auch nur ein Mensch – hinterfragt Loriot so manchen Lebenslauf: Wo laufen sie denn? Wo laufen sie denn hin, die Menschen?

Aus einem Lauf kann auch ein Davonlaufen werden: In einem Osterlied, das Du sehr gerne magst, werden wir heute noch hören bzw. beten: „Weit war der Weg. Wir flohen fort vom Kreuz. Doch du, Verlorener, führtest uns bereits. Brennt nicht in uns ein Feuer, wenn du sprichst? Zeige dich, wenn du nun das Brot uns brichst.“ Auch wenn es zu einem Happy End kam, aber die Jünger sind davongelaufen vor dem Kreuz.

Lieber P. Wolfgang, Du bist in unser Kloster eingetreten und Du bindest Dich heute an unsere Gemeinschaft, für die das Kreuz und die Geschichte vom Kreuz ein Teil des Namens sind. „Benediktinerabtei zum Heiligen Kreuz“. So sind an diesem Ort die verschiedenen Motivationen und Varianten des Laufens immer gegenwärtig. Scheyern und unser Kloster sind nicht einfach nur Ausflugsziele, sondern auch Zufluchtsorte in ganz verschiedenen Anliegen.

Wenn es gestern beim Kreuztag, bedingt durch Corona, ein wenig anders war, so laufen Menschen auch immer wieder zu Fuß nach Scheyern und tragen so manches „Sorgenpackerl“ hier her und so manche Frage mit sich herum. Vielleicht auch die nach dem: Wohin? Wo laufe ich denn hin? Wo will ich eigentlich hin?

Für Dich ist dieser Ort in den Jahren Deines Hierseins zum „Dahoam“ geworden, auch wenn Dir die bayerische Sprache und die bayerische Lebensart immer wieder mal Rätsel aufgeben. Du bist hier auch zu einem geschätzten Ansprechpartner geworden.

„Was sind das für Menschen, die ins Kloster gehen? Was sind das für Menschen, die in einem Kloster leben?“

Ich möchte es so sagen. Es sind Menschen, die ganz verschiedene Lebensläufe haben, die aber eine Sehnsucht verbindet, nämlich die nach Leben: „Wer ist der Mensch, der das Leben liebt und gute Tage zu sehen wünscht?“  Deshalb: „Lauf, lauft, solange ihr das Licht des Lebens habt.“

Lieber P. Wolfgang, Du hast den Antrag der Zulassung zur ewigen Profess gestellt. Wir haben Deinem Wunsch entsprochen und nehmen Dich heute in unsere Gemeinschaft auf. Wir nehmen Dich heute in unsere Mannschaft auf. Mit Dir sind wir genau. Die „Elf“, das sind im Fußball die, die nicht nur laufen, sondern die rennen. Wir, die „Elf“ von Scheyern, rennen aber nicht einem Ball hinterher, sondern wir jagen dem Frieden nach und wollen so am Ball bleiben.

Wir freuen uns über Deinen Entschluss. Die Freude des heutigen Tages soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir zurzeit niemanden sozusagen auf der Reservebank haben, der einmal mit uns laufen will. Das ist eine Realität die wir anerkennen müssen, die uns aber nicht mutlos machen soll, die uns anspornen soll, einen Lauf oder einen Spurt hinzulegen, der anziehend wirkt. 

Das Zeichen des Kreuzes ist nicht nur Teil unseres Namens, sondern auch Teil unseres Lebenslaufes. Es will uns sagen: So sehr hat Gott die Welt geliebt. So sehr hat Gott uns geliebt. So sehr hat Gott jeden einzelnen geliebt. Oder wie es P. Alfred Delp ausdrückt. Lasst uns dem Leben trauen, weil Gott es mit uns lebt!

Lieber P. Wolfgang, komm, lauf mit uns!

 

  1. Ostersonntag, Kreuztag, 02.05.21 (Abendmesse)
                                                                                            L: 1 Joha3,18-24

                                                                                               Ev: Joh 15,1-8

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Wo bleiben Sie denn? Wo bleibt Ihr denn? In dieser Frage steckte immer irgendwie der leise Vorwurf, dass auf jemanden gewartet wurde und er womöglich reichlich knapp oder gar zu spät zu einem vereinbarten Treffpunkt gekommen ist.

Wo bleiben Sie denn? Wo bleibt Ihr denn? Seit ungefähr einem Jahr wird diese Frage ein wenig anders gestellt und eine erhoffte Antwort auch gleich mitgeliefert: Daheim, hoffentlich bleibt ihr daheim! Durch die Umstände, die uns nun seit etwas mehr als einem Jahr beschäftigen oder in Atem halten, wurden und werden Menschen aufgefordert, daheim zu bleiben. Durch gesetzliche Verfügungen wurde das nicht nur verordnet, sondern auch erzwungen.

In den sozialen Medien, aber auch in Zeitungsanzeigen, waren Angehörige aus den sog. Pflegeberufen abgebildet und folgende Botschaft wurde übermittelt: „Wir arbeiten für Sie, bitte bleiben Sie daheim“.

Wo bleiben Sie denn? Wo bleibt Ihr denn? Daheim! Mit dem Daheimbleiben oder Daheimsein, war und ist es aber nicht getan, sondern manche Probleme haben dann erst so richtig begonnen, wenn nämlich gar nicht so recht klar war, wo Menschen zuhause sind. Das betrifft nicht nur Obdachlose. Daheim, damit ist nicht nur die Adresse oder das Dach über dem Kopf gemeint, sondern mit daheim ist auch der Lebensinhalt und auch der Lebenssinn gemeint. Wo bin ich denn daheim? Was ist mein Lebensinhalt, mein Lebenssinn?

Wo bleiben Sie denn? Wo bleibt Ihr denn? Wo sind Menschen geblieben, wenn sie zuhause geblieben sind? Was ist aus ihnen geworden? Viel Isolation und Einsamkeit war der Preis für dieses Daheimbleiben und wer damit keine Kontakte mehr pflegen konnte, war arm und ist arm dran.

Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben, wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht. So haben wir es heute im Evangelium aus dem Munde Jesu gehört. Es ist eine Frage und zugleich ein Angebot bei diesem Jesus zu sein, bei ihm zu bleiben, Kontakt zu haben und zu halten, weil es um den Lebensinhalt und den Lebenssinn geht. Frucht sollen wir bringen, damit wir von dieser Frucht auch leben können, nicht nur weil wir davon runterbeißen und gut leben können, sondern weil das Leben nicht fruchtlos bzw. sinnlos ist.

Frucht bringen und Frucht sein. Das ist ein Auftrag, der in der Lesung aus dem 1. Johannesbrief so zusammengefasst wurde: Wir wollen nicht mit Wort und Zunge lieben, sondern in Tat und Wahrheit. Liebe ist nicht nur ein angenehmes und schönes Gefühl, sondern Liebe ist das Erkennen und das Wahrnehmen von gegenseitiger Verantwortung. Deshalb haben Pflegekräfte dafür geworben: „Wir arbeiten für Sie, bleiben Sie daheim“.

Liebe Schwestern und Brüder, wo sind manche Menschen geblieben, weil sie daheim geblieben sind oder daheimbleiben mussten? Diese Frage treibt mich immer wieder um. Was ist aus manchen Menschen geworden? Manchmal habe ich dann einfach zum Telefonhörer gegriffen und habe angerufen und gefragt und geredet. Die Reaktion auf diese Anrufe hat mich nicht nur gefreut, sondern auch bewegt: „Mei is des schee, dass Sie mich angerufen haben“. Mir ist bewusst, dass es noch viele Menschen gegeben hätte und immer noch gibt, die vielleicht auch auf so einen Anruf gewartet hätten. Ich teile mit Ihnen heute Abend dieses Anliegen, vielleicht greifen sie heute oder die nächsten Tage zum Telefonhörer und rufen jemanden an, von dem sie schon lange nichts mehr gehört haben, oder den sie schon lange nicht mehr gesehen haben.

Bleibt in mir heißt auch, bleiben wir aneinander dran:

Gott wir gehören zusammen.
Wir bilden eine Gemeinschaft,
wir sollen füreinander da sein.

Gemeinschaft aber kann nur gelingen,
wenn wir gut zueinander sind,
wenn wir ein Herz füreinander haben,
wenn wir mit den Schwächen und Fehlern des anderen barmherzig sind.

 Gott lass uns barmherzig miteinander umgehen.
Gib uns deine Barmherzigkeit.
Wir sind alle darauf angewiesen. 

 

Erste Maiandacht, 01.05.21                                                                         L: Joh 2,1-11

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Vielleicht kennen Sie das auch, dass Sie beiläufig etwas lesen oder hören und plötzlich werden ganz viele Gedanken und auch Erinnerungen wieder wach. So ist es mir letzten Sommer in einem Wartezimmer ergangen, als ich eine schon ältere Zeitschrift durchgeblättert habe und die Meldung entdeckte, dass „Pan Tau“ neu verfilmt wurde bzw. neu verfilmt wird.

Pan Tau, eine moderne Märchenfigur aus der gleichnamigen Fernsehsendung. Der ältere freundliche und gütige Herr im Stresemann Anzug, mit Regenschirm und einer weißen Nelke im Knopfloch und seiner charakteristischen schwarzen Melone auf dem Kopf. Gesagt hat er nichts, sondern er kommunizierte nur mit Gesten. Aber das faszinierende an diesem Pan Tau war, dass er mit dieser Melone zaubern konnte und damit Menschen, vor allem Kinder in misslichen Situationen geholfen hat. Der Erfolg solcher Serien lag und liegt darin, dass nicht nur Kindheitsträume, sondern wohl Menschheitsträume wenigstens im Film Wirklichkeit werden,  nämlich dass es irgendwo irgendjemanden gibt, der Menschen in schwierigen und ungeschicklichen Situationen helfen kann.

Zaubern, ja zaubern, das würden nicht nur Kinder gerne können, sondern wohl viele Erwachsene auch. Gerade jetzt in dieser Zeit würden wir gerne mit einem mehr oder weniger typischen Handgriff all das aus der Welt schaffen, also wegzaubern, was uns gerade so einschränkt und auch belastet.

Die Realität belehrt uns aber eines Besseren. Es ist und bleibt eine Wunschvorstellung. Es ist halt nicht so einfach. In die Nähe des faulen Zaubers rückt, wer etwas anderes sagt oder behauptet.

Gerade haben wir aus dem Johannesevangelium den Abschnitt vom Geschehen bei der Hochzeit in Kana gehört, bei der Jesus sein erstes Zeichen tut, nämlich Wasser in Wein verwandelt. In der Sprache unseres Glaubens nennen wir es Wunder. Für andere ist und bleibt es dagegen so etwas wie ein fauler Zauber. Jesus zaubert nicht, sondern Jesus wirkt Zeichen; Zeichen, die wir Wunder nennen, weil wir sie uns nicht restlos erklären können.

Jesus ist sich der „Gefahr“ seiner Zeichen durchaus bewusst. Vielleicht kommt auch daher die harsche Antwort, die er seiner Mutter Maria auf ihren Hinweis, der Wein ist aus gibt: Was willst du von mir Frau?

Jesus kennt uns Menschen ziemlich gut. Es gibt in uns nicht nur eine Sehnsucht nach dem Heil, sondern auch eine Sehnsucht nach dem Mehr, nach einem immer Mehr, vor allem dann, wenn sich scheinbar alles mühelos und im Handumdrehen vermehren lässt. Nach dem Zeichen der Brotvermehrung wenige Kapitel später im Johannesevangelium heißt es.  Da erkannte Jesus, dass sie kommen würden, um ihn in ihre Gewalt zu bringen und zum König zu machen.  

Das scheinbar mühelose Vermehren auf welcher Ebene und in welchem Bereich auch immer, das ist fauler Zauber, dem Menschen durchaus auch erliegen können und oft einen hohen Preis dafür zahlen müssen. Von der Enttäuschung ganz abgesehen.

Dass aber in Manchem noch mehr drinsteckt, als wir auf den ersten Blick erkennen und wahrhaben wollen, das ist eine Hoffnung, die Zeichen setzt und die Zeichen wirkt, weil sie Menschen verändern und auch verwandeln kann. Auf diese Art und Weise wirkt Maria an dem Zeichen, an dem Wunder mit, in dem sie die Menschen ermuntert, Alltägliches vielleicht sogar Banales zu tun, auch wenn ihnen nicht danach ist: Was er euch sagt, das tut.

Aus Krügen wird nichts herauskommen, wenn nichts drin ist. Auch Jesus wusste das und lässt die Krüge mit Wasser füllen.

Von nichts kommt nichts, das gilt auch für Zeichen und Wunder und weit darüber hinaus.

Katja Ebstein formuliert es in einem Lied so:
Viele Menschen fragen:
Was ist schuld daran?
Warum kommt das Glück nicht zu mir?
Fangen mit dem Leben viel zu wenig an.
Dabei steht das Glück schon vor der Tür.

 Wunder gibt es immer wieder,
heute oder morgen können sie geschehn.
Wunder gibt es immer wieder.
Wenn sie dir begegnen,
musst du sie auch sehn.

Lieber Schwestern und Brüder, das Fest Patrona Bavariae wurde eingeführt, weil Menschen in Not und Gefahr ein Zeichen der Hoffnung gesucht haben. Heute feiern wir dieses Fest in einer Situation der Not, aber vor allem in einer Atmosphäre der Ratlosigkeit. Unsere hochtechnisierte und hochentwickelte Welt muss erkennen, dass auch wir nur mit „mit Wasser kochen“.

Das Geschehen bei der Hochzeit von Kana, von dem wir heute gehört haben, lädt uns ein und fordert uns auf, vielleicht so manches in unserem Leben zu überdenken und Dinge in den Blick zu nehmen, die wir aus den Augen verloren haben: Wunder gibt es immer wieder, wenn sie dir begegnen, musst du sie auch sehn.

Bei der eingangs erwähnten Fernsehserie von Pan Tau war es auch ein Wesenszug dieser modernen Märchenfigur, dass sie nicht von allen gesehen wurde, sondern meistens nur von Kindern und Hilfsbedürftigen.

Liebe Schwestern und Brüder, Maria lädt ein nicht gleich zu sagen, das bringt doch ohnehin nichts, das hat doch keinen Zweck, sondern darauf zu vertrauen, dass es in jeder Situation auch einen Weg, vielleicht einen Ausweg gibt, auch wenn er nicht auf den ersten Blick sichtbar ist.

Wir müssen nichts Außergewöhnliches tun, sondern das Gewöhnliche außergewöhnlich gut.

Füllt die Krüge mit Wasser, nur so hatte auch der Wein eine Chance.

    4. Sonntag der Osterzeit, 25.04.21

                                                                      L: 1 Joh 3,1-2
                                                                     Ev: Joh 10,11-18

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Vielleicht kommt Ihnen auch manchmal die Frage in den Sinn: Wie ist das früher bloß alles ohne Computer gegangen? Wobei dieses „früher“ in meinem Empfinden noch gar nicht so lange zurückliegt. Inzwischen ist der Computer aus dem Leben der Menschen und auch der Mönche nicht mehr wegzudenken. Nicht nur das Schreiben von Texten aller Art oder das Versenden von Emails, sondern auch die Verwendung von Suchmaschinen, in die man Begriffe, Namen oder Orte eingibt und in Sekundenschnelle oder sogar Bruchteilen davon die gewünschten Informationen und Daten erhält. Genauso googelt man eine Fahrtroute oder eine Zugverbindung und braucht weder Landkarte noch Kursbuch. Und auch impfen geht nicht mehr „ohne“.

Manchmal mache ich mir den „Spaß“ und google meinen eigenen Namen, Abt Markus, um zu schauen, was im Netz so alles über mich zu finden ist. Vieles davon kenne ich bereits, anderes dagegen ist mir auch neu: Firmung hier, Gottesdienst da, Erwähnung in Zeitungsartikeln usw.

Ich tue das, auch um herauszubekommen, woher und welche Informationen Menschen über mich bekommen, denn manchmal staune ich schon, was Menschen so alles über mich wissen oder zu wissen glauben. „Das haben wir aus dem Internet“, diesen Satz höre ich immer mal wieder.

Menschen sammeln Informationen und erwerben sich dadurch mitunter auch ein großes Wissen. Dieses Wissen, das sich Menschen aneignen, ist nicht nur ein Schatz, sondern es ist auch eine Form von Macht, die man auf verschiedene Art und Weise gebrauchen oder auch ausnutzen kann. Der sog. Datenschutz versucht einem solchen Missbrauch zu begegnen, mit mehr oder weniger Erfolg.

Ich bin der gute Hirt; ich kenne die meinen und die meinen kennen mich, so haben wir heute im Evangelium gehört. Vor dem Hintergrund dessen, was ich gerade gesagt habe, könnte man meinen, dass mit diesem Kennen auch ein großes Wissen in Form von gesammelten Daten und Informationen gemeint ist. Aber kennt man einen Menschen wirklich, wenn man möglichst viel über ihn weiß?

Ich bin der gute Hirt; ich kenne die meinen und die meinen kennen mich. In diesem Bild vom guten Hirten, das Jesus hier verwendet und gewiss auch gerne verwendet, geht es ihm nicht um ein großes Wissen, sondern es geht ihm um Beziehung. Es geht um eine Weggemeinschaft und um eine Schicksalsgemeinschaft. Zu dieser Gemeinschaft gehört gewiss auch dazu, dass man von und über den anderen „etwas weiß“, aber das, was man über den anderen und voneinander weiß, sind nicht bloße Informationen, die man speichert, die einen sonst  aber „kalt“ lassen, sondern diese Informationen betreffen Menschen und rühren Menschen an.

Vielleicht fasst es ein Satz, den wir als Klostergemeinschaft in den letzten Tagen in unserer Tischlektüre immer wieder gehört haben, besser so zusammen: Jemanden lieben heißt, wissen, wo es ihm wehtut.

Jemanden lieben heißt, wissen, wo es ihm wehtut. Dieses Wissen um die Schwachstellen und wunden Punkte eines Menschen beinhaltet die Verantwortung, mit diesem Wissen sehr sensibel umzugehen, es nicht auszunutzen, sich dieses Schmerzhafte in gewisser Weise zu eigen zu machen und miteinander einen guten Weg zu gehen.

Ich bin der gute Hirt; ich kenne die meinen und die meinen kennen mich. Der vierte Sonntag der Osterzeit, an dem dieses Evangelium immer gelesen wird, heißt von daher der „Guten Hirten Sonntag“ und ist auch der Weltgebetstag um geistliche Berufe, weil der gute Hirte eine Art „Berufsprofil“ darstellt. In den Fürbitten werden wir darum beten, dass sich Menschen für die Sache Jesu in den Dienst nehmen lassen und mit Menschen einen guten Weg gehen.

Wir alle wissen oder hören immer wieder davon, dass dies ein sehr dringliches Anliegen ist, weil das Interesse an diesem Beruf, nicht nur bei Priestern und Ordensleuten, sondern bei allen kirchlichen Berufen immer mehr zurückgeht.

In den nächsten Jahren werden sehr viele Stellen, die es jetzt noch gibt, einfach nicht mehr besetzt werden können. Der Stellenplan der Erzdiözese versucht dieser Situation auf rechnerische Art und Weise gerecht zu werden, indem man das „vorhandene und verfügbare Personal „rechnerisch gerecht“ über das Bistum verteilt. So wird es in Zukunft viele „halbe Stellen“, also einen „halben Pfarrer“ oder eine „halbe Gemeindereferentin“ für diese und jene Gemeinde geben. Jetzt werden halt keine Gemeinden mehr zusammengelegt, sondern die Stellen geteilt. Was am Ende rauskommt, ist eigentlich das Gleiche: Das gegenseitige Kennen und Kennenlernen werden immer schwieriger.

Ich habe meine großen Zweifel, wie sich das mit diesen „halben Stellen“ verwirklichen lässt. Und ich bin nicht sehr zuversichtlich, dass diese „Rechnung“ und diese Überlegungen aufgehen werden.

Die Lesung aus dem 1. Johannesbrief lässt auch diese Zukunft in folgender Weise offen: Jetzt sind wir Kinder Gottes. Aber was wir sein werden, ist noch nicht offenbar geworden. Es ist noch nicht offenbar geworden, es steht nicht fest, wie sich Kirche gestalten und wie sie aussehen wird und ob sie mit den Überlegungen und Planungen der gegenwärtig Verantwortlichen übereinstimmen wird.

Für mich ist aber klar, die Weitergabe des Glaubens und damit das Zusammenleben der Menschen wird davon abhängen, ob und wen Menschen kennenlernen können und kennenlernen dürfen, ob es ein Mensch ist, also Mann oder Frau, der wie ein guter Hirt die Seinen kennt und von den Seinen gekannt wird. Kennenlernen und mit den Menschen einen Weg gehen, so wie sie sind und nicht in erster Linie wie sie sein sollten.

Ich möchte schließen mit einem Text, der diesen Blick in die Zukunft so zusammenfasst:
Erkannt sein ist etwas anderes als durchschaut sein.
Erkannt sein von dem, den ich kenne
ist Beziehung
ist Liebe
ist göttlich

Jesus kennt mich.
Wie gut kenne ich seine Stimme?
Heute höre ich ganz neu:
Er hat „noch andere Schafe“
Wer sind diese anderen, die nicht unseren Stallgeruch haben?

 Meinte er jene, zu denen wir auf Distanz gehen?

 


                                               L: 1 Joh 2,2,1-5a

                                               Ev: Lk 24,35-48

Liebe Schwestern und Brüder!

Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen. Diesen Spruch werden wohl viele kennen. Manche werden ihn mögen und versuchen auch ein Stück weit danach zu leben, andere werden ihn nicht mögen, weil sie sich dadurch in der Freiheit eingeschränkt oder gar unter Druck gesetzt fühlen, den Tag oder die Zeit zu organisieren, wie sie das möchten.

Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen. Hinter solchen Sprüchen steckt ja meistens eine Lebenserfahrung. Aus Erfahrung wissen wir, dass ein ständiges Aufschieben und Verschieben immer die Gefahr mit sich bringt, dass etwas schließlich im Sand verläuft, nicht zustande kommt und nicht verwirklicht wird.

Natürlich kann mit solchen Sprüchen auch Druck aufgebaut werden, der verhindert, dass genug Zeit zum Überlegen ist, so dass auch etwas ausgereift auf den Weg gebracht werden kann. Die Wahrheit wird, wie bei so vielem, wohl mal wieder in der Mitte liegen.

Unser Pfarramt, aber wahrscheinlich nicht nur das, hat in der gegenwärtigen Zeit eine ganz andere Aufgabe bekommen, nämlich das Verschieben von Terminen, seien es Taufen oder Hochzeiten. Das kostet viel Zeit und auch Nerven. Mancher Hochzeitstermin wird nun schon zum dritten Mal verschoben, weil eben Heiraten so, wie es Menschen sich vorstellen und wollen, nicht möglich ist. Es wird verschoben nach irgendwohin und manchmal auch nach nirgendwo hin. Für manches Brautpaar hat sich der Hochzeitstermin schon erledigt. Ob da der Spruch „Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen.“ geholfen hätte?

Vieles wird gerade immer wieder verschoben, weil es verschoben werden muss. Deshalb mal eine etwas provokante Frage: Kann man Auferstehung auch verschieben? Aber wohin und auf wann? Auferstehung bringen wir meistens in Verbindung mit Sterben und Tod. Dann ist Auferstehung dran, dann ist Auferstehung unsere Hoffnung! Und vorher? Ist Auferstehung nur etwas für das Lebensende und nicht etwas für „Lebzeiten“?

Der Messias wird leiden und am dritten Tag von den Toten auferstehen, und in seinem Namen wird man allen Völkern, angefangen in Jerusalem, verkünden, sie sollen umkehren, damit ihre Sünden vergeben werden.

Mit diesen Worten geht die Begegnung des Auferstandenen mit den Jüngern zu Ende, wie wir es gerade im Evangelium gehört haben. Eigentlich geht es dabei nicht um die Auferstehung der Toten, sondern um die Auferstehung der Lebenden. Es geht um ein anderes Leben nicht nach dem Tod, sondern es geht um ein anderes Leben zu Lebzeiten. Es geht um Bekehrung und Vergebung. Ich weiß, das sind Begriffe, die nicht immer hoch im Kurs stehen und die immer einen negativen Beigeschmack haben. Es lässt sich aber schon die Frage stellen, warum man sich das für einen späteren Zeitpunkt aufheben sollte oder „bis zum Schluss“, Auch hier könnte die Gefahr bestehen, dass es nicht mehr dazu kommt, dass es nicht mehr verwirklicht wird.

Auferstehung hat immer auch etwas mit Verstehen zu tun. Verstehen nicht in dem Sinn, dass wir genau wissen, was da vielleicht biologisch geschieht, sondern Verstehen in dem Sinn, dass ein anderes Leben möglich und vielleicht auch nötig ist. Der Auferstandene hat den Menschen immer versucht zu erklären, damit sie verstehen. Er hat versucht, ihnen den Sinn der Schriften zu erschließen, was das bedeutet für das Leben.

Liebe Schwestern und Brüder, in der gegenwärtigen Zeit, in der aus den Umständen heraus so viel verschoben und aufgeschoben werden muss, kommt dann und wann auch der Gedanke zur Sprache, dass unser Leben nach Corona nicht mehr so sein wird, wie es vorher war, dass sich etwas verändern wird, weil es sich schon verändert hat oder noch verändern muss. Das sind nicht unbedingt schöne Aussichten, aber es gab vor Corona immer mal wieder den Einwand und die Forderung: So kann es auf Dauer nicht weitergehen, weil wir über unsere Verhältnisse leben und es unsere Welt auf Dauer nicht aushalten wird. Um zu dieser Einsicht zu kommen, musste man kein sog. Umweltaktivist sein.

Die Mobilität, auf die wir so stolz sind, die wir auch geschätzt und genossen haben, hatte ein Ausmaß angenommen, das grenzwertig war, sowohl auf den Straßen als auch in der Luft oder sonst wo. Was sich da jeden Tag über unseren Köpfen am Himmel abgespielt hat, auch wenn man es nicht immer gehört oder gesehen hat. Jetzt aber ist der Himmel wieder viel „blauer“.

Inzwischen weiß man, dass nicht nur Güter und Personen unterwegs sind und waren, sondern auch Viren, die sich, auch bedingt durch die Mobilität, in Windeseile über die ganze Welt ausgebreitet haben. 

Auferstehung nicht nur der Toten, sondern auch der Lebenden. Auferstehen und verstehen.

Ich möchte schließen mit Gedanken des Schweizer Pfarrers Kurt Mart, der es in seinen Gedanken so formuliert:

Ihr fragt: Wie ist die Auferstehung der Toten? Ich weiß es nicht.
Ihr fragt: Wann ist die Auferstehung der Toten? Ich weiß es nicht.
Ihr fragt: Gibt’s die Auferstehung der Toten? Ich weiß es nicht.
Ihr fragt: Gibt’s keine Auferstehung der Toten? Ich weiß es nicht.
Ich weiß nur, wonach ihr nicht fragt: Die Auferstehung derer, die leben.
Ich weiß nur, wozu er uns ruft: Zur Auferstehung heute hier und jetzt.

Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen!


                                                                          Ev: Lk 24,13-35

Liebe Schwestern und Brüder!

„Wir aber hatten gehofft,“ das ist für mich zunächst der zentrale Satz des heutigen Evangeliums. Mit diesem Satz sprechen die beiden Jünger aus, was ihnen passiert ist. Nicht das, was alle erleben konnten, nicht, was jeden betraf, sondern ihre ganz persönliche Enttäuschung, ihre Erwartung wird hier ausgesprochen. Wir aber hatten gehofft, dass er Israel erlösen werde. Das ganz Persönliche wird nun aber doch wieder sehr allgemein, es geht um Israel, es geht um die Abschaffung der Besatzungsmacht, es geht um all das Negative, das mit dieser Fremdherrschaft verbunden ist, die Einschränkungen von Rechten, worunter besonders die kleinen Leute zu leiden haben, die ohnehin schon zu den ganz Armen gehören. Das hatten wir erhofft von ihm, so sagen die beiden Jünger. Ich glaube, es fällt uns nicht schwer, in diese Klage einzustimmen. Was hatten wir erhofft, gerade in den letzten Monaten und Wochen? Endlich wieder einmal reisen dürfen, ganz ungezwungen hier in Deutschland oder auch woandershin. Freunde treffen, sich umarmen, ungezwungen beieinander sein, ohne an Masken oder Ausgangsbeschränkungen zu denken, einfach mal wieder gescheit feiern. Wir hatten gehofft, dass endlich wieder etwas Normalität in den Alltag kommt, in der Schule, bei der Arbeit, in der Familie. Gehofft hatten wir, dass alte Menschen nicht vereinsamen müssten in den Altenheimen oder zuhause. Wir hatten gehofft, dass er der sei, der Israel erlösen werde; wir hatten gehofft, dass endlich mal die richtigen Leute das Sagen haben, gefühlt gibt es doch in Deutschland mindestens 40 Millionen, die es besser könnten als Bundeskanzler, als Gesundheitsminister oder als Ministerpräsident. Wir hatten gehofft. Es hat leicht den Anschein, als ob wir vor der Coronakrise die glücklichsten Menschen gewesen wären, zufrieden, dankbar, frei von Sorgen. Aber wenn ich mich recht erinnere, dann war das gar nicht so. Auch vorher gab es große Fragen und Probleme, die uns beschäftigt haben, auch vorher wussten wir schon, dass mit unseren Politikern kein Blumentopf zu gewinnen ist, auch vorher war schon klar, dass die Welt einfach ungerecht ist und dass wir selbst viel Grund zur Klage haben.

Wir hatten gehofft. Und Jesus hört sich alle Klagen an, auch das, was die Jünger über die letzten Tage zu berichten haben, wie man ihren Meister umgebracht hatte, und dann die Aufregung der Frauen, die Engel, und wie diese ganze Verunsicherung ihre Not und Traurigkeit nur noch größer gemacht hatte. Und als alles ausgesprochen ist, raus ist, da spricht Jesus, und das hört sich in der neuen Übersetzung schärfer an, als wir es gewohnt sind: „Ihr Unverständigen, deren Herz zu träge ist, musste nicht der Christus das erleiden und so in seine Herrlichkeit zu gelangen?“ Es gibt offenbar eine Trägheit, eine Trägheit des Herzens, die uns hindert, zu glauben, eine Trägheit des Herzens, die uns am Oberflächlichen stehenbleiben lässt, die nicht tiefer dringen will, die nicht verstehen kann und will. Er legte ihnen dar, was in der gesamten Schrift über ihn geschrieben steht. Und es passiert jetzt etwas, was die Jünger später so beschreiben werden: Brannte nicht unser Herz?! Die Trägheit des Herzens wird aufgebrochen, und es beginnt zu brennen, zu leuchten, jawohl von einem Messias, der Leiden wird, der unverstanden bleibt, an dem alle Anstoß nehmen, der sich nicht wehren kann gegen die Übermacht der dumpfen Gewalt, davon sprechen die Schriften der Bibel; der politische Messias dagegen, der stark daherkommt, und alles mit großer Macht beherrscht, greift zu kurz, er ist eine oberflächliche, eine kindliche Wunschvorstellung. Echte Erlösung geht an das Herz und verwandelt den Menschen von innen her. Sie bricht die Trägheit des Herzens auf, sie lässt die Wirklichkeit anders sehen, anders wahrnehmen. Brannte nicht unser Herz – nicht mehr die Traurigkeit ist vorherrschend, der Blick auf den Boden, der Tunnelblick, der nur noch wahrnimmt, wie schlecht es mir geht, sondern der Blick weitet sich, er wird offen für den anderen und für seine Not: „Bleib doch bei uns, du kannst doch nicht allein weitergehen, in der Dunkelheit, hier bei uns kannst du bleiben.“ Liebe Schwestern und Brüder, immer wenn uns das passiert, wenn wir angerührt werden von einer fremden Not, wenn wir Empathie empfinden, immer dann bricht unsere Trägheit des Herzens auf. Und ganz konkret kann es bedeuten, dass wir gar nicht mehr klagen, sondern uns über unsere Gesundheit dankbar freuen, dass wir Ideen entwickeln, wie man einem einsamen Menschen eine Freude machen kann, ganz konkret kann es bedeuten, dass wir nicht mehr über die da oben schimpfen, sondern plötzlich empfinden, was von denen eigentlich geleistet wird und vielleicht sogar sehr gut geleistet wird. Es gibt eine schlimme Störung bei Menschen. Dass sie nicht fähig sind, wirklich Empathie zu empfinden, wirklich Mitleid zu haben. Und da sie selbst sehr empfindlich reagieren bei jeder Art von Kritik, und da sie viel Aufwand um Äußeres betreiben, oft auch recht attraktiv sind, fällt diese Störung kaum auf, ja man hält sie für sehr empfindsame Menschen, in Wirklichkeit leben sie selbst sehr einsam und können ihren Mitmenschen das Leben schwer machen. Hier geht es wirklich um eine schwere Störung. „Bleib doch bei uns,“ dieser Satz ganz zweckfrei gesprochen und nicht, um den anderen nochmal für sich zu vereinnahmen, zeigt, dass wir lebendige, befreite, erlöste Menschen sind. Und es ist ein Geschenk, dass der Fremde bleibt, und dass für einen Moment diese Jünger schauen dürfen, ja, das ist Jesus, er ist auferstanden, das ist eine andere Wirklichkeit, so ist neues Leben, so wird es einmal sein, und so dürfen wir es immer wieder schon erfahren. Es ist ein Geschenk oder eine Gnade, dass all die trüben Gedanken, die das Herz belasten, die den Menschen auf sich fixieren, all die Verschwörungstheorien, die sich unserem Kopf festgesetzt haben, für einen Moment sich selbst entlarven als unsinnige Konstrukte, die uns das Leben unnötig schwer machen. „Es gehört zu den erstaunlichsten, aber zugleich unwiderleglichsten Erfahrungen, daß das Böse sich – oft in einer überraschend kurzen Frist – als dumm und unzweckmäßig erweist.“, so sagt es Dietrich Bonhoeffer.

Liebe Schwestern und Brüder, lassen wir uns vom Dummen und vom Unzweckmäißgen das Leben nicht nehmen oder schwer machen. Nehmen wir den Fremden mit, der in unser Leben tritt, lassen wir uns seine Gedanken sagen, auch wenn es dabei an die Trägheit unseres Herzens geht, lassen wir uns von ihm das Herz entzünden und brechen wir immer wieder neu auf, wie die Jünger von Emmaus. Der eine von ihnen hieß Kleopas, der andere, das bist du.
Amen.

 

 

Ostern 2021

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Hans Jürgen Buchner, besser bekannt unter dem Namen „Haindling“, hat viele Lieder geschrieben, die einer neuen Art Volksmusik zuzuordnen sind. Eines seiner bekanntesten oder eben eines, das ich halt kenne, ist das Lied vom Karussell. Neulich habe ich es nach langer Zeit mal wieder im Radio gehört. Und wie das bei Liedern so ist, man verbindet damit Erinnerungen und Ereignisse, die aus früheren und „jüngeren“ Zeiten stammen: Als es noch ein Volksfest gab…

Jeder wird so sein Lied haben oder eines kennen.

Beim Karussell von Haindling werden wir über vielleicht sehr Persönliches hinaus noch an etwas ganz anderes erinnert:

Das Leben ist wie ein Karussell. Es dreht sich langsam und es dreht sich schnell. Das Karussellfahrn das ist schön. Es geht los und es bleibt stehn.

Am Anfang hat man recht viel Zeit. Doch irgendwann ist es dann soweit. Dann ist die Fahrt auf einmal aus. Es ist vorbei und du musst raus.

Was Haindling da singt, das gehört auch zu Ostern. Die Botschaft von Haindlings Karussell ist fast auf jeder Osterkerze zu finden. Alpha und Omega, Anfang und Ende. Das gehört zu jedem Leben, das gehört zum Schicksal von uns Menschen: Das Leben ist wie ein Karussell. Es geht los und es bleibt stehn.  Auch dieser Mensch Jesus Christus war nicht davon ausgenommen, auch wenn manche vielleicht damit Schwierigkeiten haben, sein Leben mit einer Karussellfahrt zu vergleichen. Nachdem, was wir in den letzten Tagen vom „Hosanna dem Sohne Davids“ bis hin zum „Kreuzige ihn“ gehört haben, gleicht es doch eher einer Achterbahnfahrt.

Haindling fordert uns Menschen auf, das Leben zu nutzen, etwas daraus zu machen, es auch zu genießen. In dieser Ansicht könnte Jesus sozusagen auch ein Fan von Haindling sein, oder umgekehrt! Denn beiden wussten und wissen es, dass mit dem Leben auch etwas auf dem Spiel steht: Am Ende sagt so mancher. Ja, hätte ich noch gerade. Ja, hätte ich noch gerade.

Ja hätte ich doch! Es gibt auch ein zu spät im Leben: Denn irgendwann, da ist es soweit. Da kommt für jeden dann die Zeit. Das Karussell bleibt stehen und alle, die wir da sind, wir alle miteinander, müssen gehen. So könnte man Fastenzeit, österliche Bußzeit auch einmal beschreiben: Nutze dein Leben, mache etwas draus und genieße auch, denn alle müssen wir einmal gehen.

In unserem Leben kennen wir nicht nur das Auf und Ab, es gibt auch viele Kreisläufe, wo es wieder von vorne losgehen darf und manchmal auch von vorne losgehen muss. Aber es ist nicht die Absicht und das Ziel des Lebens, dass wir uns dabei im Kreis drehen.

Da wo Haindling mit seinem Karussell aufhört, das setzt Ostern ein! Es ist sicher ein spitzfindiges Detail aus dem eben gehörten Evangelium, aber Maria, die beim Grab Jesu steht und weint, wendet sich um, sie wendet sich immer wieder um. Sie dreht sich buchstäblich im Kreis: Sie kann es immer noch nicht glauben. Sie kann es immer noch nicht fassen. Sie kann es nicht verstehen. Sie will es nicht wahrhaben.

Das ist eine Erfahrung, die Menschen immer wieder machen müssen. Vielleicht kennen Sie das auch, dass wir in eine Situation geraten oder dass eine Situation eintritt, in der wir in unserem Denken einfach nicht weiterkommen, weil wir immer um dieselben Gedanken, um dieselben Fragen und Antworten und damit um uns selber kreisen.

Wenn der Tod in das Leben der Menschen tritt, kann das eine solche Situation sein. Vielleicht steckt das hinter dem ständigen Umdrehen und Umwenden, das uns im Evangelium noch nie so aufgefallen ist:

Als sie das gesagt hatte, wandte sie sich um und sah Jesus dastehen.

Jesus sagte zu ihr: Maria, da wandte sie sich um und sagte auf Hebräisch Rabuni.

Wilhelm Wilms (+ 2002), ein Priester und geistlicher Schriftsteller, von ihm stammen einige unserer Lieder im Gotteslob, hat auch einen Text geschrieben, der dieses sich im Kreis drehen mit einer Karussellfahrt verbindet, die nicht mehr so lustig ist, wie die von Haindling.

Gott wir haben alles durchgedacht.

Wir sind auf dem Karussell unserer Logik wahnsinnig geworden.

Wir sind auf dem Karussell unserer Logik nicht von der Stelle gekommen.

Immer im Kreis.

Immer in uns selbst.

Immer nur denken.

Immer gedacht bis an die Grenze des Denkbaren.

Ostern ist denken übers Denken hinaus.

Ostern ist Aufstand gegen das bloß Gedachte.

Ostern ist Absprung vom Karussell Tod.

 

Liebe Schwestern und Brüder, es geht los und es bleibt stehen. Und dann, was ist dann? Wir müssen in unserem Leben auch den Absprung wagen und den Absprung schaffen, damit wir uns nicht ständig im Kreis drehen. Das ist nicht österlicher Glaube, der bloß gefeiert wird. Das ist vielmehr österlicher Glaube, der herausfordert, der Mühe macht. Entschuldigen Sie die Formulierung, vielleicht müssen wir manchmal unseren „inneren Schweinehund“ überwinden, um den Absprung zu schaffen. Österlicher Glaube gibt dazu Schwung und Kraft, ein Stückchen weiter zu denken, sich getrauen zu hoffen, das Vertrauen finden zu glauben.

So schreibt Wilhelm Wilms weiter:

Wir hoffen und glauben das Unglaubliche, das Undenkbare.

Unsere unzähmbare Sehnsucht nach Leben über den Tod hinaus.

Die Liebe, die uns miteinander verbindet und dieses Leben sinnvoll macht,

lässt uns sagen das unsagbare: Auferstehung!

Ein unmögliches Wort, Gott.

Aber wir sagen es dennoch.

Auf Wiedersehen allen, die der Tod verwandelt hat.

 

Auf Wiedersehen! Auch hier, so denke ich, werden Erinnerungen wach an liebe Menschen, die uns der Tod genommen hat und die wir vermissen.

 

Die ganze Erde staunt und bebt,

weil Gottes Herrlichkeit anhebt.

Der Tod ist tot, das Leben lebt, Halleluja!

 

Osternacht 2021

 

Liebe Schwestern und Brüder!

 

„Das Leben ist ein Spiel und wer es recht zu spielen weiß, gelangt ans große Ziel.“ So lautet ein Spruch, der in dem Lied „Nehmt Abschied Brüder“ vorkommt oder auch daraus stammt.

„Das Leben ist ein Spiel und wer es recht zu spielen weiß, gelangt ans große Ziel.“ Ja, das Leben ist ein Spiel, auch wenn es einem manchmal nicht sonderlich spielerisch vorkommt. Das Leben kennt aber, wie das Spiel Gesetze und Regeln, die wir beherrschen müssen, um einigermaßen gut durchs Leben zu kommen.

Zu diesen Spielregeln des Lebens gehören auch Endlichkeit und Vergänglichkeit. An Ostern wird irgendwie der Ernstfall des Lebens geprobt. Ostern macht sozusagen aus dem Spiel ernst. An Ostern kommt es auf, ob wir die Spielregeln des Lebens beherrschen. Es kommt auf, ob wir gewinnen und verlieren können, ob wir verlieren und gewinnen können.

Wenn der Tod in das Leben von Menschen tritt, dann macht er Menschen ratlos und auch hilflos. „Was sollen wir jetzt tun?“, „Was müssen wir jetzt tun?“ Obwohl ich diese Fragen als Seelsorger nur allzu gut kenne und auch Antworten geben kann, war ich im letzten Jahr nach dem plötzlichen Tod meines Vaters auch froh, dass es Menschen gab, die ich fragen konnte: „Was müssen wir jetzt als erstes tun?“, „Was ist der nächste Schritt?“

Was nach dem Tod Jesu zu tun war, das schienen die Frauen aus seinem Umfeld gut zu beherrschen. Sie gingen zum Grab, um Jesus zu salben, wie es Sitte war. Bräuche können auch bei einem Todesfall eine nicht zu unterschätzende Hilfe und Stütze sein. Es gibt auch so etwas wie eine Trauerkultur. Auch dazu könnte man sagen: „Das Leben ist ein Spiel und wer es recht zu spielen weiß, gelangt ans große Ziel.“

Die Frauen wussten, was zu tun war, vielleicht „funktionierten“ sie auch nur und das Loch, in das Menschen nach dem Tod eines Angehörigen fallen können, kommt vielleicht erst noch. Und dann? Was ist dann?

An Ostern kommt es auf, ob wir gewinnen und verlieren können. Aber was ist mit dem großen Ziel? Haben wir so ein Ziel, kennen wir so ein Ziel, das über den Friedhof hinausreicht?

Liebe Schwestern und Brüder, vielleicht können wir es auch einmal so sagen, an Ostern wird ein letzter großer Trumpf ausgespielt, ein Trumpf, der alles sticht, ein Trumpf gegen den niemand ankommt. Dieser Trumpf ist weit mehr als der „Grasober“ vom Brandner Kasper, mit dem er den Tod unter Zuhilfenahme des „Kerschgeists“ beschissen hat und sich so noch ein bisschen Zeit ergaunern wollte. Schließlich war es für ihn aber nur eine Art „lebensverlängernde Maßnahme“ ohne Lebensqualität.

Über diesen letzten Trumpf von Ostern sagt der Apostel Paulus: „Wir wissen, dass Christus von den Toten auferweckt, nicht mehr stirbt; der Tod hat keine Macht mehr über ihn“. Das ist die neue Spielregel von Ostern, die uns an das große Ziel führen kann und führen wird.

Vielleicht hätte ich alles viel kürzer und kompakter sagen können, wie ein Pfarrer, der sich dieses Trumpfes so sicher war, seinen Spielkumpanen versprochen hatte, dass er in der Osterpredigt dreimal Trumpf sagen werde. So mussten sie also in den Gottesdienst gehen und dort hörten sie: „Trumpf, Trumpf, Trumpft sagen die gottlosen Spieler. Ich aber sage Triumph, Triumph, Triumph. Der Herr ist wahrhaft auferstanden“

Liebe Schwestern und Brüder, das Leben ist Trumpf, Halleluja!

 

Karfreitag, 02.04.21

 

Wie schwer ist „schwer“? Kinder, aber vielleicht nicht nur die, beschäftigt diese Frage am heutigen Tag oft in der Form, dass sie fragen: Wie schwer war das Kreuz von Jesus eigentlich? Wenn man versucht, mit einer mehr oder weniger gut geschätzten Zahl darauf zu antworten, dann kommt oft sofort die Zusatzfrage: Und wie schwer ist das?

Wie schwer ist „schwer“? Schwer ist nicht unbedingt nur eine Frage der Gewichtsangabe in Form von Zahlen, sondern schwer ist immer auch eine Frage des Empfindens, des Fühlens und des Erlebens.

Am Karfreitag wird Schwere als Empfinden, als Fühlen und als Erleben thematisiert. In der Passion, der Leidensgeschichte Jesu, kommt diese Schwere zum Ausdruck. Obwohl die Johannespassion, die wir gerade gehört haben, macht es mit dem Kreuz Jesu relativ kurz. Er trug sein Kreuz und ging hinaus zur sogenannten Schädelhöhe, die auf Hebräisch Golgota heißt. Dort kreuzigten sie ihn. Die anderen Passionen, die wir kennen und vielleicht mit einzelnen Passagen im Ohr haben, beschreiben diesen Kreuzweg viel ausführlicher.

Aber auch Johannes hat viel „Schwerwiegendes“ in seinen Worten: Verrat und Verleumdung, ausgeliefert werden und ausgeliefert sein, ein schier endloses Ringen um Wahrheit, aber auch Wahrhaftigkeit, qualvolle Situationen, Häme und Spott…

Wie schwer ist „schwer“? Bei den Kinderkreuzwegen hatten wir deshalb immer auch einen Holzbalken dabei, mit dem Kinder ausprobieren konnten, wie schwer „schwer“ ist. Da machte es dann schon einen Unterschied, wie jemand beieinander war, wie viel Kraft er hatte. Es machte aber auch einen Unterschied, wie er den Holzbalken anpackte, wie man ihn zu fassen versuchte.

Wie schwer ist „schwer“? Vor ein paar Wochen habe ich etwas Seltsames getan. Ich habe unser Scheyrer Kreuz auf die Waage gestellt. In einem neuen Führer über unsere Kreuzreliquie und die Heiligkreuzwallfahrt, der in diesem Jahr erscheinen soll, werden auch die Gewichtsangaben der Reliquie und der beiden dazugehörigen Monstranzen erwähnt werden. 11kg werde ich jetzt dann in unsere Basilika hereintragen. Das interessiert also nicht nur Kinder.

Das Schwermachende und deshalb das Schwierige daran ist aber, dass der Schwerpunkt der Monstranz mit der Reliquie relativ weit oben sitzt und es deshalb gar nicht so leicht ist, unser Scheyrer Kreuz zu tragen und zu handhaben.

Wie schwer ist „schwer“? Schwere ist nicht nur eine Frage des Gewichts, sondern Schwere ist eine Frage des Empfindens, des Fühlens, des Erlebens und der Herausforderung, wie gehe ich damit um, wie packe ich das bloß an.

Wie schwer „schwer“ sein kann, ist mir vor wenigen Wochen im Zusammenhang mit einer Beerdigung klar und deutlich geworden, als ich ein Kalenderblatt in die Hände bekam. Es stammte von dieser verstorbenen Frau, die vor etlichen Jahren ihrem einzigen Sohn ins Grab schauen musste. Dieses Kalenderblatt war ganz abgegriffen. Sie hat es scheinbar immer und immer wieder in die Hand genommen, weil der Spruch, der darauf stand, ihr aus dem Herzen gesprochen hat: „Die Traurigkeit tötet die Frömmigkeit, weil sie das Gottvertrauen raubt und die Seele dauernd in Unruhe versetzt.“

 Wie schwer ist „schwer“?

Gründonnerstag, 01.04.21                                                                            L: 1 Kor 11,23-26

                                                                                                                 Ev: Joh 13,1-15

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Eine Überschrift in der Zeitung lies mich heute aufmerken. „Misslungener Aprilscherz“ stand heute da zu lesen. Ja, heute ist der 1. April, ein Tag, an dem gescherzt werden kann und gescherzt werden darf. Die Frage ist nur: Was ist ein gelungener oder ein guter Scherz? Darüber werden die Meinungen sicher auseinandergehen. Ist er dann gut und gelungen, wenn viele, wenn alle darüber lachen können? Ist er nur dann ein gelungener, ein guter Scherz? Oder trifft es eher zu, wenn man es sich besser nicht anmerken lässt, gemäß dem Spruch: Humor ist, wenn man trotzdem lacht?

Am Gründonnerstag steht immer ein Abschnitt aus dem Johannesevangelium im Mittelpunkt, der eine Szene wiedergibt, bei der Menschen zuerst vielleicht nicht so recht wussten, ob sie lachen oder weinen sollen. Jesus schickt sich an, seinen Jüngern die Füße zu waschen, also eine Tätigkeit auszuüben, die damals eindeutig den Sklaven zugeordnet war. Aber dabei bleibt es nicht, sondern Jesus setzt vielmehr ein Zeichen und verlangte es auch noch von seinen Jüngern: Wenn nun ich, der Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, dann müsst auch ihr einander die Füße waschen. Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe.

Manchmal wäre es schon interessant, zu erfahren, wie das Menschen, die mit Jesus zu tun hatten, wirklich aufgefasst haben. Heute, am 1. April, kam mir der Gedanke, ob seine Jünger vielleicht nicht doch an einen Scherz gedacht haben: So weit kommts noch!

Das, was uns am Gründonnerstag immer vorgelesen und auch zugemutet wird, ist alles andere als ein Scherz, sondern es war Jesus damit ernst, sehr ernst. Vielleicht können das ein paar Attribute in unserer Sprache noch deutlicher unterstreichen: Es war blutiger Ernst, es war todernst.

Von Scherz also keine Spur und doch können es sich gerade in solchen Situationen Menschen richtig „verscherzen“, so dass Beziehungen und Freundschaften daran auch zerbrechen können. Petrus ist auf dem besten Weg, es sich mit Jesus zu verscherzen, weil er den Dienst Jesu zunächst kategorisch ablehnt: Niemals Herr, um dann im nächsten Augenblick nach der Intervention Jesu gleich noch einmal über das Ziel hinauszuschießen: Herr, dann nicht nur meine Füße, sondern auch die Hände und den Kopf.

Liebe Schwestern und Brüder, auch wenn Jesus in dieser Stunde nicht zum Scherzen aufgelegt war, so möchte ich doch noch einmal auf den Scherz zu sprechen kommen. Scherze dienen nicht einfach der Belustigung oder gar der Unterhaltung, sondern ein Scherz kann, wenn er gut ist und damit auch gelingt, auf humorvolle Weise etwas herausfordern und provozieren, was sonst vielleicht nur unter größten Verrenkungen möglich ist.

Jesus scherzt nicht, aber er provoziert mit seinem Tun, mit seinem Handeln und er packt seine Freunde bei der Ehre, bei der Ehre ihrer Freundschaft. Jesus geht es nicht darum, um jeden Preis aufzufallen, von sich Reden zu machen oder in die Geschichte einzugehen, sondern es geht ihm darum, die Welt mit kleinen Gesten, mit kleinen Schritten oder einfach mit einem anderen Blickwinkel zu verändern. Vielleicht können wir es mit einem oft verwendeten, aber nicht immer angewandten und verwirklichten Begriff sagen: Es geht ihm um Solidarität. Es geht ihm um das Füreinander und um das Miteinander, es geht ihm um Communio, es geht ihm um die Kommunion, um gelebte und praktizierte Kommunion.

Gelebte Kommunion! Wie kann das gehen, wie kann das gelingen? Vielleicht hilft dabei ein Satz, den ich aus den Exerzitien der vergangenen Tage behalten habe. Der Exerzitienleiter zitierte einen Kalenderspruch: Wir müssen nichts Außergewöhnliches tun, sondern das Gewöhnliche außergewöhnlich gut.

Ich habe Euch ein Beispiel gegeben…Tut es, tut es so gut es euch möglich ist und wo es euch möglich ist. Es gibt genug Gelegenheit, vor allem im Gewöhnlichen und im Alltäglichen.

Vielleicht hätte das auch für den misslungenen Aprilscherz gelten können, den ich am Anfang erwähnt habe. Damit war ein PR-Gag gemeint über eine vermeintliche Namensänderung von Volkswagen in den USA. Aus Volkswagen sollte „Volt-Wagen“ werden, quasi als Bekenntnis zur Elektromobilität. Damit haben es sich die Werbemacher schon im Vorfeld des 1. April buchstäblich verscherzt. Es hat Auswirkungen bis an die Börse.

Wir müssen nichts Außergewöhnliches tun, sondern das Gewöhnliche außergewöhnlich gut.

Das gilt nicht nur für Automobilkonzerne, sondern das gilt erst recht für uns Menschen, für jeden Menschen, auch für uns.

 

Nächstenliebe:

Du bist Christus, wenn ich mit dir teile, was ich bin.

Ich werde leben mit ihm, wenn ich ihn liebe in den Menschen.

(Heinz Detlef Stäps)

Wir müssen nichts Außergewöhnliches tun, sondern das Gewöhnliche außergewöhnlich gut.

 

                                                                              Ev: Joh 12,20-33

Liebe Schwestern und Brüder!

In der dichten Sprache des Johannesevangeliums gibt es auch im heutigen Abschnitt eine Fülle von bedeutungsschweren Sätzen oder Begriffen, von denen jeder einzelne es wert ist, näher betrachtet zu werden. Alles ist gesagt in Jerusalem in der Nähe des Paschafestes und im Hinblick auf den nahebevorstehenden Tod Jesu und dessen Deutung und Bedeutung.

Ich will mich trotzdem auf einen Satz konzentrieren, der ziemlich am Beginn steht und darum in seiner Bedeutung leicht überlesen werden kann. Hier werden Pilger erwähnt, griechische Juden offenbar, die zum Fest nach Jerusalem gekommen sind, und sie haben einen Wunsch: „Wir möchten Jesus sehen.“ Sein Ruf hat sich inzwischen herumgesprochen, und wenn wir den Text richtig lesen, entdecken wir, da gibt es eine Parallele, diese Menschen wollen einerseits Gott anbeten, andererseits wollen sie Jesus sehen. Dieser Parallele können wir entnehmen, dass es nicht um ein oberflächliches, vielleicht sogar voyeuristisches Sehen geht, sondern dass in diesem Sehenwollen, längst ein Bekenntnis steckt. Sie wollen Jesus sehen, das gehört für sie zur Anbetung Gottes, das ist Teil dieser Anbetung. Und in diese Richtung verweisen auch alle weiteren theologischen Aussagen des Textes: „Wenn einer mir dient, wird der Vater ihn ehren.“ Oder, wieder eine Parallele: „Vater, rette mich aus dieser Stunde und Vater, verherrliche deinen Namen.“ Und schließlich: „Wenn ich von der Erde erhöht bin, werde ich alle zu mir ziehen.“ In immer neuen Versuchen beschreibt der Evangelist das einzigartige und enge Verhältnis dieses Menschen zu Gott und die Bedeutung, die sein Tod und seine Auferstehung haben werden für andere, für die Menschen.

Wir möchten Jesus sehen, das ist die Eingangsbitte der griechischen Pilger, die Einleitung zu allen theologischen Gedanken. Wir möchten Jesus sehen, mit dieser Bitte wenden sie sich an die Jünger, und wenn wir einerseits sagen können, diese Bitte ist nicht oberflächlich, sondern sie enthält eigentlich schon ein Glaubensbekenntnis, sie ist eine Bitte um Nähe zu Jesus, zu seinem Glauben, zu seiner Gemeinschaft, dann können wir andererseits auch sagen, derjenige, an den diese Bitte herangetragen wird, erhält einen Auftrag: Zeig mir Jesus, Führe mich zu ihm, bring mich in seine Nähe. Das ist der Auftrag an seine Jüngergemeinde Philippus, Andreas, die Apostel, die Kirche – bis heute. Wir möchten Jesus sehen, diese Bitte steht bis heute als Auftrag über allem, was wir als Kirche und Gemeinde tun und zu tun haben.

Und damit bin ich bei einem Thema, das ich heute gar nicht ausblenden kann. Viele Menschen tun sich schwer, oder sie verstehen manches in dieser Kirche nicht mehr. Ganz aktuell gab es in der vergangenen Woche einmal die Klarstellung aus Rom, dass gleichgeschlechtliche Paare nicht gesegnet werden dürfen, und fast zeitgleich die Veröffentlichung der Missbrauchsstudie des Erzbistums Köln, die einerseits zeigt, wieviel es an Übergriffen gegenüber Minderjährigen gegeben hat, wie viele wirkliche Opfer es gegeben hat, und andererseits, wie wenig man diese Opfer im Blick hatte, wie man den Schutz und guten Ruf der Institution über alles andere gestellt hat. Viele Menschen sind enttäuscht von der Kirche, noch dazu, weil es manche anderen Fragen gibt, bei denen es ebenso immer die gleichen Antworten gibt, die niemanden mehr überzeugen. Menschen wenden sich ab, und wenn sie nicht austreten, dann bleibt dennoch bei vielen eine Distanz zur Kirche, die mit Bedeutungslosgkeit gleichgesetzt werden kann.

Wer allerdings trotz aller Enttäuschung gern Kirche ist und bleiben will, weil er überzeugt ist, dass es zum Evangelium keine Alternative gibt, der wird sich vielleicht fragen, worauf es denn heute in einer Zeit, in der alles angefragt ist, worauf es denn heute wirklich ankommt. Oder anders gesagt: Welche Aufgabe ist heute von uns unbedingt zu erfüllen, was können wir unmöglich aufgeben? Und da finde ich die Antwort im heutigen Evangelium: Menschen wollen Jesus sehen. Wie damals begegnen wir heute fragenden und suchenden Menschen, wie damals begegnen wir heute hilflosen und hilfesuchenden Menschen, wie damals finden wir heute Arme, Menschen, die irgendwie gestrandet sind, Menschen, die nirgendwo anders Halt finden, Menschen, die sich in der Gesellschaft nicht mehr zurechtfinden, wie damals begegnen wir heute Menschen, die anbeten wollen. Und unsere wesentliche Aufgabe besteht darin, allen diesen Menschen Jesus zu zeigen, und zwar nicht so, als ob wir es wüssten, sondern sie, gedanklich, an die Hand zu nehmen, mit auf den Weg zu nehmen, Jesus zu entdecken und so zu einem wirklich erfüllten Leben zu finden. Gleichzeitig muss dies auch der Prüfstein für alles sein, ob dadurch Begegnung mit Jesus möglich oder ob sie letztlich vielleicht sogar verhindert wird. Von Martin Luther stammt die Formulierung zu fragen, ob es Christum treibet oder eben nicht. Genau darum geht es.

Menschen wollen Jesus sehen, wenn wir diese Menschen und ihr Anliegen in den Mittelpunkt stellen, wenn dieses Anliegen auch unser lebendiges Anliegen ist, denn niemand hat Jesus so, dass er ihn nicht immer noch mehr und besser sehen könnte, niemand hat Jesus so, dass er ihm nicht auch genommen werden könnte, dann hat Kirche eine Berechtigung, dann haben wir eine Aufgabe, die heute größer ist als jemals zuvor. Denn hinter vielen Masken, hinter manchem Wohlstand, hinter viel scheinbarer Selbstsicherheit steckt ebenso viel innere Leere, steckt ebenso die Frage nach dem Sinn von allem, steckt ebenso ganz viel Unsicherheit, was ich als Mensch hier auf der Erde eigentlich soll.

Ich bin in diesen Tagen auf ein Lied aufmerksam geworden, das vielleicht sehr gut etwas von diesem Suchen und Fragen, von dieser Unsicherheit beschreibt:

Ich möcht’, dass einer mit mir geht, der’s Leben kennt, der mich versteht, der mich zu allen Zeiten kann geleiten. Ich möcht’, dass einer mit mir geht.

Ich wart’, dass einer mit mir geht, der auch im Schweren zu mir steht, der in den dunklen Stunden mir verbunden. Ich wart’, dass einer mit mir geht.

Es heißt, dass einer mit mir geht, der’s Leben kennt, der mich versteht, der mich zu allen Zeiten kann geleiten. Es heißt, dass einer mit mir geht.

Sie nennen ihn den Herren Christ, der durch den Tod gegangen ist; er will durch Leid und Freuden mich geleiten. Ich möcht’, dass er auch mit mir geht.

Liebe Schwestern und Brüder, nehmen wir die suchenden Menschen um uns wahr und begegnen wir ihnen. Halten wir die Suche bei uns selbst lebendig, dass wir Jesus immer neu begegnen können, und seien wir so Kirche, Gemeinschaft der Jünger dieses Jesus, der unser Gott ist.
Amen.

                                        

  1. Fastensonntag, Laetare (B), 14.03.21
                                                                                                                  L: Eph 2,4-10

                                                                                                                      Ev: Joh 3,14-21

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Wenn wir ein großes oder ein öffentliches Gebäude betreten, dann finden sich darin viele Hinweisschilder, die helfen, dass wir uns dort zurechtfinden. Manche dieser Schilder werden beachtet, andere oft ignoriert (z. B. „Hier kein Zutritt“ oder „Privat“). Viele dieser Schilder kennen wir (jeder weiß, was mit den Buchstaben WC gemeint ist), andere Schilder nehmen wir gar nicht wahr. Unter denen, die vielleicht nicht wahrgenommen werden, könnte eines sein, das plötzlich sehr aktuell, im wahrsten Sinne des Wortes brandaktuell werden kann, nämlich dieses grüne Schild mit einem weißen Pfeil darauf, manchmal auch mit einer laufenden Person. Dieses Schild kann unter Umständen über Leben und Tod entscheiden. Dieses Schild ist der Hinweis für den Fluchtweg bzw. den Rettungsweg.

Vielleicht haben Sie in einem Gebäude nach diesem Schild auch schon einmal Ausschau gehalten, wenn Ihnen plötzlich der Gedanke oder die Frage in den Sinn kam: „Wenn es jetzt brennt, wie komme ich da bloß raus?“ Ich kann mich an eine Situation erinnern, in der ich das getan habe. Es war auf dem Odilienberg im Elsass. Dort tagte einmal die Salzburger Äbtekonferenz. Das Pilgerheim, in dem wir untergebracht waren, war sehr verwinkelt, so dass schon der Weg zum Zimmer nicht leicht zu finden war. Und dann im Brandfall zurück?

Der Flucht- oder der Rettungsweg ist ein Begriff, der im Zusammenhang mit der Bauverordnung und dem Brandschutz Verwendung findet. Es sind Begriffe, die so manchem Architekten oder auch Bauherrn Kopfzerbrechen machen und einiges an Nerven kosten können. Als Verantwortlicher für ein großes denkmalgeschütztes Gebäude, das verschiedenen Ansprüchen genügen muss, kann ich davon ein Lied singen, weil sich Denkmalschutz und Brandschutz, oft wie Feuer und Wasser zu einander verhalten.

Auch wenn es viel Ärger bedeutet und auch sehr teuer ist, es möchte sich niemand nachsagen lassen, dass im Fall der Fälle, ein Unglück oder eine Katastrophe vermeidbar gewesen wäre, wenn die einschlägigen Vorschriften befolgt und die entsprechenden Maßnahmen ergriffen worden wären.

Der Rettungsweg, der Fluchtweg, sind aber keine Erfindungen unserer Zeit und auch nicht nur eine Sache des Brandschutzes, sondern die Frage: „Wie finde ich einen Ausweg?“ hat Menschen eigentlich immer schon beschäftigt, weil es zum Los des Menschen gehört, auch in gefährliche und ausweglose erscheinende Situationen geraten zu können.

Die Texte, die wir heute aus der Bibel gehört haben, beschäftigen sich alle mit dem Thema der Rettung und des Rettungsweges, auch wenn darin nicht diese Schildern vorkommen, die wir kennen, aber nicht immer wahrnehmen.

Die Situation, die in der ersten Lesung aus dem Buch der Chronik beschrieben war, mögen wir nicht unbedingt in allen Einzelheiten nachvollziehen können, es ist aber durchaus herauszuhören: Diese Katastrophe hätte vermieden werden können! Immer wieder hatte der Herr, der Gott ihrer Väter, sie durch seine Boten gewarnt; denn er hatte Mitleid mit seinem Volk und seiner Wohnung. Sie aber verhöhnten die Boten Gottes, verachteten sein Wort und verspotteten seine Propheten.  So steht es da und dann passiert es: Es gibt keine Heilung, es gibt keine Rettung mehr. Ein Volk rennt ins Verderben.

