In dem folgenden Predigtarchiv finden Sie eine Auswahl von Predigten zum Nachlesen. Diese sind in einem Zeitraum bis zu einem Kalenderjahr zurück aufgeführt.

Neben dem Gottesdienst bieten wir auch die Möglichkeit das Sakrament der Beichte zu entrichten.

2020

Fastenpredigt 2020, Scheyern

 

Evangelium: Joh 11,1-45

Liebe Schwestern und Brüder!

„Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben.“ Diesen Satz haben wir in der Vorbereitung als zentralen Satz herausgefiltert. Es ist ein Satz, der zweimal in der sehr langen Perikope vorkommt, einmal wird er von Marta gesagt, wenig später, ein weiteres Mal von ihrer Schwester Maria. Bei Marta allerdings, bildet dieser Satz nur den ersten Teil, denn gleich darauf heißt es: Aber auch jetzt weiß ich: Alles, worum du Gott bittest, wird Gott dir geben.

Ich möchte mich zunächst auf den ersten Teil beschränken: Herr, wärst Du hier gewesen. Als Überschrift über diese vierte Fastenpredigt haben wir den Satz geschrieben Wie kann ich angesichts von Leid beten? Das ist eine Frage, die letztlich zu der großen dogmatischen Frage führt, die wir auch Theodizee nennen, denn wir könnten diese Frage erweitern, wir könnten fragen: Wie können wir angesichts von Leid glauben, hoffen, vertrauen. Und es ist eine Frage, die wir nicht der hohen Theologie überlassen dürfen, sondern die uns täglich gestellt wird, ganz aktuell, gerade jetzt in dieser Zeit der Corona-Krise. Menschen sind zutiefst verunsichert, sie fragen nach Gott, und sie finden möglicherweise Antworten, die sich irgendwann einmal in ihr Glaubensgebäude eingenistet haben und von dort nicht mehr weg zu bekommen sind. Eine solcher Fragen heißt: „Wofür bestraft Gott uns?“ – Diese Frage treibt allen Ernstes ehrliche und fromme Christen um. Und wir haben, ich möchte sagen, die Pflicht, ihnen ein solch verdunkeltes Gottesbild zu nehmen. Nein, das ist nicht unser Gott, dieser kleinkarierte Bösewicht, der einen kleinen Virus dazu benutzt, um endlich einmal zu zeigen, wie mächtig er ist und um mal so richtig drein zu schlagen. Menschen sind zutiefst verunsichert, sie haben Angst. Und auf eine Art mit der Angst umzugehen, eine Art, die mir nicht weiterhilft, möchte ich hier kurz eingehen. Auf einem Tageskalender, den viele haben, fand sich vor einigen Wochen folgender Spruch: Im Sturm betet der kluge Mann zu Gott, nicht um Errettung aus Gefahr, sondern um Erlösung aus der Angst. Der Sturm in ihm ist es, der ihn gefährdet, nicht der Sturm draußen. So richtig es manchmal sein kann, was der amerikanische Philosoph Ralph Waldo Emerson hier beschreibt, aktuell und in vielen Lebenssituationen ist es fast ein beleidigender Zynismus. Denn es gibt eine berechtigte und reale Angst, die Angst, mich mit einem tödlichen Virus zu infizieren, die Angst, dass einer meiner Angehörigen gefährdet werden könnte, die Angst, Überträger dieses Virus zu sein, die Angst, dass Menschen die Einsamkeit und die Isolation dieser Tage nicht aushalten und durchdrehen, die Angst, dass mein kleines Unternehmen Pleite geht, weil solange nichts laufen kann, die Angst, meine Existenz zu verlieren.

Herr, wärst Du hier gewesen, so sagt es Marta. Das ist eine Klage, ja, es ist wirklich schade, dass Du so spät gekommen bist, wie sehr hatten wir gehofft, dass Du schnell kommst, dass Du dich beeilst, wie gut wäre das gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben, jetzt ist etwas eingetroffen, was vielleicht zu verhindern gewesen wäre. – Marta klagt, aber in dieser Klage schwingt noch etwas mit, eigentlich steht die Klage nie isoliert als solche da; wer klagt, hat schon einen Adressaten, und zumindest gibt es die vage, die diffuse oder auch die ganz konkrete Hoffnung, dass da jemand ist, der mich hört, der Hilfe sein kann, darum sind auch die Klagepsalmen ein ganz wesentlicher Teil des Gebetsschatzes der Bibel. Marta klagt, aber sie benennt auch ihre Hoffnung: Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben. Und dieses Vertrauen wird noch bestärkt, wenn es weiter heißt: Aber auch jetzt weiß ich: Alles, worum du Gott bittest, wird Gott dir geben. Der Anfang des Vertrauens vertieft sich im Gespräch mit Jesus zu der Spitzenaussage: „Ja, Herr, ich glaube, dass du der Messias bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll.“ Das ist ein Bekenntnis, das dem Messiasbekenntnis des Petrus in keiner Weise nachsteht: Marta wird hier für alle kommenden Generationen zu einer Lehrerin des Glaubens, und warum man das in der Geschichte der Kirche und der Theologie so wenig betont hat, bleibt mir ein Rätsel. Marta tut dann etwas Weiteres, was sie als qualifizierte Lehrerin des Glaubens ausweist, als Pädagogin, und eigentlich nimmt sie eine Lüge zu Hilfe: Sie ruft ihre Schwester Maria, diejenige, von der wir meinen, dass sie Jesus näher steht, weil sie ihm zugehört hat, weil sie den besseren Teil erwählt hat. Marta muss die Maria herbeirufen, und sie sagt ihr: Der Meister ist da und lässt dich rufen. Das stimmt überhaupt nicht, davon war keine Rede, und der Text beschreibt die Situation sehr ausführlich. Trotzdem gebraucht Marta diese Notlüge, und sie darf es, weil sie davon überzeugt ist: Hier steht Jesus, der Messias, und wenn es irgendjemanden gibt, der dir jetzt in deinem Schmerz helfen kann, dann, Maria, ist es Jesus, und darum ist es völlig legitim, wenn ich, um euch zusammen zu bringen, eine kleine Lüge gebrauche. Marta will und kann ihren Glauben, ihr Vertrauen, ihre Hoffnung nicht für sich behalten, sondern sie will ihn weitergeben. Diese Überzeugung ist da, noch bevor das Zeichen der Auferweckung des Lazarus geschieht, und diese Szene schildert uns ganz nebenbei unsere menschliche Verfasstheit, dass wir uns vorher entscheiden, oft mehr unbewusst als bewusst, ob und wem wir glauben, wem wir vertrauen. Es ist Tatsache, dass das Zeichen nicht ausreicht, dass es nicht überzeugt, nichts beweist und nicht zum Glauben führt, wenn wir nicht auch positiv dieses Zeichen deuten können, wenn wir nicht vorher ein Grundvertrauen entwickeln konnten. Darum ist es so wichtig, dass Menschen gut und auch früh zum Glauben hingeführt werden, und wenn, wie vorhin beschrieben, mein Gottesbild so verdunkelt wurde, dass ich nur den strafenden Gott glauben kann, dann habe ich Schaden genommen. Ich persönlich bin dankbar für eine gute christliche und kirchliche Sozialisation, die ich jedem Menschen wünsche, und ich bedauere es sehr, wenn viele Kinder und Jugendliche heute eine erstarrte Kirche erleben, in denen die Seelsorger und Seelsorgerinnen fehlen, die ihnen und den Familien ganz nahe sind, so wie Marta, die sich bemüht hat, ihre Schwester mit Jesus in Verbindung zu bringen.

Ich möchte darum schließen mit einigen Zitaten von Glaubenszeugen, die etwas zu sagen haben in unsere Zeit, die überzeugt waren von einer Hoffnung, die sie getragen hat auch durch Zeiten des Leidens, und die für uns echte Vorbilder sein können und müssen:

Karl Rahner: „Kann ich nicht sagen, dass ich Recht habe, wenn ich mich an das Licht halte, auch wenn es klein ist, und nicht an die Finsternis, wenn ich mich an die Seligkeit halte, und nicht an die höllische Qual meines Daseins? Wenn ich die Argumente des Daseins gegen das Christentum annehmen würde, was böten sie mir, um zu existieren? Die Tapferkeit der Ehrlichkeit und die Herrlichkeit der Entschlossenheit, der Absurdität des Daseins mich zu stellen? Aber kann man diese als groß, als verpflichtend, als herrlich annehmen, ohne schon wieder…gesagt zu haben, dass es ein Herrliches und Würdiges gibt? Aber wie sollte es dies geben im Abgrund absoluter Leere und Absurdität?“

Alfred Delp: Das wird die letzte Rühmung des Herrgotts in der Welt sein, dass es Menschen gibt, die alles versinken sehen können, die ihr letztes Herzblut erstarren fühlen und immer noch wissen: Sein Wort gilt… Da legt Gott eine große Frage und eine große Last auf Menschen, denen er vorher eine größere Botschaft und eine größere Kraft gegeben hat. Wenn das nicht der Gottesbeweis dieser Stunde ist, dass wir als Menschen dastehen, die gefestigt sind allein vom Wort des Herrn her und auf ihm stehen und auf keinem anderen Wort, dann hat diese Stunde für den Christen ihren Sinn und ihre Aufgabe verfehlt.

Kaplan Josef Wehrle, der einige Zeit auch in Scheyern gelebt hat, und dessen Schreibtisch in meinem Zimmer steht: Die Heiligen haben gewusst, dass jedes Leid näher zu Gott führt, und haben an dunkle Perioden ihres Lebens die Frage gestellt: Was will Gott jetzt von mir?

Und schließlich Dietrich Bonhoeffer in seinem sehr bekannten Text, das Walten Gottes in der Geschichte, den er im Gefängnis geschrieben hat:

Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.

Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandkraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen.

In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.

Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und dass es Gott nicht schwerer ist mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten.

Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Fatum (Schicksal) ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet. Amen.

Fastenpredigt 2020, Scheyern

 

Wie kann mein Vertrauen beim Beten wachsen?

„Ich glaube, Herr!“ (Joh 9,38 = Evangelium des 4. Fastensonntag)

Lieber Abt Markus, liebe Brüder im Herrn! – Liebe Leserinnen und Leser!

Zuerst nehmen wir Themen aus dem gerade gehörten Evangelium auf:

+ „Wir müssen, solange es Tag ist, die Werke dessen vollbringen, der mich gesandt hat; es kommt die Nacht, in der niemand etwas tun kann.“

= D. h.: Es gibt den Punkt wie beim Start des Flugzeugs, den Punkt des no return: Wenn der Arzt sagt, die OP ist unvermeidlich oder wenn ein Partner ausgezogen ist, wenn eine ansteckende Krankheit die Runde macht usw. Dann zu beten: „Ach, lieber Gott, mach das bitte alles wieder gut und rückgängig“ geht nicht. Fürbittgebet hat offensichtlich ein Zeitfenster. „Wir müssen, solange es Tag ist, die Werke dessen vollbringen, der mich gesandt hat“.
Im Beten wächst das Vertrauen, dass wir die Kraft für unseren Beitrag bekommen, dass wir nicht einem namenlosen Schicksal ausgeliefert sind, sondern unter der Führung von Gottes Geist die richtigen Schritte tun können.

+ Beten bedeutet hier vor allem auch, dass ich mich meinen eigenen Grenzen und Ängsten stelle, weil ich mich vor Gott stellen darf, mit allem was ich bin und was in mir ist. Ich darf kommen, mit oder ohne Schuld: Zum einen hat Jesus damit aufgeräumt, dass Krankheit und Schicksal, im Evangelium die Erblindung, in einem Tun-und-Ergehen-Zusammenhang stehen würden. Zum anderen hat er in seinem Leiden und seiner Kreuzigung Gemeinschaft mit den Menschen, die Dinge erleiden welche sie nicht verursacht haben: „Weder er noch seine Eltern haben gesündigt.“

+ Jesus beurteilt nicht rückwirkend, so ist er nicht, sondern gegenwärtig handeln und Zukunft ermöglichen:
„Das Wirken Gottes soll an ihm offenbar werden.“

Wird es dann auch, mit dem Höhepunkt, dass der Mensch sagen kann: „Ich glaube, Herr!“ und sich niederwirft als Zeichen der Anbetung von Gottes Gegenwart. – Der Mann im Evangelium, blind von Geburt, hatte diese Heilung erlebt. Da lässt sich dann gut sagen: Dieser Mann muss von Gott sein.

 Wie aber kann unser Vertrauen beim Beten wachsen?

+ Geschichte vom Sägewerkmitarbeiter, der um einen Mercedes betete: Alle lächelten darüber. Eines Tages kam er mit einem gebrauchten, alten Mercedes: Jemand hatte ihm dieses Auto geschenkt. Vermutlich jemand, der mitbekam, mit welch kindlichem Vertrauen er darum betete. Und statt das Fahrzeug in Zahlung zu geben, kam es zu dem Geschenk.

+ Erhörte Gebete: Alles Zufall? Alles Illusion? Oder nur im Rahmen des Placebo-Effekts? Oder doch das Wirken Gottes! –
Gegenseitige Stärkung ist wichtig:
Glaubenszeugnis eines noch jungen Mannes aus der Nähe, der für sich die Entdeckung des Rosenkranzgebetes machte und nach ein paar Tagen von einer Sucht frei wurde, die ihn schon mehr als ein Jahrzehnt gebunden hatte! Und schon ein halbes Jahr lang währt diese Befreiung, die er selbst so oft erfolglos versucht hatte. Solche Erfahrung gibt es immer wieder, die sind für mich im Einzelnen und in der Summe der Erlebnisse deutliches Indiz, dass beten Situationen verändern kann!

+ Nach Gottes Willen beten: Das Vater Unser nennt einige Themen:
   sein Reich der Liebe soll kommen und dass Gott nicht ausgeblendet wird,
   um das tägliche Brot,
   um Vergebung untereinander,
   und Stärke in Versuchungszeiten, Bewahrung vor dem Bösen.

   und die Bitte um Arbeiter für den Weinberg Gottes:
„Bittet den Herrn der Ernte, Arbeiter zu senden, denn die Ernte ist groß.“

   und die Bitte um den Heiligen Geist:
„Wie viel mehr wird der Vater denen den Heiligen Geist geben, die ihn darum bitten.“

Mein Vertrauen beim Beten wächst, wenn ich mir sicher bin, dass Gott das tun will. Dann ist mein Beten das Abholen dieser Gabe, das Öffnen der Hände, um es in Empfang zu nehmen.

 

Noch sind wir beim Thema Beten ganz bei den Dingen es praktischen Lebens.

Gott wäre nicht Gott, wenn es nicht auch darüber hinaus wachsen sollte:

+ Letztlich Alles in Gottes Hand legen!

Ein berühmt gewordenes Vertrauensgedicht stammt von Theresia von Avila:

„Nada te turbe, nada te espante
= Nichts soll dich ängstigen, nichts dich verstören.

„Hier spricht ein Mensch zu sich selbst, in seine Seele hinein.“ Ähnlich, wie beim Psalm 42: „Meine Seele, warum bist du betrübt und bist so unruhig in mir?“
Der so sprechende Mensch steckt in Turbulenzen, etwas Verstörendes, ja Erschreckendes und Beängstigendes macht ihm zu schaffen.
Theresa kam durch ihre Reisen und die Mühen der Neugründungen für sich und ihre Schwestern oft in solche turbulenten Zeiten. Einmal konnten sie nur in ein Haus am Fluss einziehen. Sie nahm es auf sich, sagte aber gleich, dass man weiter suchen müsse, weil man wegen der vielen Mücken nicht hier bleiben könne, der Standort war viel zu ungesund.Solche Nöte sind der Ausgangssituation, der Sitz im Leben des gesamten Gedichtes.

Es geht weiter: „todo se pasa“ = all das vergeht.
Das erinnert an das griechische Philosophenwort „panta reih“ = „alles fließt, alles ist im Fluss“. Doch damit wird an dieser Stelle nicht gesagt, dass alles seiner Vergänglichkeit wegen geringzuachten sei. Vielmehr sagt sich der Mensch, der in einer Not steckt, dass seine Notsituation vergänglich ist. Und das ist kein billiger Trost, denn der eine Satz geht weiter:
Gott wird dir nicht untreu, geduldiges Harren sucht alles in Ihm,
wer zu Gott sich hinwendet, dem fehlt nichts.“

Das ist jetzt nicht Weltflucht, sondern mitten in der Not einer gegenwärtigen Situation die Vergewisserung: Weil Gott in mir wohnen bleibt, kann er mir Halt geben. Mit demselben Zuspruch sprach schon der Beter im genannten Psalm zu seiner Seele: „Harre auf Gott, denn ich werde ihm noch danken, meinem Gott und Retter, auf den ich schaue.“ (Ps. 42,6). Hier ist nicht von jener Art Geduld die Rede, die in einem passiven, gar schicksalsergebenen Aus-Harren besteht. Gemeint ist beide Male ein aktives Hin-Harren zu Gott selbst hin – mitten in der Not, auch wenn sie andauert und eben nicht vorübergeht.

Das Gedicht schließt mit dem Satz „wer zu Gott sich hinwendet, dem fehlt nichts und „Solo dios basta“. Im Deutschen oft als Spruchkarte zu finden in der Übersetzung „Gott allein genügt.“ Der Karmelit Pater Reinhard Körner OCD (Zitate[i] in kursiv) weist darauf hin, dass dieser Ausspruch nicht einseitig verstanden werden darf: Teresa brauchte sehr wohl mehr als nur Gott allein! Was wäre sie gewesen ohne die Schwestern, mit denen sie auszog, um ihr erstes Kloster zu gründen? Oder ohne die Schwester Ana de San Bartolomé, ihre Reisegefährtin, Krankenpflegerin und Sekretärin, ihre Vertraute in allem? Oder ohne Pater Gracián, mit dem sie eine tiefe Freundschaft verband? Und ohne Johannes von Kreuz, ihren „Vater meiner Seele“ [wie sie ihn nannte], über den sie in einem Brief an Schwestern schreibt: „Sie werden nicht glauben, wie einsam mich sein Fehlen macht.“

Liebe Schwestern und Brüder, viele erleben in unseren Tagen viel intensiver, was ihnen die nahestehenden Menschen bedeuten: Entweder, weil ein lang ersehnter Besuch ausfallen muss, die Taufe verschoben, eine Reise abgesagt wird. Oder weil auf einmal mehr Zeit miteinander zu Hause verbracht wird, weil all das Rundherum ausfällt. Nachbarschaftliche Hilfen und Beziehungen werden wieder wichtiger, weil das weite Netzwerk des Lebens zusammenschrumpft. Mal wieder einen Brief schreiben, so richtig mit der Hand und liebevoll!
Das ist dann Beziehung um der Beziehung willen, nicht weil ich etwas brauche oder zu etwas einlade.

Genauso ist auch unser Reden mit Gott gemeint: „wer zu Gott sich hinwendet, dem fehlt nichts, solo dios basta“ meint: Bleib nicht bei dem stehen, was du Gott von dir erzählen willst, bleib auch nicht bei dem stehen, was du an Hilfe von ihm erbitten willst. Dieser Schlusssatz des Gedichtes ruft in Erinnerung, dass es nur dann genügt und nur dann nichts mehr fehlt, wenn es um ihn, um Gott selber geht. P. Körner übersetzt daher so: „Gott Seinetwillen lieben – erst das ist genug.“ Denk an ihn, wende dich ihm zu, ihm in Person! Er selbst ist dein Halt! Mit Sören Kirgegaard gesprochen: „Der Helfer ist die Hilfe!“

 Liebe Schwestern und Brüder,

damit haben wir unsere Ausgangsfrage erweitert: Von dem Satz:

„Wie kann mein Vertrauen beim Beten wachsen?“

zu:  „Wie kann ich mich beim Beten dem Anvertrauen, zu dem ich bete?“

Nur indem wir immer wieder – nicht ohne Mithilfe des Hl. Geistes – diesen Sprung über uns selbst hinaus in Gottes Hand hinein wagen, werden wir wachsen.

Diese besondere Zeit, in der vieles wegfällt, können wir vertun mit endlosen Sorgen oder sich wiederholenden Nachrichten. Besser ist es, eine liegengebliebene Arbeit anzugehen.
Heute am Sonntag werden wir an unseren eigentlich Focus erinnert:
wer zu Gott sich hinwendet, dem fehlt nichts, solo dios basta“. „Gott Seinetwillen lieben – erst das ist genug.“

[i] „Gott allein“ genügt nicht!, in: zur debatte, Themen der Katholischen Akademie Bayern 3/2015, Seiten 12-16.

  1. Fastensonntag, 2. Fastenpredigt, 15.03.20
    L: Ex 17,3-7
    Ev: Joh 4,5-42

Liebe Schwestern und Brüder!

Es sind eigenartige Tage, die wir gerade erleben, vielleicht werden es sogar ein paar Wochen, weil scheinbar nichts mehr so ist, wie es vorher war und weil dieser kleine Virus, den eine Zeitung auf ihrer Titelseite als den „unsichtbaren Feind“ bezeichnet hat, alles durcheinander bringt oder zumindest verschiebt. Menschen müssen ihr Leben anders organisieren, setzen mit einem Schlag andere Prioritäten; Fragestellungen verändern, verschieben sich oder bekommen einen anderen Unterton.

Was bringt mir das? Was habe ich davon? Das ist eine Frage, die Menschen mehr oder weniger laut und offen stellen. Jetzt kommt vielleicht als Unterton hinzu: „Hoffentlich hole ich mir nichts dabei!“ Es kommen Bedenken auf, vielleicht auch ein wenig Angst.

Was bringt mir das? Was habe ich davon? Diese Frage stellen Menschen, und wir müssen sie auch stellen, denn alles was Menschen tun oder auch nicht tun, hat Auswirkungen auf das eigene Leben. Manchmal merken wir das mehr, ein andermal weniger; in diesen Tagen von einer ganz anderen Warte aus.

Was bringt mir das? Was habe ich davon? Wenn Menschen so fragen, dann steht meistens noch etwas im Raum, was wir nicht so leicht zugeben, nämlich, ob wir etwas gern tun oder auch nicht. Wenn mir etwas Freude macht, dann werde ich nicht lange nachdenken und fragen, ob und was es mir bringt, dann tue ich es, ob der Nutzen groß ist oder auch nicht, dann ist die Freude, vielleicht auch die Befriedigung Nutzen genug. Wenn ich etwas aber am liebsten wieder loswerden möchte und eigentlich gar nicht mag, dann ziehe ich den Nutzen und die Mühe mit dieser Frage ganz einfach und auch sehr leicht in Zweifel: Was bringt mir das? Was habe ich davon?

 Was kann ich mir vom Beten erhoffen? Diese Frage steht heute im Rahmen unserer Fastenpredigten zum Thema „Einfach beten“ im Raum. Man könnte es auch anders sagen, nämlich: Was bringt mir das? Was habe ich davon? Wie gesagt, wenn ich es gerne tue, dann werde ich auch beim Beten nicht lange fragen, dann ist mir dir Freude Nutzen genug. Wenn ich es aber nicht gerne tue, dann werde ich schnell der Meinung sein, dass es mir eigentlich nichts bringt, auch wenn ich vordergründig diese Fragen noch stelle: Was bringt mir das? Was habe ich davon?

Liebe Schwestern und Brüder, wir haben gerade in diesem langen Evangelium von der Begegnung Jesu mit einer Frau aus Samarien gehört. Jemand hat es einmal so betitelt „Das Randgespräch am Brunnenrand“ Zunächst geht es dabei um Belanglosigkeiten, ein bisschen aufgelockert mit religiösen Sticheleien und Standesbewusstsein: „Die Juden verkehren nämlich nicht mit den Samaritern“. Dabei könnte man es auch belassen.

Wie wir das aber vielleicht auch in unserem eigenen Leben kennen, wird plötzlich aus einem belanglosen Geplauder ein sehr intensives und tiefgehendes Gespräch. Das Leben dieser Frau rückt vom Rand, vom Brunnenrand, in die Mitte des Gespräches. Es wird sehr offen und vor allem sehr ehrlich gesprochen. Zusammen mit Jesus kann die Frau die Wahrheit ihres Lebens anschauen, so wie sie eben ist, mit allen den Brüchen, mit den Versuchen und auch dem Scheitern.

Das ist für mich etwas, was ich vom Beten erwarten kann: In diesem geschützten Raum des Betens rückt Leben in den Mittelpunkt, so dass man es in aller Ehrlichkeit anschauen kann. Das  Leben mit den Stärken und Schwächen, mit dem Gelingen und dem Scheitern, mit den Hoffnungen und Sehnsüchten: Das Leben, mein Leben, so anschauen, wie es eben ist.

Liebe Schwestern und Brüder, meine Mitbrüder wissen es und manche von Ihnen auch, dass ich ein großer Fan der Filme von Don Camillo und Peppone bin. In diesen Filmen, es ist der letzte von den insgesamt fünf, gibt es eine Szene, die uns das eben gesagte humorvoller näherbringen kann, was da auch am Brunnenrand im Evangelium geschehen ist. Vielleicht kennen Sie diese Szene auch oder erinnern sich daran.

Don Camillo und Peppone waren nach Rom versetzt worden, um ihrem ewigen Zwist ein Ende zu bereiten. Nach Jahren kehren beide für einige Zeit an ihre alte Wirkungsstätte zurück. Don Camillo geht nach seiner Ankunft in die Kirche, um zu beten, wo er plötzlich die Stimme Jesu wieder hört.

Don Camillo erklärt Jesus, dass er ein hohes Tier in der Kirche geworden ist, nämlich Monsignore. Worauf Jesus zu ihm sagt: „Das ist viel zu wenig für einen, der so viel gelitten hat, wie ich hörte, haben sie dich sechsmal verprügelt und sogar auf dich geschossen und dich verwundet. Warum hast du mir nichts davon erzählt?“ Darauf antwortete Don Camillo: „Vielleicht, weil es nicht wahr ist.“ Darauf Jesus: „Was ein Monsignore der lügt?“

Leider hören wir diese Stimme Jesu nicht so klar und deutlich, wie Don Camillo im Film. Vielleicht wäre es uns auch unangenehm. Mir fällt in diesen Filmen aber auf, dass sich Don Camillo die Antwort oft selbst gibt, weil er in seinem Gewissen haargenau weiß, was richtig ist bzw. wäre. Im gleichen Film fragt Don Camillo Jesus auch: “Ist Gott hier den Menschen näher als in Rom?“ Und er bekommt zur Antwort: “Gott ist den Menschen überall gleich nah, vielleicht ist er dir hier nur näher, weil du dir selbst näher bist.“ Sich selber so nahe sein, um die Wahrheit des eigenen Lebens anschauen zu können!

„Was ein Monsignore der lügt?“ (Don Camillo hatte mit seinen Schilderungen einem anderen Priester Angst gemacht, der in das Dorf hätte fahren sollen. So konnte Don Camillo schließlich selbst dorthin fahren.) Man könnte jetzt anstelle des Monsignore alle möglichen Berufe und Gruppen einsetzen: Politiker, Arzt, Richter, Bänker, genauso wie Hausfrau, Handwerker, Landwirt oder auch Mönche. Die Filme von Don Camillo zeigen auch, dass die Menschen, alle Menschen, nicht frei davon sind, egal welchem Stand sie angehören

Warum belügen wir uns oft selbst? Was haben wir davon? Was bringt uns das? Wir versuchen uns damit Vorteile zu verschaffen, besser da zu stehen, uns an der Wirklichkeit vorbei zu mogeln. Aber haben wir wirklich etwas davon? Habe ich das wirklich nötig?

Manchmal müssen Menschen diese Unaufrichtigkeit gegen andere und gegen sich selbst teuer, sehr teuer bezahlen, mit dem Leben, mit der Gesundheit, im Zerbrechen von Beziehungen, mit Einsamkeit, mit Spott….

Was bringt mir das? Was habe ich davon?  Liebe Schwestern und Brüder, es sind seltsame Tage, die wir gerade erleben. Wir erkennen nämlich auch, wie zerbrechlich und verletzlich unser Leben und unsere Welt eigentlich ist.  Ein kleiner Virus, den eine Zeitung als unsichtbaren Feind bezeichnet hat. Es ist immer auch das Bestreben von Menschen sich gegen Feinde zur Wehr zu setzen. Man wird dabei alles aufbieten, was man hat, alle Gewalt aktivieren. Aber wo will ich hin mit dieser Gewalt und Kraft, wenn ich den Feind gar nicht sehen kann? Vielleicht ist es dann besser zu versuchen, sich davor zu schützen. Da ist es gut und wichtig, wenn man seine Schwachstellen kennt. Das aber erfordert bedingungslose Ehrlichkeit, im Großen wie im Kleinen. So werden in diesen Tagen nicht nur die Schwächen unseres Gesundheitssystems offenkundig, sondern auch unseres Lebenswandels und unserer Lebenseinstellung.

Selbstverständlichkeiten und Unbedenklichkeiten werden mit einem Mal auf den Prüfstand gestellt. Sind wir es doch gewohnt oder waren es zumindest, dass es gegen alles ein Mittel gibt, so dass ich selber gar nicht mehr so sehr auf mich achten und schauen musste. Ein Gang zum Arzt oder in die Apotheke reichte. „Gib auf dich acht.“ So entlässt Jesus in der oben geschilderten Szene seinen Don Camillo. Was bringt mir das? Was habe ich davon? oder doch: Habe ich das nötig?

Liebe Schwestern und Brüder, jede Krise hat auch eine Chance. So sagte in den letzten Tagen ein Arzt zu mir. Vielleicht liegt in diesen Tagen die Chance nicht nur darin, die Ausbreitung einer Krankheit zu verlangsamen, sondern auch unser Leben zu entschleunigen und unsere Gewohnheiten auf den Prüfstand zu stellen. Habe ich das nötig? Was habe ich wirklich nötig?

Vielleicht liegt in dieser Krise auch die Chance zu erkennen, dass man die Probleme dieser Welt nur gemeinsam lösen kann, weil Viren und so manches andere eben nicht an Grenzen halt machen, auch wenn viele Länder ihre Grenzen jetzt schließen.

Ich möchte jetzt keine Grenzen schließen, sondern ich möchte jetzt schließen mit einem Abschnitt aus dem Lied „Geboren um zu leben“ von der Gruppe „Unheilig“, der es noch einmal von einer anderen Seite her betont: Wir waren geboren, um zu leben, mit den Wundern jeder Zeit. Sich niemals zu vergessen, bis in alle Ewigkeit. Wir waren geboren, um zu leben, für den einen Augenblick. Bei dem jeder von uns spürte, wie wertvoll Leben ist.

Was darf ich vom Gebet erwarten? Genau diesen einen Augenblick, bei dem jeder von uns spürt, wie wertvoll Leben ist. Und zu erkennen, womit unser langes Evangelium heute zu Ende ging: „Er ist wirklich der Retter der Welt!“ Amen.

 

Fastenpredigt 2020, Scheyrer Pfarrgemeinde,
 

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn, liebe Scheyrer Pfarrgemeinde,

 

Einfach beten“ so ist unsere Reihe der Fastenpredigten überschrieben – „einfach beten“, doch so einfach ist das, wie wir alle wissen, gar nicht. Und so ist es gut, wenn wir uns in dieser Predigtreihe in den Wochen auf Palmsonntag hin, immer wieder mit dem Beten beschäftigen.

 

Wenn heute gefragt wird: „Wann und wo kann ich beten?“, dann ist das ein Einstiegt, der an das gehörte Evangelium vom heutigen 2. Fastensonntag gut anknüpft.

Denn Jesus führt seine Jünger auf einen Berg, wo sie Zeugen von Gottes Offenbarung werden, von dem Aufweis der göttlichen Herrlichkeit in diesem ihren Meister Jesus, ja von seiner Gottsohnschaft. „Herr es ist gut, dass wir hier sind“ erklären die Jünger. Sie spüren, dass diese Nähe zu Gott ihnen guttut, sie erfüllt, sie beschenkt. Sie wollen diesen Augenblick festhalten, doch nicht nur sie erfahren, sondern auch wir wissen, dass man nichts und schon gar nicht kostbare Augenblicke festhalten kann.

 

Am Berg machen die Jünger also eine tiefe Gotteserfahrung. Am Berg erleben sie, was Gebet in seine Vollendung sein kann: die zur gewissheitwerdende Erfahrung, dass Gott da ist, dass Gott nicht alleine lässt.

Wenn diese Erfahrung am Berg beschrieben wird, so lädt das ein, den oder die Berge als besondere Orte der Gottesbegegnung, ja des Gebetes zu entdecken. Und wirklich, am Berg geht vielen Menschen das Herz auf. Das ist aber nicht nur die von Vielen gemachte eigene Erfahrung, sondern das steht auch in der Tradition unserer biblischen Überlieferung. Immer wieder ist der der Berg – so etwa auch bei Mose, bei Elia und, wie gehört auch bei Jesus und seinen Jüngern: Die Namen der heiligen Berge der Bibel sind vielfältig: Ararat, Sinai, Zion, Karmel, Garizim, Morija, Tabor, bis hin zum Ölberg und dem Berg Golgota. Der Berg ist somit ein herausragender Ort der Gottesbegegnung und das übrigens nicht nur im Christentum. Auch im Islam ist es ein Berg, der Berg mit dem Namen Hira in der Nähe von Mekka, auf dem der Prophet Mohamed seine erste Offenbarung erhalten haben will.

Auf dem Berg fühlen sich die Menschen Gott nahe – bis heute. So ist und bleiben die Berge sicher nicht nur schöne Ausflugsziele, sondern auch Orte der Gottesbegegnung und des Gebetes. In dieser Tradition werden nicht nur bis heute „Gipfelkreuze“ aufgerichtet, sondern wurden auch viele Kirchen und Klöster auf Bergen oder zumindest auf Hügeln errichtet. Und nicht umsonst haben viele Regionen einen sogenannten heiligen Berg: der der Franken ist wohl der Kreuzberg in der Röhn; und wer in Altbaiern nach dem Heiligen Berg fragt, der wird sicher auf Andechs verwiesen.

 

Der Berg als Ort des Gebetes führ uns moderne Menschen zum Gotteserlebnis in der Natur. Auch wenn das von so einem Manchen als Ausrede für den Kirchgang genannt wird, dass er in der Natur doch besser beten könne, so wollen wir doch nicht leugnen, dass Gott uns in der Natur nahe sein kann und will. Darauf verweist beispielsweise auch der Apostel Paulus in den ersten Zeilen seines Briefes an die Römer: (Röm 1,20) „Seit Erschaffung der Welt wird seine (Gottes) unsichtbare Wirklichkeit an den Werken der Schöpfung mit der Vernunft wahrgenommen…“ Dabei bleibt für Paulus klar, dass die Schöpfung selbst noch nicht zur Vollendung gelangt ist, nicht angebetet werden kann, aber eben doch etwas von Gottes Herrlichkeit sichtbar und spürbar werden lässt. Auch übrigens für Jesus selber sind es Orte in freier Natur, wo er betet, wo er seine Jünger lehrt, wo sie quasi in die Gebetsschule Jesu gehen dürfen.

 

Doch in seiner Lehre geht Jesus auch direkt auf das Gebet ein. Ich denke da nun nicht zuerst an das „Vater unser“, an das Gebet, das er, der Meister, die Seinen gelehrt hat – das war letztes Jahr Thema der Fastenpredigten, sondern Jesus gibt auch im Blick auf den Gebetsort hinweise.

So empfiehlt er – wohl für das persönlich Beten: „Du aber geh in deine Kammer, wenn du betest, und schließ die Tür zu; dann bete zu deinem Vater, der im Verborgen ist. Dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird es dir vergelten.“ (Mt 6,6)

In diesem Jesuswort verbinden sich seine Warnung, sich selbst äußerlich als fromm zur Schau zu stellen mit seiner eigenen Erfahrung, dass ein guter Gebetsort ein Rückzugsort ist. Die „Kammer“ steht so genauso für einen Ort wie für eine Situation: für das Alleinsein vor und mit Gott. Unsere christliche Tradition hat in diesem Gedanken tiefe Erfüllung gefunden. Nicht nur in unserem Haus wird so den jungen Mönchen entsprechend eines Väterwortes aus dem 3./4. Jahrhundert gelehrt: „Geh in deine Zell, sie wird dich alles lehren“ (Apophtegmata patrum).

Solche heute noch in der Gebetspraxis weitergegebenen Erfahrungen führen uns nicht nur in die Zeit der frühen Kirche, sondern in die Wüste.

Damals zogen Massen von Menschen in diesen unwirtlichen Raum – sie suchten nicht nur die Einsamkeit, sie glauben in dieser Abgeschiedenheit der realen Wüste Gott zu finden, den Ort ihrer Gottesbegegnung, den Ort für das Gebet. Viele haben von ihnen in einem solchen Extrem ihr Ziel erreicht, viele sind gescheitert – nicht nur an der Wüste, sondern auch an den extremen Anforderungen.