Rettung, Rettungswege und Auswege sind nicht unbedingt immer einfach und auf Anhieb zu finden. Deshalb ist es gut, wenn man sich mit dieser Frage auseinandersetzt, um im Fall der Fälle sich nicht den Vorwurf der Fahrlässigkeit nachsagen lassen zu müssen. Das betrifft in Sachen Brandschutz nicht nur die, die dafür sorgen müssen, dass solche Hinweisschilder angebracht werden und auch die bauliche Umsetzung erfolgt ist, sondern das betrifft auch die, die sich in diesen Gebäuden aufhalten. Man könnte ja einfach mal so, also nicht erst im Gefahrenfall, den Weg einmal abgehen, der als Rettungsweg ausgewiesen ist, damit man ihn schon kennt und nicht erst suchen muss.

Liebe Schwestern und Brüder, Rettung, Rettungswege und Auswege braucht es nicht nur im Brandfall, sondern in vielen Bereichen des Lebens. Die beiden neutestamentlichen Texte weisen auf den Rettungsweg Gottes für uns Menschen hin. Gott hat einen Rettungsweg für uns.

Der Apostel Paulus schreibt an die Gemeinde in Ephesus: Aus Gnade seid ihr gerettet. Denn seine Geschöpfe sind wir, in Christus Jesus zu guten Werken erschaffen, die Gott für uns im Voraus bestimmt hat, damit wir mit ihnen unser Leben gestalten. Rettung, Rettungsweg, Auswege sind keine Luftgespinste, sondern konkrete Lebensgestaltung.

Der Schreiber des Johannesevangeliums wird noch konkreter. Wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit jeder, der glaubt, in ihm ewiges Leben hat. Das Kreuz weist auf den Rettungsweg Gottes hin. Das Kreuz ist der Rettungsweg Gottes. Es geht nicht ums Richten, sondern es geht um Rettung.

Das Kreuz, das Zeichen und der Inbegriff unseres Glaubens, ist der Rettungsweg Gottes. Dieses Kreuz nur aufzuhängen reicht allein nicht, sonders es bedarf wieder der konkreten Lebensgestaltung.

Rettung, Rettungswege, Auswege. Den Weg Jesu kennen, auch den Kreuzweg. Deshalb gibt es ja in der Passionszeit die Betrachtung der 14. Stationen des Kreuzwegs. Oder wenn wir im schmerzhaften Rosenkranz beten „Der für uns Blut geschwitzt hat, der für uns mit Dornen gekrönt worden ist, der für uns das schwere Kreuz getragen hat“, kommt dieser genauso in den Blick wie bei den Rosenkranzgesätzen „der für uns von den Toten auferstanden ist, der uns den Heiligen Geist gesandt hat“. Es heißt immer „Für uns“! Das heißt für mich genauso wie für die neben mir und um mich herum.

Rettung, Rettungsweg, Ausweg, das sind andere Blickwinkel, das sind andere Gedanken, das sind andere Worte, die neue Wege öffnen und ermöglichen, wo es ausweglos, aussichtslos erscheint.

Liebe Schwestern und Brüder, ich möchte mit einem Text schließen, der sich wie eine provokante Checkliste anhören könnte, wenn es darum geht, bei Rettungswegen und Auswegen zu versuchen, an möglichst viele Situationen gedacht zu haben:

Ihr nennt mich Meister, so fragt mich doch.

Ihr nennt mich Licht, so seht mich doch.

Ihr nennt mich Weg, so folgt mir doch.

Ihr nennt mich Leben, so sucht mich doch.

Ihr heißt mich weise, so glaubt mir doch.

Ihr heißt mich schön, so liebt mich doch.

Ihr heißt mich reich, so bittet mich doch.

Ihr heißt mich ewig, so traut mir doch.

Ihr nennt mich barmherzig, so hoffet doch.

Ihr nennt mich allmächtig, so dient mir doch.

Ihr nennt mich gerecht, so fürchtet mich doch.

Ihr nennt mich Liebe, so folgt der Bahn.

Denn wenn ihr mich liebt, so habt ihr alles getan.

Rettungsweg Gottes für uns!

                                         Lesung: Ex 20,1-17
                                         Evangelium: Joh 2,13-25

Liebe Schwestern und Brüder!

Jesus hat ein besonderes Verhältnis zum Tempel. Als kleines Kind wird er dort dargebracht, das heißt, er wird als Erstgeborener dem Herrn geweiht. Gleichzeitig bringt Maria ihr Reinigungsopfer dar, 40 Tage nach der Geburt.

Jesus im Tempel, da gibt es auch die Geschichte von dem Zwölfjährigen, der nach der Wallfahrt mit den Eltern einfach in Jerusalem bleibt. Und als die Eltern ihn suchen und schließlich im Tempel wiederfinden, kann er scheinbar die ganze Aufregung nicht verstehen und hält es für selbstverständlich, dass er sich im „Haus seines Vaters“ aufhält.

Diese beiden Erwähnungen reichen fast aus, um zu zeigen, wie sehr Jesus auch durch die Prägung seiner Familie in der jüdischen Tradition, in ihren Bräuchen und Ritualen beheimatet war. Jesus ist also ein religiöser Mensch und zu seiner Religiosität gehört auch der Tempel und in gewisser Weise eben auch der Betrieb, der hier zum Tempel dazugehört. Wenn Jesus Gebote oder Gepflogenheiten an manchen Stellen infrage stellt, dann vor allem, um zu ihrem eigentlichen und tieferen Verständnis hinzuführen. Solch eine sehr heftige Provokation ist die eben gehörte Tempelreinigung, die eigentlich etwas befremdlich wirken musste, denn die Reaktion, „Reißt diesen Tempel nieder…“, erklärt ja nicht wirklich etwas, viel eher verstärkt sie den Eindruck, wir hätte es hier mit einem Irregewordenen zu tun.

Jesus kritisiert, und hier sehr massiv, eine Religiosität oder Frömmigkeit, die sich eingerichtet hat, -dieses oder jenes gehört halt dazu-, eine Religiosität, die vielleicht noch meint, Gott einen Gefallen zu tun, wenn man sich nur ja kleinkariert an alles hält, eine Frömmigkeit, die dabei aber das Eigentliche aus dem Blick verliert. Alles in der jüdischen Tradition, und eben auch der Tempel, ist doch ausgerichtet auf die Erinnerung und auf die lebendige Begegnung mit einem Gott, der sich den Menschen als der Befreiende gezeigt hat, als der Mitgehende, einen Gott also, der an keinen Ort gebunden ist und eben auch an keinen Tempel. In der Lesung ist von keinem Tempel die Rede, sondern von der Wanderung durch die Wüste. Da begegnet dieser Gott seinem Volk und erinnert es: Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus dem Sklavenhaus geführt hat. Das ist die Überschrift und die Einleitung zu dem, was wir die 10 Gebote nennen, und die auf die richtige Verehrung Gottes ebenso ausgerichtet sind wie auf die wichtigsten und grundsätzlichen Regeln im Zusammenleben der Menschen: Du lebst richtig, so könnten wir sagen, du schützt diese von mir gegebene Freiheit, wenn du keine anderen Götter verehrst, wenn du den Sabbat heiligst, wenn du deine Eltern ehrst, besonders im Alter, wo sie deine Hilfe brauchen, wenn du nicht lügst, und das Leben, die Beziehungen, das Eigentum und überhaupt die Würde deines Mitmenschen achtest und schützt. Auf diesen Kern des jüdischen Glaubens ist alle Frömmigkeit ausgerichtet, dazu kann und soll auch der Tempel und alles, was in ihm geschieht, verhelfen. Die Kritik Jesu setzt immer dort an, wo dieses Eigentliche und Wesentliche in Gefahr kommt; er erlebt, dass Leute hier ihre Geschäfte machen, dass sie Gott und die Mitmenschlichkeit darüber vergessen, und dass sie das alles noch für fromm und anständig halten.

Wir könnten von hier aus schnell überleiten zu einer Kritik von manchem, was es heute auch in der Kirche ebenso gibt. Und solche Kritik ist heute sehr verbreitet, berechtigt und unberechtigt, sie ist aber vor allem zu einfach, und sie ist oft nicht ehrlich. Also als Beispiel: Wenn heute Menschen aus der katholischen oder, was ja absurd ist, aus der evangelischen Kirche austreten und als Grund dafür den Kardinal einer großen Diözese in Deutschland angeben, dann muss man schon fragen: Was räumst du denn diesem Kardinal für eine Bedeutung ein, wenn Du seinetwegen dein Kirchesein aufgibst? Nein, da muss man schon ehrlich bleiben, entweder ich habe aus manch anderen Gründen längst meine Beheimatung in der Kirche verloren, oder aber ich möchte mir ganz einfach die Kirchensteuer sparen.

Um eine Kirchenkritik, die auf „die da oben“ zeigt, kann es also nicht gehen, wohl aber müssen wir positiv fragen: Zu welch einer Frömmigkeit wollen uns die heutigen Texte einladen, welch eine Religiosität ist richtig im Sinne Jesu?

Wir Mönche haben in den letzten Wochen eine Gedenkschrift über den Jesuiten Pater Alfred Delp gelesen, die im vergangenen Jahr zu seinem 75 Todestag erschienen ist. Etwa in zwei Dritteln der Beiträge dieses Buches findet sich ein Zitat, das sozusagen zum Vermächtnis Delps gehört. Unter dem Leitgedanken „Rückkehr zur Diakonie“ hat er vor mehr als 75 Jahren gesagt: „Es wird kein Mensch an die Botschaft vom Heil und vom Heiland glauben, solange wir uns nicht blutig geschunden haben im Dienste des physisch, psychisch, sozial, wirtschaftlich, sittlich oder sonstwie kranken Menschen.“ Das ist ein Satz oder eine Einstellung, in der ich den Jesus der Tempelreinigung wieder entdecke. Es geht ihm nicht um eine grundsätzliche Infragestellung von Kult und Gottesdienst oder um das Gegeneinander von Liturgie und Diakonie, denn ich möchte es wagen, diesen Gedanken Alfred Delps einmal weiter zu formulieren: „Es wird kein Mensch an die Botschaft vom Heil und vom Heiland glauben, solange wir uns nicht blutig geschunden haben im Dienste des physisch, psychisch, sozial, wirtschaftlich, sittlich oder sonstwie kranken Menschen.“ Und wenn wir als Christen so im Dienst des Menschen uns aufreiben, dann werden wir ganz von selbst die Sakramente, den Gottesdienst, die Gemeinschaft, die Stärkung durch das Wort Gottes und den Altar schätzen und aufsuchen. Aber es wird nicht um die Einhaltung einer äußeren Form gehen, sondern dass der Mensch angesprochen wird, dass er gestärkt wird, dass er sich gestärkt zu Gott und zum Mitmenschen hinwenden kann, darum wird es gehen. „Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für die anderen da ist“, so sagt es, sicher etwas zugespitzt, Dietrich Bonhoeffer. Und ein Bildwort Karl Rahners, mit dem er die Narzissten beschreibt, dürfen wir auf die Kirche beziehen und sagen: „Die Kirche darf kein Ofen sein, der sich selber wärmt.“

Liebe Schwestern und Brüder, lassen wir uns von Jesus heute anregen und Mut machen, hören wir die 10 Gebote als Auftrag, bejammern wir nicht unsere Situation, in der scheinbar so vieles wegbricht und sich wandelt und verändert, blicken wir mutig um uns. Und wo immer uns Menschen begegnen, die unsere Hilfe brauchen, sind wir als Christen und als Kirche gefragt, denn, noch einmal Alfred Delp: “Geht hinaus” hat der Meister gesagt, und nicht: “Setzt euch hin und wartet, ob einer kommt.”
Amen.

 

Aschermittwoch, 17.02.21                                             L: Joel 2,12-18                                                                                                                                        Ev: Mt 6,1-6.16-18

Liebe Schwestern und Brüder!

Spielst Du mit? Oder: Spielen Sie mit? Diese Frage mit der eigentlich auch schon eine Einladung ausgesprochen wird, bezieht sich nicht nur auf Brett- oder Kartenspiele, nicht nur auf Handball oder Fußball, sondern: Spielst Du mit? Spielen Sie mit? Das kann auch bedeuten: Machst Du mit bei diesem oder jenem Projekt, bei einer Aktion, bei einer Unternehmung, die mitunter weit über ein Freizeit- oder Privatvergnügen hinausgehen und richtig viel Arbeit bedeuten. Spielst Du mit? Machst Du mit?

Als Beispiel dafür könnten die Passionsspiele in Oberammergau dienen, die aus bekannten Gründen vom letzten Jahr 2020 auf das Jahr 2022 verschoben werden mussten. Heute, am Aschermittwoch, über ein Jahr vor dem ersten Aufführungstermin, wird es ernst. Menschen müssen sich überlegen, ob sie mitspielen, ob sie mitmachen wollen. Wenn ja, dann tritt heute für sie der Haar- und Barterlass in Kraft. Was bedeutet, dass die Haare von jetzt an nicht mehr geschnitten werden dürfen, damit sie bis zum Spiel eine biblische Länge erreichen. Beim Bart gibt es, aus bekannten Gründen, eine Ausnahme.

Angesichts der gegenwärtigen Situation könnte man mit einem Augenzwinkern sagen, dass es wohl mehr Mitspieler geben könnte, als gebraucht werden, da die Friseure nicht arbeiten dürfen. Oder auch wir hätten mit unserer Haarpracht vielleicht sogar eine Chance auf eine Rolle.

Die Passionsspiele sind aber auch ein Beispiel für eine Spannung, die heute am Aschermittwoch zu Beginn der Fastenzeit im Raum steht, nämlich: Wieviel Öffentlichkeit braucht Glaube? Oder anders gefragt: Warum tue ich das? Weil ich es für mich will oder um anderen etwas zu zeigen, zu beweisen oder gar vorzuspielen?

Der Text des Evangeliums, den wir gerade gehört haben, war in dieser Hinsicht klar und eindeutig: Du aber geh in deine Kammer, wenn du betest und schließ die Tür zu, dann bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist. Dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird es dir vergelten. Also keine Öffentlichkeitsarbeit, keine PR und kein Schielen nach öffentlicher Anerkennung.

Als sich im Jahr 1633, mitten im 30-jährigen Krieg und angesichts von vielen Pesttoten, in Oberammergau Menschen zusammentaten, um das Leiden Christi nachzuspielen, konnte man ihnen den Vorwurf einer „Verzweckung“ nicht machen. Sie haben einfach ihr Leben geändert und in der Beschäftigung mit der Passion Christi eine Möglichkeit dafür gesehen. Aber auch sie werden bereits gemerkt haben, dass es nicht reicht, einfach einen Text auswendig zu lernen, um ihn spielen zu können, sondern dass es immer einen Bezug nach innen und zum eigenen Leben braucht.

Seit dem Jahr 1633 hat sich in Oberammergau viel geändert. Die Passionsspiele sind ein Ereignis für eine ganze Region, sie sind ein Wirtschaftsfaktor, inzwischen auch Weltkulturerbe. Aber bis heute reicht es nicht, einen Text auswendig zu lernen, um ihn möglichst perfekt und professionell spielen zu können, sondern es braucht immer einen Bezug nach innen und zum eigenen Leben. Wieviel Öffentlichkeit braucht der Glaube? Wieviel Öffentlichkeit verträgt der Glaube? Ein Gebet, das sich in der Pfarrkirche von Oberammergau vor dem Gelübde-Kreuz befindet, versucht das so zum Ausdruck zu bringen. 

Jesus Christus, du bist in die Welt gekommen, um uns ganz nahe zu sein,
der Menschen Freude und Hoffnung, Trauer und Angst selbst zu erspüren.
Die Menschen haben dich dafür gekreuzigt.
Du kennst also die Passionen unseres Lebens und unserer Welt.
Denn du hast sie am eigenen Leib erfahren.
Aber schließlich auch überwunden.
So wurde dein Kreuz das Zeichen der Erlösung.
Zu dir sind deshalb unsere Vorfahren in großer Not und Angst gekommen.
Sie haben dich um Hilfe gebeten, um Erlösung vor dem schrecklichen Tod der Pest.
Du hast sie erhört und ihr Versprechen angenommen, dein Leben, Sterben und Auferstehen immer wieder darzustellen im Spiel der Passion.
Zu dir komme auch ich mit meinen Sorgen und Nöten – du kennst sie alle.
Auch ich bitte dich: Sei mir nahe.
Gib mir die Kraft, alles Schwere anzunehmen und durchzustehen.
Erlöse mich aus allen Verstrickungen und Verknotungen meines Lebens.
Im Vertrauen darauf, dass du auch mir hilfst,
will ich dein Wort hören und mein Leben daran ausrichten.

Irgendwie finde ich es fast als einen sog. „Witz der Geschichte“, dass die Passionsspiele aufgrund einer ähnlichen Situation verschoben werden mussten, die einst zu ihrem Entstehen geführt hat, nämlich die Angst vor und die Hilflosigkeit gegenüber einer Krankheit, die vielen Menschen das Leben gekostet hat oder noch kosten könnte.

Das Leben verändern, oder auch den Blick auf das Leben verändern, einen Bezug nach innen und einen Bezug zur eigenen Lebenssituation.

Im Vertrauen darauf, dass du auch mir hilfst,
will ich dein Wort hören und mein Leben daran ausrichten.
Und der Vater, der auch das Verborgene sieht, wird es dir vergelten.

Spielen Sie mit? Machen Sie mit?

Gottesdienst zum Valentinstag in Ilmmünster, 14.02.21                                   L: 1 Joh 4,7-13

 

Liebe Liebende, liebe Verliebte, liebe Sonstige!

Das, was Menschen umtreibt, was sie beschäftigt, was ihr Leben beeinflusst, was es bestimmt, vielleicht sogar verändert, das nennen wir „aktuell“. Was auf diese Weise aktuell, also was für die Menschen im Leben „dran ist“, das merken wir daran, wovon und worüber man spricht. Wovon die Menschen, ja die ganze Welt gerade spricht, das brauche ich jetzt wohl nicht auszusprechen, denn Sie und wir alle sprechen ja davon. Wir sprechen immer wieder davon, auch wenn wir es nicht unbedingt wollen und vielleicht auch nicht mehr hören können.

Durch dieses aktuelle Sprechen rücken Worte und Begriffe, die vielleicht vorher eher ein Schattendasein geführt haben, ins Rampenlicht. Sie kommen plötzlich wieder ins Bewusstsein, sie stehen im Licht des öffentlichen, aber auch des persönlichen Interesses. Ein solcher Begriff, über den vorher vielleicht eher beiläufig gesprochen wurde, der jetzt aber zu einem Schlagwort geworden ist und sich in den Schlagzeilen findet, lautet „impfen“.

Sind Sie geimpft? Bist Du schon geimpft? So werden Menschen in diesen Tagen vielleicht misstrauisch oder gar vorwurfsvoll gefragt.

Sind Sie schon geimpft? Freilich sind Sie schon geimpft. Wir sind alle geimpft.  Ich meine jetzt nicht die Impfung gegen Corona, nicht gegen Masern, Windpocken, Wundstarrkrampf oder Zecken und was es da alles gibt. Impfen ist nicht nur eine Frage von Spritze und Medizin, sondern wir werden ganz oft, ganz viel und vor allem ganz unbewusst geimpft mit Informationen, mit Bildern, mit Parolen, mit Werbung. Wir sind aber auch mit dem geimpft, was in unserem Leben grundgelegt und was in unserem Leben angelegt ist.

So getraue ich mir heute am Valentinstag zu sagen, dass wir alle mit Liebe geimpft sind, sonst wären Sie heute wohl nicht hier. Ich weiß nicht, ob Sie sich das schon einmal gefragt haben, warum wir das können: Lieben und Liebe empfinden, so dass Menschen zueinander sagen können: Ich liebe Dich!

Gerade haben wir aus der Bibel einen Abschnitt gehört, in dem sich jemand darüber Gedanken gemacht hat, was das ist, lieben, und woher das kommt, lieben: Nicht darin besteht die Liebe, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat. Uns ist Liebe sozusagen eingeimpft, in uns ist Liebe grundgelegt.

Ich weiß, die Sprache der Bibel ist nicht unbedingt immer unsere Sprache: Nicht darin besteht die Liebe, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat. Die Sprache hat sich geändert, aber die Fragen bleiben und die Suche nach einer Antwort auch. Vor allem in der Musik klingt diese Frage und Suche immer wieder an. So singt beispielsweise ein Matthias Reim  in seinem Lied „Wie man liebt“, dass wir in der Schule vieles lernen müssen, auch solches, von dem wir glauben, dass wir es niemals brauchen, um dann im Refrain immer wieder einzustimmen: Doch wie man liebt, das hat uns keiner beigebracht, ich weiß bis heut noch nicht genau, wie man das richtig macht. Ich hab geglaubt, das ist ganz einfach, das kann doch jeder hier, doch dass man lieben lernen muss, weiß ich erst von dir.

Liebe ist in uns Menschen Grund gelegt und wir dürfen und wir müssen in unserem Leben etwas daraus machen. Matthias Reim singt: Lernen, weiterentwickeln. Die Medizin würde wohl sagen, die Liebe soll und muss Reaktionen hervorrufen.

Eine von der Medizin durch das Impfen gewünschte Reaktion ist, dass wir stark werden, dass wir Abwehrkräfte entwickeln. Der Apostel Paulus sagt in seinem Brief an die Korinther, dass die Liebe unheimlich stark wird und stark machen kann, denn sie glaubt alles, hofft alles, hält allem stand. Die Liebe hört niemals auf.

Eine weitere erhoffte und gewünschte Reaktion ist die Immunität. Wogegen könnte Liebe immun machen? Gegen alles, was Menschen und ihre Beziehungen auseinanderbringt: Neid, Misstrauen, Eifersucht, Stolz, Unaufrichtigkeit, Egoismus, Angeberei…

Nicht darin besteht die Liebe, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat. Welche Reaktionen Liebe in Ihrem Leben hervorgerufen hat, das wissen Sie selber am besten: Wie Sie sich kennengelernt haben, wie Sie aufeinander aufmerksam wurden und was sie empfunden haben. Das, was Sie zusammengeführt hat und was sie zusammenhält, ist ihnen so kostbar und wichtig, dass sie es sich von Zeit zu Zeit bewusstmachen wollen oder, medizinisch gesprochen, „auffrischen“ wollen. Vielleicht sind Sie auch deshalb heute Abend hier.

Liebe Liebende, liebe Verliebte, liebe Sonstige, in der gegenwärtigen Impfdiskussion spielt eine Frage immer wieder eine große Rolle, die Menschen aufbringt und Fronten aufeinanderprallen lässt, nämlich die Frage nach den Risiken und Nebenwirkungen.

Kennt Liebe auch Risiken, Nebenwirkungen oder sogar Gefahren? Ich glaube schon, denn Liebe ist mehr als nur ein schönes Gefühl. Liebe ist eine Aufgabe und eine Herausforderung. Deshalb kann Liebe weh tun, sehr weh. Liebe kann schwer sein und schwerfallen. Liebe lässt Menschen ihre Grenzen spüren oder bringt sie an den Rand ihrer Kräfte. Liebe kann auch blind machen. Liebe lässt Menschen manchmal verzweifeln oder gar verrückt werden.

Ich möchte jetzt nicht eine Art Beipackzettel für die Liebe zusammenstellen, nicht dass es Ihnen heute vergeht, so wie wenn man den Medikamentenbeipackzetteln studiert und ernsthafte Zweifel aufkommen, ob man dieses Medikament überhaupt nehmen sollte.

Und trotzdem:  Wir sind alle mit Liebe geimpft. Es liegt nicht nur, aber auch in unserer Hand, was wir aus diesem „Körnchen Wahrheit“ oder dem „Tropfen auf dem heißen Stein“, was sich Liebe nennt, im Leben machen.

Ich möchte schließen mit einem Spruch aus der Werbung, den wir alle in- und auswendig kennen: „Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.“

Nicht darin besteht die Liebe, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat. Wenn Sie damit zum Arzt oder Apotheker gehen, wird Ihnen der vielleicht nicht unbedingt weiterhelfen können. Deshalb möchte ich diesen Spruch ein wenig abwandeln und mit einem Augenzwinkern, aber auch mit einem gewissen Selbstbewusstsein heute am Valentinstag sagen: Zu Risken und Nebenwirkungen fragen Sie den Abt oder den Dekan Weber.

Evangelium: Mk 1,40-45

Liebe Schwestern und Brüder!

In seinem Buch „Die Welt von gestern“ beschreibt Stefan Zweig die Zeit des 1. Weltkrieges als einen persönlichen Einschnitt in seinem Leben aber auch als Zeitenwende; eine Welt hatte ihr Ende gefunden, eine Welt der Ordnung, der Sicherheit, eine gemächliche Welt, so wie er sie in seiner Kindheit und Jugend in Wien erlebt hatte. Ein Kennzeichen der neuen Welt war, dass die Menschen auf ihr Äußeres achtgaben, auf Hygiene, Ernährung, Sport – und er beschreibt: Die Menschen wurden schöner. Wenn vorher das Gesetzte und Betuliche auch als Ideal galt, war es jetzt der jugendliche Körper, der sportliche Mensch. Das ist 100 Jahre her, und ich frage mich manchmal, wie Stefan Zweig wohl unsere Zeit beschreiben würde. Dabei brauche ich gar nicht an die Selbstverständlichkeit von Fitnessstudios denken, sondern ich muss nur sehen, wie anders auch alte Menschen heute aussehen im Vergleich zu früheren Zeiten, wie flott mancher 80jährige daherkommt, was wir für Arzneimittel haben und welche Krankheiten heute für uns keine wirkliche Bedrohung mehr sind. Ich selbst würde nicht mehr hier stehen, wenn es nicht starke und sehr spezielle Medikamente gegeben hätte. Oder wie wir gelernt haben durch einige Hilfsmittel Lebensqualität zu erhalten oft sehr, sehr lange.
Kein Vergleich zu der Welt vor 100 Jahren, und erst recht kein Vergleich zu der Welt vor 2000 Jahren, in der Jesus lebte. Wir verdrängen diese Vorstellung oft, aber es muss ein großes Elend gewesen sein. Wie viel Armut, wie viele Krankheiten, Behinderungen, Beeinträchtigungen, die man gesehen hat, gehört und gerochen hat. Lebensqualität, für viele ein Fremdwort, es ging ums Überleben. Heute begegnet uns im Evangelium ein Aussätziger, ganz selbstverständlich wird davon berichtet, ganz nüchtern, aber welches Leid ist da mit ausgesprochen: Mit welchem Todesurteil ist dieser Mensch unterwegs; und was muss noch alles geschehen, bis er endlich von seinem Leiden erlöst sein wird: Schmerzen, stinkende, faulende Wunden, Gliedmaßen, die sich langsam auflösen, ein völlig entstellter Anblick; dazu Isolation von allen Gesunden, von der Familie, Betteln, um das Nötigste zum Essen zu bekommen; welch eine Gnade, in dieser Situation einen Schlauch Wein zu bekommen, nicht, um ihn zu trinken, zu genießen, sondern, um sich zu betäuben, ein wenig, den Schmerz zu vergessen, zu schlafen, um hoffentlich irgendwann nicht mehr aufzuwachen, der Mensch eigentlich schon lebendig tot. Und was ist das für eine Leistung, sich aus diesem Elend aufzumachen, auf einen anderen zuzugehen und von ihm etwas anderes zu erwarten als ein bisschen Betäubung, von ihm etwas zu erwarten, was über jede Vorstellung hinausgeht? Das ist das eigentliche Wunder in dieser Geschichte, dass der Aussätzige es schafft, so auf Jesus zuzugehen, dass er es schafft, aus diesem Elend so vertrauensvoll in eine persönliche Beziehung einzutreten: „Wenn du willst, kannst du machen, dass ich rein werde“ Diese Bitte ist darum ein tiefes Glaubensbekenntnis, sie enthält alles, weil sie eigentlich sagt: Dir traue ich alles zu, auch das Unmögliche, mir das Leben wieder zu geben. Und es liegt auf der Linie dieses Glaubensbekenntnisses, dass der Aussätzige gar nicht anders kann, als das weiter zu sagen, was an ihm heilvoll geschehen ist, Verbot hin oder her. Hier lässt sich nichts verbieten, es muss einfach raus.

Die Geschichte der Heilung des Aussätzigen ist eine Geschichte, die erzählt, wie Glaube geht. Glaube, bewusster, ausdrücklicher Glaube ist nichts Selbstverständliches, und wenn wir heute manchmal traurig sind über das Verschwinden einer Volkskirche, über Kirchenaustritte usw. dann sagt das alles über diesen bewussten, ausdrücklichen Glauben noch nichts. Vielleicht wurde der immer nur von wenigen gelebt. Vielleicht gab es in der Vergangenheit oftmals ein irgendwie Mitglauben, ein Dazugehören. Darüber darf man traurig sein, denn es ist schade, wenn Menschen eine Beheimatung verlieren, wenn sie sich nicht mehr zugehörig fühlen, nicht mehr angesprochen fühlen, keine Institution mehr haben, die ihnen Werte vermittelt oder aufschließt. Der Mensch aber, der wirklich glaubt, macht sich keine heile Welt vor, er sieht diese Welt, wie sie ist, er nimmt wahr, wie viel es an Leid gibt, an Ungerechtigkeit, an menschlicher Schwäche und Schuld; aber in alledem nimmt er auch das Gute wahr, nimmt er Fügungen wahr, nimmt er eine Spur der Hoffnung wahr, und er weiß, dass das mehr ist als das Schicksalspendel, das eben auch mal auf die Glücksseite zeigt, sondern er weiß sich angesprochen, er weiß sich persönlich gemeint. „Der Glaube sucht über der Gabe den Geber“, so sagt es Dietrich Bonhoeffer, er weiß, dass die Dankbarkeit, die er spürt, die er sich auch bewusst machen kann, die er stärken muss, er weiß, dass diese Dankbarkeit der Kompass für sein Leben wird. Er weiß, dass in dieser Welt voll Unheil, voll Schuld, voll Elend dennoch Heil möglich ist, er weiß letztlich, dass dieses Heil mehr ist, dass es von einer größeren Wirklichkeit kommt und kündet, dass es der Anfang eines ganz großen Heils ist. Der Glaubende hat keine hinreichende Antwort auf die großen Fragen des Leids, aber er wird sich immer herausgefordert fühlen, Leid zu minimieren, Heil zu schaffen und vom Heil zu sprechen, zu verkünden, was ihm selbst geschehen ist.

Der Aussätzige im Evangelium ist in diesem Sinn längst ein Glaubender, noch bevor er Jesus begegnet, er hat das Heil längst, noch bevor es ihm vom Priester bestätigt wird, er wird zum Verkünder des Glaubens, obwohl es ihm von Jesus verboten wurde.

Liebe Schwestern und Brüder, diese Geschichte fasziniert mich, das ist auch der Grund, warum ich daraus keine Faschingspredigt machen wollte, und sie macht mir Mut: Glauben ist möglich, Glauben in diesem Sinn ist heute möglich und unheimlich wichtig; unsere Welt braucht solche Zeugen des Glaubens. Diese Geschichte macht mir aber auch deshalb Mut, weil ich solche Zeugen des Glaubens immer wieder erlebe und zwar nicht nur innerhalb der Kirche, sondern oft auch außerhalb; letztlich kann man sagen: Immer, wo Menschen in dieser Welt, die so voller Elend und Ungutem ist, am Guten festhalten, an einer Hoffnung festhalten, wo sie sich nicht abbringen lassen davon, für Schwächere einzustehen, für eine Wahrheit einzustehen, wo sie für ein gutes Miteinander eintreten und überzeugt sind, dass der Mensch für ein Glück bestimmt ist, überall dort begegnen wir Zeugen des Glaubens. Wir reden in den Kirchen oft von Gnade, von ‚Heiligem Geist‘ und spüren, wie wenig wir (noch) verstanden werden. All das, was in diesen guten, altehrwürdigen Worten versucht wird, anzudeuten, erleben wir in dieser Geschichte. Sie zeigt uns, dass man von der Liebe, die uns umfängt, nie groß genug und nie weit genug denken kann. Vielleicht sind wir als Kirche heute in ganz besonderer Weise herausgefordert, diese Weite der Liebe wahr – und anzunehmen und demütig uns einzugestehen: Das, was wir bezeugen, findet sich oft dort, wo wir es kaum vermuten. Und das lässt hoffen.
Amen.

  1. Sonntag im Jahreskreis (B), 07.02.21                                                          L: Ijob 7,1-4.6-7

                                                                                                                      Ev: Mk 1,29-39

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Seit einem guten Jahr bestimmt Etwas das öffentliche und auch das private Leben in einer Art und Weise, das wir bis dahin kaum für möglich gehalten hätten, nämlich Krankheit. Krankheit: Dafür gibt es Krankhäuser, Ärzte und Apotheken, zumindest in unseren Breiten. Als in China und dann auch bei unseren europäischen Nachbarn die ersten Fälle dieser neuen Krankheit mit dem merkwürdigen Namen Corona auftraten, wähnten wir uns mit unserem Gesundheitssystem in Sicherheit. Wir mussten uns eines Besseren belehren lassen, viel umdenken und dazulernen. Inzwischen ist uns dieser Name hinlänglich bekannt und wir werden langsam auch mit dem vertraut, was sich hinter dem Begriff der Mutationen verbirgt.

Die Geschichte der Menschheit ist auch immer eine Geschichte der Krankheiten und der Art und Weise, wie man damit umgeht. Viele Krankheiten sind im Lauf der Zeit besiegt und ausgerottet worden, aber es war kein Geheimnis, dass es immer noch Krankheiten gibt, die den Menschen sehr gefährlich werden können. Die Weltgesundheitsorganisation WHO sprach immer von einer Krankheit X, die irgendwann, irgendwo und irgendwie auftauchen und ausbrechen wird. Verarbeitet wurde diese Ahnung unter anderem in Science-Fiction Romanen oder Horrorfilmen und sie dienste einer gruseligen Unterhaltung. Jetzt aber ist sie ein Stück Wirklichkeit geworden.

Neulich habe ich gelesen: „Wenn es nicht so lebensgefährlich wäre, könnte man fasziniert auf das blicken, was da mikrobiologisch gerade abläuft.“

Krankheit ist in das Blickfeld des privaten, wie des öffentlichen Lebens getreten. Ich weiß nicht, ob es Ihnen aufgefallen ist, aber Krankheit ist auch das Thema im heutigen Evangelium gewesen, genauso wie dies am vergangenen Sonntag war und wie das am kommenden Sonntag sein wird.

Es geht bei diesen Krankengeschichten in der Bibel aber nicht darum, welche Krankheiten das genau waren, woher sie kamen, welche Ursachen sie hatten, oder wer womöglich Schuld daran war, sondern es geht darum, wie Menschen mit dieser Herausforderung „Krankheit“ umgehen. Vielleicht könnte man es so zusammenfassen, wie ich es auch gelesen habe: Es ist nicht die Frage, ob die Menschheit immer kränker wird, sondern ob die Krankheit menschlicher macht.

Die Geschichte im Evangelium beginnt damit, dass Jesus die Schwiegermutter des Petrus besucht, weil sie krank ist. Für die damalige Zeit sicher eine ungewöhnliche und auch noble Geste, bei der wir uns heute nicht mehr so viel denken, zumindest nicht in unseren Breiten. Die Geschichte beginnt sich dann aber zu weiten. Am Abend war die ganze Stadt vor der Haustür versammelt, heißt es, und man brachte alle Kranken und Besessenen zu Jesus. Krankheit war plötzlich das Thema der ganzen Stadt. Dann weitet sich die Geschichte noch einmal aus: Jesus bleibt nicht in dieser Stadt, sondern er geht in die benachbarten Städte und Dörfer, um zu predigen.

In diesen Geschichten erfahren wir nie etwas darüber, ob Jesus so etwas wie Medikamente hatte und wenn ja, welche, sondern wir hören immer nur davon, dass Jesus Menschen anspricht, sie etwas fragt, dass er sie anschaut, sie berührt, sie aufrichtet und dass er sie wieder am Leben teilnehmen lässt, weil sie ausgeschlossen und ausgestoßen waren. Am kommenden Sonntag heilt Jesus einen „Aussätzigen“. Diese Krankheit, die sich dahinter verbirgt, gibt es heute noch. Sie heißt Lepra und sie ist beherrschbar und heilbar. Der Name Aussatz kommt vom Umgang in der Bekämpfung, man hat die Menschen ausgesetzt und sich selbst überlassen.

Wird die Menschheit immer kränker oder macht die Krankheit menschlicher? Vielleicht liegt das Geheimnis Jesu darin, dass er nicht einfach geheilt hat, sondern dass er in dem Sinn „ansteckend“ sein wollte, dass er Krankheit zum Thema gemacht, sie in das Zusammenleben der Menschen hereingeholt hat, die Menschen ermutigt hat, diese Herausforderung anzunehmen und nicht Sündenböcke zu suchen oder zu finden, mit denen dann die Sache erledigt wird, um von den wahren und wirklichen Problemen abzulenken.

Das ganze Buch Hiob, aus dem wir in der Lesung einen Abschnitt gehört haben, ist eine Auseinandersetzung mit dem Thema Krankheit, aber auch mit der Vorstellung, dass Krankheit immer eine Frage von Schuld ist. Dagegen wehrt sich Hiob mit Händen und Füßen, als ihm seine Freunde eine Mitschuld an seiner Krankheit in die Schuhe schieben möchten. Hiob ist ein Mensch, der mit Krankheit vertraut ist und sich dabei kein Blatt vor den Mund nimmt: Ist nicht Kriegsdienst des Menschen Leben? Ja, das Leben des Menschen wird nicht nur manchmal mit einem Kampf  verglichen, sondern das Leben ist ein Kampf. Gerade hören wir immer wieder im Zusammenhang mit Krankheit, dass um das Leben von Menschen gekämpft wird.

Krankheit ist in diesen Tagen zum Thema geworden, im öffentlichen wie im privaten Leben. Wer hätte das gedacht, und dabei vergessen wir leicht, dass das nicht nur uns betrifft und unser Leben durcheinanderbringt, sondern alle Menschen auf der ganzen Welt.

Was für eine Herausforderung! Sie kann aber auch eine Chance sein, dabei auch und gerade das anzuschauen, woran das Zusammenleben der Menschen und der Menschheit mitunter krankt. Da hat Jesus auch immer wieder einen Finger in offene Wunden gelegt: „Wie geht Ihr eigentlich miteinander um!“

Wird die Menschheit immer kränker oder macht die Krankheit menschlicher?

Liebe Schwestern und Brüder: Ist nicht Kriegsdienst des Menschen Leben? So sagt Hiob in seiner Verzweiflung und er kämpft, aber er sieht sich irgendwie auf verlorenem Posten. Ja, das Leben ist ein Kampf und es lohnt sich dafür und um das Leben zu kämpfen, aber nicht gegeneinander, sondern mit einander.

Ich glaube, auch den Kampf gegen diese Krankheit, die gerade das öffentliche und unser privates Leben bestimmt und gegen das, was womöglich durch Mutationen noch kommt, werden wir nicht gegeneinander, sondern nur miteinander gewinnen. Dazu wollte Jesus anstiften bzw. „anstecken“.

Sind auch der Gefahren viel, die mich hier umtoben,
unverrückbar steht als Ziel mir dein Name droben.
Er ist mir Kraft und Zier, allen Unheils Wende.
Bis zum Guten Ende.

Bis zum guten Ende! Glauben wir an ein solches gute Ende? Seien wir in und mit dieser Hoffnung ansteckend, aber bleiben wir gesund!

 

                                 Lesung: Dtn 18,15-20
                                 Evangelium: Mk 1,21-28

Liebe Schwestern und Brüder!

Von Zeit zu Zeit schaue ich auf die Leserbriefseite einer kleinen aber auflagenstarken Zeitung auf dem Gebiet der neuen Bundesländer. Die Namen derjenigen, die da ihre Meinung veröffentlichen, sind mir großenteils schon vertraut, auch manch bissiger, ja teilweise hasserfüllter Ton, mit dem alles Mögliche kommentiert, bewertet, ja niedergemacht wird, was so von Verantwortlichen in Staat und Gesellschaft gesagt, getan oder entschieden wird. Man kann leicht erkennen, dass es Menschen sind, die auch 30 Jahre nach dem Verschwinden der DDR nichts von ihrer damaligen Überzeugung aufgegeben haben und immer wieder, scheinbar jedenfalls, den Finger in die Wunde legen, dabei Misstrauen schüren, vermeintliche Missstände aufdecken usw. Dass die Kirchen und alles, was irgendwie mit Religion zu tun hat, hierbei ständigen und frontalen Angriffen ausgesetzt sind, darf da nicht verwundern. Und man sollte diese Kräfte nicht unterschätzen, auch wenn man den Eindruck hat, der Osten Deutschlands sei eher empfänglich für Parolen von rechts, letztendlich ist man sich im Ziel recht nahe: Misstrauen säen, Ängste schüren, alles in Frage stellen, letztlich unsere Ordnung zerstören. Mir macht diese Beobachtung große Sorgen.

Warum aber sage ich das?: „In der Synagoge war ein Mensch, der von einem unreinen Geist besessen war. Der begann zu schreien: Was haben wir mit dir zu tun, Jesus von Nazareth? Bist du gekommen, um uns ins Verderben zu stürzen? Ich weiß, wer du bist: der Heilige Gottes?“ Was ist das Besondere an dieser Aussage? Du bist der Heilige Gottes, das ist ein Glaubensbekenntnis, eine theologische Spitzenaussage, wie wir sie auch im Johannesevangelium finden. Und der Heilige Gottes meint, so der Theologe Paul Weß: der Mensch, durch und in dem das Heil Gottes sichtbar wird, und der es anderen vermittelt. Mit dieser Aussage hat der Mann in der Synagoge ganz tief etwas erkannt, fast am Anfang des Evangelium, zu einer Zeit also, als die Jünger wohl noch viel zu lernen haben. Aber dieser Mann verbindet diese Erkenntnis, und das ist der unreine Geist oder das Dämonische, mit einer Absicht, die man Jesus absolut nicht unterstellen kann: Bist du gekommen, um uns ins Verderben zu stürzen. Hier wird nur rhetorisch eine Frage gestellt, es geht um eine Unterstellung. Der Heilige Gottes, er ist gekommen, um kaputt zu machen, um zu zerstören, um zu verderben. Das ist eine gefährliche Unterstellung, und wir können erkennen, wie hier etwas zutiefst Richtiges gebraucht und verzweckt wird zu einer boshaften und schrecklichen Lüge. Auf diese dämonische Gewalt kann auch Jesus nicht anders reagieren als mit dem Befehl: Schweig und verlass ihn! Hier gibt es nichts zu diskutieren, hier gibt es kein Ja-Aber, oder eine anderweitige Richtigstellung, hier gibt es nur eine ganz klare Entscheidung. Und es weist Jesus noch einmal als den Heiligen Gottes aus, wenn er hier eine ganz klare Scheidung vollzieht.

Der Heilige Gottes, gekommen um Menschen ins Verderben zu stürzen, nein, das ist nie und nimmer Botschaft und Auftrag Jesu, er ist immer derjenige, der das Heil will, Versöhnung, Glück, Leben – das Reich Gottes eben. Das steht am Anfang seiner Botschaft, das steht am Anfang des Markusevangeliums und dieser Gedanke lässt sich verfolgen durch alle Szenen dieses Evangeliums hindurch. Wir sind richtig und in guter Gesellschaft, wenn wir, wie die Menschen damals in der Synagoge von Kafarnaum, immer wieder staunen über Lehre und Leben Jesu, über seine Botschaft, die tatsächlich heil macht und wenn wir ihm zutrauen, dass seine Botschaft wirklich Macht hat auch über alle dämonische und zerstörerischen Kräfte.

Und dazu noch einige Gedanken: Diese dämonische Macht begegnet uns in vielen Facetten. Oft tritt sie unter dem Anspruch auf, irgendwelche Wahrheiten aufzudecken, ans Licht zu bringen. Und oft geschieht dabei, dass etwas punktuell Richtiges so in einen Kontext gestellt oder so verabsolutiert wird, dass am Ende keine Wahrheit da steht, sondern genau das, was im Evangelium benannt wird: Zerstörung, Verderben. Menschen werden dabei  zu Opfern.

Ehepartner, die sich getrennt haben, Menschen also, die sich einmal geliebt haben, die zusammenleben wollten bis ans Ende des Lebens, Menschen, die viel über einander wissen; und plötzlich wird aus dem Gemeinsamen und der Vertrautheit ein Gegeneinander, die Schwachstellen und wunden Punkte des anderen werden in die Öffentlichkeit gezerrt, die sogenannte schmutzige Wäsche gewaschen. Oder Sie haben einem Menschen vertraut: Mit demjenigen verbindet mich etwas, ihm kannst Du alles sagen, so haben Sie vielleicht gedacht. Und dann nach einem Streit oder Bruch, erleben Sie, wie all das gegen Sie verwendet wird, was Sie vielleicht in bester Absicht getan oder gesagt haben.

„Fake News“ machen uns heute in den neuen Medien schwer zu schaffen, auch wenn sie keine neue Erfindung sind, die Frage, was oder wem kann ich überhaupt noch glauben, irgendetwas ist ja immer richtig.

Und wie gehen wir um mit dieser dämonischen Kraft? Manchmal wird dieses „Schweig und verlass ihn“, das Einzige und Beste sein, was uns zu tun bleibt. Es gibt dann nichts zu diskutieren und zu verhandeln, wenn der andere mir Böses will.

Und wie kann ich mich selbst davor bewahren, das ist die viel wichtigere Frage, dass ich nicht selbst zum Handlanger solcher dämonischen Kräfte werde? Die Frage könnte auch heißen: Wie kann ich wirklich und ehrlich Mensch bleiben?

Der heilige Benedikt gibt dem Abt (und eigentlich allen im Kloster) einen wichtigen Rat: „Er mache alles Gute und Heilige mehr durch sein Leben als durch sein Reden sichtbar.“ Das heißt, noch bevor Du überhaupt anfängst zu kritisieren und zu ermahnen, schau erstmal auf dich selbst, versuche das richtig zu machen, damit andere von Dir lernen können.

Und dann bleibt die Liebe zur Wahrhaftigkeit, die etwas ganz anderes und viel mehr ist als punktuelle Richtigkeit. Dabei ist aber zu bedenken: Wahrhaftigkeit ohne Liebe macht kritiksüchtig, sagt der chinesische Philosoph Laotse – Und Sucht ist nie gut.

Liebe ohne Wahrheit bessert nicht, aber Wahrheit ohne Liebe heilt nicht. So finden wir es von Carl Hilty gesagt, einem Schweizer Theologen vor 100 Jahren.

Und schließlich Dietrich Bonhoeffer: Erkenntnis, Wissen, Wahrheit ohne Liebe ist nichts, sie ist nicht Wahrheit – denn Wahrheit ist Gott und Gott ist Liebe – darum ist Wahrheit ohne Liebe Lüge.

Unsere christliche Tradition kennt ein großes Gebet, manchmal wird es dem heiligen Franziskus zugeschrieben. Ich glaube dieses Gebet ist ein wichtige Hilfe, wenn ich selbst ein Opfer dämonischer Macht werde, gleichzeitig kann es mich davor bewahren, hier, vielleicht unbewusst zum Mittäter zu werden:

Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens, dass ich liebe, wo man hasst; dass ich verzeihe, wo man beleidigt; dass ich verbinde, wo Streit ist; dass ich die Wahrheit sage, wo Irrtum ist; dass ich den Glauben bringe, wo Zweifel droht; dass ich Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quält; dass ich Licht entzünde, wo Finsternis regiert; dass ich Freude bringe, wo der Kummer wohnt. Herr, lass mich trachten, nicht, dass ich getröstet werde, sondern dass ich tröste; nicht, dass ich verstanden werde, sondern dass ich verstehe; nicht, dass ich geliebt werde, sondern dass ich liebe. Denn wer sich hingibt, der empfängt; wer sich selbst vergisst, der findet; wer verzeiht, dem wird verziehen; und wer stirbt, der erwacht zum ewigen Leben.
Amen.

 

Darstellung des Herrn, 02.02.21                                                                  L: Mal 3,1-4

                                                                                                               Ev: Lk 2,22-40

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Unter den Möglichkeiten, wie sich Menschen begrüßen, haben sich ganz unterschiedliche Formen und Rituale entwickelt. Wir erleben gerade eine Zeit, in der wir dabei kreativ sein müssen und sich neue Formen herausbilden, da der Handschlag bzw. das Geben der Hand oder eine Umarmung nicht mehr so ganz unbedenklich sind.

Ich hoffe aber, dass es auch wieder anders wird!

Darüber hinaus sind den Worten, die sich Menschen zur Begrüßung sagen, schier keine Grenzen gesetzt.

Wann folgender Zuruf, den Sie vielleicht auch schon gehört oder selbst gebraucht haben, entstanden ist, weiß ich nicht: „Na, du altes Haus!“
Das hört sich zunächst einmal nicht sehr schmeichelhaft an, aber es hat durchaus etwas Freundschaftliches und auch Vertrautes an sich und ist nicht vom Lebensalter der Menschen abhängig. Selbst junge Menschen sagen zu einander: „Na, Alter“, dem man in Gedanken noch „Bekannter“ hinzufügen könnte: „Na, du alter Bekannter!“ „Na, du altes Haus!“

Vielleicht hat die Verbindung von „alt“ und „Haus“ sogar noch einen tieferen Sinn, der in einem mehr oder weniger bekannten Lied so zum Ausdruck kommt.

Das alte Haus von Rocky Docky hat vieles schon erlebt, kein Wunder, dass es zittert, kein Wunder, dass es bebt…

Nicht nur Häuser erleben etwas, das sie zittern und beben lässt, sondern vor allem Menschen erleben etwas, was ihnen lange nachgeht, was ihnen vielleicht noch nach Jahren anzusehen oder anzumerken ist und worüber sie im vertrauten Kreis erzählen können und vielleicht sogar wollen: Na, du altes Haus!

Im Evangelium, das wir gerade gehört haben, kommen tatsächlich alte Menschen vor, Simeon und Hanna. Meistens gerät jedoch Hanna sehr schnell wieder in den Hintergrund, da von ihr, im Gegensatz zu Simeon, keine persönlichen Worte überliefert sind. Dabei sagt das, was in wenigen Worten über sie gesagt wird, sehr viel mehr aus. Damals lebte auch eine Prophetin Hanna, eine Tochter Penuels, aus dem Stamm Ascher. Sie war schon hochbetagt. Als junges Mädchen hatte sie geheiratet und sieben Jahre mit ihrem Mann gelebt; nun war sie eine Witwe von 84 Jahren. Sie hielt sich ständig im Tempel auf und diente Gott Tag und Nacht mit Fasten und Beten.

Hat vieles schon erlebt… Ich finde es bemerkenswert, dass hier nicht nur ein Detail, sondern irgendwie ihre ganze Lebensgeschichte Eingang gefunden hat. Ja, diese Frau hat wahrscheinlich viel erlebt, auch solches, was sie zittern und beben ließ oder immer noch lässt.

Auch wenn der allergrößte Teil ihres Lebens schon hinter ihr liegt, so hat es den Anschein, dass sie nicht in der Vergangenheit lebt, sondern sie lebt sehr bewusst und hellwach in der Gegenwart ein für sie sinnvolles Leben, das auch eine Zukunft hat und das in die Zukunft weist: Da ist noch etwas! Da kommt noch etwas!

Mit dieser Begegnung, die da geschildert wird, gehen ihre Hoffnungen dieser für die Zukunft in Erfüllung. Mit diesem Jesus Kind kommt für Hanna kein Unbekannter, sondern ein erwarteter Bekannter, ein Freund, ein Freund des Lebens, der um ihr Leben weiß und dem man auch erzählen kann, was sich im Leben ereignet hat.

Das Haus von Rocky Docky sah Angst und Pein und Not.
Es wartet jeden Abend aufs neue Morgenrot.
Das alte Haus von Rocky Docky hat vieles schon erlebt, kein Wunder, dass es zittert, kein Wunder, dass es bebt…


Liebe Schwestern und Brüder, Lebensgeschichten gibt es so viele, wie es Menschen gibt. Jede ist einzigartig und damit auch kostbar, egal wie alt ein Mensch werden darf.

Heute am 2. Februar jährt sich zum 76-sten Mal der Todestag des Jesuitenpaters Alfred Delp, der von den Nationalsozialisten im Alter von nur 37 Jahren hingerichtet wurde. Er war also noch nicht alt, aber er hatte in seinen jungen Jahren viel zu sagen und viel zu erzählen.

Derzeit lesen wir in unserer Gemeinschaft ein Buch mit verschiedenen Aufsätzen über sein Leben und seine Aufzeichnungen, die aus der Todeszelle im Gefängnis herausgeschmuggelt wurden. Gedanken, die im Angesicht des eigenen Todes weit über sein Leben hinausreichten. Er machte sich auch viele Gedanken darüber, wie in unserem Land das Leben nach der Nazidiktatur ausschauen könnte. Er selber hat es nicht mehr erlebt, denn er starb am 2. Februar 1945. Manches davon ist in Erfüllung gegangen, wir dürfen es leben und erleben, Anderes ist nicht in Erfüllung gegangen oder es steht noch aus.

Vielleicht fasst ein kurzes Zwiegespräch, das ich neulich gelesen habe und so auf die „Grußformel“ vom „alten Haus“ gekommen“ bin, etwas flapsig zusammen: „Manchmal sage ich vor dem Spiegel: Na, du altes Haus, eigentlich haben wir uns das Leben ganz anders vorgestellt. Dann lachen wir beide.“

Um es mit den Worten von Alfred Delp wieder etwas ernster, aber sehr zuversichtlich und doch fröhlich zu sagen: Lasst uns dem Leben trauen, weil Gott es mit uns lebt. 

Liebe Schwestern und Brüder, vielleicht finden wir Formen und Rituale, um uns das irgendwie zu zeigen oder mit anderen Worten zu sagen, als: Na, du altes Haus!

Lasst uns dem Leben trauen, weil Gott es mit uns lebt!

 

  1. Sonntag im Jahreskreis (B) 24.01.21
                                                                                                          L: Jona 3,1-5.10

                                                                                                             Ev: Mk 1,14-20

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Es gibt Ereignisse und Erlebnisse im Leben von uns Menschen, die sich so tief einprägen, dass man sich noch nach Jahren an diverse Einzelheiten erinnern kann oder ganz genau weiß, wie und was sich damals zugetragen hat, sei es positiv oder negativ.

In der vergangenen Woche, genauer gesagt am Mittwoch, dem 20. Januar, war für mich so ein Tag, der mir in Erinnerung, in wirklich schmerzlicher Erinnerung ist. Am 20. Januar 1992 bin ich auf einem schneeglatten Weg ausgerutscht. Es ging alles ganz schnell. Plötzlich saß ich auf dem Boden. Ich konnte zwar wieder aufstehen, aber ich merkte, dass irgendetwas nicht in Ordnung war. Eine Ordensfrau, die einmal Krankenschwester war, sah es mit einem Blick: „Sie haben sich die Schulter ausgerenkt. Sie müssen ins Krankenhaus!“ Dort wurde meine Schulter dann wieder eingerenkt. Und das weiß ich noch ganz genau, wie sich das angefühlt hat, wie das „geknackt“ hat, am 20. Januar 1992.

Und an noch etwas kann ich mich ganz genau erinnern. Als ich dann am nächsten Tag wieder in die Schule kam und meinem Griechischlehrer über den Weg lief, meinte der: „Herr Eller, Sie haben den Kairos erkannt und sich die linke Schulter ausgerenkt, damit Sie mit rechts weiterhin schreiben können: Vorbildlich, vorbildlich!“ Ehrlich gesagt war mir das in diesem Moment ziemlich egal.

Der Kairos gehörte zu seinen Lieblingsworten, das er bei allen möglichen und unmöglichen Gelegenheiten bemühte, und auf dem er auch richtig „herumreiten“ konnte. Der Kairos war ein wichtiger Begriff der griechischen Philosophie.

Der Kairos, das ist der richtige Augenblick, auf den es im Leben immer wieder ankommt. Auch wenn ich Griechisch nicht unbedingt gemocht habe, so ist doch etwas hängen geblieben. Der Kairos wird in der griechischen Mythologie als Jüngling dargestellt, dessen Hinterkopf kahlgeschoren ist, der aber vorne einen langen Haarstrang trägt. Und von dieser Darstellung leitet sich vermutlich unser deutscher Spruch ab: Die Gelegenheit beim Schopf packen. Also der richtige Augenblick, der Kairos.

Auch solche Erlebnisse und Ereignisse prägen sich tief in unsere Gedanken ein. Vielleicht haben Sie auf Anhieb einen solchen Augenblick parat, bei dem Sie nicht nur die Gelegenheit beim Schopf gepackt haben, sondern durch den sich auch Ihr Leben verändert hat, oder von dem Sie genau wissen, dass Ihr Leben anders verlaufen wäre, wenn Sie es nicht getan hätten.

Die Zeit ist erfüllt! So haben wir heute im Evangelium Jesus sagen hören. Man könnte es auch so sagen: Es ist eine Situation eingetreten, in der man die Gelegenheit beim Schopf packen kann aber auch packen muss. Den richtigen Augenblick, den Kairos erkennen.

Die Menschen, auf die Jesus da trifft, die Brüder Andreas und Simon, Jakobus und Johannes erleben und empfinden es auch so. Sie fühlen sich so angesprochen, dass sie die Netze liegen lassen und Jesus nachfolgen. Sie packen die Gelegenheit beim Schopf. Damit verändert sich Leben, nicht nur ihr eigenes, sondern auch das Leben derer, die sie zurücklassen. Und wenn man nicht nur zurückblickt, sondern in die andere Richtung schaut, dann könnte man sagen, auch unser Leben hat sich dadurch verändert. Wenn damals Menschen, diese Menschen nicht den richtigen Augenblick erkannt, die Gelegenheit nicht beim Schopf gepackt hätten, wären wir heute vielleicht gar nicht hier, dann wäre die Geschichte der Welt womöglich ganz anders verlaufen. Wie, das wissen wir nicht.

Die Zeit ist erfüllt! Die Gelegenheit beim Schopf packen. Das war auch Thema in der Lesung aus dem Buch Jona. Die Zeit war in dem Sinn erfüllt, dass es reichte, dass es so nicht mehr weitergehen konnte. Menschen haben Warnungen oder Anzeichen ernst genommen und ihr Leben oder etwas im Leben verändert, und sie sind so einem Unglück entgangen.

Die Zeit ist erfüllt! Wann ist das? Wann ist die Zeit erfüllt? Woran macht man das fest? Würden Sie auch unsere Zeit als eine solche „erfüllte Zeit“ bezeichnen? Ich weiß, im Nachhinein tut man sich immer leichter, wenn man weiß, wie es ausgegangen ist. Aber wenn man sich in einer konkreten Situation befindet, was dann? Ich denke, jede Zeit ist so eine Zeit, in der Zeit im Sinne Jesu erfüllt ist, weil jede Zeit und die dazugehörenden Umstände Gelegenheiten bietet, die man ergreifen, die man beim Schopf packen muss.

Vor einem Jahr, so stand es gestern in der Zeitung zu lesen, wurde zum ersten Mal das Virus in Deutschland nachgewiesen. Es hat die Welt verändert und es wird noch manches in unserer Welt und in unserem Leben verändern.

Die Zeit ist erfüllt! Damit ist nicht einfach etwas fertig und abgeschlossen, sondern es ist ein Neubeginn. Das Reich Gottes ist nahe, sagt Jesus. Kehrt um und glaubt an das Evangelium. Reich Gottes, ein neues Leben, ein anderes Leben, eine andere Sicht des Lebens. Das haben wir in diesem Jahr schon gelernt oder auch lernen müssen. Reich Gottes ist nicht zu verwechseln mit einfach nur bequem.

Die Zeit ist erfüllt! Dabei denke ich auch an den Bundesgesundheitsminister. Wer hat denn früher den Namen des Bundesgesundheitsministers gewusst? Heute ist er sozusagen in aller Munde: Jens Spahn. Wissen Sie noch, wie seine Vorgänger geheißen haben? Ich musste auch nachschauen: Hermann Gröhe und Daniel Bahr. Durch die gegenwärtigen Umstände ist dieser Minister ins Licht der Öffentlichkeit gerückt. Das ist nicht nur angenehm. Ich möchte mit ihm nicht tauschen. Im April letzten Jahres hat er folgenden Satz gesagt, den ich mir gemerkt habe: „Ich bin ganz neidisch auf alle, die schon immer alles gewusst haben.“

Nicht nur von seinen Entscheidungen wird es abhängen, wie sich die Situation weiterentwickelt, sondern auch von all den Menschen, die die Möglichkeiten wahrnehmen, die sie haben und die Gelegenheit beim Schopf packen, wodurch sie etwas beitragen können: Abstand halten, Kontakte vermindern, Maske tragen und zum Impfen gehen, wenn es soweit ist.

Kairos, Gelegenheiten beim Schopf packen, Entscheidungen treffen. Das fordert heraus, das geht nicht ohne Bedenken oder Ängste. Die Psychologie kennt eine Kairophobie, eine Angststörung, die Menschen entscheidungsunfähig macht. Ein Vermeidungsverhalten löst das andere ab. Die Zeit ist dann nicht erfüllt, sondern sie verrinnt, sie wird leer und gestaltlos. Und Menschen kommen nicht zu dem, was sie eigentlich brauchen und wollen: Erfüllung. 

Die Zeit ist erfüllt! Nicht immer bedeutet das Dramatik oder Ausnahmesituation, sondern Zeit setzt sich aus vielen kleinen Augenblicken zusammen, die Leben eine Richtung und Gestalt geben.

Ich habe begonnen mit meiner Erinnerung an den 20. Januar 1992. Vier Jahre Lernen auf dem zweiten Bildungsweg gingen in die Zielgerade zum Abitur. Deshalb hat mein Griechischlehrer gesagt, sie können mit rechts weiterschreiben, nämlich die letzten Schulaufgaben.

Diese vier Jahre kannten Höhen und Tiefen, Begegnungen und Kontakte. Wenn ich diese Schule nicht besucht hätte, dann hätte ich wohl nicht einen fr. Matthäus aus Scheyern kennengelernt, der dort mal zu Besuch war. Mit ihm sind zum ersten Mal der Ort und das Kloster Scheyern in meinem Blickfeld aufgetaucht. Mein Leben wäre vermutlich anders verlaufen. Wie, das weiß ich nicht. 

Begegnungen mit Menschen sind nie folgenlos, es geht uns immer etwas nach, auch wenn wir es nicht immer gleich merken. Das war bei den Jüngern und Jesus so, das war bei mir so und das wird auch bei Ihnen so sein, wenn Sie vielleicht einen „Menschen fürs Leben“ kennengelernt haben. Die Zeit ist erfüllt, den richtigen Augenblick erkennen, die Gelegenheit beim Schopf packen. Vielleicht können Sie mir zustimmen oder mit mir einstimmen:

Herr, du bist mein Leben, Herr du bist mein Weg.
Du bist meine Wahrheit, die mich leben lässt.
Du rufst mich beim Namen, sprichst zu mir dein Wort.
Und ich gehe deinen Weg, du Herr gibst mir den Sinn.
Mit dir hab ich keine Angst, gibst du mir die Hand.
Und so bitt ich, bleib doch bei mir.

 Die Zeit ist erfüllt!

 

 

                                      Lesung 1 Sam 3,3b-10.19

                                      Evangelium: Joh 1,35-62

Liebe Schwestern und Brüder!

„Wie Gott ruft“, so hieß ein Buch, das mir vor vielen Jahren einmal in die Hände gekommen ist. In dem Buch ging es, in meiner Erinnerung, vor allem darum, dass Priester von ihrem Lebensweg berichtet haben, dass beschrieben wurde, wie man eine Ahnung von dem Gott bekommen hat, der mich meint, ganz persönlich, wie Menschen geführt wurden, welche Entscheidungen nötig waren, welche Entwicklungen bis dahin, dass jemand schließlich bei seiner Diakonen- oder Priesterweihe sagen konnte: Hier bin ich Herr! Ganz selbstverständlich bezog man das Wort Berufung auf einen speziellen Dienst in der Kirche, den des Priesters. Natürlich ist das nicht falsch, aber heute scheint mir noch etwas anderes wichtiger und grundsätzlicher zu sein, die Tatsache, dass Gott überhaupt und wirklich beruft zu einem Leben als Christ, dass es auch hier eine Aufmerksamkeit braucht, eine bewusste Entscheidung, eine Antwort. Diese Berufung zum Christsein ist keineswegs selbstverständlich, auch wenn man in früherer Zeit nicht viel davon gesprochen hat, es war halt so. Auf zwei Probleme möchte ich dabei besonders eingehen. Zum einen ist es die Frage vieler, besonders junger Menschen: Meldet dieser Gott sich überhaupt einmal, bekomme ich etwas mit von ihm, meint er mich wirklich persönlich, spricht er mich an. Und die zweite Frage: Wenn es denn so etwas wie Berufung gibt, muss ich diese Berufung in dieser Kirche leben, die solch einen schlechten Ruf inzwischen hat, in der so vieles einfach festgefahren ist und in der ich selbst mich vielleicht auch gar nicht richtig wohlfühle.