 

Extrem war nämlich nicht nur der Ort, sondern auch das Maß des Gebetes. Immer wollten sie beten. Und weil das mit anderen Tätigkeiten nicht wirklich auf einen Nenner zu bringen war, und weil sie ja doch auch – gemäß dem Vorbild der Apostel – von etwas leben mussten, begannen sie Bastmatten zu knüpfen. Ja, liebe Schwestern und Brüder, die Väter und wohl auch teilweise Mütter unseres Glaubens, haben in der Wüste Bastmatten geknüpft, eben eine Tätigkeit geübt, die vom Gebet nicht ablenken sollte.

Doch schon das frühe Mönchtum – auch unter dem Hl. Benedikt – hat gespürt, dass das auf Dauer nicht zielführend war und das Gebet rhythmisiert. Das „Ora et labor“, das Gebet und die Arbeit wurden auf je eigene Zeiten geschoben und auf Grundlage der Erfahrungen das altestamentlichen Psamenbeters, der siebenmal am Tag dem Herrn sein Lob anstimmt und auch in der Nacht sich zum Herrn erhebt (vgl. PS 119,62), eine Ordnung von Gebets und Arbeitszeiten entwickelt. Auch wenn wir im Kloster für uns an einem solch vielfach gegliederten Tag festhalten, so hat sich daraus für alle Gläubigen die Empfehlung entwickelt, zumindest in der Früh, mittags vor dem Essen und abends zu beten. Das Gebetleuten erinnert auch daran.

 

Wir merken nun, dass wir vom Ort des Gebetes schon zu den Zeiten des Gebetes gekommen sind.

Die Zeit des Gebetes und der Feier der Christen ist und bleibt aber in herausragender Weise das Gedächtnis von Tod und Auferstehen Jesu, die Feier des Sonntages. Darin finden wir das entscheidend Christliche schon der ersten Jüngerinnen und Jünger. Schon die Urkirche versammelt sich am ersten Tag der Woche zu diesem Gedächtnis, zu Lob-, Dank- und Bittgebet.

Und nun kommt – für alle, die nach Berg, Natur, dem eigenen Zimmers oder der Wüste schon etwas vermisst haben – nämlich der gemeinsam Gebetsraum.

Eine Kirche, wie wir sie kennen, kannten die ersten Christen freilich noch nicht. Selbst der Titel unserer Klosterkirche „Basilika“ weist auf diese Frühzeit zurück und bedeutet übersetzt so etwas wie „Markthalle“. Doch gerade das macht klar: Gebet braucht auch das Miteinander und ein Miteinander braucht Räume – Räume der Begegnung untereinander und vor allem, wenn es um das Gebet geht, mit Gott.

So sind aus unseren Gebetshäusern Gotteshäuser geworden und diese laden heute noch ein zur Andacht und zum Gebet.

 

Wann und wo kann ich beten? Wir alle sind eingeladen dieser Frage in unserem persönlichen Leben weiter nach zu spüren: Vielleicht kommt uns da auch die Geschichte der beiden Ordensleute in den Sinn, die da ihren Oberen fragen, ob Beten und Rauchen vereinbar sind. Der Benediktiner fragt seinen Abt, ob er beim Beten rauchen darf und erhält selbstredend eine Absage. Der vielleicht schlauere Jesuit fragt hingegen, ob er beim Rauchen beten darf und findet bewundernde Zustimmung.

Diese kleine Geschichte betont die Bedeutung des Gebetes – nichts dabei ist gegeneinander auszuspielen, Gott lässt sich überall finden, überall wo Menschen ihn suchen. Und so kommt es dann nicht mehr auf einen geographischen Ort an.

Schon Paulus erinnert, nochmal im Römerbrief (Röm 8,15): „Ihr habt einen Geist empfangen, der euch zu Söhnen/Töchtern Gottes macht, den Geist, in dem wir rufen Abba Vater.“

Echtes Gebet wurzelt also im Geist, der uns geschenkt ist. Echtes Gebet wurzelt also im Inneren des Menschen.

Wo und wann auch immer der Mensch lauter nach Gott fragt, da kann das unversehens zu einem tiefen Gebet werden; da wird der Mensch, gleich dem Abraham in der ersten Lesung, zum Segen!

2019

August 2019, Niederscheyern und Scheyern
 
„Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. Wie froh wäre ich, es würde schon brennen!“ Liebe Schwestern und Brüder im Herrn! Mitten in den bayerischen Sommerferien wirken diese Worte fast ein wenige Fehl am Platz: In einer Zeit, in der vieles in der Gesellschaft runterfährt, in der viele eine dringend nötige Erholungspause einlegen, hören wir etwas von Feuer und brennen.
 
Die Kirche ist kein Wellness-Hotel für die Seele. Ich möchte es positiv sehen: Wenn wir mal nicht von ganz so vielen alltäglichen Verpflichtungen gedrängelt werden, dann wird der Raum frei, auf das Wesentliche zu schauen. Wesentlich ist das, was in uns ein Echo auslöst, was das Herz bewegt, was wirklich zählt.
Es kann gut sein, dass dieses dem entgegenläuft, was im gewohnten Trend üblich ist: Heute in dieser Predigt möchte ich uns ermutigen, dafür die Augen zu öffnen und Mut zu bekommen, diese Dinge auch zu benennen und anzugehen. 
 
Vorbild kann uns der Prophet Jeremia sein. 
 
Er traut sich, das Offensichtliche öffentlich anzusprechen. Er sieht die Übermacht, er sieht, dass jetzt noch Zeit ist, auf den Feind zuzugehen und so sein Leben zu retten. Er stellt sich gegen die Etablierten und Mächtigen, die nicht zugeben wollen, dass sie die Situation in eine Sackgasse geführt haben und mit Tempo 100 auf die Mauer am Ende der Sackgasse zufahren. Also ist ein Prophet Jahwes, ein Gottesmann, nicht einer der immer sagt: „Der liebe Gott wird’s schon richten.“ 
Es gibt zwar eine Menge von biblischen Erzählungen, in den durch machtvolles Eingreifen Gottes das Volk gerettet wurde. 
Doch hier hatten sich die Verantwortlichen von Gottes Wegen abgewendet, waren eigene Wege gegangen. – Nun stehen sie vor dem Zusammenbruch den Gott nicht abwenden wird. Das kündigt Jeremia ganz klar an. 
Bevor wir vertiefen, wie es dem Jeremia daraufhin ergangen ist, müssen wir für unsere Zeit fragen: Wo sind wir von Gottes Wegen abgewichen, wo Jahren wir in einer Sackgasse mit Tempo 100 auf die Wand zu?
 
A) Klimawandel. Da ist eine kleine unscheinbare 16 jährige Prophetin die ganz öffentlich Boeing und Airbus in die Suppe spuckt und sagt: „Ich fliege nicht, weil ein einziger Flug meinen ökologischen Fußabdruck auf der Erde für das ganz Jahr ruiniert! Es ist einfach zu schädlich für die Atmosphäre. Ich reise klimaneutral zur N-Generalversammlung nach New York.“ – Das wird den wenigen Aktionären in der Flugbranche nicht gefallen, das ist geschäftsschädigend.
Positiv ausgedrückt: Es geschieht gerade eine öffentlich Umwertung: Wer bisher nach den Ferien erzählt hat: „Wir sind nach xy geflogen.“ konnte sicher sein, dass die Daheimgebliebenen oder die Urlauber in den nahen Berge mit einer gewissen Bewunderung dies angehört haben. Wer jetzt sagt: „Wir sind in Urlaub geflogen“, wird innerlich die Frage mitgehen lassen müssen: „War das nötig? Kann das der normale Lebensstil sein, just for fun so viel Kerosin direkt in die Wolken zu verteilen?“ Die Antwort liegt auf der Hand: In diesem Bereich ist eine Änderung im Denken und Handeln notwendig. Ein Flug muss etwas ganz besonderes sein, eine Ausnahme. Und dann verbunden mit einer Ausgleichsabgabe, die in Umweltprojekte fließt.
 
B) Ich war etwas irritiert, als ich diesen Mittwochabend einen Drink bekam, in dem ein großer, fetter Strohhalm war. Doch der war nicht aus Stroh, und auch nicht aus Plastik, sondern ein edler, fester Glasstrohhalm, der mit den Gläsern in die Spülmaschine gegeben werden kann. Da hat sich innerhalb von einem guten Jahr ganz viel an Bewusstseinsänderung ergeben, die in die konkrete Lebensführung fasst aller Menschen Eingang findet.
 
C) Kirche: Tja, wo sind die prophetischen Kräfte in der Kirche? Die junge Generation war in den 70er Jahren stark und kreativ im Einfordern von Gottesdienstformen, die ihrem Lebensgefühl mehr Raum gaben: E-Gitarre und Schlagzeug bei der Musik oder Gottesdienste in der freien Natur. Statt Monolog bei der Predigt, so wie jetzt gerade , auch mal eine Aktion miteinander. Diese prophetische Kraft der jungen Generation fehlt uns heutzutage in der Kirche weitgehend! – Ich freue mich, dass 13 junge Leute aus unseren Orten gerade jetzt eine Woche im Jugendort Taizé verbringen. Mögen diese wertvolle Impulse mit nach Hause bringen.
 
Von den Studien über die verschiedenen Milieus in der Gesellschaft wissen wir, dass in der Kirche überproportional viele Menschen aus der bürgerlichen Mitte sowie aus dem traditionsverbundenen Milieu präsent sind. Und das sind i.d.R. keine Revoluzzer. Am ehesten kommt eine gewisse prophetische Kraft noch Papst Franziskus mit seinem einfachen Lebensstil und seiner unbedingten Hinwendung zu den Armen und Benachteiligten.
 
Wo könnten Sie denn, wo könnte ich denn, hier vor Ort, herausgefordert sein, neu, anders, vertieft als Kirche
miteinander zu leben?
An dieser Stelle fügte eine jüngere Frau und Mutter uns unserer Gemeinde folgendes hinzu:
„Sich aufraffen, sich engagieren, Kirche aktiv vor Ort mitgestalten! Vor allem Frauen müssen sich organisieren und
erheben, um endlich gleichberechtigt und vollwertig mitbestimmen und mitgestalten zu dürfen! Nicht nur beim Feste feiern und Kuchenbacken, sondern Seite an Seite mit den Männern.“ – Zitatende.
 
D) Damit sind wir bei unserem persönlichen Leben. Wohl dem, der einen Jeremia in der Nähe hat, jemand, welcher sich traut, Offensichtliches auch offen anzusprechen! Denn jeder/jede von uns gerät in Fahrwasser, die der Korrektur oder gar der Umkehr bedürfen. Wenn wirklich einmal jemand uns etwas sagt – in der benediktinischen Tradition nennen wir dies die correctio fraterna, die mitbrüderliche Zurechtweisung – wir reagieren Sie dann? Beleidigt, sauer, ablehnend oder gar vorwurfsvoll? Der arme Jeremia wurde gepackt und in Stricken in ein Erdloch hinuntergelassen. Da saß er, in der leeren Zisterne bis zur Brust im Schlamm. Der König war schwach und gab das sogar zu: „Nun, er ist in eurer Hand; denn der König vermag nichts gegen euch.“
 
Liebe Gläubige,
 
auch unsere Bischöfe sind schwach:
  • sie vermögen nichts gegen die gesellschaftlichen Trends zu unternehmen,
  •  sie können keinen davon abhalten, sich von der Kirche abzuwenden, – sie haben keinen Plan, wie in 20 Jahren überhaupt das Gesicht der Kirche von München-Freising aussehen kann.

Auch wir als Pfarrei sind schwach und sehnen uns nach Wegen, um für die Jüngeren passende Orte der Gottesbeziehung zu finden. In einer solchen Situation ist die Initiative von Einzelnen entscheidend. Bei Jeremia war es ein Ausländer aus dem fernen Äthiopien, der am Hof arbeitete. Er ging zum König und sagte: „Erlaub mir, den Jeremia wieder rauszuziehen, sonst verhungert er da unten.“ JEDER und JEDE von uns wir in seinem Leben immer wieder an einen Punkt kommen, an dem wir spüren: „Wenn ich da jetzt nichts unternehme, wer dann?“ Für JEDEN und JEDE von uns gilt das Wort Jesu: „Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. Wir froh wäre ich, es würde in Dir schon brennen!“
 
 
Gründonnerstag 18. Mai 2019, Kloster Scheyern

 

Jesus zaubert nicht, er verwandelt

 

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Abrakadabra, Simsalabim, Hokuspokus Fidibus, dreimal schwarzer Kater. So oder so ähnlich lauten die sog. Zaubersprüche, die wir aus Kindertagen, aus Märchenbüchern oder auch aus Filmen kennen. Und ein guter Zauberer, der etwas auf sich hält und der auch etwas kann, der hat gute Zaubersprüche.

 

Zauber und Zaubern, das hat Menschen zu allen Zeiten in den Bann gezogen und fasziniert. Zaubern, das würden nicht nur Kinder gerne können, sondern oft viele erwachsene Menschen auch, damit sich die Welt, vor allem die persönliche Welt, wunschgemäß verändert, dass sie noch viel schöner und wunderbarer wird.
So suchen Menschen nach Kenntnissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten, um aus solchen Träumen Wirklichkeit werden zu lassen. Oft aber werden sie feststellen müssen, dass es sich um einen falschen Zauber handelt und sie die harte Wirklichkeit schneller einholt, als ihnen lieb ist.

 

Wenn wir in die Liturgie des Gründonnerstags hineinschauen, zu der wir jetzt zusammengekommen sind, dann wird nicht
gezaubert, aber es verändert sich etwas. Ehrlicherweise müssen wir zugeben, dass unsere Gottesdienste nicht ganz frei sind von einem Verdacht des Zaubers. Geschehen doch auch wunderbare, für manche Menschen sonderbare Dinge in einem Gottesdienst. Aus Brot wird Leib Christi, aus Wein wird Blut Christi.

 

Der Zauberspruch „Hokuspokus“ ist vermutlich entstanden aus den schnell und undeutlich gesprochenen lateinischen
Einsetzungsworten: Hoc es enim corpus meum. Das ist mein Leib der für euch hingegeben wird. (Hokuspokus)

 

Wenn Jesus so spricht, dann verwandelt er. Er verändert sichtbar keine Dinge, sondern er verwandelt und verändert
vielmehr spürbar Menschen. Er verändert ihre Sichtweise und Denkweise durch sein Reden und durch sein Tun. In der Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus an die Korinther haben wir von einem in diesem Sinne ergriffenen und verwandelten Paulus gehört, dass er überliefert, was er empfangen hat: Denn sooft ihr von diesem Brot esst und aus dem Kelch trinkt, verkündet ihr den Tod des Herrn bis er kommt. Für Paulus hat sich die Welt damit verändert. Daraus lebt er und dafür lebt er.
 
Wir kennen es aus eigener Erfahrung, dass wir Ereignisse und Situationen als so dicht und beeindruckend empfinden, dass sie uns verändern können, vielleicht sogar von Grund auf verändern, so dass wir uns selber oder von anderen Menschen in gewisser Weise als verzaubert wahrgenommen werden. „Was ist denn mit dir los?“, kann es dann fast vorwurfsvoll lauten.

 

Eine solche Situation ist im Evangelium, das wir gerade gehört haben, geschildert. Von irgendwelchen Zaubersprüchen war nichts zu hören, sondern Jesus sagt klar und deutlich, was er tut, warum er es tut und was er mit seinem Tun zeigen will: Begreift ihr, was ich an euch getan habe? Ihr sagt Meister und Herr zu mir, und ihr nennt mich mit Recht so, denn ich bin es. Wenn nun ich, der Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, dann müsst auch ihr einander die Füße waschen, ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe.
 
Liebe Schwestern und Brüder, gleich werden wir hier in unserer Basilika diese Fußwaschung nicht einfach nachspielen, sondern wir werden sie als Zeichen vollziehen. Und mit diesem Zeichen werden wir alle Dienste, die sich Menschen aus Liebe, Respekt und Verantwortung erweisen, würdigen. Denn wenn diese Dienste in unserem Alltag nicht geschehen würden, wenn Menschen einander nicht dienen würden, dann wäre es um die Würde des Menschen in unserer Welt schlecht bestellt. Viele Menschen fühlen sich diesem Auftrag Jesu bewusst verpflichtet. Es gibt aber auch Menschen, die es tun ohne einen Bezug zu Jesus herzustellen. Aber auch sie machen damit unsere Welt menschenwürdig und auch ein Stück wunderbar.
 
Vielleicht sei an dieser Stelle auch einmal erwähnt, dass unser Gesundheitssystem, auf das wir oft so stolz sind, schon lange nicht mehr funktionieren würde, wenn wir nicht Menschen hätten, die aus anderen Ländern stammen und bei uns in den Pflegeberufen arbeiten oder auch Menschen, die sich nicht zum Christentum bekennen. Ihnen sei an dieser Stelle gedankt, weil sie das Zeichen der Fußwaschung und was Jesus damit zeigen wollte, im Alltag sichtbar und vor allem erfahrbar machen.

 

Jesus hat nicht gezaubert, aber er hat verwandelt und sehr wohl verändert, er hat Menschen verändert, wenn sie seine Botschaft nicht nur hören, sondern sich von ihr ansprechen und ein bisschen auch verzaubern lassen.

 

Hoc est enim corpus meum. Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird. Uns ist damit viel in die Hand gelegt worden und wir haben sozusagen auch viel in der Hand für die Welt. Das ist das Geheimnis unseres Glaubens, der nicht zaubern will, aber der verwandeln will und verändern kann. Ein Lied drückt es auf seine Weise aus:

 

Ein kleines Stück Brot in unsern Händen, reicht aus für alle Menschen.
Du verwandelst das Brot in Jesu Leib.
Du verwandelst den Wein in Jesu Blut.
Du verwandelst den Tod in Auferstehn.
Verwandle du auch uns!

 

Ja, verwandle du auch uns! Und lassen wir uns auch verwandeln. Wenn das spürbar wird, dann wird auch etwas sichtbar
werden.

 

Bibelstellen: 1. Kor. 11,23-26 und Joh. 13,1-15
 
5. Mai 2019, Kloster Scheyern

 

„Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als diese?“ (Joh 21,15)

 

Verehrter Herr Abt Markus Eller, liebe Mönche von Kloster Scheyern, liebe Schwestern und Brüder! Die Frage des auferstandenen Herrn an Simon Petrus hat eine ganz besondere Bedeutung. Dreimal stellt Jesus Christus ihm die fast gleiche Frage. Beim ersten Mal bezieht sie sich auf den Vergleich mit den übrigen Jüngern: „Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als diese?“ (Joh 21,15), bei den beiden folgenden Fragen bezieht sie sich nur auf Jesus selbst: „Simon, Sohn des Johannes liebst du mich?“ (Joh 21,16.17).

 

Petrus gibt eine bejahende Antwort. Die ersten beiden Male sagt er: „Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe“ (Joh
21.15.16). Als der Herr ihn zum dritten Mal fragt, ob er ihn liebe, wurde Petrus betrübt und hat geantwortet: „Herr, du weißt alles; du weißt, dass ich dich liebe“ (Joh 21,17). Mit diesem dreifachen Bekenntnis hat Simon Petrus seinen dreifachen Verrat während der Passion des Meisters wieder gut gemacht (vgl. Joh 13,38; 18,15-18.25.27). Nachdem Simon Petrus dies eingesehen, bereut hatte und demütig wurde, war er bereit, dem Meister zu folgen, sei es auch in Leiden und Tod, wie es ihm Jesus vorausgesagt hatte: „Amen, amen, ich sage dir: Als du jünger warst, hast du dich selbst gegürtet und gingst, wohin du wolltest. Wenn du aber alt geworden bist, wirst du deine Hände ausstrecken und ein anderer wird dich gürten und dich führen, wohin du nicht willst“ (Joh 21,18). Mit dieser Geisteshaltung war der Heilige Petrus bereit, den Primatsdienst unter den Zwölfen und in der Kirche auszuüben, den ihm der auferstandene Herr anvertraut hatte: „Weide meine Lämmer!“ (Joh 21,15), „Weide meine Schafe“ (21,16.18), wie auch durch den neuen Aufruf: „Folge mir nach“ (Joh 21,19). Der Dienst des Petrus, das „immerwährende und sichtbare Prinzip und Fundament der Glaubenseinheit und der Gemeinschaft“ (LG 18) und „für die Einheit der Vielheit von Bischöfen und Gläubigen“ (LG 23), setzt sich in seinen Nachfolgern auf dem Bischofsstuhl von Rom fort.

 

Ich habe die Ehre, Vertreter des Heiligen Vaters Franziskus in der Bundesrepublik Deutschland zu sein, des 265. Nachfolgers des Heiligen Petrus, Bischof von Rom und Hirte der Universalkirche. Es freut mich, der benediktinischen
Mönchsgemeinschaft von Kloster Scheyern aus Anlass des 900jährigen Jubiläums der Übersiedlung der ersten Mönche vom Petersberg bei Dachau auf die Burg Scheyern die herzlichen Grüße des Römischen Pontifex zu übermitteln. Besonders danke ich Eurem Abt Markus Eller OSB für die Einladung, dieser Eucharistiefeier vorzustehen, um Gott dem Vater, Sohn und Heiligem Geist für das große Geschenk Eurer Präsenz an diesem Ort der Sammlung und brüderlichen Liebe durch neun Jahrhunderte zu danken.

 

Dem dreieinen Gott sei Lob und Dank für das exemplarische Leben so vieler Mönche, die sich bemühten, nach der Regel des Heiligen Benedikt zu leben, um das Ideal der Heiligkeit durch ein Leben zu erreichen, das ganz Gott geweiht ist im Gebet und im Dienst am Nächsten gemäß dem berühmten Wahlspruch: ora et labora. Darüber hinaus ist es bedeutsam, daß diese feierliche Liturgie an einem der beiden jährlichen Wallfahrten zur Verehrung der Kreuzreliquie unseres Herrn Jesus Christus stattfindet, die seit dem Jahr 1180 in dieser Abtei sorgsam gehütet wird. Um das Band der Einheit mit dem Heiligen Vater Franziskus zu stärken, welcher der ganzen Kirche in der Liebe vorsteht (vgl. Ignatius von Antiochien, Röm 1,1), erteile ich Euch allen sehr gerne am Ende dieser Heiligen Messe den Päpstlichen Segen, mit dem nach den althergebrachten Überlieferungen der Kirche der vollkommene Ablass von Sündenstrafen verbunden ist.

 

Danken wir alle gemeinsam dem dreieinen Gott für dieses Geschenk seiner Güte und Barmherzigkeit und öffnen wir unsere Herzen, um zu hören, was der Geist uns durch das Wort Gottes sagen will, das an diesem dritten Ostersonntag verkündet worden ist. Hervorheben möchte ich die Aktualität zweier Themen: das christliche Zeugnis (I) und die himmlische Verherrlichung des auferstandenen Herrn, was wir in der Kirche schon vorwegnehmen, vor allem in der Liturgie (II).

 

1. „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apg 5,29).

 

Die Antwort des Petrus und der Apostel an den Hohenpriester und die übrigen Mitglieder des Hohen Rates (des Sanhedrin) ist in unseren Tagen sehr aktuell. Die Jünger des gestorbenen und auferstandenen Herrn Jesus Christus hatten keinen Zweifel an der Natur und dem Inhalt ihrer Mission: sie sollten Zeugen des Ostergeheimnisses sein und den Kernpunkt verkünden: „Der Gott unserer Väter hat Jesus auferweckt, den ihr ans Holz gehängt und ermordet habt. Ihn hat Gott als Anführer und Retter an seine rechte Seite erhoben, um Israel die Umkehr und Vergebung der Sünden zu schenken. Zeugen dieser Ereignisse sind wir und der Heilige Geist, den Gott allen verliehen hat, die ihm gehorchen“ (Apg 5,30-32). Die Apostel haben diese Mission nie aufgegeben, auch wenn sie für die Treue zum Herrn Jesus gefoltert wurden und das Martyrium erlitten.

 

Auch in der Welt von heute gibt es bei der Verkündigung des Evangeliums vielfältige Hindernisse und erleiden Christen Verfolgungen. Nach der World Watch List von Open Doors werden weltweit mehr als 245 Millionen Christen verfolgt, was bedeutet, einer von neun Christen leidet um seines Glaubens willen. Von 150 untersuchten Ländern zeigten sich in 73 Formen von Verfolgungen, in 11 Ländern besonders extreme. Für das Jahr 2018 wurden 4.305 Ermordungen aus Hass auf den christlichen Glauben ermittelt.

 

Neben dieser ausgesprochen physischen Form der Verfolgung gibt es noch andere, sehr ausgefeilte Formen von Verfolgungen, die auch in als demokratisch geltenden Ländern vorkommen. In diesen Ländern, die nicht selten traditionell christliche Wurzeln haben, werden aus ideologischen Gründen Sichtweisen und Lebenshaltungen gefördert oder sogar auferlegt, die dem christlichen Glauben widersprechen. Christliche Werte werden durch die Kommunikationsmittel, besonders in den sogenannten sozialen Netzwerken verspottet oder zensiert. Angesichts des Glaubens der Kirche, daß Jesus Christus die Wahrheit ist (vgl. Joh 14,6), herrscht ein Relativismus, der sich darin äußert, alle Religionen als gleich gültig zu betrachten und auch das Christentum auf eine rein horizontale Dimension zu reduzieren. Daraus folgt, auch Jesus Christus wird nur noch als beispielhafter Mensch oder als ein Prophet gesehen und die Wahrheit verschwiegen oder unterdrückt, daß er zugleich Mensch und Gott ist. In diesem relativistischen Zusammenhang wird die neue Genderideologie vorgestellt oder mit veränderten Methoden aufgezwungen, die in ihrer radikalen Ausprägung das christliche Menschenbild ablehnt, das in der Bibel geoffenbart ist und worauf die wahre menschliche Natur basiert.

 

Angesichts dieser neuen und alten Herausforderungen muss die Kirche dem Beispiel der Apostel folgen und immer wieder betonen: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apg 5,29). Ihrer prophetischen Berufung erneut bewußt, muss die Kirche ohne Furcht und Zweideutigkeit verkünden, daß Jesus Christus der Herr ist, daß er die Wahrheit ist, der uns die wahre Natur des Menschen, der Familie, der sozialen Beziehungen und der zum Geschaffenen offenbart. Er fordert uns auf, unsere Sünden und unsere Grenzen anzuerkennen und seiner Einladung zur Umkehr während unseres irdischen Pilgerweges hin zur himmlischen Heimat zu folgen. Bei dieser Verkündigung, die vor allem durch das Beispiel des Lebens geschieht und wenn nötig mit Worten, nehmen die Ordensleute einen besonderen Platz ein, insbesondere jene, die bemüht sind, das Ideal eines monastischen Lebens immer besser zu leben.

 

2. „Würdig ist das Lamm, das geschlachtet ist, Macht zu empfangen, Reichtum und Weisheit, Kraft und Ehre, Lob und
Herrlichkeit“ (Offb. 5,12). Jesus Christus wurde am Holz des Kreuzes geopfert. So wurde das Kreuz zum bevorzugten Symbol der Passion, des Todes und der Auferstehung des Herrn Jesus, dem Lamm, das geschlachtet ward. Jedes christliche Gebet beginnt mit dem Kreuzzeichen. Wir haben zum Beispiel diese festliche Eucharistiefeier begonnen, indem wir das Kreuzzeichen machten und den Namen der Allerheiligsten Dreifaltigkeit anriefen: „Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“.

 

Liebe Mönche,
ihr hütet seit Jahrhunderten eine Reliquie des heiligen Kreuzes, ein Teil jenes Holzes, an dem Herr Jesus erhöht wurde, unser Heiland und Erlöser. Zusammen mit der Ehre, dieses kostbare Stück eifrig zu beschützen, gebietet diese Reliquie, beständig die Bedeutung des Kreuzes im Leben Jesu Christi und im Leben eines jeden Christen zu betrachten. Dank der göttlichen Liebe hat Jesus von Nazareth die Bedeutung des Kreuzes als Zeichen der Schande zu einem Symbol des Heils und der Herrlichkeit verwandelt.

 

Diese Verherrlichung konnten wir in der zweiten Lesung aus der Offenbarung des Johannes erahnen. Hier wird die
himmlische Liturgie beschrieben. Die Heilige Messe erlaubt uns, an dieser Gnadenhandlung teilzunehmen und den dreieinen Gott zusammen mit den Engeln, den Lebewesen, den Ältesten in der großen Menge der Erwählten zu loben, die der inspirierte Autor mit dem Ausdruck umschreibt: „Zehntausend mal zehntausend und tausend mal tausend“ (Offb 5,11). Im Glauben stimmen auch wir ein in ihren Gesang: „Würdig ist das Lamm, das geschlachtet ist, Macht zu empfangen, Reichtum und Weisheit, Kraft und Ehre, Lob und Herrlichkeit“ (Offb 5,12). Dem himmlischen Lob entspricht jenes auf der Erde und im ganzen Weltall, wenn auch wir uns mit der mächtigen Stimme vereinen, die ruft: „Ihm, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm gebühren Lob und Ehre und Herrlichkeit und Kraft in alle Ewigkeit“ (Offb 5,13).

 

Liebe Söhne des Heiligen Benedikt, liebe Schwestern und Brüder, jede liturgische Feier nimmt teil am himmlischen
Lobpreis Gottvaters, wovon jede Vaterschaft im Himmel und auf Erden stammt, am Lob Seines Eingeborenen Sohnes Jesus
Christus, der Mensch und Welt durch das Kreuzesopfer erlöst hat, und des Heiligen Geistes, der die Herzen der Gläubigen mit dem Feuer der Liebe erfüllt und auf unblutige Weise das Opfer Jesu Christi in jeder Eucharistiefeier gegenwärtig setzt. Aus diesem Grund ist die geordnet, schön und gültig gefeierte Liturgie in der Katholischen Kirche die beste Weise der Evangelisierung auch in unserer säkularisierten Welt. Daher danke ich für die Beständigkeit, mit der ihr Eure tägliche Arbeit mit dem Stundengebet begleitet und besonders dafür, daß die tägliche Feier der Eucharistie den Mittelpunkt Eures persönlichen und monastischen Lebens einnimmt. Eure Art, Zeugnis zu geben, ist jedem Christen möglich, ja notwendig, um Gebet und Arbeit zu verbinden, damit das Tagewerk vor Gott ein immerwährendes Gebet werden kann (vgl.Lk 18,1). Vom Wort Gottes belehrt, seid Ihr in der Lage, immer besser den Willen des auferstandenen Herrn zu erfüllen.

 

Wie einst die Apostel, ermahnt Er auch Euch: „Werft das Netz auf der rechten Seite des Bootes aus“ (Joh 21,6) und
verheißt einen reichen Fischfang, auch wenn die Umstände aus der Sicht von Welt ungünstig sind. Wie an den Heiligen
Petrus, so richtet der Herr Jesus an jeden von uns die Frage: „Liebst du mich?“ Mit der Unterstützung des Heiligen
Geistes antworten auch wir: „Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe“. Möge die Fürsprache der seligen Jungfrau Maria, der Mutter Jesu und Mutter der Kirche, Euren Pilgerweg hin zur himmlischen Heimat begleiten, wo wir mit dem Heiligen Benedikt und allen Heiligen in Ewigkeit die österliche Liturgie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes feiern werden. Amen.

 

Bibelstellen: Apg. 5,27b-32.40b-41; Ps. 30; Offb 5,11-14; Joh. 21,1-19
Ostermontag 22. April 2019, Kloster Scheyern

 

Ostermontag

 

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Vor genau einer Woche haben viele Menschen in Europa und vielleicht in aller Welt vor den Bildschirmen gesessen und
waren betroffen von dem, was sie da sahen, die berühmte gotische Kathedrale Notre Dame brannte. Ich war noch nie in
Paris, also auch noch nie in Notre Dame, aber ich muss gestehen, mir ging es auch so. Immer wieder hatte ich dieses Bild vor Augen, den brennenden Turm, der in sich zusammenfiel. Diese schöne und stolze Kathedrale, ein Wahrzeichen für Paris, ein Dachstuhl, aus dem 13. Jahrhundert, und es brennt, und was wird davon noch zu retten sein? Und meine Gedanken gingen weiter, das war meine eigentliche Betroffenheit: Ist nicht, was hier geschieht so etwas wie ein Symbol; so wie diese Kirche zerstört wird, so geht heute das, was Kirche meint, positiv meint, die Frohe Botschaft des Evangeliums, Glaube, ja Religion, für viele Menschen verloren, es erreicht sie nicht mehr, sie kommen nicht mehr in Berührung mit dem, was eigentlich gedacht, gemeint ist, mit dem, was ihrem Leben Helligkeit geben könnte, Farbe und Sinn. Wie viele Menschen haben mir in der vergangenen Zeit erzählt, dass sie Schwierigkeiten haben, sich gegen solch eine Stimmung durchzusetzen, die sagt: Alles Unsinn, Kirche, wer braucht die noch usw. Und daran haben vielleicht die Missbrauchsskandale Anteil, bestimmt sind die Ursachen aber viel umfassender.
Die Zerstörung von Notre Dame, ein Symbol dafür, dass etwas zu Ende geht, dass etwas verlorengeht, unwiederbringlich.

 

Am Dienstag gab es erste entwarnende Meldungen: Die Kirche selbst ist gesichert, und es gibt doch manches, was nicht zerstört wurde, Gott sei Dank, und vor allem, es gibt eine hohe Spendenbereitschaft, Notre Dame soll wieder aufgebaut werden. Und so sehr ich mich darüber freue, ich hätte mir hier ein wenig mehr Aushalten bei der Betroffenheit gewünscht. Es ist Trauerarbeit zu leisten, denn es ist etwas unwiederbringlich verloren gegangen, und solche Gedanken, wie ich sie hatte in Bezug auf Glaube, Religion, Kirche, das sind doch nicht nur meine Gedanken, das spüren doch andere auch. Ein Satz vom Dienstag bringt es auf den Punkt: Notre Dame soll noch schöner werden als zuvor. Hier spürt man das Missverständnis; es kann wohl etwas rekonstruiert werden, aber es geht gar nicht um noch schöner, sondern es geht um die Geschichte, die an solch einem Gotteshaus hängt, es geht um die Menschen, die hier etwas hinterlassen haben als Ausdruck ihres Lebens, ihrer Geschichte, ihres Glaubens, etwas Kostbares, wovon wir heute Lebenden zehren, woran wir uns festhalten, ja manchmal festklammern können. Genau darum greift es auch viel zu kurz, die Spendenbereitschaft zu kritisieren und den Wiederaufbau dieser Kirche gegen manche Armut heute auszuspielen. Man sollte viel eher das eine tun und das andere nicht lassen. Ein Mitbruder unserer Gemeinschaft ist in seiner Betroffenheit in die Bibliothek gegangen und hat ein Buch über Notre Dame gefunden, ein altes Buch, sehr schöne Bilder, schwarz weiß, und viele Informationen dazu. Und er hat dieses Buch ins Lesezimmer gelegt, damit auch wir alle da reinschauen. Diese Geste führt mich zu dem, was wir an Ostern feiern und was sich in der bekannten Emmaus Geschichte in besonderer Weise verdichtet. Menschen sind unterwegs mit ihrer Betroffenheit, der eine heißt Kleopas, der Name des anderen ist, vielleicht bewusst offengehalten, ich könnte derjenige sein oder Sie oder Du. Die beiden haben nicht etwas, nein, sie haben alles verloren: Einen Menschen, der in ihr Leben Farbe gebracht hat, Licht, der ihnen etwas sagen konnte vom Sinn ihres Lebens. All das, was die großen Schriftgelehrten nicht konnten, deren Gott immer weit weg war, unnahbar, oder so sehr moralisch oder so kompliziert. Jesus hatte von seinem Vater gesprochen, wenn er Gott meinte, er hat ihn auch so angesprochen, ganz einfach Papa gesagt, und er hatte gesagt, nicht der Sabbat ist das Größte, sondern der Sabbat ist für den Menschen da; und er hatte gesagt, nicht die Gebote kleinlich zu erfüllen ist das Wichtigste, sondern Gott zu lieben, sich selbst zu lieben und den Nächsten, darauf kommt es an. Es war so leicht zu glauben, wenn er bei ihnen war. Und darum konnten sie einfach mit ihm laufen, konnten vieles stehen und liegen lassen, das Wichtigste hatten sie ja.
Und dann hatten sie erlebt, wie man ihm einen kurzen Prozess gemacht und getötet hatte, ganz schnell war es gegangen, damit man in Ruhe den Sabbat halten konnte. Und nichts, kein Mensch und kein Gott, hatte ihm geholfen, alles war so trostlos, so banal, gewesen, genauso, wie das Leben abläuft. Ein wenig hatten sie noch gehofft, waren zusammengeblieben, auch aus Angst, nun gehen sie in ihren Ort zurück, in den Alltag, man wird sich wieder einrichten, es gibt ja etwas zu tun, irgendwann wird Gras über die Sache gewachsen sein.