Die Erzählung aus dem Buch Samuel kann in diesen Fragen sicher manche Hilfe geben. Gott beruft den jungen Samuel, wie wir gehört haben, in einer ganz alltäglichen menschlichen Situation, nachts im Schlaf. Und es braucht mehrere Anläufe, bis deutlich wird, nein es war nicht der alte Priester Eli, der den Samuel gerufen hat, der eine konkrete Bitte hatte, vielleicht eine Hilfe brauchte o. ä. Samuel kannte den Herrn noch nicht, so heißt es, also ihm war dieses Rufen fremd, er hatte keine Möglichkeit, es richtig zu deuten. Aber der alte Eli erkennt schließlich: dieses Rufen, das ist die Stimme Gottes. Gott ruft, vielleicht ganz unbestimmt, und er tut es oft nicht in einer eindeutigen und ganz besonderen Weise, sondern er tut es so, dass wir seine Stimme verwechseln können. Und die große Frage ist: Wenn Gott ruft, können wir ihn verstehen, können wir ihn hören, können wir seine Sprache deuten? Vielleicht ist das eine große Not unserer Zeit, dass wir technisch bestens ausgerüstet sind, um alle möglichen Nachrichten zu senden und zu empfangen, dass uns aber die Antenne für Gottes Stimme ein wenig verkümmert ist. Und dabei gibt es in jedem Leben Zufälle, Ereignisse, Fügungen, „Glück-gehabt-Situationen“, an denen wir gar nicht wirklich vorbei gehen können als bewusst lebende Menschen. Jedes Mal, wenn ich an einer Unfallstelle vorbeifahre, kommt mir der Gedanke: Wie schnell könnte ich derjenige sein, der da jetzt liegt, wie oft bin ich einfach bewahrt worden? Wie oft gibt es das große Gefühl der Dankbarkeit für einen gelungenen Tag, für eine Begegnung, für ein Natur- oder Kunsterlebnis – entdecken wir darin die Stimme Gottes? Ich erinnere mich an eine Bergwanderung, die ich mit Jugendlichen gemacht habe, es war ein wunderschöner Tag, ich war ganz erfüllt und hab mich auf die Badewanne und mein Bett gefreut, und als unser Bus fast zuhause an einer Tankstelle vorbeifuhr, sagte einer der Jugendlichen: Boah, heute ist der Sprit ganz billig, da muss ich sofort noch tanken fahren. Kann es sein, dass diese Geschäftigkeit uns die großen Erlebnisse nicht wirklich auskosten lässt, dass wir Gott immer wieder davon laufen. Oder dass ein Text mich tatsächlich ansprechen kann, ein Lied, ist das noch möglich, wenn ich unter Dauerberieselung stehe, wie viele junge Menschen sie häufig erleben. Oder dass ein Ereignis wie Corona einmal von den üblichen Fragen und Themen wegführt: Impfung, Inzidenzwerte, Lockdown, Distanzunterricht, Maske, Querdenken usw. hin zu der Frage: Kann das auch eine Botschaft von Gott sein, kann diese Zeit ein Geschenk von ihm sein, dass sich in der Stille und im Zurücknehmen etwas meldet, was sonst zu kurz kommt. Die Geschichte des jungen Samuel sagt dabei etwas Wichtiges: Ich kann die Stimme Gottes nicht allein deuten, ich brauche sozusagen eine Erfahrenen, einen Lehrer. Die Tradition der Kirche kennt dafür unterschiedliche Bezeichnungen: Seelsorger, Beichtvater, geistlicher Begleiter, Seelenführer. Suchen wir solche Menschen, mit denen wir über unsere Erfahrungen sprechen können, die uns etwas deuten können, die uns vielleicht auch anfragen oder korrigieren? – Das ist die eine Frage und die andere: Sind wir selbst auch bereit, für andere solch ein Ansprechpartner zu sein, gemeinsam mit ihm auf Gott zu hören, seine Wirklichkeit auszusprechen oder bleiben wir in unserm Denken und Reden selbst nur an den ganz praktischen Dingen hängen, an dem, was ohnehin klar ist, was sich mit Händen greifen lässt. Der alte Priester Eli hat sich dreimal wecken und von dem jungen Samuel herausfordern lassen.

Und damit bin ich bei der Frage, die ich hier auch nur in aller Kürze anreißen kann: Muss ich meine Berufung in dieser Kirche leben, die heute so angefragt ist, die auch sicher vieles falsch gemacht hat und vielleicht auch heute noch oder wieder falsch macht. Und eine kurze Antwort möchte ich geben, die heißt: Du bist doch selbst diese Kirche, ein Teil davon. Und wenn Du wirklich Berufung erlebst, wenn Du wirklich Gott erfahren hast, wie denn anders als in dieser Gemeinschaft, durch ihr Vorwissen, durch eine gewisse Prägung, durch Menschen, die diese Gemeinschaft ausmachen, durch die Botschaft, die von dieser Gemeinschaft weitergetragen wird trotz aller Fehler, trotz aller Entstellungen, trotz aller Menschlichkeit, Schwäche und Schuld. Der alte Priester Eli hätte allen Grund gehabt, seine Glaubensgemeinschaft zu verlassen, haben doch seine eigenen Söhne ihren Priesterdienst miserabel ausgeführt. Der alte Priester Eli hat sich bestimmt sehr dafür geschämt. Und doch begegnet Gott dem jungen Samuel im Tempel eben dieser Gemeinschaft. Wir können jedem, der fragt sagen: Du bist diese Kirche, und wenn Du etwas von Gott erfahren hast, dann braucht diese Gemeinschaft dich am allermeisten. Ich bin in einem Gästehaus der Franziskaner vor einigen Jahren einmal auf einen Text gestoßen, der hieß: Bausteine für einen Lebensentwurf, nach Franz und Clara von Assisi. Dieser Text beginnt mit den einfachen Sätzen: „Du bist einmalig. In dir steckt eine Idee Gottes. Dein Leben ist die Geschichte der Begegnung mit ihm.“ Und bezogen auf die konkrete Kirche sagt der Text: „Lebe solidarisch in der konkreten Kirche. Stelle deine Fragen und benenne die Ungereimtheiten. Aber grenze weder dich selbst noch andere aus.“ Damit kann ich gut leben.

Liebe Schwestern und Brüder, lassen Sie sich ansprechen von Gott und den Menschen, leben Sie ihre Berufung als Christ bewusst und lassen Sie sich ihren Platz in der Kirche von niemandem streitig machen.
Amen.

Erscheinung des Herrn, 06.01.21                                                                 L: Jes 60,1-6

                                                                                                               Ev: Mt 2,1-12

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Als sie den Stern sahen, wurden sie von sehr großer Freude erfüllt! So heißt es heute fast beiläufig im Evangelium, das wir gerade gehört haben. Aber dieser Satz bedeutet mehr, viel mehr. Er bedeutet, dass sie, die Weisen, die Sterndeuter oder die drei Könige jetzt am Ziel ihrer langen Reise, von der wir gar nicht genau wissen, wie lange sie eigentlich gedauert hat, angekommen sind. Ihr Suchen hat damit nicht einfach ein Ende, sondern es hat eine Erfüllung.

Als sie den Stern sahen, wurden sie von sehr großer Freude erfüllt! Was werden diese Weisen, Sterndeuter, Könige oder was immer sie waren, gedacht haben? Hatten sie jetzt nur noch Augen für das Ziel: Das Kind in der Krippe, also den neugeborenen König der Juden? Haben sie in diesem Augenblick auch noch an den Weg gedacht, den sie zurückgelegt hatten? Hatten sie das, was sie bisher erlebt hatten, schon vergessen?

 „Der Weg ist doch das Ziel“, so heißt es dann und wann. Ich glaube, dass das nicht so ganz stimmt. Der Weg ist der Weg und das Ziel ist das Ziel. Beide aber sind untrennbar miteinander verbunden. Der Weg gehört zum Ziel, er führt ja hin zum Ziel und deshalb gehört er ganz entscheidend zum Ziel. Vielleicht macht der Weg das Ziel noch kostbarer, noch eindrucksvoller, noch bedeutender, noch glänzender, noch heller.

Als sie den Stern sahen, wurden sie von sehr großer Freude erfüllt! Ich habe hier in der Hand einen Stern. Es ist nicht der Stern von Bethlehem, aber es ist ein Stern, der eine Geschichte hat, ein Stern, der einen Weg mit einschließt.

Heute vor einem Jahr wurde im Bayerischen Fernsehen in der Reihe „Zeit und Ewigkeit“ ein Beitrag zum Dreikönigsfest ausgestrahlt, bei dem ich mitwirken durfte und bei dem dieser Stern als Aufhänger für ganz unterschiedliche, ja vielleicht merkwürdige Wege diente. Manche können sich vielleicht noch daran erinnern, dass ich letztes Jahr am Ende dieses Gottesdienstes darauf hingewiesen habe, dass Sie etwas verpasst haben, weil die Sendung zeitgleich ausgestrahlt wurde. Manche werden den Beitrag dann in der Mediathek angeschaut haben, in der er bis gestern noch zu finden war. Jetzt nach einem Jahr ist er gelöscht worden.

Dieser Stern ist einer der ersten von mehreren tausend Sternen, die Frau Gertraud Gietl aus unserer Pfarrgemeinde in über 16 Jahren unermüdlich aus Spänen gefertigt hat.

Aus Zuschriften weiß ich, dass dieser Beitrag damals Menschen sehr berührt hat und dass es sogar Anfragen gab, ob sie nicht auch Späne von mir bekommen könnten. Als ich Frau Gietl davon erzählt habe, meinte sie ganz selbstbewusst, ich solle mir nur nicht zu viel auftun, denn zuerst müsse ich ja sie mit Spänen beliefern.

Was die allermeisten Zuschauer wohl nicht wissen ist, dass für Frau Gietl wenige Wochen nach der Sendung dieser Satz: „Als sie den Stern sahen, wurden sie von sehr großer Freude erfüllt!“ Wirklichkeit wurde, da sie im März am Ende und am Ziel ihres Lebens angekommen war. Auch daran erinnert mich heute dieser Stern. Es war mir heute ein Anliegen an Frau Gietl zu erinnern, denn ihre Sterne leuchten immer noch am Christbaum in unserem Seitenschiff der Basilika.

Als sie den Stern sahen, wurden sie von sehr großer Freude erfüllt! Der Weg ist nicht das Ziel, aber er gehört zum Ziel und er führt zum Ziel. Was die Weisen oder die Könige damals gedacht haben? Wir wissen es nicht, aber wir können es vermuten, vielleicht auch erahnen, wenn wir auf unsere Wege und Ziele in unserem Alltag schauen, wie die ablaufen, wie sich die ereignen. Meistens erleben wir das nicht als „filmreif“.

Bei diesen Überlegungen helfen mir die Erfahrungen und Erlebnisse, wie so ein Film in der Reihe von Zeit und Ewigkeit entsteht, von dem die Zuschauer – wie bei jedem anderen Film auch – nur das fertige Produkt kennen, das einen Anfang und eben auch Ende hat und wo sozusagen immer das eine auch das andere ergibt.

Aufgenommen werden die einzelnen Szenen in einer ganz anderen Reihenfolge, so wie es für die Technik und Logistik praktisch ist, aber nicht so, wie es für den Inhalt einen Sinn ergibt. Das geschieht erst am Schluss, wenn „alles im Kasten ist“, wenn alle Szenen aufgenommen sind. Dann erst werden sie zusammengefügt und ergeben den Film.

Jedes Jahr hören wir am heutigen Fest die Geschichte dieser Weisen aus der Hand des Evangelisten Matthäus. Sie hat einen Anfang, an dem der Stern aufgeht, und sie hat ein Ende, ein Ziel, an dem der Stern stehen bleibt. Ob sich das auch so ereignet hat oder ob das alles viel verwirrender oder, im wahrsten Sinn des Wortes, noch abwegiger war?

Egal, wie dieser Weg verlaufen ist, es war ein Weg mit vielen Fragen. Es war ein Weg der Fragen. Diese Menschen haben sich dabei durchgefragt und festgestellt, dass nicht alle Antworten zielführend waren. Das wichtigste auf diesem Weg aber ist gewesen, dass sie nicht aufgehört haben zu fragen. Der Weg zu dem, den wir auch Erlöser nennen, sind Fragen, viele Fragen. Er hat eine Lösung, auch wenn diese nicht unbedingt auf der Hand liegt. Vielleicht ist das auch der feine Unterschied zwischen Lösung und Erlösung.

Liebe Schwestern und Brüder, wir leben in einer Zeit und in Umständen, die viele Fragen hat und Fragen aufwirft. Nicht alle Antworten sind zielführend. Das wichtigste ist auch hier, nicht auf dem Weg stehen zu bleiben und nicht aufzuhören, Fragen zu stellen.

Die heilige Theresia von Avila fasst das mit ihren Worten so zusammen:
Gott ist so groß,
dass er es wohl wert ist,
ihn ein Leben lang zu suchen.

Der Weg ist nicht das Ziel, aber er gehört zum Ziel, er führt hin zum Ziel. Deshalb gehört er ganz entscheidend zum Ziel. Gerade dadurch wird ein Ziel noch kostbarer, noch eindrucksvoller, noch bedeutender, noch glänzender, noch heller. Was für die Weisen von damals galt möge sich auch für uns erfüllen: Als sie den Stern sahen, wurden sie von sehr großer Freude erfüllt!

 

          Fürchtet euch nicht                                                            L: Num 6,22-27
                                                                                                   Ev: Lk 2,16-21

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Das, was die Menschen umtreibt, was sie beschäftig, was ihr Leben beeinflusst, was es bestimmt, vielleicht sogar verändert, das nennen wir „aktuell“. Was auf diese Weise aktuell, also was für die Menschen im Leben „dran ist“, das merken wir, wovon und worüber man spricht. Wovon die Menschen, ja eigentlich die ganze Welt gerade spricht, das brauche ich jetzt wohl nicht auszusprechen, denn Sie und wir alle sprechen ja davon. Wir sprechen immer wieder davon, auch wenn wir es nicht unbedingt wollen und vielleicht auch nicht mehr hören können.

Durch dieses aktuelle Sprechen rücken Worte und Begriffe, die vielleicht vorher eher ein Schattendasein geführt haben ins Rampenlicht. Sie kommen plötzlich wieder ins Bewusstsein, sie stehen im Licht des öffentlichen aber auch des persönlichen Interesses. Ein solcher Begriff, über den vorher vielleicht eher beiläufig gesprochen wurde, der jetzt aber zu einem Schlagwort geworden ist und sich in den Schlagzeilen findet, lautet „impfen“.

Seit einer knappen Woche wird nun geimpft und dieses Impfen wird uns wohl in diesem neuen Jahr lange, vielleicht sogar das ganze Jahr über begleiten und sich in unserem Sprechen widerspiegeln, positiv wie negativ.

Die einen versprechen sich vom Impfen gegen Corona Gesundheit und Heil, andere weisen auf die Gefahren des Impfens hin, dass eventuelle Langzeitschäden gar nicht absehbar und unkalkulierbar sind und für Menschen auch zum Schaden und Unheil führen kann.

Die Wahrheit wird wie immer irgendwo in der Mitte sein. Das Impfen wird nicht mit einem Schlag alle Probleme lösen. Es wird auch Rückschläge und Fehlschläge geben, man wird weiter forschen, manches überdenken, verändern oder verbessern müssen. Ich denke aber, wir haben keine andere Wahl. Das Risiko bleibt so oder so und uns Menschen bleibt es nicht erspart, verantwortlich zu handeln, im eigenen Interesse und in dem der anderen. Vielleicht müssen wir mit Manchem leben lernen, das wir uns bisher gar nicht vorstellen konnten. Immer mal wieder denke ich daran, wie wir über Menschen aus fernöstlichen Ländern geschmunzelt haben, wenn sie einen Mundschutz getragen haben. Und jetzt?

Impfen, das ist nicht nur eine Frage der Medizin, also von Nadel und Spritze, sondern Impfen, das gibt es in vielen Bereichen unseres Lebens. Menschen werden auf ganz verschiedene Art und Weise geimpft. Es kommt oder tritt etwas in das Leben, das Reaktionen auslöst, das Menschen verändert, sie in einer gewissen Art und Weise immun werden lässt, zum Heil aber auch zum Schaden. Menschen können geimpft werden mit Bildern, mit Worten, mit Parolen, mit Erlebnissen und mit Ereignissen und es ist und bleibt immer ein Risiko, was im Menschen und seinem Leben daraus wird, ob es ihm zum Heil oder zum Schaden wird. Auch der Glaube und das Glaubensleben des Menschen sind nicht frei davon.  

So gesehen wurden wir heute vor einer Woche, also an Weihnachten, alle „geimpft“. Wir wurden geimpft mit dem Leben und dem Menschsein. Jedes Jahr wird uns mit Weihnachten und allem, was für uns dazu gehört, eingeimpft, dass Leben ein Geschenk ist, dass wir unser Leben jemandem verdanken, dass leben zu dürfen etwas sehr kostbares ist und zwar vom ersten Augenblick an. Uns wird aber auch eingeimpft, dass Leben zerbrechlich und bedroht ist und deshalb geschützt werden muss. Zur Geschichte von Weihnachten gehört dazu, dass sich dieses Schöne und Positive des Lebens auch ins Negative und zu einer Fratze verkehren kann, in Ablehnung, Hass, Neid und Gewalt gegen das Leben. Diese Gefahr und dieses Risiko bestehen immer und oft braucht es gar nicht viel, dass Menschen den Blick für das Leben verlieren oder nur mehr das eigene Leben im Blick haben. In der Bibel steht Herodes für diese Umkehrung und Pervertierung. Wo das geschieht, sind die Folgen gewaltig. Die Geschichte der Menschheit ist voll davon und auch unser Land ist nicht frei davon. Es ist noch gar nicht so lange her, dass es nicht nur Leben 1. und 2. Klasse gab, sondern dass man auch lebenswertes und lebensunwertes Leben unterschieden hat. Was für eine Farce!

Liebe Schwestern und Brüder, in der Botschaft von Weihnachten kommt ein Satz vor, der das Leben von Menschen verändert hat. Eine ganze Reihe von Menschen wurde mit diesem Satz sozusagen geimpft. Er lautet: Fürchtet Euch nicht! Im Evangelium, das uns gerade vorgelesen wurde, durften die Menschen, die darin vorkommen, diesen Satz in ihrer Lebensgeschichte hören: Fürchtet Euch nicht!

Fürchtet Euch nicht! Das ist keine blauäugige Zusage, dass Menschen nichts zustoßen könnte oder würde, oder dass sie sich um nichts mehr zu kümmern bräuchten. Ihnen wurden auch keine Vorteile gegenüber anderen versprochen. Im Gegenteil, diese Menschen wurden in die Verantwortung und in die Pflicht genommen, aber sie durften mit dem Vertrauen leben, dass Gott ihre Wege mitgeht und dass ihr Leben ein Ziel hat.

Fürchtet Euch nicht! Das hat gewirkt! Dieser Satz hat etwas bewirkt! Die Menschen wurden stark, aber auch immun gegen das, was das Leben und seine Liebenswürdigkeit bedrohen und auch kaputt machen kann.

Fürchte dich nicht, sagte der Engel zu Maria. Du hast bei Gott Gnade gefunden. Du wirst ein Kind empfangen, einen Sohn wirst du gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben.

Fürchte dich nicht, waren die Worte des Engels im Traum des Josef, er soll Maria als seine Frau zu sich nehmen.

Fürchtet Euch nicht, war die Botschaft der Engel zu den Hirten, denen das Licht in der Nacht nicht ganz geheuer war und die es nicht deuten konnten, dass dieser Retter auch ihr Leben betrifft.

Fürchtet Euch nicht! Liebe Schwestern und Brüder, vor uns liegt ein neues Jahr. Selten war der Anfang eines Jahres mit so viel Unsicherheit behaftet wie heuer. Oder waren wir es in den letzten Jahren nur gewohnt, dass Pläne und Prognosen überwiegend in Erfüllung gingen. Heuer ist vieles nicht so einfach plan- und kalkulierbar.

Ob sie nun ein Impfbefürworter sind oder ob sie Bedenken haben, ich biete Ihnen allen heute am Neujahrstag diesen wichtigen Satz unseres Glaubens an: Fürchtet Euch nicht! Lassen wir uns davon betreffen, lassen wir ihn uns unter die Haut gehen, dass wir trotz aller Unsicherheit, voller Zuversicht und Hoffnung in dieses neue Jahr mit seinen Herausforderungen gehen. Möge uns dieser Satz nicht nur stark machen, sondern auch immun gegen alle Bilder und Parolen, die die Angst der Menschen ausnutzen und sie für sehr subjektive Zwecke missbrauchen.

So wünsche ich uns ein gutes und vor allem gesegnetes neues Jahr. Ich tue es mit den Worten aus dem Buch Numeri, die wir in der Lesung gehört haben. Irgendwie kommt mir der, der das geschrieben hat, wie einer vor, der mit einem Senfkorn Hoffnung geimpft wurde, so dass er sagen konnte:

Der Herr segne und behüte dich;

Der Herr lasse sein Angesicht über dir leuchten und sei dir gnädig;

Der Herr wende sein Angesicht dir zu und schenke dir Heil.

Ein gutes neues Jahr und fürchtet Euch nicht!  

 

 

             Der Mensch braucht den Menschen

Liebe Schwestern und Brüder!

Weihnachten hat immer auch etwas mit Überraschungen zu tun, ja es ist ein Fest der Überraschungen und das in gewisser Weise von Überraschungen auch lebt. In diesem Jahr überraschte uns im Vorfeld unsere Klosterküche mit einer Wunschliste. Wir wurden gebeten, unsere Lieblingsplätzchen darauf einzutragen. Jeder Mitbruder hatte sozusagen einen Wunsch frei. Es war interessant, als wir uns bei einer abendlichen Austauschrunde diese Liste vornahmen. Da gab es Dopplungen und es mussten einige mit ihrer „zweiten Wahl“ herausrücken, andere wussten gar nicht, wie die süßen „Lieblinge“ heißen. Miteinander haben wir es schließlich herausgebracht und die Liste vollgemacht.

Vielleicht hat mit dieser Initiative unsere Klosterküche den Namen einer Bäckereikette aufgegriffen, die in den EDEKA Märkten angesiedelt ist, auch in Scheyern: „Backstube Wünsche“.

Wenn man diesen Namen umdreht, dann wird daraus „Wünsche Backstube“, die nicht bloß für Backwaren gilt. Wir sind es gewohnt und wir haben auch die Möglichkeiten, dass unsere Wünsche in Erfüllung gehen, oft auch sehr schnell, so als warteten sie nur darauf, gebacken, also Wirklichkeit zu werden. Und das jeden Tag ganz frisch und neu.

In diesen Tagen kann man Menschen auch ansehen, ob ihre Wünsche in Erfüllung gegangen sind, ob die Überraschung sozusagen gelungen ist, nicht nur bei den Plätzchen, die für viele, vielleicht für uns alle zu Weihnachten gehören.

Von diesen ganz konkreten Erfahrungen in unserem Leben ist es schon ein weiter Sprung zu dem Text aus dem Johannesevangelium, den wir gerade gehört haben. Nichts ist da auf Anhieb von der Süße und dem Geschmack, den wir eben mit Weihnachten verbinden, zu entdecken, zu spüren oder gar zu schmecken. Und doch geht es auch in diesen spröden und abstrakten Worten „Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott“ um Wünsche, um Erfüllung und um Überraschung.

Unsere Klosterküche wollte mit dieser Liste herausbekommen, was wir uns wünschen, was uns schmeckt. Wenn man diese Gedanken und diese Fragen ein wenig weiter fasst und auf das Leben ausdehnt, dann geht es an Weihnachten auch darum, was Menschen brauchen und brauchen könnten. Sehr schnell landen wird dann bei Gegenständen und Dingen, also praktischen Geschenken, mit denen man im alltäglichen Leben auch etwas anfangen kann. Auch ich habe solche praktischen Geschenke bekommen, und mich darüber gefreut. In einer Geschenke-Tüte entdeckte ich Socken. Oh, schöne warme Socken, dachte ich. Beim Versuch sie anzuziehen, entpuppten sich die vermeintlichen Socken jedoch als Handschuhe. Auch gut!

Weihnachten wäre aber nicht Weihnachten, wenn es da nicht noch einen Schritt weiter und einen Schritt tiefer gäbe. Was brauchen Menschen jenseits aller Dinge und Sachen? Was braucht der Mensch für sein Leben? Was braucht der Mensch für sein Lebensglück? Was braucht er, um glücklich zu werden?

Der Mensch braucht den Menschen. Wir brauchen einander!

In der Sprache des Evangelisten Johannes heißt das: Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohns vom Vater voll Gnade und Wahrheit. Ich weiß, das ist eine sehr komplizierte Umschreibung vom Glück des Menschen und vom allzu menschlichen Glück im wahrsten Sinne des Wortes.  Es ist aber nicht so leicht, Wünsche, Erfüllung und Überraschung in Worte zu fassen, die ausdrücken können, was damit alles gemeint ist und was für Menschen dazugehört.

In diesem Jahr merken wir es auf ganz eigene Weise, wie sehr wir einander brauchen, wie sehr wir auf Menschen angewiesen sind, wie sehr wir Menschen den anderen Menschen für unser Glück brauchen. Aufgrund der gegenwärtigen Situation und der Umstände, die wir erleben, gibt es die viel diskutierten Kontaktbeschränkungen. Oft waren obligatorische Weihnachtsbesuche eher lästig, heuer merken wir vielleicht, dass sie doch mehr waren oder eine wichtige Bedeutung hatten, die man unterschätzt hat. Manche können und konnten das nicht so einfach wegstecken und auch nicht verstehen. Für manche war es deshalb gar kein richtiges Weihnachten. Um es in der Sprache der „Wünsche Backstube“ zu sagen: Heuer mussten wir in dieser Beziehung „kleinere Brötchen“ backen.

Kleinere Brötchen sind nicht nur Zeichen von Fehlen und Mangel, sondern kleinere Brötchen haben auch ihren Reiz. Vielleicht schmecken sie intensiver und wirken länger nach. Auch wenn sich Menschen in diesem Jahr nicht sehen konnten, so gab es andere Möglichkeiten sich nahe zu sein. Ein Anruf, ein Brief, von dem Menschen buchstäblich herunterbeißen können

Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohns vom Vater voll Gnade und Wahrheit.

Der Mensch, über den das gesagt wird, der hat uns etwas hinterlassen, ein Sakrament sozusagen der „kleinen Brötchen“ in der Eucharistie. Darin können sich Menschen auch nahe sein und begegnen. So möchte ich schließen mit einem Text, der nicht unbedingt weihnachtlich klingt, der aber diese „kleinen Brötchen“ aufgreift, von denen wir bis heute herunterbeißen und zehren.

Dieses kleine Stück Brot in unsern Händen reicht aus für alle Menschen.

Dieser kleine Schluck Wein in unsern Bechern gibt Kraft allen Menschen.

Jede Hoffnung, die lebt in unsern Herzen, ist Hoffnung für die Welt.

Du verwandelst das Brot in Jesu Leib.

Du verwandelst den Wein in Jesu Blut.

Du verwandelst den Tod in Aufersteh’n.

Verwandle du auch uns.

Liebe Schwestern und Brüder, so lassen wir uns unsere Wunschplätzchen schmecken. Ich hoffe, dass Sie auch solche „kleinen Brötchen“ haben, von denen Sie herunterbeißen können.

Frohe Weihnachten!

 

         Warum?

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Warum? Dieses kurze Wort und die Frage, die damit gestellt wird, haben es buchstäblich in sich.

Warum? Das kann eine Frage sein, die einfach nervt. Kinder können Erwachsene damit zur Weißglut bringen, wenn sie nach vielen Erklärungen und allem gutem Zureden mit einem mehr oder weniger unschuldigen „Warum?“ antworten.

Warum? Diese Frage bringt Menschen nicht nur an ihre Grenzen und in eine Erklärungsnot, sie ist auch Ausdruck von Ratlosigkeit oder gar Verzweiflung.

Warum? Diese Frage kann sehr unverhofft und plötzlich in das Leben treten und in unseren Köpfen auftauchen.

„Warum“ kennt keine Sonn- und Feiertage. „Warum“ unterscheidet nicht zwischen Tag und Nacht. „Warum“ bringt sich ins Spiel und drängt sich auf, wenn Menschen etwas widerfährt, das nach einer Lösung schreit und wo der sprichwörtliche gute Rat mehr als teuer ist.
Warum? Diese Frage wird auch in diesen Tagen und den Umständen, die wir gerade erleben oft gestellt und eine zufriedenstellende Antwort können wir nicht einfach aus dem Ärmel schütteln. Vor wenigen Tagen bekam ich eine Mail eines Mannes, dessen Mutter im Krankenhaus liegt und nach einer gut überstandenen, aber schweren Operation immer wieder fragt: „Ja, warum kimmt denn koana?“

Warum? In den letzten Wochen ist mir aufgefallen, dass der Bayerische Rundfunk auf seinem Hörfunkkanal B1 diese Frage in sein Programm aufgenommen hat. „Warum ist das so“, heißt diese immer wiederkehrende Einheit, mit der die Hörer darauf hingewiesen und auch ein wenig dafür sensibilisiert werden, wie oft wir Dinge einfach hinnehmen und als bekannt voraussetzen, ohne uns weiter darüber Gedanken zu machen. Die Themenpalette von „Warum ist das so?“ ist sehr breit und bunt gemischt. Nachdem ich diese Einheit gehört habe, musste ich für mich öfter sagen: Aha, interessant, das hätte ich nicht gewusst bzw. nicht gedacht.

In den letzten Tagen drehte sich bei „Warum ist das so?“ viel um Weihnachten und dem damit verbundenen Brauchtum. Die Antwortversuche waren amüsant und manchmal auch abenteuerlich. Es wurde beispielsweise danach gefragt, woher es denn kommt, dass wir ausgerechnet am 25. Dezember Weihnachten feiern. Ein Hörer meinte darauf, das sei doch klar, weil Jesus am 24. Dezember geboren wurde. Er ließ sich nicht davon abbringen, selbst als die Moderatorin die Kalenderreformen der Geschichte ins Spiel brachte.

Ein andermal wurde danach gefragt, woher denn Ochs und Esel in unseren Krippendarstellungen kommen, wo sie doch in den biblischen Erzählungen über die Geburt Christi gar nicht vorkommen.

Warum ist das so? Auf diese Frage hätte ich die Antwort gewusst. Darauf brauche ich mir jedoch nichts einbilden, denn schließlich durfte ich all das auch studieren und es gibt genug andere Fragen, auf die ich keine Antwort weiß.

Hinter Ochs und Esel in unseren Krippen steckt die Kritik des Propheten Jesaja an seinem Volk Israel, das anscheinend auch vieles fraglos hingenommen hat und gar nicht mehr auf die Idee gekommen ist, zu fragen, ob es noch etwas anderes geben könnte als das, was sie als bekannt voraussetzen. Das Volk, das im Dunkel lebt, sieht ein helles Licht, so haben wir gerade in der Lesung gehört. Einige Kapitel vorher aber steht die erwähnte Kritik: Der Ochse kennt seinen Besitzer und der Esel kennt die Krippe seines Herrn. Israel aber hat keine Erkenntnis und mein Volk hat keine Einsicht. (Jes 1,3)

So dumm scheinen Ochs und Esel gar nicht zu sein. Ausgerechnet sie wissen Bescheid. Und auch heute machen wir vielleicht manchmal die Erfahrung, dass Tiere sogar ein besseres Gespür dafür haben, was im Leben wichtig sein kann und worauf es im entscheidenden Augenblick ankommt, auch wenn wir Menschen das manchmal etwas despektierlich als Instinkt abtun. Haben wir auch so etwas wie einen natürlichen Instinkt oder könnten wir ihn haben?

Warum? Unsere Krippen sind nicht einfach Darstellungen und Nachstellungen von etwas, das man historisch gar nicht so ohne weiteres belegen kann und auch nicht belegen muss, sondern es sind Anfragen an das Leben der Menschen in einer bestimmten Zeit.

Der Ochse kennt seinen Besitzer und der Esel kennt die Krippe seines Herrn. Ochs und Esel sind so gesehen eine Anfrage und vielleicht manchmal auch der Vorwurf an unser Leben und unsere Lebensgewohnheiten, bei denen immer wieder in Vergessenheit geraten kann, dass unser Leben ein Geschenk ist, dass wir unser Leben jemandem verdanken und dass wir auf Beziehungen und Nähe auch angewiesen sind: „Warum kimmt denn koana?“

Warum ist das so? Für unser Fest Weihnachten bedeutet das: Warum soll denn dieser Gott überhaupt Mensch werden? Warum haben wir daraus so ein großes Fest gemacht, das uns so viel bedeutet? Die Antwort, die unser Glaubensbekenntnis auf diese Frage gibt, ist recht unspektakulär und wird nicht alle zufrieden stellen: Für uns Menschen und zu unserem Heil ist er vom Himmel gekommen, hat Fleisch angenommen durch den heiligen Geist von der Jungfrau Maria und ist Mensch geworden.

Warum ist das so? Vielleicht hilft uns ein Text weiter, der es etwas anders formuliert, leichter, gefälliger, nicht bloß mit dem Kopf zu verstehen, sondern um es uns einfach gesagt sein lassen:

An Weihnachten sagt Gott zu mir: ich kann dich verstehen! Ich weiß, wie es um dich steht, wo dich der Schuh drückt, weil ich selber menschliche Füße hatte. Und ich weiß was in deiner Haut steckt, weil ich selber in sie geschlüpft bin. Ich bin Mensch geworden – deinetwegen um dich zu verstehen.

Um dich zu verstehen!

Warum? Darum!

 

Lesungen: Eph 1,3-6.15-18

Evangelium: Joh 1,1-14

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Neben den schönen Erinnerungen an das Weihnachtsfest in meiner Kindheit gibt es auch so etwas wie einen unangenehmen Beigeschmack. Das war die Tatsache, dass Weihnachten, obwohl sich jeder darauf gefreut hat, doch ziemlich schnell vorbei zu sein hatte. Die Dekoration in den Geschäften und Straßen, ohnehin nicht vergleichbar mit der heutigen Fülle, hatte möglichst sofort nach dem 2. Weihnachtstag zu verschwinden, so schnell wie möglich wollte man das Fest offenbar vergessen und zur Normalität zurück kehren, die oftmals banal und langweilig war. Nur in der Kirche und bei uns Zuhause, da war irgendwie die Zeit stehen geblieben. Als Kind ist man nicht unbedingt stolz darauf zu der Kategorie Mensch zu gehören, die altmodisch sind, und dass bei uns der Weihnachtsbaum ziemlich lange stehen blieb, brachte uns manches Gespött anderer Kinder ein. Gott sei Dank, gewann auch bei uns zuhause irgendwann die Liturgiereform, und der Weihnachtsbaum flog bald nach dem 6. Januar raus, die Gründe waren aber eher praktische, die Weihnachtsbäume nadeln heute einfach eher.

Weihnachten im Sozialismus und das heutige Weihnachtsfest haben aber in dieser Beziehung viel gemeinsam, das Fest ist schnell vorbei. Das mag heute mehr materielle Ursachen haben, irgendwann drängen die Osterhasen in die leergewordenen Regale, aber vielleicht liegt die eigentliche Ursache für diese Art Weihnachtsverdrängung doch tiefer; es ist fast wie ein bisschen Scham darüber, dass man sich in diesen Tagen ein bisschen mehr Gefühl und Sentimentalität erlaubt hat, nun müssen wieder Sachlichkeit und Vernunft her und, noch tiefer, ist es vielleicht eine Ahnung davon, dieses Fest könnte etwas mit mir machen, es könnte mich verändern, es könnte meine Wertvorstellungen, meine Welt- und Lebenssicht in Frage stellen. Und wenn es diese Ahnung ist, die Menschen vom Weihnachtsfest wegflüchten lässt, dann ist man damit zumindest nahe dran an dem eigentlichen Kern des Weihnachtsgeheimnisses.

Das Johannesevangelium in seiner dichten Sprache bringt es heute noch einmal auf den Punkt: „In diesem Wort, das bei Gott war, war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfasst.“ Leben und Licht, zwei elementare Worte, kraftvolle Worte. Wenn Leben und Licht in diesem Wort Gottes sind, dann hat es doch einen bedeutenden Einfluss auf meine gesamte Wirklichkeit. Licht, das von der Finsternis nicht erfasst wird, nicht verstanden, nicht besiegt, nicht kaputtgemacht, dieses Licht ist größer und stärker als alle Finsternisse. Und noch einmal das Evangelium: „Allen, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden“, das ist die Veränderung, die man ahnt, die man befürchtet, die mich zu einem anderen macht, ich bin wirklich Kind Gottes. Im Brief an die Gemeinde in Ephesus spricht Paulus von einer besonderen Erwählung: Gott hat uns zu seinen Söhnen und Töchtern gemacht durch Jesus, er ist unser Bruder geworden. Und Paulus betet für seine Gemeinde und für uns, dass uns die Augen aufgehen, dass wir erkennen und verstehen, was das bedeutet, welche Hoffnung damit verbunden ist, welcher Reichtum. „Auf das Kind kommt es an an diesem Weihnachtsfest“, so sagt es Karl Rahner „auf den Sohn Gottes, auf seine Geburt. Weihnachten heißt: Er ist gekommen. Er hat die Nacht hell gemacht, die Nacht unserer Finsternisse, die Nacht unserer Unbegreiflichkeiten, die grausame Nacht unserer Ängste und Hoffnungslosigkeiten hat er zur Heiligen Nacht gemacht. Und das sagt Weihnachten: Der Augenblick, da dies geschah, wirklich und für alle Zeiten, soll durch dieses Fest auch in unseren Herzen und Geist Wirklichkeit bleiben“ Die Ahnung oder Befürchtung bestätigt sich, dieses Fest will mich verändern, meine Weltsicht meine Einstellung zum Leben, meine Einstellung zu mir selbst, zum Mitmenschen. Dort, wo ich nur Finsternis sehen kann, dort leuchtet dieses Licht hinein und macht etwas hell; dort wo ich ängstlich bin, hoffnungslos, da kann es sein, dass dieses Licht etwas anleuchtet, was ich vorher nicht bemerkt habe, dort, wo ich nichts mehr begreife, da strahlt dieses Licht auf, wie eine neue Idee. Lassen wir uns von diesem Licht ergreifen, lassen wir uns von dieser Kraft verändern, es kann nur gut sein, es kann diese Welt nur besser machen, nur menschlicher, denn „Gott ist nahe der Niedrigkeit“, so sagt es Dietrich Bonhoeffer: „er liebt das Verlorene, das Unbeachtete, Unansehnliche, das Ausgestoßene, das Schwache und Zerbrochene; wo die Menschen sagen: verloren, da sagt er: gefunden, wo die Menschen sagen: gerichtet, da sagt er: gerettet, wo die Menschen sagen: Nein, da sagt er: Ja!“

Aber sind das nicht alles nur kluge Reden, feierlich wirklichkeitsfremde, theologische Gedankenspiele? Nein, abgesehen davon, dass beide Karl Rahner und Dietrich Bonhoeffer nicht wirklichkeitsfremde Theologen waren, können wir sagen: Frag dich doch einmal selbst, ob es das nicht in deinem Leben oft genug schon gegeben hat, die scheinbar unbegrenzte Finsternis, die Unbegreiflichkeit, die Angst und Hoffnungslosigkeit. Und dann ging es doch weiter, vorsichtig und zaghaft, aber die kleinen Schritte, die man machen konnte, sind sicherer geworden, fester, und irgendwann war die große Ausweglosigkeit überwunden. Frag dich doch einmal selbst: Wie oft hast du eine Sache aufgegeben oder einen Menschen, es hat ja doch alles keinen Zweck, hast du gedacht, wie oft ist etwas kaputtgegangen, und dann ging es doch weiter, anders vielleicht, oder wie oft hat ein anderer davon leben können, dass du ihn nicht beiseitegeschoben hast, dass du ihn nicht aufgegeben hast. In all diesen Situationen haben wir doch von einer Kraft gelebt, die nicht aus uns selbst kam, in all diesen Situationen haben wir doch längst das Licht der Weihnacht erfahren, haben wir davon gelebt, von dem Licht, das in der Finsternis leuchtet, und das die Finsternis nicht erfasst. Aber vielleicht ist es uns auch schon so gegangen, dass wir wirklich gar keinen Rat mehr wussten, dass das Leid so überwältigend war, dass uns die Worte ausgeblieben sind. Auch als Seelsorger kommen wir manchmal in solche Situationen. Aber selbst dort konnten wir vielleicht aushalten, selbst dort mussten wir nicht flüchten, selbst dort konnten wir uns vielleicht noch halten an eine letzte Hoffnung, die auch für den gilt, dessen Leben gerade zuende gegangen ist, vielleicht viel zu früh, viel zu schnell, viel zu plötzlich. Und selbst dann noch konnten wir vielleicht mit innerer Überzeugung sagen: Das ewige Licht leuchte ihm oder ihr.

Liebe Schwestern und Brüder, lassen wir das Licht des Weihnachtsfestes nicht zu schnell aus den Händen reißen, feiern wir Weihnachten ausgiebig, ob mit oder ohne Weihnachtsbaum. Geben wir dieses Licht und diese Hoffnung nicht mehr aus den Händen, die uns gegeben wurden, seit Gott unser Bruder wurde.
Amen.

                                                                  Lesungen: Jes 63,1-2a.10-11
                                                                                  1 Thess 5,16-24

Liebe Schwestern und Brüder!

Gaudete! Heute steht diese Aufforderung über unseren Gottesdiensten. Und eigentlich, das sei einfach mal vorausgesetzt, geht es ja nicht nur um diesen Gottesdienst heute oder um die Adventszeit, sondern dieses Gaudete – Freuet euch ist viel grundsätzlicher; heißt der Eröffnungsvers doch: „Freut euch im Herrn zu jeder Zeit.“ Und: „Denn der Herr ist nahe.“ Was wir in jedem Jahr im Advent und an Weihnachten erinnern, das ist viel grundsätzlicher, das gilt immer. Diese Freude ist etwas ganz tief Christliches, und weil wir als Christen ja eine Hoffnung und eine Botschaft für alle Menschen haben, darum ist diese Freude auch etwas zutiefst Menschliches, sie schließt alles Menschliche mit ein.

Ja, aber, so höre ich den Einwand: Freude kann man doch nicht befehlen, ähnlich so, wie: Nun streng dich doch mal an. Dieser Einwand ist sehr berechtigt, und darum geht es tatsächlich nicht. Eher geht es um eine Erinnerung, um ein Wachrütteln: „Denk doch mal dran, was eigentlich in deinem Leben ist, woraus du lebst, von welcher Hoffnung du lebst; denk doch mal dran, dass es Grund gibt zur Freude.“
Ich möchte diese Art zu erinnern in einem Vergleich darstellen. Wer ein Altenheim betritt, im Moment ist das nicht so einfach, aber es ist trotzdem wichtig und bereichernd, kann sich oft des Eindrucks nicht erwehren, dass hier das Leben sozusagen am Ende ist. Da sitzt jemand, ganz nah am Eingang auf einer Bank und schläft, es ist zwar helllichter Tag, aber es gibt nichts mehr zu tun, nur das Warten bleibt: auf die nächste Mahlzeit, auf eine Beschäftigung, auf Besuch. Menschen geraten in eine Art Dämmerzustand und umso schneller, wenn eine gewisse Demenz eingesetzt hat. Man muss aufpassen, dass einen solche Stimmung nicht runterzieht. Wenn man mit diesen Menschen ein Gespräch beginnt, nicht nur einfach mal im Vorbeigehen, sondern wirklich sich Zeit nimmt, und wenn man gezielt nach Dingen in ihrem Leben fragt, nach Familie, Beruf, nach dem, was das Leben ausgemacht hat, schön gemacht hat oder auch schwer, dann erlebt man manchmal, dass dieser Dämmerzustand wie aufgebrochen wird, ganz langsam löst sich die Erstarrung, manchmal sprudelt es tatsächlich heraus aus diesen Menschen, was da war, wovon man gelebt hat, wie man die Kinder aufwachsen gesehen hat, der Garten, die Kirche, das Fronleichnamsfest, Weihnachten sowieso und vieles andere. Es tut gut, solch ein Aufblühen eines Menschen mitzuerleben, und es tut gut, dafür etwas tun zu können. Und kann es sein, dass es solch ein kollektives Vergessen auch bei uns Jüngeren gibt, solch eine Art Dämmerzustand, wo all das weit weg scheint, was doch unser Leben ist, was Grund ist zur Hoffnung und zur Freude?

Der Prophet Jesaja schreit es heraus: Der Geist des Herrn ruht auf mir, denn der Herr hat mich gesandt, er hat mich gesalbt, um den Armen eine frohe Botschaft zu bringen, um die zu heilen, deren Herz zerbrochen ist. Wir können die Worte des Jesaja 1:1 für uns übernehmen. Ja, das ist an uns geschehen, dazu sind wir beauftragt, damals bei der Taufe, bei der Firmung und immer wieder in jeder Begegnung mit dem Herrn. Am Ende jedes Gottesdienstes heißt es: „Gehet hin in Frieden“, eigentlich, geht, ihr seid gesendet. Also nicht, geht in eure Seelenruhe und macht euch noch einen schönen Tag, sondern ihr seid gesendet, bedenkt, was mit euch geschehen ist, was euch verkündet wurde, gebt das weiter, wo immer ihr auch hinkommt, lasst die anderen nicht in der Dämmerung, sondern bringt ihnen das Licht Gottes, zeigt ihnen, wie das Leben gehen kann, zeigt ihnen, wie erfülltes Leben sein kann. Und Jesaja schließt daraus: Von Herzen will ich mich freuen über den Herrn, meine Seele soll jubeln über meinen Gott. Das ist die Freude, um die es geht, nicht um ein oberflächliches Gefühl, das sich über die Tiefen des Lebens hinwegmogelt, sondern um ein Wissen, das mir Halt gibt, eine positive Grundstimmung auch dann noch, wenn mir manches Sorgen bereitet, auch dann, wenn ich momentan nicht viel zu lachen habe, auch dann, wenn mich ein Kummer oder etwas anderes stark bewegt.

Diese positive Grundstimmung des Jesaja meint auch Paulus, wenn er im ersten Brief an die Gemeinde in Thessalonich zur Freude aufruft: „Betet ohne Unterlass – Dankt für alles.“ Wer nichts zu danken hat, wird diese Freude nicht verstehen, er wird immer außen vor bleiben; wer nichts zu danken hat, weil er sich anscheinend alles nur selbst erarbeitet hat, ist im Grunde ein armer Wicht, weil er vom Leben nichts verstanden hat. „Löscht den Geist nicht aus“, sagt Paulus. Wir müssen nicht ständig vom Geist reden, und wer viel und klug über etwas reden kann, muss darum noch nicht unbedingt wirklich etwas verinnerlicht haben. Geist Gottes macht wache und lebendige Menschen, die auch heute noch etwas erwarten von ihm, für die nicht alles abgeschlossen ist, nicht eingepackt in einem großen geheimnisvollen Paket, das man Tradition nennt, und das nur immer weitergereicht werden müsste von Generation zu Generation. „Verachtet prophetisches Reden nicht“ – Gott ist immer noch am Werk, und er wirkt – durch Menschen. Prüft darum alles und behaltet das Gute.
Dieser Satz scheint mir heute enorm wichtig zu sein. Im Prüfen und im Bewerten sind wir in unserer Gesellschaft Spitze. Aber haben wir auch den Mut, etwas Gutes zu benennen und dann und darum auch zu bewahren, traue ich dem anderen etwas Gutes zu, nehme ich sein Bemühen war, seine vielleicht begrenzten Möglichkeiten? Es gibt heute eine Bewegung in der Gesellschaft bis hinein in unsere persönlichen Beziehungen, aber auch in der Kirche, die mir große Sorgen bereitet. Da urteilt man den anderen nur noch ab, als ob man selbst Alternativen hätte oder eine Alternative wäre. Es gibt keinerlei Wertschätzung für das, was andere leisten, keinerlei Nachvollziehen, warum jemand zu dieser oder jener Einschätzung kommt. Nein, dann müsste man ja anerkennen und zugeben, dass die Wirklichkeit nicht so einfach gestrickt ist, wie in meiner Pippi-Langstrumpf-Welt, dass es nicht einfach Schwarz und Weiß, Oben und Unten, Arm und Reich oder Hell und Dunkel gibt, sondern viel und sehr viel dazwischen. Eine Haltung solcher besserwisserischen Totaloppositon ob in der Gesellschaft, in der Politik oder in der Kirche hat mit Christlichkeit gar nichts zu tun, auch dann nicht, wenn sie dies vorgibt.

Christlichkeit meint diese Dankbarkeit und Freude, diese positive Grundstimmung die sich ein bisschen auch im bayerischen „Leben und leben lassen“ niederschlägt. Demgegenüber steht die Undankbarkeit, die Aggressivität in Worten und Taten, die Bereitschaft, alles klein zu machen, was sich mir in den Weg stellt.

Christliche Freude ist aufmerksam auch gegenüber allem kleinen, gegenüber Anfängen, gegenüber Aufbrüchen. Und wo immer Menschen einander so Wertschätzung entgegenbringen, dass sie ein Stück weit aus dem Dämmerzustand herausfinden, der uns immer wieder ergreifen kann, wo immer Menschen diese Wertschätzung leben, da ist Gott, da ist sein Geist, und da ist die Freude, von der heute alle Texte sprechen.
Amen.

Vesper zum Adventsbeginn, 28.11.20

Liebe Mitbrüder!

Mit dieser Vesper eröffnen wir jetzt die Adventszeit und beginnen ein neues Kirchenjahr. Es ist heuer ein ganz anderer Übergang vom Jahreskreis in die Adventszeit und von einem Kirchenjahr in ein anderes. Solche Übergänge bedeuten nicht, dass das eine mit dem anderen nichts zu tun hat und so ein Neuanfang ist auch nicht immer ganz unbefangen. Manches, was uns im zu Ende gehenden Kirchenjahr beschäftigt hat, wird uns auch im neuen Kirchenjahr beschäftigen oder reicht sogar noch weiter.

Wenn wir in diesem Jahr keinen Adventskranz hier in der Kapitelkirche stehen haben, sondern eine Wurzel, dann kommt dieser eigene Charakter in diesem Symbol auch irgendwie zum Ausdruck.

Die Wurzel, die da steht, ist aus unserem Forst. Sie ist auch eine Folge des großen Sturms „Sabine“, der im Februar über unser Land fegte, viele Bäume entwurzelte und großen Schaden anrichtete. Auch wenn die Schäden und Spuren im Forst schon ziemlich aufgearbeitet und beseitigt sind, so wird uns dieser Sturm in den Zahlen über den Ertrag aus unserem Forst noch länger begleiten. Und welche Kraft dieser Sturm hatte, sieht man auch daran, dass ein Teil der Wurzel einfach abgebrochen ist.

Die Wurzel, wie sie da ist, steht eigentlich auf dem Kopf. Auch das ist ein Zeichen dafür, dass die Zeit, die wir gerade erleben, nicht unbedingt „kuschelig“ oder behaglich ist. Dieses Virus hat auf der ganzen Welt vieles einfach auf den Kopf gestellt. An Vieles haben wir uns inzwischen gewöhnt oder wir haben uns damit arrangiert. An Manches dürfen und werden wir uns aber nicht gewöhnen. Es muss wieder anders werden, es braucht auch wieder ein Stück Normalität dessen, was Menschen zum Leben auch brauchen, wie etwa das Pflegen von persönlichen Kontakten und Begegnungen.

Auch wenn uns als Klostergemeinschaft die Einschränkungen ebenfalls treffen, so muss uns doch  bewusst sein, dass viele Menschen um uns herum darunter wirklich zu leiden haben und es sie viel härter trifft als uns, weil wir in gewisser Weise in unserem Kloster auf einer Art Insel der Seligen leben dürfen. 

Die Wurzel erinnert uns auch an ein Element des Glaubens. Vor wenigen Tagen haben wir bei der Schriftlesung bei Tisch aus dem Brief des Apostels Paulus an die Römer gehört: „Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich.“ Auch Menschen haben und brauchen Wurzeln. Menschen können durch Erlebnisse auch buchstäblich entwurzelt werden. So könnte es für uns in der Adventszeit eine Aufgabe sein, nach den Wurzeln unseres Lebens und unseres Glaubens zu suchen und zu fragen, wie sie heißen und wo sie sind, aber auch das in den Blick zu nehmen, wo Wurzeln abgebrochen oder wo wir selber irgendwie entwurzelt sind, als Gemeinschaft und als jeder Einzelne. Vielleicht können wir im Advent Wurzelarbeit betreiben und wieder so etwas wie neue Wurzeln ausbilden und Wurzeln schlagen.

Damit die Adventszeit, die nun vor uns liegt, in diesem Sinne eine gute und eine gesegnete Zeit wird, wollen wir jetzt diese Wurzel mit den vier Kerzen und den grünen Zweigen, die darunter liegen, segnen.

Wir sagen euch an den lieben Advent. Wir sagen euch an eine heilige Zeit. Machet dem Herrn die Wege bereit!

 

 

Etwas in der Hand haben –                    L:  Joh 3,1-3
                                                             Ev: Mt 5,1-12a

 

Liebe Schwestern und Brüder!

„Können Sie mir sagen, was das für ein Heiliger ist?“ Diese Frage wird mir manchmal von Besuchern unserer Basilika gestellt und sehr oft bezieht sich diese Frage auf diese Figur hier vorne unmittelbar vor dem Altarraum. „Können Sie mir sagen, was das für ein Heiliger ist?“

Wissen Sie, was das für ein Heiliger ist? Haben Sie ihn sich schon einmal genau angeschaut? Wenn Sie ihn von Ihrem Platz aus sehen können, dann schauen Sie ihn sich mal an. Vielleicht fällt Ihnen auf, dass er etwas Seltsames in der Hand hat. Er hält eine Winde in der Hand. Oft wird diese Winde so gedeutet, dass sie auf sein Martyrium hinweist. Es ist der heilige Erasmus, dem der Legende nach die Gedärme bei lebendigem Leib aus dem Körper gezogen worden sind. Eine andere Legende erzählt, dass er auf einem Boot, das durch einen Sturm in Seenot geraten war, die Ruhe bewahrte und durch sein Gebet die Besatzung und alle Passagiere aus dieser Not rettete.

„Können Sie mir sagen, was das für ein Heiliger ist?“ Wie erkennt man also einen Heiligen? Man erkennt ihn an seinen Attributen. Menschen haben den Figuren, sei es nun plastisch oder bildlich, immer etwas in die Hand gelegt, was für ihr Leben und ihren Glauben charakteristisch gewesen ist. Und an dem, was man ihnen bei ihrer Darstellung in die Hand gelegt hat, kann man sie erkennen, wenn man um ihre Geschichte weiß.

Man könnte auch die Attribute einfach austauschen und sie der Figur auf der anderen Seite in die Hand geben, dann würde aus dem heiligen Bonifatius ein Erasmus und umgekehrt. So einfach und schnell würde das gehen.

Heilige haben also etwas in der Hand! „Etwas in der Hand haben“ muss sich nicht nur auf Gegenstände beziehen, sondern „etwas in der Hand haben“ ist in unserer Sprache auch eine Formulierung dafür, dass Menschen Macht haben. Macht, mit der sie etwas beeinflussen und verändern können. Menschen können etwas bewirken durch ihr Dasein und ihr Sosein. 

Heute am Fest Allerheiligen denken wir vor allem an solche Menschen, die nicht unbedingt mit Gegenständen in den Händen dargestellt und abgebildet werden oder die auf einem Postament stehen, sondern wir denken an unzählig viele Menschen, die sich dessen bewusst waren, dass sie etwas in der Hand hatten. Und was sie in der Hand hatten, nämlich mit ihrer Geschicklichkeit, wie immer die auch ausgesehen haben mag, die Geschicke der Welt, sei es im Großen und im Kleinen, und ihre Zeit zu gestalten, manchmal auch zu lenken oder zu verändern. Man könnte es auch so sagen: Heilige haben die Herausforderungen, die ihnen das Leben gestellt und manchmal auch zugemutet hat, angenommen. Ob es ihnen gelungen ist oder eher nicht, ob sie mit ihrem Tun oder ihren Bemühungen Erfolge hatten oder gescheitert sind, das ist zuerst gar nicht so wichtig. Wichtig ist vielmehr, dass sie Verantwortung mit ihrem Leben und für ihr Leben übernommen haben.

Liebe Schwestern und Brüder, etwas in der Hand haben. Wir haben etwas in der Hand, wir haben alle etwas in der Hand, alleine dadurch, dass wir leben, dass wir jetzt leben, in dieser Zeit und an diesem Ort. Jeder von uns hat seine ganz persönlichen Fähigkeiten, die er einsetzen darf und auch einsetzen muss.

Es kommt aber auch darauf an, wie ich das tue, mit welcher Absicht und aus welcher Motivation heraus. Es gibt auch so etwas wie eine kriminelle Energie, die darauf angelegt ist, anderen zu schaden und im letzten auch sich selber. Darum wusste auch Jesus.

Wenn ich an das Evangelium denke, das immer am Allerheiligentag vorgelesen wird, dann gibt Jesus in den Seligpreisungen genau die andere Richtung vor. Es ist eine Richtung, die zuerst den anderen im Blick hat, im Letzten aber auch uns selber. Es geht darum die Herausforderungen anzunehmen und anzugehen, auch wenn das Glück nicht immer gleich auf der Hand liegt: Selig die Armen, selig die Hungrigen, selig die Traurigen. Ist das erstrebenswert?

Niemand wünscht sich arm zu sein, aber unser Leben und unser Glück hängen nicht am Besitz bestimmter Gegenstände.

Niemand wünscht sich hungern zu müssen, aber wir alle wissen, wenn wir statte Menschen sind, dann werden wir nichts mehr bewegen und es wird sich irgendwann nichts mehr bewegen.

Niemand wünscht sich traurig zu sein, aber trauern ist auch eine Fähigkeit und eine Möglichkeit mit Verlusten umgehen zu lernen.

Etwas in der Hand haben. Wir alle haben etwas in der Hand.

 

Liebe Schwestern und Brüder, in diesem Jahr feiern wir Allerheiligen irgendwie ganz anders. Vor allem heute Nachmittag beim Gedenken auf den Friedhöfen wird das spürbar und sichtbar werden. In der Andersartigkeit, die uns auferlegt und verordnet ist, spiegelt sich auch die Verantwortung, dass wir es in der Hand haben, wie es in den kommenden Wochen und Monaten weitergeht. Die ganze Welt sieht sich einer Herausforderung gegenüber, die es so noch nie gegeben hat. Ob das stimmt wage ich nicht zu beurteilen. Vielleicht sind wir es nur nicht mehr gewohnt, dass Gesundheit und Wohlergehen nicht nur eine Frage der Medizin und der Medikamente sind, sondern dass Gesundheit und Wohlergehen jeder Einzelne zuerst selber in der Hand hat.

 

„Können Sei mir sagen, was das für ein Heiliger ist?“ Wissen Sie noch, was das für ein Heiliger ist? Was er in der Hand hat und warum er es in der Hand hat?

Gott, du schenkst uns die Freude am heutigen Fest die Verdienste aller deiner Heiligen zu feiern. Erfülle auf die Bitten so vieler Fürsprecher unsere Hoffnung und schenke uns dein Erbarmen. Oder sollten wir es heute mit anderen Worten sagen:

„Schenke uns eine glückliche Hand für unser Leben und das Zusammenleben der Menschen auf dieser Erde.“  Wir alle haben es in Hand!

 

L: 1 Kor 15,20-27a
Ev: Lk 1,39-56

Liebe Schwestern und Brüder!

Etwas auf den Punkt bringen, wie wir sagen, ist alles andere als leicht und irgendwie auch eine Kunst.
Etwas auf den Punkt bringen. Manche können das einfach, andere müssen es womöglich mühsam lernen, das, was schwierig, komplex oder kompliziert, außerdem vielleicht auch noch langwierig oder langatmig ist, mit wenigen und sogar ganz einfachen Worten zu sagen, es eben auf den Punkt bringen.

Im Nachrichtengeschäft, aber nicht nur da, ist es überlebenswichtig, damit Informationen und Inhalte an den Mann oder die Frau gebracht werden und zugleich Interesse geweckt wird, weiter zu lesen, zu hören oder zu schauen.

Etwas auf den Punkt bringen. Als ich gestern die Zeitungen aus dem Briefkasten geholt habe, da musste ich an diesen Ausspruch und diese Fähigkeit denken, weil ich auf der Titelseite der Süddeutschen Zeitung folgendes las „Testen und Hoffen“. Ich glaube ich muss nicht lange erklären, worum es im folgenden Artikel, der sich über die halbe Seite erstreckte, ging. Vielleicht genügt zur letzten Sicherheit noch der Hinweis auf das Bild, mit dem diese Worte unterlegt waren: Ein Wattestäbchen mit einem langen Stil und eine Spritze. Testen und Hoffen.

Viele Menschen lassen sich in diesen Tagen testen oder müssen sich testen lassen. Sie halten sich mehr oder weniger gut an die Verordnungen, trotzdem steigen die Ansteckungszahlen und ein ausgereifter Impfstoff ist immer noch nicht so recht in Sicht. Am Schluss des Textes wird süffisant die Frage gestellt: Und was ist in Bayern los?

Dazu könnte man sicher viel sagen und manche tun es auch, je nachdem, wen sie fragen. Und was ist in Bayern los? Ich möchte versuchen, es so auf den Punkt zu bringen: Wir feiern ein Fest!

Wir feiern heute ein Fest. Es ist aber keine verrufene Party, die die Behörden aber auch andere Menschen so sehr fürchten, sondern wir feiern ein Fest, das man auch so auf den Punkt bringen könnte: Testen und Hoffen. Das heutige Fest der Aufnahme Mariens in den Himmel ist ein Test. Es ist kein Test, an dessen Ende ein Ergebnis positiv oder negativ, infiziert oder nicht infiziert steht, sondern es ist ein Test unserer Hoffnung, unserer Hoffnung für das Leben und darüber hinaus.

Es geht bei unserem Fest nämlich um Leben und Tod, eine Thematik die durch dieses Virus wieder neu, allerdings ein bisschen anders in das Bewusstsein der Menschen gerückt ist und damit für Verunsicherung sorgt. Der Tod ist wieder ein Stück unberechenbarer geworden, selbst in unserem Land, das mit einem hohen medizinischen technischen Standard, den Tod ganz gut in den Griff bekommen hatte.

Leben und Tod. Der Abschnitt aus dem ersten Brief des Apostels Paulus, den wir in der Lesung gehört haben, spricht eine Sprache, die in diesen Zeiten auf etwas andere Ohren treffen könnte: Da nämlich durch einen Menschen der Tod gekommen ist, kommt auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten. Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden.

Es geht in diesen Zeilen des Paulus nicht um eine Infektionskette, die man bis ganz an den Anfang, fast sozusagen bis zu Adam und Eva zurückverfolgen möchte und könnte, sondern es geht heute um eine Hoffnungskette, die ihren Ursprung in Jesus Christus hat und in die sich viele Menschen eingeklinkt und sich ihr durch den Glauben angeschlossen haben. Maria ist ein wichtiges und starkes Glied in dieser Hoffnungskette.

Das heutige Fest ist ein Test unserer Hoffnung, die sich nicht an der Erforschung von Impfstoffen und Medikamenten festmachen lässt oder gar damit erledigt. Auch wenn es diese Dinge hoffentlich bald geben wird, so bleibt die Zäsur des Todes auch danach und trotz all der Medikamente eine Wirklichkeit.

Testen und hoffen! Was sind unsere Hoffnungen? Was ist meine Hoffnung? Haben wir überhaupt eine Hoffnung oder sind es lediglich Wünsche, die man sich leisten und erfüllen kann. Hoffnung bewährt sich im Leben. Erfüllen wird sie sich erst im Tod. Davon erzählt der Abschnitt mit dem Magnifikat aus dem Lukasevangelium, der immer an diesem Fest vorgelesen wird. Darin erfahren wir von den Hoffnungen, die das Leben von Maria prägten, die sich aber auch in ihrem Leben bewähren mussten, dass Gott ein Retter ist, dem das Leben der Menschen nicht gleichgültig ist, der auch „Niedriges und Unbedeutendes“ wertschätzt und zur Geltung bringen kann. Erfüllt hat sich diese ihre Hoffnung letztlich aber erst im Tod.

Liebe Schwestern und Brüder, oft konnte und habe ich an diesem Festtag von Erlebnissen und Eindrücken aus meinen Urlaubstagen erzählt. Heute muss ich sagen, dass in diesem Jahr der Urlaub ein Test für mich war. Er war ein Test für meine Hoffnung. Manche wissen es, genau heute vor zwei Wochen ging das Leben meines Vaters nach kurzer schwerer Krankheit plötzlich und unerwartet zu Ende. Wenige Tage vorher hatte er mich noch zum Bahnhof gebracht.

Bei jeder Beerdigung bete ich, wie oft ich das schon getan habe, weiß ich nicht mehr: Lasst uns auch beten für den aus unserer Mitte, der als Nächster dem Verstorbenen vor das Angesicht Gottes folgen wird. Schenke uns Reue und Umkehr. Jeder weiß, dass es diesen Nächsten gibt und geben wird. Doch meistes ist der oder die weit weg. Vor zwei Wochen war er mir sehr nah.

Vieles ist mir auf der Intensivstation der Unfallklink Murnau durch den Kopf gegangen, auch die Frage, die mir als Seelsorger immer wieder gestellt wurde und wird: Was würden Sie tun? Was würden Sie tun, wenn die Situation eintritt, in der das Leben eines Menschen an den Punkt gekommen ist, wo wir sagen: „Das ist doch kein Leben mehr“ und Entscheidungen über Leben und Tod getroffen werden müssen. Das ist die andere Seite des medizinischen Fortschritts, der den Tod zwar hinausschieben, aber letztlich nicht verhindern kann. Diese Frage, was ich tun würde, habe ich immer so beantwortet: „Ich weiß es nicht, es kommt auf die Situation an.“

Ich und meine Familie mussten vor zwei Wochen diese Entscheidung nicht treffen, die hat ein anderer getroffen. Die Entscheidung wurde uns abgenommen, aber die Antwort auf die Frage nach der Hoffnung die bleibt, die kann uns, die kann mir keiner abnehmen.

Hoffen und Testen. Diese Hoffnung sozusagen auf den Punkt zu bringen ist gar nicht so leicht. Ich gebe zu, dass ich sie nicht einfach aus dem Ärmel schütteln kann, sondern dass ich sie ein Stück weit lernen muss, vielleicht wieder lernen muss, denn die Zeit zwischen dem Abschied am Bahnhof und dem Wiedersehen auf der Intensivstation war sehr kurz und auch einseitig, denn er war nicht mehr ansprechbar.

So möchte ich versuchen, mich mit dem heutigen Fest in diese Hoffnungskette einzugliedern, die von vielen Menschen eben auch von Maria zusammengehalten wird und es so auf den Punkt bringen: Heilige Maria Muttergottes, bitte für uns Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen.

 

Pfingsten, 31.05.20 L: Apg 2,1-11
Ev: Joh 20,19-23

Liebe Schwestern und Brüder!

Sprache ist eine Möglichkeit, wie Menschen zueinander in Kontakt treten und wie sie Kom-munikation pflegen können. Sprache ist und kann aber noch viel mehr. Sprache ist in gewisser Weise auch ein Spiegelbild dessen, was Menschen beschäftigt, was sie umtreibt, was sie den-ken und was sie fühlen. So spricht ein Mensch, der gut gelaunt, freudig gestimmt oder gar verliebt ist, anders als einer, der traurig oder voller Ärger ist. Es gibt darüber hinaus aber auch so etwas wie Modeworte, die das wiedergeben, was über einen gewissen Zeitraum bei Men-schen in und dann wieder out ist. „Wovon das Herz voll ist, davon spricht der Mund“, so bringt es diese Redewendung auf den Punkt.

Das, was wir gerade mit der Pandemie erleben, spiegelt sich auch in der Sprache wider. Nicht nur, weil alle davon sprechen und es andere schon nicht mehr hören können, sondern auch in den Begriffen, die verwendet werden. Mir ist dabei ein Begriff aufgefallen, den die Umstände zwar nicht hervorgebracht haben, den sie aber durchaus fördern, nämlich „Der Unsichtbare Feind“. Dieses Virus, ja Viren insgesamt, sind unsichtbare Feinde, die Menschen als Bedrohung erleben und erfahren, die ihnen gefährlich werden und die Unsicherheit und auch Angst auslösen oder zurücklassen können.

Der unsichtbare Feind. Wenn es einen, diesen unsichtbaren Feind gibt, gibt es dann so etwas wie einen „unsichtbaren Freund“, auch wenn Freund und Freundschaft doch viel mit genau kennen und darum wissen zu tun hat?

Der unsichtbare Freund. Heute an Pfingsten denken wir an den Heiligen Geist, wir feiern den heiligen Geist. Wenn man Menschen, vor allem Kinder, fragt, was einen Geist ausmacht, dann werden wir von den meisten zu hören bekommen, dass ein Geist vor allem eines ist, nämlich unsichtbar. Egal ob es sich um einen heiligen Geist handelt oder nicht.
Vielleicht ist es eine Möglichkeit, dem Pfingstfest und damit dem heiligen Geist auf die Spur zu kommen, wenn wir ihn als „unsichtbaren Freund“ bezeichnen und betrachten. Der Heilige Geist, unser unsichtbarer Freund.

Dieser Kontrast zwischen einem unsichtbaren Feind und einem unsichtbaren Freund wird in der Lesung aus der Apostelgeschichte besonders deutlich. Darin war davon die Rede, dass am 50-sten Tag, also am Pfingsttag sich alle am gleichen Ort befanden. In Zeiten des unsichtbaren Feindes, Corona, wird so eine Situation nicht nur unbehaglich, sondern wahrscheinlich bedrohlich auf die Menschen wirken. Sollen wir doch vor allem größere Menschenansamm-lungen meiden und darauf verzichten, bis in unsere Gottesdienste hinein.

Alle befanden sich am gleichen Ort. Hier aber ist kein unsichtbarer Feind, sondern ein unsichtbarer Freund am Werk, auch wenn von einem heftigen Sturm und einem Getöse erzählt wird. Die Menschen fürchten sich nicht, sie können ihre Angst hinter sich lassen, sie fühlen sich nicht bedroht oder gefährdet, sondern geborgen und verbunden, weil sie nicht nur die gleiche Sprache sprechen und Sprache verstehen, sondern einander verstehen. Einander verstehen, das kann selbst dann gelingen, wenn Menschen verschiedene Sprachen sprechen. Sie können einander verstehen, wenn so ein unsichtbarer Freund mit dabei ist. Wir sagen dazu gerne: Wenn die Chemie stimmt.

Der unsichtbare Freund ist auch am Werk im Abschnitt des Evangeliums, als Jesus zu seinen Freunden kommt, die sich eingesperrt hatten. Er spricht ihnen diesen Heiligen Geist zu, er sichert ihnen seine Freundschaft zu. So können sie ihre Angst hinter sich lassen und sperren die Türen wieder auf.
Der Heilige Geist, ein unsichtbarer Freund. Wo dieser unsichtbare Freund zugegen oder mit dabei ist, da hat Vieles eine Chance, da kann Vieles gelingen. Da gibt es das, was wir Einheit nennen, Klarheit, Treue, Wahrheit, Frieden, Liebe und vieles Andere mehr, so dass Leben gelingen und auch als schön erfahren werden kann, weil man spürt, dass Wirklichkeit mehr ist als das, was man sehen kann.

Liebe Schwestern und Brüder, in diesen Tagen musste ich immer wieder an eine Firmung für Menschen mit Behinderung denken, die ich vor ein paar Jahren gehalten habe. In der Predigt habe ich versucht, den jungen Menschen den Heiligen Geist so zu erklären, dass man Angst überwinden kann, weil jemand da ist, dem man vertraut. Dass jemand da ist, dazu brauche ich ihn nicht unbedingt sehen, ich kann ihn auch hören, ich kann ihn spüren, ich kann ihn vielleicht sogar riechen. So habe ich die Brücke zum Chrisam, mit dem die Firmlinge gesalbt werden, zu bauen, das eben gut riecht.

Nach der Firmung hat mir der Pfarrer gesagt, dass ich sehr mutig war, weil ich mit den Firm-lingen gesprochen und sie etwas gefragt habe. Mir war zuerst gar nicht klar, wie er das meinte. Worauf er schmunzelnd erklärte: Der letzte Firmspender wollte nämlich von den Firmlingen auch etwas wissen, nämlich warum er diesen besonderen Hut, also die Mitra aufhat. Worauf einer dieser Firmlinge aus dem Hintergrund gerade heraussagte: „Weil’st a Angeber bist.“

Liebe Schwestern und Brüder, Sie haben es gehört oder gelesen, am vergangenen Donnerstag haben mich meine Mitbrüder für weitere 12 Jahre als Abt gewählt und deshalb trage ich auch die Mitra als Zeichen dieses Amtes. Es ist auch gut in manchen Funktionen jemanden zu ha-ben, der einem sagte, jetzt tu die Mitra mal wieder runter oder das braucht es jetzt. Auch so ein „Eitelkeitsbeauftragter“ das kann ein geistgewirkter unsichtbarer Freund im Hintergrund sein.

Der Heilige Geist, der unsichtbare Freund, unser unsichtbarer Freund, mein unsichtbarer Freund. Oder anders ausgedrückt, mit den Worten einer Theresia von Avila:
Ob wir Gott lieben, das kann man nicht wissen.
Aber ob wir den Nächsten lieben, das merkt man.

Ich glaube in dieser Beziehung haben uns Menschen mit Behinderung oft viel voraus.

 

Kreuzfest, 03.05.20                                                                                      L: Num 21,4-9

Ev: Joh 3,13-17

Liebe Mitbrüder!

Zu forschen ist nicht nur eine Fähigkeit oder eine Leidenschaft von uns Menschen, sondern das Forschen und Erforschen ist auch eine Aufgabe, die uns mit in unser Leben gegeben ist und zugleich Ausdruck unserer Würde als Mensch, an dieser Welt mit bauen und gestalten zu dürfen. Zu allen Zeiten haben Menschen geforscht. Die Menschheitsgeschichte ist immer auch eine Forschungsgeschichte, mit ihren Errungenschaften und den „Fehlschlägen“. In diesen Tagen, die wir gerade erleben oder durchmachen, ist die Forschung dringlich gefordert, ja eigentlich unter Druck, um Medikamente, ein Gegenmittel oder einen Impfstoff gegen dieses Virus zu finden. Mit einem Augenzwinkern könnte man sagen: Es wird gerade geforscht „auf Teufel komm raus“.

So betrachtet könnte man den Abschnitt aus dem Buch Numeri, den wir meistens an unseren Kreuzfesten zu hören bekommen und auch heute gehört haben, in diese Forschungsgeschichte einreihen. Mose hat etwas gefunden, das hilft, auch wenn Gott den entscheidenden Tipp gegeben hat. Mose hat ein Gegenmittel gegen das Gift der Schlangen: Wenn jemand von einer Schlange gebissen wurde und zu der Kupferschlange aufblickte, blieb er am Leben. Er war gerettet. Ein voller Erfolg!

Das Geheimnis von Forschung liegt darin, dass sie nicht stehen bleibt, sich nicht auf den Erfolgen ausruht, sondern dass sie immer weiter geht, sich weiterentwickelt, dass sie an und mit den Herausforderungen wächst. Auch das haben wir heute im Evangelium gehört: Und wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit jeder, der glaubt, in ihm das ewige Leben hat. Damit er gerettet wird. Ein Erfolg!

Was wird der nächste Schritt in unseren Tagen sein? Wer wird den entscheidenden Tipp geben?

Um in der Forschung zu einem Ergebnis zu kommen, muss man meistens vorne, ganz vorne anfangen. „Ur-Sache“ nennt man einen solchen Anfang. Was ist oder was war die Ursache? Auch das wollen die Forscher unserer Tage herausfinden, um zu einem Erfolg zu kommen.

Eigenartigerweise kommt zu diesem Begriff der Ursache noch ein anderer Begriff hinzu, der im Leben von uns Menschen auch immer eine Rolle spielt, nämlich der Begriff der Schuld. Was ist schuld? oder Wer ist schuld? Die Ursache kann auch ein fehlerhaftes oder schuldhaftes Verhalten sein. Alle Augen richten sich in der Frage nach der Schuld gerade nach China. An Vorwürfen wird nicht gespart und manche wissen es ganz genau: Die sind schuld!

Die Beantwortung der Schuldfrage entscheidet nicht nur darüber, in welche Richtung die Forschung gehen wird, sondern sie entscheidet auch darüber, wohin ein Leben gehen, wie es sich weiter entwickeln wird: Die sind schuld! Der ist schuld! oder: Ich bin schuld! Beide Antworten können im Extremfall sehr hinderlich für eine gute Entwicklung zum Heil sein.

Am bekanntesten und vielleicht am einfachsten ist es wahrscheinlich, die Schuld von sich zu weisen und bei den anderen zu suchen. „Die sind schuld, der ist schuld!“ Dazu werden uns viele Beispiele einfallen, vielleicht auch aus dem eigenen Leben, wo immer die anderen schuld sind. Irgendwann wird es aber so nicht mehr weiter gehen, weil es nicht stimmt.

Das andere aber gibt es auch. Im alten Scheyrer Psalter findet sich im Psalm 36 folgender Vers, der mir immer noch in Erinnerung ist: Er gefällt sich darin sich schuldig zu finden und zu hassen. Ich bin schuld! Und es ist sogar irgendwie auch schön und gut. Wohin wird eine solche Lebenseinstellung führen?

„Was ist doch wohl die Ursach solcher Plagen“, heißt es in dem Passionslied „Herzliebster Jesu, was hast Du verbrochen?“

Wer ist schuld? Was ist schuld? Diese Frage schwingt bei jedem Kreuzfest mit. Und uns werden auch immer verschiedene Antworten angeboten.

Die eine Antwort ist die, die auf dem oberen Balken unseres Scheyrer Kreuzes steht: „Jesus von Nazareth, der König der Juden“ oder wenn es nach dem Willen der Pharisäer gegangen wäre „dass er gesagt hat, er sei der König der Juden“. Und es gibt die Antwort aus dem heutigen Evangelium: „Denn so sehr Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt nicht verloren geht, sondern das ewige Leben hat“.

So sehr hat auch Gott die Welt geliebt.

So sehr hat Gott den Menschen geliebt.

So sehr hat Gott mich geliebt.

Mit dieser Antwort darf ich auch schuldig werden, aber ich muss nicht immer schuld sein. Nur ehrlich muss ich dabei sein. Das ist ein wichtiger und wesentlicher Bestandteil der Forschung, die wir auch Gewissenserforschung nennen.

Das Ergebnis von Forschung ist oft technische Errungenschaften, mit denen wir ganz selbstverständlich umgehen. Auch das Kreuz wird oft mit solchen technischen Errungenschaften verglichen. Vielleicht ist es uns schon einmal aufgefallen, was wir in unseren Liedern singen: „Du bist die sichre Leiter. Du bist die starke Brücke.“ oder „Heilges Kreuz du bist der Mastbaum, der ein teures Segel trägt.“

Ich möchte schließen mit einem Text von Silja Walter, die einen anderen technischen Begriff ins Spiel bringt. Einen Begriff, den wir aus unserer technisierten Lebenswelt gut kennen. Es ist der Kran.

Kreuz des Herrn, du dunkler Kran,

hebst die Welt nach Gottes Plan aus dem Tod ins Leben.

Ziehst den Menschen aus dem Schacht,

deine Arme haben Macht ihn ins Licht zu heben.

 Gottes Herrlichkeit und Kraft,

drängt aus deinem roten Schaft in die Kontinente.

Alle Welt, die dich umkreist,

wird durchglüht von Christi Geist, braust, als ob es brenne

 

Christi Kreuz du hebst ihr Nein,

in das Ja des Herrn hinein, und sie wird dich sehn.

Wenn er kommt am End der Zeit,

wirst du voller Herrlichkeit groß am Himmel stehen.

Forschen wir gewissenhaft, ehrlich liebevoll und lassen wir uns von diesem Kran ins Leben heben, vom Tod ins Leben, aus dem Nein ins Ja, aus dem Dunkel in das Licht, aus der Vergänglichkeit in die Herrlichkeit.

 

Liebe Leserinnen und Leser,

liebe Schwestern und Brüder!

Zum 20-igsten Mal darf ich heuer als Priester die Osternacht feiern. Ein Moment, der mich jedes Jahr bewegt ist der, wenn nach dem Ruf „Christus ist glorreich erstanden vom Tod. Sein Licht vertreibe das Dunkel der Herzen“, die am Osterfeuer entzündete Osterkerze in die dunkle Kirche getragen wird und wir mit den mitfeiernden Menschen das Licht teilen. Ganz langsam füllt sich unsere Scheyrer Basilika dann mit Licht. Sie wird hell.

In diesem Jahr werden wir uns schwertun, unsere Kirche mit Licht zu füllen und auszuleuchten. Die Umstände bringen es mit sich, dass wir Mönche ganz unter uns sein werden. Trotzdem teilen wir Licht, auch wenn wir es nicht schaffen werden, den Kirchenraum so hell zu bringen, wie in all den Jahren zuvor.

Wie sich das anfühlen wird, in der Osternacht so alleine zu sein, weiß ich noch nicht. Es wird für uns genauso eine interessante, aber hoffentlich einmalige Erfahrung wie für die Menschen, die kommen wollen, aber nicht kommen dürfen. Wir wissen uns aber mit vielen Menschen verbunden, auch wenn sie nicht persönlich anwesend sein können. Vielleicht wirkt die Basilika in dieser Verbundenheit gar nicht mehr so dunkel.

In den letzten Tagen ist mir mit Blick auf diesen Moment in der Osternacht immer wieder ein Lied durch den Kopf gegangen, welches sich in diesen Tagen fast kurios anhört und Menschen sogar erschrecken könnte. Es beginnt so: „Einer hat uns angesteckt.“ Wer dieses Lied kennt oder selber schon gesungen hat, weiß, dass hier nicht die Ansteckung mit einer Krankheit gemeint ist, aber harmlos ist sie trotzdem nicht, denn eine Ansteckung hat Auswirkungen auf das Leben. „Einer hat uns angesteckt mit der Flamme der Liebe. Einer hat uns aufgeweckt und das Feuer brennt hell.“

Die Osterkerze wird entzündet, sie wird angesteckt. Und dieses Licht wirkt ansteckend, es breitet sich aus, im Kirchenraum und weit darüber hinaus. Dieses Licht wird weitergetragen und es beginnt zu leuchten, es macht Dunkelheit und Finsternis hell. In diesem Jahr konnten wir das in den Wochen auf Ostern hin bereits wahrnehmen.

Die Ausbreitung des Virus auf der ganzen Welt lässt uns manches anders sehen, in einem anderen Licht erscheinen. Was bisher oft ein Schattendasein geführt hat, rückt plötzlich ins Rampenlicht der Medien und der öffentlichen Aufmerksamkeit. Manche Berufe und Tätigkeiten, die es in unserem Wirtschaftssystem eben auch gab, werden plötzlich „systemrelevant“ und werden wieder mehr geschätzt als in „normalen Zeiten“. Ich hoffe, dass die Menschen in den Pflegeberufen, alle, die in Geschäften und anderorts dafür arbeiten, dass der „Laden noch läuft“, davon auch etwas spüren dürfen. So möchte auch ich Danke sagen, angefangen bei unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bis hin zu denen, die auch über die Feiertage arbeiten. Ich denke aber auch an alle, die gerne arbeiten würden, es aber jetzt nicht dürfen.

„Einer hat uns angesteckt.“ Ansteckend sind nicht nur Krankheiten, auch ein Lächeln kann anstecken, genauso wie Hilfsbereitschaft, Wertschätzung, Achtsamkeit oder Dankbarkeit.

„Einer hat uns angesteckt mit der Flamme der Liebe und sein Feuer brennt hell.“ Christen und alle Menschen guten Willens sind Hellmacher, und doch keine Brandstifter. „Wer sich selbst verliert, wird das Leben finden. Wer die Freiheit spürt, kann sich selber finden.“ So heißt es weiter in diesem Lied.

So verbinde ich mit dem Weitergeben und dem Weitertragen des Lichtes in dieser Ausnahmesituation die Hoffnung, dass wir Menschen merken, wir werden den Kampf gegen diese Krankheit und alle anderen Krankheiten nur miteinander gewinnen können, wenn jeder seinen Teil dazu beiträgt. Wir werden die Probleme der Welt nur gemeinsam lösen und nicht gegeneinander. Deshalb sollen wir uns eben nicht anstecken lassen von Angst, Vorurteilen, Neid oder Hass gegen andere. Alle, die ganze Welt ist doch betroffen, und jeden von uns kann es treffen. „Wer betroffen ist, wird das Wort neu sagen. Wer sich selbst vergisst, kann auch Lasten tragen. Einer hat uns angesteckt mit der Flamme der Liebe. Einer hat uns aufgeweckt und sein Feuer brennt hell.“ So singt das Lied in einer weiteren Strophe.

In den letzten Tagen hätte ich wie jedes Jahr und das Jahr hindurch alte und kranke Menschen besucht. Um niemanden zu gefährden, habe ich das „Krankenblättchen  – nicht nur für Kranke“ ihnen mit der Post zugeschickt. In ein paar dazu geschriebenen Zeilen habe ich wie immer auf die letzte Seite hingewiesen, auf der die Witze abgedruckt sind, damit wir in diesen Zeiten das Lachen nicht verlernen.

Einen dieser Witze möchte ich an dieser Stelle erzählen und Ihnen in diese österlichen Tage mitgeben. „Ein Azubi, also ein Lehrling, rettet seinen Chef vor dem Ertrinken. Als dieser aus dem Krankenhaus wieder entlassen wird, lässt er den Azubi zu sich kommen, um sich in aller Form bei ihm zu bedanken. Er sagt zum Azubi ganz feierlich: Jetzt hast du aber einen Wunsch frei! Darauf der Azubi: Ja, bitte sagen sie niemandem, dass ich ihnen das Leben gerettet habe.“

Liebe Leserinnen und Leser! Doch, sagen wir es weiter! Sagen wir es weiter, dass Christus mit seiner Botschaft vom und für das Leben und in seiner Auferstehung Leben gerettet hat und immer noch retten kann. Auch unser Leben, auch mein Leben. Seien wir ansteckend mit Lebensfreude und Dankbarkeit für unser Leben. Sagen wir ruhig einfach einmal „Danke“. Es gibt so viele Menschen, die es verdienen, und noch mehr, denen es einfach mal guttut. „Einer hat uns angesteckt mit der Flamme der Liebe. Einer hat uns aufgeweckt und das Feuer brennt hell.“ Das wünsche ich Ihnen, denn „Christus ist glorreich erstanden vom Tod. Sein Licht vertreibe das Dunkel der Herzen.“

 

Fastenpredigt 2020, Scheyern

 

Evangelium: Joh 11,1-45

Liebe Schwestern und Brüder!

„Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben.“ Diesen Satz haben wir in der Vorbereitung als zentralen Satz herausgefiltert. Es ist ein Satz, der zweimal in der sehr langen Perikope vorkommt, einmal wird er von Marta gesagt, wenig später, ein weiteres Mal von ihrer Schwester Maria. Bei Marta allerdings, bildet dieser Satz nur den ersten Teil, denn gleich darauf heißt es: Aber auch jetzt weiß ich: Alles, worum du Gott bittest, wird Gott dir geben.

Ich möchte mich zunächst auf den ersten Teil beschränken: Herr, wärst Du hier gewesen. Als Überschrift über diese vierte Fastenpredigt haben wir den Satz geschrieben Wie kann ich angesichts von Leid beten? Das ist eine Frage, die letztlich zu der großen dogmatischen Frage führt, die wir auch Theodizee nennen, denn wir könnten diese Frage erweitern, wir könnten fragen: Wie können wir angesichts von Leid glauben, hoffen, vertrauen. Und es ist eine Frage, die wir nicht der hohen Theologie überlassen dürfen, sondern die uns täglich gestellt wird, ganz aktuell, gerade jetzt in dieser Zeit der Corona-Krise. Menschen sind zutiefst verunsichert, sie fragen nach Gott, und sie finden möglicherweise Antworten, die sich irgendwann einmal in ihr Glaubensgebäude eingenistet haben und von dort nicht mehr weg zu bekommen sind. Eine solcher Fragen heißt: „Wofür bestraft Gott uns?“ – Diese Frage treibt allen Ernstes ehrliche und fromme Christen um. Und wir haben, ich möchte sagen, die Pflicht, ihnen ein solch verdunkeltes Gottesbild zu nehmen. Nein, das ist nicht unser Gott, dieser kleinkarierte Bösewicht, der einen kleinen Virus dazu benutzt, um endlich einmal zu zeigen, wie mächtig er ist und um mal so richtig drein zu schlagen. Menschen sind zutiefst verunsichert, sie haben Angst. Und auf eine Art mit der Angst umzugehen, eine Art, die mir nicht weiterhilft, möchte ich hier kurz eingehen. Auf einem Tageskalender, den viele haben, fand sich vor einigen Wochen folgender Spruch: Im Sturm betet der kluge Mann zu Gott, nicht um Errettung aus Gefahr, sondern um Erlösung aus der Angst. Der Sturm in ihm ist es, der ihn gefährdet, nicht der Sturm draußen. So richtig es manchmal sein kann, was der amerikanische Philosoph Ralph Waldo Emerson hier beschreibt, aktuell und in vielen Lebenssituationen ist es fast ein beleidigender Zynismus. Denn es gibt eine berechtigte und reale Angst, die Angst, mich mit einem tödlichen Virus zu infizieren, die Angst, dass einer meiner Angehörigen gefährdet werden könnte, die Angst, Überträger dieses Virus zu sein, die Angst, dass Menschen die Einsamkeit und die Isolation dieser Tage nicht aushalten und durchdrehen, die Angst, dass mein kleines Unternehmen Pleite geht, weil solange nichts laufen kann, die Angst, meine Existenz zu verlieren.

Herr, wärst Du hier gewesen, so sagt es Marta. Das ist eine Klage, ja, es ist wirklich schade, dass Du so spät gekommen bist, wie sehr hatten wir gehofft, dass Du schnell kommst, dass Du dich beeilst, wie gut wäre das gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben, jetzt ist etwas eingetroffen, was vielleicht zu verhindern gewesen wäre. – Marta klagt, aber in dieser Klage schwingt noch etwas mit, eigentlich steht die Klage nie isoliert als solche da; wer klagt, hat schon einen Adressaten, und zumindest gibt es die vage, die diffuse oder auch die ganz konkrete Hoffnung, dass da jemand ist, der mich hört, der Hilfe sein kann, darum sind auch die Klagepsalmen ein ganz wesentlicher Teil des Gebetsschatzes der Bibel. Marta klagt, aber sie benennt auch ihre Hoffnung: Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben. Und dieses Vertrauen wird noch bestärkt, wenn es weiter heißt: Aber auch jetzt weiß ich: Alles, worum du Gott bittest, wird Gott dir geben. Der Anfang des Vertrauens vertieft sich im Gespräch mit Jesus zu der Spitzenaussage: „Ja, Herr, ich glaube, dass du der Messias bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll.“ Das ist ein Bekenntnis, das dem Messiasbekenntnis des Petrus in keiner Weise nachsteht: Marta wird hier für alle kommenden Generationen zu einer Lehrerin des Glaubens, und warum man das in der Geschichte der Kirche und der Theologie so wenig betont hat, bleibt mir ein Rätsel. Marta tut dann etwas Weiteres, was sie als qualifizierte Lehrerin des Glaubens ausweist, als Pädagogin, und eigentlich nimmt sie eine Lüge zu Hilfe: Sie ruft ihre Schwester Maria, diejenige, von der wir meinen, dass sie Jesus näher steht, weil sie ihm zugehört hat, weil sie den besseren Teil erwählt hat. Marta muss die Maria herbeirufen, und sie sagt ihr: Der Meister ist da und lässt dich rufen. Das stimmt überhaupt nicht, davon war keine Rede, und der Text beschreibt die Situation sehr ausführlich. Trotzdem gebraucht Marta diese Notlüge, und sie darf es, weil sie davon überzeugt ist: Hier steht Jesus, der Messias, und wenn es irgendjemanden gibt, der dir jetzt in deinem Schmerz helfen kann, dann, Maria, ist es Jesus, und darum ist es völlig legitim, wenn ich, um euch zusammen zu bringen, eine kleine Lüge gebrauche. Marta will und kann ihren Glauben, ihr Vertrauen, ihre Hoffnung nicht für sich behalten, sondern sie will ihn weitergeben. Diese Überzeugung ist da, noch bevor das Zeichen der Auferweckung des Lazarus geschieht, und diese Szene schildert uns ganz nebenbei unsere menschliche Verfasstheit, dass wir uns vorher entscheiden, oft mehr unbewusst als bewusst, ob und wem wir glauben, wem wir vertrauen. Es ist Tatsache, dass das Zeichen nicht ausreicht, dass es nicht überzeugt, nichts beweist und nicht zum Glauben führt, wenn wir nicht auch positiv dieses Zeichen deuten können, wenn wir nicht vorher ein Grundvertrauen entwickeln konnten. Darum ist es so wichtig, dass Menschen gut und auch früh zum Glauben hingeführt werden, und wenn, wie vorhin beschrieben, mein Gottesbild so verdunkelt wurde, dass ich nur den strafenden Gott glauben kann, dann habe ich Schaden genommen. Ich persönlich bin dankbar für eine gute christliche und kirchliche Sozialisation, die ich jedem Menschen wünsche, und ich bedauere es sehr, wenn viele Kinder und Jugendliche heute eine erstarrte Kirche erleben, in denen die Seelsorger und Seelsorgerinnen fehlen, die ihnen und den Familien ganz nahe sind, so wie Marta, die sich bemüht hat, ihre Schwester mit Jesus in Verbindung zu bringen.

Ich möchte darum schließen mit einigen Zitaten von Glaubenszeugen, die etwas zu sagen haben in unsere Zeit, die überzeugt waren von einer Hoffnung, die sie getragen hat auch durch Zeiten des Leidens, und die für uns echte Vorbilder sein können und müssen:

Karl Rahner: „Kann ich nicht sagen, dass ich Recht habe, wenn ich mich an das Licht halte, auch wenn es klein ist, und nicht an die Finsternis, wenn ich mich an die Seligkeit halte, und nicht an die höllische Qual meines Daseins? Wenn ich die Argumente des Daseins gegen das Christentum annehmen würde, was böten sie mir, um zu existieren? Die Tapferkeit der Ehrlichkeit und die Herrlichkeit der Entschlossenheit, der Absurdität des Daseins mich zu stellen? Aber kann man diese als groß, als verpflichtend, als herrlich annehmen, ohne schon wieder…gesagt zu haben, dass es ein Herrliches und Würdiges gibt? Aber wie sollte es dies geben im Abgrund absoluter Leere und Absurdität?“

Alfred Delp: Das wird die letzte Rühmung des Herrgotts in der Welt sein, dass es Menschen gibt, die alles versinken sehen können, die ihr letztes Herzblut erstarren fühlen und immer noch wissen: Sein Wort gilt… Da legt Gott eine große Frage und eine große Last auf Menschen, denen er vorher eine größere Botschaft und eine größere Kraft gegeben hat. Wenn das nicht der Gottesbeweis dieser Stunde ist, dass wir als Menschen dastehen, die gefestigt sind allein vom Wort des Herrn her und auf ihm stehen und auf keinem anderen Wort, dann hat diese Stunde für den Christen ihren Sinn und ihre Aufgabe verfehlt.

Kaplan Josef Wehrle, der einige Zeit auch in Scheyern gelebt hat, und dessen Schreibtisch in meinem Zimmer steht: Die Heiligen haben gewusst, dass jedes Leid näher zu Gott führt, und haben an dunkle Perioden ihres Lebens die Frage gestellt: Was will Gott jetzt von mir?

Und schließlich Dietrich Bonhoeffer in seinem sehr bekannten Text, das Walten Gottes in der Geschichte, den er im Gefängnis geschrieben hat:

Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.

Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandkraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen.

In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.

Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und dass es Gott nicht schwerer ist mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten.

Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Fatum (Schicksal) ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet. Amen.

Fastenpredigt 2020, Scheyern

 

Wie kann mein Vertrauen beim Beten wachsen?

„Ich glaube, Herr!“ (Joh 9,38 = Evangelium des 4. Fastensonntag)

Lieber Abt Markus, liebe Brüder im Herrn! – Liebe Leserinnen und Leser!

Zuerst nehmen wir Themen aus dem gerade gehörten Evangelium auf:

+ „Wir müssen, solange es Tag ist, die Werke dessen vollbringen, der mich gesandt hat; es kommt die Nacht, in der niemand etwas tun kann.“

= D. h.: Es gibt den Punkt wie beim Start des Flugzeugs, den Punkt des no return: Wenn der Arzt sagt, die OP ist unvermeidlich oder wenn ein Partner ausgezogen ist, wenn eine ansteckende Krankheit die Runde macht usw. Dann zu beten: „Ach, lieber Gott, mach das bitte alles wieder gut und rückgängig“ geht nicht. Fürbittgebet hat offensichtlich ein Zeitfenster. „Wir müssen, solange es Tag ist, die Werke dessen vollbringen, der mich gesandt hat“.
Im Beten wächst das Vertrauen, dass wir die Kraft für unseren Beitrag bekommen, dass wir nicht einem namenlosen Schicksal ausgeliefert sind, sondern unter der Führung von Gottes Geist die richtigen Schritte tun können.

+ Beten bedeutet hier vor allem auch, dass ich mich meinen eigenen Grenzen und Ängsten stelle, weil ich mich vor Gott stellen darf, mit allem was ich bin und was in mir ist. Ich darf kommen, mit oder ohne Schuld: Zum einen hat Jesus damit aufgeräumt, dass Krankheit und Schicksal, im Evangelium die Erblindung, in einem Tun-und-Ergehen-Zusammenhang stehen würden. Zum anderen hat er in seinem Leiden und seiner Kreuzigung Gemeinschaft mit den Menschen, die Dinge erleiden welche sie nicht verursacht haben: „Weder er noch seine Eltern haben gesündigt.“

+ Jesus beurteilt nicht rückwirkend, so ist er nicht, sondern gegenwärtig handeln und Zukunft ermöglichen:
„Das Wirken Gottes soll an ihm offenbar werden.“

Wird es dann auch, mit dem Höhepunkt, dass der Mensch sagen kann: „Ich glaube, Herr!“ und sich niederwirft als Zeichen der Anbetung von Gottes Gegenwart. – Der Mann im Evangelium, blind von Geburt, hatte diese Heilung erlebt. Da lässt sich dann gut sagen: Dieser Mann muss von Gott sein.

 Wie aber kann unser Vertrauen beim Beten wachsen?

+ Geschichte vom Sägewerkmitarbeiter, der um einen Mercedes betete: Alle lächelten darüber. Eines Tages kam er mit einem gebrauchten, alten Mercedes: Jemand hatte ihm dieses Auto geschenkt. Vermutlich jemand, der mitbekam, mit welch kindlichem Vertrauen er darum betete. Und statt das Fahrzeug in Zahlung zu geben, kam es zu dem Geschenk.

+ Erhörte Gebete: Alles Zufall? Alles Illusion? Oder nur im Rahmen des Placebo-Effekts? Oder doch das Wirken Gottes! –
Gegenseitige Stärkung ist wichtig:
Glaubenszeugnis eines noch jungen Mannes aus der Nähe, der für sich die Entdeckung des Rosenkranzgebetes machte und nach ein paar Tagen von einer Sucht frei wurde, die ihn schon mehr als ein Jahrzehnt gebunden hatte! Und schon ein halbes Jahr lang währt diese Befreiung, die er selbst so oft erfolglos versucht hatte. Solche Erfahrung gibt es immer wieder, die sind für mich im Einzelnen und in der Summe der Erlebnisse deutliches Indiz, dass beten Situationen verändern kann!

+ Nach Gottes Willen beten: Das Vater Unser nennt einige Themen:
   sein Reich der Liebe soll kommen und dass Gott nicht ausgeblendet wird,
   um das tägliche Brot,
   um Vergebung untereinander,
   und Stärke in Versuchungszeiten, Bewahrung vor dem Bösen.

   und die Bitte um Arbeiter für den Weinberg Gottes:
„Bittet den Herrn der Ernte, Arbeiter zu senden, denn die Ernte ist groß.“

   und die Bitte um den Heiligen Geist:
„Wie viel mehr wird der Vater denen den Heiligen Geist geben, die ihn darum bitten.“

Mein Vertrauen beim Beten wächst, wenn ich mir sicher bin, dass Gott das tun will. Dann ist mein Beten das Abholen dieser Gabe, das Öffnen der Hände, um es in Empfang zu nehmen.

 

Noch sind wir beim Thema Beten ganz bei den Dingen es praktischen Lebens.

Gott wäre nicht Gott, wenn es nicht auch darüber hinaus wachsen sollte:

+ Letztlich Alles in Gottes Hand legen!

Ein berühmt gewordenes Vertrauensgedicht stammt von Theresia von Avila:

„Nada te turbe, nada te espante
= Nichts soll dich ängstigen, nichts dich verstören.

„Hier spricht ein Mensch zu sich selbst, in seine Seele hinein.“ Ähnlich, wie beim Psalm 42: „Meine Seele, warum bist du betrübt und bist so unruhig in mir?“
Der so sprechende Mensch steckt in Turbulenzen, etwas Verstörendes, ja Erschreckendes und Beängstigendes macht ihm zu schaffen.
Theresa kam durch ihre Reisen und die Mühen der Neugründungen für sich und ihre Schwestern oft in solche turbulenten Zeiten. Einmal konnten sie nur in ein Haus am Fluss einziehen. Sie nahm es auf sich, sagte aber gleich, dass man weiter suchen müsse, weil man wegen der vielen Mücken nicht hier bleiben könne, der Standort war viel zu ungesund.Solche Nöte sind der Ausgangssituation, der Sitz im Leben des gesamten Gedichtes.

Es geht weiter: „todo se pasa“ = all das vergeht.
Das erinnert an das griechische Philosophenwort „panta reih“ = „alles fließt, alles ist im Fluss“. Doch damit wird an dieser Stelle nicht gesagt, dass alles seiner Vergänglichkeit wegen geringzuachten sei. Vielmehr sagt sich der Mensch, der in einer Not steckt, dass seine Notsituation vergänglich ist. Und das ist kein billiger Trost, denn der eine Satz geht weiter:
Gott wird dir nicht untreu, geduldiges Harren sucht alles in Ihm,
wer zu Gott sich hinwendet, dem fehlt nichts.“

Das ist jetzt nicht Weltflucht, sondern mitten in der Not einer gegenwärtigen Situation die Vergewisserung: Weil Gott in mir wohnen bleibt, kann er mir Halt geben. Mit demselben Zuspruch sprach schon der Beter im genannten Psalm zu seiner Seele: „Harre auf Gott, denn ich werde ihm noch danken, meinem Gott und Retter, auf den ich schaue.“ (Ps. 42,6). Hier ist nicht von jener Art Geduld die Rede, die in einem passiven, gar schicksalsergebenen Aus-Harren besteht. Gemeint ist beide Male ein aktives Hin-Harren zu Gott selbst hin – mitten in der Not, auch wenn sie andauert und eben nicht vorübergeht.

Das Gedicht schließt mit dem Satz „wer zu Gott sich hinwendet, dem fehlt nichts und „Solo dios basta“. Im Deutschen oft als Spruchkarte zu finden in der Übersetzung „Gott allein genügt.“ Der Karmelit Pater Reinhard Körner OCD (Zitate[i] in kursiv) weist darauf hin, dass dieser Ausspruch nicht einseitig verstanden werden darf: Teresa brauchte sehr wohl mehr als nur Gott allein! Was wäre sie gewesen ohne die Schwestern, mit denen sie auszog, um ihr erstes Kloster zu gründen? Oder ohne die Schwester Ana de San Bartolomé, ihre Reisegefährtin, Krankenpflegerin und Sekretärin, ihre Vertraute in allem? Oder ohne Pater Gracián, mit dem sie eine tiefe Freundschaft verband? Und ohne Johannes von Kreuz, ihren „Vater meiner Seele“ [wie sie ihn nannte], über den sie in einem Brief an Schwestern schreibt: „Sie werden nicht glauben, wie einsam mich sein Fehlen macht.“

Liebe Schwestern und Brüder, viele erleben in unseren Tagen viel intensiver, was ihnen die nahestehenden Menschen bedeuten: Entweder, weil ein lang ersehnter Besuch ausfallen muss, die Taufe verschoben, eine Reise abgesagt wird. Oder weil auf einmal mehr Zeit miteinander zu Hause verbracht wird, weil all das Rundherum ausfällt. Nachbarschaftliche Hilfen und Beziehungen werden wieder wichtiger, weil das weite Netzwerk des Lebens zusammenschrumpft. Mal wieder einen Brief schreiben, so richtig mit der Hand und liebevoll!
Das ist dann Beziehung um der Beziehung willen, nicht weil ich etwas brauche oder zu etwas einlade.

Genauso ist auch unser Reden mit Gott gemeint: „wer zu Gott sich hinwendet, dem fehlt nichts, solo dios basta“ meint: Bleib nicht bei dem stehen, was du Gott von dir erzählen willst, bleib auch nicht bei dem stehen, was du an Hilfe von ihm erbitten willst. Dieser Schlusssatz des Gedichtes ruft in Erinnerung, dass es nur dann genügt und nur dann nichts mehr fehlt, wenn es um ihn, um Gott selber geht. P. Körner übersetzt daher so: „Gott Seinetwillen lieben – erst das ist genug.“ Denk an ihn, wende dich ihm zu, ihm in Person! Er selbst ist dein Halt! Mit Sören Kirgegaard gesprochen: „Der Helfer ist die Hilfe!“

 Liebe Schwestern und Brüder,

damit haben wir unsere Ausgangsfrage erweitert: Von dem Satz:

„Wie kann mein Vertrauen beim Beten wachsen?“

zu:  „Wie kann ich mich beim Beten dem Anvertrauen, zu dem ich bete?“

Nur indem wir immer wieder – nicht ohne Mithilfe des Hl. Geistes – diesen Sprung über uns selbst hinaus in Gottes Hand hinein wagen, werden wir wachsen.

Diese besondere Zeit, in der vieles wegfällt, können wir vertun mit endlosen Sorgen oder sich wiederholenden Nachrichten. Besser ist es, eine liegengebliebene Arbeit anzugehen.
Heute am Sonntag werden wir an unseren eigentlich Focus erinnert:
wer zu Gott sich hinwendet, dem fehlt nichts, solo dios basta“. „Gott Seinetwillen lieben – erst das ist genug.“

[i] „Gott allein“ genügt nicht!, in: zur debatte, Themen der Katholischen Akademie Bayern 3/2015, Seiten 12-16.

  1. Fastensonntag, 2. Fastenpredigt, 15.03.20
    L: Ex 17,3-7
    Ev: Joh 4,5-42

Liebe Schwestern und Brüder!

Es sind eigenartige Tage, die wir gerade erleben, vielleicht werden es sogar ein paar Wochen, weil scheinbar nichts mehr so ist, wie es vorher war und weil dieser kleine Virus, den eine Zeitung auf ihrer Titelseite als den „unsichtbaren Feind“ bezeichnet hat, alles durcheinander bringt oder zumindest verschiebt. Menschen müssen ihr Leben anders organisieren, setzen mit einem Schlag andere Prioritäten; Fragestellungen verändern, verschieben sich oder bekommen einen anderen Unterton.

Was bringt mir das? Was habe ich davon? Das ist eine Frage, die Menschen mehr oder weniger laut und offen stellen. Jetzt kommt vielleicht als Unterton hinzu: „Hoffentlich hole ich mir nichts dabei!“ Es kommen Bedenken auf, vielleicht auch ein wenig Angst.

Was bringt mir das? Was habe ich davon? Diese Frage stellen Menschen, und wir müssen sie auch stellen, denn alles was Menschen tun oder auch nicht tun, hat Auswirkungen auf das eigene Leben. Manchmal merken wir das mehr, ein andermal weniger; in diesen Tagen von einer ganz anderen Warte aus.

Was bringt mir das? Was habe ich davon? Wenn Menschen so fragen, dann steht meistens noch etwas im Raum, was wir nicht so leicht zugeben, nämlich, ob wir etwas gern tun oder auch nicht. Wenn mir etwas Freude macht, dann werde ich nicht lange nachdenken und fragen, ob und was es mir bringt, dann tue ich es, ob der Nutzen groß ist oder auch nicht, dann ist die Freude, vielleicht auch die Befriedigung Nutzen genug. Wenn ich etwas aber am liebsten wieder loswerden möchte und eigentlich gar nicht mag, dann ziehe ich den Nutzen und die Mühe mit dieser Frage ganz einfach und auch sehr leicht in Zweifel: Was bringt mir das? Was habe ich davon?

 Was kann ich mir vom Beten erhoffen? Diese Frage steht heute im Rahmen unserer Fastenpredigten zum Thema „Einfach beten“ im Raum. Man könnte es auch anders sagen, nämlich: Was bringt mir das? Was habe ich davon? Wie gesagt, wenn ich es gerne tue, dann werde ich auch beim Beten nicht lange fragen, dann ist mir dir Freude Nutzen genug. Wenn ich es aber nicht gerne tue, dann werde ich schnell der Meinung sein, dass es mir eigentlich nichts bringt, auch wenn ich vordergründig diese Fragen noch stelle: Was bringt mir das? Was habe ich davon?

Liebe Schwestern und Brüder, wir haben gerade in diesem langen Evangelium von der Begegnung Jesu mit einer Frau aus Samarien gehört. Jemand hat es einmal so betitelt „Das Randgespräch am Brunnenrand“ Zunächst geht es dabei um Belanglosigkeiten, ein bisschen aufgelockert mit religiösen Sticheleien und Standesbewusstsein: „Die Juden verkehren nämlich nicht mit den Samaritern“. Dabei könnte man es auch belassen.

Wie wir das aber vielleicht auch in unserem eigenen Leben kennen, wird plötzlich aus einem belanglosen Geplauder ein sehr intensives und tiefgehendes Gespräch. Das Leben dieser Frau rückt vom Rand, vom Brunnenrand, in die Mitte des Gespräches. Es wird sehr offen und vor allem sehr ehrlich gesprochen. Zusammen mit Jesus kann die Frau die Wahrheit ihres Lebens anschauen, so wie sie eben ist, mit allen den Brüchen, mit den Versuchen und auch dem Scheitern.

Das ist für mich etwas, was ich vom Beten erwarten kann: In diesem geschützten Raum des Betens rückt Leben in den Mittelpunkt, so dass man es in aller Ehrlichkeit anschauen kann. Das  Leben mit den Stärken und Schwächen, mit dem Gelingen und dem Scheitern, mit den Hoffnungen und Sehnsüchten: Das Leben, mein Leben, so anschauen, wie es eben ist.

Liebe Schwestern und Brüder, meine Mitbrüder wissen es und manche von Ihnen auch, dass ich ein großer Fan der Filme von Don Camillo und Peppone bin. In diesen Filmen, es ist der letzte von den insgesamt fünf, gibt es eine Szene, die uns das eben gesagte humorvoller näherbringen kann, was da auch am Brunnenrand im Evangelium geschehen ist. Vielleicht kennen Sie diese Szene auch oder erinnern sich daran.

Don Camillo und Peppone waren nach Rom versetzt worden, um ihrem ewigen Zwist ein Ende zu bereiten. Nach Jahren kehren beide für einige Zeit an ihre alte Wirkungsstätte zurück. Don Camillo geht nach seiner Ankunft in die Kirche, um zu beten, wo er plötzlich die Stimme Jesu wieder hört.

Don Camillo erklärt Jesus, dass er ein hohes Tier in der Kirche geworden ist, nämlich Monsignore. Worauf Jesus zu ihm sagt: „Das ist viel zu wenig für einen, der so viel gelitten hat, wie ich hörte, haben sie dich sechsmal verprügelt und sogar auf dich geschossen und dich verwundet. Warum hast du mir nichts davon erzählt?“ Darauf antwortete Don Camillo: „Vielleicht, weil es nicht wahr ist.“ Darauf Jesus: „Was ein Monsignore der lügt?“

Leider hören wir diese Stimme Jesu nicht so klar und deutlich, wie Don Camillo im Film. Vielleicht wäre es uns auch unangenehm. Mir fällt in diesen Filmen aber auf, dass sich Don Camillo die Antwort oft selbst gibt, weil er in seinem Gewissen haargenau weiß, was richtig ist bzw. wäre. Im gleichen Film fragt Don Camillo Jesus auch: “Ist Gott hier den Menschen näher als in Rom?“ Und er bekommt zur Antwort: “Gott ist den Menschen überall gleich nah, vielleicht ist er dir hier nur näher, weil du dir selbst näher bist.“ Sich selber so nahe sein, um die Wahrheit des eigenen Lebens anschauen zu können!

„Was ein Monsignore der lügt?“ (Don Camillo hatte mit seinen Schilderungen einem anderen Priester Angst gemacht, der in das Dorf hätte fahren sollen. So konnte Don Camillo schließlich selbst dorthin fahren.) Man könnte jetzt anstelle des Monsignore alle möglichen Berufe und Gruppen einsetzen: Politiker, Arzt, Richter, Bänker, genauso wie Hausfrau, Handwerker, Landwirt oder auch Mönche. Die Filme von Don Camillo zeigen auch, dass die Menschen, alle Menschen, nicht frei davon sind, egal welchem Stand sie angehören

Warum belügen wir uns oft selbst? Was haben wir davon? Was bringt uns das? Wir versuchen uns damit Vorteile zu verschaffen, besser da zu stehen, uns an der Wirklichkeit vorbei zu mogeln. Aber haben wir wirklich etwas davon? Habe ich das wirklich nötig?

Manchmal müssen Menschen diese Unaufrichtigkeit gegen andere und gegen sich selbst teuer, sehr teuer bezahlen, mit dem Leben, mit der Gesundheit, im Zerbrechen von Beziehungen, mit Einsamkeit, mit Spott….

Was bringt mir das? Was habe ich davon?  Liebe Schwestern und Brüder, es sind seltsame Tage, die wir gerade erleben. Wir erkennen nämlich auch, wie zerbrechlich und verletzlich unser Leben und unsere Welt eigentlich ist.  Ein kleiner Virus, den eine Zeitung als unsichtbaren Feind bezeichnet hat. Es ist immer auch das Bestreben von Menschen sich gegen Feinde zur Wehr zu setzen. Man wird dabei alles aufbieten, was man hat, alle Gewalt aktivieren. Aber wo will ich hin mit dieser Gewalt und Kraft, wenn ich den Feind gar nicht sehen kann? Vielleicht ist es dann besser zu versuchen, sich davor zu schützen. Da ist es gut und wichtig, wenn man seine Schwachstellen kennt. Das aber erfordert bedingungslose Ehrlichkeit, im Großen wie im Kleinen. So werden in diesen Tagen nicht nur die Schwächen unseres Gesundheitssystems offenkundig, sondern auch unseres Lebenswandels und unserer Lebenseinstellung.

Selbstverständlichkeiten und Unbedenklichkeiten werden mit einem Mal auf den Prüfstand gestellt. Sind wir es doch gewohnt oder waren es zumindest, dass es gegen alles ein Mittel gibt, so dass ich selber gar nicht mehr so sehr auf mich achten und schauen musste. Ein Gang zum Arzt oder in die Apotheke reichte. „Gib auf dich acht.“ So entlässt Jesus in der oben geschilderten Szene seinen Don Camillo. Was bringt mir das? Was habe ich davon? oder doch: Habe ich das nötig?

Liebe Schwestern und Brüder, jede Krise hat auch eine Chance. So sagte in den letzten Tagen ein Arzt zu mir. Vielleicht liegt in diesen Tagen die Chance nicht nur darin, die Ausbreitung einer Krankheit zu verlangsamen, sondern auch unser Leben zu entschleunigen und unsere Gewohnheiten auf den Prüfstand zu stellen. Habe ich das nötig? Was habe ich wirklich nötig?

Vielleicht liegt in dieser Krise auch die Chance zu erkennen, dass man die Probleme dieser Welt nur gemeinsam lösen kann, weil Viren und so manches andere eben nicht an Grenzen halt machen, auch wenn viele Länder ihre Grenzen jetzt schließen.

Ich möchte jetzt keine Grenzen schließen, sondern ich möchte jetzt schließen mit einem Abschnitt aus dem Lied „Geboren um zu leben“ von der Gruppe „Unheilig“, der es noch einmal von einer anderen Seite her betont: Wir waren geboren, um zu leben, mit den Wundern jeder Zeit. Sich niemals zu vergessen, bis in alle Ewigkeit. Wir waren geboren, um zu leben, für den einen Augenblick. Bei dem jeder von uns spürte, wie wertvoll Leben ist.

Was darf ich vom Gebet erwarten? Genau diesen einen Augenblick, bei dem jeder von uns spürt, wie wertvoll Leben ist. Und zu erkennen, womit unser langes Evangelium heute zu Ende ging: „Er ist wirklich der Retter der Welt!“ Amen.

 

Fastenpredigt 2020, Scheyrer Pfarrgemeinde,
 

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn, liebe Scheyrer Pfarrgemeinde,

 

Einfach beten“ so ist unsere Reihe der Fastenpredigten überschrieben – „einfach beten“, doch so einfach ist das, wie wir alle wissen, gar nicht. Und so ist es gut, wenn wir uns in dieser Predigtreihe in den Wochen auf Palmsonntag hin, immer wieder mit dem Beten beschäftigen.

 

Wenn heute gefragt wird: „Wann und wo kann ich beten?“, dann ist das ein Einstiegt, der an das gehörte Evangelium vom heutigen 2. Fastensonntag gut anknüpft.

Denn Jesus führt seine Jünger auf einen Berg, wo sie Zeugen von Gottes Offenbarung werden, von dem Aufweis der göttlichen Herrlichkeit in diesem ihren Meister Jesus, ja von seiner Gottsohnschaft. „Herr es ist gut, dass wir hier sind“ erklären die Jünger. Sie spüren, dass diese Nähe zu Gott ihnen guttut, sie erfüllt, sie beschenkt. Sie wollen diesen Augenblick festhalten, doch nicht nur sie erfahren, sondern auch wir wissen, dass man nichts und schon gar nicht kostbare Augenblicke festhalten kann.

 

Am Berg machen die Jünger also eine tiefe Gotteserfahrung. Am Berg erleben sie, was Gebet in seine Vollendung sein kann: die zur gewissheitwerdende Erfahrung, dass Gott da ist, dass Gott nicht alleine lässt.

Wenn diese Erfahrung am Berg beschrieben wird, so lädt das ein, den oder die Berge als besondere Orte der Gottesbegegnung, ja des Gebetes zu entdecken. Und wirklich, am Berg geht vielen Menschen das Herz auf. Das ist aber nicht nur die von Vielen gemachte eigene Erfahrung, sondern das steht auch in der Tradition unserer biblischen Überlieferung. Immer wieder ist der der Berg – so etwa auch bei Mose, bei Elia und, wie gehört auch bei Jesus und seinen Jüngern: Die Namen der heiligen Berge der Bibel sind vielfältig: Ararat, Sinai, Zion, Karmel, Garizim, Morija, Tabor, bis hin zum Ölberg und dem Berg Golgota. Der Berg ist somit ein herausragender Ort der Gottesbegegnung und das übrigens nicht nur im Christentum. Auch im Islam ist es ein Berg, der Berg mit dem Namen Hira in der Nähe von Mekka, auf dem der Prophet Mohamed seine erste Offenbarung erhalten haben will.

Auf dem Berg fühlen sich die Menschen Gott nahe – bis heute. So ist und bleiben die Berge sicher nicht nur schöne Ausflugsziele, sondern auch Orte der Gottesbegegnung und des Gebetes. In dieser Tradition werden nicht nur bis heute „Gipfelkreuze“ aufgerichtet, sondern wurden auch viele Kirchen und Klöster auf Bergen oder zumindest auf Hügeln errichtet. Und nicht umsonst haben viele Regionen einen sogenannten heiligen Berg: der der Franken ist wohl der Kreuzberg in der Röhn; und wer in Altbaiern nach dem Heiligen Berg fragt, der wird sicher auf Andechs verwiesen.

 

Der Berg als Ort des Gebetes führ uns moderne Menschen zum Gotteserlebnis in der Natur. Auch wenn das von so einem Manchen als Ausrede für den Kirchgang genannt wird, dass er in der Natur doch besser beten könne, so wollen wir doch nicht leugnen, dass Gott uns in der Natur nahe sein kann und will. Darauf verweist beispielsweise auch der Apostel Paulus in den ersten Zeilen seines Briefes an die Römer: (Röm 1,20) „Seit Erschaffung der Welt wird seine (Gottes) unsichtbare Wirklichkeit an den Werken der Schöpfung mit der Vernunft wahrgenommen…“ Dabei bleibt für Paulus klar, dass die Schöpfung selbst noch nicht zur Vollendung gelangt ist, nicht angebetet werden kann, aber eben doch etwas von Gottes Herrlichkeit sichtbar und spürbar werden lässt. Auch übrigens für Jesus selber sind es Orte in freier Natur, wo er betet, wo er seine Jünger lehrt, wo sie quasi in die Gebetsschule Jesu gehen dürfen.

 

Doch in seiner Lehre geht Jesus auch direkt auf das Gebet ein. Ich denke da nun nicht zuerst an das „Vater unser“, an das Gebet, das er, der Meister, die Seinen gelehrt hat – das war letztes Jahr Thema der Fastenpredigten, sondern Jesus gibt auch im Blick auf den Gebetsort hinweise.

So empfiehlt er – wohl für das persönlich Beten: „Du aber geh in deine Kammer, wenn du betest, und schließ die Tür zu; dann bete zu deinem Vater, der im Verborgen ist. Dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird es dir vergelten.“ (Mt 6,6)

In diesem Jesuswort verbinden sich seine Warnung, sich selbst äußerlich als fromm zur Schau zu stellen mit seiner eigenen Erfahrung, dass ein guter Gebetsort ein Rückzugsort ist. Die „Kammer“ steht so genauso für einen Ort wie für eine Situation: für das Alleinsein vor und mit Gott. Unsere christliche Tradition hat in diesem Gedanken tiefe Erfüllung gefunden. Nicht nur in unserem Haus wird so den jungen Mönchen entsprechend eines Väterwortes aus dem 3./4. Jahrhundert gelehrt: „Geh in deine Zell, sie wird dich alles lehren“ (Apophtegmata patrum).

Solche heute noch in der Gebetspraxis weitergegebenen Erfahrungen führen uns nicht nur in die Zeit der frühen Kirche, sondern in die Wüste.

Damals zogen Massen von Menschen in diesen unwirtlichen Raum – sie suchten nicht nur die Einsamkeit, sie glauben in dieser Abgeschiedenheit der realen Wüste Gott zu finden, den Ort ihrer Gottesbegegnung, den Ort für das Gebet. Viele haben von ihnen in einem solchen Extrem ihr Ziel erreicht, viele sind gescheitert – nicht nur an der Wüste, sondern auch an den extremen Anforderungen.

 

Extrem war nämlich nicht nur der Ort, sondern auch das Maß des Gebetes. Immer wollten sie beten. Und weil das mit anderen Tätigkeiten nicht wirklich auf einen Nenner zu bringen war, und weil sie ja doch auch – gemäß dem Vorbild der Apostel – von etwas leben mussten, begannen sie Bastmatten zu knüpfen. Ja, liebe Schwestern und Brüder, die Väter und wohl auch teilweise Mütter unseres Glaubens, haben in der Wüste Bastmatten geknüpft, eben eine Tätigkeit geübt, die vom Gebet nicht ablenken sollte.

Doch schon das frühe Mönchtum – auch unter dem Hl. Benedikt – hat gespürt, dass das auf Dauer nicht zielführend war und das Gebet rhythmisiert. Das „Ora et labor“, das Gebet und die Arbeit wurden auf je eigene Zeiten geschoben und auf Grundlage der Erfahrungen das altestamentlichen Psamenbeters, der siebenmal am Tag dem Herrn sein Lob anstimmt und auch in der Nacht sich zum Herrn erhebt (vgl. PS 119,62), eine Ordnung von Gebets und Arbeitszeiten entwickelt. Auch wenn wir im Kloster für uns an einem solch vielfach gegliederten Tag festhalten, so hat sich daraus für alle Gläubigen die Empfehlung entwickelt, zumindest in der Früh, mittags vor dem Essen und abends zu beten. Das Gebetleuten erinnert auch daran.

 

Wir merken nun, dass wir vom Ort des Gebetes schon zu den Zeiten des Gebetes gekommen sind.

Die Zeit des Gebetes und der Feier der Christen ist und bleibt aber in herausragender Weise das Gedächtnis von Tod und Auferstehen Jesu, die Feier des Sonntages. Darin finden wir das entscheidend Christliche schon der ersten Jüngerinnen und Jünger. Schon die Urkirche versammelt sich am ersten Tag der Woche zu diesem Gedächtnis, zu Lob-, Dank- und Bittgebet.

Und nun kommt – für alle, die nach Berg, Natur, dem eigenen Zimmers oder der Wüste schon etwas vermisst haben – nämlich der gemeinsam Gebetsraum.

Eine Kirche, wie wir sie kennen, kannten die ersten Christen freilich noch nicht. Selbst der Titel unserer Klosterkirche „Basilika“ weist auf diese Frühzeit zurück und bedeutet übersetzt so etwas wie „Markthalle“. Doch gerade das macht klar: Gebet braucht auch das Miteinander und ein Miteinander braucht Räume – Räume der Begegnung untereinander und vor allem, wenn es um das Gebet geht, mit Gott.

So sind aus unseren Gebetshäusern Gotteshäuser geworden und diese laden heute noch ein zur Andacht und zum Gebet.

 

Wann und wo kann ich beten? Wir alle sind eingeladen dieser Frage in unserem persönlichen Leben weiter nach zu spüren: Vielleicht kommt uns da auch die Geschichte der beiden Ordensleute in den Sinn, die da ihren Oberen fragen, ob Beten und Rauchen vereinbar sind. Der Benediktiner fragt seinen Abt, ob er beim Beten rauchen darf und erhält selbstredend eine Absage. Der vielleicht schlauere Jesuit fragt hingegen, ob er beim Rauchen beten darf und findet bewundernde Zustimmung.

Diese kleine Geschichte betont die Bedeutung des Gebetes – nichts dabei ist gegeneinander auszuspielen, Gott lässt sich überall finden, überall wo Menschen ihn suchen. Und so kommt es dann nicht mehr auf einen geographischen Ort an.

Schon Paulus erinnert, nochmal im Römerbrief (Röm 8,15): „Ihr habt einen Geist empfangen, der euch zu Söhnen/Töchtern Gottes macht, den Geist, in dem wir rufen Abba Vater.“

Echtes Gebet wurzelt also im Geist, der uns geschenkt ist. Echtes Gebet wurzelt also im Inneren des Menschen.

Wo und wann auch immer der Mensch lauter nach Gott fragt, da kann das unversehens zu einem tiefen Gebet werden; da wird der Mensch, gleich dem Abraham in der ersten Lesung, zum Segen!

2019

August 2019, Niederscheyern und Scheyern
 
„Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. Wie froh wäre ich, es würde schon brennen!“ Liebe Schwestern und Brüder im Herrn! Mitten in den bayerischen Sommerferien wirken diese Worte fast ein wenige Fehl am Platz: In einer Zeit, in der vieles in der Gesellschaft runterfährt, in der viele eine dringend nötige Erholungspause einlegen, hören wir etwas von Feuer und brennen.
 
Die Kirche ist kein Wellness-Hotel für die Seele. Ich möchte es positiv sehen: Wenn wir mal nicht von ganz so vielen alltäglichen Verpflichtungen gedrängelt werden, dann wird der Raum frei, auf das Wesentliche zu schauen. Wesentlich ist das, was in uns ein Echo auslöst, was das Herz bewegt, was wirklich zählt.
Es kann gut sein, dass dieses dem entgegenläuft, was im gewohnten Trend üblich ist: Heute in dieser Predigt möchte ich uns ermutigen, dafür die Augen zu öffnen und Mut zu bekommen, diese Dinge auch zu benennen und anzugehen. 
 
Vorbild kann uns der Prophet Jeremia sein. 
 
Er traut sich, das Offensichtliche öffentlich anzusprechen. Er sieht die Übermacht, er sieht, dass jetzt noch Zeit ist, auf den Feind zuzugehen und so sein Leben zu retten. Er stellt sich gegen die Etablierten und Mächtigen, die nicht zugeben wollen, dass sie die Situation in eine Sackgasse geführt haben und mit Tempo 100 auf die Mauer am Ende der Sackgasse zufahren. Also ist ein Prophet Jahwes, ein Gottesmann, nicht einer der immer sagt: „Der liebe Gott wird’s schon richten.“ 
Es gibt zwar eine Menge von biblischen Erzählungen, in den durch machtvolles Eingreifen Gottes das Volk gerettet wurde. 
Doch hier hatten sich die Verantwortlichen von Gottes Wegen abgewendet, waren eigene Wege gegangen. – Nun stehen sie vor dem Zusammenbruch den Gott nicht abwenden wird. Das kündigt Jeremia ganz klar an. 
Bevor wir vertiefen, wie es dem Jeremia daraufhin ergangen ist, müssen wir für unsere Zeit fragen: Wo sind wir von Gottes Wegen abgewichen, wo Jahren wir in einer Sackgasse mit Tempo 100 auf die Wand zu?
 
A) Klimawandel. Da ist eine kleine unscheinbare 16 jährige Prophetin die ganz öffentlich Boeing und Airbus in die Suppe spuckt und sagt: „Ich fliege nicht, weil ein einziger Flug meinen ökologischen Fußabdruck auf der Erde für das ganz Jahr ruiniert! Es ist einfach zu schädlich für die Atmosphäre. Ich reise klimaneutral zur N-Generalversammlung nach New York.“ – Das wird den wenigen Aktionären in der Flugbranche nicht gefallen, das ist geschäftsschädigend.
Positiv ausgedrückt: Es geschieht gerade eine öffentlich Umwertung: Wer bisher nach den Ferien erzählt hat: „Wir sind nach xy geflogen.“ konnte sicher sein, dass die Daheimgebliebenen oder die Urlauber in den nahen Berge mit einer gewissen Bewunderung dies angehört haben. Wer jetzt sagt: „Wir sind in Urlaub geflogen“, wird innerlich die Frage mitgehen lassen müssen: „War das nötig? Kann das der normale Lebensstil sein, just for fun so viel Kerosin direkt in die Wolken zu verteilen?“ Die Antwort liegt auf der Hand: In diesem Bereich ist eine Änderung im Denken und Handeln notwendig. Ein Flug muss etwas ganz besonderes sein, eine Ausnahme. Und dann verbunden mit einer Ausgleichsabgabe, die in Umweltprojekte fließt.
 
B) Ich war etwas irritiert, als ich diesen Mittwochabend einen Drink bekam, in dem ein großer, fetter Strohhalm war. Doch der war nicht aus Stroh, und auch nicht aus Plastik, sondern ein edler, fester Glasstrohhalm, der mit den Gläsern in die Spülmaschine gegeben werden kann. Da hat sich innerhalb von einem guten Jahr ganz viel an Bewusstseinsänderung ergeben, die in die konkrete Lebensführung fasst aller Menschen Eingang findet.
 
C) Kirche: Tja, wo sind die prophetischen Kräfte in der Kirche? Die junge Generation war in den 70er Jahren stark und kreativ im Einfordern von Gottesdienstformen, die ihrem Lebensgefühl mehr Raum gaben: E-Gitarre und Schlagzeug bei der Musik oder Gottesdienste in der freien Natur. Statt Monolog bei der Predigt, so wie jetzt gerade , auch mal eine Aktion miteinander. Diese prophetische Kraft der jungen Generation fehlt uns heutzutage in der Kirche weitgehend! – Ich freue mich, dass 13 junge Leute aus unseren Orten gerade jetzt eine Woche im Jugendort Taizé verbringen. Mögen diese wertvolle Impulse mit nach Hause bringen.
 