 

Diese Betroffenheit lässt sich so gut ausmalen, und wer könnte sich nicht in solch eine Situation hinein denken? Wer hat das noch nicht erlebt? Aber etwas tun die beiden bei alledem, sie bleiben offen, sie gehen nicht blind an dem vorbei, der sich ihnen anschließt, sie nehmen ihn mit, sie sprechen mit ihm, auch das hatten sie doch bei Jesus gelernt, diese Aufmerksamkeit, niemanden einfach stehen zu lassen. Und der mit ihnen geht, der darf um all diese Dinge wissen, dem kann man das erzählen, der darf auch die Trauer erfahren, die Ratlosigkeit, die zerstörte Hoffnung. Ja, und er darf sogar etwas dazu sagen, er darf Fragen stellen, und ja auch wenn es ein bisschen belehrend rüberkommt, er darf fragen: Begreift ihr denn nicht… Und sie lassen es zu, dass er ihnen die Bibel auslegt, dass er ihre Sichtweise verändert, dass in das Dunkel ihrer Trauer doch wieder Licht kommt, etwas Farbe in das Grau ihrer Gedanken, Sinn in ihre zerstörte Hoffnung. Es tut ihnen gut, darum lassen sie den Fremden nicht einfach weiterziehen: Bleib doch bei uns, es ist doch schon Abend. Und dann kehren sie ein, essen miteinander, und es geht ihnen endlich auf, beim Mahl: Das ist er doch, das ist doch Jesus, der mit uns gegangen ist, so war es doch immer, genau so! Und sie können ihr Gefühl nicht anders beschreiben als mit den Worten: Brannte uns nicht das Herz, haben wir nicht gemerkt, wie da dieses Licht wieder da war, diese Farbe, wie wir plötzlich Sinn entdeckt haben und glauben konnten. Und sie brechen auf, es ist neue Kraft in ihnen, nicht mehr der schleppende traurige Gang, sondern mit einer großen Gewissheit kehren sie nach Jerusalem zurück. Das ist die Erfahrung von Ostern! Wo alles aussichtslos erscheint, da lässt Gott uns nicht allein, da geht er mit, tröstend und heilend und verwandelnd. Die Emmaus Geschichte ist der Weg, den wir als Glaubende gehen und immer wieder gehen müssen.

 

Liebe Schwestern und Brüder, die Trauer aushalten, das ist das eine, etwas sehr Wichtiges, aber sich nicht verkriechen dabei, offen bleiben, für den, der mir begegnen will. Und wenn ich vorhin gesagt habe, dass viele Menschen das Evangelium nicht mehr wirklich erreicht, dass bei ihnen ein verzerrtes Bild von Kirche und Glaube ankommt, dann können wir ihnen und letztlich uns selbst eine Kurzformel des Glaubens anbieten. Glaube ist, mit der Möglichkeit der Emmaus Geschichte zu rechnen, in den großen Zusammenhängen der Welt und in meinem persönlichen Leben. Und Kirche ist wichtig, weil diese Geschichte immer wieder erzählt werden muss, weil die Hoffnung, die darin enthalten ist, immer wieder erinnert werden muss. Weil sonst der Mensch zu kurz kommt. In diesem Sinn freue ich mich natürlich auch sehr über den Wiederaufbau von Notre Dame. Und ich bin überzeugt, dass es dabei nicht nur um Geld, Handwerk und Kunst und viele Sachverständige gehen wird, sondern dass auch viele Emmaus Geschichten mit diesem Wiederaufbau verbunden sein werden, dass es um den Menschen geht.

 

Amen.

 

Bibelstellen: Lk, 24, 13-35
Karfreitag 21. April 2019, Kloster Scheyern

 

Steine, die den Menschen vom Herzen fallen

 

Liebe Schwestern und Brüder!

 

In den letzten Tagen und Wochen habe ich seltsame Geräusche gehört und wahrgenommen. Geräusche, die tief und dumpf
klangen und die fast an so etwas wie Einschläge erinnerten. Das eigenartige daran aber war, dass diese Geräusche nicht bedrohlich wirkten, sondern eher ein Gefühl der Erleichterung auslösten bzw. hinterließen. Bevor Sie sich aber jetzt Gedanken über meinen Gesundheitszustand machen oder gar an meiner Zurechnungsfähigkeit zweifeln, möchte ich Ihnen sagen, was ich damit meine oder was der Grund und der Auslöser für diese Wahrnehmungen waren.

 

Die Geräusche stammten von Steinen und zwar von ganz bestimmten Steinen. Es waren Steine, die Menschen vom Herzen
gefallen waren. In der letzten Zeit tauchten bei Menschen, die ich kenne und bei Menschen aus meinem persönlichen Umfeld und Bekanntenkreis große gesundheitliche Probleme auf, so dass sich Gedanken und Ängste wie Steine auf die Herzen von Menschen legten. So nach und nach sind diese Steine zum Glück wieder abgefallen, entweder weil sich ein Verdacht nicht bestätigte oder weil es gerade noch einmal gut gegangen war. Das habe ich gehört und wahrgenommen, am Telefon oder in der persönlichen Begegnung.

 

Und Sie alle haben in der letzten Woche über die Medien solche Steine fallen hören, die von Herzen der Menschen
stammten. Die Kathedrale Notre Dame in Paris wurde durch den Brand zwar schwer beschädigt, aber sie wurde nicht zerstört. Die Türme blieben verschont! Welch eine Erleichterung! In Paris und rund um die Welt war ein Plumpsen von
vielen Steinen zu hören und es machte sich ein Gefühl der Erleichterung breit.

 

Liebe Schwestern und Brüder, heute feiern wir Ostern. Das ist ein Fest, wo am Anfang einer einen Stein ins Rollen
gebracht hat, so dass er auch den Menschen vom Herzen fallen konnte. Jesus Christus ist auferstanden und hat den Stein des Grabes „weggesprengt“, wie es in manchen österlichen Liedern heißt.

 

Maria Magdalena, von der wir heute im Evangelium gehört haben, die zum Friedhof unterwegs war, machte sich nicht nur Gedanken über den Stein, mit dem das Grab Jesu verschlossen war und wer ihn wohl wegschieben konnte, sondern sie war durch das Leiden und Sterben Jesu mit all seinen Umständen immer noch geschockt und sehr bedrückt: Das hätte doch eigentlich gar nicht geschehen dürfen! Das hätte es wirklich nicht gebraucht!
Weil der Weg von Menschen sehr steinig sein und ein Problem sehr schnell auf das andere folgen kann, sieht sie zwar, dass der Stein des Grabes weggerollt war, aber sie muss auch realisieren, dass das Grab leer war, was ihr Herz noch einmal schwer und schwerer machte. Jetzt hatte sie nicht einmal mehr einen Ort der Trauer. Der Leichnam Jesu war nicht mehr da. Ein neuer Stein lastete auf ihrem Herzen. Auch die beiden Jünger, Petrus und Johannes, die sie in ihrer Not zu Hilfe geholt hatte, waren ratlos, ja panisch über die neue Situation, die nicht minder schrecklich war, als die des Karfreitag.

 

Ganz langsam aber begann sich der Stein zu bewegen und von ihrem Herzen zu fallen, denn es fiel ihnen ein, dass Jesus immer wieder von der Auferstehung nach dem Tod gesprochen hat, nur konnten sie damit zuerst nichts anfangen. „Sie fragten einander, was das sei, von den Toten auferstehen.“ So tauschten sie sich nach der Verklärung auf Tabor aus.

 

Da ging auch der andere Jünger, der zuerst an das Grab gekommen war hinein, er sah und glaubte.
Liebe Schwestern und Brüder, das hört sich so einfach an, „er sah und glaubte“. Aus meinem eigenen Leben und in der
Begegnung mit Menschen auf ihren Lebens- und Glaubenswegen weiß ich, dass das eine große Herausforderung ist, dass es viel Anstrengung und auch eine Menge Arbeit bedeuten kann, bis Menschen so weit sind. Viele Steine, große und kleine Steine, die viele und ganz verschiedene Namen tragen, liegen den Menschen im Weg und auf dem Herzen. Ich glaube, immer wieder und auch heute haben wir in unserer Basilika eine ganze Steinsammlung, was Sie
bedrückt und was Ihnen auf dem Herzen liegt. Viele Steine müssen zuerst oft aus dem Weg geräumt werden, damit Menschen glauben können, damit Menschen wieder einen Fuß auf die Erde bringen, damit Menschen mit einer veränderten Situation weiterleben können. Wir dürfen uns nichts vormachen. Ostern stellt nicht einfach einen Zustand wieder her, wie er vorher war, sondern Ostern fordert uns auf und fordert uns heraus mit der neuen Situation umgehen zu können. Leben nach dem Tod. Leben durch den Tod. Leben neu zu lernen. Leben neu zu denken. Jede Osterkerze stellt uns das vor Augen: Der Auferstandene ist ein verwundeter, ein verletzter, aber gerade daran wird er erkannt.

 

Leben neu lernen und Leben neu denken. Eine große Herausforderung! Wenn ich das so sage, dann muss ich an die Exerzitien denken, die wir als Klostergemeinschaft in den letzten Tagen mit Pfarrer Josef Mayer vom Petersberg gemacht haben. Als Anhaltspunkte zeigte er uns einige Stationen aus dem Skulpturenweg am Petersberg. Eine Station hat mich besonders berührt und sich tief eingeprägt. Sie heißt „Das Licht in meinem Kopf“. Ganz schemenhaft ist ein Gesicht zu sehen und im Hinterkopf ist eine Nische für ein Licht. Immer wieder stellen dort Menschen Lichter hinein.

 

Gibt es ein solches Licht auch in meinem Hinterkopf? Gibt es ein solches Licht in ihrem Hinterkopf? Ein kleiner Funke, eine kleine Flamme die sich Hoffnung nennt?
An Ostern wird nicht nur ein Stein vom Grab gewälzt.
An Ostern fallen nicht nur Steine von den Herzen der Menschen.
Ostern ist ein Eckstein für eine neue Zeit.
Ostern ist ein Meilenstein für ein neues ewiges Leben.
Und an Ostern wird das Licht in meinem Kopf neu entzündet, dass es leuchte in dunklen Stunden des Lebens.

 

Liebe Schwestern und Brüder, in der Osternacht wird vor dem Einzug mit der Osterkerze in die Kirche gesagt: Christus ist glorreich erstanden vom Tod. Sein Licht vertreibe das Dunkel der Herzen. Ja, sein Licht vertreibe das Dunkel der Herzen. Das soll sich tief in unsere Köpfe einprägen. Das sollen wir stets im Hinterkopf haben nicht nur an Ostern, sondern an allen Tagen unseres Lebens. Denn:

 

Manchmal feiern wir mitten am Tag ein Fest der Auferstehung. Stunden werden eingeschmolzen und ein Glück ist da.
Manchmal feiern wir mitten im Wort ein Fest der Auferstehung, Sätze werden aufgehoben und ein Lied ist da.
Manchmal feiern wir mitten im Streit ein Fest der Auferstehung. Waffen werden umgeschmiedet und ein Friede ist da.
Manchmal feiern wir mitten im Tun ein Fest der Auferstehung. Sperren werden überwunden und ein Geist ist da.

 

Ein Licht in meinem Kopf, das die Steine von den Herzen der Menschen fallen lässt! Ein frohes und ermutigendes
Osterfest, Halleluja!
 
Gründonnerstag 18. Mai 2019, Kloster Scheyern

 

Jesus zaubert nicht, er verwandelt

 

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Abrakadabra, Simsalabim, Hokuspokus Fidibus, dreimal schwarzer Kater. So oder so ähnlich lauten die sog. Zaubersprüche, die wir aus Kindertagen, aus Märchenbüchern oder auch aus Filmen kennen. Und ein guter Zauberer, der etwas auf sich hält und der auch etwas kann, der hat gute Zaubersprüche.

 

Zauber und Zaubern, das hat Menschen zu allen Zeiten in den Bann gezogen und fasziniert. Zaubern, das würden nicht nur Kinder gerne können, sondern oft viele erwachsene Menschen auch, damit sich die Welt, vor allem die persönliche Welt, wunschgemäß verändert, dass sie noch viel schöner und wunderbarer wird. So suchen Menschen nach Kenntnissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten, um aus solchen Träumen Wirklichkeit werden zu lassen.
Oft aber werden sie feststellen müssen, dass es sich um einen falschen Zauber handelt und sie die harte Wirklichkeit schneller einholt, als ihnen lieb ist.

 

Wenn wir in die Liturgie des Gründonnerstags hineinschauen, zu der wir jetzt zusammengekommen sind, dann wird nicht
gezaubert, aber es verändert sich etwas. Ehrlicherweise müssen wir zugeben, dass unsere Gottesdienste nicht ganz frei sind von einem Verdacht des Zaubers. Geschehen doch auch wunderbare, für manche Menschen sonderbare Dinge in einem Gottesdienst. Aus Brot wird Leib Christi, aus Wein wird Blut Christi.

 

Der Zauberspruch „Hokuspokus“ ist vermutlich entstanden aus den schnell und undeutlich gesprochenen lateinischen
Einsetzungsworten: Hoc es enim corpus meum. Das ist mein Leib der für euch hingegeben wird. (Hokuspokus)

 

Wenn Jesus so spricht, dann verwandelt er. Er verändert sichtbar keine Dinge, sondern er verwandelt und verändert
vielmehr spürbar Menschen. Er verändert ihre Sichtweise und Denkweise durch sein Reden und durch sein Tun. In der Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus an die Korinther haben wir von einem in diesem Sinne ergriffenen und verwandelten Paulus gehört, dass er überliefert, was er empfangen hat: Denn sooft ihr von diesem Brot esst und aus dem Kelch trinkt, verkündet ihr den Tod des Herrn bis er kommt. Für Paulus hat sich die Welt damit verändert. Daraus lebt er und dafür lebt er.

 

Wir kennen es aus eigener Erfahrung, dass wir Ereignisse und Situationen als so dicht und beeindruckend empfinden, dass sie uns verändern können, vielleicht sogar von Grund auf verändern, so dass wir uns selber oder von anderen Menschen in gewisser Weise als verzaubert wahrgenommen werden. „Was ist denn mit dir los?“, kann es dann fast vorwurfsvoll lauten.

 

Eine solche Situation ist im Evangelium, das wir gerade gehört haben, geschildert. Von irgendwelchen Zaubersprüchen war nichts zu hören, sondern Jesus sagt klar und deutlich, was er tut, warum er es tut und was er mit seinem Tun zeigen will: Begreift ihr, was ich an euch getan habe? Ihr sagt Meister und Herr zu mir, und ihr nennt mich mit Recht so, denn ich bin es. Wenn nun ich, der Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, dann müsst auch ihr einander die Füße waschen, ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe.

 

Liebe Schwestern und Brüder, gleich werden wir hier in unserer Basilika diese Fußwaschung nicht einfach nachspielen, sondern wir werden sie als Zeichen vollziehen. Und mit diesem Zeichen werden wir alle Dienste, die sich Menschen aus Liebe, Respekt und Verantwortung erweisen, würdigen. Denn wenn diese Dienste in unserem Alltag nicht geschehen würden, wenn Menschen einander nicht dienen würden, dann wäre es um die Würde des Menschen in unserer Welt schlecht bestellt.

 

Viele Menschen fühlen sich diesem Auftrag Jesu bewusst verpflichtet. Es gibt aber auch Menschen, die es tun ohne einen Bezug zu Jesus herzustellen. Aber auch sie machen damit unsere Welt menschenwürdig und auch ein Stück wunderbar.

 

Vielleicht sei an dieser Stelle auch einmal erwähnt, dass unser Gesundheitssystem, auf das wir oft so stolz sind, schon lange nicht mehr funktionieren würde, wenn wir nicht Menschen hätten, die aus anderen Ländern stammen und bei uns in den Pflegeberufen arbeiten oder auch Menschen, die sich nicht zum Christentum bekennen. Ihnen sei an dieser Stelle gedankt, weil sie das Zeichen der Fußwaschung und was Jesus damit zeigen wollte, im Alltag sichtbar und vor allem erfahrbar machen.

 

Jesus hat nicht gezaubert, aber er hat verwandelt und sehr wohl verändert, er hat Menschen verändert, wenn sie seine Botschaft nicht nur hören, sondern sich von ihr ansprechen und ein bisschen auch verzaubern lassen.

 

Hoc est enim corpus meum. Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird. Uns ist damit viel in die Hand gelegt worden und wir haben sozusagen auch viel in der Hand für die Welt. Das ist das Geheimnis unseres Glaubens, der nicht zaubern will, aber der verwandeln will und verändern kann. Ein Lied drückt es auf seine Weise aus:

 

Ein kleines Stück Brot in unsern Händen, reicht aus für alle Menschen.

 

  • Du verwandelst das Brot in Jesu Leib.
  • Du verwandelst den Wein in Jesu Blut.
  • Du verwandelst den Tod in Auferstehn.
Verwandle du auch uns!

 

Ja, verwandle du auch uns! Und lassen wir uns auch verwandeln. Wenn das spürbar wird, dann wird auch etwas sichtbar
werden.

 

Bibelstellen: 1. Kor. 11,23-26 und Joh. 13,1-15
5. Mai 2019, Kloster Scheyern

„Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als diese?“ (Joh 21,15) Verehrter Herr Abt Markus Eller, liebe Mönche von Kloster Scheyern, liebe Schwestern und Brüder! Die Frage des auferstandenen Herrn an Simon Petrus hat eine ganz besondere Bedeutung. Dreimal stellt Jesus Christus ihm die fast gleiche Frage. Beim ersten Mal bezieht sie sich auf den Vergleich mit den übrigen Jüngern: „Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als diese?“ (Joh 21,15), bei den beiden folgenden Fragen bezieht sie sich nur auf Jesus selbst: „Simon, Sohn des Johannes liebst du mich?“ (Joh 21,16.17).

Petrus gibt eine bejahende Antwort. Die ersten beiden Male sagt er: „Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe“ (Joh
21.15.16). Als der Herr ihn zum dritten Mal fragt, ob er ihn liebe, wurde Petrus betrübt und hat geantwortet: „Herr, du weißt alles; du weißt, dass ich dich liebe“ (Joh 21,17). Mit diesem dreifachen Bekenntnis hat Simon Petrus seinen dreifachen Verrat während der Passion des Meisters wieder gut gemacht (vgl. Joh 13,38; 18,15-18.25.27). Nachdem Simon Petrus dies eingesehen, bereut hatte und demütig wurde, war er bereit, dem Meister zu folgen, sei es auch in Leiden und Tod, wie es ihm Jesus vorausgesagt hatte: „Amen, amen, ich sage dir: Als du jünger warst, hast du dich selbst gegürtet und gingst, wohin du wolltest. Wenn du aber alt geworden bist, wirst du deine Hände ausstrecken und ein anderer wird dich gürten und dich führen, wohin du nicht willst“ (Joh 21,18). Mit dieser Geisteshaltung war der Heilige Petrus bereit, den Primatsdienst unter den Zwölfen und in der Kirche auszuüben, den ihm der auferstandene Herr anvertraut hatte: „Weide meine Lämmer!“ (Joh 21,15), „Weide meine Schafe“ (21,16.18), wie auch durch den neuen Aufruf: „Folge mir nach“ (Joh 21,19). Der Dienst des Petrus, das „immerwährende und sichtbare Prinzip und Fundament der Glaubenseinheit und der Gemeinschaft“ (LG 18) und „für die Einheit der Vielheit von Bischöfen und Gläubigen“ (LG 23), setzt sich in seinen Nachfolgern auf dem Bischofsstuhl von Rom fort.

Ich habe die Ehre, Vertreter des Heiligen Vaters Franziskus in der Bundesrepublik Deutschland zu sein, des 265.
Nachfolgers des Heiligen Petrus, Bischof von Rom und Hirte der Universalkirche. Es freut mich, der benediktinischen
Mönchsgemeinschaft von Kloster Scheyern aus Anlass des 900jährigen Jubiläums der Übersiedlung der ersten Mönche vom
Petersberg bei Dachau auf die Burg Scheyern die herzlichen Grüße des Römischen Pontifex zu übermitteln. Besonders danke ich Eurem Abt Markus Eller OSB für die Einladung, dieser Eucharistiefeier vorzustehen, um Gott dem Vater, Sohn und Heiligem Geist für das große Geschenk Eurer Präsenz an diesem Ort der Sammlung und brüderlichen Liebe durch neun Jahrhunderte zu danken.

Dem dreieinen Gott sei Lob und Dank für das exemplarische Leben so vieler Mönche, die sich bemühten, nach der Regel des Heiligen Benedikt zu leben, um das Ideal der Heiligkeit durch ein Leben zu erreichen, das ganz Gott geweiht ist im Gebet und im Dienst am Nächsten gemäß dem berühmten Wahlspruch: ora et labora. Darüber hinaus ist es bedeutsam, daß diese feierliche Liturgie an einem der beiden jährlichen Wallfahrten zur Verehrung der Kreuzreliquie unseres Herrn Jesus Christus stattfindet, die seit dem Jahr 1180 in dieser Abtei sorgsam gehütet wird. Um das Band der Einheit mit dem Heiligen Vater Franziskus zu stärken, welcher der ganzen Kirche in der Liebe vorsteht (vgl. Ignatius von Antiochien, Röm 1,1), erteile ich Euch allen sehr gerne am Ende dieser Heiligen Messe den Päpstlichen Segen, mit dem nach den althergebrachten Überlieferungen der Kirche der vollkommene Ablass von Sündenstrafen verbunden ist.

Danken wir alle gemeinsam dem dreieinen Gott für dieses Geschenk seiner Güte und Barmherzigkeit und öffnen wir unsere Herzen, um zu hören, was der Geist uns durch das Wort Gottes sagen will, das an diesem dritten Ostersonntag verkündet worden ist. Hervorheben möchte ich die Aktualität zweier Themen: das christliche Zeugnis (I) und die himmlische Verherrlichung des auferstandenen Herrn, was wir in der Kirche schon vorwegnehmen, vor allem in der Liturgie (II).

1. „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apg 5,29).

Die Antwort des Petrus und der Apostel an den Hohenpriester und die übrigen Mitglieder des Hohen Rates (des Sanhedrin) ist in unseren Tagen sehr aktuell. Die Jünger des gestorbenen und auferstandenen Herrn Jesus Christus hatten keinen Zweifel an der Natur und dem Inhalt ihrer Mission: sie sollten Zeugen des Ostergeheimnisses sein und den Kernpunkt verkünden: „Der Gott unserer Väter hat Jesus auferweckt, den ihr ans Holz gehängt und ermordet habt. Ihn hat Gott als Anführer und Retter an seine rechte Seite erhoben, um Israel die Umkehr und Vergebung der Sünden zu schenken. Zeugen dieser Ereignisse sind wir und der Heilige Geist, den Gott allen verliehen hat, die ihm gehorchen“ (Apg 5,30-32). Die Apostel haben diese Mission nie aufgegeben, auch wenn sie für die Treue zum Herrn Jesus gefoltert wurden und das Martyrium erlitten.

Auch in der Welt von heute gibt es bei der Verkündigung des Evangeliums vielfältige Hindernisse und erleiden Christen Verfolgungen. Nach der World Watch List von Open Doors werden weltweit mehr als 245 Millionen Christen verfolgt, was bedeutet, einer von neun Christen leidet um seines Glaubens willen. Von 150 untersuchten Ländern zeigten sich in 73 Formen von Verfolgungen, in 11 Ländern besonders extreme. Für das Jahr 2018 wurden 4.305 Ermordungen aus Hass auf den christlichen Glauben ermittelt.

Neben dieser ausgesprochen physischen Form der Verfolgung gibt es noch andere, sehr ausgefeilte Formen von Verfolgungen, die auch in als demokratisch geltenden Ländern vorkommen. In diesen Ländern, die nicht selten traditionell christliche Wurzeln haben, werden aus ideologischen Gründen Sichtweisen und Lebenshaltungen gefördert oder sogar auferlegt, die dem christlichen Glauben widersprechen. Christliche Werte werden durch die Kommunikationsmittel, besonders in den sogenannten sozialen Netzwerken verspottet oder zensiert. Angesichts des Glaubens der Kirche, daß Jesus Christus die Wahrheit ist (vgl. Joh 14,6), herrscht ein Relativismus, der sich darin äußert, alle Religionen als gleich gültig zu betrachten und auch das Christentum auf eine rein horizontale Dimension zu reduzieren. Daraus folgt, auch Jesus Christus wird nur noch als beispielhafter Mensch oder als ein Prophet gesehen und die Wahrheit verschwiegen oder unterdrückt, daß er zugleich Mensch und Gott ist. In diesem relativistischen Zusammenhang wird die neue Genderideologie vorgestellt oder mit veränderten Methoden aufgezwungen, die in ihrer radikalen Ausprägung das christliche Menschenbild ablehnt, das in der Bibel geoffenbart ist und worauf die wahre menschliche Natur basiert.

Angesichts dieser neuen und alten Herausforderungen muss die Kirche dem Beispiel der Apostel folgen und immer wieder betonen: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apg 5,29). Ihrer prophetischen Berufung erneut bewußt, muss die Kirche ohne Furcht und Zweideutigkeit verkünden, daß Jesus Christus der Herr ist, daß er die Wahrheit ist, der uns die wahre Natur des Menschen, der Familie, der sozialen Beziehungen und der zum Geschaffenen offenbart. Er fordert uns auf, unsere Sünden und unsere Grenzen anzuerkennen und seiner Einladung zur Umkehr während unseres irdischen Pilgerweges hin zur himmlischen Heimat zu folgen. Bei dieser Verkündigung, die vor allem durch das Beispiel des Lebens geschieht und wenn nötig mit Worten, nehmen die Ordensleute einen besonderen Platz ein, insbesondere jene, die bemüht sind, das Ideal eines monastischen Lebens immer besser zu leben.

2. „Würdig ist das Lamm, das geschlachtet ist, Macht zu empfangen, Reichtum und Weisheit, Kraft und Ehre, Lob und
Herrlichkeit“ (Offb. 5,12). Jesus Christus wurde am Holz des Kreuzes geopfert. So wurde das Kreuz zum bevorzugten Symbol der Passion, des Todes und der Auferstehung des Herrn Jesus, dem Lamm, das geschlachtet ward. Jedes christliche Gebet beginnt mit dem Kreuzzeichen. Wir haben zum Beispiel diese festliche Eucharistiefeier begonnen, indem wir das Kreuzzeichen machten und den Namen der Allerheiligsten Dreifaltigkeit anriefen: „Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“.

Liebe Mönche,
ihr hütet seit Jahrhunderten eine Reliquie des heiligen Kreuzes, ein Teil jenes Holzes, an dem Herr Jesus erhöht wurde, unser Heiland und Erlöser. Zusammen mit der Ehre, dieses kostbare Stück eifrig zu beschützen, gebietet diese Reliquie, beständig die Bedeutung des Kreuzes im Leben Jesu Christi und im Leben eines jeden Christen zu betrachten. Dank der göttlichen Liebe hat Jesus von Nazareth die Bedeutung des Kreuzes als Zeichen der Schande zu einem Symbol des Heils und der Herrlichkeit verwandelt.

Diese Verherrlichung konnten wir in der zweiten Lesung aus der Offenbarung des Johannes erahnen. Hier wird die
himmlische Liturgie beschrieben. Die Heilige Messe erlaubt uns, an dieser Gnadenhandlung teilzunehmen und den dreieinen Gott zusammen mit den Engeln, den Lebewesen, den Ältesten in der großen Menge der Erwählten zu loben, die der inspirierte Autor mit dem Ausdruck umschreibt: „Zehntausend mal zehntausend und tausend mal tausend“ (Offb 5,11). Im Glauben stimmen auch wir ein in ihren Gesang: „Würdig ist das Lamm, das geschlachtet ist, Macht zu empfangen, Reichtum und Weisheit, Kraft und Ehre, Lob und Herrlichkeit“ (Offb 5,12). Dem himmlischen Lob entspricht jenes auf der Erde und im ganzen Weltall, wenn auch wir uns mit der mächtigen Stimme vereinen, die ruft: „Ihm, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm gebühren Lob und Ehre und Herrlichkeit und Kraft in alle Ewigkeit“ (Offb 5,13).

Liebe Söhne des Heiligen Benedikt, liebe Schwestern und Brüder, jede liturgische Feier nimmt teil am himmlischen
Lobpreis Gottvaters, wovon jede Vaterschaft im Himmel und auf Erden stammt, am Lob Seines Eingeborenen Sohnes Jesus
Christus, der Mensch und Welt durch das Kreuzesopfer erlöst hat, und des Heiligen Geistes, der die Herzen der Gläubigen mit dem Feuer der Liebe erfüllt und auf unblutige Weise das Opfer Jesu Christi in jeder Eucharistiefeier gegenwärtig setzt. Aus diesem Grund ist die geordnet, schön und gültig gefeierte Liturgie in der Katholischen Kirche die beste Weise der Evangelisierung auch in unserer säkularisierten Welt. Daher danke ich für die Beständigkeit, mit der ihr Eure tägliche Arbeit mit dem Stundengebet begleitet und besonders dafür, daß die tägliche Feier der Eucharistie den Mittelpunkt Eures persönlichen und monastischen Lebens einnimmt. Eure Art, Zeugnis zu geben, ist jedem Christen möglich, ja notwendig, um Gebet und Arbeit zu verbinden, damit das Tagewerk vor Gott ein immerwährendes Gebet werden kann (vgl. Lk 18,1). Vom Wort Gottes belehrt, seid Ihr in der Lage, immer besser den Willen des auferstandenen Herrn zu erfüllen.

Wie einst die Apostel, ermahnt Er auch Euch: „Werft das Netz auf der rechten Seite des Bootes aus“ (Joh 21,6) und
verheißt einen reichen Fischfang, auch wenn die Umstände aus der Sicht von Welt ungünstig sind. Wie an den Heiligen
Petrus, so richtet der Herr Jesus an jeden von uns die Frage: „Liebst du mich?“ Mit der Unterstützung des Heiligen
Geistes antworten auch wir: „Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe“. Möge die Fürsprache der seligen Jungfrau Maria, der Mutter Jesu und Mutter der Kirche, Euren Pilgerweg hin zur himmlischen Heimat begleiten, wo wir mit dem Heiligen Benedikt und allen Heiligen in Ewigkeit die österliche Liturgie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes feiern werden. Amen.

Bibelstellen: Apg. 5,27b-32.40b-41; Ps. 30; Offb 5,11-14; Joh. 21,1-19
Ostermontag 22. April 2019, Kloster Scheyern

 

Ostermontag

 

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Vor genau einer Woche haben viele Menschen in Europa und vielleicht in aller Welt vor den Bildschirmen gesessen und
waren betroffen von dem, was sie da sahen, die berühmte gotische Kathedrale Notre Dame brannte. Ich war noch nie in
Paris, also auch noch nie in Notre Dame, aber ich muss gestehen, mir ging es auch so. Immer wieder hatte ich dieses Bild vor Augen, den brennenden Turm, der in sich zusammenfiel. Diese schöne und stolze Kathedrale, ein Wahrzeichen für Paris, ein Dachstuhl, aus dem 13. Jahrhundert, und es brennt, und was wird davon noch zu retten sein? Und meine Gedanken gingen weiter, das war meine eigentliche Betroffenheit: Ist nicht, was hier geschieht so etwas wie ein Symbol; so wie diese Kirche zerstört wird, so geht heute das, was Kirche meint, positiv meint, die Frohe Botschaft des Evangeliums, Glaube, ja Religion, für viele Menschen verloren, es erreicht sie nicht mehr, sie kommen nicht mehr in Berührung mit dem, was eigentlich gedacht, gemeint ist, mit dem, was ihrem Leben Helligkeit geben könnte, Farbe und Sinn. Wie viele Menschen haben mir in der vergangenen Zeit erzählt, dass sie Schwierigkeiten haben, sich gegen solch eine Stimmung durchzusetzen, die sagt: Alles Unsinn, Kirche, wer braucht die noch usw. Und daran haben vielleicht die Missbrauchsskandale Anteil, bestimmt sind die Ursachen aber viel umfassender.

 

Die Zerstörung von Notre Dame, ein Symbol dafür, dass etwas zu Ende geht, dass etwas verlorengeht, unwiederbringlich.

 

Am Dienstag gab es erste entwarnende Meldungen: Die Kirche selbst ist gesichert, und es gibt doch manches, was nicht zerstört wurde, Gott sei Dank, und vor allem, es gibt eine hohe Spendenbereitschaft, Notre Dame soll wieder aufgebaut werden. Und so sehr ich mich darüber freue, ich hätte mir hier ein wenig mehr Aushalten bei der Betroffenheit gewünscht.

 

Es ist Trauerarbeit zu leisten, denn es ist etwas unwiederbringlich verloren gegangen, und solche Gedanken, wie ich sie hatte in Bezug auf Glaube, Religion, Kirche, das sind doch nicht nur meine Gedanken, das spüren doch andere auch. Ein Satz vom Dienstag bringt es auf den Punkt: Notre Dame soll noch schöner werden als zuvor. Hier spürt man das Missverständnis; es kann wohl etwas rekonstruiert werden, aber es geht gar nicht um noch schöner, sondern es geht um die Geschichte, die an solch einem Gotteshaus hängt, es geht um die Menschen, die hier etwas hinterlassen haben als Ausdruck ihres Lebens, ihrer Geschichte, ihres Glaubens, etwas Kostbares, wovon wir heute Lebenden zehren, woran wir uns festhalten, ja manchmal festklammern können. Genau darum greift es auch viel zu kurz, die Spendenbereitschaft zu kritisieren und den Wiederaufbau dieser Kirche gegen manche Armut heute auszuspielen. Man sollte viel eher das eine tun und das andere nicht lassen.

 

Ein Mitbruder unserer Gemeinschaft ist in seiner Betroffenheit in die Bibliothek gegangen und hat ein Buch über Notre Dame gefunden, ein altes Buch, sehr schöne Bilder, schwarz weiß, und viele Informationen dazu. Und er hat dieses Buch ins Lesezimmer gelegt, damit auch wir alle da reinschauen. Diese Geste führt mich zu dem, was wir an Ostern feiern, und was sich in der bekannten Emmaus Geschichte in besonderer Weise verdichtet. Menschen sind unterwegs mit ihrer Betroffenheit, der eine heißt Kleopas, der Name des anderen ist, vielleicht bewusst offengehalten, ich könnte derjenige sein oder Sie oder Du. Die beiden haben nicht etwas, nein, sie haben alles verloren: Einen Menschen, der in ihr Leben Farbe gebracht hat, Licht, der ihnen etwas sagen konnte vom Sinn ihres Lebens. All das, was die großen Schriftgelehrten nicht konnten, deren Gott immer weit weg war, unnahbar, oder so sehr moralisch oder so kompliziert. Jesus hatte von seinem Vater gesprochen, wenn er Gott meinte, er hat ihn auch so angesprochen, ganz einfach Papa gesagt, und er hatte gesagt, nicht der Sabbat ist das Größte, sondern der Sabbat ist für den Menschen da; und er hatte gesagt, nicht die Gebote kleinlich zu erfüllen ist das Wichtigste, sondern Gott zu lieben, sich selbst zu lieben und den Nächsten, darauf kommt es an. Es war so leicht zu glauben, wenn er bei ihnen war. Und darum konnten sie einfach mit ihm laufen, konnten vieles stehen und liegen lassen, das Wichtigste hatten sie ja.

 

Und dann hatten sie erlebt, wie man ihm einen kurzen Prozess gemacht und getötet hatte, ganz schnell war es gegangen, damit man in Ruhe den Sabbat halten konnte. Und nichts, kein Mensch und kein Gott, hatte ihm geholfen, alles war so trostlos, so banal, gewesen, genauso, wie das Leben abläuft. Ein wenig hatten sie noch gehofft, waren zusammengeblieben, auch aus Angst, nun gehen sie in ihren Ort zurück, in den Alltag, man wird sich wieder einrichten, es gibt ja etwas zu tun, irgendwann wird Gras über die Sache gewachsen sein.