Von den Studien über die verschiedenen Milieus in der Gesellschaft wissen wir, dass in der Kirche überproportional viele Menschen aus der bürgerlichen Mitte sowie aus dem traditionsverbundenen Milieu präsent sind. Und das sind i.d.R. keine Revoluzzer. Am ehesten kommt eine gewisse prophetische Kraft noch Papst Franziskus mit seinem einfachen Lebensstil und seiner unbedingten Hinwendung zu den Armen und Benachteiligten.
 
Wo könnten Sie denn, wo könnte ich denn, hier vor Ort, herausgefordert sein, neu, anders, vertieft als Kirche
miteinander zu leben?
An dieser Stelle fügte eine jüngere Frau und Mutter uns unserer Gemeinde folgendes hinzu:
„Sich aufraffen, sich engagieren, Kirche aktiv vor Ort mitgestalten! Vor allem Frauen müssen sich organisieren und
erheben, um endlich gleichberechtigt und vollwertig mitbestimmen und mitgestalten zu dürfen! Nicht nur beim Feste feiern und Kuchenbacken, sondern Seite an Seite mit den Männern.“ – Zitatende.
 
D) Damit sind wir bei unserem persönlichen Leben. Wohl dem, der einen Jeremia in der Nähe hat, jemand, welcher sich traut, Offensichtliches auch offen anzusprechen! Denn jeder/jede von uns gerät in Fahrwasser, die der Korrektur oder gar der Umkehr bedürfen. Wenn wirklich einmal jemand uns etwas sagt – in der benediktinischen Tradition nennen wir dies die correctio fraterna, die mitbrüderliche Zurechtweisung – wir reagieren Sie dann? Beleidigt, sauer, ablehnend oder gar vorwurfsvoll? Der arme Jeremia wurde gepackt und in Stricken in ein Erdloch hinuntergelassen. Da saß er, in der leeren Zisterne bis zur Brust im Schlamm. Der König war schwach und gab das sogar zu: „Nun, er ist in eurer Hand; denn der König vermag nichts gegen euch.“
 
Liebe Gläubige,
 
auch unsere Bischöfe sind schwach:
  • sie vermögen nichts gegen die gesellschaftlichen Trends zu unternehmen,
  •  sie können keinen davon abhalten, sich von der Kirche abzuwenden, – sie haben keinen Plan, wie in 20 Jahren überhaupt das Gesicht der Kirche von München-Freising aussehen kann.

Auch wir als Pfarrei sind schwach und sehnen uns nach Wegen, um für die Jüngeren passende Orte der Gottesbeziehung zu finden. In einer solchen Situation ist die Initiative von Einzelnen entscheidend. Bei Jeremia war es ein Ausländer aus dem fernen Äthiopien, der am Hof arbeitete. Er ging zum König und sagte: „Erlaub mir, den Jeremia wieder rauszuziehen, sonst verhungert er da unten.“ JEDER und JEDE von uns wir in seinem Leben immer wieder an einen Punkt kommen, an dem wir spüren: „Wenn ich da jetzt nichts unternehme, wer dann?“ Für JEDEN und JEDE von uns gilt das Wort Jesu: „Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. Wir froh wäre ich, es würde in Dir schon brennen!“
 
 
Gründonnerstag 18. Mai 2019, Kloster Scheyern

 

Jesus zaubert nicht, er verwandelt

 

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Abrakadabra, Simsalabim, Hokuspokus Fidibus, dreimal schwarzer Kater. So oder so ähnlich lauten die sog. Zaubersprüche, die wir aus Kindertagen, aus Märchenbüchern oder auch aus Filmen kennen. Und ein guter Zauberer, der etwas auf sich hält und der auch etwas kann, der hat gute Zaubersprüche.

 

Zauber und Zaubern, das hat Menschen zu allen Zeiten in den Bann gezogen und fasziniert. Zaubern, das würden nicht nur Kinder gerne können, sondern oft viele erwachsene Menschen auch, damit sich die Welt, vor allem die persönliche Welt, wunschgemäß verändert, dass sie noch viel schöner und wunderbarer wird.
So suchen Menschen nach Kenntnissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten, um aus solchen Träumen Wirklichkeit werden zu lassen. Oft aber werden sie feststellen müssen, dass es sich um einen falschen Zauber handelt und sie die harte Wirklichkeit schneller einholt, als ihnen lieb ist.

 

Wenn wir in die Liturgie des Gründonnerstags hineinschauen, zu der wir jetzt zusammengekommen sind, dann wird nicht
gezaubert, aber es verändert sich etwas. Ehrlicherweise müssen wir zugeben, dass unsere Gottesdienste nicht ganz frei sind von einem Verdacht des Zaubers. Geschehen doch auch wunderbare, für manche Menschen sonderbare Dinge in einem Gottesdienst. Aus Brot wird Leib Christi, aus Wein wird Blut Christi.

 

Der Zauberspruch „Hokuspokus“ ist vermutlich entstanden aus den schnell und undeutlich gesprochenen lateinischen
Einsetzungsworten: Hoc es enim corpus meum. Das ist mein Leib der für euch hingegeben wird. (Hokuspokus)

 

Wenn Jesus so spricht, dann verwandelt er. Er verändert sichtbar keine Dinge, sondern er verwandelt und verändert
vielmehr spürbar Menschen. Er verändert ihre Sichtweise und Denkweise durch sein Reden und durch sein Tun. In der Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus an die Korinther haben wir von einem in diesem Sinne ergriffenen und verwandelten Paulus gehört, dass er überliefert, was er empfangen hat: Denn sooft ihr von diesem Brot esst und aus dem Kelch trinkt, verkündet ihr den Tod des Herrn bis er kommt. Für Paulus hat sich die Welt damit verändert. Daraus lebt er und dafür lebt er.
 
Wir kennen es aus eigener Erfahrung, dass wir Ereignisse und Situationen als so dicht und beeindruckend empfinden, dass sie uns verändern können, vielleicht sogar von Grund auf verändern, so dass wir uns selber oder von anderen Menschen in gewisser Weise als verzaubert wahrgenommen werden. „Was ist denn mit dir los?“, kann es dann fast vorwurfsvoll lauten.

 

Eine solche Situation ist im Evangelium, das wir gerade gehört haben, geschildert. Von irgendwelchen Zaubersprüchen war nichts zu hören, sondern Jesus sagt klar und deutlich, was er tut, warum er es tut und was er mit seinem Tun zeigen will: Begreift ihr, was ich an euch getan habe? Ihr sagt Meister und Herr zu mir, und ihr nennt mich mit Recht so, denn ich bin es. Wenn nun ich, der Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, dann müsst auch ihr einander die Füße waschen, ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe.
 
Liebe Schwestern und Brüder, gleich werden wir hier in unserer Basilika diese Fußwaschung nicht einfach nachspielen, sondern wir werden sie als Zeichen vollziehen. Und mit diesem Zeichen werden wir alle Dienste, die sich Menschen aus Liebe, Respekt und Verantwortung erweisen, würdigen. Denn wenn diese Dienste in unserem Alltag nicht geschehen würden, wenn Menschen einander nicht dienen würden, dann wäre es um die Würde des Menschen in unserer Welt schlecht bestellt. Viele Menschen fühlen sich diesem Auftrag Jesu bewusst verpflichtet. Es gibt aber auch Menschen, die es tun ohne einen Bezug zu Jesus herzustellen. Aber auch sie machen damit unsere Welt menschenwürdig und auch ein Stück wunderbar.
 
Vielleicht sei an dieser Stelle auch einmal erwähnt, dass unser Gesundheitssystem, auf das wir oft so stolz sind, schon lange nicht mehr funktionieren würde, wenn wir nicht Menschen hätten, die aus anderen Ländern stammen und bei uns in den Pflegeberufen arbeiten oder auch Menschen, die sich nicht zum Christentum bekennen. Ihnen sei an dieser Stelle gedankt, weil sie das Zeichen der Fußwaschung und was Jesus damit zeigen wollte, im Alltag sichtbar und vor allem erfahrbar machen.

 

Jesus hat nicht gezaubert, aber er hat verwandelt und sehr wohl verändert, er hat Menschen verändert, wenn sie seine Botschaft nicht nur hören, sondern sich von ihr ansprechen und ein bisschen auch verzaubern lassen.

 

Hoc est enim corpus meum. Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird. Uns ist damit viel in die Hand gelegt worden und wir haben sozusagen auch viel in der Hand für die Welt. Das ist das Geheimnis unseres Glaubens, der nicht zaubern will, aber der verwandeln will und verändern kann. Ein Lied drückt es auf seine Weise aus:

 

Ein kleines Stück Brot in unsern Händen, reicht aus für alle Menschen.
Du verwandelst das Brot in Jesu Leib.
Du verwandelst den Wein in Jesu Blut.
Du verwandelst den Tod in Auferstehn.
Verwandle du auch uns!

 

Ja, verwandle du auch uns! Und lassen wir uns auch verwandeln. Wenn das spürbar wird, dann wird auch etwas sichtbar
werden.

 

Bibelstellen: 1. Kor. 11,23-26 und Joh. 13,1-15
 
5. Mai 2019, Kloster Scheyern

 

„Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als diese?“ (Joh 21,15)

 

Verehrter Herr Abt Markus Eller, liebe Mönche von Kloster Scheyern, liebe Schwestern und Brüder! Die Frage des auferstandenen Herrn an Simon Petrus hat eine ganz besondere Bedeutung. Dreimal stellt Jesus Christus ihm die fast gleiche Frage. Beim ersten Mal bezieht sie sich auf den Vergleich mit den übrigen Jüngern: „Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als diese?“ (Joh 21,15), bei den beiden folgenden Fragen bezieht sie sich nur auf Jesus selbst: „Simon, Sohn des Johannes liebst du mich?“ (Joh 21,16.17).

 

Petrus gibt eine bejahende Antwort. Die ersten beiden Male sagt er: „Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe“ (Joh
21.15.16). Als der Herr ihn zum dritten Mal fragt, ob er ihn liebe, wurde Petrus betrübt und hat geantwortet: „Herr, du weißt alles; du weißt, dass ich dich liebe“ (Joh 21,17). Mit diesem dreifachen Bekenntnis hat Simon Petrus seinen dreifachen Verrat während der Passion des Meisters wieder gut gemacht (vgl. Joh 13,38; 18,15-18.25.27). Nachdem Simon Petrus dies eingesehen, bereut hatte und demütig wurde, war er bereit, dem Meister zu folgen, sei es auch in Leiden und Tod, wie es ihm Jesus vorausgesagt hatte: „Amen, amen, ich sage dir: Als du jünger warst, hast du dich selbst gegürtet und gingst, wohin du wolltest. Wenn du aber alt geworden bist, wirst du deine Hände ausstrecken und ein anderer wird dich gürten und dich führen, wohin du nicht willst“ (Joh 21,18). Mit dieser Geisteshaltung war der Heilige Petrus bereit, den Primatsdienst unter den Zwölfen und in der Kirche auszuüben, den ihm der auferstandene Herr anvertraut hatte: „Weide meine Lämmer!“ (Joh 21,15), „Weide meine Schafe“ (21,16.18), wie auch durch den neuen Aufruf: „Folge mir nach“ (Joh 21,19). Der Dienst des Petrus, das „immerwährende und sichtbare Prinzip und Fundament der Glaubenseinheit und der Gemeinschaft“ (LG 18) und „für die Einheit der Vielheit von Bischöfen und Gläubigen“ (LG 23), setzt sich in seinen Nachfolgern auf dem Bischofsstuhl von Rom fort.

 

Ich habe die Ehre, Vertreter des Heiligen Vaters Franziskus in der Bundesrepublik Deutschland zu sein, des 265. Nachfolgers des Heiligen Petrus, Bischof von Rom und Hirte der Universalkirche. Es freut mich, der benediktinischen
Mönchsgemeinschaft von Kloster Scheyern aus Anlass des 900jährigen Jubiläums der Übersiedlung der ersten Mönche vom Petersberg bei Dachau auf die Burg Scheyern die herzlichen Grüße des Römischen Pontifex zu übermitteln. Besonders danke ich Eurem Abt Markus Eller OSB für die Einladung, dieser Eucharistiefeier vorzustehen, um Gott dem Vater, Sohn und Heiligem Geist für das große Geschenk Eurer Präsenz an diesem Ort der Sammlung und brüderlichen Liebe durch neun Jahrhunderte zu danken.

 

Dem dreieinen Gott sei Lob und Dank für das exemplarische Leben so vieler Mönche, die sich bemühten, nach der Regel des Heiligen Benedikt zu leben, um das Ideal der Heiligkeit durch ein Leben zu erreichen, das ganz Gott geweiht ist im Gebet und im Dienst am Nächsten gemäß dem berühmten Wahlspruch: ora et labora. Darüber hinaus ist es bedeutsam, daß diese feierliche Liturgie an einem der beiden jährlichen Wallfahrten zur Verehrung der Kreuzreliquie unseres Herrn Jesus Christus stattfindet, die seit dem Jahr 1180 in dieser Abtei sorgsam gehütet wird. Um das Band der Einheit mit dem Heiligen Vater Franziskus zu stärken, welcher der ganzen Kirche in der Liebe vorsteht (vgl. Ignatius von Antiochien, Röm 1,1), erteile ich Euch allen sehr gerne am Ende dieser Heiligen Messe den Päpstlichen Segen, mit dem nach den althergebrachten Überlieferungen der Kirche der vollkommene Ablass von Sündenstrafen verbunden ist.

 

Danken wir alle gemeinsam dem dreieinen Gott für dieses Geschenk seiner Güte und Barmherzigkeit und öffnen wir unsere Herzen, um zu hören, was der Geist uns durch das Wort Gottes sagen will, das an diesem dritten Ostersonntag verkündet worden ist. Hervorheben möchte ich die Aktualität zweier Themen: das christliche Zeugnis (I) und die himmlische Verherrlichung des auferstandenen Herrn, was wir in der Kirche schon vorwegnehmen, vor allem in der Liturgie (II).

 

1. „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apg 5,29).

 

Die Antwort des Petrus und der Apostel an den Hohenpriester und die übrigen Mitglieder des Hohen Rates (des Sanhedrin) ist in unseren Tagen sehr aktuell. Die Jünger des gestorbenen und auferstandenen Herrn Jesus Christus hatten keinen Zweifel an der Natur und dem Inhalt ihrer Mission: sie sollten Zeugen des Ostergeheimnisses sein und den Kernpunkt verkünden: „Der Gott unserer Väter hat Jesus auferweckt, den ihr ans Holz gehängt und ermordet habt. Ihn hat Gott als Anführer und Retter an seine rechte Seite erhoben, um Israel die Umkehr und Vergebung der Sünden zu schenken. Zeugen dieser Ereignisse sind wir und der Heilige Geist, den Gott allen verliehen hat, die ihm gehorchen“ (Apg 5,30-32). Die Apostel haben diese Mission nie aufgegeben, auch wenn sie für die Treue zum Herrn Jesus gefoltert wurden und das Martyrium erlitten.

 

Auch in der Welt von heute gibt es bei der Verkündigung des Evangeliums vielfältige Hindernisse und erleiden Christen Verfolgungen. Nach der World Watch List von Open Doors werden weltweit mehr als 245 Millionen Christen verfolgt, was bedeutet, einer von neun Christen leidet um seines Glaubens willen. Von 150 untersuchten Ländern zeigten sich in 73 Formen von Verfolgungen, in 11 Ländern besonders extreme. Für das Jahr 2018 wurden 4.305 Ermordungen aus Hass auf den christlichen Glauben ermittelt.

 

Neben dieser ausgesprochen physischen Form der Verfolgung gibt es noch andere, sehr ausgefeilte Formen von Verfolgungen, die auch in als demokratisch geltenden Ländern vorkommen. In diesen Ländern, die nicht selten traditionell christliche Wurzeln haben, werden aus ideologischen Gründen Sichtweisen und Lebenshaltungen gefördert oder sogar auferlegt, die dem christlichen Glauben widersprechen. Christliche Werte werden durch die Kommunikationsmittel, besonders in den sogenannten sozialen Netzwerken verspottet oder zensiert. Angesichts des Glaubens der Kirche, daß Jesus Christus die Wahrheit ist (vgl. Joh 14,6), herrscht ein Relativismus, der sich darin äußert, alle Religionen als gleich gültig zu betrachten und auch das Christentum auf eine rein horizontale Dimension zu reduzieren. Daraus folgt, auch Jesus Christus wird nur noch als beispielhafter Mensch oder als ein Prophet gesehen und die Wahrheit verschwiegen oder unterdrückt, daß er zugleich Mensch und Gott ist. In diesem relativistischen Zusammenhang wird die neue Genderideologie vorgestellt oder mit veränderten Methoden aufgezwungen, die in ihrer radikalen Ausprägung das christliche Menschenbild ablehnt, das in der Bibel geoffenbart ist und worauf die wahre menschliche Natur basiert.

 

Angesichts dieser neuen und alten Herausforderungen muss die Kirche dem Beispiel der Apostel folgen und immer wieder betonen: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apg 5,29). Ihrer prophetischen Berufung erneut bewußt, muss die Kirche ohne Furcht und Zweideutigkeit verkünden, daß Jesus Christus der Herr ist, daß er die Wahrheit ist, der uns die wahre Natur des Menschen, der Familie, der sozialen Beziehungen und der zum Geschaffenen offenbart. Er fordert uns auf, unsere Sünden und unsere Grenzen anzuerkennen und seiner Einladung zur Umkehr während unseres irdischen Pilgerweges hin zur himmlischen Heimat zu folgen. Bei dieser Verkündigung, die vor allem durch das Beispiel des Lebens geschieht und wenn nötig mit Worten, nehmen die Ordensleute einen besonderen Platz ein, insbesondere jene, die bemüht sind, das Ideal eines monastischen Lebens immer besser zu leben.

 

2. „Würdig ist das Lamm, das geschlachtet ist, Macht zu empfangen, Reichtum und Weisheit, Kraft und Ehre, Lob und
Herrlichkeit“ (Offb. 5,12). Jesus Christus wurde am Holz des Kreuzes geopfert. So wurde das Kreuz zum bevorzugten Symbol der Passion, des Todes und der Auferstehung des Herrn Jesus, dem Lamm, das geschlachtet ward. Jedes christliche Gebet beginnt mit dem Kreuzzeichen. Wir haben zum Beispiel diese festliche Eucharistiefeier begonnen, indem wir das Kreuzzeichen machten und den Namen der Allerheiligsten Dreifaltigkeit anriefen: „Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“.

 

Liebe Mönche,
ihr hütet seit Jahrhunderten eine Reliquie des heiligen Kreuzes, ein Teil jenes Holzes, an dem Herr Jesus erhöht wurde, unser Heiland und Erlöser. Zusammen mit der Ehre, dieses kostbare Stück eifrig zu beschützen, gebietet diese Reliquie, beständig die Bedeutung des Kreuzes im Leben Jesu Christi und im Leben eines jeden Christen zu betrachten. Dank der göttlichen Liebe hat Jesus von Nazareth die Bedeutung des Kreuzes als Zeichen der Schande zu einem Symbol des Heils und der Herrlichkeit verwandelt.

 

Diese Verherrlichung konnten wir in der zweiten Lesung aus der Offenbarung des Johannes erahnen. Hier wird die
himmlische Liturgie beschrieben. Die Heilige Messe erlaubt uns, an dieser Gnadenhandlung teilzunehmen und den dreieinen Gott zusammen mit den Engeln, den Lebewesen, den Ältesten in der großen Menge der Erwählten zu loben, die der inspirierte Autor mit dem Ausdruck umschreibt: „Zehntausend mal zehntausend und tausend mal tausend“ (Offb 5,11). Im Glauben stimmen auch wir ein in ihren Gesang: „Würdig ist das Lamm, das geschlachtet ist, Macht zu empfangen, Reichtum und Weisheit, Kraft und Ehre, Lob und Herrlichkeit“ (Offb 5,12). Dem himmlischen Lob entspricht jenes auf der Erde und im ganzen Weltall, wenn auch wir uns mit der mächtigen Stimme vereinen, die ruft: „Ihm, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm gebühren Lob und Ehre und Herrlichkeit und Kraft in alle Ewigkeit“ (Offb 5,13).

 

Liebe Söhne des Heiligen Benedikt, liebe Schwestern und Brüder, jede liturgische Feier nimmt teil am himmlischen
Lobpreis Gottvaters, wovon jede Vaterschaft im Himmel und auf Erden stammt, am Lob Seines Eingeborenen Sohnes Jesus
Christus, der Mensch und Welt durch das Kreuzesopfer erlöst hat, und des Heiligen Geistes, der die Herzen der Gläubigen mit dem Feuer der Liebe erfüllt und auf unblutige Weise das Opfer Jesu Christi in jeder Eucharistiefeier gegenwärtig setzt. Aus diesem Grund ist die geordnet, schön und gültig gefeierte Liturgie in der Katholischen Kirche die beste Weise der Evangelisierung auch in unserer säkularisierten Welt. Daher danke ich für die Beständigkeit, mit der ihr Eure tägliche Arbeit mit dem Stundengebet begleitet und besonders dafür, daß die tägliche Feier der Eucharistie den Mittelpunkt Eures persönlichen und monastischen Lebens einnimmt. Eure Art, Zeugnis zu geben, ist jedem Christen möglich, ja notwendig, um Gebet und Arbeit zu verbinden, damit das Tagewerk vor Gott ein immerwährendes Gebet werden kann (vgl.Lk 18,1). Vom Wort Gottes belehrt, seid Ihr in der Lage, immer besser den Willen des auferstandenen Herrn zu erfüllen.

 

Wie einst die Apostel, ermahnt Er auch Euch: „Werft das Netz auf der rechten Seite des Bootes aus“ (Joh 21,6) und
verheißt einen reichen Fischfang, auch wenn die Umstände aus der Sicht von Welt ungünstig sind. Wie an den Heiligen
Petrus, so richtet der Herr Jesus an jeden von uns die Frage: „Liebst du mich?“ Mit der Unterstützung des Heiligen
Geistes antworten auch wir: „Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe“. Möge die Fürsprache der seligen Jungfrau Maria, der Mutter Jesu und Mutter der Kirche, Euren Pilgerweg hin zur himmlischen Heimat begleiten, wo wir mit dem Heiligen Benedikt und allen Heiligen in Ewigkeit die österliche Liturgie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes feiern werden. Amen.

 

Bibelstellen: Apg. 5,27b-32.40b-41; Ps. 30; Offb 5,11-14; Joh. 21,1-19
Ostermontag 22. April 2019, Kloster Scheyern

 

Ostermontag

 

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Vor genau einer Woche haben viele Menschen in Europa und vielleicht in aller Welt vor den Bildschirmen gesessen und
waren betroffen von dem, was sie da sahen, die berühmte gotische Kathedrale Notre Dame brannte. Ich war noch nie in
Paris, also auch noch nie in Notre Dame, aber ich muss gestehen, mir ging es auch so. Immer wieder hatte ich dieses Bild vor Augen, den brennenden Turm, der in sich zusammenfiel. Diese schöne und stolze Kathedrale, ein Wahrzeichen für Paris, ein Dachstuhl, aus dem 13. Jahrhundert, und es brennt, und was wird davon noch zu retten sein? Und meine Gedanken gingen weiter, das war meine eigentliche Betroffenheit: Ist nicht, was hier geschieht so etwas wie ein Symbol; so wie diese Kirche zerstört wird, so geht heute das, was Kirche meint, positiv meint, die Frohe Botschaft des Evangeliums, Glaube, ja Religion, für viele Menschen verloren, es erreicht sie nicht mehr, sie kommen nicht mehr in Berührung mit dem, was eigentlich gedacht, gemeint ist, mit dem, was ihrem Leben Helligkeit geben könnte, Farbe und Sinn. Wie viele Menschen haben mir in der vergangenen Zeit erzählt, dass sie Schwierigkeiten haben, sich gegen solch eine Stimmung durchzusetzen, die sagt: Alles Unsinn, Kirche, wer braucht die noch usw. Und daran haben vielleicht die Missbrauchsskandale Anteil, bestimmt sind die Ursachen aber viel umfassender.
Die Zerstörung von Notre Dame, ein Symbol dafür, dass etwas zu Ende geht, dass etwas verlorengeht, unwiederbringlich.

 

Am Dienstag gab es erste entwarnende Meldungen: Die Kirche selbst ist gesichert, und es gibt doch manches, was nicht zerstört wurde, Gott sei Dank, und vor allem, es gibt eine hohe Spendenbereitschaft, Notre Dame soll wieder aufgebaut werden. Und so sehr ich mich darüber freue, ich hätte mir hier ein wenig mehr Aushalten bei der Betroffenheit gewünscht. Es ist Trauerarbeit zu leisten, denn es ist etwas unwiederbringlich verloren gegangen, und solche Gedanken, wie ich sie hatte in Bezug auf Glaube, Religion, Kirche, das sind doch nicht nur meine Gedanken, das spüren doch andere auch. Ein Satz vom Dienstag bringt es auf den Punkt: Notre Dame soll noch schöner werden als zuvor. Hier spürt man das Missverständnis; es kann wohl etwas rekonstruiert werden, aber es geht gar nicht um noch schöner, sondern es geht um die Geschichte, die an solch einem Gotteshaus hängt, es geht um die Menschen, die hier etwas hinterlassen haben als Ausdruck ihres Lebens, ihrer Geschichte, ihres Glaubens, etwas Kostbares, wovon wir heute Lebenden zehren, woran wir uns festhalten, ja manchmal festklammern können. Genau darum greift es auch viel zu kurz, die Spendenbereitschaft zu kritisieren und den Wiederaufbau dieser Kirche gegen manche Armut heute auszuspielen. Man sollte viel eher das eine tun und das andere nicht lassen. Ein Mitbruder unserer Gemeinschaft ist in seiner Betroffenheit in die Bibliothek gegangen und hat ein Buch über Notre Dame gefunden, ein altes Buch, sehr schöne Bilder, schwarz weiß, und viele Informationen dazu. Und er hat dieses Buch ins Lesezimmer gelegt, damit auch wir alle da reinschauen. Diese Geste führt mich zu dem, was wir an Ostern feiern und was sich in der bekannten Emmaus Geschichte in besonderer Weise verdichtet. Menschen sind unterwegs mit ihrer Betroffenheit, der eine heißt Kleopas, der Name des anderen ist, vielleicht bewusst offengehalten, ich könnte derjenige sein oder Sie oder Du. Die beiden haben nicht etwas, nein, sie haben alles verloren: Einen Menschen, der in ihr Leben Farbe gebracht hat, Licht, der ihnen etwas sagen konnte vom Sinn ihres Lebens. All das, was die großen Schriftgelehrten nicht konnten, deren Gott immer weit weg war, unnahbar, oder so sehr moralisch oder so kompliziert. Jesus hatte von seinem Vater gesprochen, wenn er Gott meinte, er hat ihn auch so angesprochen, ganz einfach Papa gesagt, und er hatte gesagt, nicht der Sabbat ist das Größte, sondern der Sabbat ist für den Menschen da; und er hatte gesagt, nicht die Gebote kleinlich zu erfüllen ist das Wichtigste, sondern Gott zu lieben, sich selbst zu lieben und den Nächsten, darauf kommt es an. Es war so leicht zu glauben, wenn er bei ihnen war. Und darum konnten sie einfach mit ihm laufen, konnten vieles stehen und liegen lassen, das Wichtigste hatten sie ja.
Und dann hatten sie erlebt, wie man ihm einen kurzen Prozess gemacht und getötet hatte, ganz schnell war es gegangen, damit man in Ruhe den Sabbat halten konnte. Und nichts, kein Mensch und kein Gott, hatte ihm geholfen, alles war so trostlos, so banal, gewesen, genauso, wie das Leben abläuft. Ein wenig hatten sie noch gehofft, waren zusammengeblieben, auch aus Angst, nun gehen sie in ihren Ort zurück, in den Alltag, man wird sich wieder einrichten, es gibt ja etwas zu tun, irgendwann wird Gras über die Sache gewachsen sein.

 

Diese Betroffenheit lässt sich so gut ausmalen, und wer könnte sich nicht in solch eine Situation hinein denken? Wer hat das noch nicht erlebt? Aber etwas tun die beiden bei alledem, sie bleiben offen, sie gehen nicht blind an dem vorbei, der sich ihnen anschließt, sie nehmen ihn mit, sie sprechen mit ihm, auch das hatten sie doch bei Jesus gelernt, diese Aufmerksamkeit, niemanden einfach stehen zu lassen. Und der mit ihnen geht, der darf um all diese Dinge wissen, dem kann man das erzählen, der darf auch die Trauer erfahren, die Ratlosigkeit, die zerstörte Hoffnung. Ja, und er darf sogar etwas dazu sagen, er darf Fragen stellen, und ja auch wenn es ein bisschen belehrend rüberkommt, er darf fragen: Begreift ihr denn nicht… Und sie lassen es zu, dass er ihnen die Bibel auslegt, dass er ihre Sichtweise verändert, dass in das Dunkel ihrer Trauer doch wieder Licht kommt, etwas Farbe in das Grau ihrer Gedanken, Sinn in ihre zerstörte Hoffnung. Es tut ihnen gut, darum lassen sie den Fremden nicht einfach weiterziehen: Bleib doch bei uns, es ist doch schon Abend. Und dann kehren sie ein, essen miteinander, und es geht ihnen endlich auf, beim Mahl: Das ist er doch, das ist doch Jesus, der mit uns gegangen ist, so war es doch immer, genau so! Und sie können ihr Gefühl nicht anders beschreiben als mit den Worten: Brannte uns nicht das Herz, haben wir nicht gemerkt, wie da dieses Licht wieder da war, diese Farbe, wie wir plötzlich Sinn entdeckt haben und glauben konnten. Und sie brechen auf, es ist neue Kraft in ihnen, nicht mehr der schleppende traurige Gang, sondern mit einer großen Gewissheit kehren sie nach Jerusalem zurück. Das ist die Erfahrung von Ostern! Wo alles aussichtslos erscheint, da lässt Gott uns nicht allein, da geht er mit, tröstend und heilend und verwandelnd. Die Emmaus Geschichte ist der Weg, den wir als Glaubende gehen und immer wieder gehen müssen.

 

Liebe Schwestern und Brüder, die Trauer aushalten, das ist das eine, etwas sehr Wichtiges, aber sich nicht verkriechen dabei, offen bleiben, für den, der mir begegnen will. Und wenn ich vorhin gesagt habe, dass viele Menschen das Evangelium nicht mehr wirklich erreicht, dass bei ihnen ein verzerrtes Bild von Kirche und Glaube ankommt, dann können wir ihnen und letztlich uns selbst eine Kurzformel des Glaubens anbieten. Glaube ist, mit der Möglichkeit der Emmaus Geschichte zu rechnen, in den großen Zusammenhängen der Welt und in meinem persönlichen Leben. Und Kirche ist wichtig, weil diese Geschichte immer wieder erzählt werden muss, weil die Hoffnung, die darin enthalten ist, immer wieder erinnert werden muss. Weil sonst der Mensch zu kurz kommt. In diesem Sinn freue ich mich natürlich auch sehr über den Wiederaufbau von Notre Dame. Und ich bin überzeugt, dass es dabei nicht nur um Geld, Handwerk und Kunst und viele Sachverständige gehen wird, sondern dass auch viele Emmaus Geschichten mit diesem Wiederaufbau verbunden sein werden, dass es um den Menschen geht.

 

Amen.

 

Bibelstellen: Lk, 24, 13-35
Karfreitag 21. April 2019, Kloster Scheyern

 

Steine, die den Menschen vom Herzen fallen

 

Liebe Schwestern und Brüder!

 

In den letzten Tagen und Wochen habe ich seltsame Geräusche gehört und wahrgenommen. Geräusche, die tief und dumpf
klangen und die fast an so etwas wie Einschläge erinnerten. Das eigenartige daran aber war, dass diese Geräusche nicht bedrohlich wirkten, sondern eher ein Gefühl der Erleichterung auslösten bzw. hinterließen. Bevor Sie sich aber jetzt Gedanken über meinen Gesundheitszustand machen oder gar an meiner Zurechnungsfähigkeit zweifeln, möchte ich Ihnen sagen, was ich damit meine oder was der Grund und der Auslöser für diese Wahrnehmungen waren.

 

Die Geräusche stammten von Steinen und zwar von ganz bestimmten Steinen. Es waren Steine, die Menschen vom Herzen
gefallen waren. In der letzten Zeit tauchten bei Menschen, die ich kenne und bei Menschen aus meinem persönlichen Umfeld und Bekanntenkreis große gesundheitliche Probleme auf, so dass sich Gedanken und Ängste wie Steine auf die Herzen von Menschen legten. So nach und nach sind diese Steine zum Glück wieder abgefallen, entweder weil sich ein Verdacht nicht bestätigte oder weil es gerade noch einmal gut gegangen war. Das habe ich gehört und wahrgenommen, am Telefon oder in der persönlichen Begegnung.

 

Und Sie alle haben in der letzten Woche über die Medien solche Steine fallen hören, die von Herzen der Menschen
stammten. Die Kathedrale Notre Dame in Paris wurde durch den Brand zwar schwer beschädigt, aber sie wurde nicht zerstört. Die Türme blieben verschont! Welch eine Erleichterung! In Paris und rund um die Welt war ein Plumpsen von
vielen Steinen zu hören und es machte sich ein Gefühl der Erleichterung breit.

 

Liebe Schwestern und Brüder, heute feiern wir Ostern. Das ist ein Fest, wo am Anfang einer einen Stein ins Rollen
gebracht hat, so dass er auch den Menschen vom Herzen fallen konnte. Jesus Christus ist auferstanden und hat den Stein des Grabes „weggesprengt“, wie es in manchen österlichen Liedern heißt.

 

Maria Magdalena, von der wir heute im Evangelium gehört haben, die zum Friedhof unterwegs war, machte sich nicht nur Gedanken über den Stein, mit dem das Grab Jesu verschlossen war und wer ihn wohl wegschieben konnte, sondern sie war durch das Leiden und Sterben Jesu mit all seinen Umständen immer noch geschockt und sehr bedrückt: Das hätte doch eigentlich gar nicht geschehen dürfen! Das hätte es wirklich nicht gebraucht!
Weil der Weg von Menschen sehr steinig sein und ein Problem sehr schnell auf das andere folgen kann, sieht sie zwar, dass der Stein des Grabes weggerollt war, aber sie muss auch realisieren, dass das Grab leer war, was ihr Herz noch einmal schwer und schwerer machte. Jetzt hatte sie nicht einmal mehr einen Ort der Trauer. Der Leichnam Jesu war nicht mehr da. Ein neuer Stein lastete auf ihrem Herzen. Auch die beiden Jünger, Petrus und Johannes, die sie in ihrer Not zu Hilfe geholt hatte, waren ratlos, ja panisch über die neue Situation, die nicht minder schrecklich war, als die des Karfreitag.

 

Ganz langsam aber begann sich der Stein zu bewegen und von ihrem Herzen zu fallen, denn es fiel ihnen ein, dass Jesus immer wieder von der Auferstehung nach dem Tod gesprochen hat, nur konnten sie damit zuerst nichts anfangen. „Sie fragten einander, was das sei, von den Toten auferstehen.“ So tauschten sie sich nach der Verklärung auf Tabor aus.

 

Da ging auch der andere Jünger, der zuerst an das Grab gekommen war hinein, er sah und glaubte.
Liebe Schwestern und Brüder, das hört sich so einfach an, „er sah und glaubte“. Aus meinem eigenen Leben und in der
Begegnung mit Menschen auf ihren Lebens- und Glaubenswegen weiß ich, dass das eine große Herausforderung ist, dass es viel Anstrengung und auch eine Menge Arbeit bedeuten kann, bis Menschen so weit sind. Viele Steine, große und kleine Steine, die viele und ganz verschiedene Namen tragen, liegen den Menschen im Weg und auf dem Herzen. Ich glaube, immer wieder und auch heute haben wir in unserer Basilika eine ganze Steinsammlung, was Sie
bedrückt und was Ihnen auf dem Herzen liegt. Viele Steine müssen zuerst oft aus dem Weg geräumt werden, damit Menschen glauben können, damit Menschen wieder einen Fuß auf die Erde bringen, damit Menschen mit einer veränderten Situation weiterleben können. Wir dürfen uns nichts vormachen. Ostern stellt nicht einfach einen Zustand wieder her, wie er vorher war, sondern Ostern fordert uns auf und fordert uns heraus mit der neuen Situation umgehen zu können. Leben nach dem Tod. Leben durch den Tod. Leben neu zu lernen. Leben neu zu denken. Jede Osterkerze stellt uns das vor Augen: Der Auferstandene ist ein verwundeter, ein verletzter, aber gerade daran wird er erkannt.

 

Leben neu lernen und Leben neu denken. Eine große Herausforderung! Wenn ich das so sage, dann muss ich an die Exerzitien denken, die wir als Klostergemeinschaft in den letzten Tagen mit Pfarrer Josef Mayer vom Petersberg gemacht haben. Als Anhaltspunkte zeigte er uns einige Stationen aus dem Skulpturenweg am Petersberg. Eine Station hat mich besonders berührt und sich tief eingeprägt. Sie heißt „Das Licht in meinem Kopf“. Ganz schemenhaft ist ein Gesicht zu sehen und im Hinterkopf ist eine Nische für ein Licht. Immer wieder stellen dort Menschen Lichter hinein.

 

Gibt es ein solches Licht auch in meinem Hinterkopf? Gibt es ein solches Licht in ihrem Hinterkopf? Ein kleiner Funke, eine kleine Flamme die sich Hoffnung nennt?
An Ostern wird nicht nur ein Stein vom Grab gewälzt.
An Ostern fallen nicht nur Steine von den Herzen der Menschen.
Ostern ist ein Eckstein für eine neue Zeit.
Ostern ist ein Meilenstein für ein neues ewiges Leben.
Und an Ostern wird das Licht in meinem Kopf neu entzündet, dass es leuchte in dunklen Stunden des Lebens.

 

Liebe Schwestern und Brüder, in der Osternacht wird vor dem Einzug mit der Osterkerze in die Kirche gesagt: Christus ist glorreich erstanden vom Tod. Sein Licht vertreibe das Dunkel der Herzen. Ja, sein Licht vertreibe das Dunkel der Herzen. Das soll sich tief in unsere Köpfe einprägen. Das sollen wir stets im Hinterkopf haben nicht nur an Ostern, sondern an allen Tagen unseres Lebens. Denn:

 

Manchmal feiern wir mitten am Tag ein Fest der Auferstehung. Stunden werden eingeschmolzen und ein Glück ist da.
Manchmal feiern wir mitten im Wort ein Fest der Auferstehung, Sätze werden aufgehoben und ein Lied ist da.
Manchmal feiern wir mitten im Streit ein Fest der Auferstehung. Waffen werden umgeschmiedet und ein Friede ist da.
Manchmal feiern wir mitten im Tun ein Fest der Auferstehung. Sperren werden überwunden und ein Geist ist da.

 

Ein Licht in meinem Kopf, das die Steine von den Herzen der Menschen fallen lässt! Ein frohes und ermutigendes
Osterfest, Halleluja!
 
Gründonnerstag 18. Mai 2019, Kloster Scheyern

 

Jesus zaubert nicht, er verwandelt

 

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Abrakadabra, Simsalabim, Hokuspokus Fidibus, dreimal schwarzer Kater. So oder so ähnlich lauten die sog. Zaubersprüche, die wir aus Kindertagen, aus Märchenbüchern oder auch aus Filmen kennen. Und ein guter Zauberer, der etwas auf sich hält und der auch etwas kann, der hat gute Zaubersprüche.

 

Zauber und Zaubern, das hat Menschen zu allen Zeiten in den Bann gezogen und fasziniert. Zaubern, das würden nicht nur Kinder gerne können, sondern oft viele erwachsene Menschen auch, damit sich die Welt, vor allem die persönliche Welt, wunschgemäß verändert, dass sie noch viel schöner und wunderbarer wird. So suchen Menschen nach Kenntnissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten, um aus solchen Träumen Wirklichkeit werden zu lassen.
Oft aber werden sie feststellen müssen, dass es sich um einen falschen Zauber handelt und sie die harte Wirklichkeit schneller einholt, als ihnen lieb ist.

 

Wenn wir in die Liturgie des Gründonnerstags hineinschauen, zu der wir jetzt zusammengekommen sind, dann wird nicht
gezaubert, aber es verändert sich etwas. Ehrlicherweise müssen wir zugeben, dass unsere Gottesdienste nicht ganz frei sind von einem Verdacht des Zaubers. Geschehen doch auch wunderbare, für manche Menschen sonderbare Dinge in einem Gottesdienst. Aus Brot wird Leib Christi, aus Wein wird Blut Christi.

 

Der Zauberspruch „Hokuspokus“ ist vermutlich entstanden aus den schnell und undeutlich gesprochenen lateinischen
Einsetzungsworten: Hoc es enim corpus meum. Das ist mein Leib der für euch hingegeben wird. (Hokuspokus)

 

Wenn Jesus so spricht, dann verwandelt er. Er verändert sichtbar keine Dinge, sondern er verwandelt und verändert
vielmehr spürbar Menschen. Er verändert ihre Sichtweise und Denkweise durch sein Reden und durch sein Tun. In der Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus an die Korinther haben wir von einem in diesem Sinne ergriffenen und verwandelten Paulus gehört, dass er überliefert, was er empfangen hat: Denn sooft ihr von diesem Brot esst und aus dem Kelch trinkt, verkündet ihr den Tod des Herrn bis er kommt. Für Paulus hat sich die Welt damit verändert. Daraus lebt er und dafür lebt er.

 

Wir kennen es aus eigener Erfahrung, dass wir Ereignisse und Situationen als so dicht und beeindruckend empfinden, dass sie uns verändern können, vielleicht sogar von Grund auf verändern, so dass wir uns selber oder von anderen Menschen in gewisser Weise als verzaubert wahrgenommen werden. „Was ist denn mit dir los?“, kann es dann fast vorwurfsvoll lauten.

 

Eine solche Situation ist im Evangelium, das wir gerade gehört haben, geschildert. Von irgendwelchen Zaubersprüchen war nichts zu hören, sondern Jesus sagt klar und deutlich, was er tut, warum er es tut und was er mit seinem Tun zeigen will: Begreift ihr, was ich an euch getan habe? Ihr sagt Meister und Herr zu mir, und ihr nennt mich mit Recht so, denn ich bin es. Wenn nun ich, der Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, dann müsst auch ihr einander die Füße waschen, ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe.

 

Liebe Schwestern und Brüder, gleich werden wir hier in unserer Basilika diese Fußwaschung nicht einfach nachspielen, sondern wir werden sie als Zeichen vollziehen. Und mit diesem Zeichen werden wir alle Dienste, die sich Menschen aus Liebe, Respekt und Verantwortung erweisen, würdigen. Denn wenn diese Dienste in unserem Alltag nicht geschehen würden, wenn Menschen einander nicht dienen würden, dann wäre es um die Würde des Menschen in unserer Welt schlecht bestellt.

 

Viele Menschen fühlen sich diesem Auftrag Jesu bewusst verpflichtet. Es gibt aber auch Menschen, die es tun ohne einen Bezug zu Jesus herzustellen. Aber auch sie machen damit unsere Welt menschenwürdig und auch ein Stück wunderbar.

 

Vielleicht sei an dieser Stelle auch einmal erwähnt, dass unser Gesundheitssystem, auf das wir oft so stolz sind, schon lange nicht mehr funktionieren würde, wenn wir nicht Menschen hätten, die aus anderen Ländern stammen und bei uns in den Pflegeberufen arbeiten oder auch Menschen, die sich nicht zum Christentum bekennen. Ihnen sei an dieser Stelle gedankt, weil sie das Zeichen der Fußwaschung und was Jesus damit zeigen wollte, im Alltag sichtbar und vor allem erfahrbar machen.

 

Jesus hat nicht gezaubert, aber er hat verwandelt und sehr wohl verändert, er hat Menschen verändert, wenn sie seine Botschaft nicht nur hören, sondern sich von ihr ansprechen und ein bisschen auch verzaubern lassen.

 

Hoc est enim corpus meum. Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird. Uns ist damit viel in die Hand gelegt worden und wir haben sozusagen auch viel in der Hand für die Welt. Das ist das Geheimnis unseres Glaubens, der nicht zaubern will, aber der verwandeln will und verändern kann. Ein Lied drückt es auf seine Weise aus:

 

Ein kleines Stück Brot in unsern Händen, reicht aus für alle Menschen.

 

  • Du verwandelst das Brot in Jesu Leib.
  • Du verwandelst den Wein in Jesu Blut.
  • Du verwandelst den Tod in Auferstehn.
Verwandle du auch uns!

 

Ja, verwandle du auch uns! Und lassen wir uns auch verwandeln. Wenn das spürbar wird, dann wird auch etwas sichtbar
werden.

 

Bibelstellen: 1. Kor. 11,23-26 und Joh. 13,1-15
5. Mai 2019, Kloster Scheyern

„Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als diese?“ (Joh 21,15) Verehrter Herr Abt Markus Eller, liebe Mönche von Kloster Scheyern, liebe Schwestern und Brüder! Die Frage des auferstandenen Herrn an Simon Petrus hat eine ganz besondere Bedeutung. Dreimal stellt Jesus Christus ihm die fast gleiche Frage. Beim ersten Mal bezieht sie sich auf den Vergleich mit den übrigen Jüngern: „Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als diese?“ (Joh 21,15), bei den beiden folgenden Fragen bezieht sie sich nur auf Jesus selbst: „Simon, Sohn des Johannes liebst du mich?“ (Joh 21,16.17).

Petrus gibt eine bejahende Antwort. Die ersten beiden Male sagt er: „Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe“ (Joh
21.15.16). Als der Herr ihn zum dritten Mal fragt, ob er ihn liebe, wurde Petrus betrübt und hat geantwortet: „Herr, du weißt alles; du weißt, dass ich dich liebe“ (Joh 21,17). Mit diesem dreifachen Bekenntnis hat Simon Petrus seinen dreifachen Verrat während der Passion des Meisters wieder gut gemacht (vgl. Joh 13,38; 18,15-18.25.27). Nachdem Simon Petrus dies eingesehen, bereut hatte und demütig wurde, war er bereit, dem Meister zu folgen, sei es auch in Leiden und Tod, wie es ihm Jesus vorausgesagt hatte: „Amen, amen, ich sage dir: Als du jünger warst, hast du dich selbst gegürtet und gingst, wohin du wolltest. Wenn du aber alt geworden bist, wirst du deine Hände ausstrecken und ein anderer wird dich gürten und dich führen, wohin du nicht willst“ (Joh 21,18). Mit dieser Geisteshaltung war der Heilige Petrus bereit, den Primatsdienst unter den Zwölfen und in der Kirche auszuüben, den ihm der auferstandene Herr anvertraut hatte: „Weide meine Lämmer!“ (Joh 21,15), „Weide meine Schafe“ (21,16.18), wie auch durch den neuen Aufruf: „Folge mir nach“ (Joh 21,19). Der Dienst des Petrus, das „immerwährende und sichtbare Prinzip und Fundament der Glaubenseinheit und der Gemeinschaft“ (LG 18) und „für die Einheit der Vielheit von Bischöfen und Gläubigen“ (LG 23), setzt sich in seinen Nachfolgern auf dem Bischofsstuhl von Rom fort.

Ich habe die Ehre, Vertreter des Heiligen Vaters Franziskus in der Bundesrepublik Deutschland zu sein, des 265.
Nachfolgers des Heiligen Petrus, Bischof von Rom und Hirte der Universalkirche. Es freut mich, der benediktinischen
Mönchsgemeinschaft von Kloster Scheyern aus Anlass des 900jährigen Jubiläums der Übersiedlung der ersten Mönche vom
Petersberg bei Dachau auf die Burg Scheyern die herzlichen Grüße des Römischen Pontifex zu übermitteln. Besonders danke ich Eurem Abt Markus Eller OSB für die Einladung, dieser Eucharistiefeier vorzustehen, um Gott dem Vater, Sohn und Heiligem Geist für das große Geschenk Eurer Präsenz an diesem Ort der Sammlung und brüderlichen Liebe durch neun Jahrhunderte zu danken.

Dem dreieinen Gott sei Lob und Dank für das exemplarische Leben so vieler Mönche, die sich bemühten, nach der Regel des Heiligen Benedikt zu leben, um das Ideal der Heiligkeit durch ein Leben zu erreichen, das ganz Gott geweiht ist im Gebet und im Dienst am Nächsten gemäß dem berühmten Wahlspruch: ora et labora. Darüber hinaus ist es bedeutsam, daß diese feierliche Liturgie an einem der beiden jährlichen Wallfahrten zur Verehrung der Kreuzreliquie unseres Herrn Jesus Christus stattfindet, die seit dem Jahr 1180 in dieser Abtei sorgsam gehütet wird. Um das Band der Einheit mit dem Heiligen Vater Franziskus zu stärken, welcher der ganzen Kirche in der Liebe vorsteht (vgl. Ignatius von Antiochien, Röm 1,1), erteile ich Euch allen sehr gerne am Ende dieser Heiligen Messe den Päpstlichen Segen, mit dem nach den althergebrachten Überlieferungen der Kirche der vollkommene Ablass von Sündenstrafen verbunden ist.

Danken wir alle gemeinsam dem dreieinen Gott für dieses Geschenk seiner Güte und Barmherzigkeit und öffnen wir unsere Herzen, um zu hören, was der Geist uns durch das Wort Gottes sagen will, das an diesem dritten Ostersonntag verkündet worden ist. Hervorheben möchte ich die Aktualität zweier Themen: das christliche Zeugnis (I) und die himmlische Verherrlichung des auferstandenen Herrn, was wir in der Kirche schon vorwegnehmen, vor allem in der Liturgie (II).

1. „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apg 5,29).

Die Antwort des Petrus und der Apostel an den Hohenpriester und die übrigen Mitglieder des Hohen Rates (des Sanhedrin) ist in unseren Tagen sehr aktuell. Die Jünger des gestorbenen und auferstandenen Herrn Jesus Christus hatten keinen Zweifel an der Natur und dem Inhalt ihrer Mission: sie sollten Zeugen des Ostergeheimnisses sein und den Kernpunkt verkünden: „Der Gott unserer Väter hat Jesus auferweckt, den ihr ans Holz gehängt und ermordet habt. Ihn hat Gott als Anführer und Retter an seine rechte Seite erhoben, um Israel die Umkehr und Vergebung der Sünden zu schenken. Zeugen dieser Ereignisse sind wir und der Heilige Geist, den Gott allen verliehen hat, die ihm gehorchen“ (Apg 5,30-32). Die Apostel haben diese Mission nie aufgegeben, auch wenn sie für die Treue zum Herrn Jesus gefoltert wurden und das Martyrium erlitten.

Auch in der Welt von heute gibt es bei der Verkündigung des Evangeliums vielfältige Hindernisse und erleiden Christen Verfolgungen. Nach der World Watch List von Open Doors werden weltweit mehr als 245 Millionen Christen verfolgt, was bedeutet, einer von neun Christen leidet um seines Glaubens willen. Von 150 untersuchten Ländern zeigten sich in 73 Formen von Verfolgungen, in 11 Ländern besonders extreme. Für das Jahr 2018 wurden 4.305 Ermordungen aus Hass auf den christlichen Glauben ermittelt.

Neben dieser ausgesprochen physischen Form der Verfolgung gibt es noch andere, sehr ausgefeilte Formen von Verfolgungen, die auch in als demokratisch geltenden Ländern vorkommen. In diesen Ländern, die nicht selten traditionell christliche Wurzeln haben, werden aus ideologischen Gründen Sichtweisen und Lebenshaltungen gefördert oder sogar auferlegt, die dem christlichen Glauben widersprechen. Christliche Werte werden durch die Kommunikationsmittel, besonders in den sogenannten sozialen Netzwerken verspottet oder zensiert. Angesichts des Glaubens der Kirche, daß Jesus Christus die Wahrheit ist (vgl. Joh 14,6), herrscht ein Relativismus, der sich darin äußert, alle Religionen als gleich gültig zu betrachten und auch das Christentum auf eine rein horizontale Dimension zu reduzieren. Daraus folgt, auch Jesus Christus wird nur noch als beispielhafter Mensch oder als ein Prophet gesehen und die Wahrheit verschwiegen oder unterdrückt, daß er zugleich Mensch und Gott ist. In diesem relativistischen Zusammenhang wird die neue Genderideologie vorgestellt oder mit veränderten Methoden aufgezwungen, die in ihrer radikalen Ausprägung das christliche Menschenbild ablehnt, das in der Bibel geoffenbart ist und worauf die wahre menschliche Natur basiert.

Angesichts dieser neuen und alten Herausforderungen muss die Kirche dem Beispiel der Apostel folgen und immer wieder betonen: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apg 5,29). Ihrer prophetischen Berufung erneut bewußt, muss die Kirche ohne Furcht und Zweideutigkeit verkünden, daß Jesus Christus der Herr ist, daß er die Wahrheit ist, der uns die wahre Natur des Menschen, der Familie, der sozialen Beziehungen und der zum Geschaffenen offenbart. Er fordert uns auf, unsere Sünden und unsere Grenzen anzuerkennen und seiner Einladung zur Umkehr während unseres irdischen Pilgerweges hin zur himmlischen Heimat zu folgen. Bei dieser Verkündigung, die vor allem durch das Beispiel des Lebens geschieht und wenn nötig mit Worten, nehmen die Ordensleute einen besonderen Platz ein, insbesondere jene, die bemüht sind, das Ideal eines monastischen Lebens immer besser zu leben.

2. „Würdig ist das Lamm, das geschlachtet ist, Macht zu empfangen, Reichtum und Weisheit, Kraft und Ehre, Lob und
Herrlichkeit“ (Offb. 5,12). Jesus Christus wurde am Holz des Kreuzes geopfert. So wurde das Kreuz zum bevorzugten Symbol der Passion, des Todes und der Auferstehung des Herrn Jesus, dem Lamm, das geschlachtet ward. Jedes christliche Gebet beginnt mit dem Kreuzzeichen. Wir haben zum Beispiel diese festliche Eucharistiefeier begonnen, indem wir das Kreuzzeichen machten und den Namen der Allerheiligsten Dreifaltigkeit anriefen: „Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“.

Liebe Mönche,
ihr hütet seit Jahrhunderten eine Reliquie des heiligen Kreuzes, ein Teil jenes Holzes, an dem Herr Jesus erhöht wurde, unser Heiland und Erlöser. Zusammen mit der Ehre, dieses kostbare Stück eifrig zu beschützen, gebietet diese Reliquie, beständig die Bedeutung des Kreuzes im Leben Jesu Christi und im Leben eines jeden Christen zu betrachten. Dank der göttlichen Liebe hat Jesus von Nazareth die Bedeutung des Kreuzes als Zeichen der Schande zu einem Symbol des Heils und der Herrlichkeit verwandelt.

Diese Verherrlichung konnten wir in der zweiten Lesung aus der Offenbarung des Johannes erahnen. Hier wird die
himmlische Liturgie beschrieben. Die Heilige Messe erlaubt uns, an dieser Gnadenhandlung teilzunehmen und den dreieinen Gott zusammen mit den Engeln, den Lebewesen, den Ältesten in der großen Menge der Erwählten zu loben, die der inspirierte Autor mit dem Ausdruck umschreibt: „Zehntausend mal zehntausend und tausend mal tausend“ (Offb 5,11). Im Glauben stimmen auch wir ein in ihren Gesang: „Würdig ist das Lamm, das geschlachtet ist, Macht zu empfangen, Reichtum und Weisheit, Kraft und Ehre, Lob und Herrlichkeit“ (Offb 5,12). Dem himmlischen Lob entspricht jenes auf der Erde und im ganzen Weltall, wenn auch wir uns mit der mächtigen Stimme vereinen, die ruft: „Ihm, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm gebühren Lob und Ehre und Herrlichkeit und Kraft in alle Ewigkeit“ (Offb 5,13).

Liebe Söhne des Heiligen Benedikt, liebe Schwestern und Brüder, jede liturgische Feier nimmt teil am himmlischen
Lobpreis Gottvaters, wovon jede Vaterschaft im Himmel und auf Erden stammt, am Lob Seines Eingeborenen Sohnes Jesus
Christus, der Mensch und Welt durch das Kreuzesopfer erlöst hat, und des Heiligen Geistes, der die Herzen der Gläubigen mit dem Feuer der Liebe erfüllt und auf unblutige Weise das Opfer Jesu Christi in jeder Eucharistiefeier gegenwärtig setzt. Aus diesem Grund ist die geordnet, schön und gültig gefeierte Liturgie in der Katholischen Kirche die beste Weise der Evangelisierung auch in unserer säkularisierten Welt. Daher danke ich für die Beständigkeit, mit der ihr Eure tägliche Arbeit mit dem Stundengebet begleitet und besonders dafür, daß die tägliche Feier der Eucharistie den Mittelpunkt Eures persönlichen und monastischen Lebens einnimmt. Eure Art, Zeugnis zu geben, ist jedem Christen möglich, ja notwendig, um Gebet und Arbeit zu verbinden, damit das Tagewerk vor Gott ein immerwährendes Gebet werden kann (vgl. Lk 18,1). Vom Wort Gottes belehrt, seid Ihr in der Lage, immer besser den Willen des auferstandenen Herrn zu erfüllen.

Wie einst die Apostel, ermahnt Er auch Euch: „Werft das Netz auf der rechten Seite des Bootes aus“ (Joh 21,6) und
verheißt einen reichen Fischfang, auch wenn die Umstände aus der Sicht von Welt ungünstig sind. Wie an den Heiligen
Petrus, so richtet der Herr Jesus an jeden von uns die Frage: „Liebst du mich?“ Mit der Unterstützung des Heiligen
Geistes antworten auch wir: „Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe“. Möge die Fürsprache der seligen Jungfrau Maria, der Mutter Jesu und Mutter der Kirche, Euren Pilgerweg hin zur himmlischen Heimat begleiten, wo wir mit dem Heiligen Benedikt und allen Heiligen in Ewigkeit die österliche Liturgie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes feiern werden. Amen.

Bibelstellen: Apg. 5,27b-32.40b-41; Ps. 30; Offb 5,11-14; Joh. 21,1-19
Ostermontag 22. April 2019, Kloster Scheyern

 

Ostermontag

 

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Vor genau einer Woche haben viele Menschen in Europa und vielleicht in aller Welt vor den Bildschirmen gesessen und
waren betroffen von dem, was sie da sahen, die berühmte gotische Kathedrale Notre Dame brannte. Ich war noch nie in
Paris, also auch noch nie in Notre Dame, aber ich muss gestehen, mir ging es auch so. Immer wieder hatte ich dieses Bild vor Augen, den brennenden Turm, der in sich zusammenfiel. Diese schöne und stolze Kathedrale, ein Wahrzeichen für Paris, ein Dachstuhl, aus dem 13. Jahrhundert, und es brennt, und was wird davon noch zu retten sein? Und meine Gedanken gingen weiter, das war meine eigentliche Betroffenheit: Ist nicht, was hier geschieht so etwas wie ein Symbol; so wie diese Kirche zerstört wird, so geht heute das, was Kirche meint, positiv meint, die Frohe Botschaft des Evangeliums, Glaube, ja Religion, für viele Menschen verloren, es erreicht sie nicht mehr, sie kommen nicht mehr in Berührung mit dem, was eigentlich gedacht, gemeint ist, mit dem, was ihrem Leben Helligkeit geben könnte, Farbe und Sinn. Wie viele Menschen haben mir in der vergangenen Zeit erzählt, dass sie Schwierigkeiten haben, sich gegen solch eine Stimmung durchzusetzen, die sagt: Alles Unsinn, Kirche, wer braucht die noch usw. Und daran haben vielleicht die Missbrauchsskandale Anteil, bestimmt sind die Ursachen aber viel umfassender.

 

Die Zerstörung von Notre Dame, ein Symbol dafür, dass etwas zu Ende geht, dass etwas verlorengeht, unwiederbringlich.

 

Am Dienstag gab es erste entwarnende Meldungen: Die Kirche selbst ist gesichert, und es gibt doch manches, was nicht zerstört wurde, Gott sei Dank, und vor allem, es gibt eine hohe Spendenbereitschaft, Notre Dame soll wieder aufgebaut werden. Und so sehr ich mich darüber freue, ich hätte mir hier ein wenig mehr Aushalten bei der Betroffenheit gewünscht.

 

Es ist Trauerarbeit zu leisten, denn es ist etwas unwiederbringlich verloren gegangen, und solche Gedanken, wie ich sie hatte in Bezug auf Glaube, Religion, Kirche, das sind doch nicht nur meine Gedanken, das spüren doch andere auch. Ein Satz vom Dienstag bringt es auf den Punkt: Notre Dame soll noch schöner werden als zuvor. Hier spürt man das Missverständnis; es kann wohl etwas rekonstruiert werden, aber es geht gar nicht um noch schöner, sondern es geht um die Geschichte, die an solch einem Gotteshaus hängt, es geht um die Menschen, die hier etwas hinterlassen haben als Ausdruck ihres Lebens, ihrer Geschichte, ihres Glaubens, etwas Kostbares, wovon wir heute Lebenden zehren, woran wir uns festhalten, ja manchmal festklammern können. Genau darum greift es auch viel zu kurz, die Spendenbereitschaft zu kritisieren und den Wiederaufbau dieser Kirche gegen manche Armut heute auszuspielen. Man sollte viel eher das eine tun und das andere nicht lassen.

 

Ein Mitbruder unserer Gemeinschaft ist in seiner Betroffenheit in die Bibliothek gegangen und hat ein Buch über Notre Dame gefunden, ein altes Buch, sehr schöne Bilder, schwarz weiß, und viele Informationen dazu. Und er hat dieses Buch ins Lesezimmer gelegt, damit auch wir alle da reinschauen. Diese Geste führt mich zu dem, was wir an Ostern feiern, und was sich in der bekannten Emmaus Geschichte in besonderer Weise verdichtet. Menschen sind unterwegs mit ihrer Betroffenheit, der eine heißt Kleopas, der Name des anderen ist, vielleicht bewusst offengehalten, ich könnte derjenige sein oder Sie oder Du. Die beiden haben nicht etwas, nein, sie haben alles verloren: Einen Menschen, der in ihr Leben Farbe gebracht hat, Licht, der ihnen etwas sagen konnte vom Sinn ihres Lebens. All das, was die großen Schriftgelehrten nicht konnten, deren Gott immer weit weg war, unnahbar, oder so sehr moralisch oder so kompliziert. Jesus hatte von seinem Vater gesprochen, wenn er Gott meinte, er hat ihn auch so angesprochen, ganz einfach Papa gesagt, und er hatte gesagt, nicht der Sabbat ist das Größte, sondern der Sabbat ist für den Menschen da; und er hatte gesagt, nicht die Gebote kleinlich zu erfüllen ist das Wichtigste, sondern Gott zu lieben, sich selbst zu lieben und den Nächsten, darauf kommt es an. Es war so leicht zu glauben, wenn er bei ihnen war. Und darum konnten sie einfach mit ihm laufen, konnten vieles stehen und liegen lassen, das Wichtigste hatten sie ja.

 

Und dann hatten sie erlebt, wie man ihm einen kurzen Prozess gemacht und getötet hatte, ganz schnell war es gegangen, damit man in Ruhe den Sabbat halten konnte. Und nichts, kein Mensch und kein Gott, hatte ihm geholfen, alles war so trostlos, so banal, gewesen, genauso, wie das Leben abläuft. Ein wenig hatten sie noch gehofft, waren zusammengeblieben, auch aus Angst, nun gehen sie in ihren Ort zurück, in den Alltag, man wird sich wieder einrichten, es gibt ja etwas zu tun, irgendwann wird Gras über die Sache gewachsen sein.

 

Diese Betroffenheit lässt sich so gut ausmalen, und wer könnte sich nicht in solch eine Situation hinein denken? Wer hat das noch nicht erlebt? Aber etwas tun die beiden bei alledem, sie bleiben offen, sie gehen nicht blind an dem vorbei, der sich ihnen anschließt, sie nehmen ihn mit, sie sprechen mit ihm, auch das hatten sie doch bei Jesus gelernt, diese Aufmerksamkeit, niemanden einfach stehen zu lassen. Und der mit ihnen geht, der darf um all diese Dinge wissen, dem kann man das erzählen, der darf auch die Trauer erfahren, die Ratlosigkeit, die zerstörte Hoffnung. Ja, und er darf sogar etwas dazu sagen, er darf Fragen stellen, und ja auch wenn es ein bisschen belehrend rüberkommt, er darf fragen: Begreift ihr denn nicht… Und sie lassen es zu, dass er ihnen die Bibel auslegt, dass er ihre Sichtweise verändert, dass in das Dunkel ihrer Trauer doch wieder Licht kommt, etwas Farbe in das Grau ihrer Gedanken, Sinn in ihre zerstörte Hoffnung. Es tut ihnen gut, darum lassen sie den Fremden nicht einfach weiterziehen: Bleib doch bei uns, es ist doch schon Abend. Und dann kehren sie ein, essen miteinander, und es geht ihnen endlich auf, beim Mahl: Das ist er doch, das ist doch Jesus, der mit uns gegangen ist, so war es doch immer, genau so! Und sie können ihr Gefühl nicht anders beschreiben als mit den Worten: Brannte uns nicht das Herz, haben wir nicht gemerkt, wie da dieses Licht wieder da war, diese Farbe, wie wir plötzlich Sinn entdeckt haben und glauben konnten. Und sie brechen auf, es ist neue Kraft in ihnen, nicht mehr der schleppende traurige Gang, sondern mit einer großen Gewissheit kehren sie nach Jerusalem zurück. Das ist die Erfahrung von Ostern! Wo alles aussichtslos erscheint, da lässt Gott uns nicht allein, da geht er mit, tröstend und heilend und verwandelnd. Die Emmaus Geschichte ist der Weg, den wir als Glaubende gehen und immer wieder gehen müssen.

 

Liebe Schwestern und Brüder, die Trauer aushalten, das ist das eine, etwas sehr Wichtiges, aber sich nicht verkriechen dabei, offen bleiben, für den, der mir begegnen will. Und wenn ich vorhin gesagt habe, dass viele Menschen das Evangelium nicht mehr wirklich erreicht, dass bei ihnen ein verzerrtes Bild von Kirche und Glaube ankommt, dann können wir ihnen und letztlich uns selbst eine Kurzformel des Glaubens anbieten. Glaube ist, mit der Möglichkeit der Emmaus Geschichte zu rechnen, in den großen Zusammenhängen der Welt und in meinem persönlichen Leben. Und Kirche ist wichtig, weil diese Geschichte immer wieder erzählt werden muss, weil die Hoffnung, die darin enthalten ist, immer wieder erinnert werden muss. Weil sonst der Mensch zu kurz kommt. In diesem Sinn freue ich mich natürlich auch sehr über den Wiederaufbau von Notre Dame. Und ich bin überzeugt, dass es dabei nicht nur um Geld, Handwerk und Kunst und viele Sachverständige gehen wird, sondern dass auch viele Emmaus Geschichten mit diesem Wiederaufbau verbunden sein werden, dass es um den Menschen geht.

 

Amen.

 

Bibelstellen: Lk, 24, 13-35
21. April 2019, Kloster Scheyern

 

Steine, die den Menschen vom Herzen fallen

 

Liebe Schwestern und Brüder!

 

In den letzten Tagen und Wochen habe ich seltsame Geräusche gehört und wahrgenommen. Geräusche, die tief und dumpf
klangen und die fast an so etwas wie Einschläge erinnerten. Das eigenartige daran aber war, dass diese Geräusche nicht bedrohlich wirkten, sondern eher ein Gefühl der Erleichterung auslösten bzw. hinterließen. Bevor Sie sich aber jetzt Gedanken über meinen Gesundheitszustand machen oder gar an meiner Zurechnungsfähigkeit zweifeln, möchte ich Ihnen sagen, was ich damit meine oder was der Grund und der Auslöser für diese Wahrnehmungen waren.

 

Die Geräusche stammten von Steinen und zwar von ganz bestimmten Steinen. Es waren Steine, die Menschen vom Herzen
gefallen waren. In der letzten Zeit tauchten bei Menschen, die ich kenne und bei Menschen aus meinem persönlichen Umfeld und Bekanntenkreis große gesundheitliche Probleme auf, so dass sich Gedanken und Ängste wie Steine auf die Herzen von Menschen legten. So nach und nach sind diese Steine zum Glück wieder abgefallen, entweder weil sich ein Verdacht nicht bestätigte oder weil es gerade noch einmal gut gegangen war. Das habe ich gehört und wahrgenommen, am Telefon oder in der persönlichen Begegnung.

 

Und Sie alle haben in der letzten Woche über die Medien solche Steine fallen hören, die von Herzen der Menschen
stammten. Die Kathedrale Notre Dame in Paris wurde durch den Brand zwar schwer beschädigt, aber sie wurde nicht
zerstört. Die Türme blieben verschont! Welch eine Erleichterung! In Paris und rund um die Welt war ein Plumpsen von
vielen Steinen zu hören und es machte sich ein Gefühl der Erleichterung breit.

 

Liebe Schwestern und Brüder, heute feiern wir Ostern. Das ist ein Fest, wo am Anfang einer einen Stein ins Rollen
gebracht hat, so dass er auch den Menschen vom Herzen fallen konnte. Jesus Christus ist auferstanden und hat den Stein des Grabes „weggesprengt“, wie es in manchen österlichen Liedern heißt.

 

Maria Magdalena, von der wir heute im Evangelium gehört haben, die zum Friedhof unterwegs war, machte sich nicht nur Gedanken über den Stein, mit dem das Grab Jesu verschlossen war und wer ihn wohl wegschieben konnte, sondern sie war durch das Leiden und Sterben Jesu mit all seinen Umständen immer noch geschockt und sehr bedrückt: Das hätte doch eigentlich gar nicht geschehen dürfen! Das hätte es wirklich nicht gebraucht! Weil der Weg von Menschen sehr steinig sein und ein Problem sehr schnell auf das andere folgen kann, sieht sie zwar, dass der Stein des Grabes weggerollt war, aber sie muss auch realisieren, dass das Grab leer war, was ihr Herz noch einmal schwer und schwerer machte. Jetzt hatte sie nicht einmal mehr einen Ort der Trauer. Der Leichnam Jesu war nicht mehr da. Ein neuer Stein lastete auf ihrem Herzen. Auch die beiden Jünger, Petrus und Johannes, die sie in ihrer Not zu Hilfe geholt hatte, waren ratlos, ja panisch über die neue Situation, die nicht minder schrecklich war, als die des Karfreitag.

 

Ganz langsam aber begann sich der Stein zu bewegen und von ihrem Herzen zu fallen, denn es fiel ihnen ein, dass Jesus immer wieder von der Auferstehung nach dem Tod gesprochen hat, nur konnten sie damit zuerst nichts anfangen. „Sie fragten einander, was das sei, von den Toten auferstehen.“ So tauschten sie sich nach der Verklärung auf Tabor aus.

 

Da ging auch der andere Jünger, der zuerst an das Grab gekommen war hinein, er sah und glaubte. Liebe Schwestern und Brüder, das hört sich so einfach an, „er sah und glaubte“. Aus meinem eigenen Leben und in der Begegnung mit Menschen auf ihren Lebens- und Glaubenswegen weiß ich, dass das eine große Herausforderung ist, dass es viel Anstrengung und auch eine Menge Arbeit bedeuten kann, bis Menschen so weit sind.

 

Viele Steine, große und kleine Steine, die viele und ganz verschiedene Namen tragen, liegen den Menschen im Weg und auf dem Herzen. Ich glaube, immer wieder und auch heute haben wir in unserer Basilika eine ganze Steinsammlung, was Sie bedrückt und was Ihnen auf dem Herzen liegt.

 

Viele Steine müssen zuerst oft aus dem Weg geräumt werden, damit Menschen glauben können, damit Menschen wieder einen Fuß auf die Erde bringen, damit Menschen mit einer veränderten Situation weiterleben können. Wir dürfen uns nichts vormachen. Ostern stellt nicht einfach einen Zustand wieder her, wie er vorher war, sondern Ostern fordert uns auf und fordert uns heraus mit der neuen Situation umgehen zu können. Leben nach dem Tod. Leben durch den Tod. Leben neu zu lernen. Leben neu zu denken. Jede Osterkerze stellt uns das vor Augen: Der Auferstandene ist ein verwundeter, ein verletzter, aber gerade daran wird er erkannt.

 

Leben neu lernen und Leben neu denken. Eine große Herausforderung! Wenn ich das so sage, dann muss ich an die Exerzitien denken, die wir als Klostergemeinschaft in den letzten Tagen mit Pfarrer Josef Mayer vom Petersberg gemacht haben. Als Anhaltspunkte zeigte er uns einige Stationen aus dem Skulpturenweg am Petersberg. Eine Station hat mich besonders berührt und sich tief eingeprägt. Sie heißt „Das Licht in meinem Kopf“. Ganz schemenhaft ist ein Gesicht zu sehen und im Hinterkopf ist eine Nische für ein Licht. Immer wieder stellen dort Menschen Lichter hinein.

 

Gibt es ein solches Licht auch in meinem Hinterkopf? Gibt es ein solches Licht in ihrem Hinterkopf? Ein kleiner Funke, eine kleine Flamme die sich Hoffnung nennt? An Ostern wird nicht nur ein Stein vom Grab gewälzt.
An Ostern fallen nicht nur Steine von den Herzen der Menschen. Ostern ist ein Eckstein für eine neue Zeit.
Ostern ist ein Meilenstein für ein neues ewiges Leben. Und an Ostern wird das Licht in meinem Kopf neu entzündet, dass es leuchte in dunklen Stunden des Lebens.

 

Liebe Schwestern und Brüder, in der Osternacht wird vor dem Einzug mit der Osterkerze in die Kirche gesagt: Christus ist glorreich erstanden vom Tod. Sein Licht vertreibe das Dunkel der Herzen. Ja, sein Licht vertreibe das Dunkel der Herzen. Das soll sich tief in unsere Köpfe einprägen. Das sollen wir stets im Hinterkopf haben nicht nur an Ostern, sondern an allen Tagen unseres Lebens. Denn:

 

Manchmal feiern wir mitten am Tag ein Fest der Auferstehung. Stunden werden eingeschmolzen und ein Glück ist da.
Manchmal feiern wir mitten im Wort ein Fest der Auferstehung, Sätze werden aufgehoben und ein Lied ist da.
Manchmal feiern wir mitten im Streit ein Fest der Auferstehung. Waffen werden umgeschmiedet und ein Friede ist da.
Manchmal feiern wir mitten im Tun ein Fest der Auferstehung. Sperren werden überwunden und ein Geist ist da.

 

Ein Licht in meinem Kopf, das die Steine von den Herzen der Menschen fallen lässt! Ein frohes und ermutigendes
Osterfest, Halleluja!
Karfreitag 19. April 2019, Kloster Scheyern

Mitten unter den Menschen

Als am vergangenen Montagabend die Bilder der brennenden Kathedrale Notre Dame in Paris um die Welt gingen, da tauchte in der Berichterstattung plötzlich ein Begriff auf, der uns mitten in das Geschehen des Karfreitags führt. Die Dornenkrone! Die Dornenkrone wurde gerettet, sie wurde kein Raub der Flammen. Jetzt wusste die ganze Welt plötzlich, wo die Dornenkrone Jesu war: In Paris. Sie war mitten in Paris!

Wie das mit Reliquien halt so ist, niemand kann mit Sicherheit sagen, ob sie echt sind oder nicht, aber das interessierte in diesem Moment der Rettung niemand. Erst einige Tage später tauchten diese Fragen auf: Ist die Dornenkrone echt? Wie die Dornenkrone nach Paris kam, das ist eine eigene Geschichte.
Aber die Dornenkrone hat nicht nur eine Geschichte, sondern sie erzählt den Menschen eine Geschichte, sie erzählt uns Menschen immer wieder eine Geschichte. Sie erzählt die Geschichte der Passion, sie erzählt die Geschichte, was Menschen im Leben und am Ende ihres Lebens oft erleiden und erdulden müssen.

O Haupt, zum Spott gebunden mit einer Dornenkron, o Haupt, sonst schön gekrönet mit höchster Ehr und Zier, jetzt aber frech verhöhnet: Gegrüßet seist du mir. So heißt es in einem Passionslied. Die Spitzen der Dornen sind Ausdruck und Sinnbild von verletzendem Spott, der Menschen trifft und der Menschen entstellt. Dieses Schicksal hat Jesus getroffen in einer Situation, die schwer genug war und dieses Schicksal erleiden Menschen bis heute, verletzenden, zu tiefst verletzenden Spott und Hohn. Das, was in einem Leben schön, wertvoll und
vielleicht auch glänzend war, wird umgedreht und pervertiert, um Menschen wie mit vielen Stichen zu treffen und sie zu verwunden.

Die Dornenkrone in Paris wurde den Menschen immer wieder gezeigt und sie wurden mit dieser Reliquie berührt. Genauso geschieht das mit unserer Kreuzreliquie, dem Scheyrer Kreuz. Menschen kommen dabei aber nicht nur mit einem Gegenstand in Berührung, sondern sie kommen mit einer Geschichte in Berührung. Sie kommen mit der Geschichte Jesu in Berührung, der für uns mit Dornen gekrönt worden ist, der für uns das schwere Kreuz getragen hat, wie wir es im schmerzhaften Rosenkranz beten.

Die Geschichte Jesu ist eine Geschichte mit den Menschen und eine Geschichte für die Menschen. Diese Gegenstände unseres Glaubens, die Reliquien, wollen uns zeigen, dass Jesus mitten unter den Menschen ist. Mitten in Paris! Mitten in Scheyern und überall, wo Menschen sein Schicksal teilen.
4. Fastensonntag, 31. März 2019, Kloster Scheyern

Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

Lesung aus dem Buch Exodus (in Auszügen):
Die ganze Gemeinde der Israeliten murrte in der Wüste gegen Mose und Aaron. Sie sagten zu ihnen: Wären wir doch im Land Ägypten durch die Hand des HERRN gestorben, als wir an den Fleischtöpfen saßen und Brot genug zu essen hatten. Ihr habt uns nur deshalb in diese Wüste geführt, um alle, die hier versammelt sind, an Hunger sterben zu lassen.

Da sprach der HERR zu Mose: Ich will euch Brot vom Himmel regnen lassen. Das Volk soll hinausgehen, um seinen täglichen Bedarf zu sammeln. Ich will es prüfen, ob es nach meiner Weisung lebt oder nicht. Wenn sie am sechsten Tag feststellen, was sie zusammengebracht haben, wird es doppelt so viel sein, wie sie sonst täglich gesammelt haben.

Da sagten Mose und Aaron zu allen Israeliten: Heute Abend sollt ihr erfahren, dass der HERR euch aus dem Land Ägypten geführt hat, und morgen werdet ihr die Herrlichkeit des HERRN schauen; denn er hat euer Murren gehört.

Am kommenden Morgen lag eine Schicht von Tau rings um das Lager. Als sich die Tauschicht gehoben hatte, lag auf dem
Wüstenboden etwas Feines, Knuspriges, fein wie Reif, auf der Erde. Als das die Israeliten sahen, sagten sie zueinander: Was ist das? Denn sie wussten nicht, was es war. Da sagte Mose zu ihnen: Das ist das Brot, das der HERR euch zu essen gibt. Das ordnet der HERR an: Sammelt davon so viel, wie jeder zum Essen braucht, ein Gomer für jeden, entsprechend der Zahl der Personen in seinem Zelt!

Die Israeliten taten es und sammelten ein, der eine viel, der andere wenig. Als sie die Gomer zählten, hatte keiner, der viel gesammelt hatte, zu viel, und keiner, der wenig gesammelt hatte, zu wenig. Jeder hatte so viel gesammelt, wie er zum Essen brauchte. Das Haus Israel nannte das Brot Manna. Es war weiß wie Koriandersamen und schmeckte wie Honigkuchen.

Predigt:

Liebe Schwestern und Brüder!

In dieser Predigtreihe versuchen wir, die verschiedenen Bitten des Gebetes Jesu zu betrachten, diesem Gebet, das ja auch so etwas ist, wie unser tägliches Brot, sozusagen neu auf den Geschmack zu kommen. Und wenn ich mich für eben die Bitte um das tägliche Brot beworben habe, dann zuerst deshalb, weil ich selbst Brot sehr gern esse. Ich gehe gern in einen Bäckerladen, besonders wenn es ein kleinerer oder älterer Laden ist, wo man noch sieht, dass hinten gebacken wird, wo man etwas spürt und riecht vom Handwerk hinter dem Laden. Da brauchen vorn gar nicht 1000 Brotsorten zu liegen; das schönste Erlebnis ist, wenn die Verkäuferin sagt: Moment, hier vorne ist keines mehr, ich frag mal eben in der Backstube nach. So etwas kommt leider nur noch sehr selten vor. Vielleicht kennen Sie diese Situation auch gar nicht, aber Sie merken daran, wo ich herkomme.

Ich kaufe gerne Brot, ich schneide gerne Brot, nicht mit der Maschine, sondern mit dem Messer. Dann werden die Scheiben nicht alle gleichmäßig, aber es hat doch etwas sehr Ursprüngliches. Ich sehe in Gedanken dabei meine Mutter, die vor dem Anschneiden mit dem Messer noch ein kleines Kreuz auf das Brot zeichnete, ganz unauffällig, aber es gehörte dazu. Und man kann sich so beim etwas mühseligen Schneiden viel leichter vorstellen, welchen Stellenwert das Brot in der Zeit hatte, in der Jesus lebte. Damals war es die Aufgabe der Hausfrau, das tägliche Mahl zu bereiten, und der wesentliche Bestandteil dabei war das Brot, das jeden Tag frisch gebacken wurde. In der Regel war das tägliche Brot ungesäuert. Auch wer einen Gast besonders ehren wollte, setzte ihm frisches (ungesäuertes) Brot vor.

Auch wenn wir heute aus einer Fülle von Brotsorten auswählen können, und auch, wenn wir manchmal mit Stolz feststellen, dass es kaum ein Land gibt, in der Brot so gut und vielfältig ist, wie bei uns; die Bedeutung als Grundnahrungsmittel war zurzeit Jesu wesentlich stärker als in unserer Zeit, wo wir sehr viel abwechslungsreicheres Essen haben und das Brot doch eher die praktische Grundlage für irgendeinen schmackhaften Belag bildet.

„Unser tägliches Brot gib uns heute“, betet Jesus, und wir dürfen hier die zweite Bitte gleich hinzufügen, weil beide eng miteinander zu tun haben: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.“ Jesus bittet um das tägliche Brot. Wir brauchen nicht eigens zu betonen, dass, eben weil Brot so ein Grundnahrungsmittel
war, dieses Wort hier ein Begriff ist, der alles meinte, was zum täglichen Überleben nötig ist. Es geht nicht um Vorrat, nicht um Luxus, sondern um das Überleben. Aber wer das hat, – zu essen und zu trinken, Kleidung, ein Obdach, ein Stück Freiheit, und die Nähe von guten Menschen, – wer das hat, der hat keine Not, der wird diesen Tag überleben. Der hat auch heute keinen Grund zur Klage. Und morgen ist ein neuer Tag, da wird diese Bitte von neuem ausgesprochen. Die Vaterunser-Bitte um das tägliche Brot ist nicht die Bitte um ein sorgloses Leben, ist nicht die Bitte, ausgesorgt zu haben, sie ist nicht die Bitte um Überfluss, sondern sie ist die Bitte um das Tägliche, um das Notwendige, um das, was ich jetzt nötig habe. Diese Bitte um das tägliche Brot steht in tiefem Zusammenhang zur Lesung aus dem Buch Exodus, die wir gerade gehört haben. Das Volk hungert in der Wüste, und es murrt, es schimpft gegen Mose und Aaron, schlimme Ahnungen und Verschwörungstheorien greifen um sich, und die Phantasie lässt Ägypten, das Land aus dem man nur allzu gern geflohen ist, zum Paradies werden. Wie gut ging es uns, als wir an den Fleischtöpfen Ägyptens saßen, die es in Wirklichkeit nie gegeben hat. Vielleicht kennen Sie solche Situationen, in denen die Erinnerung sich so verklärt: damals, die gute alte Zeit, als noch alles in Ordnung war, als man noch wusste, wem man glauben konnte, und wen man wählen sollte. Das Volk in der Wüste murrt, und Gott reagiert darauf: Er lässt Brot vom Himmel regnen, er sättigt sein Volk, morgens findet sich dieses komische Zeug, von dem man nicht weiß was es ist, auf dem Boden, und man nennt es Manna: „Was ist das?“ Es schmeckt und macht satt – Brot eben. Und dann gibt es eine klare Anweisung, ein Maß, ein Gomer, soll jeder täglich sammeln, nicht mehr. Was darüber hinausgeht, das ist Überfluss und verdirbt, ein Gomer am Tag, am nächsten Tag gibt es wieder Neues. Das Volk lernt, sich immer wieder neu auf diesen Gott zu besinnen, immer wieder neu zu bitten, immer wieder ins Vertrauen zu finden: Was du heute brauchst, wirst du bekommen, verlass dich drauf.

Was du heute brauchst, wirst du bekommen, verlass dich darauf. Ich glaube, um dieses Vertrauen ging es Jesus. Die
Einübung in dieses Vertrauen ist auch das Thema des heutigen Evangeliums. Der jüngere Sohn, als er alles durchgebracht hatte und buchstäblich bei den Schweinen gelandet war, er erinnert sich an seinen Vater. Und obwohl er ihn für tot erklärt hatte, obwohl er nicht im Entferntesten damit rechnen kann, wieder als Sohn angenommen zu werden, weiß er doch:

Selbst den Tagelöhnern meines Vaters geht es besser als mir. Diese Erinnerung hilft ihm zur Umkehr, verändert sein
Leben, lässt ihn heil werden. Die Einübung in dieses Vertrauen müsste unser christliches Leben und Glauben ausmachen. In einem Tagesgebet der Fastenzeit heißt es: „Herr, sieh gnädig auf deine Gemeinde. Da wir durch Mäßigung den Leib in Zucht halten und Buße tun, schenke uns die wahre Sehnsucht nach dir.“ Dass ich meine Orientierung finde als Mensch, dass ich ausgerichtet bin auf Gott, dass ich von ihm erwarte, das ist Sinn aller Spiritualität und Frömmigkeit. Karl Rahner hat in einer Betrachtung zum Vaterunser ausgesprochen: „Gib uns heute unser tägliches Brot, lass uns auch darum bitten, damit wir uns nie mit Dir verwechseln, selbst nicht in der Stunde, da Du uns nahe bist, sondern wenigstens an unserem Hunger merken, dass wir arme und unwichtige Geschöpfe sind.“

Dass wir uns nicht mit Dir verwechseln, sondern wenigstens an unserem Hunger merken, dass wir arme und unwichtige
Geschöpfe sind. Aus diesen Sätzen spricht eine Haltung, die nicht ein künstliches Kleinmachen und Schlechtreden von
Menschen meint. Nein, ich muss mir nicht ständig an die Brust schlagen, weil ich unvollkommen bin, weil ich Mensch bin, weil ich Schwächen habe, weil ich Dinge tue, die nicht heldenhaft sind, sondern fehlerhaft oder einfach nur menschlich. Solch eine verdrehte Frömmigkeit braucht kein Mensch, und sie hilft niemandem.
Aber wer heute über den Menschen nachdenkt und über seinen Platz in der Welt, der wird nicht an der Erkenntnis vorbei kommen, dass der Mensch, jedenfalls als Einzelner, ein armseliges Geschöpf ist, unwichtig und überflüssig, austauschbar, eine Belastung für die Umwelt, eine finanzielle Belastung für die Gesellschaft ebenso. Und es ist erschreckend, in welcher Weise kluge Leute heute über alles Religiöse urteilen in einer erhaben distanzierten Weise, die keinen Gott zu brauchen meint, eine erhaben distanzierte Weise, die völlig außer Acht lässt, dass ich das Allermeiste in meinem Leben verdanke, und dass ich bedürftig bin, hilflos. Wie aufgeblasen kommt manch einer heute daher, obwohl er wissen müsste, wie zufällig sein Leben ist, wie schnell es zuende sein kann, und wie wenig irgendwer noch nach ihm fragen wird, wenn er einmal von der Bildfläche verschwunden ist. „Dass wir uns nicht mit Gott verwechseln, sondern wenigstens an unserem Hunger merken, dass wir arme und unwichtige Geschöpfe sind.“ Und hier wird auch der Zusammenhang zur zweiten Bitte deutlich: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.“

Noch einmal die Betrachtung von Karl Rahner: „Befreie uns von unserer Schuld und behüte uns in der Versuchung von der Schuld und Anfechtung, die eigentlich nur eine ist: nicht zu glauben an Dich und an die Unbegreiflichkeit Deiner Liebe.“ Die Aufgeblasenheit, die sich niemandem verdankt als sich selbst, die keinen Gott braucht; sie führt am Ende dazu, dass nur noch ich selber gelte, dass ich der Maßstab für alles bin, dass es kein Korrektiv mehr gibt. Diese Gottlosigkeit befördert am Ende keine Menschlichkeit, wie manche glauben, sondern sie überfordert ihn. Wenn man genau schaut, warum heute viele Beziehungen scheitern, dann geht es bei vielen anderen Ursachen doch oft auch um die Tatsache, dass ich nicht mehr akzeptiere, dass der andere, der Partner, eben nicht der Gott ist, für den ich ihn gehalten bzw. zu dem ich ihn gemacht habe. „Dass ich dem andern vergebe, dass er mein Gott nicht sein kann“, so etwas hab ich es einmal bei Paul Zulehner gelesen.

Liebe Schwestern und Brüder, Sie spüren wahrscheinlich, mit diesen beiden Bitten, der um das tägliche Brot und der um die Vergebung der Schuld, stehen wir ziemlich im Gegensatz zum heutigen Denken, zu heutigen Maßstäben. Man betet heute im allgemeinen nicht um das tägliche Brot, sondern man denkt weiter, an Absicherungen und Versicherungen, an morgen und übermorgen, man tut immer noch so, als gäbe es ewiges Wachstum, und als könnte man Sicherheiten schaffen und konservieren. Dabei wissen wir längst: Nichts ist sicher, und alles ist immer in Bewegung und Entwicklung. Ständig ändert sich etwas und damit alles. Man wird manche Dinge dennoch sinnvoll planen müssen, man wird auch an die Zukunft denken müssen, ja man muss es sogar, sonst hätte auch das Wort Nachhaltigkeit keinen Sinn. Aber wenn ich aus dem Blick verliere, dass alles, jeder Augenblick Geschenk ist, das mir alles genommen werden kann, ganz schnell und unvorbereitet, wenn ich das aus dem Blick verliere, dann habe ich das Eigentliche verpasst. Und jeder einigermaßen lebendige Mensch weiß heute, wenn es eine Zukunft der Menschen geben kann, dann nur, wenn wir anders denken, wenn wir um das tägliche Brot bitten und darauf zu vertrauen lernen. Wir merken, wie aktuell und wie heilsam unsere christliche Botschaft ist, die sich in dieser Bitte verdichtet. Und wahrscheinlich müssen wir als einzelne Christen aber auch als Kirche insgesamt genau das neu erlernen, um das tägliche Brot zu bitten, den Tag zu bestehen, die Zeit zu bestehen, in allem Wechsel. Es ist nur Gott, von dem wir sagen können: „So bleibst du in Ewigkeit.“

Die Bitte um das tägliche Brot kann sehr verschieden aussehen und gelebt werden. Immer wieder komme ich mit Menschen zusammen, die nach einer überstandenen schweren Erkrankung eine ganz andere Freude am Leben entwickeln, die plötzlich einen neuen Lebensinhalt finden, die sich freuen können über das Schöne in der Natur, über das Spiel der Kinder, über ein gutes Buch, einfach über jeden neuen Tag. Oder, Menschen, die mit Behinderten zu tun haben, erfahren oftmals, dass Entwicklungen anders gehen, langsamer, dass es eine unendliche Geduld braucht. Sie spüren aber auch, welche Freude es ist, wenn es einen Schritt vorwärts geht, sie spüren oftmals die Freude und Unverkrampftheit dieser Menschen, die immer im Augenblick sind und nicht schon beim morgen und übermorgen. Hier können wir viel lernen. Die Bitte um das tägliche Brot kann sehr verschieden aussehen, sie wird immer dort gelebt, wo Menschen ein Stück auf etwas verzichten, auf finanzielle Vorteile und Absicherungen, auf eine Karriere, auf einen Titel, weil sie spüren, da bin ich ehrlicher, da behalte ich ein reines Gewissen, da bin ich lebendiger, da bin ich näher am Menschen und näher bei Gott.

Liebe Schwestern und Brüder! Ob Jesus, als er seinen Schülern diese ganz einfachen Sätze gesagt hat, daran gedacht hat, dass man sich in 2000 Jahren darüber Gedanken machen wird. Vielleicht nicht, weil er genau so weit gar nicht denken wollte, sondern den Menschen konkret etwas geben wollte, was ihnen hilft. Aber wir können feststellen, dass es diese einfachen Sätze sind, die darüber entscheiden, ob unser Leben sich in einem kindlichen Vertrauen vollzieht, ob wir gut mit uns und unseren Mitmenschen umgehen und darüber, ob wir Gott Gott sein lassen, damit wir wirklich menschlich werden.

Amen

Bibelstellen: Ex 16,1-31 und Lk. 15,1-3;11-32
5. Fastensonntag, 5. April 2019, Kloster Scheyern

„Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.“

Liebe Schwestern und Brüder!

Sie haben für Ihr Kind die Taufe erbeten. Damit erklären Sie sich bereit, es im Glauben zu erziehen. Es soll Gott und den Nächsten lieben lernen, wie Christus es uns vorgelebt hat. Sind Sie sich dieser Aufgabe bewusst? So wird am Anfang einer Tauffeier gefragt und die Antwort, die auf diese Frage erwartet und dann auch immer gegeben wird, lautet: JA

Zu dieser Aufgabe, die die Eltern übernehmen, gehört es, die Kinder auch das Beten zu lehren. Deshalb wird am Ende der Taufe das „Vater unser“ nicht einfach nur gebetet, sondern es wird den Eltern sozusagen übergeben, damit sie es an die Kinder weitergeben, es ihnen beibringen. Ich versuche diese Aufgabe und diese Verantwortung im Taufgespräch immer so zu erklären: „Wenn Sie mit Ihrem Kind nicht sprechen, wird es nicht sprechen. Wenn Sie mit Ihrem Kind nicht beten, wird es auch nicht beten“.

Können Sie sich noch daran erinnern, wer Ihnen das Beten beigebracht, wer Sie das „Vater unser“ gelehrt hat? Vielleicht erinnern Sie sich auch noch daran, welche Gedanken Sie bei diesem oder bei anderen Gebeten hatten, welche Bezüge Sie hergestellt haben, denn die Texte und Gebete unseres Glaubens sind ja nicht immer kindgerecht und für Kinder oft sehr schwer verständlich oder gar nicht zu verstehen.

Von einem Gebet kann ich das persönlich nicht sagen, sehr wohl aber von dem Begriff, der in unserem Glauben durchaus eine Rolle spielt, nämlich die „Seele“. Da dachte ich immer an ganz etwas anderes, an etwas praktisches. Viele von Ihnen wissen, dass ich nicht in Oberbayern, sondern in Wangen im Allgäu geboren wurde und dort auch ein paar Jahre gelebt habe. Im Allgäu gibt es in der Bäckerei „Seelen“ zu kaufen. Seelen, das sind langgezogene Teigstriezel mit Salz und Kümmel, die manchmal am Rand schon etwas angebrannt waren. Und die Verkäuferin fragte dann immer „resch oder lahm“, also eher knusprig oder eher teigig. Das waren meine ersten „Seelen-Erfahrungen“, wozu auch das Lied „Oh wunderbare Seelenspeise“ gut passte, denn die Seelen sind richtig gut, sie schmecken ausgezeichnet.

Von unserem P. Leopold Beslmüller (+ 11.4.1998) wird erzählt, dass er in der Schule unter die Tafelanschriften immer seinen Namen gesetzt hat. So auch einmal beim Text des „Vater unser“. Als er dann beim nächsten Mal die Kinder das Gebet aufsagen ließ, bekam er folgendes zu hören: „… und erlöse und von dem Bösen. P. Leopold.“

P. Leopold soll es mit Humor genommen haben, aber dieses Beispiel zeigt auf ganz eigene Weise, wie schnell ganz andere Bezüge von Menschen hergestellt werden können, ungewollt, aber auch durchaus gewollt.

Erlöse uns von dem Bösen. So lautet die letzte Bitte des „Vater unser“, bei der wir nun in der Reihe der Fastenpredigten über dieses Gebet angekommen sind. Das „Vater unser“ zählt zu den Grundgebeten unseres Glaubens. Wir werden dieses Gebet und diese Bitte wahrscheinlich deshalb schon oft gebetet haben, ohne uns dabei viele Gedanken gemacht zu haben, was wir da beten und worum wir da eigentlich genau bitten. Dann und wann werden sich aber auch Gedanken oder Fragen daruntermischen, die um dieses „Böse“ kreisen, vom dem wir erlöst werden wollen und erlöst werden sollen. Sie werden vermutlich immer dann auftauchen, wenn uns etwas sehr beschäftigt oder wenn wir mit einem ganz konkreten Erlebnis konfrontiert werden, wo Leben beeinträchtigt, gefährdet, geschädigt oder gar zerstört wird, vielleicht sogar unser eigenes Leben.

Erlöse uns von dem Bösen. Jeder von uns wird Beispiele im Kopf haben, wo wir sagen können: Das war böse oder das ist böse. Manchmal beziehen wir es auf ganz konkrete Menschen, weil wir ein Verhalten feststellen und wahrnehmen oder auch erleben, das wir für böse halten. In Vielem werden Menschen darin übereinstimmen, in Manchem sich aber unterscheiden. Im Blick auf das Leben und unser Erleben werden wir aber auch viele Grauzonen und Randbereiche kennen, wo wir nicht so einfach zwischen Gut und Böse unterscheiden können, weil noch andere Dinge mitschwingen oder im Raum stehen, die man nicht so einfach unbeachtet lassen kann.

Und führe uns nicht in Versuchung. So steht und heißt es unmittelbar vor der letzten Bitte um die Erlösung von dem
Bösen. Und führe uns nicht in Versuchung. Diese Bitte wirft vielleicht noch mehr Fragen auf und ist noch schwieriger zu verstehen, als die genannte letzte Bitte. Und führe uns nicht in Versuchung. Diese Bitte hat das „Vater unser“ ins Gerede gebracht, aber dadurch ist das Gebet auch in die Medien gekommen, weil Papst Franziskus, dieses „und führe uns nicht in Versuchung“ als nicht gute Übersetzung bezeichnet hat. Um Übersetzungen lässt sich immer streiten, weil Übersetzungen immer mit Kompromissen verbunden sind. Das eigentliche Problem besteht wohl darin, woran Menschen dabei denken oder welche Bilder solche Texte in ihnen wachrufen. Führt Gott uns in Versuchung, weil er uns testen will oder weil er uns gar eine Falle stellen will? In der Lesung aus dem Buch Deuteronomium haben wir einen Abschnitt gehört, den man so lesen und verstehen kann, auch wenn Mose das sagt: „Hiermit lege ich dir heute das Leben und das Glück, den Tod und das Unglück vor. Wenn du auf die Gebote des
Herrn, deines Gottes, auf die ich dich heute verpflichte, hörst, indem du den Herrn deinen Gott liebst, auf seinen Wegen gehst und seine Gebote und Rechtsvorschriften achtest, dann wirst du lange leben und zahlreich werden…“ …und anders eben nicht.

Unsere Lebenserfahrung zeigt und lehrt uns, dass es so einfach eben nicht ist, und dass es schon gar keinen Automatismus in dieser Frage gibt. Unsere Lebenserfahrung zeigt uns viel mehr, dass unser Leben ein ständiger Prozess von Entscheidungen ist, auch wenn uns das in jedem Einzelfall gar nicht bewusst wird. Entscheidungen, die immer eine Wirkung, eine Auswirkung haben und manchmal nicht „ungestraft bleiben“. Als freie Menschen haben wir ständig die Wahl und wir wollen das ja auch so. Sind Sie gleich mit dem Erstbesten zufrieden, das Ihnen in einem Geschäft angeboten wird?

Auch die Verkäuferinnen in der Bäckerei hatten eine Auswahl und fragten „resch oder lahm?“ Das Treffen von Entscheidungen ist ja auch Teil unserer Würde, ja es ist sogar ihre Grundlage. Das Fällen von Entscheidungen beinhaltet aber immer auch die Gefahr, eine Entscheidung zu treffen, die nicht weiterhilft, die nicht zielführend ist oder auch schlichtweg falsch ist. Manchmal haben wir Menschen auch gar keine Wahl zwischen Gut und Böse,
sondern wir müssen vielleicht zwischen dem kleineren und dem größeren Übel wählen.

Der Abschnitt aus dem Johannesevangelium von Jesus und der Ehebrecherin, den wir heute gehört haben, zeigt die ganze Spannbreite, aber auch die Tragik, die darin stecken kann. Es nennt die Dinge beim Namen, die auch im Raum stehen und nicht unbeachtet sein dürfen. Die Rechtslage im Evangelium ist klar, Gut und Böse sind leicht zu unterscheiden: Beim Ehebruch auf frischer Tat ertappt.

Den Fragestellern geht es aber nicht um die Heiligkeit der Ehe oder die Einhaltung von Geboten, die dazu da sind, Leben zu schützen, sondern sie wollen Jesus eine Falle stellen, um einen Grund zu haben, ihn anklagen zu können.
Jesus spielt dieses Spiel nicht mit, sondern er schreibt irgendetwas mit dem Finger auf die Erde. Als die Fragesteller von ihm nicht nur eine Antwort, sondern auch eine Entscheidung möchten, dreht er den Spieß um. „Wer von Euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein“. Das hat gesessen! Man kann Böses nicht nur mit Bösem vergelten, sondern man kann mit dem Verweis auf Böses ganz leicht auch vom Bösen ablenken. Es gibt ja immer noch Schlimmeres und Schlimmere.

Bemerkenswert finde ich, dass die Älteren zuerst gehen, also die, von denen man annehmen kann, dass sie die meiste
Lebenserfahrung haben könnten und haben sollten. Der römische Redner und Staatsmann Cicero schreibt in seinem Traktat „De officiis“ -Über die Pflichten- „summum ius, summa iniuria“, Höchstes Recht ist immer höchstes Unrecht. Nichts anderes sagt die Szene im Evangelium zwischen Jesus und der Ehebrecherin. Jesus selbst ist Beispiel, dass Menschen diesem Grundsatz auch zum Opfer fallen können: „Wir haben ein Gesetz, und nach diesem Gesetz muss er sterben“.

Und führe uns nicht in Versuchung. Eine schwierige Übersetzung, eine falsche Übersetzung? Man mag über die Überlegungen des Papstes denken wie mal will, immerhin hat er es geschafft, das Gebet in die Schlagzeilen zu bringen, was ja eigentlich gar nicht so leicht ist. Beten ist doch ein alter Hut, oder? So schrieb im Dezember 2017 die BILD-Zeitung in den für sie typischen großen Buchstaben, doch glatt: „Müssen wir lernen neu zu beten?“

Ja, keine schlechte Idee! Beten muss man lernen, beten muss man immer lernen und man muss immer neu beten lernen, wie so vieles im Leben, denn das Leben ist nicht nur ein Entscheidungsprozess, sondern immer auch ein Lernprozess. Und manchmal brauchen wir dabei auch den berühmten „Schuss vor den Bug“, dass es gerade noch einmal gut gegangen ist, dass wir unverdientes Glück hatten, dass wir dem Tod buchstäblich von der Schaufel gesprungen sind. Und wie diese Sprüche alle heißen mögen.

Jesus sagte es zur Frau recht unspektakulär, nämlich so: Geh und sündige von jetzt an nicht mehr. Man könnte es auch viel freier übersetzen: Du hast die Chance, du hast die Wahl, dein Leben auch zu ändern. Mache was aus deinem Leben, du weißt doch jetzt, was auf dem Spiel steht. Das hast du doch eigentlich gar nicht nötig.

Beten muss man lernen, denn beten bedeutet Leben neu zu sehen und Leben neu zu denken.

Schmunzeln musste ich darüber, was sich in der Zeitung mit den großen Buchstaben noch fand: „Bild macht Vorschläge, wie wir künftig beten können“:

… und führe uns auch in der Versuchung
… und bewahre uns vor der Versuchung
… und lass uns nicht in Versuchung geraten
… und behüte uns vor der Versuchung.

Erfunden haben die das nicht, abgeschrieben haben sie es! Liebe Schwestern und Brüder, wir können es drehen, wie wir wollen. Wir können es sagen, wie wir wollen, wir können es beten, wie wir wollen, es läuft immer auf dasselbe hinaus, nämlich, dass wir eine Verantwortung für unser Leben haben, die uns niemand abnehmen kann. Eine Verantwortung, in die wir in und mit unserem Leben gerufen sind und der wir uns Tag für Tag stellen müssen. Niemand stellt uns auf die Probe, sondern das Leben ist ein Geschenk und eine Herausforderung zugleich. Wir leben nicht zur Probe, sondern das Leben ist eine Probe, das Leben ist Bewährung.

Das „Vater unser“ und eigentlich alle Gebete, die wir kennen und haben, rufen uns das ins Bewusstsein, was im Alltag auch in humorvoller Weise geschehen kann. Als ich kurz nach meiner Priesterweihe im Jahr 2000 im Scheyrer Altenheim, das leider bald Geschichte sein wird, einen Gottesdienst gefeiert und dabei die einleitende Formel „Lasset uns beten“ verwendet habe, sagte eine Frau laut und deutlich: Do host recht!
„Lasset uns beten! – Ja, do host recht!“ Denn sein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Amen

Bibelstellen: Dtn. 30,15-20 und Joh. 8,1-11
4. Fastensonntag, 31. März 2019, Kloster Scheyern

Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

Lesung aus dem Buch Exodus (in Auszügen):
Die ganze Gemeinde der Israeliten murrte in der Wüste gegen Mose und Aaron. Sie sagten zu ihnen: Wären wir doch im Land Ägypten durch die Hand des HERRN gestorben, als wir an den Fleischtöpfen saßen und Brot genug zu essen hatten. Ihr habt uns nur deshalb in diese Wüste geführt, um alle, die hier versammelt sind, an Hunger sterben zu lassen.

Da sprach der HERR zu Mose: Ich will euch Brot vom Himmel regnen lassen. Das Volk soll hinausgehen, um seinen täglichen Bedarf zu sammeln. Ich will es prüfen, ob es nach meiner Weisung lebt oder nicht. Wenn sie am sechsten Tag feststellen, was sie zusammengebracht haben, wird es doppelt so viel sein, wie sie sonst täglich gesammelt haben.

Da sagten Mose und Aaron zu allen Israeliten: Heute Abend sollt ihr erfahren, dass der HERR euch aus dem Land Ägypten geführt hat, und morgen werdet ihr die Herrlichkeit des HERRN schauen; denn er hat euer Murren gehört.

Am kommenden Morgen lag eine Schicht von Tau rings um das Lager. Als sich die Tauschicht gehoben hatte, lag auf dem
Wüstenboden etwas Feines, Knuspriges, fein wie Reif, auf der Erde. Als das die Israeliten sahen, sagten sie zueinander: Was ist das? Denn sie wussten nicht, was es war. Da sagte Mose zu ihnen: Das ist das Brot, das der HERR euch zu essen gibt. Das ordnet der HERR an: Sammelt davon so viel, wie jeder zum Essen braucht, ein Gomer für jeden, entsprechend der Zahl der Personen in seinem Zelt!

Die Israeliten taten es und sammelten ein, der eine viel, der andere wenig. Als sie die Gomer zählten, hatte keiner, der viel gesammelt hatte, zu viel, und keiner, der wenig gesammelt hatte, zu wenig. Jeder hatte so viel gesammelt, wie er zum Essen brauchte. Das Haus Israel nannte das Brot Manna. Es war weiß wie Koriandersamen und schmeckte wie Honigkuchen.

Predigt:

Liebe Schwestern und Brüder!

In dieser Predigtreihe versuchen wir, die verschiedenen Bitten des Gebetes Jesu zu betrachten, diesem Gebet, das ja auch so etwas ist, wie unser tägliches Brot, sozusagen neu auf den Geschmack zu kommen. Und wenn ich mich für eben die Bitte um das tägliche Brot beworben habe, dann zuerst deshalb, weil ich selbst Brot sehr gern esse. Ich gehe gern in einen Bäckerladen, besonders wenn es ein kleinerer oder älterer Laden ist, wo man noch sieht, dass hinten gebacken wird, wo man etwas spürt und riecht vom Handwerk hinter dem Laden. Da brauchen vorn gar nicht 1000 Brotsorten zu liegen; das schönste Erlebnis ist, wenn die Verkäuferin sagt: Moment, hier vorne ist keines mehr, ich frag mal eben in der Backstube nach. So etwas kommt leider nur noch sehr selten vor. Vielleicht kennen Sie diese Situation auch gar nicht, aber Sie merken daran, wo ich herkomme.

Ich kaufe gerne Brot, ich schneide gerne Brot, nicht mit der Maschine, sondern mit dem Messer. Dann werden die Scheiben nicht alle gleichmäßig, aber es hat doch etwas sehr Ursprüngliches. Ich sehe in Gedanken dabei meine Mutter, die vor dem Anschneiden mit dem Messer noch ein kleines Kreuz auf das Brot zeichnete, ganz unauffällig, aber es gehörte dazu. Und man kann sich so beim etwas mühseligen Schneiden viel leichter vorstellen, welchen Stellenwert das Brot in der Zeit hatte, in der Jesus lebte. Damals war es die Aufgabe der Hausfrau, das tägliche Mahl zu bereiten, und der wesentliche Bestandteil dabei war das Brot, das jeden Tag frisch gebacken wurde. In der Regel war das tägliche Brot ungesäuert. Auch wer einen Gast besonders ehren wollte, setzte ihm frisches (ungesäuertes) Brot vor.

Auch wenn wir heute aus einer Fülle von Brotsorten auswählen können, und auch, wenn wir manchmal mit Stolz feststellen, dass es kaum ein Land gibt, in der Brot so gut und vielfältig ist, wie bei uns; die Bedeutung als Grundnahrungsmittel war zurzeit Jesu wesentlich stärker als in unserer Zeit, wo wir sehr viel abwechslungsreicheres Essen haben und das Brot doch eher die praktische Grundlage für irgendeinen schmackhaften Belag bildet.

„Unser tägliches Brot gib uns heute“, betet Jesus, und wir dürfen hier die zweite Bitte gleich hinzufügen, weil beide eng miteinander zu tun haben: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.“ Jesus bittet um das tägliche Brot. Wir brauchen nicht eigens zu betonen, dass, eben weil Brot so ein Grundnahrungsmittel
war, dieses Wort hier ein Begriff ist, der alles meinte, was zum täglichen Überleben nötig ist. Es geht nicht um Vorrat, nicht um Luxus, sondern um das Überleben. Aber wer das hat, – zu essen und zu trinken, Kleidung, ein Obdach, ein Stück Freiheit, und die Nähe von guten Menschen, – wer das hat, der hat keine Not, der wird diesen Tag überleben. Der hat auch heute keinen Grund zur Klage. Und morgen ist ein neuer Tag, da wird diese Bitte von neuem ausgesprochen. Die Vaterunser-Bitte um das tägliche Brot ist nicht die Bitte um ein sorgloses Leben, ist nicht die Bitte, ausgesorgt zu haben, sie ist nicht die Bitte um Überfluss, sondern sie ist die Bitte um das Tägliche, um das Notwendige, um das, was ich jetzt nötig habe. Diese Bitte um das tägliche Brot steht in tiefem Zusammenhang zur Lesung aus dem Buch Exodus, die wir gerade gehört haben. Das Volk hungert in der Wüste, und es murrt, es schimpft gegen Mose und Aaron, schlimme Ahnungen und Verschwörungstheorien greifen um sich, und die Phantasie lässt Ägypten, das Land aus dem man nur allzu gern geflohen ist, zum Paradies werden. Wie gut ging es uns, als wir an den Fleischtöpfen Ägyptens saßen, die es in Wirklichkeit nie gegeben hat. Vielleicht kennen Sie solche Situationen, in denen die Erinnerung sich so verklärt: damals, die gute alte Zeit, als noch alles in Ordnung war, als man noch wusste, wem man glauben konnte, und wen man wählen sollte. Das Volk in der Wüste murrt, und Gott reagiert darauf: Er lässt Brot vom Himmel regnen, er sättigt sein Volk, morgens findet sich dieses komische Zeug, von dem man nicht weiß was es ist, auf dem Boden, und man nennt es Manna: „Was ist das?“ Es schmeckt und macht satt – Brot eben. Und dann gibt es eine klare Anweisung, ein Maß, ein Gomer, soll jeder täglich sammeln, nicht mehr. Was darüber hinausgeht, das ist Überfluss und verdirbt, ein Gomer am Tag, am nächsten Tag gibt es wieder Neues. Das Volk lernt, sich immer wieder neu auf diesen Gott zu besinnen, immer wieder neu zu bitten, immer wieder ins Vertrauen zu finden: Was du heute brauchst, wirst du bekommen, verlass dich drauf.

Was du heute brauchst, wirst du bekommen, verlass dich darauf. Ich glaube, um dieses Vertrauen ging es Jesus. Die
Einübung in dieses Vertrauen ist auch das Thema des heutigen Evangeliums. Der jüngere Sohn, als er alles durchgebracht hatte und buchstäblich bei den Schweinen gelandet war, er erinnert sich an seinen Vater. Und obwohl er ihn für tot erklärt hatte, obwohl er nicht im Entferntesten damit rechnen kann, wieder als Sohn angenommen zu werden, weiß er doch:

Selbst den Tagelöhnern meines Vaters geht es besser als mir. Diese Erinnerung hilft ihm zur Umkehr, verändert sein
Leben, lässt ihn heil werden. Die Einübung in dieses Vertrauen müsste unser christliches Leben und Glauben ausmachen. In einem Tagesgebet der Fastenzeit heißt es: „Herr, sieh gnädig auf deine Gemeinde. Da wir durch Mäßigung den Leib in Zucht halten und Buße tun, schenke uns die wahre Sehnsucht nach dir.“ Dass ich meine Orientierung finde als Mensch, dass ich ausgerichtet bin auf Gott, dass ich von ihm erwarte, das ist Sinn aller Spiritualität und Frömmigkeit. Karl Rahner hat in einer Betrachtung zum Vaterunser ausgesprochen: „Gib uns heute unser tägliches Brot, lass uns auch darum bitten, damit wir uns nie mit Dir verwechseln, selbst nicht in der Stunde, da Du uns nahe bist, sondern wenigstens an unserem Hunger merken, dass wir arme und unwichtige Geschöpfe sind.“

Dass wir uns nicht mit Dir verwechseln, sondern wenigstens an unserem Hunger merken, dass wir arme und unwichtige
Geschöpfe sind. Aus diesen Sätzen spricht eine Haltung, die nicht ein künstliches Kleinmachen und Schlechtreden von
Menschen meint. Nein, ich muss mir nicht ständig an die Brust schlagen, weil ich unvollkommen bin, weil ich Mensch bin, weil ich Schwächen habe, weil ich Dinge tue, die nicht heldenhaft sind, sondern fehlerhaft oder einfach nur menschlich. Solch eine verdrehte Frömmigkeit braucht kein Mensch, und sie hilft niemandem.
Aber wer heute über den Menschen nachdenkt und über seinen Platz in der Welt, der wird nicht an der Erkenntnis vorbei kommen, dass der Mensch, jedenfalls als Einzelner, ein armseliges Geschöpf ist, unwichtig und überflüssig, austauschbar, eine Belastung für die Umwelt, eine finanzielle Belastung für die Gesellschaft ebenso. Und es ist erschreckend, in welcher Weise kluge Leute heute über alles Religiöse urteilen in einer erhaben distanzierten Weise, die keinen Gott zu brauchen meint, eine erhaben distanzierte Weise, die völlig außer Acht lässt, dass ich das Allermeiste in meinem Leben verdanke, und dass ich bedürftig bin, hilflos. Wie aufgeblasen kommt manch einer heute daher, obwohl er wissen müsste, wie zufällig sein Leben ist, wie schnell es zuende sein kann, und wie wenig irgendwer noch nach ihm fragen wird, wenn er einmal von der Bildfläche verschwunden ist. „Dass wir uns nicht mit Gott verwechseln, sondern wenigstens an unserem Hunger merken, dass wir arme und unwichtige Geschöpfe sind.“ Und hier wird auch der Zusammenhang zur zweiten Bitte deutlich: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.“

Noch einmal die Betrachtung von Karl Rahner: „Befreie uns von unserer Schuld und behüte uns in der Versuchung von der Schuld und Anfechtung, die eigentlich nur eine ist: nicht zu glauben an Dich und an die Unbegreiflichkeit Deiner Liebe.“ Die Aufgeblasenheit, die sich niemandem verdankt als sich selbst, die keinen Gott braucht; sie führt am Ende dazu, dass nur noch ich selber gelte, dass ich der Maßstab für alles bin, dass es kein Korrektiv mehr gibt. Diese Gottlosigkeit befördert am Ende keine Menschlichkeit, wie manche glauben, sondern sie überfordert ihn. Wenn man genau schaut, warum heute viele Beziehungen scheitern, dann geht es bei vielen anderen Ursachen doch oft auch um die Tatsache, dass ich nicht mehr akzeptiere, dass der andere, der Partner, eben nicht der Gott ist, für den ich ihn gehalten bzw. zu dem ich ihn gemacht habe. „Dass ich dem andern vergebe, dass er mein Gott nicht sein kann“, so etwas hab ich es einmal bei Paul Zulehner gelesen.

Liebe Schwestern und Brüder, Sie spüren wahrscheinlich, mit diesen beiden Bitten, der um das tägliche Brot und der um die Vergebung der Schuld, stehen wir ziemlich im Gegensatz zum heutigen Denken, zu heutigen Maßstäben. Man betet heute im allgemeinen nicht um das tägliche Brot, sondern man denkt weiter, an Absicherungen und Versicherungen, an morgen und übermorgen, man tut immer noch so, als gäbe es ewiges Wachstum, und als könnte man Sicherheiten schaffen und konservieren. Dabei wissen wir längst: Nichts ist sicher, und alles ist immer in Bewegung und Entwicklung. Ständig ändert sich etwas und damit alles. Man wird manche Dinge dennoch sinnvoll planen müssen, man wird auch an die Zukunft denken müssen, ja man muss es sogar, sonst hätte auch das Wort Nachhaltigkeit keinen Sinn. Aber wenn ich aus dem Blick verliere, dass alles, jeder Augenblick Geschenk ist, das mir alles genommen werden kann, ganz schnell und unvorbereitet, wenn ich das aus dem Blick verliere, dann habe ich das Eigentliche verpasst. Und jeder einigermaßen lebendige Mensch weiß heute, wenn es eine Zukunft der Menschen geben kann, dann nur, wenn wir anders denken, wenn wir um das tägliche Brot bitten und darauf zu vertrauen lernen. Wir merken, wie aktuell und wie heilsam unsere christliche Botschaft ist, die sich in dieser Bitte verdichtet. Und wahrscheinlich müssen wir als einzelne Christen aber auch als Kirche insgesamt genau das neu erlernen, um das tägliche Brot zu bitten, den Tag zu bestehen, die Zeit zu bestehen, in allem Wechsel. Es ist nur Gott, von dem wir sagen können: „So bleibst du in Ewigkeit.“

Die Bitte um das tägliche Brot kann sehr verschieden aussehen und gelebt werden. Immer wieder komme ich mit Menschen zusammen, die nach einer überstandenen schweren Erkrankung eine ganz andere Freude am Leben entwickeln, die plötzlich einen neuen Lebensinhalt finden, die sich freuen können über das Schöne in der Natur, über das Spiel der Kinder, über ein gutes Buch, einfach über jeden neuen Tag. Oder, Menschen, die mit Behinderten zu tun haben, erfahren oftmals, dass Entwicklungen anders gehen, langsamer, dass es eine unendliche Geduld braucht. Sie spüren aber auch, welche Freude es ist, wenn es einen Schritt vorwärts geht, sie spüren oftmals die Freude und Unverkrampftheit dieser Menschen, die immer im Augenblick sind und nicht schon beim morgen und übermorgen. Hier können wir viel lernen. Die Bitte um das tägliche Brot kann sehr verschieden aussehen, sie wird immer dort gelebt, wo Menschen ein Stück auf etwas verzichten, auf finanzielle Vorteile und Absicherungen, auf eine Karriere, auf einen Titel, weil sie spüren, da bin ich ehrlicher, da behalte ich ein reines Gewissen, da bin ich lebendiger, da bin ich näher am Menschen und näher bei Gott.

Liebe Schwestern und Brüder! Ob Jesus, als er seinen Schülern diese ganz einfachen Sätze gesagt hat, daran gedacht hat, dass man sich in 2000 Jahren darüber Gedanken machen wird. Vielleicht nicht, weil er genau so weit gar nicht denken wollte, sondern den Menschen konkret etwas geben wollte, was ihnen hilft. Aber wir können feststellen, dass es diese einfachen Sätze sind, die darüber entscheiden, ob unser Leben sich in einem kindlichen Vertrauen vollzieht, ob wir gut mit uns und unseren Mitmenschen umgehen und darüber, ob wir Gott Gott sein lassen, damit wir wirklich menschlich werden.

Amen

Bibelstellen: Ex 16,1-31 und Lk. 15,1-3;11-32
21. März 2019, Kloster Scheyern

Benediktusfest mit Orgelweihe

Liebe Schwestern und Brüder!

Nun ist unsere neue Orgel gesegnet und damit in Betrieb genommen. Jetzt kann und soll sie mit ihrem Klang unsere Basilika erfüllen und sich in die Herzen der Menschen spielen. Was in dieser Orgel steckt, was sie kann, wie verschieden sie klingt, davon werden wir heute im Laufe des Gottesdienstes ein paar Kostproben bekommen. Merken und wahrnehmen werden wir es aber erst so richtig in der kommenden Zeit, wenn sie bei verschiedenen Anlässen ihre Stimme erhebt.

Vielleicht wird sie uns dann manchmal ganz anders vorkommen, als wie wir so manchen Klang im Ohr und im Gedächtnis
haben. Das hängt dann auch mit unserer persönlichen Stimmung zusammen, mit der wir in diese Basilika kommen.

So ein Instrument wie die Orgel dient oft auch als Vergleich für das Zusammenwirken und Zusammenleben von Menschen in Gemeinschaften, wie immer diese auch aussehen mögen. Nur mit Vergleichen muss man sehr vorsichtig sein. Von Kardinal Wetter wird erzählt, dass er bei der Einweihung der Orgel im Münchner Priesterseminar die Gemeinschaft der Kirche mit einer Orgel verglichen hat, wobei er dann zu seinen Zuhörern gesagt haben soll: „Ihr seid die vielen kleinen Pfeifen und ich bin eine ….“ Ob es wirklich so gewesen ist? Es wird halt gerne erzählt.

Wir haben nicht nur das Glück, heute eine neue Orgel zu bekommen, sondern ich und einige Mitbrüder hatten in den
vergangenen Wochen und Monaten auch die Gelegenheit, die Entstehung dieser neuen Orgel zu erleben. Was mir dabei
aufgefallen und wichtig geworden ist, möchte ich so zusammenfassen: Liebe zum Detail, eine große Liebe zum Detail,
angefangen von der Planung, über die Ausführung, bis hin zur Intonation. Liebe zum Detail! Man könnte vielleicht auch so sagen: Wertschätzung auch von kleinen und unscheinbaren Dingen. Unsere Orgel besteht nach Auskunft der Orgelbauer aus ca. 5500 Einzelteilen, die Schrauben nicht mitgerechnet. Wenn da etwas nicht stimmt, dann wird aus den Pfeifen nichts oder nicht das herauskommen, was man erwartet, egal ob es eine kleine oder eine große Pfeife ist.

Der heilige Benedikt, dessen Fest wir als benediktinische Gemeinschaft heute feiern, ist für mich ein Mensch, dessen Leben, dessen Denken, Fühlen und Reden von einer großen Liebe zum Detail oder eben von einer großen Wertschätzung geprägt ist. In der Gesamtheit seiner Regel kommt das zum Ausdruck, wenn er versucht, das Zusammenleben der Menschen in einem Kloster zu ordnen: Der Dienst in der Küche, der Pförtner, die Verteilung der Psalmen, die Sorge für die Kranken.

Alles ist für ihn wichtig! Auf vieles legt er großen Wert.

Als erste Lesung haben wir heute einen Abschnitt aus dem Prolog, also der Einleitung seiner Regel, gehört. Darin stellt er eine Frage, die er aus den Psalmen (Ps 34,13) zitiert: „Wer ist der Mensch, der das Leben liebt und gute Tage zu sehen wünscht?“ Wer von uns möchte das nicht? Diesen Wunsch haben wir doch alle, auch wenn er sich in der Art und Weise bei den einzelnen Menschen sehr unterscheiden kann. Dieser Wunsch wird sich für Menschen aber nur dann erfüllen, wenn sie etwas dafür tun, wenn sie eine Liebe zum Detail entwickeln, wenn ihr Leben, Denken, Fühlen und Reden von einer Wertschätzung geprägt ist. Der heilige Benedikt sagt das so: „Willst du wahres und unvergängliches Leben, bewahre deine Zunge vor Bösem und deine Lippen vor falscher Rede! Meide das Böse und tue das Gute, suche Frieden und jage ihm nach!“

Was aus der Pfeife einer Orgel herauskommt, egal ob groß oder klein, hängt davon ab, wie es im Inneren der Orgel
aussieht.

Was aus dem Mund eines Menschen hervorkommt, hängt davon ab, wie es in seinem Inneren ausschaut, wie er sozusagen gestimmt ist. Ich meine damit nicht die verschiedenen Stimmungen, denen unser Leben durch Ereignisse und Einflüsse unterliegt, sondern ich meine damit so etwas wie die Grundstimmung eines Menschen. Wovon das Herz voll ist, davon spricht der Mund, so sagen wir mit einer Redewendung. Bin ich ein dankbarer Mensch, oder nicht? Versuche ich das Gute zu sehen oder halte ich ständig danach Ausschau, wo es etwas zu kritisieren oder zu schimpfen gibt. Wenn ich es darauf anlege, werde ich bestimmt immer etwas finden.

Freut euch im Herrn zu jeder Zeit, noch einmal sage ich, freut euch. So hat es der Apostel Paulus in seinem Brief an die Philipper geschrieben. Wir werden das nicht immer können, uns ständig freuen. Es wird im Leben jedes Menschen auch traurige und schwierige Momente geben, wo uns das Lachen vergeht, wo uns eher zum Weinen zu Mute ist. Paulus aber meint eben auch die Grundstimmung eines Menschen, denn wir haben allen Grund, dankbar zu sein und uns zu freuen.

Menschen werden sich öfter und wahrscheinlich auch leichter freuen können, wenn sie eine Liebe zum Detail haben, wenn sie von Wertschätzung geprägt sind. Man kann sich auch und vor allem über Kleinigkeiten freuen und nicht nur, wenn auf dem Preisschild eine große Summe steht.

Warum aber fällt es Menschen oft so schwer? Es gibt ein Phänomen, das Menschen die Freude nimmt und nehmen kann. Es ist die Angst, es ist die Angst, im Leben zu kurz zu kommen. Davon sind auch nicht die Freunde Jesu ausgenommen,genauso wenig wie die Mönche in einem Kloster. Du weißt, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt. Was werden wir dafür bekommen? So wurde Jesus heute im Evangelium gefragt. Auf diese Frage gibt er dann eine Antwort, die zwar vielsagend ist und doch so vieles offen lässt. Das Hundertfache werdet ihr bekommen. Wieviel aber ist das Hundertfache?

Oder wovon das Hundertfache?

Bei unseren Berechnungen und Überlegungen gibt es so etwas wie einen Wechselkurs. Der Wechselkurs kann sehr verschieden sein und er kann sich ständig ändern. Der Wechselkurs gehört auch zu diesem Orgelprojekt, haben wir es doch mit einer Schweizer Firma zu tun. Wie steht denn der Wechselkurs gerade? Ich denke, ich kann die Fa. Mathis beruhigen. Sie werden ihr Geld schon bekommen. Nicht das Hundertfache, sondern eine gerechte Entlohnung Ihrer Arbeit.

Die Liebe zum Detail, die Wertschätzung im Leben, denken, fühlen und reden, das legt der heilige Benedikt uns Mönchen ans Herz und das möchte ich Ihnen, liebe Schwestern und Brüder, die Sie heute mit uns dieses Fest feiern, mitgeben. Es ist ein wichtiger Baustein, ja die Voraussetzung für gute Tage, für ein gutes Leben, das sich nicht unbedingt an Äußerlichkeiten festmacht.

In dieser Liebe zum Detail hat viel Platz, auch das, was uns schwerfällt. Paulus sagt es so: Sorgt euch um nichts,
sondern bringt in jeder Lage betend und flehend eure Bitten und euren Dank vor Gott. Und der Friede Gottes, der alles Verstehen übersteigt, wird eure Herzen und eure Gedanken in der Gemeinschaft mit Christus Jesus bewahren. Dabei möge uns
die neue Orgel helfen mit ihren großen und mit ihren kleinen Pfeifen.
Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen guten Willens. Amen!

Bibelstellen: Phil. 4, 4-9 und Mt. 19,27-29
Fastenpredigt, 17. März 2019, Kloster Scheyern

Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name.
Das Vater unser – Eine Einordnung
An zentraler Stelle im Matthäusevangelium stehen die Kapitel der Bergpredigt Jesu und wiederum wie ein Zentrum dieser Bergpredigt wird ein Gebet überliefert: Das Vaterunser. Es hat also eine große Bedeutung. Das Vaterunser umfasst die Gegenwart (heute), unsere Vergangenheit (Schuld vergeben) und die Zukunft (bewahren). Es ist das Gebet der Christenheit über alle Zeiten, Grenzen und Konfessionen hinweg. Dieses Vaterunser ist ein eigenartiges Gebet, weil es an so unterschiedlichen Orten gebetet wird: in Wohnungen, Schulen, Krankenhäusern, Kirchen, im Auto und im Zug, sowie in so unterschiedlichen Situationen wie bei Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen, in großer Versammlung oder alleine. Franz Beckenbauer wurde nach seinem Glauben gefragt und antwortete: „Wenn ich nicht dazukomme, in die Kirche zu gehen, bete ich jeden Tag das ‚Vaterunser‘. Es ist für mich das Gebet aller Gebete. Ich schöpfe Kraft und Stärke daraus und es hilft mir, die täglichen Aufgaben zu bewältigen und für meine Familie da zu sein.“

Ein Gebet also, das man gut täglich beten kann.