 

Diese Betroffenheit lässt sich so gut ausmalen, und wer könnte sich nicht in solch eine Situation hinein denken? Wer hat das noch nicht erlebt? Aber etwas tun die beiden bei alledem, sie bleiben offen, sie gehen nicht blind an dem vorbei, der sich ihnen anschließt, sie nehmen ihn mit, sie sprechen mit ihm, auch das hatten sie doch bei Jesus gelernt, diese Aufmerksamkeit, niemanden einfach stehen zu lassen. Und der mit ihnen geht, der darf um all diese Dinge wissen, dem kann man das erzählen, der darf auch die Trauer erfahren, die Ratlosigkeit, die zerstörte Hoffnung. Ja, und er darf sogar etwas dazu sagen, er darf Fragen stellen, und ja auch wenn es ein bisschen belehrend rüberkommt, er darf fragen: Begreift ihr denn nicht… Und sie lassen es zu, dass er ihnen die Bibel auslegt, dass er ihre Sichtweise verändert, dass in das Dunkel ihrer Trauer doch wieder Licht kommt, etwas Farbe in das Grau ihrer Gedanken, Sinn in ihre zerstörte Hoffnung. Es tut ihnen gut, darum lassen sie den Fremden nicht einfach weiterziehen: Bleib doch bei uns, es ist doch schon Abend. Und dann kehren sie ein, essen miteinander, und es geht ihnen endlich auf, beim Mahl: Das ist er doch, das ist doch Jesus, der mit uns gegangen ist, so war es doch immer, genau so! Und sie können ihr Gefühl nicht anders beschreiben als mit den Worten: Brannte uns nicht das Herz, haben wir nicht gemerkt, wie da dieses Licht wieder da war, diese Farbe, wie wir plötzlich Sinn entdeckt haben und glauben konnten. Und sie brechen auf, es ist neue Kraft in ihnen, nicht mehr der schleppende traurige Gang, sondern mit einer großen Gewissheit kehren sie nach Jerusalem zurück. Das ist die Erfahrung von Ostern! Wo alles aussichtslos erscheint, da lässt Gott uns nicht allein, da geht er mit, tröstend und heilend und verwandelnd. Die Emmaus Geschichte ist der Weg, den wir als Glaubende gehen und immer wieder gehen müssen.

 

Liebe Schwestern und Brüder, die Trauer aushalten, das ist das eine, etwas sehr Wichtiges, aber sich nicht verkriechen dabei, offen bleiben, für den, der mir begegnen will. Und wenn ich vorhin gesagt habe, dass viele Menschen das Evangelium nicht mehr wirklich erreicht, dass bei ihnen ein verzerrtes Bild von Kirche und Glaube ankommt, dann können wir ihnen und letztlich uns selbst eine Kurzformel des Glaubens anbieten. Glaube ist, mit der Möglichkeit der Emmaus Geschichte zu rechnen, in den großen Zusammenhängen der Welt und in meinem persönlichen Leben. Und Kirche ist wichtig, weil diese Geschichte immer wieder erzählt werden muss, weil die Hoffnung, die darin enthalten ist, immer wieder erinnert werden muss. Weil sonst der Mensch zu kurz kommt. In diesem Sinn freue ich mich natürlich auch sehr über den Wiederaufbau von Notre Dame. Und ich bin überzeugt, dass es dabei nicht nur um Geld, Handwerk und Kunst und viele Sachverständige gehen wird, sondern dass auch viele Emmaus Geschichten mit diesem Wiederaufbau verbunden sein werden, dass es um den Menschen geht.

 

Amen.

 

Bibelstellen: Lk, 24, 13-35
21. April 2019, Kloster Scheyern

 

Steine, die den Menschen vom Herzen fallen

 

Liebe Schwestern und Brüder!

 

In den letzten Tagen und Wochen habe ich seltsame Geräusche gehört und wahrgenommen. Geräusche, die tief und dumpf
klangen und die fast an so etwas wie Einschläge erinnerten. Das eigenartige daran aber war, dass diese Geräusche nicht bedrohlich wirkten, sondern eher ein Gefühl der Erleichterung auslösten bzw. hinterließen. Bevor Sie sich aber jetzt Gedanken über meinen Gesundheitszustand machen oder gar an meiner Zurechnungsfähigkeit zweifeln, möchte ich Ihnen sagen, was ich damit meine oder was der Grund und der Auslöser für diese Wahrnehmungen waren.

 

Die Geräusche stammten von Steinen und zwar von ganz bestimmten Steinen. Es waren Steine, die Menschen vom Herzen
gefallen waren. In der letzten Zeit tauchten bei Menschen, die ich kenne und bei Menschen aus meinem persönlichen Umfeld und Bekanntenkreis große gesundheitliche Probleme auf, so dass sich Gedanken und Ängste wie Steine auf die Herzen von Menschen legten. So nach und nach sind diese Steine zum Glück wieder abgefallen, entweder weil sich ein Verdacht nicht bestätigte oder weil es gerade noch einmal gut gegangen war. Das habe ich gehört und wahrgenommen, am Telefon oder in der persönlichen Begegnung.

 

Und Sie alle haben in der letzten Woche über die Medien solche Steine fallen hören, die von Herzen der Menschen
stammten. Die Kathedrale Notre Dame in Paris wurde durch den Brand zwar schwer beschädigt, aber sie wurde nicht
zerstört. Die Türme blieben verschont! Welch eine Erleichterung! In Paris und rund um die Welt war ein Plumpsen von
vielen Steinen zu hören und es machte sich ein Gefühl der Erleichterung breit.

 

Liebe Schwestern und Brüder, heute feiern wir Ostern. Das ist ein Fest, wo am Anfang einer einen Stein ins Rollen
gebracht hat, so dass er auch den Menschen vom Herzen fallen konnte. Jesus Christus ist auferstanden und hat den Stein des Grabes „weggesprengt“, wie es in manchen österlichen Liedern heißt.

 

Maria Magdalena, von der wir heute im Evangelium gehört haben, die zum Friedhof unterwegs war, machte sich nicht nur Gedanken über den Stein, mit dem das Grab Jesu verschlossen war und wer ihn wohl wegschieben konnte, sondern sie war durch das Leiden und Sterben Jesu mit all seinen Umständen immer noch geschockt und sehr bedrückt: Das hätte doch eigentlich gar nicht geschehen dürfen! Das hätte es wirklich nicht gebraucht! Weil der Weg von Menschen sehr steinig sein und ein Problem sehr schnell auf das andere folgen kann, sieht sie zwar, dass der Stein des Grabes weggerollt war, aber sie muss auch realisieren, dass das Grab leer war, was ihr Herz noch einmal schwer und schwerer machte. Jetzt hatte sie nicht einmal mehr einen Ort der Trauer. Der Leichnam Jesu war nicht mehr da. Ein neuer Stein lastete auf ihrem Herzen. Auch die beiden Jünger, Petrus und Johannes, die sie in ihrer Not zu Hilfe geholt hatte, waren ratlos, ja panisch über die neue Situation, die nicht minder schrecklich war, als die des Karfreitag.

 

Ganz langsam aber begann sich der Stein zu bewegen und von ihrem Herzen zu fallen, denn es fiel ihnen ein, dass Jesus immer wieder von der Auferstehung nach dem Tod gesprochen hat, nur konnten sie damit zuerst nichts anfangen. „Sie fragten einander, was das sei, von den Toten auferstehen.“ So tauschten sie sich nach der Verklärung auf Tabor aus.

 

Da ging auch der andere Jünger, der zuerst an das Grab gekommen war hinein, er sah und glaubte. Liebe Schwestern und Brüder, das hört sich so einfach an, „er sah und glaubte“. Aus meinem eigenen Leben und in der Begegnung mit Menschen auf ihren Lebens- und Glaubenswegen weiß ich, dass das eine große Herausforderung ist, dass es viel Anstrengung und auch eine Menge Arbeit bedeuten kann, bis Menschen so weit sind.

 

Viele Steine, große und kleine Steine, die viele und ganz verschiedene Namen tragen, liegen den Menschen im Weg und auf dem Herzen. Ich glaube, immer wieder und auch heute haben wir in unserer Basilika eine ganze Steinsammlung, was Sie bedrückt und was Ihnen auf dem Herzen liegt.

 

Viele Steine müssen zuerst oft aus dem Weg geräumt werden, damit Menschen glauben können, damit Menschen wieder einen Fuß auf die Erde bringen, damit Menschen mit einer veränderten Situation weiterleben können. Wir dürfen uns nichts vormachen. Ostern stellt nicht einfach einen Zustand wieder her, wie er vorher war, sondern Ostern fordert uns auf und fordert uns heraus mit der neuen Situation umgehen zu können. Leben nach dem Tod. Leben durch den Tod. Leben neu zu lernen. Leben neu zu denken. Jede Osterkerze stellt uns das vor Augen: Der Auferstandene ist ein verwundeter, ein verletzter, aber gerade daran wird er erkannt.

 

Leben neu lernen und Leben neu denken. Eine große Herausforderung! Wenn ich das so sage, dann muss ich an die Exerzitien denken, die wir als Klostergemeinschaft in den letzten Tagen mit Pfarrer Josef Mayer vom Petersberg gemacht haben. Als Anhaltspunkte zeigte er uns einige Stationen aus dem Skulpturenweg am Petersberg. Eine Station hat mich besonders berührt und sich tief eingeprägt. Sie heißt „Das Licht in meinem Kopf“. Ganz schemenhaft ist ein Gesicht zu sehen und im Hinterkopf ist eine Nische für ein Licht. Immer wieder stellen dort Menschen Lichter hinein.

 

Gibt es ein solches Licht auch in meinem Hinterkopf? Gibt es ein solches Licht in ihrem Hinterkopf? Ein kleiner Funke, eine kleine Flamme die sich Hoffnung nennt? An Ostern wird nicht nur ein Stein vom Grab gewälzt.
An Ostern fallen nicht nur Steine von den Herzen der Menschen. Ostern ist ein Eckstein für eine neue Zeit.
Ostern ist ein Meilenstein für ein neues ewiges Leben. Und an Ostern wird das Licht in meinem Kopf neu entzündet, dass es leuchte in dunklen Stunden des Lebens.

 

Liebe Schwestern und Brüder, in der Osternacht wird vor dem Einzug mit der Osterkerze in die Kirche gesagt: Christus ist glorreich erstanden vom Tod. Sein Licht vertreibe das Dunkel der Herzen. Ja, sein Licht vertreibe das Dunkel der Herzen. Das soll sich tief in unsere Köpfe einprägen. Das sollen wir stets im Hinterkopf haben nicht nur an Ostern, sondern an allen Tagen unseres Lebens. Denn:

 

Manchmal feiern wir mitten am Tag ein Fest der Auferstehung. Stunden werden eingeschmolzen und ein Glück ist da.
Manchmal feiern wir mitten im Wort ein Fest der Auferstehung, Sätze werden aufgehoben und ein Lied ist da.
Manchmal feiern wir mitten im Streit ein Fest der Auferstehung. Waffen werden umgeschmiedet und ein Friede ist da.
Manchmal feiern wir mitten im Tun ein Fest der Auferstehung. Sperren werden überwunden und ein Geist ist da.

 

Ein Licht in meinem Kopf, das die Steine von den Herzen der Menschen fallen lässt! Ein frohes und ermutigendes
Osterfest, Halleluja!
Karfreitag 19. April 2019, Kloster Scheyern

Mitten unter den Menschen

Als am vergangenen Montagabend die Bilder der brennenden Kathedrale Notre Dame in Paris um die Welt gingen, da tauchte in der Berichterstattung plötzlich ein Begriff auf, der uns mitten in das Geschehen des Karfreitags führt. Die Dornenkrone! Die Dornenkrone wurde gerettet, sie wurde kein Raub der Flammen. Jetzt wusste die ganze Welt plötzlich, wo die Dornenkrone Jesu war: In Paris. Sie war mitten in Paris!

Wie das mit Reliquien halt so ist, niemand kann mit Sicherheit sagen, ob sie echt sind oder nicht, aber das interessierte in diesem Moment der Rettung niemand. Erst einige Tage später tauchten diese Fragen auf: Ist die Dornenkrone echt? Wie die Dornenkrone nach Paris kam, das ist eine eigene Geschichte.
Aber die Dornenkrone hat nicht nur eine Geschichte, sondern sie erzählt den Menschen eine Geschichte, sie erzählt uns Menschen immer wieder eine Geschichte. Sie erzählt die Geschichte der Passion, sie erzählt die Geschichte, was Menschen im Leben und am Ende ihres Lebens oft erleiden und erdulden müssen.

O Haupt, zum Spott gebunden mit einer Dornenkron, o Haupt, sonst schön gekrönet mit höchster Ehr und Zier, jetzt aber frech verhöhnet: Gegrüßet seist du mir. So heißt es in einem Passionslied. Die Spitzen der Dornen sind Ausdruck und Sinnbild von verletzendem Spott, der Menschen trifft und der Menschen entstellt. Dieses Schicksal hat Jesus getroffen in einer Situation, die schwer genug war und dieses Schicksal erleiden Menschen bis heute, verletzenden, zu tiefst verletzenden Spott und Hohn. Das, was in einem Leben schön, wertvoll und
vielleicht auch glänzend war, wird umgedreht und pervertiert, um Menschen wie mit vielen Stichen zu treffen und sie zu verwunden.

Die Dornenkrone in Paris wurde den Menschen immer wieder gezeigt und sie wurden mit dieser Reliquie berührt. Genauso geschieht das mit unserer Kreuzreliquie, dem Scheyrer Kreuz. Menschen kommen dabei aber nicht nur mit einem Gegenstand in Berührung, sondern sie kommen mit einer Geschichte in Berührung. Sie kommen mit der Geschichte Jesu in Berührung, der für uns mit Dornen gekrönt worden ist, der für uns das schwere Kreuz getragen hat, wie wir es im schmerzhaften Rosenkranz beten.

Die Geschichte Jesu ist eine Geschichte mit den Menschen und eine Geschichte für die Menschen. Diese Gegenstände unseres Glaubens, die Reliquien, wollen uns zeigen, dass Jesus mitten unter den Menschen ist. Mitten in Paris! Mitten in Scheyern und überall, wo Menschen sein Schicksal teilen.
4. Fastensonntag, 31. März 2019, Kloster Scheyern

Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

Lesung aus dem Buch Exodus (in Auszügen):
Die ganze Gemeinde der Israeliten murrte in der Wüste gegen Mose und Aaron. Sie sagten zu ihnen: Wären wir doch im Land Ägypten durch die Hand des HERRN gestorben, als wir an den Fleischtöpfen saßen und Brot genug zu essen hatten. Ihr habt uns nur deshalb in diese Wüste geführt, um alle, die hier versammelt sind, an Hunger sterben zu lassen.

Da sprach der HERR zu Mose: Ich will euch Brot vom Himmel regnen lassen. Das Volk soll hinausgehen, um seinen täglichen Bedarf zu sammeln. Ich will es prüfen, ob es nach meiner Weisung lebt oder nicht. Wenn sie am sechsten Tag feststellen, was sie zusammengebracht haben, wird es doppelt so viel sein, wie sie sonst täglich gesammelt haben.

Da sagten Mose und Aaron zu allen Israeliten: Heute Abend sollt ihr erfahren, dass der HERR euch aus dem Land Ägypten geführt hat, und morgen werdet ihr die Herrlichkeit des HERRN schauen; denn er hat euer Murren gehört.

Am kommenden Morgen lag eine Schicht von Tau rings um das Lager. Als sich die Tauschicht gehoben hatte, lag auf dem
Wüstenboden etwas Feines, Knuspriges, fein wie Reif, auf der Erde. Als das die Israeliten sahen, sagten sie zueinander: Was ist das? Denn sie wussten nicht, was es war. Da sagte Mose zu ihnen: Das ist das Brot, das der HERR euch zu essen gibt. Das ordnet der HERR an: Sammelt davon so viel, wie jeder zum Essen braucht, ein Gomer für jeden, entsprechend der Zahl der Personen in seinem Zelt!

Die Israeliten taten es und sammelten ein, der eine viel, der andere wenig. Als sie die Gomer zählten, hatte keiner, der viel gesammelt hatte, zu viel, und keiner, der wenig gesammelt hatte, zu wenig. Jeder hatte so viel gesammelt, wie er zum Essen brauchte. Das Haus Israel nannte das Brot Manna. Es war weiß wie Koriandersamen und schmeckte wie Honigkuchen.

Predigt:

Liebe Schwestern und Brüder!

In dieser Predigtreihe versuchen wir, die verschiedenen Bitten des Gebetes Jesu zu betrachten, diesem Gebet, das ja auch so etwas ist, wie unser tägliches Brot, sozusagen neu auf den Geschmack zu kommen. Und wenn ich mich für eben die Bitte um das tägliche Brot beworben habe, dann zuerst deshalb, weil ich selbst Brot sehr gern esse. Ich gehe gern in einen Bäckerladen, besonders wenn es ein kleinerer oder älterer Laden ist, wo man noch sieht, dass hinten gebacken wird, wo man etwas spürt und riecht vom Handwerk hinter dem Laden. Da brauchen vorn gar nicht 1000 Brotsorten zu liegen; das schönste Erlebnis ist, wenn die Verkäuferin sagt: Moment, hier vorne ist keines mehr, ich frag mal eben in der Backstube nach. So etwas kommt leider nur noch sehr selten vor. Vielleicht kennen Sie diese Situation auch gar nicht, aber Sie merken daran, wo ich herkomme.

Ich kaufe gerne Brot, ich schneide gerne Brot, nicht mit der Maschine, sondern mit dem Messer. Dann werden die Scheiben nicht alle gleichmäßig, aber es hat doch etwas sehr Ursprüngliches. Ich sehe in Gedanken dabei meine Mutter, die vor dem Anschneiden mit dem Messer noch ein kleines Kreuz auf das Brot zeichnete, ganz unauffällig, aber es gehörte dazu. Und man kann sich so beim etwas mühseligen Schneiden viel leichter vorstellen, welchen Stellenwert das Brot in der Zeit hatte, in der Jesus lebte. Damals war es die Aufgabe der Hausfrau, das tägliche Mahl zu bereiten, und der wesentliche Bestandteil dabei war das Brot, das jeden Tag frisch gebacken wurde. In der Regel war das tägliche Brot ungesäuert. Auch wer einen Gast besonders ehren wollte, setzte ihm frisches (ungesäuertes) Brot vor.

Auch wenn wir heute aus einer Fülle von Brotsorten auswählen können, und auch, wenn wir manchmal mit Stolz feststellen, dass es kaum ein Land gibt, in der Brot so gut und vielfältig ist, wie bei uns; die Bedeutung als Grundnahrungsmittel war zurzeit Jesu wesentlich stärker als in unserer Zeit, wo wir sehr viel abwechslungsreicheres Essen haben und das Brot doch eher die praktische Grundlage für irgendeinen schmackhaften Belag bildet.

„Unser tägliches Brot gib uns heute“, betet Jesus, und wir dürfen hier die zweite Bitte gleich hinzufügen, weil beide eng miteinander zu tun haben: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.“ Jesus bittet um das tägliche Brot. Wir brauchen nicht eigens zu betonen, dass, eben weil Brot so ein Grundnahrungsmittel
war, dieses Wort hier ein Begriff ist, der alles meinte, was zum täglichen Überleben nötig ist. Es geht nicht um Vorrat, nicht um Luxus, sondern um das Überleben. Aber wer das hat, – zu essen und zu trinken, Kleidung, ein Obdach, ein Stück Freiheit, und die Nähe von guten Menschen, – wer das hat, der hat keine Not, der wird diesen Tag überleben. Der hat auch heute keinen Grund zur Klage. Und morgen ist ein neuer Tag, da wird diese Bitte von neuem ausgesprochen. Die Vaterunser-Bitte um das tägliche Brot ist nicht die Bitte um ein sorgloses Leben, ist nicht die Bitte, ausgesorgt zu haben, sie ist nicht die Bitte um Überfluss, sondern sie ist die Bitte um das Tägliche, um das Notwendige, um das, was ich jetzt nötig habe. Diese Bitte um das tägliche Brot steht in tiefem Zusammenhang zur Lesung aus dem Buch Exodus, die wir gerade gehört haben. Das Volk hungert in der Wüste, und es murrt, es schimpft gegen Mose und Aaron, schlimme Ahnungen und Verschwörungstheorien greifen um sich, und die Phantasie lässt Ägypten, das Land aus dem man nur allzu gern geflohen ist, zum Paradies werden. Wie gut ging es uns, als wir an den Fleischtöpfen Ägyptens saßen, die es in Wirklichkeit nie gegeben hat. Vielleicht kennen Sie solche Situationen, in denen die Erinnerung sich so verklärt: damals, die gute alte Zeit, als noch alles in Ordnung war, als man noch wusste, wem man glauben konnte, und wen man wählen sollte. Das Volk in der Wüste murrt, und Gott reagiert darauf: Er lässt Brot vom Himmel regnen, er sättigt sein Volk, morgens findet sich dieses komische Zeug, von dem man nicht weiß was es ist, auf dem Boden, und man nennt es Manna: „Was ist das?“ Es schmeckt und macht satt – Brot eben. Und dann gibt es eine klare Anweisung, ein Maß, ein Gomer, soll jeder täglich sammeln, nicht mehr. Was darüber hinausgeht, das ist Überfluss und verdirbt, ein Gomer am Tag, am nächsten Tag gibt es wieder Neues. Das Volk lernt, sich immer wieder neu auf diesen Gott zu besinnen, immer wieder neu zu bitten, immer wieder ins Vertrauen zu finden: Was du heute brauchst, wirst du bekommen, verlass dich drauf.

Was du heute brauchst, wirst du bekommen, verlass dich darauf. Ich glaube, um dieses Vertrauen ging es Jesus. Die
Einübung in dieses Vertrauen ist auch das Thema des heutigen Evangeliums. Der jüngere Sohn, als er alles durchgebracht hatte und buchstäblich bei den Schweinen gelandet war, er erinnert sich an seinen Vater. Und obwohl er ihn für tot erklärt hatte, obwohl er nicht im Entferntesten damit rechnen kann, wieder als Sohn angenommen zu werden, weiß er doch:

Selbst den Tagelöhnern meines Vaters geht es besser als mir. Diese Erinnerung hilft ihm zur Umkehr, verändert sein
Leben, lässt ihn heil werden. Die Einübung in dieses Vertrauen müsste unser christliches Leben und Glauben ausmachen. In einem Tagesgebet der Fastenzeit heißt es: „Herr, sieh gnädig auf deine Gemeinde. Da wir durch Mäßigung den Leib in Zucht halten und Buße tun, schenke uns die wahre Sehnsucht nach dir.“ Dass ich meine Orientierung finde als Mensch, dass ich ausgerichtet bin auf Gott, dass ich von ihm erwarte, das ist Sinn aller Spiritualität und Frömmigkeit. Karl Rahner hat in einer Betrachtung zum Vaterunser ausgesprochen: „Gib uns heute unser tägliches Brot, lass uns auch darum bitten, damit wir uns nie mit Dir verwechseln, selbst nicht in der Stunde, da Du uns nahe bist, sondern wenigstens an unserem Hunger merken, dass wir arme und unwichtige Geschöpfe sind.“

Dass wir uns nicht mit Dir verwechseln, sondern wenigstens an unserem Hunger merken, dass wir arme und unwichtige
Geschöpfe sind. Aus diesen Sätzen spricht eine Haltung, die nicht ein künstliches Kleinmachen und Schlechtreden von
Menschen meint. Nein, ich muss mir nicht ständig an die Brust schlagen, weil ich unvollkommen bin, weil ich Mensch bin, weil ich Schwächen habe, weil ich Dinge tue, die nicht heldenhaft sind, sondern fehlerhaft oder einfach nur menschlich. Solch eine verdrehte Frömmigkeit braucht kein Mensch, und sie hilft niemandem.
Aber wer heute über den Menschen nachdenkt und über seinen Platz in der Welt, der wird nicht an der Erkenntnis vorbei kommen, dass der Mensch, jedenfalls als Einzelner, ein armseliges Geschöpf ist, unwichtig und überflüssig, austauschbar, eine Belastung für die Umwelt, eine finanzielle Belastung für die Gesellschaft ebenso. Und es ist erschreckend, in welcher Weise kluge Leute heute über alles Religiöse urteilen in einer erhaben distanzierten Weise, die keinen Gott zu brauchen meint, eine erhaben distanzierte Weise, die völlig außer Acht lässt, dass ich das Allermeiste in meinem Leben verdanke, und dass ich bedürftig bin, hilflos. Wie aufgeblasen kommt manch einer heute daher, obwohl er wissen müsste, wie zufällig sein Leben ist, wie schnell es zuende sein kann, und wie wenig irgendwer noch nach ihm fragen wird, wenn er einmal von der Bildfläche verschwunden ist. „Dass wir uns nicht mit Gott verwechseln, sondern wenigstens an unserem Hunger merken, dass wir arme und unwichtige Geschöpfe sind.“ Und hier wird auch der Zusammenhang zur zweiten Bitte deutlich: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.“

Noch einmal die Betrachtung von Karl Rahner: „Befreie uns von unserer Schuld und behüte uns in der Versuchung von der Schuld und Anfechtung, die eigentlich nur eine ist: nicht zu glauben an Dich und an die Unbegreiflichkeit Deiner Liebe.“ Die Aufgeblasenheit, die sich niemandem verdankt als sich selbst, die keinen Gott braucht; sie führt am Ende dazu, dass nur noch ich selber gelte, dass ich der Maßstab für alles bin, dass es kein Korrektiv mehr gibt. Diese Gottlosigkeit befördert am Ende keine Menschlichkeit, wie manche glauben, sondern sie überfordert ihn. Wenn man genau schaut, warum heute viele Beziehungen scheitern, dann geht es bei vielen anderen Ursachen doch oft auch um die Tatsache, dass ich nicht mehr akzeptiere, dass der andere, der Partner, eben nicht der Gott ist, für den ich ihn gehalten bzw. zu dem ich ihn gemacht habe. „Dass ich dem andern vergebe, dass er mein Gott nicht sein kann“, so etwas hab ich es einmal bei Paul Zulehner gelesen.

Liebe Schwestern und Brüder, Sie spüren wahrscheinlich, mit diesen beiden Bitten, der um das tägliche Brot und der um die Vergebung der Schuld, stehen wir ziemlich im Gegensatz zum heutigen Denken, zu heutigen Maßstäben. Man betet heute im allgemeinen nicht um das tägliche Brot, sondern man denkt weiter, an Absicherungen und Versicherungen, an morgen und übermorgen, man tut immer noch so, als gäbe es ewiges Wachstum, und als könnte man Sicherheiten schaffen und konservieren. Dabei wissen wir längst: Nichts ist sicher, und alles ist immer in Bewegung und Entwicklung. Ständig ändert sich etwas und damit alles. Man wird manche Dinge dennoch sinnvoll planen müssen, man wird auch an die Zukunft denken müssen, ja man muss es sogar, sonst hätte auch das Wort Nachhaltigkeit keinen Sinn. Aber wenn ich aus dem Blick verliere, dass alles, jeder Augenblick Geschenk ist, das mir alles genommen werden kann, ganz schnell und unvorbereitet, wenn ich das aus dem Blick verliere, dann habe ich das Eigentliche verpasst. Und jeder einigermaßen lebendige Mensch weiß heute, wenn es eine Zukunft der Menschen geben kann, dann nur, wenn wir anders denken, wenn wir um das tägliche Brot bitten und darauf zu vertrauen lernen. Wir merken, wie aktuell und wie heilsam unsere christliche Botschaft ist, die sich in dieser Bitte verdichtet. Und wahrscheinlich müssen wir als einzelne Christen aber auch als Kirche insgesamt genau das neu erlernen, um das tägliche Brot zu bitten, den Tag zu bestehen, die Zeit zu bestehen, in allem Wechsel. Es ist nur Gott, von dem wir sagen können: „So bleibst du in Ewigkeit.“

Die Bitte um das tägliche Brot kann sehr verschieden aussehen und gelebt werden. Immer wieder komme ich mit Menschen zusammen, die nach einer überstandenen schweren Erkrankung eine ganz andere Freude am Leben entwickeln, die plötzlich einen neuen Lebensinhalt finden, die sich freuen können über das Schöne in der Natur, über das Spiel der Kinder, über ein gutes Buch, einfach über jeden neuen Tag. Oder, Menschen, die mit Behinderten zu tun haben, erfahren oftmals, dass Entwicklungen anders gehen, langsamer, dass es eine unendliche Geduld braucht. Sie spüren aber auch, welche Freude es ist, wenn es einen Schritt vorwärts geht, sie spüren oftmals die Freude und Unverkrampftheit dieser Menschen, die immer im Augenblick sind und nicht schon beim morgen und übermorgen. Hier können wir viel lernen. Die Bitte um das tägliche Brot kann sehr verschieden aussehen, sie wird immer dort gelebt, wo Menschen ein Stück auf etwas verzichten, auf finanzielle Vorteile und Absicherungen, auf eine Karriere, auf einen Titel, weil sie spüren, da bin ich ehrlicher, da behalte ich ein reines Gewissen, da bin ich lebendiger, da bin ich näher am Menschen und näher bei Gott.

Liebe Schwestern und Brüder! Ob Jesus, als er seinen Schülern diese ganz einfachen Sätze gesagt hat, daran gedacht hat, dass man sich in 2000 Jahren darüber Gedanken machen wird. Vielleicht nicht, weil er genau so weit gar nicht denken wollte, sondern den Menschen konkret etwas geben wollte, was ihnen hilft. Aber wir können feststellen, dass es diese einfachen Sätze sind, die darüber entscheiden, ob unser Leben sich in einem kindlichen Vertrauen vollzieht, ob wir gut mit uns und unseren Mitmenschen umgehen und darüber, ob wir Gott Gott sein lassen, damit wir wirklich menschlich werden.

Amen

Bibelstellen: Ex 16,1-31 und Lk. 15,1-3;11-32
5. Fastensonntag, 5. April 2019, Kloster Scheyern

„Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.“

Liebe Schwestern und Brüder!

Sie haben für Ihr Kind die Taufe erbeten. Damit erklären Sie sich bereit, es im Glauben zu erziehen. Es soll Gott und den Nächsten lieben lernen, wie Christus es uns vorgelebt hat. Sind Sie sich dieser Aufgabe bewusst? So wird am Anfang einer Tauffeier gefragt und die Antwort, die auf diese Frage erwartet und dann auch immer gegeben wird, lautet: JA

Zu dieser Aufgabe, die die Eltern übernehmen, gehört es, die Kinder auch das Beten zu lehren. Deshalb wird am Ende der Taufe das „Vater unser“ nicht einfach nur gebetet, sondern es wird den Eltern sozusagen übergeben, damit sie es an die Kinder weitergeben, es ihnen beibringen. Ich versuche diese Aufgabe und diese Verantwortung im Taufgespräch immer so zu erklären: „Wenn Sie mit Ihrem Kind nicht sprechen, wird es nicht sprechen. Wenn Sie mit Ihrem Kind nicht beten, wird es auch nicht beten“.

Können Sie sich noch daran erinnern, wer Ihnen das Beten beigebracht, wer Sie das „Vater unser“ gelehrt hat? Vielleicht erinnern Sie sich auch noch daran, welche Gedanken Sie bei diesem oder bei anderen Gebeten hatten, welche Bezüge Sie hergestellt haben, denn die Texte und Gebete unseres Glaubens sind ja nicht immer kindgerecht und für Kinder oft sehr schwer verständlich oder gar nicht zu verstehen.

Von einem Gebet kann ich das persönlich nicht sagen, sehr wohl aber von dem Begriff, der in unserem Glauben durchaus eine Rolle spielt, nämlich die „Seele“. Da dachte ich immer an ganz etwas anderes, an etwas praktisches. Viele von Ihnen wissen, dass ich nicht in Oberbayern, sondern in Wangen im Allgäu geboren wurde und dort auch ein paar Jahre gelebt habe. Im Allgäu gibt es in der Bäckerei „Seelen“ zu kaufen. Seelen, das sind langgezogene Teigstriezel mit Salz und Kümmel, die manchmal am Rand schon etwas angebrannt waren. Und die Verkäuferin fragte dann immer „resch oder lahm“, also eher knusprig oder eher teigig. Das waren meine ersten „Seelen-Erfahrungen“, wozu auch das Lied „Oh wunderbare Seelenspeise“ gut passte, denn die Seelen sind richtig gut, sie schmecken ausgezeichnet.

Von unserem P. Leopold Beslmüller (+ 11.4.1998) wird erzählt, dass er in der Schule unter die Tafelanschriften immer seinen Namen gesetzt hat. So auch einmal beim Text des „Vater unser“. Als er dann beim nächsten Mal die Kinder das Gebet aufsagen ließ, bekam er folgendes zu hören: „… und erlöse und von dem Bösen. P. Leopold.“

P. Leopold soll es mit Humor genommen haben, aber dieses Beispiel zeigt auf ganz eigene Weise, wie schnell ganz andere Bezüge von Menschen hergestellt werden können, ungewollt, aber auch durchaus gewollt.

Erlöse uns von dem Bösen. So lautet die letzte Bitte des „Vater unser“, bei der wir nun in der Reihe der Fastenpredigten über dieses Gebet angekommen sind. Das „Vater unser“ zählt zu den Grundgebeten unseres Glaubens. Wir werden dieses Gebet und diese Bitte wahrscheinlich deshalb schon oft gebetet haben, ohne uns dabei viele Gedanken gemacht zu haben, was wir da beten und worum wir da eigentlich genau bitten. Dann und wann werden sich aber auch Gedanken oder Fragen daruntermischen, die um dieses „Böse“ kreisen, vom dem wir erlöst werden wollen und erlöst werden sollen. Sie werden vermutlich immer dann auftauchen, wenn uns etwas sehr beschäftigt oder wenn wir mit einem ganz konkreten Erlebnis konfrontiert werden, wo Leben beeinträchtigt, gefährdet, geschädigt oder gar zerstört wird, vielleicht sogar unser eigenes Leben.

Erlöse uns von dem Bösen. Jeder von uns wird Beispiele im Kopf haben, wo wir sagen können: Das war böse oder das ist böse. Manchmal beziehen wir es auf ganz konkrete Menschen, weil wir ein Verhalten feststellen und wahrnehmen oder auch erleben, das wir für böse halten. In Vielem werden Menschen darin übereinstimmen, in Manchem sich aber unterscheiden. Im Blick auf das Leben und unser Erleben werden wir aber auch viele Grauzonen und Randbereiche kennen, wo wir nicht so einfach zwischen Gut und Böse unterscheiden können, weil noch andere Dinge mitschwingen oder im Raum stehen, die man nicht so einfach unbeachtet lassen kann.

Und führe uns nicht in Versuchung. So steht und heißt es unmittelbar vor der letzten Bitte um die Erlösung von dem
Bösen. Und führe uns nicht in Versuchung. Diese Bitte wirft vielleicht noch mehr Fragen auf und ist noch schwieriger zu verstehen, als die genannte letzte Bitte. Und führe uns nicht in Versuchung. Diese Bitte hat das „Vater unser“ ins Gerede gebracht, aber dadurch ist das Gebet auch in die Medien gekommen, weil Papst Franziskus, dieses „und führe uns nicht in Versuchung“ als nicht gute Übersetzung bezeichnet hat. Um Übersetzungen lässt sich immer streiten, weil Übersetzungen immer mit Kompromissen verbunden sind. Das eigentliche Problem besteht wohl darin, woran Menschen dabei denken oder welche Bilder solche Texte in ihnen wachrufen. Führt Gott uns in Versuchung, weil er uns testen will oder weil er uns gar eine Falle stellen will? In der Lesung aus dem Buch Deuteronomium haben wir einen Abschnitt gehört, den man so lesen und verstehen kann, auch wenn Mose das sagt: „Hiermit lege ich dir heute das Leben und das Glück, den Tod und das Unglück vor. Wenn du auf die Gebote des
Herrn, deines Gottes, auf die ich dich heute verpflichte, hörst, indem du den Herrn deinen Gott liebst, auf seinen Wegen gehst und seine Gebote und Rechtsvorschriften achtest, dann wirst du lange leben und zahlreich werden…“ …und anders eben nicht.

Unsere Lebenserfahrung zeigt und lehrt uns, dass es so einfach eben nicht ist, und dass es schon gar keinen Automatismus in dieser Frage gibt. Unsere Lebenserfahrung zeigt uns viel mehr, dass unser Leben ein ständiger Prozess von Entscheidungen ist, auch wenn uns das in jedem Einzelfall gar nicht bewusst wird. Entscheidungen, die immer eine Wirkung, eine Auswirkung haben und manchmal nicht „ungestraft bleiben“. Als freie Menschen haben wir ständig die Wahl und wir wollen das ja auch so. Sind Sie gleich mit dem Erstbesten zufrieden, das Ihnen in einem Geschäft angeboten wird?