Bevor wir uns dem ersten Wort des Gebetes zuwenden, müssen wir uns etwas Grundlegendes über jedes Reden von Gott vor Augen führen. Denn wir können nur in analoger Weise über Gott sprechen, unsere Bilder passen mehr oder minder gut. In einem Konzil im Rom im Jahre 1215, also just in dem Jahr, als diese Kirche eingeweiht wurde, wurde festgestellt: Beim Reden über Gott überwiegen immer die Unähnlichkeiten!
Beim Wort „Vater“ sind

• unähnlich die Eigenschaften, die typisch für einen menschlichen Vater sind: von Geschlecht männlich, sterblich,
begrenzt, mit Charakterfehlern behaftet, gereizt, sündig, oft abwesend.
• Ähnlich sind all die Eigenschaften eines Vaters, die auch auf Gott zutreffen, nämlich: Leben zeugen, Verantwortung
übernehmen, Fürsorge, Liebe.

Jesus hatte die guten Seiten eines Vaters vor Augen: Der sich sorgt, der beschützt, der fördert und fordert, der hinter einem steht, der da ist, wenn man ihn braucht, der sich aber nicht aufdrängt. Von Jesus selbst wissen wir, dass er in seinen Gebeten Gott, seinen Vater, mit „Abba“ ansprach. Das ist eine sehr vertraute Umgangsform und würde bei uns am ehesten mit „Papa“ wiedergegeben werden.

In den entscheidenden Momenten seines Lebens betete Jesus zu seinen Vater und rief ihn an:
o Als er zum Himmel schaute und um ein Wunder bat, (……….)
o vor seiner Verhaftung hielt er sich ganz eng an den Vater: „Mein Vater, wenn es möglich ist, gehe dieser Kelch an mir vorüber. Aber nicht wie ich will, sondern wie du willst.“ (Mt. 26,39).
o Bei der Kreuzigung rief er aus „Vater, vergib ihnen, sie wissen nicht was sie tun“ (…..) und
o er verzweifelte nicht im Sterben: „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.“ (….)

Jesu Bild von seinem himmlischen Vater kommt am anschaulichsten in der Geschichte vom verlorenen Sohn bzw. vom wartenden Vater zum Ausdruck.

(Lukasevangelium, Kapitel 15,11–24)

Dieses Gleichnis ist oft hier Gegenstand einer Predigt. Daher möchte ich die offene Tür des Vaters durch ein modernes Gleichnis vor Augen führen:

Im 30. Stockwerk des Hochhauses arbeitet ein Mann in einer wichtigen Position. Man kommt nur in sein Büro, wenn man
zuvor durch eine Sicherheitskontrolle und zwei Vorzimmer gekommen ist. Einen Termin bei ihm zu bekommen, ist sehr
schwer. Da geht der Aufzug auf, ein Mädchen in Jeans kommt fröhlich herein, grüßt die Sekretärinnen und fragt nur: „Ist er allein?“ und geht dann wie selbstverständlich in dessen großes Büro. Dieser freut sich, beendet sein Telefonat so bald wie möglich und begrüßt herzlich seine Tochter.

Nicht jeder hatte oder hat so einen Vater. Manche Menschen werden sich mit der Anrede „Vater“ schwer tun, weil der
eigene Vater zu streng war oder nie für einen da sein wollte oder konnte. Manchmal ist mit dem Wort „Vater“ auch Angst verbunden, wenn dieser durch Alkoholmissbrauch und Gewalt das Leben der Familie schwer machte. Das ist nicht oft. Weitverbreitet aber ist, was Papst Franziskus in seinem Vaterunser Buch schreibt:

„In unserer abendländischen Kultur ist die Figur des Vaters symbolisch abwesend, verschwunden, ja verdrängt worden. …
Schon als Bischof … spürte ich dieses Gefühl des Verwaistseins, unter dem Kinder heute leiden. Dann frage ich die Väter, ob sie mit ihren Kindern spielten, ob sie Mumm und Liebe hatten, um Zeit mit ihren Kindern zu ‚verlieren‘.“

Hat Ihr Vater mit Ihnen gespielt?
War er da, wenn Sie ihn brauchten?
Gott, wie eine gute Mutter
Ein paar Mal in der Bibel wird Gott mit mütterlichen Zügen geschildert:
„Kann denn eine Frau ihr Kindlein vergessen, eine Mutter ihren leiblichen Sohn? Und selbst wenn sie ihn vergessen würde: Ich vergesse dich nicht.“ (Jesaja, Kapitel 49)

„Wie eine Mutter ihren Sohn tröstet, so tröste ich euch; in Jerusalem findet ihr Trost.“ (Jesaja, Kapitel 66)

Am Stärksten kommt die mütterliche Seite Gottes in dem Wort „Erbarmen“ zum Ausdruck. Das hebräische Wort „rächäm“ ist das Wort für den Mutterleib, für mütterliches Erbarmen. Doch auch das Bild für Mütterlichkeit muss in unserem Land neu gestärkt, gewertschätzt und unterstützt werden. Denn die Gefahr für ein empfangenes Kind im Mutterleib durch Gewalteinwirkung zu sterben ist 25x größer als die Gefahr, dass es nach der Geburt während seiner Kindheit an irgendetwas stirbt. So weit zu dem einen Wort Vater und allen aktuellen Bezügen zu uns, wir werden jetzt schneller vorangehen.

„Vater unser“
Wir beten nicht wie Jesus „Mein Vater“ sondern „Vater unser“. Wir sind gemeinsam Kinder Gottes und von daher die
Redensart in der Kirche von „Schwestern und Brüder“. „…im Himmel“ „… im Himmel“ bedeutet nicht „über den Regenwolken, nicht zwischen Erde und Mond“. Sonst kommt es zu Missverständnissen, wie 1956, als der russische Astro¬naut Juri Gagarin sinngemäß sagte: Ich war im Himmel und da war kein Gott.

Himmel meint in der religiösen Sprache vielmehr: „überall, grenzenlos, vom Aufgang der Sonne bis zum Untergang, ewig“ usw. Früher, vor der Erfindung der Flugzeuge, war Himmel auch Sinnbild für einen unerreichbaren Ort. „geheiligt werde dein Name“ Dies ist der letzte Teil, den ich heute mit ihnen vertiefe, bevor nächste Woche Theo Seidl weitermacht.

a) im Alten Testament: Der Name Gottes In der Tradition Israels ist der Name Gottes durch das zweite der zehn Gebote eigens geschützt: „Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen; denn der Herr lässt den nicht ungestraft, der seinen Namen mißbraucht.“ (Ex. 20,7)

So oft schon wurde Gewalt oder Unrecht im Namen Gottes getan. Noch gefährlicher als religiöser Fanatismus scheint mir aber Nationalismus und Rassismus zu sein, wie wir in Deutschland wissen und wie der Anschlag in Neuseeland uns das schrecklich vor Augen führte.

Dieser Schutz vor Missbrauch des Namens Gottes hat seinen Grund darin, dass für den Orientalen der Name eine
Wesenserschließung oder ein Wesenshinweis bedeutet. Der Name Gottes bedeutet „Ich bin, der ich bin“ (Ex 3,14, neue
Einheitsübersetzung) oder genauer: „Ich werde sein der ich sein werde.“ (Prof. Dr. Theo Seidl). Zum Wesen Gottes gehört es demnach nicht nur da zu sein, sondern sich als solcher zu erweisen durch kraftvolle Taten.

Der Heilige Name Gottes wurde in den frühen Religionen nicht öffentlich ausgesprochen, man wollte vermeiden, dass er missbraucht wird. Im Alten Israel tat dies nur der Hohepriester und das nur einmal im Jahr, wenn er ins Allerheiligste des Jerusalemer Tempels eintrat, am Jom Kippur, dem Tag der Versöhnung. Dazu etwas Kurioses: Er wurde an ein Seil gebunden. Falls er nämlich unrein war und deshalb in der Gegenwart Gottes starb, konnte man ihn dann mit dem Seil herausziehen, ohne das Allerheiligste zu betreten. Wir spüren hier einen starken Sinn für Heiligkeit.

In unserer Tradition bezeichnen wir mit dem Allerheiligsten die Eucharistie im Tabernakel oder in der Monstranz. Wir alle haben seit den Liturgiereformen des letzten Jahrhunderts häufig Zugang dazu, das ist schön. Doch hoffentlich verlieren wir dadurch nicht den Sinn für das Besondere dabei.

Der geheimnisvolle Gott kann sich freilich auch ohne Tempel oder Kirche in seiner Heiligkeit erahnen lassen, so, wie es von Abraham in der Lesung beschrieben wurde:

„Bei Sonnenuntergang fiel auf Abraham ein tiefer Schlaf; große, unheimlich Angst überfiel ihn.“ (Genesis 15,12)
b) für uns: Den Namen heiligen Den Namen Gottes zu heiligen, dafür sind für mich christliche Lobpreislieder eine Quelle der Inspiration. Zum einen, weil das Zeugnis der anderen, die von Herzen den Namen Gottes heiligen, Anstöße gibt, zum anderen, weil sie einladen, selbst den Mund zu öffnen und Gott zu danken, zu preisen, anzubeten. Ansprechende, berührende Musik lässt etwas vom Heil sein, von Heiligkeit erahnen.

In der Heiligung seines Namens bleiben wir nicht bei uns selbst stehen sondern erkennen an, dass er Gott ist. Im Gottesdienst schließt das Vaterunser Gebet oft mit dem Zusatz: Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Amen.

In diesem Anruf folgt nach den Bitten ein Lobpreis, in dem der Beter seine Bitten wieder loslässt und im Angesicht des angerufenen Vaters zuversichtlich weitergeht.

Ein so bekanntes Gebet wie das Vaterunser wird leicht gedankenlos gebetet. Deshalb zum Abschluss eine Einladung, das Vaterunser zu meditieren: Ignatius von Loyola gibt am Ende seines Exerzitienbuches folgende Anregung:
„Bei jedem Atemzug oder Luftschöpfen im Geiste beten, indem man ein Wort des Vaterunser … spricht, derart, daß zwischen zwei Atemzügen jeweils nur ein Wort gesagt wird, und daß man in der Zwischenzeit vom einen zum anderen Atemzug vor allem auf die Bedeutung des betreffenden Wortes achtet.“

• Vater
• unser
• im Himmel
• geheiligt werde
• dein Name.

Amen.


21. März 2019, Kloster Scheyern

Benediktusfest mit Orgelweihe

Liebe Schwestern und Brüder!

Nun ist unsere neue Orgel gesegnet und damit in Betrieb genommen. Jetzt kann und soll sie mit ihrem Klang unsere Basilika erfüllen und sich in die Herzen der Menschen spielen. Was in dieser Orgel steckt, was sie kann, wie verschieden sie klingt, davon werden wir heute im Laufe des Gottesdienstes ein paar Kostproben bekommen. Merken und wahrnehmen werden wir es aber erst so richtig in der kommenden Zeit, wenn sie bei verschiedenen Anlässen ihre Stimme erhebt.

Vielleicht wird sie uns dann manchmal ganz anders vorkommen, als wie wir so manchen Klang im Ohr und im Gedächtnis
haben. Das hängt dann auch mit unserer persönlichen Stimmung zusammen, mit der wir in diese Basilika kommen.

So ein Instrument wie die Orgel dient oft auch als Vergleich für das Zusammenwirken und Zusammenleben von Menschen in Gemeinschaften, wie immer diese auch aussehen mögen. Nur mit Vergleichen muss man sehr vorsichtig sein. Von Kardinal Wetter wird erzählt, dass er bei der Einweihung der Orgel im Münchner Priesterseminar die Gemeinschaft der Kirche mit einer Orgel verglichen hat, wobei er dann zu seinen Zuhörern gesagt haben soll: „Ihr seid die vielen kleinen Pfeifen und ich bin eine ….“ Ob es wirklich so gewesen ist? Es wird halt gerne erzählt.

Wir haben nicht nur das Glück, heute eine neue Orgel zu bekommen, sondern ich und einige Mitbrüder hatten in den
vergangenen Wochen und Monaten auch die Gelegenheit, die Entstehung dieser neuen Orgel zu erleben. Was mir dabei
aufgefallen und wichtig geworden ist, möchte ich so zusammenfassen: Liebe zum Detail, eine große Liebe zum Detail,
angefangen von der Planung, über die Ausführung, bis hin zur Intonation. Liebe zum Detail! Man könnte vielleicht auch so sagen: Wertschätzung auch von kleinen und unscheinbaren Dingen. Unsere Orgel besteht nach Auskunft der Orgelbauer aus ca. 5500 Einzelteilen, die Schrauben nicht mitgerechnet. Wenn da etwas nicht stimmt, dann wird aus den Pfeifen nichts oder nicht das herauskommen, was man erwartet, egal ob es eine kleine oder eine große Pfeife ist.

Der heilige Benedikt, dessen Fest wir als benediktinische Gemeinschaft heute feiern, ist für mich ein Mensch, dessen Leben, dessen Denken, Fühlen und Reden von einer großen Liebe zum Detail oder eben von einer großen Wertschätzung geprägt ist. In der Gesamtheit seiner Regel kommt das zum Ausdruck, wenn er versucht, das Zusammenleben der Menschen in einem Kloster zu ordnen: Der Dienst in der Küche, der Pförtner, die Verteilung der Psalmen, die Sorge für die Kranken.

Alles ist für ihn wichtig! Auf vieles legt er großen Wert.

Als erste Lesung haben wir heute einen Abschnitt aus dem Prolog, also der Einleitung seiner Regel, gehört. Darin stellt er eine Frage, die er aus den Psalmen (Ps 34,13) zitiert: „Wer ist der Mensch, der das Leben liebt und gute Tage zu sehen wünscht?“ Wer von uns möchte das nicht? Diesen Wunsch haben wir doch alle, auch wenn er sich in der Art und Weise bei den einzelnen Menschen sehr unterscheiden kann. Dieser Wunsch wird sich für Menschen aber nur dann erfüllen, wenn sie etwas dafür tun, wenn sie eine Liebe zum Detail entwickeln, wenn ihr Leben, Denken, Fühlen und Reden von einer Wertschätzung geprägt ist. Der heilige Benedikt sagt das so: „Willst du wahres und unvergängliches Leben, bewahre deine Zunge vor Bösem und deine Lippen vor falscher Rede! Meide das Böse und tue das Gute, suche Frieden und jage ihm nach!“

Was aus der Pfeife einer Orgel herauskommt, egal ob groß oder klein, hängt davon ab, wie es im Inneren der Orgel
aussieht.

Was aus dem Mund eines Menschen hervorkommt, hängt davon ab, wie es in seinem Inneren ausschaut, wie er sozusagen gestimmt ist. Ich meine damit nicht die verschiedenen Stimmungen, denen unser Leben durch Ereignisse und Einflüsse unterliegt, sondern ich meine damit so etwas wie die Grundstimmung eines Menschen. Wovon das Herz voll ist, davon spricht der Mund, so sagen wir mit einer Redewendung. Bin ich ein dankbarer Mensch, oder nicht? Versuche ich das Gute zu sehen oder halte ich ständig danach Ausschau, wo es etwas zu kritisieren oder zu schimpfen gibt. Wenn ich es darauf anlege, werde ich bestimmt immer etwas finden.

Freut euch im Herrn zu jeder Zeit, noch einmal sage ich, freut euch. So hat es der Apostel Paulus in seinem Brief an die Philipper geschrieben. Wir werden das nicht immer können, uns ständig freuen. Es wird im Leben jedes Menschen auch traurige und schwierige Momente geben, wo uns das Lachen vergeht, wo uns eher zum Weinen zu Mute ist. Paulus aber meint eben auch die Grundstimmung eines Menschen, denn wir haben allen Grund, dankbar zu sein und uns zu freuen.

Menschen werden sich öfter und wahrscheinlich auch leichter freuen können, wenn sie eine Liebe zum Detail haben, wenn sie von Wertschätzung geprägt sind. Man kann sich auch und vor allem über Kleinigkeiten freuen und nicht nur, wenn auf dem Preisschild eine große Summe steht.

Warum aber fällt es Menschen oft so schwer? Es gibt ein Phänomen, das Menschen die Freude nimmt und nehmen kann. Es ist die Angst, es ist die Angst, im Leben zu kurz zu kommen. Davon sind auch nicht die Freunde Jesu ausgenommen,genauso wenig wie die Mönche in einem Kloster. Du weißt, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt. Was werden wir dafür bekommen? So wurde Jesus heute im Evangelium gefragt. Auf diese Frage gibt er dann eine Antwort, die zwar vielsagend ist und doch so vieles offen lässt. Das Hundertfache werdet ihr bekommen. Wieviel aber ist das Hundertfache?

Oder wovon das Hundertfache?

Bei unseren Berechnungen und Überlegungen gibt es so etwas wie einen Wechselkurs. Der Wechselkurs kann sehr verschieden sein und er kann sich ständig ändern. Der Wechselkurs gehört auch zu diesem Orgelprojekt, haben wir es doch mit einer Schweizer Firma zu tun. Wie steht denn der Wechselkurs gerade? Ich denke, ich kann die Fa. Mathis beruhigen. Sie werden ihr Geld schon bekommen. Nicht das Hundertfache, sondern eine gerechte Entlohnung Ihrer Arbeit.

Die Liebe zum Detail, die Wertschätzung im Leben, denken, fühlen und reden, das legt der heilige Benedikt uns Mönchen ans Herz und das möchte ich Ihnen, liebe Schwestern und Brüder, die Sie heute mit uns dieses Fest feiern, mitgeben. Es ist ein wichtiger Baustein, ja die Voraussetzung für gute Tage, für ein gutes Leben, das sich nicht unbedingt an Äußerlichkeiten festmacht.

In dieser Liebe zum Detail hat viel Platz, auch das, was uns schwerfällt. Paulus sagt es so: Sorgt euch um nichts,
sondern bringt in jeder Lage betend und flehend eure Bitten und euren Dank vor Gott. Und der Friede Gottes, der alles Verstehen übersteigt, wird eure Herzen und eure Gedanken in der Gemeinschaft mit Christus Jesus bewahren. Dabei möge uns
die neue Orgel helfen mit ihren großen und mit ihren kleinen Pfeifen.
Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen guten Willens. Amen!

Bibelstellen: Phil. 4, 4-9 und Mt. 19,27-29
6. Januar 2019, Kloster Scheyern

Es kommt alles ans Licht

Liebe Schwestern und Brüder!

Was geschieht mit diesen Informationen? Was geschieht mit meinen Daten? Diese Fragen stellen sich Menschen immer wieder und auch immer mehr. In diesen Tagen vielleicht sogar ganz besonders dringlich. Wir alle haben davon gehört, dass viele Politiker, Künstler und Prominiente von einem großen Datenklau betroffen sind. Jeder weiß eigentlich ganz genau, dass er genauso und genauso schnell davon betroffen sein kann, weil über jeden von uns Daten gesammelt und Informationen gespeichert sind.

Was geschieht mit diesen Informationen? Was geschieht mit meinen Daten? In Zeiten von Internet, Facebook, Twitter und wie sie alle heißen mögen, wird das immer eine Frage sein und auch bleiben, aber neu ist die Frage nicht.

Auch im Evangelium, das wir gerade gehört haben, steht die Frage im Raum, auch wenn sie nicht explizit gestellt wird. König Herodes möchte es von den Sterndeutern ganz genau wissen, wo dieser neue König der Juden zu finden ist. Deshalb schickt er sie nach Bethlehem. Irgendwie schöpfen sie aber Verdacht, dass er mit dieser Information nicht das machen wird, was er vorgibt, „hingehen und ihm huldigen“. So bekommt er die Information nicht. Hoch lebe der Datenschutz!

Datenschutz, Datenklau und Datenmissbrauch, das sind Themen, die uns beschäftigen und manchmal auch beherrschen und die nicht ganz angstfrei an uns Menschen vorüber gehen. Und so kann ein Satz der Lesung aus dem Buch Jesaja, ein bisschen abgewandelt, Menschen in Angst und Schrecken versetzen: Auf, werde Licht, denn es kommt dein Licht. So heißt es da. Wenn es aber bedeutet: Alles kommt ans Licht! Was dann?

Ja, alles kommt ans Licht, das gehört auch zur Botschaft von Weihnachten. Alles kommt ans Licht, aber nicht um Menschen bloß zu stellen oder ihnen zu schaden, sondern um ihnen zu helfen, Menschen, glückliche Menschen zu werden und zu sein.

Wir geben uns jedes Jahr viel Mühe und wir lassen uns das auch einiges kosten, um einander zu beschenken, um einander ein Stück weit glücklich zu machen. Und da kommt es ans Licht. Das schönste und vielleicht auch teure Geschenk nützt nichts, wenn etwas nicht stimmt in der Beziehung und den Verhältnissen von Menschen oder wenn das Geschenk am wirklichen und wahren Wunsch eines Menschen vorbei geht.

Weihnachten zeigt auch, dass wir Menschen nicht einfach Wünsche haben weil wir etwas wollen, sondern dass wir auch
Sehnsucht haben, weil wir etwas brauchen. Sehnsüchte sind nicht nur angenehm, sondern Sehnsüchte können wunde und
schmerzliche Punkte im Leben von uns Menschen sein. Das ist meistens ganz unspektakulär: Eine Hand, die ich halten kann oder die mich hält, ein Mensch, dem ich vertrauen kann oder der mir vertraut. Wenn ich das nicht habe in meinem Leben?
Was dann?

Liebe Schwestern und Brüder, diese Könige, Weisen oder Magier, was immer sie auch gewesen sein mögen, sind für mich
solche Menschen voller Sehnsucht. Vielleicht erweckten sie in der Umgebung, wo sie gelebt haben, nach außen den
Anschein, dass sie doch alles haben, dass ihnen doch nichts fehlt. Könige, Gelehrte, Künstler, respektiert, bewundert und geschätzt, also was will man mehr. Außerdem gibt es doch immer und überall Menschen, die weit weniger haben und denen es vielleicht viel schlechter geht. Und doch lässt diese Menschen etwas aufbrechen und suchen, weil ihnen etwas fehlt zum Glück.

Mit dem neugeborenen König der Juden verbinden sie so viel Hoffnung, so viel Erwartung und sie werden nicht enttäuscht.

Welch ein Glück!

Als sie den Stern sahen, wurden sie von sehr großer Freude erfüllt. Sie gingen in das Haus und sahen das Kind und Maria, seine Mutter, da fielen sie nieder und huldigten ihm. Sie wurden von sehr großer Freude erfüllt, also ein Moment des Glücks, des wahren Glücks. Dann holten sie ihre Schätze hervor und brachten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe als Gaben dar.

Liebe Schwestern und Brüder, ich möchte das heute einmal so lesen und verstehen. Diese Menschen haben ausgepackt und sie konnten auspacken. Sie konnten zeigen, was sie haben, aber auch wer sie sind, ohne Angst, ohne Vorbehalt und ohne Neid.

Es war und ist die Stärke dieses Jesus, dass zu ihm jeder kommen kann, egal woher und mit welcher Geschichte. Jesus hat mit vielen Menschen über ihr Leben gesprochen. Jesus hat mit den Menschen nicht in erster Linie Glaubensgespräche geführt, sondern über ihr Leben gesprochen, wo natürlich auch zum Ausdruck kommt, woran sich ihr Leben orientiert bzw. was sie glauben.

Ich denke, dass es bei diesen Gesprächen manchmal ganz schön zur Sache ging. Was wir darüber in der Bibel finden, sind wohl nur Andeutungen und keine Berichte. Alles kam bei ihm ans Licht, ohne ins Licht der Öffentlichkeit zu gelangen:

Zachäus, die Ehebrecherin und die namenlosen Zöllner und Sünder. Manchmal würden wir vielleicht gerne wissen, was da gesprochen wurde, aber es gelangte nicht nach außen. Wenn wir auf unser eigenes Leben schauen, könnten wir es aber erahnen. Welch ein Segen, wo es Atmosphäre, Räume und Beziehungen gibt, wo das geschehen kann.

Liebe Schwestern und Brüder, in den letzten Tagen waren in vielen Gemeinden die Sternsinger unterwegs, bei uns auch. Ihr Motto lautete „Segen bringen und Segen sein“. Sie wollten Segen bringen in alle Häuser und Wohnungen, dass sie Räume des Segens sind, so dass Menschen glücklich sein und glücklich leben können. Wie ein Wahlspruch oder wie ein Motto wurde der Segenswunsch an die Tür geschrieben, dass dort so ein guter Ort sein möge und sein kann.

Ich möchte nun schließen mit einem Text, was Segen ist und was auch ich mit Segen verbinde, wenn ich wie hier am Ende des Gottesdienstes den Segen spende, wenn ich dann beim Auszug in viele Gesichter schauen darf. Gesichter, die alle eine Geschichte haben und bei denen ich manche Geschichte auch kenne.

Segen ist Wohltat. Wenn ich einen Menschen segne, wünsche ich ihm Wohlergehen an Leib und Seele. Ich wünsche sein Glück herbei oder freue mich mit ihm an seinem Glück.

Segen schafft Raum. Das Herz öffnet sich, Neid und Missgunst haben keinen Platz. So wird aus geteiltem Leid halbes Leid und aus geteilter Freude doppelte Freude.

Segen verbindet. Wer segnet, hat den anderen im Blick und lässt sich von seinem Schicksal berühren. So wächst, so
entsteht Freundschaft und Beziehung.

Segen bringen und Segen sein! Das können wir alle und das dürfen wir alle. Welch ein Segen, welch ein Glück!
Auf, Jerusalem, werde Licht, denn es kommt dein Licht. Ein Licht, bei dem alles ans Licht kommen darf.

Bibelstellen: Jes. 60,1-6 und Mt. 2,1-12
Neujahr 2019, Kloster Scheyern

JA zum Leben sagen

Liebe Schwestern und Brüder!

Kräht der Hahn auf dem Mist, ändert sich’s Wetter oder‘s bleibt, wie es ist. In dieser Bauernregel wird mit einem
Augenzwinkern zum Ausdruck gebracht, dass das Wetter ja sowieso macht, was es will und kommt, wie es kommt und dass man darauf herzlich wenig Einfluss hat. Man muss es schließlich doch so nehmen, wie es ist und wie es kommt.

Kräht der Hahn auf dem Mist, ändert sich’s Wetter oder’s bleibt, wie es ist. Am Anfang eines Jahres werden manchen
Menschen vielleicht ähnliche Gedanken durch den Kopf gehen, die sich aber nicht unmittelbar auf das Wetter beziehen, sondern auf das, was sich im neuen Jahr tun bzw. ereignen wird. Es ändert sich oder es bleibt wie es ist. In manchen Bereichen wird das auch so sein, nämlich da, wo wir keinen Einfluss haben oder wo wir glauben, dass wir keinen Einfluss haben und wo wir es einfach hinnehmen müssen, wie es kommt und was kommt.

Der erste Tag eines neuen Jahres ist genau genommen zwar ein Tag wie jeder andere auch, gefühlt ist er aber doch etwas Besonderes. Der erste Tag eines neuen Jahres stellt doch eine Art Zäsur dar, wo sich etwas ändert oder ändern kann, weil er als Stichtag genommen wird: Ab heute gilt!

Wer gestern die Zeitung aufgeschlagen hat, der fand auf der ganzen dritten Seite alles, was sich im Jahr 2019 ändern wird. Angefangen von Auslandstelefonaten, die ab Mai billiger werden sollen, bis zum Verpackungsgesetz, das bereits mit dem heutigen Tag in Kraft getreten ist. Merken wird man das wahrscheinlich erst morgen, wenn die Geschäfte öffnen, oder wenn sich die Preise ändern, weil der Gesetzgeber eine höhere Recyclingquote vorschreibt. Die Kosten, die sich dabei ergeben, werden vermutlich an die sogenannten Verbraucher weitergegeben.

Manche dieser Änderungen betreffen nur ganz bestimmte Menschen, andere werden ziemlich viele oder gar alle zu spüren bekommen, etwa die Tatsache, dass es 2019 neue 100 Euro Scheine geben wird, die ein bisschen anders aussehen werden und fälschungssicherer sein sollen.

Es ändert sich etwas oder es bleibt, wie es ist. Bei Veränderungen ist aber nicht nur entscheidend, was sich verändert, sondern auch der Zeitpunkt der Veränderung spielt dabei eine Rolle. Es kann ein zu spät geben, aber auch ein zu früh, wo es keinen Sinn macht oder wo etwas gar nicht möglich ist.

Als die Zeit erfüllt war, so haben wir es in der Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus an die Galater gehört. Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau. Eine Veränderung, die wir jedes Jahr an Weihnachten unverändert feiern. Aber verändert dieses Fest die Menschen? Der Apostel Paulus beschreibt die Veränderung so: Bist Du aber Sohn, dann auch Erbe.

Liebe Schwestern und Brüder, wir sind im Sinne von Paulus Erben. Wir haben etwas geerbt, nämlich zu fragen, wann die Zeit erfüllt ist oder wann es Zeit ist. Wann ist Veränderung angesagt? Das ist gar nicht so leicht festzustellen und doch haben wir Menschen ein feines und manchmal auch ein sicheres Gespür dafür, wann Veränderung angesagt ist.

Im Evangelium haben wir von solchen Menschen und ihrem Gespür gehört. Die Hirten waren es, die sich durch nichts davon abbringen und abhalten ließen, nach Bethlehem zu gehen, weil sie gemerkt haben, da und jetzt beginnt etwas Neues. Und auch Maria, von der es in diesem Abschnitt nur heißt, dass sie alles in ihrem Herzen bewahrte, war so ein Mensch, der ein sicheres Gespür für etwas Neues hatte und die dazu JA gesagt hat. Mit ihrem JA zum Leben hat sie Veränderung zugelassen und auch ermöglicht.

Liebe Schwestern und Brüder, JA zum Leben sagen. So werden sich alle Veränderungen daran messen lassen müssen, ob sie dem Leben dienen, ob sie das Leben fördern, ob sie Leben schützen, ob sie das Leben bewahren, ob sie dazu beitragen, dass sich Leben entfalten kann. Wenn ich auf der einen Seite JA zum Leben sage, dann bedeutet das aber auch, dass ich NEIN sagen muss zu allem, was dem Leben entgegensteht, was ihm widerspricht und was es gefährdet, was es bedroht. Dieses NEIN sagen kann uns Menschen schwer, sehr schwer fallen.

Vielleicht hilft uns, wenn wir uns die richtige Reihenfolge verdeutlichen. Das JA zum Leben steht an erster Stelle,das Nein zu dem, was ihm entgegensteht, an zweiter Stelle, es ist die Konsequenz. Wenn ich weiß, was ich für mein Leben möchte, was für mein Leben gut ist, dann fällt es Menschen leichter auch Konsequenzen dazu anzunehmen.

Liebe Schwestern und Brüder, mit einem JA hat alles begonnen.
Mit einem JA hat unser Heil begonnen.
Kann auch ich mit einem JA dieses Jahr beginnen?
Wie Maria JA sagen zum Unbekannten, das Gott für mich bereithält?
Wie Maria vertrauen, dass Gott mit mir Gutes vorhat?

So wünsche ich uns allen, dass wir in diesem Jahr und zu diesem Jahr unser JA sagen können. JA zum Leben!
Dann kann der Hahn krähen und das Wetter ändert sich oder es bleibt, wie es ist.

Bibelstellen: Gal. 4,4-7 und Lk. 2,16-21

2018

August 2019, Niederscheyern und Scheyern
 
„Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. Wie froh wäre ich, es würde schon brennen!“ Liebe Schwestern und Brüder im Herrn! Mitten in den bayerischen Sommerferien wirken diese Worte fast ein wenige Fehl am Platz: In einer Zeit, in der vieles in der Gesellschaft runterfährt, in der viele eine dringend nötige Erholungspause einlegen, hören wir etwas von Feuer und brennen.
 
Die Kirche ist kein Wellness-Hotel für die Seele. Ich möchte es positiv sehen: Wenn wir mal nicht von ganz so vielen alltäglichen Verpflichtungen gedrängelt werden, dann wird der Raum frei, auf das Wesentliche zu schauen. Wesentlich ist das, was in uns ein Echo auslöst, was das Herz bewegt, was wirklich zählt.
Es kann gut sein, dass dieses dem entgegenläuft, was im gewohnten Trend üblich ist: Heute in dieser Predigt möchte ich uns ermutigen, dafür die Augen zu öffnen und Mut zu bekommen, diese Dinge auch zu benennen und anzugehen. 
 
Vorbild kann uns der Prophet Jeremia sein. 
 
Er traut sich, das Offensichtliche öffentlich anzusprechen. Er sieht die Übermacht, er sieht, dass jetzt noch Zeit ist, auf den Feind zuzugehen und so sein Leben zu retten. Er stellt sich gegen die Etablierten und Mächtigen, die nicht zugeben wollen, dass sie die Situation in eine Sackgasse geführt haben und mit Tempo 100 auf die Mauer am Ende der Sackgasse zufahren. Also ist ein Prophet Jahwes, ein Gottesmann, nicht einer der immer sagt: „Der liebe Gott wird’s schon richten.“ 
Es gibt zwar eine Menge von biblischen Erzählungen, in den durch machtvolles Eingreifen Gottes das Volk gerettet wurde. 
Doch hier hatten sich die Verantwortlichen von Gottes Wegen abgewendet, waren eigene Wege gegangen. – Nun stehen sie vor dem Zusammenbruch den Gott nicht abwenden wird. Das kündigt Jeremia ganz klar an. 
Bevor wir vertiefen, wie es dem Jeremia daraufhin ergangen ist, müssen wir für unsere Zeit fragen: Wo sind wir von Gottes Wegen abgewichen, wo Jahren wir in einer Sackgasse mit Tempo 100 auf die Wand zu?
 
A) Klimawandel. Da ist eine kleine unscheinbare 16 jährige Prophetin die ganz öffentlich Boeing und Airbus in die Suppe spuckt und sagt: „Ich fliege nicht, weil ein einziger Flug meinen ökologischen Fußabdruck auf der Erde für das ganz Jahr ruiniert! Es ist einfach zu schädlich für die Atmosphäre. Ich reise klimaneutral zur N-Generalversammlung nach New York.“ – Das wird den wenigen Aktionären in der Flugbranche nicht gefallen, das ist geschäftsschädigend.
Positiv ausgedrückt: Es geschieht gerade eine öffentlich Umwertung: Wer bisher nach den Ferien erzählt hat: „Wir sind nach xy geflogen.“ konnte sicher sein, dass die Daheimgebliebenen oder die Urlauber in den nahen Berge mit einer gewissen Bewunderung dies angehört haben. Wer jetzt sagt: „Wir sind in Urlaub geflogen“, wird innerlich die Frage mitgehen lassen müssen: „War das nötig? Kann das der normale Lebensstil sein, just for fun so viel Kerosin direkt in die Wolken zu verteilen?“ Die Antwort liegt auf der Hand: In diesem Bereich ist eine Änderung im Denken und Handeln notwendig. Ein Flug muss etwas ganz besonderes sein, eine Ausnahme. Und dann verbunden mit einer Ausgleichsabgabe, die in Umweltprojekte fließt.
 
B) Ich war etwas irritiert, als ich diesen Mittwochabend einen Drink bekam, in dem ein großer, fetter Strohhalm war. Doch der war nicht aus Stroh, und auch nicht aus Plastik, sondern ein edler, fester Glasstrohhalm, der mit den Gläsern in die Spülmaschine gegeben werden kann. Da hat sich innerhalb von einem guten Jahr ganz viel an Bewusstseinsänderung ergeben, die in die konkrete Lebensführung fasst aller Menschen Eingang findet.
 
C) Kirche: Tja, wo sind die prophetischen Kräfte in der Kirche? Die junge Generation war in den 70er Jahren stark und kreativ im Einfordern von Gottesdienstformen, die ihrem Lebensgefühl mehr Raum gaben: E-Gitarre und Schlagzeug bei der Musik oder Gottesdienste in der freien Natur. Statt Monolog bei der Predigt, so wie jetzt gerade , auch mal eine Aktion miteinander. Diese prophetische Kraft der jungen Generation fehlt uns heutzutage in der Kirche weitgehend! – Ich freue mich, dass 13 junge Leute aus unseren Orten gerade jetzt eine Woche im Jugendort Taizé verbringen. Mögen diese wertvolle Impulse mit nach Hause bringen.
 
Von den Studien über die verschiedenen Milieus in der Gesellschaft wissen wir, dass in der Kirche überproportional viele Menschen aus der bürgerlichen Mitte sowie aus dem traditionsverbundenen Milieu präsent sind. Und das sind i.d.R. keine Revoluzzer. Am ehesten kommt eine gewisse prophetische Kraft noch Papst Franziskus mit seinem einfachen Lebensstil und seiner unbedingten Hinwendung zu den Armen und Benachteiligten.
 
Wo könnten Sie denn, wo könnte ich denn, hier vor Ort, herausgefordert sein, neu, anders, vertieft als Kirche
miteinander zu leben?
An dieser Stelle fügte eine jüngere Frau und Mutter uns unserer Gemeinde folgendes hinzu:
„Sich aufraffen, sich engagieren, Kirche aktiv vor Ort mitgestalten! Vor allem Frauen müssen sich organisieren und
erheben, um endlich gleichberechtigt und vollwertig mitbestimmen und mitgestalten zu dürfen! Nicht nur beim Feste feiern und Kuchenbacken, sondern Seite an Seite mit den Männern.“ – Zitatende.
 
D) Damit sind wir bei unserem persönlichen Leben. Wohl dem, der einen Jeremia in der Nähe hat, jemand, welcher sich traut, Offensichtliches auch offen anzusprechen! Denn jeder/jede von uns gerät in Fahrwasser, die der Korrektur oder gar der Umkehr bedürfen. Wenn wirklich einmal jemand uns etwas sagt – in der benediktinischen Tradition nennen wir dies die correctio fraterna, die mitbrüderliche Zurechtweisung – wir reagieren Sie dann? Beleidigt, sauer, ablehnend oder gar vorwurfsvoll? Der arme Jeremia wurde gepackt und in Stricken in ein Erdloch hinuntergelassen. Da saß er, in der leeren Zisterne bis zur Brust im Schlamm. Der König war schwach und gab das sogar zu: „Nun, er ist in eurer Hand; denn der König vermag nichts gegen euch.“
 
Liebe Gläubige,
 
auch unsere Bischöfe sind schwach:
  • sie vermögen nichts gegen die gesellschaftlichen Trends zu unternehmen,
  •  sie können keinen davon abhalten, sich von der Kirche abzuwenden, – sie haben keinen Plan, wie in 20 Jahren überhaupt das Gesicht der Kirche von München-Freising aussehen kann.

Auch wir als Pfarrei sind schwach und sehnen uns nach Wegen, um für die Jüngeren passende Orte der Gottesbeziehung zu finden. In einer solchen Situation ist die Initiative von Einzelnen entscheidend. Bei Jeremia war es ein Ausländer aus dem fernen Äthiopien, der am Hof arbeitete. Er ging zum König und sagte: „Erlaub mir, den Jeremia wieder rauszuziehen, sonst verhungert er da unten.“ JEDER und JEDE von uns wir in seinem Leben immer wieder an einen Punkt kommen, an dem wir spüren: „Wenn ich da jetzt nichts unternehme, wer dann?“ Für JEDEN und JEDE von uns gilt das Wort Jesu: „Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. Wir froh wäre ich, es würde in Dir schon brennen!“
 
 
24. Dezember 2018, Kloster Scheyern

Notlösung

Liebe Schwestern und Brüder!

Wenn wir Menschen von Notlösungen sprechen, dann hat das meistens keinen besonders guten Klang. Oft stehen Situationen und Ereignisse im Hintergrund, wo Menschen an Grenzen gekommen sind, wo sie nicht so recht wissen, wie es weitergehen soll oder weitergehen kann. Notlösungen haben mit Provisorien zu tun, mit Situationen, wo man improvisieren oder überbrücken muss. Es gibt halt im Moment nichts Besseres oder man muss eben das Beste aus einer Situation machen.

Genau heute vor 200 Jahren, so wird es erzählt, haben Menschen an einer Notlösung gebastelt. Der Hilfspfarrer Josef Mohr hatte 1816 ein Weihnachtsgedicht verfasst. Zwei Jahre später hat der Dorfschullehrer und Organist Franz Xaver Gruber eine Melodie dazu geschrieben. Was dabei herauskam und 1818 bei der Christmette in Oberndorf bei Salzburg zum ersten Mal aufgeführt wurde, entwickelte sich zu einem Hit, zu einem Welthit, der von Weihnachten nicht mehr wegzudenken ist oder der für manche Menschen der Inbegriff eines Weihnachtsliedes ist: „Stille Nacht, heilige Nacht!“

Dabei scheint es wirklich eine Notlösung gewesen zu sein, denn es heißt, der Blasebalg der Orgel in Oberndorf sei von Mäusen zerfressen gewesen, so dass sie nicht mehr gespielt werden konnte. „Stille Nacht, Heilige Nacht“ wurde mit Gitarrenbegleitung vorgetragen.

Sind Notlösungen wirklich immer so zweitklassig, wie wir das Wort meistens gebrauchen, weil es halt nichts Besseres gibt oder weil man das Beste aus einer ungünstigen Situation machen muss? Oder sind Notlösungen nicht doch die Lösung überhaupt, weil ganz konkrete Not abgewandt und Gefahren gebannt werden?

„Stille Nacht, heilige Nacht“ bringt es bei aller Romantik, die manche auch für Kitsch halten, doch irgendwie auf den Punkt: Christ der Retter ist da. Die Notlösung ist da. Der Erlöser ist da!

Die Notlösung ist da. Der Erlöser ist da! Vielleicht ist das auch ein Grund dafür, warum diese kurze Form des Weihnachtsgeschehens in dem Lied „Stille Nacht, heilige Nacht“ so einen Siegeszug über die Welt angetreten hat, weil darin das Leben und die Sehnsucht der Menschen nach Leben mit wenigen und einfachen Worten zusammengefasst wird. So ist das Leben der Menschen halt, es gibt manchmal nichts Besseres oder wir müssen das Beste aus einer Situation machen, auch wenn wir es uns noch so sehr anders wünschen.

Das Schwierigste dabei ist oft, dass wir uns das zuerst eingestehen müssen. Wir können nicht alles alleine. Wir brauchen Hilfe, wir brauchen Helfer, wir brauchen Retter für unser Leben, nicht nur in medizinischer, in technischer, in psychologischer und physiologischer Hinsicht. Wir brauchen Hilfe und wir brauchen Retter, um wirklich Mensch zu sein: Das Menschsein will gelernt sein und das geht nicht ohne Helfer.

Die Lebensgeschichte unseres Retters, so wie sie uns der Evangelist Lukas überliefert hat und die genauso zu Weihnachten gehört wie „Stille Nacht, heilige Nacht“, ist eigentlich eine Ansammlung von lauter Notlösungen, weil es nichts Besseres gab, und so mussten Menschen das Beste aus der Situation machen: Der Befehl zur Volkszählung. Was machen wir jetzt? Also gehen wir, es wird schon gehen.

Dann steht die Geburt doch unmittelbar bevor. Kein Platz in der Herberge. Was machen wir jetzt? Der Stall, Hauptsache ein Dach über dem Kopf.

Die abgelegene Gegend, keine Helfer in Reichweite. Was machen wir jetzt? Nur die Hirten, es wird schon klappen.

Der Retter weiß um die Not und die Nöte der Menschen, er weiß es aus ganz eigener Erfahrung, Er hatte ja keinen
glanzvollen Start ins Leben, und auch sein Lebensende war nicht gerade rühmlich. Der Retter weiß auch um unsere ganz persönlichen Nöte, selbst wenn wir alles tun, damit nichts nach außen dringt, wo unsere Schwächen sind, wo meine wunden Punkte sind, die mir wehtun, die mich schmerzen.

Weihnachten ist nicht bloß das Fest der Liebe, sondern es ist auch ein Fest, wo die Not und die Nöte der Menschen zu Tage treten. Das gilt für die materielle Not, die es auch in unserem so reichen Land Deutschland gibt. Das gilt vor allem aber auch für die seelischen Nöte, wo das Alleinsein besonders spürbar ist, wo Beziehungen auf der Kippe stehen oder zerbrochen sind, wo Menschen den Sinn und das Ziel ihres Lebens aus den Augen verloren haben. Wo ein geliebter Mensch nicht mehr da ist, wo sich Menschen einfach nicht oder nicht mehr freuen können oder wollen. Also alles, was für das gelingende und gelungene Menschsein unabdingbar ist, weit über das bloße Auskommen des Menschen hinaus:
Gemeinschaft. Das ICH braucht immer auch ein DU, sonst bin ich irgendeiner und irgendwann ein Nichts.

Als die Güte und Menschenliebe Gottes, unseres Retters, erschien, hat er uns gerettet – nicht weil wir Werke vollbracht hätten, die uns gerecht machen können, sondern aufgrund seines Erbarmens – durch das Bad der Wiedergeburt und der Erneuerung im Heiligen Geist. So schreibt es der Apostel Paulus in seinem Brief an Titus.

Die wahre Notlösung Gottes für uns Menschen: Christ der Retter ist da. Der Erlöser ist, da! Die Notlösung Gottes. Es gibt wirklich nichts Besseres! Er hat das Beste aus unserem und für unser Leben gemach: Mensch sein und immer wieder „nur“ Mensch sein.

Karl Rahner, ein sehr gescheiter Mensch, hat das so formuliert: Gott hat sein letztes, sein tiefstes, sein schönstes Wort in die Welt hineingesagt. Ein Wort, das nicht mehr rückgängig gemacht werden kann.
Und dieses Wort heißt: Ich liebe dich, du Welt und du Mensch.

Ich liebe Dich! Dass Gott uns liebt und dass wir einander lieben können, das zeigen wir uns heute Nacht und in diesen Tagen, aber hoffentlich nicht nur in dieser Nacht. Christ der Retter ist da. Er ist keine bloße Notlösung. Es gibt nichts Besseres als ihn; und mit ihm können wir das Beste aus unserem Leben machen.
15. August 2018, Kloster Scheyern

Mariä Himmelfahrt 2018

Liebe Schwestern und Brüder!

Ein junger Mann setzte sich an einen Flügel und begann zu spielen und zu singen. Er spielte und sang für seine Freundin oder für seine Frau ein Lied voller Liebe. Dann ist etwas geschehen, was ich nicht für möglich gehalten habe. Die Leute blieben stehen oder schauten von ihren Handys auf.

Das, was ich gerade erzählt habe, hat sich gestern vor einer Woche auf dem Flughafen von Palermo ereignet, wo ich im sog. Niemandsland hinter der Sicherheitskontrolle, zusammen mit vielen anderen Menschen, auf meinen Rückflug wartete. An diesem Ort großer Eile und Hektik, aber irgendwie auch der Langeweile, stand einfach ein Flügel. An diesen Flügel setzten sich immer wieder Kinder, die irgendetwas klimperten oder auch andere Menschen, die ein paar Takte spielten. Bis dann dieser junge Mann kam und plötzlich für eine Unterbrechung sorgte mit seinem Lied voller Liebe. Als er zu Ende gespielt und gesungen hatte, brandete Applaus auf und der junge Mann verschwand mit seiner Partnerin im Gewühl der Menschen. Zurück blieben Menschen mit einem irgendwie verzauberten Gesichtsausdruck, denn sie hatten ein Lied voller Liebe gehört.

Ein Lied voller Liebe lässt Menschen innehalten. Ein Lied voller Liebe lässt Menschen aufschauen.

Gerade haben wir den Text eines Liedes gehörte, das zum Lied der Gemeinschaft der Kirche geworden ist, weil es beim
täglichen Abendgebet gesungen wird: Das Magnifikat. Dieses Magnifikat ist ein Lied, das die Komponisten zu jeder Zeit angeregt hat, es zum Klingen zu bringen und eine Melodie dafür zu schreiben. Das Magnifikat ist ein Lied voller Liebe, das Menschen zum Innehalten und zum Aufschauen einlädt.

Maria singt dieses Lied auf einen großen Gott, weil sie etwas empfindet, sie fühlt sich geliebt: Großes ist an mir
geschehen. Auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut: Ich werde Leben auf diese Welt bringen. Ich darf Leben zur Welt bringen. Leben, das die Welt verändern wird.

Als Maria dieses Lied singt, hat sie noch keine Ahnung, wie dieses neue Leben die Welt und ihr eigens Leben verändern wird. Maria erleidet ein Schicksal, das bis heute immer wieder Mütter/Eltern mit ihr teilen müssen, nämlich den eigenen Kindern ins Grab zu schauen. Das ist eine Erfahrung, die die Vorstellungskraft von uns Menschen eigentlich übersteigt und die doch immer Menschen unvorbereitet trifft. Es ist eine Erfahrung, die das sog. Hohelied, ein Lied voller Liebe durch und durch, in der Bibel im 8. Kapitel so beschreibt: Stark wie der Tod ist die Liebe!

Immer am 8. August wird diese Erfahrung in der Nachbarschaft meines Elternhauses besonders spürbar. Es jährt sich der Todestag vom Andreas, der bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen ist. Heuer war es zum 10. Mal. Das ist immer ein ganz besonderer Tag. Es ist ein Tag der Trauer, an dem die Herzen sehr schwer werden, weil das Geschehen von damals immer wieder aufbricht. Es ist aber auch ein Tag der Liebe. Jedes Jahr steht an der Unfallstelle ein Strauß roter Rosen. Und die Eltern, die Gudrun und der Bernhard, leben immer mehr von der Hoffnung, dass sie ihren Sohn wiedersehen werden, dass sie mit ihrem Sohn leben werden.

Liebe Schwestern und Brüder, diese Hoffnung, aus der Menschen bis heute leben und manchmal auch leben müssen, ist der Ursprung des heutigen Festes Mariä Himmelfahrt. Stark wie der Tod ist die Liebe. Diese innige Beziehung, die Maria zu ihrem Sohn Jesus hatte, kann und konnte gar nicht anders, als daran zu glauben, dass Maria nicht im Tod bleiben wird, dass sie einander wiedersehen werden, dass sie miteinander leben werden. Im Tagesgebet zum heutigen Fest heißt es: Gott, du hast die selige Jungfrau Maria, die uns Christus geboren hat, vor aller Sünde bewahrt und sie mit Leib und Seele zur Herrlichkeit des Himmels erhoben.

Mit Leib und Seele ist nicht einfach ein Körper und ein Geist gemeint, sondern mit Leib und Seele ist das Leben in der Gesamtheit, mit allem, was es ausgemacht hat, gemeint. Ein solches Leben kennt nicht nur Sonnenseiten, sondern auch Schattenseiten. Ein solches Leben kennt den Erfolg und den Misserfolg, es kennt die Hoffnung und die Enttäuschung. Ein solches Leben kennt viele Fragen, die noch offengeblieben sind.

Ein Text von Dom Helder Camara fasst die Zwiespältigkeit allen menschlichen Lebens so zusammen:

Ich denke an die Menschen,
die das Ave Maria vergessen haben,
die es für lächerlich halten,
dich anzurufen.
Ich denke an die Menschen, die mit Gleichgültigkeit
und voll Verachtung
auf dein Bild schauen…
Sind sie unglücklich?
Du bist die Mutter der Unglücklichen.
Sind sie Sünder?
Du bist die Zuflucht der Sünder.
Haben sie dem Heil den Rücken gekehrt?
Du bist die Pforte des Himmels.

Meine Seele preist die Größe des Herrn und mein Geist jubelt über Gott meinen Retter. Lasst uns am heutigen Tag dieses Lied voller Liebe singen. Wir halten inne und dürfen aufschauen zu einem Gott, der uns annimmt und aufnimmt, so wie wir sind, denn er ist auch unser Retter!

Bibelstellen: 1. Kor. 15,20-27a und Lk. 1,39-56

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• Pfingsten 2018
Abt Markus Eller OSB
mehr

20. Mai 2018, Kloster Scheyern

Pfingsten 2018

Liebe Schwestern und Brüder!

Sie haben JA gesagt. Mit diesen wenigen Worten wurde und wird ein Ereignis zusammengefasst, das gestern durch die Medien ging und viele Menschen auf der ganzen Welt in den Bann gezogen hat. Ich denke, die meisten wissen, was ich meine: Die Hochzeit von Prinz Harry und Maghan Markle. Viele schöne und farbenfrohe Bilder gingen um die ganze Welt und haben Menschen bezaubert und verzaubert.

Neben den Bildern gab es aber auch einige Worte, die Menschen vielleicht ganz unerwartet getroffen haben. Die Predigt bei der Hochzeit hielt der anglikanische Bischof von Chicago, Michael Curry, der schon allein durch seine begeisterte Art zu predigen, Menschen aufgerüttelt hat. Es war für mich interessant, als ich gestern bei einer langen Autofahrt hörte, wie in den Nachrichten immer wieder ein Ausschnitt aus seiner Predigt zitiert wurde. Anscheinend haben diese Worte auch die Macher bzw. Auswähler der Nachrichten fasziniert, so, dass sie diese für bemerkenswert hielten.

Der Bischof sagte: Wir müssen die Macht der Liebe entdecken, die erlösende Macht der Liebe. Wenn wir das tun, dann
machen wir aus dieser alten Welt eine neue Welt.

Für manche waren das anscheinend ungewöhnliche Worte, wahrscheinlich dadurch, wie sie gesagt wurden, von wem und in
welchem Kontext sie gesprochen wurden. Neu aber sind diese Gedanken eigentlich nicht. Sie sind aber irgendwie in
Vergessenheit geraten und wurden gestern an prominenter Stelle hervorgehoben: Wir müssen die Macht der Liebe entdecken, die erlösende Macht der Liebe. Wenn wir das tun, dann machen wir aus dieser alten Welt eine neue Welt.
Am heutigen Pfingstfest spielt das auch eine Rolle, wird doch um den Geist gebetet und gebeten, der das Gesicht der Erde erneuern soll und kann, der aus einer alten Welt eine neue Welt macht und machen kann. Im heutigen Tagesgebet ist es so formuliert: Und was deine Liebe am Anfang der Kirche gewirkt hat, das wirke sie auch in den Herzen aller, die an dich glauben.

Liebe Schwestern und Brüder, der Geist wird oft beschrieben als Macht und als Kraft. Er wird mit verschiedenen Zeichen in Verbindung gebracht, wie Feuer, Wind und Sturm oder mit der Taube, die dann zur Heilig-Geist-Taube wird. Für mich aber ist der Geist in erster Linie eine Atmosphäre. Eine Atmosphäre kann man nicht unbedingt immer sehen, aber man kann sie sehr wohl spüren.

Von einer ganz bestimmten Atmosphäre haben wir heute im Evangelium gehört. Es war die Atmosphäre am Anfang der Kirche. Es ist eine Atmosphäre, die nicht unbedingt schön und angenehm ist. Es ist eine Atmosphäre, in die Menschen immer wieder geraten. Es ist die Atmosphäre der Angst und der Verzagtheit.
Die Jünger sperren sich ein. Als die Jünger aus Furcht vor den Juden die Türen verschlossen hatten, kam Jesus trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen Friede sei mit Euch. Zweimal muss Jesus das zu den verängstigten Jüngern sagen, dann wandelt sich die Atmosphäre. Obwohl es nicht dasteht, sperren die Jünger die Türen wieder auf. Wenn sie das nicht getan hätten, dann stünden wir heute nicht hier.

Und was deine Liebe am Anfang der Kirche gewirkt hat, das wirke sie auch in den Herzen aller, die an dich glauben. Wenn sich die Atmosphäre ändert oder wandelt, dann finden Menschen wieder zueinander und Menschen finden wieder zu sich. Wenn Sie so wollen, dann könnte man auch sagen, sie haben „JA“ gesagt, weil ein anderer zu ihnen „JA“ gesagt hat: Empfangt den Heiligen Geist.

Überall, wo Menschen Ja sagen können, ja zueinander und zum Miteinander, ändert sich die Atmosphäre, dann wird es eine ganz besondere Atmosphäre.

Gestern nun hat Prinz Harry geheiratet. Ich weiß, er ist schon eine schillernde Figur. Er hat das auch ausgekostet und auch ausgereizt. Ich denke aber, dass es in seiner Lebensgeschichte auch Momente gibt, wo er sich am liebsten
eingesperrt hätte und vielleicht auch eingesperrt hat, weil die Öffentlichkeit gnadenlos sein kann und auf persönliche Gefühle keine Rücksicht nimmt, sondern sie vermarktet. Ich habe vor kurzem gelesen, in einem Interview habe er gesagt, dass er sich seit dem Tod der Mutter abgewöhnt hat, in der Öffentlichkeit zu weinen. Gestern hat er nun in aller Öffentlichkeit JA gesagt, und ich glaube, es ist ihm schwergefallen, seine Gefühle zu verbergen.

Wir müssen die Macht der Liebe entdecken, die erlösende Macht der Liebe. Wenn wir das tun, dann machen wir aus dieser alten Welt eine neue Welt. Diese Worte und die entsprechenden Bilder haben gestern Menschen berührt und ihnen vielleicht auch Mut gemacht, „JA“ zu sagen zu sich und auch anderen Menschen. Das ist die Chance aus einer alten Welt immer ein Stück eine neue Welt zu machen.

Lasst uns miteinander leben,
fröhlich nehmen,
fröhlich geben.
Lasst und gedenken,
lasst uns danken
jetzt und hier.

Heute feiern wird deine Geisteskraft,
die uns stark macht,
die uns schön macht,
die uns gut macht,
die uns klug macht,
die uns Mut macht:
zu beginnen
mit dir.

Denn was deine Liebe am Anfang der Kirche gewirkt hat, das wirke sie auch heute in den Herzen aller, die an dich
glauben. Und das Gesicht der Erde wird neu!

So wünsche ich uns ein bezauberndes und verzauberndes Pfingstfest in einer guten Atmosphäre.

Amen!

Bibelstellen: Apg. 2,1-11 und Joh. 20,19-32
Ostern 2018

Liebe Schwestern und Brüder!

Heute ist ein gefährlicher Tag. Haben Sie es schon bemerkt? Heute ist der 1. April, also ein Tag, an dem sich Menschen auf den Arm nehmen, indem sie einander in den April schicken, wie wir sagen. Wir tischen einander Dinge auf, die nicht wahr oder nur „halbwahr“ sind und wo am Schluss die Auflösung lautet: April, April.

Vielleicht ist Ihnen jetzt ein Licht aufgegangen, weil Sie schon jemand in den April geschickt hat. Oder haben Sie noch einen Aprilscherz in Erinnerung? An eine Sache kann ich mich noch gut erinnern, obwohl sie schon 31 Jahre zurückliegt.

Bis heute weiß ich allerdings nicht, ob es überhaupt ein Aprilscherz war oder nicht. Es war bei der Bundeswehr, als die ganze Kaserne am Morgen des 1. April 1987 auf dem Appellplatz antreten musste, weil sich der General angesagt hatte. Er kam aber nicht! Er kam erst am nächsten Tag, am 2. April! Aprilscherz oder Irrtum? Eigentlich ist es ja auch egal.

Es ist gar nicht so ganz klar, woher dieser Brauch, dass man einander in den April schickt, genau kommt, der in ganz
Europa verbreitet ist. Es gibt verschiedene historische Anhaltspunkte, so wie etwa bei dem oben beschriebenen
Aprilappell oder die Fertigstellung des Berliner Flughafens, wo etwas eben nicht eingetreten ist. Es könnte aber auch damit zu tun haben, dass der 1. April als „Unglückstag“ galt; aber auch ein Zusammenhang mit dem wechselhaften Wetter des April ist nicht auszuschließen.

In diesem Jahr fällt Ostern auf den 1. April. Irgendwie ist es eigenartig und irgendwie auch egal. Auf der anderen Seite tun sich Menschen schon schwer mit der Botschaft des heutigen Tages und der Vergleich mit einem Aprilscherz ist für einige nicht so ganz weit hergeholt.

Der Apostel Paulus macht sich in seinem 1. Brief an die Korinther über das, was wir heute feiern, tiefe und auch sehr ernste Gedanken: Wenn aber Christus nicht auferweckt worden ist, dann ist euer Glaube nutzlos und ihr seid immer noch in euren Sünden und auch die in Christus Entschlafenen sind dann verloren. Wenn wir unsere Hoffnung nur in diesem Leben auf Christus gesetzt haben, sind wir erbärmlicher dran als alle anderen Menschen. Es steht mit dem heutigen Tag und dem, was wir damit verbinden, schon etwas auf dem Spiel.

Für Paulus steht aber eines fest: Nun aber ist Christus von den Toten auferweckt worden! Für Paulus gibt es kein Zurück und kein Dranvorbei. Christus ist von den Toten auferweckt worden! Und deshalb hat er sein Leben radikal verändert.

Der Apostel Paulus ist ein Zeuge der Auferstehung. Er hat etwas erlebt und erfahren, was ihn anders leben ließ, was ihn anders sehen ließ, was ihn anders lieben ließ.

Die Botschaft der Auferstehung ist untrennbar mit solchen Zeugen verbunden, mit Menschen, die etwas erlebt und erfahren haben, dass sie leben und auch sterben konnten und sich von anderen durchaus unterschieden haben.

Im Evangelium haben wir von Maria von Magdala gehört, die etwas erlebt und erfährt, auf dem Friedhof und am Grab, was ihr Leben total verändert hat. Sie ist sozusagen die erste Zeugin der Auferstehung. Diese Reihe der Zeugen der Auferstehung hat sich seitdem bis in unsere Tage fortgesetzt. Vielleicht kennen Sie auch Menschen, wo man sich fragt, warum lebt der so, was gibt ihm dazu die Kraft. Das können auch sehr unscheinbare Menschen sein. An einen Menschen, den viele gekannt haben, möchte ich hier an dieser Stelle kurz erinnern, weil er mich fasziniert hat: Es ist Kardinal Lehmann, der vor drei Wochen verstorben ist. Er war sehr fleißig und sehr humorvoll. Er ließ sich durch Enttäuschungen auch in der Kirche nicht entmutigen. In seinem geistlichen Testament bringt er es auf einen ganz einfachen Nenner: Auf Wiedersehn! So sagt er.

Liebe Schwestern und Brüder, der auferstandene Jesus schickt niemanden in den April, er geht vielmehr mit Menschen „in den April“. Er geht mit den Menschen auch in die Enttäuschungen, ohne sie zu verlachen oder zu verspotten.

Man kann Menschen nur deshalb in den April schicken, weil unser Leben auch immer zu einem Teil aus Sehnsüchten und
Hoffnungen besteht. Menschen sind dann durchaus bereit auch „Unglaubliches“ zu glauben. Das kann auch ausgenutzt,
schamlos ausgenutzt werden. Am Ende steht die Enttäuschung.

Ein guter Aprilscherz ist, wenn man am Ende darüber lachen kann. Das wird aber nicht bei jedem Scherz gelingen und schon gar nicht im Leben. Das Leben der Menschen besteht auch zu einem großen Teil aus tiefen und verletzenden Enttäuschungen, wo Menschen auf der Strecke bleiben oder geblieben sind.

Jesus geht mit den Menschen den Weg der Enttäuschungen. Er geht mit den Menschen den Weg durch die Enttäuschungen. Das zieht sich wie ein roter Faden durch alle Begegnungen mit dem Auferstandenen, die wir in den nächsten Wochen hören werden.

Die größte Enttäuschung für uns Menschen ist es, wenn ich am Ende sagen muss: So das war‘s, und eigentlich war alles
umsonst. Die Botschaft der Auferstehung heißt deshalb auch: Das war‘s nicht einfach und es war schon gar nicht umsonst. Jedes Leben ist kostbar und wertvoll und jedes Leben hinterlässt Spuren, auch wenn niemand mehr darüber spricht.

Das ist nicht eine Umkehrung der Wirklichkeit, sondern eine andere Sicht der Wirklichkeit.

Feiert Ostern, feiert den Auferstandenen, denn das Kreuz ist nicht mehr der Schlüssel, der alles versperrt. Gott hat ihn umgedreht, damit wir offene Türen finden.

Feiert Ostern, feiert den Lebendigen, denn der Tod ist nicht mehr die Furcht vor dem Nichts. Gott hat ihm den Stachel genommen, damit wir volles Leben finden.

Feiert Ostern, feiert den Verklärten, denn die Wunden sind nicht mehr Zeichen der Ohnmacht. Gott hat sie zum Schmuck des Siegers erklärt, damit wir feiern können.

Feiert Ostern, feiert den Sieger, denn das Grab ist nicht mehr die letzte Stätte des Menschen. Gott hat es aufgesprengt, damit wir eine Heimat im Himmel finden.

April, April. Das ist die Auflösung eines Aprilscherzes.

Christus ist auferstanden. Er ist wahrhaft auferstanden! Das ist der Inhalt des Osterfestes, auch wenn es – wie in diesem Jahr – auf den 1. April fällt.
01. April 2018, Kloster Scheyern

Osternacht 2018


Liebe Schwestern und Brüder!

„Pater Wolfgang, kennen Sie das älteste Phantasie-Buch der Welt?“ Diese Frage hat mir vor ein paar Tagen einer unserer Ministranten gestellt. Und es war klar, worauf diese Frage abzielte: Das älteste Phantasiebuch der Welt kann nur die Bibel sein. Warum? Weil in ihr Dinge erzählt werden, die nicht einfach so stattgefunden haben wie sie erzählt werden, die historisch nicht so sicher sind, die nicht einfach greifbar sind – Phantasie halt, also nicht wirklich. Ich mag es, wenn Kinder und Jugendliche sich mit solchen Fragen beschäftigen, wenn sie erkennen, das ist nicht alles so glatt und einfach und wenn sie den Mut haben zu fragen und durchaus ein bisschen zu provozieren. Dann kann man nämlich antworten, etwas erklären und ins Gespräch kommen. Schade ist es allerdings, wenn danach kein wirkliches Gespräch mehr zustande kommt, wenn die neue Erkenntnis dann absolut gesetzt wird, also in dem Fall: Die Bibel erzählt Phantasiegeschichten, das ist alles nicht wahr, und darum war´s das denn wohl auch für mich mit der Bibel und mit meinem Glauben. Schade, wenn man es so abtut, auch darum, weil man Phantasie so nur als „nicht wirklich“ oder „nicht wahr“ übersetzt. Die großen Denker sagen uns viel mehr über Phantasie: Sie sprechen von einer kreativen Fähigkeit des Menschen; Phantasie ist eine sprachliche und logische Leistung; Wer phantasiert, verknüpft Erinnerungen und Vorstellungsbilder, schafft Zusammenhänge; die Phantasie befähigt uns, innere Bilder und damit eine Innenwelt zu erzeugen, Phantasie ist die Voraussetzung für Empathie, die Voraussetzung, sich in andere Menschen hinein zu fühlen; Phantasie ist wichtig für Kreativität und Kunst, für zweckgerichtetes Handeln; Wenn ein Handwerker oder Künstler keine Phantasie hat, keine Vorstellung von dem, was er erschaffen will, dann wird er nichts zustande bringen. Die großen Denker sagen uns, dass Wissenschaft und Erkenntnis ohne Phantasie unmöglich sind. Wir sagen, das war phantastisch, wenn es wirklich großartig war, wenn es unsere Erwartungen übertroffen hat. Und eine Liebeserklärung wird wohl sehr nüchtern und pragmatisch daherkommen, wenn sie nicht eine Prise Phantasie enthält. Natürlich gebrauchen wir das Wort Phantasie auch abwertend im Sinn einer Fiktion oder eines Hirngespinstes und wir wissen, dass Phantasie uns dazu verleiten kann, uns selbst und andere zu täuschen. Aber ohne Phantasie möchte und könnte ich vielleicht gar nicht leben. In diesem Sinn ist die Bibel ein Phantasie-Buch, ein Lebensbuch, und auch das andere stimmt; vieles, was in der Bibel zu finden ist, ist nicht einfach so platt geschehen; sondern es geht um Bilder und Beschreibungen von viel größerer Dichte und Tiefe. Wir haben das heute in den Lesungen gehört; natürlich ist die Erde nicht so in 7 Tagen entstanden, wie es in diesem Schöpfungsbericht erzählt wird, natürlich hat sich das Meer nicht einfach wie durch Zauberei geteilt, aber dass hier ganz tiefe Themen und Fragen behandelt werden, die Frage nämlich, ob diese Erde und wir Menschen zufällig da sind oder gewollt, ob diese Erde wirklich gut ist; dass es um Themen wie Freiheit und Sklaverei geht, dass es schließlich um Leben und Tod geht und auf welcher Seite Gott dabei steht, das müssen wir doch hören und aufnehmen.

Auch bei den Ostererzählungen könnten wir zielgerichtet auf das Phantastische zusteuern und dann sind wir bei dem Engel, dem jungen Mann im weißen Gewand, der den Frauen verkündet: Jesus ist auferstanden. Aber sicher wären wir dann zu schnell, sicher hätten wir dann das Eigentliche verpasst. „Ihr sucht Jesus von Nazaret, den Gekreuzigten.“ Das ist das Eigentliche, die Frauen sind nicht losgezogen, um ein phantastisches Ereignis zu erleben, Nein, sie sind gegangen, um den Menschen zu betrauern, der mit ihnen gelebt hat, den sie verehrt haben, geliebt haben, dem sie nachgezogen waren; Sie wollen trauern und sie wollen diesem Jesus einen Dienst tun, ihn salben, in Würde von ihm Abschied nehmen. Und die wichtigste Frage, die sie bewegt, heißt: Wer könnte uns den Stein vom Grab wegwälzen? Und dieser Stein, da ist sie wieder die Phantasie, ist wie ein äußeres Bild für das, was diese Frauen durchgemacht haben in der letzten Zeit. Sie haben erlebt, was für ein großartiger Mensch dieser Jesus war, was er ihnen gesagt hatte, wie er gelebt hatte, das stimmte einfach, das war echt und wahrhaftig. Und sie haben gemerkt, wie die Erwartungen gewachsen sind bei den einen, sie wollten aus Jesus den machen, der er nicht sein wollte; und wie der Hass gewachsen ist bei den andern; kluge Dinge wurden da gesagt: „Er wiegelt das Volk auf, das kann nicht gut sein“, oder fromme Dinge: „er lästert Gott“ oder „er hält sich nicht an die Gebote.“ Neid war es, weil dieser Jesus geliebt wurde; und Eifersucht, weil er sich nicht für irgendwelche Zwecke vereinnahmen ließ. All das haben die Frauen gesehen und mit durchlitten und konnten nicht helfen, sie waren viel zu schwach, gegen so viel Lügen, soviel Macht und Gottlosigkeit, sie haben Jesus das Kreuz tragen sehen und da ist sie wieder die Phantasie, sie haben gewusst, das war ihr Kreuz, ihre Ohnmacht, ihr Leid, es war ihre Welt, die da wieder einmal durchkreuzt wurde, ihre Hoffnung, die zu Grabe getragen wurde. Sie hatten Jesus das Kreuz tragen sehen; sie haben mitgetragen, sie hatten ihn sterben sehen, hatten keine Zeit gehabt zu einer Verabschiedung, wieviel Zeit hätten sie auch gebraucht für so viel Trauer – Tage, Monate, Jahre? Nein, alles musste schnell gehen, der Sabbat musste gehalten werden, der Tag des Herrn, alles hatte stattzufinden wie immer, das Leben geht schließlich weiter und die Zeit heilt bekanntlich alle Wunden. Die Frauen haben gewusst dass das nicht stimmt, dass diese Trauer bleiben wird, diese Enttäuschung und wenn es noch so viel Unrecht in der Welt geben würde, noch so viel Leid, noch so viel Krieg – hier war ihr persönliches Kreuz, an dem sie selbst weiterleiden würden, vielleicht zerbrechen würden.

Das ist die Situation dieser Frauen am Ostermorgen, und wir sollten diese Situation sehr intensiv wahrnehmen. Wir leben hier in Scheyern mit einer ganz besonderen Beziehung zum Kreuz Jesu. Und es ist am Ende nicht die entscheidende Frage, ob dieses Kreuz wirklich echt ist, ob es das Kreuz ist, an dem Jesus gestorben ist, sondern es ist die entscheidende Frage für uns als glaubende Menschen, ob wir etwas vom Kreuz wissen, vom Kreuz Jesu und vom Kreuz der Menschen damals und heute und von unserm eigenen Kreuz. Und wenn wir etwas wissen vom Kreuz, dann dürfen und dann werden wir auch die Botschaft am Grab anders hören: „Erschreckt nicht, Ihr sucht Jesus von Nazaret den Gekreuzigten, er ist auferstanden.“ Wenn wir etwas vom Kreuz wissen, dann werden wir diese Botschaft anders hören und dann werden wir schon aufmerksam, immer dann, wenn wir merken, da ist ein großer Stein weg gerollt, immer dann, wenn eine festgefahrene Situation doch irgendwie und vielleicht gut weitergeht; Wenn wir, wie diese Frauen, etwas vom Kreuz wissen, dann werden wir nach der Botschaft am Grab dran bleiben, dann werden wir diesen Auferstandenen suchen, in Galiläa, in Scheyern und in anderen Orten, in unseren Familien und Beziehungen Wenn wir etwas vom Kreuz und von der Auferstehung erfahren haben, dann werden wir diese Botschaft glauben können, auch als Hoffnung am Ende unseres Lebens, dann werden wir hoffentlich dem Gekreuzigten und Auferstandenen begegnen und es wird phantastisch sein und alle unsere Erwartungen übertreffen.

Liebe Schwestern und Brüder, in einer Karfreitagspredigt habe ich dieser Tage den Satz gelesen: Die Leidensgeschichte wurde geschrieben, damit die Wahrheit ans Licht kommt – die Wahrheit, die uns befreit. Ich möchte hinzufügen: Auch die Ostererzählungen wurden geschrieben, damit die Wahrheit ans Licht kommt und damit diese Wahrheit uns leuchtet und die Wege durch unser Leben hell macht.

Amen.

Bibelstellen: Mk. 16,1-7
4. Fastensonntag, 18. März 2018

Gerechtigkeit – Recht haben oder recht sein

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn,liebe Scheyrer Pfarrgemeinde,

ein politisches Dauerthema und im politischen Programm aller Gruppierungen enthalten ist das Stichwort
„Bürokratieabbau“. Menschen, Organisationen und sogar Staaten leiden unter der wachsenden Bürokratie und die Flut der Vorschriften ist für viele nicht einmal mehr zu überblicken. Die einen leiden unter der stetig wachsenden Bürokratie, der zunehmenden Flut an Vorschriften und Forderung, weil sie das alles ja irgendwie erfüllen müssen, die anderen, weil sie gefordert sind, alles zu kontrollieren. Erst im Februar letzten Jahres hat unsere bayerische Staatsregierung einen Beauftragten für Bürokratieabbau ernannt. Doch ob damit der Regulierungsflut in unserem Land, in unserer Gesellschaft eine Grenze gesetzt wurde, kann zumindest bezweifelt werden.

Doch was steckt hinter aller Bürokratie, hinter aller Flut an Gesetzen, Verordnungen und Vorschriften?

Letztlich die Sehnsucht, aber auch die Erwartung von uns Bürgern, dass alles gerecht geregelt sein soll, dass es keine Schlupflöcher in der staatlichen Gesetzgebung geben darf und wo solche auftauchen, diese schnellstmöglich geschlossen werden, dass der Staat ein Gemeinwesen bildet und ermöglicht, in dem alle die gleichen Chancen haben sollen. Kurz gesagt: „gerecht“ soll es sein bei uns.

Doch da stellt sich schon die nächste Frage: Was ist gerecht?

Aus dem Gesagten, kann schon auf die Meinung der breiten Öffentlichkeit geschlossen werden. Gerechtigkeit hat mit
Gleichheit und Gleichbehandlung zu tun. Und das ist zweifellos richtig: Für Gerechtigkeit gilt nun mal, dass Gleiches gleich, Ungleiches aber eben ungleich behandelt werden muss. Doch wer oder was besagt, dass Gleiches wirklich gleich ist?

Neigen wir nicht in unserer Gesellschaft der wachsenden Individualisierung dazu, dass eben jeder Einzelfall anders, weil jeder Mensch anders ist?

Bleibt so also nichts anderes übrig, als jeden nur denkbaren Einzelfall zu regeln – also ein fröhliches Weiterso im
Aufbau neuer bürokratischen Vorschriften im Paragraphendschungel.

Dieses Dilemma ist nicht neu und so finden wir bereits in der klassischen Antike im Zusammenhang mit einem Nachdenken, was denn wirklich Gerechtigkeit sei, den Ausspruch „suum cuique“ – „Jedem das seine“. Angestrebt wird dadurch jedem Menschen in seinen Bedürfnissen gerecht zu werden. Das bedeutet nicht, dass jeder das gleiche haben und sein muss, sondern dahinter steht der Wunsch, dass jeder das für ihn Notwendige haben soll. Pervertiert wurde dieser überaus positive Denkansatz übrigens von den Nationalsozialisten, die diesen Spruch „Jedem das seine“ auf der Innenseite des Tores im KZ Buchenwald anbringen haben lassen. Vergessen hat dieses menschenverachtende Regime, dass bereits mit dem wachsen der Bedeutung der einzelnen Person im beginnenden Humanismus vor rund 500 Jahren, die Forderung nach Gerechtigkeit immer im Zusammenhang mit der dazu nötigen Freiheit des Einzelmenschen gesehen wurde.

„Suum cuique“ – „Jedem das seine“ – „Jeder das ihre“ ein durchaus berechtigter Anspruch an Gerechtigkeit, gerade im
Blick auf die Verteilergerechtigkeit, wo manche nicht das Notwendigste zu Leben und andere im Überfluss schwelgen.
(Gerade heute wo wir im Rahmen der Miseriorkollekte zum Teilen mit unseren Mitmenschen in Schwarzafrika aufgerufen sind, mag uns das eine Herausforderung sein) „Suum cuique“ ein Ansatz für eine gerechtere Welt, doch – bereits für die Denke des Mittelalters – eine in der alltäglichen Wirklichkeit nicht zu erfüllende Forderung, da eine Festlegung auf das wirklich Notwendige, kaum leistbar erscheint.

So setzte sich schon im Mittelalter der Ansatz durch, dass „Gerechtigkeit“ letztlich keine menschliche, keine irdische, sondern eine göttliche Tugend sei.

Ohne Ihnen, liebe Schwestern und Brüder, das Nachdenken der dazwischenliegenden Jahrhunderte vorenthalten zu
wollen, bringt doch ein solcher Ansatz, nicht eine Ausflucht in Untätigkeit und ein Denken, dass man ja doch nichts tun kann, sondern vielmehr deutlich religiöse Vorstellungen mit ins Spiel: Gerechtigkeit bleibt zu erstreben, doch wahre Gerechtigkeit gibt es nicht auf Erden, sondern die kann nur Gott schenken.

Und wirklich – bereits zu den Urerfahrungen des Gottesvolkes Israel gehört, dass Gott nicht einfach gleich handelt,
sondern – wie in der ausgewählten Lesung aus dem Buch Exodus gehört – einen Unterschied macht. Und wenn da dann auch noch gilt, dass Gott nicht auf das Äußere schaut, sondern auf das Herz (vgl. 1. Sam 16,7), wenn vor Gott die inneren Beweggründe zählen, dann finden wir hier wirklich den Ansatz wahrer Gerechtigkeit, dann geht es plötzlich nicht mehr um „Recht haben“, sondern um „recht sein“.

Diese wahre Gerechtigkeit beginnt nach Jesu Worten im heutigen Evangelium zwar schon „jetzt“, doch die damit verbundene Erwartung wird sich, wie es sich etwa in der großen Weltgerichtsrede des Evangelisten Matthäus (Mt 25) gezeigt, erst in der jenseitigen Welt vollenden. Und in diesem Zusammenhang ist es gut darauf zu vertrauen und darum zu wissen, dass „Gerechtigkeit“ zwar eine Kategorie göttlichen Handelns ist und bleibt, aber dass für Gott darüber hinaus – wie es Jesus nicht müde wird in wunderbaren Bildworten, wie etwa dem des barmherzigen Vaters (vgl. Lk 15) zu betonen – Barmherzigkeit das Wesen Gottes entscheidend ausmacht.

Nun sei – zumindest am Rande – auch auf die durchaus zurückhaltende Haltung Jesu gegenüber der Gesetzesfrömmigkeit
seiner Zeit hingewiesen. Im geht es ja nicht um äußere Vorschriften, sondern um das „Erfüllen“ (vgl. Mt 5,17).

Hier könnte nun doch die Brücke zurück in unsere heutige Welt mit ihren täglichen Aufgaben und Herausforderungen zu
finden sein. Vielleicht müssen auch wir wieder mehr lernen, auf den Geist, auf die Absicht hinter so manchen
gesetzlichen Regelungen zu achten. Gerade das könnte dann so mache bürokratische Vorschrift, eben ein wenn dann und dies in folgendem Zusammenhang, unter Berücksichtigung dieses und jenes in Anbetracht diverser weiterer Bedingungen …, ersparen.

Dies bedingt dann freilich, dass wir Menschen und dass unser Gemeinwesen wieder mehr auf Herzensbildung, denn auf
allerlei verschriftlichte Vorschriften und Regelungen setzt.

Vielleicht finden sich in unserer Hauskapelle mitten im Wohnbereich unserer Klostergemeinschaft nicht umsonst im Stuck der Decke die vier klassischen Kardinaltugenden geformt: Neben der Gerechtigkeit, die Klugheit, die Tapferkeit und die Mäßigung.

Wenn wir in den vergangenen Sonntagen der Fastenzeit darüber nachgedacht haben, möge es uns allen zum Segen und ein
Ansporn dafür sein worum es wirklich geht: nicht Recht haben, sondern recht sein; nicht einfach voller Wissen, sondern klug handeln; in der Tapferkeit immer auch Sieger und Verlierer wissen und in allem, wie es gerade der Hl. Benedikt fordert, im rechten Maß handeln.

Amen.

Bibelstellen: Ex. 11,1;7-8 und Joh. 12,20-33
3. Fastensonntag, 11. März 2018, Kloster Scheyern

Klugheit – Praxis oder Wissen

„Quidquid agis, prudenter agas et respice finem“ – „Was du auch tust, tue es klug und achte auf den Ausgang“.
Das vielzitierte lateinische Sprichwort, eine Anleitung zum klugen, weitsichtigen Handeln stelle ich an den Anfang
meiner Fastenpredigt zum Thema „Klugheit“.

1. Im Katalog der vier Kardinaltugenden hat die Klugheit eine Vorrang- und Leitstellung inne. Sie gilt in der antiken Philosophie als „Wagenlenkerin der Tugenden“ (auriga virtutum), als Steuerungsprinzip der anderen Tugenden, als die von der menschlichen Vernunft bestimmte Ursache allen sittlichen Handelns. Klugheit definiert die griechische Philosophie als die Fähigkeit des Menschen, mit seinem Verstand Gutes vom Böses zu unterscheiden. 2Sokrates formuliert ganz optimistisch: „Wer etwas als gut erkennt, wird dies daher auch tun“. Sein Schüler Platon bestimmt daher die Klugheit als „Wissen vom Guten und Bösen, das notwendig zu richtigem Handeln führt“ (Protag. 352c).

Klugheit im Sinn der klassischen Antike ist daher immer „Wissen und Praxis“, Wissen, das in sittliches Handeln übergeht. Nie steht Klugheit und Wissen für sich, nie ist Wissen oder Wissenserwerb Selbstzweck, nie ist Wissen und Praxis ein Gegensatz oder eine Alternative, wie es der Untertitel meines Themas zu unterstellen scheint; Wissen und Praxis bilden eine feste Einheit. Man erwirbt sich Wissen, um klug zu handeln.

Aristoteles nennt die Klugheit die „praktische Verstandestugend“ (Nikom. Eth. 2,2.6) und kennzeichnet sie als die
intellektuelle Fähigkeit des Menschen, die Ziele für das richtige Handeln sowie die Mittel zu ihrer Verfolgung zu
erfassen und festzulegen.

Mit dieser Verstandestugend der Klugheit gestalten wir Menschen im idealen Sinn sowohl unser individuell-persönliches Leben als auch unser gesellschaftlich politisches Leben. Dies ist der Bereich der praktischen Lebens- oder Alltagsklugheit: Sie befähigt uns, mit gesundem Menschenverstand uns in der Welt zurechtzufinden und uns durchzusetzen.

Zu solcher praxisorientierten Klugheit gehören Haltungen wie Voraussicht, Findigkeit, Scharfsinn, Erfolgsorientiertheit. Die Grenzen zum Negativen sind dabei durchaus fließend, denn schnell paart sich solche Lebensklugheit mit Gerissenheit, Schlauheit, Raffinesse, mit allem, was wir mit dem engl. „cleverness“ umschreiben. Aber insgesamt ist die antike philosophische Tugendlehre optimistisch ausgerichtet. Sie ist überzeugt, dass die Aufgabe der Lebensbewältigung vom Verstand und seiner Unterscheidungsgabe gelöst werden kann. Klugheit wird daher auch zur deutlichsten Ausdrucksform der sittlichen Autonomie, der moralischen Selbstbestimmtheit des Menschen aufgrund seiner Vernunft.

2. Wesentlich skeptischer bewertet die Bibel, v.a. das Alte Testament die menschliche Klugheit und die Fähigkeit des Menschen, allein mit Erkenntnis und Verstand das Rechte zu tun. Biblische Texte sehen realistisch, durchaus wirklichkeitsbezogen, die Grenzen menschlichen Erkenntnisvermögens und betonen immer wieder die Ambivalenz und Doppelbödigkeit aller menschlichen Handlungen und Entscheidungen.

2.1 Am deutlichsten wird diese biblische Skepsis an der menschlichen Klugheit in der Paradieses- und Sündenfallgeschichte spürbar, aus der wir in der 1. Lesung hörten: Die Schlange als klügstes der Tiere verspricht der Frau im Paradies drei intellektuelle Fähigkeiten: „Das Aufgehen der Augen“ (=Erkennen), die Unterscheidungsfähigkeit zwischen „Gut und Böse“, und das „Sein wie Gott“, einen gottgleichen Status. Doch nach der Übertretung des göttlichen Gebots, nach dem Essen von der verbotenen Frucht erkennt das Menschenpaar lediglich, dass es nackt und ungeschützt ist und des göttlichen Schutzes bedarf. Der Erzähler hat damit ein Eingeständnis der Gebrochenheit und Zwiespältigkeit menschlicher Verstandesfähigkeit abgelegt und damit realistisch bekundet, dass die menschliche Entscheidungsfreiheit auch zu falschen und schädlichen Entscheidungen führen kann – der Preis des freien, vom Verstand gelenkten Willens des Menschen.

Wer könnte diese auch von der Bibel mitgeteilte Erfahrung besser nachvollziehen als wir Menschen des technischen
Zeitalters. Denn alle modernen Leistungen und Erfolge menschlicher Klugheit entwickeln neben ihren großen Vorteilen und Errungenschaften auch gefährliche Potentiale für Mensch und Umwelt: Ich nenne nur drei Beispiele: Die Spaltung es Atomkerns, alle Errungenschaften der technischen Mobilität, die Chancen und Gefahren des Internet.
Zurück zur Klugheit in der Bibel: Wenn die alttestamentliche Weisheitsliteratur menschliche Klugheit häufig rühmt und sie in Kontrast zur Torheit setzt, dann nur, weil Klugheit Gabe Gottes ist und bloß einen Anteil an der göttlichen Weisheit darstellt. Nur aus dem Glauben an Gott und im Annehmen seiner Gebote kann der Mensch Klugheit und Weisheit erreichen und das Gute tun. Programmtisch ist diese Auffassung im Psalmenwort formuliert: „Der Anfang aller Weisheit ist die Gottesfurcht“ (Ps 111,10).

2.2 Da kommt das Urteil des heutigen Evangeliums überraschend: Jesus rühmt die Klugheit des ungerechten Verwalters und stellt seine Gerissenheit, sogar seine krummen Touren als Vorbild hin. Jesus vermisst solche Klugheit bei den „Kindern des Lichts“, findet sie aber bei den „Kindern dieser Welt“. Bei ihnen können seine wohl oft zu naiven Jünger, später die zu naiven Glieder der christlichen Gemeinde mehr Gerissenheit, Voraussicht, Zukunftsplanung und Weitsicht lernen. Und diese Weltklugheit hält Jesus für alle nötig, die zum Reich Gottes gehören wollen. Denn dieses Reich der Zukunft, diese ersehnte neue menschliche Gesellschaft braucht Menschen mit Weitsicht und Perspektive, Menschen, die über den eigenen Horizont hinausschauen können, die nicht nur an das Heute denken, sondern gezielt auch die Eventualitäten der Zukunft einplanen. Auch das gehört zur Klugheit im biblischen Sinn. Und da dürfen wir Christen bei der so viel geschmähten Welt und ihrem Handeln in die Schule gehen: „Seid klug wie Schlangen…“, ist auch ein Rat Jesu (Mt 10,16).

So verweisen uns die für den heutigen Sonntag gewählten Bibeltexte sowohl auf die Grenzen als auch auf die Chancen der Klugheit, des vom Verstand gelenkten Handelns des Menschen.

3. Wie wir Klugheit konkret leben und in kluges Handeln umsetzen können, dafür entnehme ich Anregungen aus der Kunst. Sie liebt es, die vier Kardinaltugenden als personifizierte Allegorien darzustellen, meist als große, schöne
Frauenfiguren, die typische Attribute in Händen halten. Solche auffälligen Tugendallegorien finden sich vielfach in
unseren Kirchen, gerade wenn sie vom Barock geprägt sind (wie die Deckengemälde in Ottobeuren und Niederaltaich); dabei werden die vier Kardinaltugenden gerne mit den drei göttlichen Tugenden (Glaube, Hoffnung, Liebe) verbunden, so dass im Tugendkatalog die heilige Siebenzahl erreicht ist.

Bei solchen allegorischen Figuren der Tugenden trägt die „Klugheit“ dreierlei Attribute: Ein Buch, einen Spiegel, einen Kopf, der mit zwei Gesichtern nach zwei Seiten schaut. Diesen drei Attributen möchte ich Anregungen für unser Leben und Handeln in Klugheit entnehmen:

-Das Buch: Es steht für die Notwendigkeit des stetigen Erkenntniszuwachses, im Dienst der immer gebotenen
intellektuellen Horizonterweiterung. Man kann nie genug wissen, man lernt ein Leben lang und erhält sich im lernenden Lesen die Fähigkeit des Staunens über die Fülle des Weltwissens. Natürlich mehren wir unser Wissen vor allem deshalb, damit wir wohlinformiert und besser begründet in Klugheit handeln und entscheiden können.

-Der Spiegel: In der Hand der „Frau Klugheit“ steht er für die Selbsterkenntnis, die erste Voraussetzung für kluges
Handeln. Selbsterkenntnis bewahrt uns davor, uns zu übernehmen, über unsere Möglichkeiten zu gehen, mehr in Angriff zu nehmen, als wir vermögen. Selbsterkenntnis lässt uns im Rahmen unserer Grenzen und Möglichkeiten handeln. Die Aufforderung Gnothi seauton, nosce te ipsum stand als Motto und Leitsatz auf einer Säule in der Vorhalle des Apollotempels in Delphi; es soll der Orakelspruch für einen König gewesen sein, der anfragte, was die Menschen als
erstes lernen sollten. Sich selber richtig einzuschätzen, was wir im Rahmen unserer Möglichkeiten leisten können, ist eine wesentliche Voraussetzung für kluges Handeln.

– Der doppelgesichtige Kopf in der Hand der „Frau Klugheit“ ist der Hinweis auf den römischen Gott Janus. Als Gott der Türen und Tore, der Schwellen und Übergänge schaut er nach zwei Seiten: Nach vorne und zurück, in den bisherigen Raum und in einen neuen, in die Vergangenheit und die Zukunft. Mit diesem Attribut gehört zur Klugheit auch der Mut, bisherige Räume zu verlassen, um neue zu betreten und zu erschließen. Dabei ist die Prägung der alten, bisherigen Räume immer mit dabei. Der Januskopf bei der Klugheit kann auch zeitlich gedeutet werden. Klug handeln heißt: Vorausschauen und Zurückschauen. Die Vergangenheit und Geschichte, die uns geprägt haben, dürfen bei unserem Handeln und Entscheiden in die Zukunft hinein nie vergessen werden; sie helfen uns, aus der bisherigen Erfahrung die Zukunft zu gestalten und einmal gemachte Fehler nicht wieder zu begehen. Klughandeln ist wie der Januskopf immer nach beiden Seiten gerichtet: Das Lernen aus der Vergangenheit hilft uns, Zukunft zu gestalten. Was hinter uns liegt, ragt in das Vor-uns-Liegende hinein.

So können uns die reichen und vielfachen Deutungen der „Klugheit“ in Philosophie, Bibel und Kunst anregen und uns
helfen, selber klug zu entscheiden und klug zu handeln. „Quidquid agis, prudenter agas et respice finem“ – „Was du auch tust, tue es klug und achte auf den Ausgang“.

Bibelstellen: Gen. 3,1-7; Eph. 6,13-20; Lk. 16,1-8
2. Fastensonntag, 4. März 2018, Kloster Scheyern

Tapferkeit – Verlierer oder Sieger
Liebe Schwestern und Brüder!

Für unsere Fastenpredigten haben wir uns die Betrachtung der vier Kardinaltugenden vorgenommen. In der vergangenen Woche ging es um die Frage, was sind Kardinaltugenden überhaupt, was meint das Wort und welche Bedeutung können sie für uns haben, und dann ging es um eine solche Tugend: Das Maß. Heute beschäftigt uns ein anderes Wort bzw. eine andere Tugend: Die Tapferkeit. Als ich dieses Thema übernommen habe, musste ich mir zuallererst eingestehen, dass die Vokabel Tapferkeit oder tapfer sein, eigentlich gar nicht zu meinem Wortschatz gehört. Ich kann mich nicht erinnern, einmal zu jemandem gesagt zu haben, das war aber tapfer oder mich selbst so gefühlt zu haben. Tapfer – das Wort selbst erinnert mich zunächst an meine Kindheit, beim Zahnarzt hatte ich viel zu leiden, und der Zahnarzt war ein alter Mann, er hat wohl auch schon mal gesagt, dass ich tapfer gewesen sei, allerdings nicht oft. Ein Wort, das irgendwie mit der Tapferkeit zusammenhängt, und das ich wohl auch verwende, ist das Wort Mut. Und es klingt auch durchaus attraktiver. Ja mutig, das möchte ich schon sein, tapfer – das Wort spricht mich nicht so an.

Bei Wikipedia finde ich eine hilfreiche Erklärung zur Tapferkeit, auch zur Unterscheidung zwischen Tapferkeit und Mut, da heißt es: „Tapferkeit ist die Fähigkeit, in einer schwierigen, mit Nachteilen verbundenen, Situation trotz Rückschlägen durchzuhalten. Sie setzt Leidensfähigkeit voraus und ist meist mit der Überzeugung verbunden, für übergeordnete Werte zu kämpfen. Der Tapfere ist bereit, ohne Garantie für die eigene Unversehrtheit einen Konflikt durchzustehen oder einer Gefahr zu begegnen. Oft – aber nicht notwendigerweise – will er damit einen glücklichen Ausgang herbeiführen. Im heutigen Sprachgebrauch werden „Mut und Tapferkeit“ bisweilen auch als Begriffspaar verwendet, um zwei verschiedene Aspekte einer komplexen Charaktereinstellung zu kennzeichnen.“

Eine schwierige Situation, Nachteile, Rückschläge, Leidensfähigkeit – ich spüre, warum dieses Wort mich nicht so sehr begeistert. Tapferkeit und Mut werden aber auch hier durchaus zusammen genannt, sie sind zwei Aspekte, zwei Seiten einer Wirklichkeit, und hier kommt unsere Unterüberschrift ins Spiel: Sieger oder Verlierer. Tapferkeit ist nicht so sehr der Wagemut, der nach vorne drängt, der offensiv ist, der Erfolg will, der gewinnen will; Tapferkeit ist viel eher der Mut, der auch dann noch bleibt und wirkt, wenn es gar nicht mehr nur ums Gewinnen geht; Tapferkeit kennt Rückschläge, Widerstände, Erfolglosigkeit, und ist der Mut und die Kraft, genau in solch entsprechenden Situationen durchzuhalten, weiterzumachen, dabei zu bleiben, nicht davon zu laufen, übergeordnete Werte zu haben und dafür einzustehen. Ein tapferer Mensch ist niemand, der sein Mäntelchen nach dem Wind dreht, sondern ein Mensch der Tiefe, der seine Überzeugungen hat und für sie einsteht, auch dann noch, wenn es schwierig wird. Der Tapfere ist nicht einfach der Verlierer, aber er kennt die Situation, die nach Verlieren und Verlust aussieht, er kennt die Situationen, in denen alles nach Scheitern und Misserfolg aussieht. Er weiß, und jetzt bin ich wieder bei meiner Zahnarzterfahrung, dass viel gebohrt werden muss und viel auszuhalten, aber, um zu retten, was noch zu retten ist. Das ist Tapferkeit.

Es wird in diesen Tagen oft an den Widerstand der „Weißen Rose“ erinnert, weil es in diesem Jahr genau 75 Jahre her ist, seit der Vollstreckung der Todesurteile an den jungen Menschen. Sie kennen die Geschwister Hans und Sophie Scholl, Christoph Probst und die weniger oft genannten Willi Graf und Alexander Schmorell, die einige Monate später hingerichtet wurden. Diese Menschen waren allesamt keine strahlenden Sieger, sie waren eher Verlierer, sie haben alles verloren, ihr Leben, aber sie waren, das kann man zunächst auch mit Wikipedia sagen: Sie waren tapfere Menschen: Der Tapfere ist bereit, ohne Garantie für die eigene Unversehrtheit einen Konflikt durchzustehen oder einer Gefahr zu begegnen. Er ist überzeugt, für übergeordnete Werte zu kämpfen.

Und wenn wir an diese Menschen denken, können wir hier auch durchaus die Frage stellen, was hat sie dahin geführt, ein Unrechtsregime als solches zu erkennen, und sich unter Lebensgefahr, diesem System zu widersetzen.
Es gibt sehr unterschiedliche Zugänge zu diesen tapferen Menschen, und auch in der sozialistischen DDR gab es in jeder größeren Stadt, eine Straße, die nach den Geschwistern Scholl benannt war. Bei der Namensgebung hatte man sicher nicht ihre christliche Überzeugung im Blick. Aber, so kann man es heute sagen, es lässt sich nicht übersehen, dass das Engagement dieser Menschen, ihr Eintreten für die Wahrheit und für die Menschen gar nicht zu denken ist, ohne diese tiefe Überzeugung. Hans Scholl hatte im Advent 1941, ein halbes Jahr, bevor er im Sommer 1942 die ersten Flugblätter der Weißen Rose verfasste eine einschneidende religiöse Erfahrung gemacht. Darüber schreibt er in einem Brief: „Ich bin erfüllt von Freude, zum ersten Mal in meinem Leben Weihnachten eigentlich und in klarer Überzeugung christlich zu feiern…Ich hörte den Namen des Herrn und vernahm ihn.“ Von Sophie Scholl wissen wir, dass sie eine intensive Beterin war, eine junge Frau, die sich mit den „Bekenntnissen“ des Augustinus auseinandergesetzt hat. In einem Tagebucheintrag vom Sommer 1942 schreibt sie: „Wie ein dürrer Sand ist meine Seele, wenn ich zu Dir beten möchte, nichts anderes fühlend als ihre eigene Unfruchtbarkeit. Mein Gott, verwandle Du diesen Boden in eine gute Erde, …lass die Sehnsucht wachsen nach Dir, ihrem Schöpfer….Ich bin ohnmächtig, nimm Dich meiner an und tue mit mir nach deinem guten Willen.“ Im Abschiedsbrief von Christoph Probst an seine Mutter heißt es: „ …ich danke Dir, dass Du mir das Leben gegeben hast; wenn ich es recht überblicke, so war es ein einziger Weg zu Gott.“ Und fast humorvoll: „Trauert nicht so lange um mich, das würde mir in der Ewigkeit Schmerz bereiten.“ Und dann „Eben erfahre ich, dass ich noch eine Stunde Zeit habe. Ich werde jetzt die heilige Taufe und die heilige Kommunion empfangen. Wenn ich keinen Brief mehr schreiben kann, grüße alle Lieben von mir…Sag ihnen, dass mein Sterben leicht war.“ Im letzten Brief von Alexander Schmorell ist zu lesen: „In wenigen Stunden werde ich im besseren Leben sein, bei meiner Mutter, und ich werde euch nicht vergessen, werde Gott um Trost und Ruhe für euch bitten. Und werde auf Euch warten. Eines vor allem lege ich Euch ans Herz: Vergesst Gott nicht!!!“ Und als Willi Graf, schon zum Tode verurteilt, erfährt, dass seine Schwester in eine Glaubenskrise gerät, schreibt er ihr: „Ich möchte Dir so gerne helfen, nicht etwa, um zu missionieren, sondern um zu wissen, dass dein Kummer
geringer wird und die Klarheit größter… Oft musst Du im Neuen Testament lesen und jeden Satz einzeln überdenken und Dich
fragen, was wohl damit gemeint ist…“
Die Tapferkeit dieser Menschen hat mit Gott zu tun, und ganz bestimmt ist es nicht übertrieben zu sagen: Wo immer
Menschen in solch einer Tapferkeit für die Wahrheit einstehen, für Gerechtigkeit, für den Menschen und gegen jede
Verkürzung des Menschen, wo immer Menschen sich um Tiefe und Verantwortung bemühen, um Redlichkeit, wo sie etwas
aushalten, erdulden um eines höheren Wertes willen und nicht nur für einen einfachen und billigen Lohn, dort immer haben sie es mit Gott zu tun, ob sie es wissen oder nicht, ob sie es glauben oder nicht, ob sie es wahrhaben wollen oder nicht. Wenn Gott das Lebens- und Heilsangebot für alle Menschen sein will, dass ist es doch sehr wahrscheinlich, dass wir in unserm Alltag vielmehr mit ihm zu tun haben, als es uns oft bewusst ist, und ganz besonders dort, wo in Tapferkeit Wertvolles und Richtiges geschieht.

Karl Rahner hat vor mehr als 50 Jahren von Erfahrungen gesprochen, die jedem wachen und interessierten Menschen
zugänglich sind, und er beschreibt diese Erfahrungen als Erfahrungen des Geistes: Da ist einer, dem geschieht, dass er verzeihen kann, obwohl er keinen Lohn dafür erhält und man das schweigende Verzeihen von der anderen Seite als selbstverständlich annimmt. Da ist einer, der Gott zu lieben versucht, obwohl aus dessen schweigender Unbegreiflichkeit keine Antwort der Liebe entgegenzukommen scheint. Da ist einer, der seine Pflicht tut, wo man sie scheinbar nur tun kann mit dem verbrennenden Gefühl, sich wirklich selbst zu verleugnen und auszustreichen, wo man sie scheinbar nur tun kann, indem man eine entsetzliche Dummheit tut, die einem niemand dankt.
Da ist einer, der einmal wirklich gut ist zu einem Menschen, von dem kein Echo des Verständnisses und der Dankbarkeit zurückkommt.

Da ist einer, der schweigt, obwohl er sich verteidigen könnte, obwohl er ungerecht behandelt wird, der schweigt, ohne sein Schweigen als Souveränität seiner Unantastbarkeit noch einmal zu genießen.
Da ist einer, der sich rein aus dem innersten Spruch seines Gewissens heraus zu etwas entschieden hat, da, wo man solche Entscheidung niemandem mehr klarmachen kann, wo man ganz einsam ist und weiß, dass man eine Entscheidung fällt, die niemand einem abnimmt, die man für immer und ewig zu verantworten hat.
Da gehorcht einer, nicht weil er muss und sonst Unannehmlichkeiten hat, sondern bloß wegen jenes Geheimnisvollen,
Schweigenden, Unfassbaren, das wir Gott und seinen Willen nennen.
Da ist einer, der verzichtet, ohne Dank, Anerkennung, selbst ohne ein Gefühl innerer Befriedigung. Da ist einer, der restlos einsam ist, der aber dieser Einsamkeit, nicht davonläuft, sondern sie in einer letzten Hoffnung gelassen aushält. Da ist einer, der merkt plötzlich, wie das kleine Rinnsal seines Lebens sich durch die Wüste der Banalität des Daseins schlängelt, scheinbar ohne Ziel und mit der herzbeklemmenden Angst, gänzlich zu versickern. Und doch hofft er – er weiß nicht wie -, dass dieses Rinnsal die unendliche Weite des Meeres findet, auch wenn es ihm noch verdeckt ist durch die grauen Dünen, die sich vor ihm scheinbar unendlich auszubreiten scheinen.

Das sind sehr allgemeingehaltene Erfahrungen, aber vielleicht haben Sie an der einen oder anderen Stelle aufgehorcht, vielleicht, ist ihnen eine konkrete Situation eingefallen, ein konkreter Mensch, vielleicht Sie selbst, der so etwas erfahren, vielleicht durchlitten hat. Tapferkeit hat in einer tiefen Weise mit Gott zu tun; auch der Jesus, der uns heute im Tempel begegnet, ist nicht der mutige Held, der sich traut, so im Tempel herum zu wüten. Nein, er ist derjenige, der sieht, dass hier etwas falsch ist, dass im Haus Gottes alles andere stattfindet, dass der Tempel zu einer Markthalle wird, und das treibt ihn an, so aufzutreten, obwohl er weiß, dass genau dieses Auftreten ihn zum Feind der Mächtigen machen wird, ihn zum Tod führen wird. Der Eifer für dein Haus verzehrt mich, das hat durchaus eine existentielle Bedeutung.

Verlierer oder Gewinner; der tapfere Mensch ist nicht der strahlende Sieger in einem oberflächlichen Sinn; er kennt die Erfahrung des Verlierens, des Verlustes, aber er hat immer schon gewonnen, weil er das Gute kennt, die Wahrheit,und weil er dafür eintritt.

Liebe Schwestern und Brüder! Es kann sein, dass wir auch heute manchmal herausgefordert werden, etwas auszuhalten, zu tragen, zu ertragen, es kann sein, dass wir gefordert sind, aufzustehen, zu sagen, was dran ist, was wahr ist, was redlich ist. Es kann sein, dass man uns übelnimmt, wenn wir nicht nur oberflächlich und banal irgendetwas plappern, sondern tatsächlich eine Meinung vertreten; es kann sein, dass wir nicht die großen Gewinner sind, sondern eher wie Verlierer wirken. Immer wenn Sie in solche Situationen geraten, dann wünsche ich Ihnen diese Tapferkeit, diese gesegnete und heilvolle Tapferkeit, weil Gott sie schenkt und weil sie zu ihm führt.

Amen.

Bibelstellen: Joh. 2,13-25
1. Fastensonntag, 25. Februar 2018, Kloster Scheyern

Mäßigung – Die Maß oder das Maß

Liebe Schwestern und Brüder!

Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommst du ohne ihr.
Bescheidenheit ist eine Zier, doch reicher wirst du nur mit Gier.

Mit solchen oder so ähnlichen, mehr oder weniger flotten Sprüchen versuchen Menschen manchmal ihre Unsicherheit oder
vielleicht sogar ein schlechtes Gewissen zu verbergen. Oder sie machen sich damit über etwas lustig, was wir als
Tugenden bezeichnen. Tugenden werden von solchen Menschen irgendwie auch als „Spaßbremsen“ interpretiert, obwohl
vielleicht wohlwissend, dass es auch Dinge gibt, „wo der Spaß aufhört“, wo es nicht mehr lustig ist, wo den Menschen das Lachen vergeht.

Wenn man in die Geschichte der Menschheit schaut, dann hat man sich immer wieder Gedanken gemacht, wie Menschen sittlich gut handeln können und was die Grundlagen für ein solches gutes Handeln sein können.
Oft sind solche Überlegungen genau dann angestellt worden, wenn etwas im Zusammenleben der Menschen schief gegangen ist.

Wenn man sich voll Entsetzen gefragt hat: Wie können Menschen so etwas nur tun? Wozu sind Menschen fähig? Ein aktuelles Beispiel haben uns in den vergangenen Tagen die Medien aus den USA geliefert, als sie wieder einmal von einem Massaker berichtet haben. Dieses Mal an einer High School in Florida, wo 17 Menschen von einem Amokläufer getötet wurden. Nach solchen Meldungen gleichen sich die Forderungen: Es müssen schärfere Gesetze her! In diese Rufe mischen sich aber auch Gedanken und das Gespür von Menschen, dass schärfere Gesetze zwar ein erster Schritt sein können, dass sie letztlich so etwas aber nie ganz verhindern können. Man muss tiefer im Menschen ansetzen, wo die Grundlagen für sein Handeln liegen, um diese zu formen und zu bilden. Angesichts der Tatsache, dass sich der Präsident der Vereinigten Staaten in dieser Diskussion dafür ausspricht, die Lehrer zu bewaffnen, werden sich die Opfer solcher Taten und auch die Menschen, die man als Denker bezeichnen kann und die zum Fortschritt der Menschheit beigetragen haben, im Grab umdrehen.

Die Herausbildung der sog. vier Kardinaltugenden Mäßigung, Tapferkeit, Klugheit und Gerechtigkeit ist eine Art
Knotenpunkt in der Geschichte der Überlegungen, wie Menschen sittlich gut handeln können. Wir Katholiken werden bei dem Begriff Kardinaltugenden vielleicht zuerst an die Pupurträger denken, deren vornehmstes Recht, aber auch deren Pflicht es ist, einen Papst zu wählen. Mit diesen Kardinälen haben die Kardinaltugenden zunächst einmal nichts zu tun. Wobei ich natürlich hoffe, dass die Kardinäle ein tugendhaftes Leben führen. Die Kardinaltugenden haben nur die gleiche Wortwurzel, nämlich „Cardo“, die Türangel. Tugenden sind so etwas wie ein Dreh- und Angelpunkt im Leben. Sie entscheiden darüber, ob ich zu etwas Zugang finde und habe oder nicht, ob etwas Einfluss über mich gewinnt oder nicht.

Die Tugenden sind keine christliche Erfindung. Die Frage nach einem sittlich guten Handeln ist in uns Menschen irgendwie grundgelegt, egal welcher Nation, Religion, Sprache oder Rasse. Bereits im 6. Jahrhundert vor Christus findet sich beim griechische Adel so etwas wie ein Tugendkatalog. Der griechische Dichter Aischylos beschreibt in einem Theaterstück einen tugendhaften Menschen als verständig, gerecht, fromm und tapfer. Cicero nennt in seiner Schrift „De officiis“ (Über die Pflichten) Gerechtigkeit, Mäßigung, Tapferkeit und Hochsinn, Weisheit und Klugheit. Auch das Judentum kennt Tugenden, genauso wie der uns eher fremde Kulturkreis des Konfuzianismus.

Für Immanuel Kant gibt es nur eine Primärtugend: „Es ist überall nichts in der Welt, ja überhaupt auch außer der selben zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden, als allein ein guter Wille. Fehle dieser, können alle anderen Tugenden auch äußerst böse und schädlich werden”.

Der Begriff der Kardinaltugenden findet sich erstmals im 4. Jahrhundert bei dem lateinischen Kirchenvater Ambrosius. Er fasst damit Grundtugenden zusammen, die in der Regel vier umfassen. So finden sich diese Vier auch beim Hl. Augustinus: Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung.

Nach dieser kurzen Einführung möchte ich nun auf die Mäßigung oder das rechte Maß eingehen. Zu dieser Tugend haben wir Bayern vielleicht ein besonders anschauliches Verhältnis. Die Maß ist nicht nur ein Maß, sondern sie ist eine Art Maßstab. Denken sie an einen Streit, den es vor Jahren auf dem Münchner Oktoberfest gegeben hat und bei dem es um die Frage ging: Wann ist richtig eingeschenkt? Bei diesem Streit gab es dann so etwas wie eine Toleranzgrenze, auch wenn sie nicht besonders groß war.

Die Mäßigung, das richtige Maß ist nicht ein exakter Punkt, sondern es handelt sich um einen Bereich, der auch mit
Toleranz zu tun hat und der Toleranz ist. Und noch etwas kann uns so ein Maßkrug lehren. Es geht nicht nur um das richtige Einschenken, sondern es geht um das „saubere“ Einschenken. Manchmal sagen wir ja auch: „Dem hob i jetzt sauber eigschenkt!“ Damit ist nicht nur gemeint, dass Menschen derbleckt und verspottet werden, wie es am kommenden Mittwoch wieder auf dem Nockherberg geschieht, sondern Menschen werden mit etwas konfrontiert, ihnen wird etwas zugemutet. Das richtige Maß besteht dann darin, dass Menschen ihr Gesicht wahren können.

Liebe Schwestern und Brüder, wir haben heute Texte aus der Bibel gehört, in denen Menschen in diesem Sinn auch „sauber eigschenkt“ wurde. Die Geschichte aus dem Buch Genesis, in der Abraham von Gott auf die Probe gestellt wird, ist eine Geschichte die viele Menschen als abstoßend empfinden, ich auch! Gott sei Dank hat sie ein Happy End. Vielleicht könnte uns diese Geschichte aber auch einen Spiegel vorhalten, wo Menschen, wo wir einander auf die Probe stellen und Beweise verlangen: Liebesbeweise, Treuebeweise, Achtungsbeweise und viele andere Nachweise und Belege. die Menschen in extreme Situationen führen und wo ihnen Extremes abverlangt wird. Es gibt Bereiche im Zusammenleben, wo der öffentliche Druck so groß wird, dass Menschen buchstäblich „geopfert“ werden. In der Politik haben wir uns schon fast daran gewöhnt. Aber nicht nur da, auch im privaten Bereich werden Menschen „geopfert“.

Auch wenn das Evangelium im Vergleich zur Abrahamsgeschichte relativ harmlos klingt, so führt Jesus seine Jünger doch in eine extreme Situation. Er lässt sie einen Blick in eine Welt werfen, die für ihn die zukünftige Welt ist und die so ganz anders ist, als das, was Menschen hier von dieser Erde kennen und was sie erleben. Ein kleiner Hinweis darauf: „Seine Kleider wurden strahlend weiß, so weiß wie sie auf Erden kein Bleicher machen kann“.

Die Welt, die Jesus seinen Jüngern zeigt, ist die Welt nach dem Tod, es ist die Welt und das Leben der Auferstehung. Lange hat es in der Kirche Tendenzen gegeben, im Blick auf diese zukünftige Welt, das Diesseits, diese unsere Welt und das Leben auf der Erde abzuwerten. Es ist nichts im Vergleich zu dem, was kommen wird. Damit wurde nicht nur Hoffnung geweckt, sondern auch viel Angst erzeugt: Kann ich dieses Leben überhaupt erreichen? Bin ich dafür würdig genug?

Es gibt immer noch religiöse Tendenzen, die mit einem solchen Blick in die Zukunft Angst erzeugen. Es gibt aber auch Bewegungen, die auf einem ständigen religiösen Hochgefühl leben wollen. Außerhalb von Religion und Kirche wird natürlich auch mit Horrorszenarien gearbeitet, um Angst zu verbreiten. Da werden Probleme, die es ja wirklich gibt und wo auch etwas auf dem Spiel steht, auch künstlich hochgespielt. Das Internet ist voll davon.

Liebe Schwestern und Brüder, diese beiden Geschichten aus dem Bibel haben etwas gemeinsam. Am Schluss müssen Menschen weiterleben, sie müssen wieder in ihren Alltag zurück, sowohl Abraham als auch die Jünger. Ob und wie das gelingt, steht auf einem anderen Blatt und wird höchstens angedeutet. Das, was geschehen ist auf diesen Bergen, es waren immer Berge, ist nicht spurlos an den Menschen vorübergegangen: Während sie vom Berg hinabstiegen verbot ihnen Jesus davon zu erzählen, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden ist. Und dieses Wort beschäftigte sie, was das sei, von den Toten auferstehen.

Mäßigung, das richtige Maß ist ein Dreh- und Angelpunkt, damit Menschen weiterleben können, dass sie in ihren Alltag
zurückkehren können, dass sie ihr Gesicht wahren können und dass sie nicht von extremen Positionen und Situationen
ständig hin und her gerissen oder gar zerrissen werden. Mäßigung hat etwas mit Mittelmaß zu tun, aber nicht mit
Mittelmäßigkeit, auch wenn es vielleicht manchmal den Anschein hat.

Liebe Schwestern und Brüder, immer wieder wird die Geschichte von einem Pfarrer erzählt, der es wohl mit dem Maß und der Maß nicht so genau genommen hat. Er beendete seine Predigt nicht mit einem Amen, sondern mit einem „Prost“. Vielleicht wäre das heute aber sogar angebracht, denn unser „Prost“ leitet sich ja von dem lateinischen Wort „Prosit“, einem Trinkspruch ab. Prosit ist eine Form des lateinischen Wortes „prodesse“ und heißt übersetzt „nützen und zuträglich sein“.

Mäßigung, das richtige Maß, es soll nützen und zuträglich sein. Dieses Gespür, dieser Dreh- und Angelpunkt in einem
Menschen wird sich nicht durch Gesetze erzwingen lassen, sondern es beruht auf guten Erfahrungen und guten Beispielen.


Für den heiligen Benedikt ist das richtige Maß ein entscheidender Faktor für ein gelingendes Leben. Er verschweigt aber auch nicht die Mühe, die damit verbunden sein kann und verbunden sein wird. So möchte ich schließen mit einem Zitat aus dem Prolog seiner Lebensregel: Sollte es jedoch aus wohlüberlegtem Grund etwas strenger zugehen, um Fehler zu bessern und die Liebe zu bewahren, dann lass dich nicht sofort von Angst verwirren und fliehe nicht vom Weg des Heils; er kann am Anfang nicht anders sein als eng.

Wer aber im klösterlichen Leben und im Glauben fortschreitet, dem wird das Herz weit, und er läuft in unsagbarem Glück der Liebe den Weg der Gebote Gottes.

Also dann Prost! Prosit! Zum Wohl! Zum Heil!
 
Amen!

Bibelstellen: Gen 22,1-2.9a;10-13;15-18 und Mk. 9,2-10
Erscheinung des Herrn, 6. Januar 2018, Kloster Scheyern

Die zweite Chance

Liebe Schwestern und Brüder!

Wenige Tage ist es jetzt her, dass eine Nacht vom Licht vieler, ja ungezählter Feuerwerkskörper erhellt und so das neue Jahr begrüßt wurde. Bei allem Sinn oder Unsinn dieses Tuns, wieviel Geld da einfach verpulvert und wieviel Dreck und Gestank produziert wird, hat dieses farbenprächtige und schillernde Spektakel in der Neujahrsnacht auch etwas Schönes und Faszinierendes. Viele Menschen schauen da einfach in den Himmel und verbinden mit diesen nur kurz aufflackernden bunten Lichtern auch viele Hoffnungen und Wünsche.

Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, um ihm zu huldigen. So haben wir es gerade im Evangelium gehört. Es wird zwar nichts von einem Feuerwerk gesagt, aber für mich ist in diesem Satz ein wahres Feuerwerk an Hoffnungen, an Wünschen und an Sehnsüchten enthalten. Menschen verbinden mit Licht, mit diesem Licht so viel, dass sie sich aufmachen, dass sie etwas hinter sich lassen, vielleicht sogar sehr viel oder alles, um etwas zu suchen und zu finden, von dem sie lediglich eine Ahnung haben: Der neugeborene König der Juden.

Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, um ihm zu huldigen. Mit diesem Satz ist nicht nur das Vorhaben und das Tun dieser Könige, Magier oder Weisen beschrieben, sondern dieser Satz sagt viel über uns Menschen aus, was wir sind und wie wir sind. Wir alle sind Lebewesen mit Hoffnungen, Wünschen und Sehnsüchten, die uns nicht nur antreiben, sondern die uns auch umtreiben. Auf der einen Seite ist das etwas sehr Schönes, auf der anderen Seite bedeutet das auch eine schwache Stelle in uns Menschen, die ausgenützt und auch missbraucht werden kann. Mit den Sehnsüchten der Menschen kann man auch Geschäfte machen auf ganz verschiedenen Ebenen, auch auf religiöser Ebene.

Wir alle kennen das. Wo Menschen etwas in Aussicht gestellt wird, zum Beispiel ein Gewinn, wie immer er auch aussehen mag oder wie hoch er sein mag, sind Menschen bereit viel zu investieren, viel zu bezahlen oder auch sehr Persönliches preiszugeben, was sie sonst nie tun würden. Die Grenzen vom Seriösen bis hin zum handfesten Betrug können recht fließend und flexibel sein. Vielleicht wundern wir uns, mit welchen Versprechungen sog. Trickbetrüger immer noch und immer wieder zum Ziel kommen. Da wird ein schwacher Punkt von Menschen ausgenutzt Die Sehnsucht des Menschen treibt den Menschen an und sie treibt ihn auch um. Das wusste auch ein Prophet Jesaja, denn er zündet ein wahres Feuerwerk, wenn er schreibt: Blick auf und schau umher: Sie alle versammeln sich und kommen zu dir. Deine Söhne kommen von fern, deine Töchter trägt man auf den Armen herbei. Du wirst es sehen, und du wirst strahlen, dein Herz bebt vor Freude und öffnet sich weit. Denn der Reichtum des Meeres strömt dir zu, die Schätze der Völker kommen zu dir. Zahllose Kamele bedecken dein Land, Dromedare aus Midian und Efa. Sie alle kommen von Saba, bringen
Weihrauch und Gold.

Wer hätte das nicht gerne, auch wenn die Begriffe und Definitionen von Schätzen und Reichtum heute von uns anders
aussehen oder anders heißen.

Liebe Schwestern und Brüder, es ist schon einige Jahre her, dass ich von jemandem immer wieder sog. Bayernlose geschenkt bekommen habe. Ganz gespannt habe ich diese Lose immer geöffnet. Ob ich wohl diese halbe Million bekomme? Damals als wir unsere neuen Glocken angeschafft haben. Dann wären sie auf einmal bezahlt gewesen. Über 5 Euro bin ich aber nie hinausgekommen. Und so musste ich mir von meinem Geber mit einem Augenzwinkern fast vorwurfsvoll anhören: „Dass Sie eigentlich so wenig Glück haben, Herr Abt!“

Bei diesen Losen ist mir aber eines noch Erinnerung geblieben. Es gab die sog. „Zweite Chance.“ Man konnte das Los
einschicken und an einer zweiten Auslosung teilnehmen. Da hatte ich zwar wieder kein Glück, aber der Begriff der
„zweiten Chance“ ist ein Gewinn für das Leben: Es noch einmal versuchen zu dürfen. Die zweite Chance könnte uns das
heutige Fest noch in einer anderen Weise erschließen. Wir feiern heute ja noch einmal irgendwie Weihnachten und das
Geheimnis der Menschwerdung.

Zum Menschsein und zum Menschwerden gehören auch Umwege, es gehört das Verlieren, das Versagen und das Scheitern dazu. Das wurde auch diesen Weisen nicht erspart. Der Besuch bei Herodes hätte alle Hoffnungen und Sehnsüchte auch platzen lassen können. Aber sie haben den Stern wieder entdeckt, der sie zum richtigen Ziel geführt hat.

Wenn wir heute das Fest Erscheinung des Herrn begehen, bekommen auch wir sozusagen noch eine zweite Chance. Vielleicht war Weihnachten nicht so, wie wir es erhofft, erwartet oder gebraucht hätten. Vielleicht hatten wir selbst auch übertriebene oder gar falsche Vorstellungen und Erwartungen.

Heute haben wir noch einmal die Chance, nicht nur zur Krippe zu kommen, sondern zu dem zu finden, der in der Krippe
liegt und der uns etwas geben kann für unser Leben.

Von den Weisen wird berichtet, dass sie vor dem Kind auf die Knie fallen und ihm ihre Schätze gaben. Schätze können ganz verschiedene Namen und Gesichter haben. Vielleicht ist auch das darunter, was ein Lied so besingt:

Meine engen Grenzen, meine kurze Sicht, bringe ich vor dich, wandle sie in Weite. Herr erbarme dich.
Meine ganze Ohnmacht, was mich beugt und lähmt, bringe ich vor dich, wandle sie in Stärke. Herr erbarme dich.
Mein verlornes Zutraun, meine Ängstlichkeit, bringe ich vor dich, wandle sie in Wärme.
Herr erbarme dich.

Meine tiefe Sehnsucht nach Geborgenheit, bringe ich vor dich, wandle sie in Heimat. Herr erbarme dich.

Unsere zweite Chance!

Bibelstellen: Jes. 60,1-6 und Mt. 2,1-12
1. Januar 2018, Kloster Scheyern

Schnee von gestern

Liebe Schwestern und Brüder!

Ich habe hier ein kleines Glas, in dem sich ein wenig Wasser befindet. Dieses Wasser ist allerdings ein besonderes
Wasser. Es ist der Schnee von gestern. Genauer gesagt, es ist der Schnee von vorgestern. Wir haben es erlebt, wie der Schnee vom Freitag und vom Samstag praktisch über Nacht geschmolzen, ja irgendwie verschwunden ist, indem er zu Wasser wurde und in der Erde versickerte. Schnee von gestern!

Der Schnee von gestern ist das Wasser von heute und irgendwie ist es das Leben von morgen!

Wenn wir vom „Schnee von gestern“ sprechen, dann meinen wir damit nicht in erster Linie den richtigen Schnee, der
schmilzt und zu Wasser wird, sondern mit dem „Schnee von gestern“ bezeichnen wir meistens etwas despektierlich
Ereignisse und Dinge, die vergangen oder veraltet sind, Begebenheit und Dinge, die sich überholt oder erledigt haben.

Wie schnell etwas zum Schnee von gestern werden kann, das hat uns in den letzten Tagen vielleicht mancher Jahresrückblick vor Augen geführt. Da wird es Ihnen wohl nicht anders ergangen sein, wie mir, als ich mir bei so mancher Notiz dachte: Ach ja, genau, das war ja auch in diesem Jahr! Ich konnte mich aber gar nicht mehr so recht daran erinnern, ich hatte es eigentlich schon vergessen.

Schnee von gestern. Auch wenn so vieles, was im letzten Jahr geschehen ist, für uns nicht mehr so präsent ist, so nehmen wir wohl mehr aus dem vergangenen Jahr mit in das neue Jahr, als wir denken, und manchmal auch mehr als uns lieb ist. Der Schnee von gestern verschwindet nicht einfach, er wird zum Wasser und spielt damit eine Rolle im Leben von morgen. So manches wird uns im neuen Jahr wieder einholen oder bewusst und wichtig werden, auch solches, was wir schon als veraltet, erübrigt oder erledigt angesehen haben.

Schnee von gestern. Gerade haben wir Texte aus dem Buch unseres Glaubens, aus der Bibel gehört. Es sind Texte, die manche Menschen als veraltet, überholt und erledigt betrachten, also als Schnee von gestern. Ja, die Texte stammen aus längst vergangenen Zeiten, aber sie rufen Ereignisse und Dinge in Erinnerung, die nicht einfach vergangen sind, sondern die bis heute für das Leben der Menschen von Bedeutung sind, vielleicht mehr als wir glauben möchten oder als uns glaubend gemacht wird.

Das Evangelium, das wir gerade gehört haben, greift das weihnachtliche Geschehen noch einmal auf. Die Geburt Jesu hat das Leben der Menschen verändert. Von den Hirten heißt es, dass sie erzählen, was sie über dieses Kind gehört haben. Es muss etwas gewesen sein, was sie so fasziniert und sehr beschäftigt hat, so dass sie es weitererzählen möchten. Bis heute ist diese Botschaft weitererzählt worden, sonst wären wir heute nicht hier.
Von Maria wird berichtet, dass sie das, was erzählt wurde nicht einfach nur zur Kenntnis genommen hat, sondern dass sie es in ihrem Herzen bewahrte und darüber nachdachte. Das ist eine Eigenschaft von uns Menschen, wo sich der sog. Schnee von gestern lange, sehr lange halten kann.

Menschen können oft nach vielen Jahren noch voller Begeisterung von Erlebnissen erzählen, als wäre es gestern gewesen. Menschen wissen noch genau, was sie gesagt oder versprochen haben, und halten ihre Versprechen. Andere Menschen dagegen schleppen oft Begebenheiten und Erinnerungen über Jahre und Jahrzehnte in ihrem Leben mit, weil sie nicht loslassen, weil sie nicht vergessen oder vergeben können. Der Schnee von gestern ist also doch nicht so belanglos, wie man oft glauben möchte.

Liebe Schwestern und Brüder, wir beginnen heute das Jahr 2018. In dieser Schreib- oder Sprechweise fehlt ein Zusatz,den wir nicht mehr dazuschreiben oder erwähnen. Korrekterweise müssen wir sagen, dass wir das Jahr 2018 nach Christi Geburt beginnen. Mit der Geburt Christi hat eine neue Zeit begonnen, wobei es das Jahr 0 und das Jahr 1 nicht gegeben hat. Der Mönch Beda Venerabilis hat neben anderen und auch einigen vor ihm um 731 geschichtliche Ereignisse in Beziehung zur Geburt Christi gesetzt. Um das Jahr 1060 hat sich diese Zeitrechnung in der römisch katholischen Kirche durchgesetzt. Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, so heißt es im Galaterbrief. Man könnte auch etwas freier übersetzen und formulieren: „Als es Zeit war, als es Zeit wurde, sandte Gott seinen Sohn.“

Natürlich könnte man auch anders zählen, aber woran wollen wir unsere Zeit festmachen? Im letzten Regierungsjahr von
Ministerpräsident Seehofer oder im ersten Jahr des Ministerpräsidenten Söder? Im 17. Jahr nach den Anschlägen von New York? Auf solche Weise wurde lange gezählt und Zeit ausgedrückt.

Im Jahr des Herrn 2018! So gehen wir heute in dieses neue Jahr. Dabei gilt immer noch die Zusage aus dem Buch Numeri, die Gott an Mose und Aaron gegeben hat. Es ist auf der einen Seite Schnee von gestern, weil uralt, aber es ist doch ein wunderschöner und auch aktueller Text: Der Herr segne dich und behüte dich. Der Herr lasse sein Angesicht über dich leuchten und sei dir gnädig. Der Herr wende sein Angesicht dir zu und schenke dir Heil.

Diese Zusage von Gottes Schutz und Geleit hat einen Hans Dieter Hüsch, er war ein sehr kritischer Geist, inspiriert, einen Text zu verfassen, mit dem ich schließen und den ich Ihnen in den ersten Tag dieses neuen Jahres mitgeben möchte:

Ich verlasse mich auf den Herrn und auf seine Gedanken. In deine Hände lege ich voll Vertrauen mein Leben. Manchmal denke ich, du hast mich aus den Augen verloren.

Doch dann hörst du meine Fragen, wenn ich um Hilfe rufe und ratlos bin. Du nimmst dich meiner Unsicherheiten an und lässt mich nicht verloren gehen. Und wenn mich die anderen festnageln, befreist du mich mit deiner Kraft.
Mein Herz ist stark und unverzagt. Du hast mir den Sack der Trauer ausgezogen und mich mit Freude umgeben. Meine Zeit steht in deinen Händen, und mein Leben liegt in deiner Hand.
Schnee von gestern ist das Wasser von heute und die Hoffnung auf Leben von morgen. Ein gutes und gesegnetes neues Jahr!

Bibelstellen: Num. 6,22-27 und Lk. 2,16-21