Auch die Verkäuferinnen in der Bäckerei hatten eine Auswahl und fragten „resch oder lahm?“ Das Treffen von Entscheidungen ist ja auch Teil unserer Würde, ja es ist sogar ihre Grundlage. Das Fällen von Entscheidungen beinhaltet aber immer auch die Gefahr, eine Entscheidung zu treffen, die nicht weiterhilft, die nicht zielführend ist oder auch schlichtweg falsch ist. Manchmal haben wir Menschen auch gar keine Wahl zwischen Gut und Böse,
sondern wir müssen vielleicht zwischen dem kleineren und dem größeren Übel wählen.

Der Abschnitt aus dem Johannesevangelium von Jesus und der Ehebrecherin, den wir heute gehört haben, zeigt die ganze Spannbreite, aber auch die Tragik, die darin stecken kann. Es nennt die Dinge beim Namen, die auch im Raum stehen und nicht unbeachtet sein dürfen. Die Rechtslage im Evangelium ist klar, Gut und Böse sind leicht zu unterscheiden: Beim Ehebruch auf frischer Tat ertappt.

Den Fragestellern geht es aber nicht um die Heiligkeit der Ehe oder die Einhaltung von Geboten, die dazu da sind, Leben zu schützen, sondern sie wollen Jesus eine Falle stellen, um einen Grund zu haben, ihn anklagen zu können.
Jesus spielt dieses Spiel nicht mit, sondern er schreibt irgendetwas mit dem Finger auf die Erde. Als die Fragesteller von ihm nicht nur eine Antwort, sondern auch eine Entscheidung möchten, dreht er den Spieß um. „Wer von Euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein“. Das hat gesessen! Man kann Böses nicht nur mit Bösem vergelten, sondern man kann mit dem Verweis auf Böses ganz leicht auch vom Bösen ablenken. Es gibt ja immer noch Schlimmeres und Schlimmere.

Bemerkenswert finde ich, dass die Älteren zuerst gehen, also die, von denen man annehmen kann, dass sie die meiste
Lebenserfahrung haben könnten und haben sollten. Der römische Redner und Staatsmann Cicero schreibt in seinem Traktat „De officiis“ -Über die Pflichten- „summum ius, summa iniuria“, Höchstes Recht ist immer höchstes Unrecht. Nichts anderes sagt die Szene im Evangelium zwischen Jesus und der Ehebrecherin. Jesus selbst ist Beispiel, dass Menschen diesem Grundsatz auch zum Opfer fallen können: „Wir haben ein Gesetz, und nach diesem Gesetz muss er sterben“.

Und führe uns nicht in Versuchung. Eine schwierige Übersetzung, eine falsche Übersetzung? Man mag über die Überlegungen des Papstes denken wie mal will, immerhin hat er es geschafft, das Gebet in die Schlagzeilen zu bringen, was ja eigentlich gar nicht so leicht ist. Beten ist doch ein alter Hut, oder? So schrieb im Dezember 2017 die BILD-Zeitung in den für sie typischen großen Buchstaben, doch glatt: „Müssen wir lernen neu zu beten?“

Ja, keine schlechte Idee! Beten muss man lernen, beten muss man immer lernen und man muss immer neu beten lernen, wie so vieles im Leben, denn das Leben ist nicht nur ein Entscheidungsprozess, sondern immer auch ein Lernprozess. Und manchmal brauchen wir dabei auch den berühmten „Schuss vor den Bug“, dass es gerade noch einmal gut gegangen ist, dass wir unverdientes Glück hatten, dass wir dem Tod buchstäblich von der Schaufel gesprungen sind. Und wie diese Sprüche alle heißen mögen.

Jesus sagte es zur Frau recht unspektakulär, nämlich so: Geh und sündige von jetzt an nicht mehr. Man könnte es auch viel freier übersetzen: Du hast die Chance, du hast die Wahl, dein Leben auch zu ändern. Mache was aus deinem Leben, du weißt doch jetzt, was auf dem Spiel steht. Das hast du doch eigentlich gar nicht nötig.

Beten muss man lernen, denn beten bedeutet Leben neu zu sehen und Leben neu zu denken.

Schmunzeln musste ich darüber, was sich in der Zeitung mit den großen Buchstaben noch fand: „Bild macht Vorschläge, wie wir künftig beten können“:

… und führe uns auch in der Versuchung
… und bewahre uns vor der Versuchung
… und lass uns nicht in Versuchung geraten
… und behüte uns vor der Versuchung.

Erfunden haben die das nicht, abgeschrieben haben sie es! Liebe Schwestern und Brüder, wir können es drehen, wie wir wollen. Wir können es sagen, wie wir wollen, wir können es beten, wie wir wollen, es läuft immer auf dasselbe hinaus, nämlich, dass wir eine Verantwortung für unser Leben haben, die uns niemand abnehmen kann. Eine Verantwortung, in die wir in und mit unserem Leben gerufen sind und der wir uns Tag für Tag stellen müssen. Niemand stellt uns auf die Probe, sondern das Leben ist ein Geschenk und eine Herausforderung zugleich. Wir leben nicht zur Probe, sondern das Leben ist eine Probe, das Leben ist Bewährung.

Das „Vater unser“ und eigentlich alle Gebete, die wir kennen und haben, rufen uns das ins Bewusstsein, was im Alltag auch in humorvoller Weise geschehen kann. Als ich kurz nach meiner Priesterweihe im Jahr 2000 im Scheyrer Altenheim, das leider bald Geschichte sein wird, einen Gottesdienst gefeiert und dabei die einleitende Formel „Lasset uns beten“ verwendet habe, sagte eine Frau laut und deutlich: Do host recht!
„Lasset uns beten! – Ja, do host recht!“ Denn sein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Amen

Bibelstellen: Dtn. 30,15-20 und Joh. 8,1-11
4. Fastensonntag, 31. März 2019, Kloster Scheyern

Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

Lesung aus dem Buch Exodus (in Auszügen):
Die ganze Gemeinde der Israeliten murrte in der Wüste gegen Mose und Aaron. Sie sagten zu ihnen: Wären wir doch im Land Ägypten durch die Hand des HERRN gestorben, als wir an den Fleischtöpfen saßen und Brot genug zu essen hatten. Ihr habt uns nur deshalb in diese Wüste geführt, um alle, die hier versammelt sind, an Hunger sterben zu lassen.

Da sprach der HERR zu Mose: Ich will euch Brot vom Himmel regnen lassen. Das Volk soll hinausgehen, um seinen täglichen Bedarf zu sammeln. Ich will es prüfen, ob es nach meiner Weisung lebt oder nicht. Wenn sie am sechsten Tag feststellen, was sie zusammengebracht haben, wird es doppelt so viel sein, wie sie sonst täglich gesammelt haben.

Da sagten Mose und Aaron zu allen Israeliten: Heute Abend sollt ihr erfahren, dass der HERR euch aus dem Land Ägypten geführt hat, und morgen werdet ihr die Herrlichkeit des HERRN schauen; denn er hat euer Murren gehört.

Am kommenden Morgen lag eine Schicht von Tau rings um das Lager. Als sich die Tauschicht gehoben hatte, lag auf dem
Wüstenboden etwas Feines, Knuspriges, fein wie Reif, auf der Erde. Als das die Israeliten sahen, sagten sie zueinander: Was ist das? Denn sie wussten nicht, was es war. Da sagte Mose zu ihnen: Das ist das Brot, das der HERR euch zu essen gibt. Das ordnet der HERR an: Sammelt davon so viel, wie jeder zum Essen braucht, ein Gomer für jeden, entsprechend der Zahl der Personen in seinem Zelt!

Die Israeliten taten es und sammelten ein, der eine viel, der andere wenig. Als sie die Gomer zählten, hatte keiner, der viel gesammelt hatte, zu viel, und keiner, der wenig gesammelt hatte, zu wenig. Jeder hatte so viel gesammelt, wie er zum Essen brauchte. Das Haus Israel nannte das Brot Manna. Es war weiß wie Koriandersamen und schmeckte wie Honigkuchen.

Predigt:

Liebe Schwestern und Brüder!

In dieser Predigtreihe versuchen wir, die verschiedenen Bitten des Gebetes Jesu zu betrachten, diesem Gebet, das ja auch so etwas ist, wie unser tägliches Brot, sozusagen neu auf den Geschmack zu kommen. Und wenn ich mich für eben die Bitte um das tägliche Brot beworben habe, dann zuerst deshalb, weil ich selbst Brot sehr gern esse. Ich gehe gern in einen Bäckerladen, besonders wenn es ein kleinerer oder älterer Laden ist, wo man noch sieht, dass hinten gebacken wird, wo man etwas spürt und riecht vom Handwerk hinter dem Laden. Da brauchen vorn gar nicht 1000 Brotsorten zu liegen; das schönste Erlebnis ist, wenn die Verkäuferin sagt: Moment, hier vorne ist keines mehr, ich frag mal eben in der Backstube nach. So etwas kommt leider nur noch sehr selten vor. Vielleicht kennen Sie diese Situation auch gar nicht, aber Sie merken daran, wo ich herkomme.

Ich kaufe gerne Brot, ich schneide gerne Brot, nicht mit der Maschine, sondern mit dem Messer. Dann werden die Scheiben nicht alle gleichmäßig, aber es hat doch etwas sehr Ursprüngliches. Ich sehe in Gedanken dabei meine Mutter, die vor dem Anschneiden mit dem Messer noch ein kleines Kreuz auf das Brot zeichnete, ganz unauffällig, aber es gehörte dazu. Und man kann sich so beim etwas mühseligen Schneiden viel leichter vorstellen, welchen Stellenwert das Brot in der Zeit hatte, in der Jesus lebte. Damals war es die Aufgabe der Hausfrau, das tägliche Mahl zu bereiten, und der wesentliche Bestandteil dabei war das Brot, das jeden Tag frisch gebacken wurde. In der Regel war das tägliche Brot ungesäuert. Auch wer einen Gast besonders ehren wollte, setzte ihm frisches (ungesäuertes) Brot vor.

Auch wenn wir heute aus einer Fülle von Brotsorten auswählen können, und auch, wenn wir manchmal mit Stolz feststellen, dass es kaum ein Land gibt, in der Brot so gut und vielfältig ist, wie bei uns; die Bedeutung als Grundnahrungsmittel war zurzeit Jesu wesentlich stärker als in unserer Zeit, wo wir sehr viel abwechslungsreicheres Essen haben und das Brot doch eher die praktische Grundlage für irgendeinen schmackhaften Belag bildet.

„Unser tägliches Brot gib uns heute“, betet Jesus, und wir dürfen hier die zweite Bitte gleich hinzufügen, weil beide eng miteinander zu tun haben: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.“ Jesus bittet um das tägliche Brot. Wir brauchen nicht eigens zu betonen, dass, eben weil Brot so ein Grundnahrungsmittel
war, dieses Wort hier ein Begriff ist, der alles meinte, was zum täglichen Überleben nötig ist. Es geht nicht um Vorrat, nicht um Luxus, sondern um das Überleben. Aber wer das hat, – zu essen und zu trinken, Kleidung, ein Obdach, ein Stück Freiheit, und die Nähe von guten Menschen, – wer das hat, der hat keine Not, der wird diesen Tag überleben. Der hat auch heute keinen Grund zur Klage. Und morgen ist ein neuer Tag, da wird diese Bitte von neuem ausgesprochen. Die Vaterunser-Bitte um das tägliche Brot ist nicht die Bitte um ein sorgloses Leben, ist nicht die Bitte, ausgesorgt zu haben, sie ist nicht die Bitte um Überfluss, sondern sie ist die Bitte um das Tägliche, um das Notwendige, um das, was ich jetzt nötig habe. Diese Bitte um das tägliche Brot steht in tiefem Zusammenhang zur Lesung aus dem Buch Exodus, die wir gerade gehört haben. Das Volk hungert in der Wüste, und es murrt, es schimpft gegen Mose und Aaron, schlimme Ahnungen und Verschwörungstheorien greifen um sich, und die Phantasie lässt Ägypten, das Land aus dem man nur allzu gern geflohen ist, zum Paradies werden. Wie gut ging es uns, als wir an den Fleischtöpfen Ägyptens saßen, die es in Wirklichkeit nie gegeben hat. Vielleicht kennen Sie solche Situationen, in denen die Erinnerung sich so verklärt: damals, die gute alte Zeit, als noch alles in Ordnung war, als man noch wusste, wem man glauben konnte, und wen man wählen sollte. Das Volk in der Wüste murrt, und Gott reagiert darauf: Er lässt Brot vom Himmel regnen, er sättigt sein Volk, morgens findet sich dieses komische Zeug, von dem man nicht weiß was es ist, auf dem Boden, und man nennt es Manna: „Was ist das?“ Es schmeckt und macht satt – Brot eben. Und dann gibt es eine klare Anweisung, ein Maß, ein Gomer, soll jeder täglich sammeln, nicht mehr. Was darüber hinausgeht, das ist Überfluss und verdirbt, ein Gomer am Tag, am nächsten Tag gibt es wieder Neues. Das Volk lernt, sich immer wieder neu auf diesen Gott zu besinnen, immer wieder neu zu bitten, immer wieder ins Vertrauen zu finden: Was du heute brauchst, wirst du bekommen, verlass dich drauf.

Was du heute brauchst, wirst du bekommen, verlass dich darauf. Ich glaube, um dieses Vertrauen ging es Jesus. Die
Einübung in dieses Vertrauen ist auch das Thema des heutigen Evangeliums. Der jüngere Sohn, als er alles durchgebracht hatte und buchstäblich bei den Schweinen gelandet war, er erinnert sich an seinen Vater. Und obwohl er ihn für tot erklärt hatte, obwohl er nicht im Entferntesten damit rechnen kann, wieder als Sohn angenommen zu werden, weiß er doch:

Selbst den Tagelöhnern meines Vaters geht es besser als mir. Diese Erinnerung hilft ihm zur Umkehr, verändert sein
Leben, lässt ihn heil werden. Die Einübung in dieses Vertrauen müsste unser christliches Leben und Glauben ausmachen. In einem Tagesgebet der Fastenzeit heißt es: „Herr, sieh gnädig auf deine Gemeinde. Da wir durch Mäßigung den Leib in Zucht halten und Buße tun, schenke uns die wahre Sehnsucht nach dir.“ Dass ich meine Orientierung finde als Mensch, dass ich ausgerichtet bin auf Gott, dass ich von ihm erwarte, das ist Sinn aller Spiritualität und Frömmigkeit. Karl Rahner hat in einer Betrachtung zum Vaterunser ausgesprochen: „Gib uns heute unser tägliches Brot, lass uns auch darum bitten, damit wir uns nie mit Dir verwechseln, selbst nicht in der Stunde, da Du uns nahe bist, sondern wenigstens an unserem Hunger merken, dass wir arme und unwichtige Geschöpfe sind.“

Dass wir uns nicht mit Dir verwechseln, sondern wenigstens an unserem Hunger merken, dass wir arme und unwichtige
Geschöpfe sind. Aus diesen Sätzen spricht eine Haltung, die nicht ein künstliches Kleinmachen und Schlechtreden von
Menschen meint. Nein, ich muss mir nicht ständig an die Brust schlagen, weil ich unvollkommen bin, weil ich Mensch bin, weil ich Schwächen habe, weil ich Dinge tue, die nicht heldenhaft sind, sondern fehlerhaft oder einfach nur menschlich. Solch eine verdrehte Frömmigkeit braucht kein Mensch, und sie hilft niemandem.
Aber wer heute über den Menschen nachdenkt und über seinen Platz in der Welt, der wird nicht an der Erkenntnis vorbei kommen, dass der Mensch, jedenfalls als Einzelner, ein armseliges Geschöpf ist, unwichtig und überflüssig, austauschbar, eine Belastung für die Umwelt, eine finanzielle Belastung für die Gesellschaft ebenso. Und es ist erschreckend, in welcher Weise kluge Leute heute über alles Religiöse urteilen in einer erhaben distanzierten Weise, die keinen Gott zu brauchen meint, eine erhaben distanzierte Weise, die völlig außer Acht lässt, dass ich das Allermeiste in meinem Leben verdanke, und dass ich bedürftig bin, hilflos. Wie aufgeblasen kommt manch einer heute daher, obwohl er wissen müsste, wie zufällig sein Leben ist, wie schnell es zuende sein kann, und wie wenig irgendwer noch nach ihm fragen wird, wenn er einmal von der Bildfläche verschwunden ist. „Dass wir uns nicht mit Gott verwechseln, sondern wenigstens an unserem Hunger merken, dass wir arme und unwichtige Geschöpfe sind.“ Und hier wird auch der Zusammenhang zur zweiten Bitte deutlich: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.“

Noch einmal die Betrachtung von Karl Rahner: „Befreie uns von unserer Schuld und behüte uns in der Versuchung von der Schuld und Anfechtung, die eigentlich nur eine ist: nicht zu glauben an Dich und an die Unbegreiflichkeit Deiner Liebe.“ Die Aufgeblasenheit, die sich niemandem verdankt als sich selbst, die keinen Gott braucht; sie führt am Ende dazu, dass nur noch ich selber gelte, dass ich der Maßstab für alles bin, dass es kein Korrektiv mehr gibt. Diese Gottlosigkeit befördert am Ende keine Menschlichkeit, wie manche glauben, sondern sie überfordert ihn. Wenn man genau schaut, warum heute viele Beziehungen scheitern, dann geht es bei vielen anderen Ursachen doch oft auch um die Tatsache, dass ich nicht mehr akzeptiere, dass der andere, der Partner, eben nicht der Gott ist, für den ich ihn gehalten bzw. zu dem ich ihn gemacht habe. „Dass ich dem andern vergebe, dass er mein Gott nicht sein kann“, so etwas hab ich es einmal bei Paul Zulehner gelesen.

Liebe Schwestern und Brüder, Sie spüren wahrscheinlich, mit diesen beiden Bitten, der um das tägliche Brot und der um die Vergebung der Schuld, stehen wir ziemlich im Gegensatz zum heutigen Denken, zu heutigen Maßstäben. Man betet heute im allgemeinen nicht um das tägliche Brot, sondern man denkt weiter, an Absicherungen und Versicherungen, an morgen und übermorgen, man tut immer noch so, als gäbe es ewiges Wachstum, und als könnte man Sicherheiten schaffen und konservieren. Dabei wissen wir längst: Nichts ist sicher, und alles ist immer in Bewegung und Entwicklung. Ständig ändert sich etwas und damit alles. Man wird manche Dinge dennoch sinnvoll planen müssen, man wird auch an die Zukunft denken müssen, ja man muss es sogar, sonst hätte auch das Wort Nachhaltigkeit keinen Sinn. Aber wenn ich aus dem Blick verliere, dass alles, jeder Augenblick Geschenk ist, das mir alles genommen werden kann, ganz schnell und unvorbereitet, wenn ich das aus dem Blick verliere, dann habe ich das Eigentliche verpasst. Und jeder einigermaßen lebendige Mensch weiß heute, wenn es eine Zukunft der Menschen geben kann, dann nur, wenn wir anders denken, wenn wir um das tägliche Brot bitten und darauf zu vertrauen lernen. Wir merken, wie aktuell und wie heilsam unsere christliche Botschaft ist, die sich in dieser Bitte verdichtet. Und wahrscheinlich müssen wir als einzelne Christen aber auch als Kirche insgesamt genau das neu erlernen, um das tägliche Brot zu bitten, den Tag zu bestehen, die Zeit zu bestehen, in allem Wechsel. Es ist nur Gott, von dem wir sagen können: „So bleibst du in Ewigkeit.“

Die Bitte um das tägliche Brot kann sehr verschieden aussehen und gelebt werden. Immer wieder komme ich mit Menschen zusammen, die nach einer überstandenen schweren Erkrankung eine ganz andere Freude am Leben entwickeln, die plötzlich einen neuen Lebensinhalt finden, die sich freuen können über das Schöne in der Natur, über das Spiel der Kinder, über ein gutes Buch, einfach über jeden neuen Tag. Oder, Menschen, die mit Behinderten zu tun haben, erfahren oftmals, dass Entwicklungen anders gehen, langsamer, dass es eine unendliche Geduld braucht. Sie spüren aber auch, welche Freude es ist, wenn es einen Schritt vorwärts geht, sie spüren oftmals die Freude und Unverkrampftheit dieser Menschen, die immer im Augenblick sind und nicht schon beim morgen und übermorgen. Hier können wir viel lernen. Die Bitte um das tägliche Brot kann sehr verschieden aussehen, sie wird immer dort gelebt, wo Menschen ein Stück auf etwas verzichten, auf finanzielle Vorteile und Absicherungen, auf eine Karriere, auf einen Titel, weil sie spüren, da bin ich ehrlicher, da behalte ich ein reines Gewissen, da bin ich lebendiger, da bin ich näher am Menschen und näher bei Gott.

Liebe Schwestern und Brüder! Ob Jesus, als er seinen Schülern diese ganz einfachen Sätze gesagt hat, daran gedacht hat, dass man sich in 2000 Jahren darüber Gedanken machen wird. Vielleicht nicht, weil er genau so weit gar nicht denken wollte, sondern den Menschen konkret etwas geben wollte, was ihnen hilft. Aber wir können feststellen, dass es diese einfachen Sätze sind, die darüber entscheiden, ob unser Leben sich in einem kindlichen Vertrauen vollzieht, ob wir gut mit uns und unseren Mitmenschen umgehen und darüber, ob wir Gott Gott sein lassen, damit wir wirklich menschlich werden.

Amen

Bibelstellen: Ex 16,1-31 und Lk. 15,1-3;11-32
21. März 2019, Kloster Scheyern

Benediktusfest mit Orgelweihe

Liebe Schwestern und Brüder!

Nun ist unsere neue Orgel gesegnet und damit in Betrieb genommen. Jetzt kann und soll sie mit ihrem Klang unsere Basilika erfüllen und sich in die Herzen der Menschen spielen. Was in dieser Orgel steckt, was sie kann, wie verschieden sie klingt, davon werden wir heute im Laufe des Gottesdienstes ein paar Kostproben bekommen. Merken und wahrnehmen werden wir es aber erst so richtig in der kommenden Zeit, wenn sie bei verschiedenen Anlässen ihre Stimme erhebt.

Vielleicht wird sie uns dann manchmal ganz anders vorkommen, als wie wir so manchen Klang im Ohr und im Gedächtnis
haben. Das hängt dann auch mit unserer persönlichen Stimmung zusammen, mit der wir in diese Basilika kommen.

So ein Instrument wie die Orgel dient oft auch als Vergleich für das Zusammenwirken und Zusammenleben von Menschen in Gemeinschaften, wie immer diese auch aussehen mögen. Nur mit Vergleichen muss man sehr vorsichtig sein. Von Kardinal Wetter wird erzählt, dass er bei der Einweihung der Orgel im Münchner Priesterseminar die Gemeinschaft der Kirche mit einer Orgel verglichen hat, wobei er dann zu seinen Zuhörern gesagt haben soll: „Ihr seid die vielen kleinen Pfeifen und ich bin eine ….“ Ob es wirklich so gewesen ist? Es wird halt gerne erzählt.

Wir haben nicht nur das Glück, heute eine neue Orgel zu bekommen, sondern ich und einige Mitbrüder hatten in den
vergangenen Wochen und Monaten auch die Gelegenheit, die Entstehung dieser neuen Orgel zu erleben. Was mir dabei
aufgefallen und wichtig geworden ist, möchte ich so zusammenfassen: Liebe zum Detail, eine große Liebe zum Detail,
angefangen von der Planung, über die Ausführung, bis hin zur Intonation. Liebe zum Detail! Man könnte vielleicht auch so sagen: Wertschätzung auch von kleinen und unscheinbaren Dingen. Unsere Orgel besteht nach Auskunft der Orgelbauer aus ca. 5500 Einzelteilen, die Schrauben nicht mitgerechnet. Wenn da etwas nicht stimmt, dann wird aus den Pfeifen nichts oder nicht das herauskommen, was man erwartet, egal ob es eine kleine oder eine große Pfeife ist.

Der heilige Benedikt, dessen Fest wir als benediktinische Gemeinschaft heute feiern, ist für mich ein Mensch, dessen Leben, dessen Denken, Fühlen und Reden von einer großen Liebe zum Detail oder eben von einer großen Wertschätzung geprägt ist. In der Gesamtheit seiner Regel kommt das zum Ausdruck, wenn er versucht, das Zusammenleben der Menschen in einem Kloster zu ordnen: Der Dienst in der Küche, der Pförtner, die Verteilung der Psalmen, die Sorge für die Kranken.

Alles ist für ihn wichtig! Auf vieles legt er großen Wert.

Als erste Lesung haben wir heute einen Abschnitt aus dem Prolog, also der Einleitung seiner Regel, gehört. Darin stellt er eine Frage, die er aus den Psalmen (Ps 34,13) zitiert: „Wer ist der Mensch, der das Leben liebt und gute Tage zu sehen wünscht?“ Wer von uns möchte das nicht? Diesen Wunsch haben wir doch alle, auch wenn er sich in der Art und Weise bei den einzelnen Menschen sehr unterscheiden kann. Dieser Wunsch wird sich für Menschen aber nur dann erfüllen, wenn sie etwas dafür tun, wenn sie eine Liebe zum Detail entwickeln, wenn ihr Leben, Denken, Fühlen und Reden von einer Wertschätzung geprägt ist. Der heilige Benedikt sagt das so: „Willst du wahres und unvergängliches Leben, bewahre deine Zunge vor Bösem und deine Lippen vor falscher Rede! Meide das Böse und tue das Gute, suche Frieden und jage ihm nach!“

Was aus der Pfeife einer Orgel herauskommt, egal ob groß oder klein, hängt davon ab, wie es im Inneren der Orgel
aussieht.

Was aus dem Mund eines Menschen hervorkommt, hängt davon ab, wie es in seinem Inneren ausschaut, wie er sozusagen gestimmt ist. Ich meine damit nicht die verschiedenen Stimmungen, denen unser Leben durch Ereignisse und Einflüsse unterliegt, sondern ich meine damit so etwas wie die Grundstimmung eines Menschen. Wovon das Herz voll ist, davon spricht der Mund, so sagen wir mit einer Redewendung. Bin ich ein dankbarer Mensch, oder nicht? Versuche ich das Gute zu sehen oder halte ich ständig danach Ausschau, wo es etwas zu kritisieren oder zu schimpfen gibt. Wenn ich es darauf anlege, werde ich bestimmt immer etwas finden.

Freut euch im Herrn zu jeder Zeit, noch einmal sage ich, freut euch. So hat es der Apostel Paulus in seinem Brief an die Philipper geschrieben. Wir werden das nicht immer können, uns ständig freuen. Es wird im Leben jedes Menschen auch traurige und schwierige Momente geben, wo uns das Lachen vergeht, wo uns eher zum Weinen zu Mute ist. Paulus aber meint eben auch die Grundstimmung eines Menschen, denn wir haben allen Grund, dankbar zu sein und uns zu freuen.

Menschen werden sich öfter und wahrscheinlich auch leichter freuen können, wenn sie eine Liebe zum Detail haben, wenn sie von Wertschätzung geprägt sind. Man kann sich auch und vor allem über Kleinigkeiten freuen und nicht nur, wenn auf dem Preisschild eine große Summe steht.

Warum aber fällt es Menschen oft so schwer? Es gibt ein Phänomen, das Menschen die Freude nimmt und nehmen kann. Es ist die Angst, es ist die Angst, im Leben zu kurz zu kommen. Davon sind auch nicht die Freunde Jesu ausgenommen,genauso wenig wie die Mönche in einem Kloster. Du weißt, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt. Was werden wir dafür bekommen? So wurde Jesus heute im Evangelium gefragt. Auf diese Frage gibt er dann eine Antwort, die zwar vielsagend ist und doch so vieles offen lässt. Das Hundertfache werdet ihr bekommen. Wieviel aber ist das Hundertfache?

Oder wovon das Hundertfache?

Bei unseren Berechnungen und Überlegungen gibt es so etwas wie einen Wechselkurs. Der Wechselkurs kann sehr verschieden sein und er kann sich ständig ändern. Der Wechselkurs gehört auch zu diesem Orgelprojekt, haben wir es doch mit einer Schweizer Firma zu tun. Wie steht denn der Wechselkurs gerade? Ich denke, ich kann die Fa. Mathis beruhigen. Sie werden ihr Geld schon bekommen. Nicht das Hundertfache, sondern eine gerechte Entlohnung Ihrer Arbeit.

Die Liebe zum Detail, die Wertschätzung im Leben, denken, fühlen und reden, das legt der heilige Benedikt uns Mönchen ans Herz und das möchte ich Ihnen, liebe Schwestern und Brüder, die Sie heute mit uns dieses Fest feiern, mitgeben. Es ist ein wichtiger Baustein, ja die Voraussetzung für gute Tage, für ein gutes Leben, das sich nicht unbedingt an Äußerlichkeiten festmacht.

In dieser Liebe zum Detail hat viel Platz, auch das, was uns schwerfällt. Paulus sagt es so: Sorgt euch um nichts,
sondern bringt in jeder Lage betend und flehend eure Bitten und euren Dank vor Gott. Und der Friede Gottes, der alles Verstehen übersteigt, wird eure Herzen und eure Gedanken in der Gemeinschaft mit Christus Jesus bewahren. Dabei möge uns
die neue Orgel helfen mit ihren großen und mit ihren kleinen Pfeifen.
Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen guten Willens. Amen!

Bibelstellen: Phil. 4, 4-9 und Mt. 19,27-29
Fastenpredigt, 17. März 2019, Kloster Scheyern

Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name.
Das Vater unser – Eine Einordnung
An zentraler Stelle im Matthäusevangelium stehen die Kapitel der Bergpredigt Jesu und wiederum wie ein Zentrum dieser Bergpredigt wird ein Gebet überliefert: Das Vaterunser. Es hat also eine große Bedeutung. Das Vaterunser umfasst die Gegenwart (heute), unsere Vergangenheit (Schuld vergeben) und die Zukunft (bewahren). Es ist das Gebet der Christenheit über alle Zeiten, Grenzen und Konfessionen hinweg. Dieses Vaterunser ist ein eigenartiges Gebet, weil es an so unterschiedlichen Orten gebetet wird: in Wohnungen, Schulen, Krankenhäusern, Kirchen, im Auto und im Zug, sowie in so unterschiedlichen Situationen wie bei Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen, in großer Versammlung oder alleine. Franz Beckenbauer wurde nach seinem Glauben gefragt und antwortete: „Wenn ich nicht dazukomme, in die Kirche zu gehen, bete ich jeden Tag das ‚Vaterunser‘. Es ist für mich das Gebet aller Gebete. Ich schöpfe Kraft und Stärke daraus und es hilft mir, die täglichen Aufgaben zu bewältigen und für meine Familie da zu sein.“

Ein Gebet also, das man gut täglich beten kann.

Bevor wir uns dem ersten Wort des Gebetes zuwenden, müssen wir uns etwas Grundlegendes über jedes Reden von Gott vor Augen führen. Denn wir können nur in analoger Weise über Gott sprechen, unsere Bilder passen mehr oder minder gut. In einem Konzil im Rom im Jahre 1215, also just in dem Jahr, als diese Kirche eingeweiht wurde, wurde festgestellt: Beim Reden über Gott überwiegen immer die Unähnlichkeiten!
Beim Wort „Vater“ sind

• unähnlich die Eigenschaften, die typisch für einen menschlichen Vater sind: von Geschlecht männlich, sterblich,
begrenzt, mit Charakterfehlern behaftet, gereizt, sündig, oft abwesend.
• Ähnlich sind all die Eigenschaften eines Vaters, die auch auf Gott zutreffen, nämlich: Leben zeugen, Verantwortung
übernehmen, Fürsorge, Liebe.

Jesus hatte die guten Seiten eines Vaters vor Augen: Der sich sorgt, der beschützt, der fördert und fordert, der hinter einem steht, der da ist, wenn man ihn braucht, der sich aber nicht aufdrängt. Von Jesus selbst wissen wir, dass er in seinen Gebeten Gott, seinen Vater, mit „Abba“ ansprach. Das ist eine sehr vertraute Umgangsform und würde bei uns am ehesten mit „Papa“ wiedergegeben werden.

In den entscheidenden Momenten seines Lebens betete Jesus zu seinen Vater und rief ihn an:
o Als er zum Himmel schaute und um ein Wunder bat, (……….)
o vor seiner Verhaftung hielt er sich ganz eng an den Vater: „Mein Vater, wenn es möglich ist, gehe dieser Kelch an mir vorüber. Aber nicht wie ich will, sondern wie du willst.“ (Mt. 26,39).
o Bei der Kreuzigung rief er aus „Vater, vergib ihnen, sie wissen nicht was sie tun“ (…..) und
o er verzweifelte nicht im Sterben: „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.“ (….)

Jesu Bild von seinem himmlischen Vater kommt am anschaulichsten in der Geschichte vom verlorenen Sohn bzw. vom wartenden Vater zum Ausdruck.

(Lukasevangelium, Kapitel 15,11–24)

Dieses Gleichnis ist oft hier Gegenstand einer Predigt. Daher möchte ich die offene Tür des Vaters durch ein modernes Gleichnis vor Augen führen:

Im 30. Stockwerk des Hochhauses arbeitet ein Mann in einer wichtigen Position. Man kommt nur in sein Büro, wenn man
zuvor durch eine Sicherheitskontrolle und zwei Vorzimmer gekommen ist. Einen Termin bei ihm zu bekommen, ist sehr
schwer. Da geht der Aufzug auf, ein Mädchen in Jeans kommt fröhlich herein, grüßt die Sekretärinnen und fragt nur: „Ist er allein?“ und geht dann wie selbstverständlich in dessen großes Büro. Dieser freut sich, beendet sein Telefonat so bald wie möglich und begrüßt herzlich seine Tochter.

Nicht jeder hatte oder hat so einen Vater. Manche Menschen werden sich mit der Anrede „Vater“ schwer tun, weil der
eigene Vater zu streng war oder nie für einen da sein wollte oder konnte. Manchmal ist mit dem Wort „Vater“ auch Angst verbunden, wenn dieser durch Alkoholmissbrauch und Gewalt das Leben der Familie schwer machte. Das ist nicht oft. Weitverbreitet aber ist, was Papst Franziskus in seinem Vaterunser Buch schreibt:

„In unserer abendländischen Kultur ist die Figur des Vaters symbolisch abwesend, verschwunden, ja verdrängt worden. …
Schon als Bischof … spürte ich dieses Gefühl des Verwaistseins, unter dem Kinder heute leiden. Dann frage ich die Väter, ob sie mit ihren Kindern spielten, ob sie Mumm und Liebe hatten, um Zeit mit ihren Kindern zu ‚verlieren‘.“

Hat Ihr Vater mit Ihnen gespielt?
War er da, wenn Sie ihn brauchten?
Gott, wie eine gute Mutter
Ein paar Mal in der Bibel wird Gott mit mütterlichen Zügen geschildert:
„Kann denn eine Frau ihr Kindlein vergessen, eine Mutter ihren leiblichen Sohn? Und selbst wenn sie ihn vergessen würde: Ich vergesse dich nicht.“ (Jesaja, Kapitel 49)

„Wie eine Mutter ihren Sohn tröstet, so tröste ich euch; in Jerusalem findet ihr Trost.“ (Jesaja, Kapitel 66)

Am Stärksten kommt die mütterliche Seite Gottes in dem Wort „Erbarmen“ zum Ausdruck. Das hebräische Wort „rächäm“ ist das Wort für den Mutterleib, für mütterliches Erbarmen. Doch auch das Bild für Mütterlichkeit muss in unserem Land neu gestärkt, gewertschätzt und unterstützt werden. Denn die Gefahr für ein empfangenes Kind im Mutterleib durch Gewalteinwirkung zu sterben ist 25x größer als die Gefahr, dass es nach der Geburt während seiner Kindheit an irgendetwas stirbt. So weit zu dem einen Wort Vater und allen aktuellen Bezügen zu uns, wir werden jetzt schneller vorangehen.

„Vater unser“
Wir beten nicht wie Jesus „Mein Vater“ sondern „Vater unser“. Wir sind gemeinsam Kinder Gottes und von daher die
Redensart in der Kirche von „Schwestern und Brüder“. „…im Himmel“ „… im Himmel“ bedeutet nicht „über den Regenwolken, nicht zwischen Erde und Mond“. Sonst kommt es zu Missverständnissen, wie 1956, als der russische Astro¬naut Juri Gagarin sinngemäß sagte: Ich war im Himmel und da war kein Gott.

Himmel meint in der religiösen Sprache vielmehr: „überall, grenzenlos, vom Aufgang der Sonne bis zum Untergang, ewig“ usw. Früher, vor der Erfindung der Flugzeuge, war Himmel auch Sinnbild für einen unerreichbaren Ort. „geheiligt werde dein Name“ Dies ist der letzte Teil, den ich heute mit ihnen vertiefe, bevor nächste Woche Theo Seidl weitermacht.

a) im Alten Testament: Der Name Gottes In der Tradition Israels ist der Name Gottes durch das zweite der zehn Gebote eigens geschützt: „Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen; denn der Herr lässt den nicht ungestraft, der seinen Namen mißbraucht.“ (Ex. 20,7)

So oft schon wurde Gewalt oder Unrecht im Namen Gottes getan. Noch gefährlicher als religiöser Fanatismus scheint mir aber Nationalismus und Rassismus zu sein, wie wir in Deutschland wissen und wie der Anschlag in Neuseeland uns das schrecklich vor Augen führte.

Dieser Schutz vor Missbrauch des Namens Gottes hat seinen Grund darin, dass für den Orientalen der Name eine
Wesenserschließung oder ein Wesenshinweis bedeutet. Der Name Gottes bedeutet „Ich bin, der ich bin“ (Ex 3,14, neue
Einheitsübersetzung) oder genauer: „Ich werde sein der ich sein werde.“ (Prof. Dr. Theo Seidl). Zum Wesen Gottes gehört es demnach nicht nur da zu sein, sondern sich als solcher zu erweisen durch kraftvolle Taten.

Der Heilige Name Gottes wurde in den frühen Religionen nicht öffentlich ausgesprochen, man wollte vermeiden, dass er missbraucht wird. Im Alten Israel tat dies nur der Hohepriester und das nur einmal im Jahr, wenn er ins Allerheiligste des Jerusalemer Tempels eintrat, am Jom Kippur, dem Tag der Versöhnung. Dazu etwas Kurioses: Er wurde an ein Seil gebunden. Falls er nämlich unrein war und deshalb in der Gegenwart Gottes starb, konnte man ihn dann mit dem Seil herausziehen, ohne das Allerheiligste zu betreten. Wir spüren hier einen starken Sinn für Heiligkeit.

In unserer Tradition bezeichnen wir mit dem Allerheiligsten die Eucharistie im Tabernakel oder in der Monstranz. Wir alle haben seit den Liturgiereformen des letzten Jahrhunderts häufig Zugang dazu, das ist schön. Doch hoffentlich verlieren wir dadurch nicht den Sinn für das Besondere dabei.

Der geheimnisvolle Gott kann sich freilich auch ohne Tempel oder Kirche in seiner Heiligkeit erahnen lassen, so, wie es von Abraham in der Lesung beschrieben wurde:

„Bei Sonnenuntergang fiel auf Abraham ein tiefer Schlaf; große, unheimlich Angst überfiel ihn.“ (Genesis 15,12)
b) für uns: Den Namen heiligen Den Namen Gottes zu heiligen, dafür sind für mich christliche Lobpreislieder eine Quelle der Inspiration. Zum einen, weil das Zeugnis der anderen, die von Herzen den Namen Gottes heiligen, Anstöße gibt, zum anderen, weil sie einladen, selbst den Mund zu öffnen und Gott zu danken, zu preisen, anzubeten. Ansprechende, berührende Musik lässt etwas vom Heil sein, von Heiligkeit erahnen.

In der Heiligung seines Namens bleiben wir nicht bei uns selbst stehen sondern erkennen an, dass er Gott ist. Im Gottesdienst schließt das Vaterunser Gebet oft mit dem Zusatz: Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Amen.

In diesem Anruf folgt nach den Bitten ein Lobpreis, in dem der Beter seine Bitten wieder loslässt und im Angesicht des angerufenen Vaters zuversichtlich weitergeht.

Ein so bekanntes Gebet wie das Vaterunser wird leicht gedankenlos gebetet. Deshalb zum Abschluss eine Einladung, das Vaterunser zu meditieren: Ignatius von Loyola gibt am Ende seines Exerzitienbuches folgende Anregung:
„Bei jedem Atemzug oder Luftschöpfen im Geiste beten, indem man ein Wort des Vaterunser … spricht, derart, daß zwischen zwei Atemzügen jeweils nur ein Wort gesagt wird, und daß man in der Zwischenzeit vom einen zum anderen Atemzug vor allem auf die Bedeutung des betreffenden Wortes achtet.“

• Vater
• unser
• im Himmel
• geheiligt werde
• dein Name.

Amen.


21. März 2019, Kloster Scheyern

Benediktusfest mit Orgelweihe

Liebe Schwestern und Brüder!

Nun ist unsere neue Orgel gesegnet und damit in Betrieb genommen. Jetzt kann und soll sie mit ihrem Klang unsere Basilika erfüllen und sich in die Herzen der Menschen spielen. Was in dieser Orgel steckt, was sie kann, wie verschieden sie klingt, davon werden wir heute im Laufe des Gottesdienstes ein paar Kostproben bekommen. Merken und wahrnehmen werden wir es aber erst so richtig in der kommenden Zeit, wenn sie bei verschiedenen Anlässen ihre Stimme erhebt.

Vielleicht wird sie uns dann manchmal ganz anders vorkommen, als wie wir so manchen Klang im Ohr und im Gedächtnis
haben. Das hängt dann auch mit unserer persönlichen Stimmung zusammen, mit der wir in diese Basilika kommen.

So ein Instrument wie die Orgel dient oft auch als Vergleich für das Zusammenwirken und Zusammenleben von Menschen in Gemeinschaften, wie immer diese auch aussehen mögen. Nur mit Vergleichen muss man sehr vorsichtig sein. Von Kardinal Wetter wird erzählt, dass er bei der Einweihung der Orgel im Münchner Priesterseminar die Gemeinschaft der Kirche mit einer Orgel verglichen hat, wobei er dann zu seinen Zuhörern gesagt haben soll: „Ihr seid die vielen kleinen Pfeifen und ich bin eine ….“ Ob es wirklich so gewesen ist? Es wird halt gerne erzählt.

Wir haben nicht nur das Glück, heute eine neue Orgel zu bekommen, sondern ich und einige Mitbrüder hatten in den
vergangenen Wochen und Monaten auch die Gelegenheit, die Entstehung dieser neuen Orgel zu erleben. Was mir dabei
aufgefallen und wichtig geworden ist, möchte ich so zusammenfassen: Liebe zum Detail, eine große Liebe zum Detail,
angefangen von der Planung, über die Ausführung, bis hin zur Intonation. Liebe zum Detail! Man könnte vielleicht auch so sagen: Wertschätzung auch von kleinen und unscheinbaren Dingen. Unsere Orgel besteht nach Auskunft der Orgelbauer aus ca. 5500 Einzelteilen, die Schrauben nicht mitgerechnet. Wenn da etwas nicht stimmt, dann wird aus den Pfeifen nichts oder nicht das herauskommen, was man erwartet, egal ob es eine kleine oder eine große Pfeife ist.

Der heilige Benedikt, dessen Fest wir als benediktinische Gemeinschaft heute feiern, ist für mich ein Mensch, dessen Leben, dessen Denken, Fühlen und Reden von einer großen Liebe zum Detail oder eben von einer großen Wertschätzung geprägt ist. In der Gesamtheit seiner Regel kommt das zum Ausdruck, wenn er versucht, das Zusammenleben der Menschen in einem Kloster zu ordnen: Der Dienst in der Küche, der Pförtner, die Verteilung der Psalmen, die Sorge für die Kranken.

Alles ist für ihn wichtig! Auf vieles legt er großen Wert.

Als erste Lesung haben wir heute einen Abschnitt aus dem Prolog, also der Einleitung seiner Regel, gehört. Darin stellt er eine Frage, die er aus den Psalmen (Ps 34,13) zitiert: „Wer ist der Mensch, der das Leben liebt und gute Tage zu sehen wünscht?“ Wer von uns möchte das nicht? Diesen Wunsch haben wir doch alle, auch wenn er sich in der Art und Weise bei den einzelnen Menschen sehr unterscheiden kann. Dieser Wunsch wird sich für Menschen aber nur dann erfüllen, wenn sie etwas dafür tun, wenn sie eine Liebe zum Detail entwickeln, wenn ihr Leben, Denken, Fühlen und Reden von einer Wertschätzung geprägt ist. Der heilige Benedikt sagt das so: „Willst du wahres und unvergängliches Leben, bewahre deine Zunge vor Bösem und deine Lippen vor falscher Rede! Meide das Böse und tue das Gute, suche Frieden und jage ihm nach!“

Was aus der Pfeife einer Orgel herauskommt, egal ob groß oder klein, hängt davon ab, wie es im Inneren der Orgel
aussieht.

Was aus dem Mund eines Menschen hervorkommt, hängt davon ab, wie es in seinem Inneren ausschaut, wie er sozusagen gestimmt ist. Ich meine damit nicht die verschiedenen Stimmungen, denen unser Leben durch Ereignisse und Einflüsse unterliegt, sondern ich meine damit so etwas wie die Grundstimmung eines Menschen. Wovon das Herz voll ist, davon spricht der Mund, so sagen wir mit einer Redewendung. Bin ich ein dankbarer Mensch, oder nicht? Versuche ich das Gute zu sehen oder halte ich ständig danach Ausschau, wo es etwas zu kritisieren oder zu schimpfen gibt. Wenn ich es darauf anlege, werde ich bestimmt immer etwas finden.

Freut euch im Herrn zu jeder Zeit, noch einmal sage ich, freut euch. So hat es der Apostel Paulus in seinem Brief an die Philipper geschrieben. Wir werden das nicht immer können, uns ständig freuen. Es wird im Leben jedes Menschen auch traurige und schwierige Momente geben, wo uns das Lachen vergeht, wo uns eher zum Weinen zu Mute ist. Paulus aber meint eben auch die Grundstimmung eines Menschen, denn wir haben allen Grund, dankbar zu sein und uns zu freuen.

Menschen werden sich öfter und wahrscheinlich auch leichter freuen können, wenn sie eine Liebe zum Detail haben, wenn sie von Wertschätzung geprägt sind. Man kann sich auch und vor allem über Kleinigkeiten freuen und nicht nur, wenn auf dem Preisschild eine große Summe steht.

Warum aber fällt es Menschen oft so schwer? Es gibt ein Phänomen, das Menschen die Freude nimmt und nehmen kann. Es ist die Angst, es ist die Angst, im Leben zu kurz zu kommen. Davon sind auch nicht die Freunde Jesu ausgenommen,genauso wenig wie die Mönche in einem Kloster. Du weißt, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt. Was werden wir dafür bekommen? So wurde Jesus heute im Evangelium gefragt. Auf diese Frage gibt er dann eine Antwort, die zwar vielsagend ist und doch so vieles offen lässt. Das Hundertfache werdet ihr bekommen. Wieviel aber ist das Hundertfache?

Oder wovon das Hundertfache?

Bei unseren Berechnungen und Überlegungen gibt es so etwas wie einen Wechselkurs. Der Wechselkurs kann sehr verschieden sein und er kann sich ständig ändern. Der Wechselkurs gehört auch zu diesem Orgelprojekt, haben wir es doch mit einer Schweizer Firma zu tun. Wie steht denn der Wechselkurs gerade? Ich denke, ich kann die Fa. Mathis beruhigen. Sie werden ihr Geld schon bekommen. Nicht das Hundertfache, sondern eine gerechte Entlohnung Ihrer Arbeit.

Die Liebe zum Detail, die Wertschätzung im Leben, denken, fühlen und reden, das legt der heilige Benedikt uns Mönchen ans Herz und das möchte ich Ihnen, liebe Schwestern und Brüder, die Sie heute mit uns dieses Fest feiern, mitgeben. Es ist ein wichtiger Baustein, ja die Voraussetzung für gute Tage, für ein gutes Leben, das sich nicht unbedingt an Äußerlichkeiten festmacht.

In dieser Liebe zum Detail hat viel Platz, auch das, was uns schwerfällt. Paulus sagt es so: Sorgt euch um nichts,
sondern bringt in jeder Lage betend und flehend eure Bitten und euren Dank vor Gott. Und der Friede Gottes, der alles Verstehen übersteigt, wird eure Herzen und eure Gedanken in der Gemeinschaft mit Christus Jesus bewahren. Dabei möge uns
die neue Orgel helfen mit ihren großen und mit ihren kleinen Pfeifen.
Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen guten Willens. Amen!

Bibelstellen: Phil. 4, 4-9 und Mt. 19,27-29
6. Januar 2019, Kloster Scheyern

Es kommt alles ans Licht

Liebe Schwestern und Brüder!

Was geschieht mit diesen Informationen? Was geschieht mit meinen Daten? Diese Fragen stellen sich Menschen immer wieder und auch immer mehr. In diesen Tagen vielleicht sogar ganz besonders dringlich. Wir alle haben davon gehört, dass viele Politiker, Künstler und Prominiente von einem großen Datenklau betroffen sind. Jeder weiß eigentlich ganz genau, dass er genauso und genauso schnell davon betroffen sein kann, weil über jeden von uns Daten gesammelt und Informationen gespeichert sind.

Was geschieht mit diesen Informationen? Was geschieht mit meinen Daten? In Zeiten von Internet, Facebook, Twitter und wie sie alle heißen mögen, wird das immer eine Frage sein und auch bleiben, aber neu ist die Frage nicht.

Auch im Evangelium, das wir gerade gehört haben, steht die Frage im Raum, auch wenn sie nicht explizit gestellt wird. König Herodes möchte es von den Sterndeutern ganz genau wissen, wo dieser neue König der Juden zu finden ist. Deshalb schickt er sie nach Bethlehem. Irgendwie schöpfen sie aber Verdacht, dass er mit dieser Information nicht das machen wird, was er vorgibt, „hingehen und ihm huldigen“. So bekommt er die Information nicht. Hoch lebe der Datenschutz!

Datenschutz, Datenklau und Datenmissbrauch, das sind Themen, die uns beschäftigen und manchmal auch beherrschen und die nicht ganz angstfrei an uns Menschen vorüber gehen. Und so kann ein Satz der Lesung aus dem Buch Jesaja, ein bisschen abgewandelt, Menschen in Angst und Schrecken versetzen: Auf, werde Licht, denn es kommt dein Licht. So heißt es da. Wenn es aber bedeutet: Alles kommt ans Licht! Was dann?

Ja, alles kommt ans Licht, das gehört auch zur Botschaft von Weihnachten. Alles kommt ans Licht, aber nicht um Menschen bloß zu stellen oder ihnen zu schaden, sondern um ihnen zu helfen, Menschen, glückliche Menschen zu werden und zu sein.

Wir geben uns jedes Jahr viel Mühe und wir lassen uns das auch einiges kosten, um einander zu beschenken, um einander ein Stück weit glücklich zu machen. Und da kommt es ans Licht. Das schönste und vielleicht auch teure Geschenk nützt nichts, wenn etwas nicht stimmt in der Beziehung und den Verhältnissen von Menschen oder wenn das Geschenk am wirklichen und wahren Wunsch eines Menschen vorbei geht.

Weihnachten zeigt auch, dass wir Menschen nicht einfach Wünsche haben weil wir etwas wollen, sondern dass wir auch
Sehnsucht haben, weil wir etwas brauchen. Sehnsüchte sind nicht nur angenehm, sondern Sehnsüchte können wunde und
schmerzliche Punkte im Leben von uns Menschen sein. Das ist meistens ganz unspektakulär: Eine Hand, die ich halten kann oder die mich hält, ein Mensch, dem ich vertrauen kann oder der mir vertraut. Wenn ich das nicht habe in meinem Leben?
Was dann?

Liebe Schwestern und Brüder, diese Könige, Weisen oder Magier, was immer sie auch gewesen sein mögen, sind für mich
solche Menschen voller Sehnsucht. Vielleicht erweckten sie in der Umgebung, wo sie gelebt haben, nach außen den
Anschein, dass sie doch alles haben, dass ihnen doch nichts fehlt. Könige, Gelehrte, Künstler, respektiert, bewundert und geschätzt, also was will man mehr. Außerdem gibt es doch immer und überall Menschen, die weit weniger haben und denen es vielleicht viel schlechter geht. Und doch lässt diese Menschen etwas aufbrechen und suchen, weil ihnen etwas fehlt zum Glück.

Mit dem neugeborenen König der Juden verbinden sie so viel Hoffnung, so viel Erwartung und sie werden nicht enttäuscht.

Welch ein Glück!

Als sie den Stern sahen, wurden sie von sehr großer Freude erfüllt. Sie gingen in das Haus und sahen das Kind und Maria, seine Mutter, da fielen sie nieder und huldigten ihm. Sie wurden von sehr großer Freude erfüllt, also ein Moment des Glücks, des wahren Glücks. Dann holten sie ihre Schätze hervor und brachten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe als Gaben dar.

Liebe Schwestern und Brüder, ich möchte das heute einmal so lesen und verstehen. Diese Menschen haben ausgepackt und sie konnten auspacken. Sie konnten zeigen, was sie haben, aber auch wer sie sind, ohne Angst, ohne Vorbehalt und ohne Neid.

Es war und ist die Stärke dieses Jesus, dass zu ihm jeder kommen kann, egal woher und mit welcher Geschichte. Jesus hat mit vielen Menschen über ihr Leben gesprochen. Jesus hat mit den Menschen nicht in erster Linie Glaubensgespräche geführt, sondern über ihr Leben gesprochen, wo natürlich auch zum Ausdruck kommt, woran sich ihr Leben orientiert bzw. was sie glauben.

Ich denke, dass es bei diesen Gesprächen manchmal ganz schön zur Sache ging. Was wir darüber in der Bibel finden, sind wohl nur Andeutungen und keine Berichte. Alles kam bei ihm ans Licht, ohne ins Licht der Öffentlichkeit zu gelangen:

Zachäus, die Ehebrecherin und die namenlosen Zöllner und Sünder. Manchmal würden wir vielleicht gerne wissen, was da gesprochen wurde, aber es gelangte nicht nach außen. Wenn wir auf unser eigenes Leben schauen, könnten wir es aber erahnen. Welch ein Segen, wo es Atmosphäre, Räume und Beziehungen gibt, wo das geschehen kann.

Liebe Schwestern und Brüder, in den letzten Tagen waren in vielen Gemeinden die Sternsinger unterwegs, bei uns auch. Ihr Motto lautete „Segen bringen und Segen sein“. Sie wollten Segen bringen in alle Häuser und Wohnungen, dass sie Räume des Segens sind, so dass Menschen glücklich sein und glücklich leben können. Wie ein Wahlspruch oder wie ein Motto wurde der Segenswunsch an die Tür geschrieben, dass dort so ein guter Ort sein möge und sein kann.

Ich möchte nun schließen mit einem Text, was Segen ist und was auch ich mit Segen verbinde, wenn ich wie hier am Ende des Gottesdienstes den Segen spende, wenn ich dann beim Auszug in viele Gesichter schauen darf. Gesichter, die alle eine Geschichte haben und bei denen ich manche Geschichte auch kenne.

Segen ist Wohltat. Wenn ich einen Menschen segne, wünsche ich ihm Wohlergehen an Leib und Seele. Ich wünsche sein Glück herbei oder freue mich mit ihm an seinem Glück.

Segen schafft Raum. Das Herz öffnet sich, Neid und Missgunst haben keinen Platz. So wird aus geteiltem Leid halbes Leid und aus geteilter Freude doppelte Freude.

Segen verbindet. Wer segnet, hat den anderen im Blick und lässt sich von seinem Schicksal berühren. So wächst, so
entsteht Freundschaft und Beziehung.

Segen bringen und Segen sein! Das können wir alle und das dürfen wir alle. Welch ein Segen, welch ein Glück!
Auf, Jerusalem, werde Licht, denn es kommt dein Licht. Ein Licht, bei dem alles ans Licht kommen darf.

Bibelstellen: Jes. 60,1-6 und Mt. 2,1-12
Neujahr 2019, Kloster Scheyern

JA zum Leben sagen

Liebe Schwestern und Brüder!

Kräht der Hahn auf dem Mist, ändert sich’s Wetter oder‘s bleibt, wie es ist. In dieser Bauernregel wird mit einem
Augenzwinkern zum Ausdruck gebracht, dass das Wetter ja sowieso macht, was es will und kommt, wie es kommt und dass man darauf herzlich wenig Einfluss hat. Man muss es schließlich doch so nehmen, wie es ist und wie es kommt.

Kräht der Hahn auf dem Mist, ändert sich’s Wetter oder’s bleibt, wie es ist. Am Anfang eines Jahres werden manchen
Menschen vielleicht ähnliche Gedanken durch den Kopf gehen, die sich aber nicht unmittelbar auf das Wetter beziehen, sondern auf das, was sich im neuen Jahr tun bzw. ereignen wird. Es ändert sich oder es bleibt wie es ist. In manchen Bereichen wird das auch so sein, nämlich da, wo wir keinen Einfluss haben oder wo wir glauben, dass wir keinen Einfluss haben und wo wir es einfach hinnehmen müssen, wie es kommt und was kommt.

Der erste Tag eines neuen Jahres ist genau genommen zwar ein Tag wie jeder andere auch, gefühlt ist er aber doch etwas Besonderes. Der erste Tag eines neuen Jahres stellt doch eine Art Zäsur dar, wo sich etwas ändert oder ändern kann, weil er als Stichtag genommen wird: Ab heute gilt!

Wer gestern die Zeitung aufgeschlagen hat, der fand auf der ganzen dritten Seite alles, was sich im Jahr 2019 ändern wird. Angefangen von Auslandstelefonaten, die ab Mai billiger werden sollen, bis zum Verpackungsgesetz, das bereits mit dem heutigen Tag in Kraft getreten ist. Merken wird man das wahrscheinlich erst morgen, wenn die Geschäfte öffnen, oder wenn sich die Preise ändern, weil der Gesetzgeber eine höhere Recyclingquote vorschreibt. Die Kosten, die sich dabei ergeben, werden vermutlich an die sogenannten Verbraucher weitergegeben.

Manche dieser Änderungen betreffen nur ganz bestimmte Menschen, andere werden ziemlich viele oder gar alle zu spüren bekommen, etwa die Tatsache, dass es 2019 neue 100 Euro Scheine geben wird, die ein bisschen anders aussehen werden und fälschungssicherer sein sollen.

Es ändert sich etwas oder es bleibt, wie es ist. Bei Veränderungen ist aber nicht nur entscheidend, was sich verändert, sondern auch der Zeitpunkt der Veränderung spielt dabei eine Rolle. Es kann ein zu spät geben, aber auch ein zu früh, wo es keinen Sinn macht oder wo etwas gar nicht möglich ist.

Als die Zeit erfüllt war, so haben wir es in der Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus an die Galater gehört. Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau. Eine Veränderung, die wir jedes Jahr an Weihnachten unverändert feiern. Aber verändert dieses Fest die Menschen? Der Apostel Paulus beschreibt die Veränderung so: Bist Du aber Sohn, dann auch Erbe.

Liebe Schwestern und Brüder, wir sind im Sinne von Paulus Erben. Wir haben etwas geerbt, nämlich zu fragen, wann die Zeit erfüllt ist oder wann es Zeit ist. Wann ist Veränderung angesagt? Das ist gar nicht so leicht festzustellen und doch haben wir Menschen ein feines und manchmal auch ein sicheres Gespür dafür, wann Veränderung angesagt ist.

Im Evangelium haben wir von solchen Menschen und ihrem Gespür gehört. Die Hirten waren es, die sich durch nichts davon abbringen und abhalten ließen, nach Bethlehem zu gehen, weil sie gemerkt haben, da und jetzt beginnt etwas Neues. Und auch Maria, von der es in diesem Abschnitt nur heißt, dass sie alles in ihrem Herzen bewahrte, war so ein Mensch, der ein sicheres Gespür für etwas Neues hatte und die dazu JA gesagt hat. Mit ihrem JA zum Leben hat sie Veränderung zugelassen und auch ermöglicht.

Liebe Schwestern und Brüder, JA zum Leben sagen. So werden sich alle Veränderungen daran messen lassen müssen, ob sie dem Leben dienen, ob sie das Leben fördern, ob sie Leben schützen, ob sie das Leben bewahren, ob sie dazu beitragen, dass sich Leben entfalten kann. Wenn ich auf der einen Seite JA zum Leben sage, dann bedeutet das aber auch, dass ich NEIN sagen muss zu allem, was dem Leben entgegensteht, was ihm widerspricht und was es gefährdet, was es bedroht. Dieses NEIN sagen kann uns Menschen schwer, sehr schwer fallen.

Vielleicht hilft uns, wenn wir uns die richtige Reihenfolge verdeutlichen. Das JA zum Leben steht an erster Stelle,das Nein zu dem, was ihm entgegensteht, an zweiter Stelle, es ist die Konsequenz. Wenn ich weiß, was ich für mein Leben möchte, was für mein Leben gut ist, dann fällt es Menschen leichter auch Konsequenzen dazu anzunehmen.

Liebe Schwestern und Brüder, mit einem JA hat alles begonnen.
Mit einem JA hat unser Heil begonnen.
Kann auch ich mit einem JA dieses Jahr beginnen?
Wie Maria JA sagen zum Unbekannten, das Gott für mich bereithält?
Wie Maria vertrauen, dass Gott mit mir Gutes vorhat?

So wünsche ich uns allen, dass wir in diesem Jahr und zu diesem Jahr unser JA sagen können. JA zum Leben!
Dann kann der Hahn krähen und das Wetter ändert sich oder es bleibt, wie es ist.

Bibelstellen: Gal. 4,4-7 und Lk. 2,16-21

2018

August 2019, Niederscheyern und Scheyern
 
„Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. Wie froh wäre ich, es würde schon brennen!“ Liebe Schwestern und Brüder im Herrn! Mitten in den bayerischen Sommerferien wirken diese Worte fast ein wenige Fehl am Platz: In einer Zeit, in der vieles in der Gesellschaft runterfährt, in der viele eine dringend nötige Erholungspause einlegen, hören wir etwas von Feuer und brennen.
 
Die Kirche ist kein Wellness-Hotel für die Seele. Ich möchte es positiv sehen: Wenn wir mal nicht von ganz so vielen alltäglichen Verpflichtungen gedrängelt werden, dann wird der Raum frei, auf das Wesentliche zu schauen. Wesentlich ist das, was in uns ein Echo auslöst, was das Herz bewegt, was wirklich zählt.
Es kann gut sein, dass dieses dem entgegenläuft, was im gewohnten Trend üblich ist: Heute in dieser Predigt möchte ich uns ermutigen, dafür die Augen zu öffnen und Mut zu bekommen, diese Dinge auch zu benennen und anzugehen. 
 
Vorbild kann uns der Prophet Jeremia sein. 
 
Er traut sich, das Offensichtliche öffentlich anzusprechen. Er sieht die Übermacht, er sieht, dass jetzt noch Zeit ist, auf den Feind zuzugehen und so sein Leben zu retten. Er stellt sich gegen die Etablierten und Mächtigen, die nicht zugeben wollen, dass sie die Situation in eine Sackgasse geführt haben und mit Tempo 100 auf die Mauer am Ende der Sackgasse zufahren. Also ist ein Prophet Jahwes, ein Gottesmann, nicht einer der immer sagt: „Der liebe Gott wird’s schon richten.“ 
Es gibt zwar eine Menge von biblischen Erzählungen, in den durch machtvolles Eingreifen Gottes das Volk gerettet wurde. 
Doch hier hatten sich die Verantwortlichen von Gottes Wegen abgewendet, waren eigene Wege gegangen. – Nun stehen sie vor dem Zusammenbruch den Gott nicht abwenden wird. Das kündigt Jeremia ganz klar an. 
Bevor wir vertiefen, wie es dem Jeremia daraufhin ergangen ist, müssen wir für unsere Zeit fragen: Wo sind wir von Gottes Wegen abgewichen, wo Jahren wir in einer Sackgasse mit Tempo 100 auf die Wand zu?
 
A) Klimawandel. Da ist eine kleine unscheinbare 16 jährige Prophetin die ganz öffentlich Boeing und Airbus in die Suppe spuckt und sagt: „Ich fliege nicht, weil ein einziger Flug meinen ökologischen Fußabdruck auf der Erde für das ganz Jahr ruiniert! Es ist einfach zu schädlich für die Atmosphäre. Ich reise klimaneutral zur N-Generalversammlung nach New York.“ – Das wird den wenigen Aktionären in der Flugbranche nicht gefallen, das ist geschäftsschädigend.
Positiv ausgedrückt: Es geschieht gerade eine öffentlich Umwertung: Wer bisher nach den Ferien erzählt hat: „Wir sind nach xy geflogen.“ konnte sicher sein, dass die Daheimgebliebenen oder die Urlauber in den nahen Berge mit einer gewissen Bewunderung dies angehört haben. Wer jetzt sagt: „Wir sind in Urlaub geflogen“, wird innerlich die Frage mitgehen lassen müssen: „War das nötig? Kann das der normale Lebensstil sein, just for fun so viel Kerosin direkt in die Wolken zu verteilen?“ Die Antwort liegt auf der Hand: In diesem Bereich ist eine Änderung im Denken und Handeln notwendig. Ein Flug muss etwas ganz besonderes sein, eine Ausnahme. Und dann verbunden mit einer Ausgleichsabgabe, die in Umweltprojekte fließt.
 
B) Ich war etwas irritiert, als ich diesen Mittwochabend einen Drink bekam, in dem ein großer, fetter Strohhalm war. Doch der war nicht aus Stroh, und auch nicht aus Plastik, sondern ein edler, fester Glasstrohhalm, der mit den Gläsern in die Spülmaschine gegeben werden kann. Da hat sich innerhalb von einem guten Jahr ganz viel an Bewusstseinsänderung ergeben, die in die konkrete Lebensführung fasst aller Menschen Eingang findet.
 
C) Kirche: Tja, wo sind die prophetischen Kräfte in der Kirche? Die junge Generation war in den 70er Jahren stark und kreativ im Einfordern von Gottesdienstformen, die ihrem Lebensgefühl mehr Raum gaben: E-Gitarre und Schlagzeug bei der Musik oder Gottesdienste in der freien Natur. Statt Monolog bei der Predigt, so wie jetzt gerade , auch mal eine Aktion miteinander. Diese prophetische Kraft der jungen Generation fehlt uns heutzutage in der Kirche weitgehend! – Ich freue mich, dass 13 junge Leute aus unseren Orten gerade jetzt eine Woche im Jugendort Taizé verbringen. Mögen diese wertvolle Impulse mit nach Hause bringen.
 
Von den Studien über die verschiedenen Milieus in der Gesellschaft wissen wir, dass in der Kirche überproportional viele Menschen aus der bürgerlichen Mitte sowie aus dem traditionsverbundenen Milieu präsent sind. Und das sind i.d.R. keine Revoluzzer. Am ehesten kommt eine gewisse prophetische Kraft noch Papst Franziskus mit seinem einfachen Lebensstil und seiner unbedingten Hinwendung zu den Armen und Benachteiligten.
 
Wo könnten Sie denn, wo könnte ich denn, hier vor Ort, herausgefordert sein, neu, anders, vertieft als Kirche
miteinander zu leben?
An dieser Stelle fügte eine jüngere Frau und Mutter uns unserer Gemeinde folgendes hinzu:
„Sich aufraffen, sich engagieren, Kirche aktiv vor Ort mitgestalten! Vor allem Frauen müssen sich organisieren und
erheben, um endlich gleichberechtigt und vollwertig mitbestimmen und mitgestalten zu dürfen! Nicht nur beim Feste feiern und Kuchenbacken, sondern Seite an Seite mit den Männern.“ – Zitatende.
 
D) Damit sind wir bei unserem persönlichen Leben. Wohl dem, der einen Jeremia in der Nähe hat, jemand, welcher sich traut, Offensichtliches auch offen anzusprechen! Denn jeder/jede von uns gerät in Fahrwasser, die der Korrektur oder gar der Umkehr bedürfen. Wenn wirklich einmal jemand uns etwas sagt – in der benediktinischen Tradition nennen wir dies die correctio fraterna, die mitbrüderliche Zurechtweisung – wir reagieren Sie dann? Beleidigt, sauer, ablehnend oder gar vorwurfsvoll? Der arme Jeremia wurde gepackt und in Stricken in ein Erdloch hinuntergelassen. Da saß er, in der leeren Zisterne bis zur Brust im Schlamm. Der König war schwach und gab das sogar zu: „Nun, er ist in eurer Hand; denn der König vermag nichts gegen euch.“
 
Liebe Gläubige,
 
auch unsere Bischöfe sind schwach:
  • sie vermögen nichts gegen die gesellschaftlichen Trends zu unternehmen,
  •  sie können keinen davon abhalten, sich von der Kirche abzuwenden, – sie haben keinen Plan, wie in 20 Jahren überhaupt das Gesicht der Kirche von München-Freising aussehen kann.

Auch wir als Pfarrei sind schwach und sehnen uns nach Wegen, um für die Jüngeren passende Orte der Gottesbeziehung zu finden. In einer solchen Situation ist die Initiative von Einzelnen entscheidend. Bei Jeremia war es ein Ausländer aus dem fernen Äthiopien, der am Hof arbeitete. Er ging zum König und sagte: „Erlaub mir, den Jeremia wieder rauszuziehen, sonst verhungert er da unten.“ JEDER und JEDE von uns wir in seinem Leben immer wieder an einen Punkt kommen, an dem wir spüren: „Wenn ich da jetzt nichts unternehme, wer dann?“ Für JEDEN und JEDE von uns gilt das Wort Jesu: „Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. Wir froh wäre ich, es würde in Dir schon brennen!“
 
 
24. Dezember 2018, Kloster Scheyern

Notlösung

Liebe Schwestern und Brüder!

Wenn wir Menschen von Notlösungen sprechen, dann hat das meistens keinen besonders guten Klang. Oft stehen Situationen und Ereignisse im Hintergrund, wo Menschen an Grenzen gekommen sind, wo sie nicht so recht wissen, wie es weitergehen soll oder weitergehen kann. Notlösungen haben mit Provisorien zu tun, mit Situationen, wo man improvisieren oder überbrücken muss. Es gibt halt im Moment nichts Besseres oder man muss eben das Beste aus einer Situation machen.

Genau heute vor 200 Jahren, so wird es erzählt, haben Menschen an einer Notlösung gebastelt. Der Hilfspfarrer Josef Mohr hatte 1816 ein Weihnachtsgedicht verfasst. Zwei Jahre später hat der Dorfschullehrer und Organist Franz Xaver Gruber eine Melodie dazu geschrieben. Was dabei herauskam und 1818 bei der Christmette in Oberndorf bei Salzburg zum ersten Mal aufgeführt wurde, entwickelte sich zu einem Hit, zu einem Welthit, der von Weihnachten nicht mehr wegzudenken ist oder der für manche Menschen der Inbegriff eines Weihnachtsliedes ist: „Stille Nacht, heilige Nacht!“

Dabei scheint es wirklich eine Notlösung gewesen zu sein, denn es heißt, der Blasebalg der Orgel in Oberndorf sei von Mäusen zerfressen gewesen, so dass sie nicht mehr gespielt werden konnte. „Stille Nacht, Heilige Nacht“ wurde mit Gitarrenbegleitung vorgetragen.

Sind Notlösungen wirklich immer so zweitklassig, wie wir das Wort meistens gebrauchen, weil es halt nichts Besseres gibt oder weil man das Beste aus einer ungünstigen Situation machen muss? Oder sind Notlösungen nicht doch die Lösung überhaupt, weil ganz konkrete Not abgewandt und Gefahren gebannt werden?

„Stille Nacht, heilige Nacht“ bringt es bei aller Romantik, die manche auch für Kitsch halten, doch irgendwie auf den Punkt: Christ der Retter ist da. Die Notlösung ist da. Der Erlöser ist da!

Die Notlösung ist da. Der Erlöser ist da! Vielleicht ist das auch ein Grund dafür, warum diese kurze Form des Weihnachtsgeschehens in dem Lied „Stille Nacht, heilige Nacht“ so einen Siegeszug über die Welt angetreten hat, weil darin das Leben und die Sehnsucht der Menschen nach Leben mit wenigen und einfachen Worten zusammengefasst wird. So ist das Leben der Menschen halt, es gibt manchmal nichts Besseres oder wir müssen das Beste aus einer Situation machen, auch wenn wir es uns noch so sehr anders wünschen.

Das Schwierigste dabei ist oft, dass wir uns das zuerst eingestehen müssen. Wir können nicht alles alleine. Wir brauchen Hilfe, wir brauchen Helfer, wir brauchen Retter für unser Leben, nicht nur in medizinischer, in technischer, in psychologischer und physiologischer Hinsicht. Wir brauchen Hilfe und wir brauchen Retter, um wirklich Mensch zu sein: Das Menschsein will gelernt sein und das geht nicht ohne Helfer.

Die Lebensgeschichte unseres Retters, so wie sie uns der Evangelist Lukas überliefert hat und die genauso zu Weihnachten gehört wie „Stille Nacht, heilige Nacht“, ist eigentlich eine Ansammlung von lauter Notlösungen, weil es nichts Besseres gab, und so mussten Menschen das Beste aus der Situation machen: Der Befehl zur Volkszählung. Was machen wir jetzt? Also gehen wir, es wird schon gehen.

Dann steht die Geburt doch unmittelbar bevor. Kein Platz in der Herberge. Was machen wir jetzt? Der Stall, Hauptsache ein Dach über dem Kopf.

Die abgelegene Gegend, keine Helfer in Reichweite. Was machen wir jetzt? Nur die Hirten, es wird schon klappen.

Der Retter weiß um die Not und die Nöte der Menschen, er weiß es aus ganz eigener Erfahrung, Er hatte ja keinen
glanzvollen Start ins Leben, und auch sein Lebensende war nicht gerade rühmlich. Der Retter weiß auch um unsere ganz persönlichen Nöte, selbst wenn wir alles tun, damit nichts nach außen dringt, wo unsere Schwächen sind, wo meine wunden Punkte sind, die mir wehtun, die mich schmerzen.

Weihnachten ist nicht bloß das Fest der Liebe, sondern es ist auch ein Fest, wo die Not und die Nöte der Menschen zu Tage treten. Das gilt für die materielle Not, die es auch in unserem so reichen Land Deutschland gibt. Das gilt vor allem aber auch für die seelischen Nöte, wo das Alleinsein besonders spürbar ist, wo Beziehungen auf der Kippe stehen oder zerbrochen sind, wo Menschen den Sinn und das Ziel ihres Lebens aus den Augen verloren haben. Wo ein geliebter Mensch nicht mehr da ist, wo sich Menschen einfach nicht oder nicht mehr freuen können oder wollen. Also alles, was für das gelingende und gelungene Menschsein unabdingbar ist, weit über das bloße Auskommen des Menschen hinaus:
Gemeinschaft. Das ICH braucht immer auch ein DU, sonst bin ich irgendeiner und irgendwann ein Nichts.

Als die Güte und Menschenliebe Gottes, unseres Retters, erschien, hat er uns gerettet – nicht weil wir Werke vollbracht hätten, die uns gerecht machen können, sondern aufgrund seines Erbarmens – durch das Bad der Wiedergeburt und der Erneuerung im Heiligen Geist. So schreibt es der Apostel Paulus in seinem Brief an Titus.

Die wahre Notlösung Gottes für uns Menschen: Christ der Retter ist da. Der Erlöser ist, da! Die Notlösung Gottes. Es gibt wirklich nichts Besseres! Er hat das Beste aus unserem und für unser Leben gemach: Mensch sein und immer wieder „nur“ Mensch sein.

Karl Rahner, ein sehr gescheiter Mensch, hat das so formuliert: Gott hat sein letztes, sein tiefstes, sein schönstes Wort in die Welt hineingesagt. Ein Wort, das nicht mehr rückgängig gemacht werden kann.
Und dieses Wort heißt: Ich liebe dich, du Welt und du Mensch.

Ich liebe Dich! Dass Gott uns liebt und dass wir einander lieben können, das zeigen wir uns heute Nacht und in diesen Tagen, aber hoffentlich nicht nur in dieser Nacht. Christ der Retter ist da. Er ist keine bloße Notlösung. Es gibt nichts Besseres als ihn; und mit ihm können wir das Beste aus unserem Leben machen.
15. August 2018, Kloster Scheyern

Mariä Himmelfahrt 2018

Liebe Schwestern und Brüder!

Ein junger Mann setzte sich an einen Flügel und begann zu spielen und zu singen. Er spielte und sang für seine Freundin oder für seine Frau ein Lied voller Liebe. Dann ist etwas geschehen, was ich nicht für möglich gehalten habe. Die Leute blieben stehen oder schauten von ihren Handys auf.

Das, was ich gerade erzählt habe, hat sich gestern vor einer Woche auf dem Flughafen von Palermo ereignet, wo ich im sog. Niemandsland hinter der Sicherheitskontrolle, zusammen mit vielen anderen Menschen, auf meinen Rückflug wartete. An diesem Ort großer Eile und Hektik, aber irgendwie auch der Langeweile, stand einfach ein Flügel. An diesen Flügel setzten sich immer wieder Kinder, die irgendetwas klimperten oder auch andere Menschen, die ein paar Takte spielten. Bis dann dieser junge Mann kam und plötzlich für eine Unterbrechung sorgte mit seinem Lied voller Liebe. Als er zu Ende gespielt und gesungen hatte, brandete Applaus auf und der junge Mann verschwand mit seiner Partnerin im Gewühl der Menschen. Zurück blieben Menschen mit einem irgendwie verzauberten Gesichtsausdruck, denn sie hatten ein Lied voller Liebe gehört.

Ein Lied voller Liebe lässt Menschen innehalten. Ein Lied voller Liebe lässt Menschen aufschauen.

Gerade haben wir den Text eines Liedes gehörte, das zum Lied der Gemeinschaft der Kirche geworden ist, weil es beim
täglichen Abendgebet gesungen wird: Das Magnifikat. Dieses Magnifikat ist ein Lied, das die Komponisten zu jeder Zeit angeregt hat, es zum Klingen zu bringen und eine Melodie dafür zu schreiben. Das Magnifikat ist ein Lied voller Liebe, das Menschen zum Innehalten und zum Aufschauen einlädt.

Maria singt dieses Lied auf einen großen Gott, weil sie etwas empfindet, sie fühlt sich geliebt: Großes ist an mir
geschehen. Auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut: Ich werde Leben auf diese Welt bringen. Ich darf Leben zur Welt bringen. Leben, das die Welt verändern wird.

Als Maria dieses Lied singt, hat sie noch keine Ahnung, wie dieses neue Leben die Welt und ihr eigens Leben verändern wird. Maria erleidet ein Schicksal, das bis heute immer wieder Mütter/Eltern mit ihr teilen müssen, nämlich den eigenen Kindern ins Grab zu schauen. Das ist eine Erfahrung, die die Vorstellungskraft von uns Menschen eigentlich übersteigt und die doch immer Menschen unvorbereitet trifft. Es ist eine Erfahrung, die das sog. Hohelied, ein Lied voller Liebe durch und durch, in der Bibel im 8. Kapitel so beschreibt: Stark wie der Tod ist die Liebe!

Immer am 8. August wird diese Erfahrung in der Nachbarschaft meines Elternhauses besonders spürbar. Es jährt sich der Todestag vom Andreas, der bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen ist. Heuer war es zum 10. Mal. Das ist immer ein ganz besonderer Tag. Es ist ein Tag der Trauer, an dem die Herzen sehr schwer werden, weil das Geschehen von damals immer wieder aufbricht. Es ist aber auch ein Tag der Liebe. Jedes Jahr steht an der Unfallstelle ein Strauß roter Rosen. Und die Eltern, die Gudrun und der Bernhard, leben immer mehr von der Hoffnung, dass sie ihren Sohn wiedersehen werden, dass sie mit ihrem Sohn leben werden.

Liebe Schwestern und Brüder, diese Hoffnung, aus der Menschen bis heute leben und manchmal auch leben müssen, ist der Ursprung des heutigen Festes Mariä Himmelfahrt. Stark wie der Tod ist die Liebe. Diese innige Beziehung, die Maria zu ihrem Sohn Jesus hatte, kann und konnte gar nicht anders, als daran zu glauben, dass Maria nicht im Tod bleiben wird, dass sie einander wiedersehen werden, dass sie miteinander leben werden. Im Tagesgebet zum heutigen Fest heißt es: Gott, du hast die selige Jungfrau Maria, die uns Christus geboren hat, vor aller Sünde bewahrt und sie mit Leib und Seele zur Herrlichkeit des Himmels erhoben.

Mit Leib und Seele ist nicht einfach ein Körper und ein Geist gemeint, sondern mit Leib und Seele ist das Leben in der Gesamtheit, mit allem, was es ausgemacht hat, gemeint. Ein solches Leben kennt nicht nur Sonnenseiten, sondern auch Schattenseiten. Ein solches Leben kennt den Erfolg und den Misserfolg, es kennt die Hoffnung und die Enttäuschung. Ein solches Leben kennt viele Fragen, die noch offengeblieben sind.

Ein Text von Dom Helder Camara fasst die Zwiespältigkeit allen menschlichen Lebens so zusammen:

Ich denke an die Menschen,
die das Ave Maria vergessen haben,
die es für lächerlich halten,
dich anzurufen.
Ich denke an die Menschen, die mit Gleichgültigkeit
und voll Verachtung
auf dein Bild schauen…
Sind sie unglücklich?
Du bist die Mutter der Unglücklichen.
Sind sie Sünder?
Du bist die Zuflucht der Sünder.
Haben sie dem Heil den Rücken gekehrt?
Du bist die Pforte des Himmels.

Meine Seele preist die Größe des Herrn und mein Geist jubelt über Gott meinen Retter. Lasst uns am heutigen Tag dieses Lied voller Liebe singen. Wir halten inne und dürfen aufschauen zu einem Gott, der uns annimmt und aufnimmt, so wie wir sind, denn er ist auch unser Retter!

Bibelstellen: 1. Kor. 15,20-27a und Lk. 1,39-56

_______________

• Pfingsten 2018
Abt Markus Eller OSB
mehr

20. Mai 2018, Kloster Scheyern

Pfingsten 2018

Liebe Schwestern und Brüder!

Sie haben JA gesagt. Mit diesen wenigen Worten wurde und wird ein Ereignis zusammengefasst, das gestern durch die Medien ging und viele Menschen auf der ganzen Welt in den Bann gezogen hat. Ich denke, die meisten wissen, was ich meine: Die Hochzeit von Prinz Harry und Maghan Markle. Viele schöne und farbenfrohe Bilder gingen um die ganze Welt und haben Menschen bezaubert und verzaubert.

Neben den Bildern gab es aber auch einige Worte, die Menschen vielleicht ganz unerwartet getroffen haben. Die Predigt bei der Hochzeit hielt der anglikanische Bischof von Chicago, Michael Curry, der schon allein durch seine begeisterte Art zu predigen, Menschen aufgerüttelt hat. Es war für mich interessant, als ich gestern bei einer langen Autofahrt hörte, wie in den Nachrichten immer wieder ein Ausschnitt aus seiner Predigt zitiert wurde. Anscheinend haben diese Worte auch die Macher bzw. Auswähler der Nachrichten fasziniert, so, dass sie diese für bemerkenswert hielten.

Der Bischof sagte: Wir müssen die Macht der Liebe entdecken, die erlösende Macht der Liebe. Wenn wir das tun, dann
machen wir aus dieser alten Welt eine neue Welt.

Für manche waren das anscheinend ungewöhnliche Worte, wahrscheinlich dadurch, wie sie gesagt wurden, von wem und in
welchem Kontext sie gesprochen wurden. Neu aber sind diese Gedanken eigentlich nicht. Sie sind aber irgendwie in
Vergessenheit geraten und wurden gestern an prominenter Stelle hervorgehoben: Wir müssen die Macht der Liebe entdecken, die erlösende Macht der Liebe. Wenn wir das tun, dann machen wir aus dieser alten Welt eine neue Welt.
Am heutigen Pfingstfest spielt das auch eine Rolle, wird doch um den Geist gebetet und gebeten, der das Gesicht der Erde erneuern soll und kann, der aus einer alten Welt eine neue Welt macht und machen kann. Im heutigen Tagesgebet ist es so formuliert: Und was deine Liebe am Anfang der Kirche gewirkt hat, das wirke sie auch in den Herzen aller, die an dich glauben.

Liebe Schwestern und Brüder, der Geist wird oft beschrieben als Macht und als Kraft. Er wird mit verschiedenen Zeichen in Verbindung gebracht, wie Feuer, Wind und Sturm oder mit der Taube, die dann zur Heilig-Geist-Taube wird. Für mich aber ist der Geist in erster Linie eine Atmosphäre. Eine Atmosphäre kann man nicht unbedingt immer sehen, aber man kann sie sehr wohl spüren.

Von einer ganz bestimmten Atmosphäre haben wir heute im Evangelium gehört. Es war die Atmosphäre am Anfang der Kirche. Es ist eine Atmosphäre, die nicht unbedingt schön und angenehm ist. Es ist eine Atmosphäre, in die Menschen immer wieder geraten. Es ist die Atmosphäre der Angst und der Verzagtheit.
Die Jünger sperren sich ein. Als die Jünger aus Furcht vor den Juden die Türen verschlossen hatten, kam Jesus trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen Friede sei mit Euch. Zweimal muss Jesus das zu den verängstigten Jüngern sagen, dann wandelt sich die Atmosphäre. Obwohl es nicht dasteht, sperren die Jünger die Türen wieder auf. Wenn sie das nicht getan hätten, dann stünden wir heute nicht hier.

Und was deine Liebe am Anfang der Kirche gewirkt hat, das wirke sie auch in den Herzen aller, die an dich glauben. Wenn sich die Atmosphäre ändert oder wandelt, dann finden Menschen wieder zueinander und Menschen finden wieder zu sich. Wenn Sie so wollen, dann könnte man auch sagen, sie haben „JA“ gesagt, weil ein anderer zu ihnen „JA“ gesagt hat: Empfangt den Heiligen Geist.

Überall, wo Menschen Ja sagen können, ja zueinander und zum Miteinander, ändert sich die Atmosphäre, dann wird es eine ganz besondere Atmosphäre.

Gestern nun hat Prinz Harry geheiratet. Ich weiß, er ist schon eine schillernde Figur. Er hat das auch ausgekostet und auch ausgereizt. Ich denke aber, dass es in seiner Lebensgeschichte auch Momente gibt, wo er sich am liebsten
eingesperrt hätte und vielleicht auch eingesperrt hat, weil die Öffentlichkeit gnadenlos sein kann und auf persönliche Gefühle keine Rücksicht nimmt, sondern sie vermarktet. Ich habe vor kurzem gelesen, in einem Interview habe er gesagt, dass er sich seit dem Tod der Mutter abgewöhnt hat, in der Öffentlichkeit zu weinen. Gestern hat er nun in aller Öffentlichkeit JA gesagt, und ich glaube, es ist ihm schwergefallen, seine Gefühle zu verbergen.

Wir müssen die Macht der Liebe entdecken, die erlösende Macht der Liebe. Wenn wir das tun, dann machen wir aus dieser alten Welt eine neue Welt. Diese Worte und die entsprechenden Bilder haben gestern Menschen berührt und ihnen vielleicht auch Mut gemacht, „JA“ zu sagen zu sich und auch anderen Menschen. Das ist die Chance aus einer alten Welt immer ein Stück eine neue Welt zu machen.

Lasst uns miteinander leben,
fröhlich nehmen,
fröhlich geben.
Lasst und gedenken,
lasst uns danken
jetzt und hier.

Heute feiern wird deine Geisteskraft,
die uns stark macht,
die uns schön macht,
die uns gut macht,
die uns klug macht,
die uns Mut macht:
zu beginnen
mit dir.

Denn was deine Liebe am Anfang der Kirche gewirkt hat, das wirke sie auch heute in den Herzen aller, die an dich
glauben. Und das Gesicht der Erde wird neu!

So wünsche ich uns ein bezauberndes und verzauberndes Pfingstfest in einer guten Atmosphäre.

Amen!

Bibelstellen: Apg. 2,1-11 und Joh. 20,19-32
Ostern 2018

Liebe Schwestern und Brüder!

Heute ist ein gefährlicher Tag. Haben Sie es schon bemerkt? Heute ist der 1. April, also ein Tag, an dem sich Menschen auf den Arm nehmen, indem sie einander in den April schicken, wie wir sagen. Wir tischen einander Dinge auf, die nicht wahr oder nur „halbwahr“ sind und wo am Schluss die Auflösung lautet: April, April.

Vielleicht ist Ihnen jetzt ein Licht aufgegangen, weil Sie schon jemand in den April geschickt hat. Oder haben Sie noch einen Aprilscherz in Erinnerung? An eine Sache kann ich mich noch gut erinnern, obwohl sie schon 31 Jahre zurückliegt.

Bis heute weiß ich allerdings nicht, ob es überhaupt ein Aprilscherz war oder nicht. Es war bei der Bundeswehr, als die ganze Kaserne am Morgen des 1. April 1987 auf dem Appellplatz antreten musste, weil sich der General angesagt hatte. Er kam aber nicht! Er kam erst am nächsten Tag, am 2. April! Aprilscherz oder Irrtum? Eigentlich ist es ja auch egal.

Es ist gar nicht so ganz klar, woher dieser Brauch, dass man einander in den April schickt, genau kommt, der in ganz
Europa verbreitet ist. Es gibt verschiedene historische Anhaltspunkte, so wie etwa bei dem oben beschriebenen
Aprilappell oder die Fertigstellung des Berliner Flughafens, wo etwas eben nicht eingetreten ist. Es könnte aber auch damit zu tun haben, dass der 1. April als „Unglückstag“ galt; aber auch ein Zusammenhang mit dem wechselhaften Wetter des April ist nicht auszuschließen.

In diesem Jahr fällt Ostern auf den 1. April. Irgendwie ist es eigenartig und irgendwie auch egal. Auf der anderen Seite tun sich Menschen schon schwer mit der Botschaft des heutigen Tages und der Vergleich mit einem Aprilscherz ist für einige nicht so ganz weit hergeholt.

Der Apostel Paulus macht sich in seinem 1. Brief an die Korinther über das, was wir heute feiern, tiefe und auch sehr ernste Gedanken: Wenn aber Christus nicht auferweckt worden ist, dann ist euer Glaube nutzlos und ihr seid immer noch in euren Sünden und auch die in Christus Entschlafenen sind dann verloren. Wenn wir unsere Hoffnung nur in diesem Leben auf Christus gesetzt haben, sind wir erbärmlicher dran als alle anderen Menschen. Es steht mit dem heutigen Tag und dem, was wir damit verbinden, schon etwas auf dem Spiel.

Für Paulus steht aber eines fest: Nun aber ist Christus von den Toten auferweckt worden! Für Paulus gibt es kein Zurück und kein Dranvorbei. Christus ist von den Toten auferweckt worden! Und deshalb hat er sein Leben radikal verändert.

Der Apostel Paulus ist ein Zeuge der Auferstehung. Er hat etwas erlebt und erfahren, was ihn anders leben ließ, was ihn anders sehen ließ, was ihn anders lieben ließ.

Die Botschaft der Auferstehung ist untrennbar mit solchen Zeugen verbunden, mit Menschen, die etwas erlebt und erfahren haben, dass sie leben und auch sterben konnten und sich von anderen durchaus unterschieden haben.

Im Evangelium haben wir von Maria von Magdala gehört, die etwas erlebt und erfährt, auf dem Friedhof und am Grab, was ihr Leben total verändert hat. Sie ist sozusagen die erste Zeugin der Auferstehung. Diese Reihe der Zeugen der Auferstehung hat sich seitdem bis in unsere Tage fortgesetzt. Vielleicht kennen Sie auch Menschen, wo man sich fragt, warum lebt der so, was gibt ihm dazu die Kraft. Das können auch sehr unscheinbare Menschen sein. An einen Menschen, den viele gekannt haben, möchte ich hier an dieser Stelle kurz erinnern, weil er mich fasziniert hat: Es ist Kardinal Lehmann, der vor drei Wochen verstorben ist. Er war sehr fleißig und sehr humorvoll. Er ließ sich durch Enttäuschungen auch in der Kirche nicht entmutigen. In seinem geistlichen Testament bringt er es auf einen ganz einfachen Nenner: Auf Wiedersehn! So sagt er.

Liebe Schwestern und Brüder, der auferstandene Jesus schickt niemanden in den April, er geht vielmehr mit Menschen „in den April“. Er geht mit den Menschen auch in die Enttäuschungen, ohne sie zu verlachen oder zu verspotten.

Man kann Menschen nur deshalb in den April schicken, weil unser Leben auch immer zu einem Teil aus Sehnsüchten und
Hoffnungen besteht. Menschen sind dann durchaus bereit auch „Unglaubliches“ zu glauben. Das kann auch ausgenutzt,
schamlos ausgenutzt werden. Am Ende steht die Enttäuschung.

Ein guter Aprilscherz ist, wenn man am Ende darüber lachen kann. Das wird aber nicht bei jedem Scherz gelingen und schon gar nicht im Leben. Das Leben der Menschen besteht auch zu einem großen Teil aus tiefen und verletzenden Enttäuschungen, wo Menschen auf der Strecke bleiben oder geblieben sind.

Jesus geht mit den Menschen den Weg der Enttäuschungen. Er geht mit den Menschen den Weg durch die Enttäuschungen. Das zieht sich wie ein roter Faden durch alle Begegnungen mit dem Auferstandenen, die wir in den nächsten Wochen hören werden.

Die größte Enttäuschung für uns Menschen ist es, wenn ich am Ende sagen muss: So das war‘s, und eigentlich war alles
umsonst. Die Botschaft der Auferstehung heißt deshalb auch: Das war‘s nicht einfach und es war schon gar nicht umsonst. Jedes Leben ist kostbar und wertvoll und jedes Leben hinterlässt Spuren, auch wenn niemand mehr darüber spricht.

Das ist nicht eine Umkehrung der Wirklichkeit, sondern eine andere Sicht der Wirklichkeit.

Feiert Ostern, feiert den Auferstandenen, denn das Kreuz ist nicht mehr der Schlüssel, der alles versperrt. Gott hat ihn umgedreht, damit wir offene Türen finden.

Feiert Ostern, feiert den Lebendigen, denn der Tod ist nicht mehr die Furcht vor dem Nichts. Gott hat ihm den Stachel genommen, damit wir volles Leben finden.

Feiert Ostern, feiert den Verklärten, denn die Wunden sind nicht mehr Zeichen der Ohnmacht. Gott hat sie zum Schmuck des Siegers erklärt, damit wir feiern können.

Feiert Ostern, feiert den Sieger, denn das Grab ist nicht mehr die letzte Stätte des Menschen. Gott hat es aufgesprengt, damit wir eine Heimat im Himmel finden.

April, April. Das ist die Auflösung eines Aprilscherzes.

Christus ist auferstanden. Er ist wahrhaft auferstanden! Das ist der Inhalt des Osterfestes, auch wenn es – wie in diesem Jahr – auf den 1. April fällt.
01. April 2018, Kloster Scheyern

Osternacht 2018


Liebe Schwestern und Brüder!

„Pater Wolfgang, kennen Sie das älteste Phantasie-Buch der Welt?“ Diese Frage hat mir vor ein paar Tagen einer unserer Ministranten gestellt. Und es war klar, worauf diese Frage abzielte: Das älteste Phantasiebuch der Welt kann nur die Bibel sein. Warum? Weil in ihr Dinge erzählt werden, die nicht einfach so stattgefunden haben wie sie erzählt werden, die historisch nicht so sicher sind, die nicht einfach greifbar sind – Phantasie halt, also nicht wirklich. Ich mag es, wenn Kinder und Jugendliche sich mit solchen Fragen beschäftigen, wenn sie erkennen, das ist nicht alles so glatt und einfach und wenn sie den Mut haben zu fragen und durchaus ein bisschen zu provozieren. Dann kann man nämlich antworten, etwas erklären und ins Gespräch kommen. Schade ist es allerdings, wenn danach kein wirkliches Gespräch mehr zustande kommt, wenn die neue Erkenntnis dann absolut gesetzt wird, also in dem Fall: Die Bibel erzählt Phantasiegeschichten, das ist alles nicht wahr, und darum war´s das denn wohl auch für mich mit der Bibel und mit meinem Glauben. Schade, wenn man es so abtut, auch darum, weil man Phantasie so nur als „nicht wirklich“ oder „nicht wahr“ übersetzt. Die großen Denker sagen uns viel mehr über Phantasie: Sie sprechen von einer kreativen Fähigkeit des Menschen; Phantasie ist eine sprachliche und logische Leistung; Wer phantasiert, verknüpft Erinnerungen und Vorstellungsbilder, schafft Zusammenhänge; die Phantasie befähigt uns, innere Bilder und damit eine Innenwelt zu erzeugen, Phantasie ist die Voraussetzung für Empathie, die Voraussetzung, sich in andere Menschen hinein zu fühlen; Phantasie ist wichtig für Kreativität und Kunst, für zweckgerichtetes Handeln; Wenn ein Handwerker oder Künstler keine Phantasie hat, keine Vorstellung von dem, was er erschaffen will, dann wird er nichts zustande bringen. Die großen Denker sagen uns, dass Wissenschaft und Erkenntnis ohne Phantasie unmöglich sind. Wir sagen, das war phantastisch, wenn es wirklich großartig war, wenn es unsere Erwartungen übertroffen hat. Und eine Liebeserklärung wird wohl sehr nüchtern und pragmatisch daherkommen, wenn sie nicht eine Prise Phantasie enthält. Natürlich gebrauchen wir das Wort Phantasie auch abwertend im Sinn einer Fiktion oder eines Hirngespinstes und wir wissen, dass Phantasie uns dazu verleiten kann, uns selbst und andere zu täuschen. Aber ohne Phantasie möchte und könnte ich vielleicht gar nicht leben. In diesem Sinn ist die Bibel ein Phantasie-Buch, ein Lebensbuch, und auch das andere stimmt; vieles, was in der Bibel zu finden ist, ist nicht einfach so platt geschehen; sondern es geht um Bilder und Beschreibungen von viel größerer Dichte und Tiefe. Wir haben das heute in den Lesungen gehört; natürlich ist die Erde nicht so in 7 Tagen entstanden, wie es in diesem Schöpfungsbericht erzählt wird, natürlich hat sich das Meer nicht einfach wie durch Zauberei geteilt, aber dass hier ganz tiefe Themen und Fragen behandelt werden, die Frage nämlich, ob diese Erde und wir Menschen zufällig da sind oder gewollt, ob diese Erde wirklich gut ist; dass es um Themen wie Freiheit und Sklaverei geht, dass es schließlich um Leben und Tod geht und auf welcher Seite Gott dabei steht, das müssen wir doch hören und aufnehmen.

Auch bei den Ostererzählungen könnten wir zielgerichtet auf das Phantastische zusteuern und dann sind wir bei dem Engel, dem jungen Mann im weißen Gewand, der den Frauen verkündet: Jesus ist auferstanden. Aber sicher wären wir dann zu schnell, sicher hätten wir dann das Eigentliche verpasst. „Ihr sucht Jesus von Nazaret, den Gekreuzigten.“ Das ist das Eigentliche, die Frauen sind nicht losgezogen, um ein phantastisches Ereignis zu erleben, Nein, sie sind gegangen, um den Menschen zu betrauern, der mit ihnen gelebt hat, den sie verehrt haben, geliebt haben, dem sie nachgezogen waren; Sie wollen trauern und sie wollen diesem Jesus einen Dienst tun, ihn salben, in Würde von ihm Abschied nehmen. Und die wichtigste Frage, die sie bewegt, heißt: Wer könnte uns den Stein vom Grab wegwälzen? Und dieser Stein, da ist sie wieder die Phantasie, ist wie ein äußeres Bild für das, was diese Frauen durchgemacht haben in der letzten Zeit. Sie haben erlebt, was für ein großartiger Mensch dieser Jesus war, was er ihnen gesagt hatte, wie er gelebt hatte, das stimmte einfach, das war echt und wahrhaftig. Und sie haben gemerkt, wie die Erwartungen gewachsen sind bei den einen, sie wollten aus Jesus den machen, der er nicht sein wollte; und wie der Hass gewachsen ist bei den andern; kluge Dinge wurden da gesagt: „Er wiegelt das Volk auf, das kann nicht gut sein“, oder fromme Dinge: „er lästert Gott“ oder „er hält sich nicht an die Gebote.“ Neid war es, weil dieser Jesus geliebt wurde; und Eifersucht, weil er sich nicht für irgendwelche Zwecke vereinnahmen ließ. All das haben die Frauen gesehen und mit durchlitten und konnten nicht helfen, sie waren viel zu schwach, gegen so viel Lügen, soviel Macht und Gottlosigkeit, sie haben Jesus das Kreuz tragen sehen und da ist sie wieder die Phantasie, sie haben gewusst, das war ihr Kreuz, ihre Ohnmacht, ihr Leid, es war ihre Welt, die da wieder einmal durchkreuzt wurde, ihre Hoffnung, die zu Grabe getragen wurde. Sie hatten Jesus das Kreuz tragen sehen; sie haben mitgetragen, sie hatten ihn sterben sehen, hatten keine Zeit gehabt zu einer Verabschiedung, wieviel Zeit hätten sie auch gebraucht für so viel Trauer – Tage, Monate, Jahre? Nein, alles musste schnell gehen, der Sabbat musste gehalten werden, der Tag des Herrn, alles hatte stattzufinden wie immer, das Leben geht schließlich weiter und die Zeit heilt bekanntlich alle Wunden. Die Frauen haben gewusst dass das nicht stimmt, dass diese Trauer bleiben wird, diese Enttäuschung und wenn es noch so viel Unrecht in der Welt geben würde, noch so viel Leid, noch so viel Krieg – hier war ihr persönliches Kreuz, an dem sie selbst weiterleiden würden, vielleicht zerbrechen würden.

Das ist die Situation dieser Frauen am Ostermorgen, und wir sollten diese Situation sehr intensiv wahrnehmen. Wir leben hier in Scheyern mit einer ganz besonderen Beziehung zum Kreuz Jesu. Und es ist am Ende nicht die entscheidende Frage, ob dieses Kreuz wirklich echt ist, ob es das Kreuz ist, an dem Jesus gestorben ist, sondern es ist die entscheidende Frage für uns als glaubende Menschen, ob wir etwas vom Kreuz wissen, vom Kreuz Jesu und vom Kreuz der Menschen damals und heute und von unserm eigenen Kreuz. Und wenn wir etwas wissen vom Kreuz, dann dürfen und dann werden wir auch die Botschaft am Grab anders hören: „Erschreckt nicht, Ihr sucht Jesus von Nazaret den Gekreuzigten, er ist auferstanden.“ Wenn wir etwas vom Kreuz wissen, dann werden wir diese Botschaft anders hören und dann werden wir schon aufmerksam, immer dann, wenn wir merken, da ist ein großer Stein weg gerollt, immer dann, wenn eine festgefahrene Situation doch irgendwie und vielleicht gut weitergeht; Wenn wir, wie diese Frauen, etwas vom Kreuz wissen, dann werden wir nach der Botschaft am Grab dran bleiben, dann werden wir diesen Auferstandenen suchen, in Galiläa, in Scheyern und in anderen Orten, in unseren Familien und Beziehungen Wenn wir etwas vom Kreuz und von der Auferstehung erfahren haben, dann werden wir diese Botschaft glauben können, auch als Hoffnung am Ende unseres Lebens, dann werden wir hoffentlich dem Gekreuzigten und Auferstandenen begegnen und es wird phantastisch sein und alle unsere Erwartungen übertreffen.

Liebe Schwestern und Brüder, in einer Karfreitagspredigt habe ich dieser Tage den Satz gelesen: Die Leidensgeschichte wurde geschrieben, damit die Wahrheit ans Licht kommt – die Wahrheit, die uns befreit. Ich möchte hinzufügen: Auch die Ostererzählungen wurden geschrieben, damit die Wahrheit ans Licht kommt und damit diese Wahrheit uns leuchtet und die Wege durch unser Leben hell macht.

Amen.

Bibelstellen: Mk. 16,1-7
4. Fastensonntag, 18. März 2018

Gerechtigkeit – Recht haben oder recht sein

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn,liebe Scheyrer Pfarrgemeinde,

ein politisches Dauerthema und im politischen Programm aller Gruppierungen enthalten ist das Stichwort
„Bürokratieabbau“. Menschen, Organisationen und sogar Staaten leiden unter der wachsenden Bürokratie und die Flut der Vorschriften ist für viele nicht einmal mehr zu überblicken. Die einen leiden unter der stetig wachsenden Bürokratie, der zunehmenden Flut an Vorschriften und Forderung, weil sie das alles ja irgendwie erfüllen müssen, die anderen, weil sie gefordert sind, alles zu kontrollieren. Erst im Februar letzten Jahres hat unsere bayerische Staatsregierung einen Beauftragten für Bürokratieabbau ernannt. Doch ob damit der Regulierungsflut in unserem Land, in unserer Gesellschaft eine Grenze gesetzt wurde, kann zumindest bezweifelt werden.

Doch was steckt hinter aller Bürokratie, hinter aller Flut an Gesetzen, Verordnungen und Vorschriften?

Letztlich die Sehnsucht, aber auch die Erwartung von uns Bürgern, dass alles gerecht geregelt sein soll, dass es keine Schlupflöcher in der staatlichen Gesetzgebung geben darf und wo solche auftauchen, diese schnellstmöglich geschlossen werden, dass der Staat ein Gemeinwesen bildet und ermöglicht, in dem alle die gleichen Chancen haben sollen. Kurz gesagt: „gerecht“ soll es sein bei uns.

Doch da stellt sich schon die nächste Frage: Was ist gerecht?

Aus dem Gesagten, kann schon auf die Meinung der breiten Öffentlichkeit geschlossen werden. Gerechtigkeit hat mit
Gleichheit und Gleichbehandlung zu tun. Und das ist zweifellos richtig: Für Gerechtigkeit gilt nun mal, dass Gleiches gleich, Ungleiches aber eben ungleich behandelt werden muss. Doch wer oder was besagt, dass Gleiches wirklich gleich ist?

Neigen wir nicht in unserer Gesellschaft der wachsenden Individualisierung dazu, dass eben jeder Einzelfall anders, weil jeder Mensch anders ist?

Bleibt so also nichts anderes übrig, als jeden nur denkbaren Einzelfall zu regeln – also ein fröhliches Weiterso im
Aufbau neuer bürokratischen Vorschriften im Paragraphendschungel.

Dieses Dilemma ist nicht neu und so finden wir bereits in der klassischen Antike im Zusammenhang mit einem Nachdenken, was denn wirklich Gerechtigkeit sei, den Ausspruch „suum cuique“ – „Jedem das seine“. Angestrebt wird dadurch jedem Menschen in seinen Bedürfnissen gerecht zu werden. Das bedeutet nicht, dass jeder das gleiche haben und sein muss, sondern dahinter steht der Wunsch, dass jeder das für ihn Notwendige haben soll. Pervertiert wurde dieser überaus positive Denkansatz übrigens von den Nationalsozialisten, die diesen Spruch „Jedem das seine“ auf der Innenseite des Tores im KZ Buchenwald anbringen haben lassen. Vergessen hat dieses menschenverachtende Regime, dass bereits mit dem wachsen der Bedeutung der einzelnen Person im beginnenden Humanismus vor rund 500 Jahren, die Forderung nach Gerechtigkeit immer im Zusammenhang mit der dazu nötigen Freiheit des Einzelmenschen gesehen wurde.

„Suum cuique“ – „Jedem das seine“ – „Jeder das ihre“ ein durchaus berechtigter Anspruch an Gerechtigkeit, gerade im
Blick auf die Verteilergerechtigkeit, wo manche nicht das Notwendigste zu Leben und andere im Überfluss schwelgen.
(Gerade heute wo wir im Rahmen der Miseriorkollekte zum Teilen mit unseren Mitmenschen in Schwarzafrika aufgerufen sind, mag uns das eine Herausforderung sein) „Suum cuique“ ein Ansatz für eine gerechtere Welt, doch – bereits für die Denke des Mittelalters – eine in der alltäglichen Wirklichkeit nicht zu erfüllende Forderung, da eine Festlegung auf das wirklich Notwendige, kaum leistbar erscheint.

So setzte sich schon im Mittelalter der Ansatz durch, dass „Gerechtigkeit“ letztlich keine menschliche, keine irdische, sondern eine göttliche Tugend sei.

Ohne Ihnen, liebe Schwestern und Brüder, das Nachdenken der dazwischenliegenden Jahrhunderte vorenthalten zu
wollen, bringt doch ein solcher Ansatz, nicht eine Ausflucht in Untätigkeit und ein Denken, dass man ja doch nichts tun kann, sondern vielmehr deutlich religiöse Vorstellungen mit ins Spiel: Gerechtigkeit bleibt zu erstreben, doch wahre Gerechtigkeit gibt es nicht auf Erden, sondern die kann nur Gott schenken.

Und wirklich – bereits zu den Urerfahrungen des Gottesvolkes Israel gehört, dass Gott nicht einfach gleich handelt,
sondern – wie in der ausgewählten Lesung aus dem Buch Exodus gehört – einen Unterschied macht. Und wenn da dann auch noch gilt, dass Gott nicht auf das Äußere schaut, sondern auf das Herz (vgl. 1. Sam 16,7), wenn vor Gott die inneren Beweggründe zählen, dann finden wir hier wirklich den Ansatz wahrer Gerechtigkeit, dann geht es plötzlich nicht mehr um „Recht haben“, sondern um „recht sein“.

Diese wahre Gerechtigkeit beginnt nach Jesu Worten im heutigen Evangelium zwar schon „jetzt“, doch die damit verbundene Erwartung wird sich, wie es sich etwa in der großen Weltgerichtsrede des Evangelisten Matthäus (Mt 25) gezeigt, erst in der jenseitigen Welt vollenden. Und in diesem Zusammenhang ist es gut darauf zu vertrauen und darum zu wissen, dass „Gerechtigkeit“ zwar eine Kategorie göttlichen Handelns ist und bleibt, aber dass für Gott darüber hinaus – wie es Jesus nicht müde wird in wunderbaren Bildworten, wie etwa dem des barmherzigen Vaters (vgl. Lk 15) zu betonen – Barmherzigkeit das Wesen Gottes entscheidend ausmacht.

Nun sei – zumindest am Rande – auch auf die durchaus zurückhaltende Haltung Jesu gegenüber der Gesetzesfrömmigkeit
seiner Zeit hingewiesen. Im geht es ja nicht um äußere Vorschriften, sondern um das „Erfüllen“ (vgl. Mt 5,17).

Hier könnte nun doch die Brücke zurück in unsere heutige Welt mit ihren täglichen Aufgaben und Herausforderungen zu
finden sein. Vielleicht müssen auch wir wieder mehr lernen, auf den Geist, auf die Absicht hinter so manchen
gesetzlichen Regelungen zu achten. Gerade das könnte dann so mache bürokratische Vorschrift, eben ein wenn dann und dies in folgendem Zusammenhang, unter Berücksichtigung dieses und jenes in Anbetracht diverser weiterer Bedingungen …, ersparen.

Dies bedingt dann freilich, dass wir Menschen und dass unser Gemeinwesen wieder mehr auf Herzensbildung, denn auf
allerlei verschriftlichte Vorschriften und Regelungen setzt.

Vielleicht finden sich in unserer Hauskapelle mitten im Wohnbereich unserer Klostergemeinschaft nicht umsonst im Stuck der Decke die vier klassischen Kardinaltugenden geformt: Neben der Gerechtigkeit, die Klugheit, die Tapferkeit und die Mäßigung.

Wenn wir in den vergangenen Sonntagen der Fastenzeit darüber nachgedacht haben, möge es uns allen zum Segen und ein
Ansporn dafür sein worum es wirklich geht: nicht Recht haben, sondern recht sein; nicht einfach voller Wissen, sondern klug handeln; in der Tapferkeit immer auch Sieger und Verlierer wissen und in allem, wie es gerade der Hl. Benedikt fordert, im rechten Maß handeln.

Amen.

Bibelstellen: Ex. 11,1;7-8 und Joh. 12,20-33
3. Fastensonntag, 11. März 2018, Kloster Scheyern

Klugheit – Praxis oder Wissen

„Quidquid agis, prudenter agas et respice finem“ – „Was du auch tust, tue es klug und achte auf den Ausgang“.
Das vielzitierte lateinische Sprichwort, eine Anleitung zum klugen, weitsichtigen Handeln stelle ich an den Anfang
meiner Fastenpredigt zum Thema „Klugheit“.

1. Im Katalog der vier Kardinaltugenden hat die Klugheit eine Vorrang- und Leitstellung inne. Sie gilt in der antiken Philosophie als „Wagenlenkerin der Tugenden“ (auriga virtutum), als Steuerungsprinzip der anderen Tugenden, als die von der menschlichen Vernunft bestimmte Ursache allen sittlichen Handelns. Klugheit definiert die griechische Philosophie als die Fähigkeit des Menschen, mit seinem Verstand Gutes vom Böses zu unterscheiden. 2Sokrates formuliert ganz optimistisch: „Wer etwas als gut erkennt, wird dies daher auch tun“. Sein Schüler Platon bestimmt daher die Klugheit als „Wissen vom Guten und Bösen, das notwendig zu richtigem Handeln führt“ (Protag. 352c).

Klugheit im Sinn der klassischen Antike ist daher immer „Wissen und Praxis“, Wissen, das in sittliches Handeln übergeht. Nie steht Klugheit und Wissen für sich, nie ist Wissen oder Wissenserwerb Selbstzweck, nie ist Wissen und Praxis ein Gegensatz oder eine Alternative, wie es der Untertitel meines Themas zu unterstellen scheint; Wissen und Praxis bilden eine feste Einheit. Man erwirbt sich Wissen, um klug zu handeln.

Aristoteles nennt die Klugheit die „praktische Verstandestugend“ (Nikom. Eth. 2,2.6) und kennzeichnet sie als die
intellektuelle Fähigkeit des Menschen, die Ziele für das richtige Handeln sowie die Mittel zu ihrer Verfolgung zu
erfassen und festzulegen.

Mit dieser Verstandestugend der Klugheit gestalten wir Menschen im idealen Sinn sowohl unser individuell-persönliches Leben als auch unser gesellschaftlich politisches Leben. Dies ist der Bereich der praktischen Lebens- oder Alltagsklugheit: Sie befähigt uns, mit gesundem Menschenverstand uns in der Welt zurechtzufinden und uns durchzusetzen.

Zu solcher praxisorientierten Klugheit gehören Haltungen wie Voraussicht, Findigkeit, Scharfsinn, Erfolgsorientiertheit. Die Grenzen zum Negativen sind dabei durchaus fließend, denn schnell paart sich solche Lebensklugheit mit Gerissenheit, Schlauheit, Raffinesse, mit allem, was wir mit dem engl. „cleverness“ umschreiben. Aber insgesamt ist die antike philosophische Tugendlehre optimistisch ausgerichtet. Sie ist überzeugt, dass die Aufgabe der Lebensbewältigung vom Verstand und seiner Unterscheidungsgabe gelöst werden kann. Klugheit wird daher auch zur deutlichsten Ausdrucksform der sittlichen Autonomie, der moralischen Selbstbestimmtheit des Menschen aufgrund seiner Vernunft.

2. Wesentlich skeptischer bewertet die Bibel, v.a. das Alte Testament die menschliche Klugheit und die Fähigkeit des Menschen, allein mit Erkenntnis und Verstand das Rechte zu tun. Biblische Texte sehen realistisch, durchaus wirklichkeitsbezogen, die Grenzen menschlichen Erkenntnisvermögens und betonen immer wieder die Ambivalenz und Doppelbödigkeit aller menschlichen Handlungen und Entscheidungen.

2.1 Am deutlichsten wird diese biblische Skepsis an der menschlichen Klugheit in der Paradieses- und Sündenfallgeschichte spürbar, aus der wir in der 1. Lesung hörten: Die Schlange als klügstes der Tiere verspricht der Frau im Paradies drei intellektuelle Fähigkeiten: „Das Aufgehen der Augen“ (=Erkennen), die Unterscheidungsfähigkeit zwischen „Gut und Böse“, und das „Sein wie Gott“, einen gottgleichen Status. Doch nach der Übertretung des göttlichen Gebots, nach dem Essen von der verbotenen Frucht erkennt das Menschenpaar lediglich, dass es nackt und ungeschützt ist und des göttlichen Schutzes bedarf. Der Erzähler hat damit ein Eingeständnis der Gebrochenheit und Zwiespältigkeit menschlicher Verstandesfähigkeit abgelegt und damit realistisch bekundet, dass die menschliche Entscheidungsfreiheit auch zu falschen und schädlichen Entscheidungen führen kann – der Preis des freien, vom Verstand gelenkten Willens des Menschen.

Wer könnte diese auch von der Bibel mitgeteilte Erfahrung besser nachvollziehen als wir Menschen des technischen
Zeitalters. Denn alle modernen Leistungen und Erfolge menschlicher Klugheit entwickeln neben ihren großen Vorteilen und Errungenschaften auch gefährliche Potentiale für Mensch und Umwelt: Ich nenne nur drei Beispiele: Die Spaltung es Atomkerns, alle Errungenschaften der technischen Mobilität, die Chancen und Gefahren des Internet.
Zurück zur Klugheit in der Bibel: Wenn die alttestamentliche Weisheitsliteratur menschliche Klugheit häufig rühmt und sie in Kontrast zur Torheit setzt, dann nur, weil Klugheit Gabe Gottes ist und bloß einen Anteil an der göttlichen Weisheit darstellt. Nur aus dem Glauben an Gott und im Annehmen seiner Gebote kann der Mensch Klugheit und Weisheit erreichen und das Gute tun. Programmtisch ist diese Auffassung im Psalmenwort formuliert: „Der Anfang aller Weisheit ist die Gottesfurcht“ (Ps 111,10).

2.2 Da kommt das Urteil des heutigen Evangeliums überraschend: Jesus rühmt die Klugheit des ungerechten Verwalters und stellt seine Gerissenheit, sogar seine krummen Touren als Vorbild hin. Jesus vermisst solche Klugheit bei den „Kindern des Lichts“, findet sie aber bei den „Kindern dieser Welt“. Bei ihnen können seine wohl oft zu naiven Jünger, später die zu naiven Glieder der christlichen Gemeinde mehr Gerissenheit, Voraussicht, Zukunftsplanung und Weitsicht lernen. Und diese Weltklugheit hält Jesus für alle nötig, die zum Reich Gottes gehören wollen. Denn dieses Reich der Zukunft, diese ersehnte neue menschliche Gesellschaft braucht Menschen mit Weitsicht und Perspektive, Menschen, die über den eigenen Horizont hinausschauen können, die nicht nur an das Heute denken, sondern gezielt auch die Eventualitäten der Zukunft einplanen. Auch das gehört zur Klugheit im biblischen Sinn. Und da dürfen wir Christen bei der so viel geschmähten Welt und ihrem Handeln in die Schule gehen: „Seid klug wie Schlangen…“, ist auch ein Rat Jesu (Mt 10,16).

So verweisen uns die für den heutigen Sonntag gewählten Bibeltexte sowohl auf die Grenzen als auch auf die Chancen der Klugheit, des vom Verstand gelenkten Handelns des Menschen.

3. Wie wir Klugheit konkret leben und in kluges Handeln umsetzen können, dafür entnehme ich Anregungen aus der Kunst. Sie liebt es, die vier Kardinaltugenden als personifizierte Allegorien darzustellen, meist als große, schöne
Frauenfiguren, die typische Attribute in Händen halten. Solche auffälligen Tugendallegorien finden sich vielfach in
unseren Kirchen, gerade wenn sie vom Barock geprägt sind (wie die Deckengemälde in Ottobeuren und Niederaltaich); dabei werden die vier Kardinaltugenden gerne mit den drei göttlichen Tugenden (Glaube, Hoffnung, Liebe) verbunden, so dass im Tugendkatalog die heilige Siebenzahl erreicht ist.

Bei solchen allegorischen Figuren der Tugenden trägt die „Klugheit“ dreierlei Attribute: Ein Buch, einen Spiegel, einen Kopf, der mit zwei Gesichtern nach zwei Seiten schaut. Diesen drei Attributen möchte ich Anregungen für unser Leben und Handeln in Klugheit entnehmen:

-Das Buch: Es steht für die Notwendigkeit des stetigen Erkenntniszuwachses, im Dienst der immer gebotenen
intellektuellen Horizonterweiterung. Man kann nie genug wissen, man lernt ein Leben lang und erhält sich im lernenden Lesen die Fähigkeit des Staunens über die Fülle des Weltwissens. Natürlich mehren wir unser Wissen vor allem deshalb, damit wir wohlinformiert und besser begründet in Klugheit handeln und entscheiden können.

-Der Spiegel: In der Hand der „Frau Klugheit“ steht er für die Selbsterkenntnis, die erste Voraussetzung für kluges
Handeln. Selbsterkenntnis bewahrt uns davor, uns zu übernehmen, über unsere Möglichkeiten zu gehen, mehr in Angriff zu nehmen, als wir vermögen. Selbsterkenntnis lässt uns im Rahmen unserer Grenzen und Möglichkeiten handeln. Die Aufforderung Gnothi seauton, nosce te ipsum stand als Motto und Leitsatz auf einer Säule in der Vorhalle des Apollotempels in Delphi; es soll der Orakelspruch für einen König gewesen sein, der anfragte, was die Menschen als
erstes lernen sollten. Sich selber richtig einzuschätzen, was wir im Rahmen unserer Möglichkeiten leisten können, ist eine wesentliche Voraussetzung für kluges Handeln.

– Der doppelgesichtige Kopf in der Hand der „Frau Klugheit“ ist der Hinweis auf den römischen Gott Janus. Als Gott der Türen und Tore, der Schwellen und Übergänge schaut er nach zwei Seiten: Nach vorne und zurück, in den bisherigen Raum und in einen neuen, in die Vergangenheit und die Zukunft. Mit diesem Attribut gehört zur Klugheit auch der Mut, bisherige Räume zu verlassen, um neue zu betreten und zu erschließen. Dabei ist die Prägung der alten, bisherigen Räume immer mit dabei. Der Januskopf bei der Klugheit kann auch zeitlich gedeutet werden. Klug handeln heißt: Vorausschauen und Zurückschauen. Die Vergangenheit und Geschichte, die uns geprägt haben, dürfen bei unserem Handeln und Entscheiden in die Zukunft hinein nie vergessen werden; sie helfen uns, aus der bisherigen Erfahrung die Zukunft zu gestalten und einmal gemachte Fehler nicht wieder zu begehen. Klughandeln ist wie der Januskopf immer nach beiden Seiten gerichtet: Das Lernen aus der Vergangenheit hilft uns, Zukunft zu gestalten. Was hinter uns liegt, ragt in das Vor-uns-Liegende hinein.

So können uns die reichen und vielfachen Deutungen der „Klugheit“ in Philosophie, Bibel und Kunst anregen und uns
helfen, selber klug zu entscheiden und klug zu handeln. „Quidquid agis, prudenter agas et respice finem“ – „Was du auch tust, tue es klug und achte auf den Ausgang“.

Bibelstellen: Gen. 3,1-7; Eph. 6,13-20; Lk. 16,1-8
2. Fastensonntag, 4. März 2018, Kloster Scheyern

Tapferkeit – Verlierer oder Sieger
Liebe Schwestern und Brüder!

Für unsere Fastenpredigten haben wir uns die Betrachtung der vier Kardinaltugenden vorgenommen. In der vergangenen Woche ging es um die Frage, was sind Kardinaltugenden überhaupt, was meint das Wort und welche Bedeutung können sie für uns haben, und dann ging es um eine solche Tugend: Das Maß. Heute beschäftigt uns ein anderes Wort bzw. eine andere Tugend: Die Tapferkeit. Als ich dieses Thema übernommen habe, musste ich mir zuallererst eingestehen, dass die Vokabel Tapferkeit oder tapfer sein, eigentlich gar nicht zu meinem Wortschatz gehört. Ich kann mich nicht erinnern, einmal zu jemandem gesagt zu haben, das war aber tapfer oder mich selbst so gefühlt zu haben. Tapfer – das Wort selbst erinnert mich zunächst an meine Kindheit, beim Zahnarzt hatte ich viel zu leiden, und der Zahnarzt war ein alter Mann, er hat wohl auch schon mal gesagt, dass ich tapfer gewesen sei, allerdings nicht oft. Ein Wort, das irgendwie mit der Tapferkeit zusammenhängt, und das ich wohl auch verwende, ist das Wort Mut. Und es klingt auch durchaus attraktiver. Ja mutig, das möchte ich schon sein, tapfer – das Wort spricht mich nicht so an.

Bei Wikipedia finde ich eine hilfreiche Erklärung zur Tapferkeit, auch zur Unterscheidung zwischen Tapferkeit und Mut, da heißt es: „Tapferkeit ist die Fähigkeit, in einer schwierigen, mit Nachteilen verbundenen, Situation trotz Rückschlägen durchzuhalten. Sie setzt Leidensfähigkeit voraus und ist meist mit der Überzeugung verbunden, für übergeordnete Werte zu kämpfen. Der Tapfere ist bereit, ohne Garantie für die eigene Unversehrtheit einen Konflikt durchzustehen oder einer Gefahr zu begegnen. Oft – aber nicht notwendigerweise – will er damit einen glücklichen Ausgang herbeiführen. Im heutigen Sprachgebrauch werden „Mut und Tapferkeit“ bisweilen auch als Begriffspaar verwendet, um zwei verschiedene Aspekte einer komplexen Charaktereinstellung zu kennzeichnen.“

Eine schwierige Situation, Nachteile, Rückschläge, Leidensfähigkeit – ich spüre, warum dieses Wort mich nicht so sehr begeistert. Tapferkeit und Mut werden aber auch hier durchaus zusammen genannt, sie sind zwei Aspekte, zwei Seiten einer Wirklichkeit, und hier kommt unsere Unterüberschrift ins Spiel: Sieger oder Verlierer. Tapferkeit ist nicht so sehr der Wagemut, der nach vorne drängt, der offensiv ist, der Erfolg will, der gewinnen will; Tapferkeit ist viel eher der Mut, der auch dann noch bleibt und wirkt, wenn es gar nicht mehr nur ums Gewinnen geht; Tapferkeit kennt Rückschläge, Widerstände, Erfolglosigkeit, und ist der Mut und die Kraft, genau in solch entsprechenden Situationen durchzuhalten, weiterzumachen, dabei zu bleiben, nicht davon zu laufen, übergeordnete Werte zu haben und dafür einzustehen. Ein tapferer Mensch ist niemand, der sein Mäntelchen nach dem Wind dreht, sondern ein Mensch der Tiefe, der seine Überzeugungen hat und für sie einsteht, auch dann noch, wenn es schwierig wird. Der Tapfere ist nicht einfach der Verlierer, aber er kennt die Situation, die nach Verlieren und Verlust aussieht, er kennt die Situationen, in denen alles nach Scheitern und Misserfolg aussieht. Er weiß, und jetzt bin ich wieder bei meiner Zahnarzterfahrung, dass viel gebohrt werden muss und viel auszuhalten, aber, um zu retten, was noch zu retten ist. Das ist Tapferkeit.

Es wird in diesen Tagen oft an den Widerstand der „Weißen Rose“ erinnert, weil es in diesem Jahr genau 75 Jahre her ist, seit der Vollstreckung der Todesurteile an den jungen Menschen. Sie kennen die Geschwister Hans und Sophie Scholl, Christoph Probst und die weniger oft genannten Willi Graf und Alexander Schmorell, die einige Monate später hingerichtet wurden. Diese Menschen waren allesamt keine strahlenden Sieger, sie waren eher Verlierer, sie haben alles verloren, ihr Leben, aber sie waren, das kann man zunächst auch mit Wikipedia sagen: Sie waren tapfere Menschen: Der Tapfere ist bereit, ohne Garantie für die eigene Unversehrtheit einen Konflikt durchzustehen oder einer Gefahr zu begegnen. Er ist überzeugt, für übergeordnete Werte zu kämpfen.

Und wenn wir an diese Menschen denken, können wir hier auch durchaus die Frage stellen, was hat sie dahin geführt, ein Unrechtsregime als solches zu erkennen, und sich unter Lebensgefahr, diesem System zu widersetzen.
Es gibt sehr unterschiedliche Zugänge zu diesen tapferen Menschen, und auch in der sozialistischen DDR gab es in jeder größeren Stadt, eine Straße, die nach den Geschwistern Scholl benannt war. Bei der Namensgebung hatte man sicher nicht ihre christliche Überzeugung im Blick. Aber, so kann man es heute sagen, es lässt sich nicht übersehen, dass das Engagement dieser Menschen, ihr Eintreten für die Wahrheit und für die Menschen gar nicht zu denken ist, ohne diese tiefe Überzeugung. Hans Scholl hatte im Advent 1941, ein halbes Jahr, bevor er im Sommer 1942 die ersten Flugblätter der Weißen Rose verfasste eine einschneidende religiöse Erfahrung gemacht. Darüber schreibt er in einem Brief: „Ich bin erfüllt von Freude, zum ersten Mal in meinem Leben Weihnachten eigentlich und in klarer Überzeugung christlich zu feiern…Ich hörte den Namen des Herrn und vernahm ihn.“ Von Sophie Scholl wissen wir, dass sie eine intensive Beterin war, eine junge Frau, die sich mit den „Bekenntnissen“ des Augustinus auseinandergesetzt hat. In einem Tagebucheintrag vom Sommer 1942 schreibt sie: „Wie ein dürrer Sand ist meine Seele, wenn ich zu Dir beten möchte, nichts anderes fühlend als ihre eigene Unfruchtbarkeit. Mein Gott, verwandle Du diesen Boden in eine gute Erde, …lass die Sehnsucht wachsen nach Dir, ihrem Schöpfer….Ich bin ohnmächtig, nimm Dich meiner an und tue mit mir nach deinem guten Willen.“ Im Abschiedsbrief von Christoph Probst an seine Mutter heißt es: „ …ich danke Dir, dass Du mir das Leben gegeben hast; wenn ich es recht überblicke, so war es ein einziger Weg zu Gott.“ Und fast humorvoll: „Trauert nicht so lange um mich, das würde mir in der Ewigkeit Schmerz bereiten.“ Und dann „Eben erfahre ich, dass ich noch eine Stunde Zeit habe. Ich werde jetzt die heilige Taufe und die heilige Kommunion empfangen. Wenn ich keinen Brief mehr schreiben kann, grüße alle Lieben von mir…Sag ihnen, dass mein Sterben leicht war.“ Im letzten Brief von Alexander Schmorell ist zu lesen: „In wenigen Stunden werde ich im besseren Leben sein, bei meiner Mutter, und ich werde euch nicht vergessen, werde Gott um Trost und Ruhe für euch bitten. Und werde auf Euch warten. Eines vor allem lege ich Euch ans Herz: Vergesst Gott nicht!!!“ Und als Willi Graf, schon zum Tode verurteilt, erfährt, dass seine Schwester in eine Glaubenskrise gerät, schreibt er ihr: „Ich möchte Dir so gerne helfen, nicht etwa, um zu missionieren, sondern um zu wissen, dass dein Kummer
geringer wird und die Klarheit größter… Oft musst Du im Neuen Testament lesen und jeden Satz einzeln überdenken und Dich
fragen, was wohl damit gemeint ist…“
Die Tapferkeit dieser Menschen hat mit Gott zu tun, und ganz bestimmt ist es nicht übertrieben zu sagen: Wo immer
Menschen in solch einer Tapferkeit für die Wahrheit einstehen, für Gerechtigkeit, für den Menschen und gegen jede
Verkürzung des Menschen, wo immer Menschen sich um Tiefe und Verantwortung bemühen, um Redlichkeit, wo sie etwas
aushalten, erdulden um eines höheren Wertes willen und nicht nur für einen einfachen und billigen Lohn, dort immer haben sie es mit Gott zu tun, ob sie es wissen oder nicht, ob sie es glauben oder nicht, ob sie es wahrhaben wollen oder nicht. Wenn Gott das Lebens- und Heilsangebot für alle Menschen sein will, dass ist es doch sehr wahrscheinlich, dass wir in unserm Alltag vielmehr mit ihm zu tun haben, als es uns oft bewusst ist, und ganz besonders dort, wo in Tapferkeit Wertvolles und Richtiges geschieht.

Karl Rahner hat vor mehr als 50 Jahren von Erfahrungen gesprochen, die jedem wachen und interessierten Menschen
zugänglich sind, und er beschreibt diese Erfahrungen als Erfahrungen des Geistes: Da ist einer, dem geschieht, dass er verzeihen kann, obwohl er keinen Lohn dafür erhält und man das schweigende Verzeihen von der anderen Seite als selbstverständlich annimmt. Da ist einer, der Gott zu lieben versucht, obwohl aus dessen schweigender Unbegreiflichkeit keine Antwort der Liebe entgegenzukommen scheint. Da ist einer, der seine Pflicht tut, wo man sie scheinbar nur tun kann mit dem verbrennenden Gefühl, sich wirklich selbst zu verleugnen und auszustreichen, wo man sie scheinbar nur tun kann, indem man eine entsetzliche Dummheit tut, die einem niemand dankt.
Da ist einer, der einmal wirklich gut ist zu einem Menschen, von dem kein Echo des Verständnisses und der Dankbarkeit zurückkommt.

Da ist einer, der schweigt, obwohl er sich verteidigen könnte, obwohl er ungerecht behandelt wird, der schweigt, ohne sein Schweigen als Souveränität seiner Unantastbarkeit noch einmal zu genießen.
Da ist einer, der sich rein aus dem innersten Spruch seines Gewissens heraus zu etwas entschieden hat, da, wo man solche Entscheidung niemandem mehr klarmachen kann, wo man ganz einsam ist und weiß, dass man eine Entscheidung fällt, die niemand einem abnimmt, die man für immer und ewig zu verantworten hat.
Da gehorcht einer, nicht weil er muss und sonst Unannehmlichkeiten hat, sondern bloß wegen jenes Geheimnisvollen,
Schweigenden, Unfassbaren, das wir Gott und seinen Willen nennen.
Da ist einer, der verzichtet, ohne Dank, Anerkennung, selbst ohne ein Gefühl innerer Befriedigung. Da ist einer, der restlos einsam ist, der aber dieser Einsamkeit, nicht davonläuft, sondern sie in einer letzten Hoffnung gelassen aushält. Da ist einer, der merkt plötzlich, wie das kleine Rinnsal seines Lebens sich durch die Wüste der Banalität des Daseins schlängelt, scheinbar ohne Ziel und mit der herzbeklemmenden Angst, gänzlich zu versickern. Und doch hofft er – er weiß nicht wie -, dass dieses Rinnsal die unendliche Weite des Meeres findet, auch wenn es ihm noch verdeckt ist durch die grauen Dünen, die sich vor ihm scheinbar unendlich auszubreiten scheinen.

Das sind sehr allgemeingehaltene Erfahrungen, aber vielleicht haben Sie an der einen oder anderen Stelle aufgehorcht, vielleicht, ist ihnen eine konkrete Situation eingefallen, ein konkreter Mensch, vielleicht Sie selbst, der so etwas erfahren, vielleicht durchlitten hat. Tapferkeit hat in einer tiefen Weise mit Gott zu tun; auch der Jesus, der uns heute im Tempel begegnet, ist nicht der mutige Held, der sich traut, so im Tempel herum zu wüten. Nein, er ist derjenige, der sieht, dass hier etwas falsch ist, dass im Haus Gottes alles andere stattfindet, dass der Tempel zu einer Markthalle wird, und das treibt ihn an, so aufzutreten, obwohl er weiß, dass genau dieses Auftreten ihn zum Feind der Mächtigen machen wird, ihn zum Tod führen wird. Der Eifer für dein Haus verzehrt mich, das hat durchaus eine existentielle Bedeutung.

Verlierer oder Gewinner; der tapfere Mensch ist nicht der strahlende Sieger in einem oberflächlichen Sinn; er kennt die Erfahrung des Verlierens, des Verlustes, aber er hat immer schon gewonnen, weil er das Gute kennt, die Wahrheit,und weil er dafür eintritt.

Liebe Schwestern und Brüder! Es kann sein, dass wir auch heute manchmal herausgefordert werden, etwas auszuhalten, zu tragen, zu ertragen, es kann sein, dass wir gefordert sind, aufzustehen, zu sagen, was dran ist, was wahr ist, was redlich ist. Es kann sein, dass man uns übelnimmt, wenn wir nicht nur oberflächlich und banal irgendetwas plappern, sondern tatsächlich eine Meinung vertreten; es kann sein, dass wir nicht die großen Gewinner sind, sondern eher wie Verlierer wirken. Immer wenn Sie in solche Situationen geraten, dann wünsche ich Ihnen diese Tapferkeit, diese gesegnete und heilvolle Tapferkeit, weil Gott sie schenkt und weil sie zu ihm führt.

Amen.

Bibelstellen: Joh. 2,13-25
1. Fastensonntag, 25. Februar 2018, Kloster Scheyern

Mäßigung – Die Maß oder das Maß

Liebe Schwestern und Brüder!

Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommst du ohne ihr.
Bescheidenheit ist eine Zier, doch reicher wirst du nur mit Gier.

Mit solchen oder so ähnlichen, mehr oder weniger flotten Sprüchen versuchen Menschen manchmal ihre Unsicherheit oder
vielleicht sogar ein schlechtes Gewissen zu verbergen. Oder sie machen sich damit über etwas lustig, was wir als
Tugenden bezeichnen. Tugenden werden von solchen Menschen irgendwie auch als „Spaßbremsen“ interpretiert, obwohl
vielleicht wohlwissend, dass es auch Dinge gibt, „wo der Spaß aufhört“, wo es nicht mehr lustig ist, wo den Menschen das Lachen vergeht.

Wenn man in die Geschichte der Menschheit schaut, dann hat man sich immer wieder Gedanken gemacht, wie Menschen sittlich gut handeln können und was die Grundlagen für ein solches gutes Handeln sein können.
Oft sind solche Überlegungen genau dann angestellt worden, wenn etwas im Zusammenleben der Menschen schief gegangen ist.

Wenn man sich voll Entsetzen gefragt hat: Wie können Menschen so etwas nur tun? Wozu sind Menschen fähig? Ein aktuelles Beispiel haben uns in den vergangenen Tagen die Medien aus den USA geliefert, als sie wieder einmal von einem Massaker berichtet haben. Dieses Mal an einer High School in Florida, wo 17 Menschen von einem Amokläufer getötet wurden. Nach solchen Meldungen gleichen sich die Forderungen: Es müssen schärfere Gesetze her! In diese Rufe mischen sich aber auch Gedanken und das Gespür von Menschen, dass schärfere Gesetze zwar ein erster Schritt sein können, dass sie letztlich so etwas aber nie ganz verhindern können. Man muss tiefer im Menschen ansetzen, wo die Grundlagen für sein Handeln liegen, um diese zu formen und zu bilden. Angesichts der Tatsache, dass sich der Präsident der Vereinigten Staaten in dieser Diskussion dafür ausspricht, die Lehrer zu bewaffnen, werden sich die Opfer solcher Taten und auch die Menschen, die man als Denker bezeichnen kann und die zum Fortschritt der Menschheit beigetragen haben, im Grab umdrehen.

Die Herausbildung der sog. vier Kardinaltugenden Mäßigung, Tapferkeit, Klugheit und Gerechtigkeit ist eine Art
Knotenpunkt in der Geschichte der Überlegungen, wie Menschen sittlich gut handeln können. Wir Katholiken werden bei dem Begriff Kardinaltugenden vielleicht zuerst an die Pupurträger denken, deren vornehmstes Recht, aber auch deren Pflicht es ist, einen Papst zu wählen. Mit diesen Kardinälen haben die Kardinaltugenden zunächst einmal nichts zu tun. Wobei ich natürlich hoffe, dass die Kardinäle ein tugendhaftes Leben führen. Die Kardinaltugenden haben nur die gleiche Wortwurzel, nämlich „Cardo“, die Türangel. Tugenden sind so etwas wie ein Dreh- und Angelpunkt im Leben. Sie entscheiden darüber, ob ich zu etwas Zugang finde und habe oder nicht, ob etwas Einfluss über mich gewinnt oder nicht.

Die Tugenden sind keine christliche Erfindung. Die Frage nach einem sittlich guten Handeln ist in uns Menschen irgendwie grundgelegt, egal welcher Nation, Religion, Sprache oder Rasse. Bereits im 6. Jahrhundert vor Christus findet sich beim griechische Adel so etwas wie ein Tugendkatalog. Der griechische Dichter Aischylos beschreibt in einem Theaterstück einen tugendhaften Menschen als verständig, gerecht, fromm und tapfer. Cicero nennt in seiner Schrift „De officiis“ (Über die Pflichten) Gerechtigkeit, Mäßigung, Tapferkeit und Hochsinn, Weisheit und Klugheit. Auch das Judentum kennt Tugenden, genauso wie der uns eher fremde Kulturkreis des Konfuzianismus.

Für Immanuel Kant gibt es nur eine Primärtugend: „Es ist überall nichts in der Welt, ja überhaupt auch außer der selben zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden, als allein ein guter Wille. Fehle dieser, können alle anderen Tugenden auch äußerst böse und schädlich werden”.

Der Begriff der Kardinaltugenden findet sich erstmals im 4. Jahrhundert bei dem lateinischen Kirchenvater Ambrosius. Er fasst damit Grundtugenden zusammen, die in der Regel vier umfassen. So finden sich diese Vier auch beim Hl. Augustinus: Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung.

Nach dieser kurzen Einführung möchte ich nun auf die Mäßigung oder das rechte Maß eingehen. Zu dieser Tugend haben wir Bayern vielleicht ein besonders anschauliches Verhältnis. Die Maß ist nicht nur ein Maß, sondern sie ist eine Art Maßstab. Denken sie an einen Streit, den es vor Jahren auf dem Münchner Oktoberfest gegeben hat und bei dem es um die Frage ging: Wann ist richtig eingeschenkt? Bei diesem Streit gab es dann so etwas wie eine Toleranzgrenze, auch wenn sie nicht besonders groß war.

Die Mäßigung, das richtige Maß ist nicht ein exakter Punkt, sondern es handelt sich um einen Bereich, der auch mit
Toleranz zu tun hat und der Toleranz ist. Und noch etwas kann uns so ein Maßkrug lehren. Es geht nicht nur um das richtige Einschenken, sondern es geht um das „saubere“ Einschenken. Manchmal sagen wir ja auch: „Dem hob i jetzt sauber eigschenkt!“ Damit ist nicht nur gemeint, dass Menschen derbleckt und verspottet werden, wie es am kommenden Mittwoch wieder auf dem Nockherberg geschieht, sondern Menschen werden mit etwas konfrontiert, ihnen wird etwas zugemutet. Das richtige Maß besteht dann darin, dass Menschen ihr Gesicht wahren können.

Liebe Schwestern und Brüder, wir haben heute Texte aus der Bibel gehört, in denen Menschen in diesem Sinn auch „sauber eigschenkt“ wurde. Die Geschichte aus dem Buch Genesis, in der Abraham von Gott auf die Probe gestellt wird, ist eine Geschichte die viele Menschen als abstoßend empfinden, ich auch! Gott sei Dank hat sie ein Happy End. Vielleicht könnte uns diese Geschichte aber auch einen Spiegel vorhalten, wo Menschen, wo wir einander auf die Probe stellen und Beweise verlangen: Liebesbeweise, Treuebeweise, Achtungsbeweise und viele andere Nachweise und Belege. die Menschen in extreme Situationen führen und wo ihnen Extremes abverlangt wird. Es gibt Bereiche im Zusammenleben, wo der öffentliche Druck so groß wird, dass Menschen buchstäblich „geopfert“ werden. In der Politik haben wir uns schon fast daran gewöhnt. Aber nicht nur da, auch im privaten Bereich werden Menschen „geopfert“.

Auch wenn das Evangelium im Vergleich zur Abrahamsgeschichte relativ harmlos klingt, so führt Jesus seine Jünger doch in eine extreme Situation. Er lässt sie einen Blick in eine Welt werfen, die für ihn die zukünftige Welt ist und die so ganz anders ist, als das, was Menschen hier von dieser Erde kennen und was sie erleben. Ein kleiner Hinweis darauf: „Seine Kleider wurden strahlend weiß, so weiß wie sie auf Erden kein Bleicher machen kann“.

Die Welt, die Jesus seinen Jüngern zeigt, ist die Welt nach dem Tod, es ist die Welt und das Leben der Auferstehung. Lange hat es in der Kirche Tendenzen gegeben, im Blick auf diese zukünftige Welt, das Diesseits, diese unsere Welt und das Leben auf der Erde abzuwerten. Es ist nichts im Vergleich zu dem, was kommen wird. Damit wurde nicht nur Hoffnung geweckt, sondern auch viel Angst erzeugt: Kann ich dieses Leben überhaupt erreichen? Bin ich dafür würdig genug?

Es gibt immer noch religiöse Tendenzen, die mit einem solchen Blick in die Zukunft Angst erzeugen. Es gibt aber auch Bewegungen, die auf einem ständigen religiösen Hochgefühl leben wollen. Außerhalb von Religion und Kirche wird natürlich auch mit Horrorszenarien gearbeitet, um Angst zu verbreiten. Da werden Probleme, die es ja wirklich gibt und wo auch etwas auf dem Spiel steht, auch künstlich hochgespielt. Das Internet ist voll davon.

Liebe Schwestern und Brüder, diese beiden Geschichten aus dem Bibel haben etwas gemeinsam. Am Schluss müssen Menschen weiterleben, sie müssen wieder in ihren Alltag zurück, sowohl Abraham als auch die Jünger. Ob und wie das gelingt, steht auf einem anderen Blatt und wird höchstens angedeutet. Das, was geschehen ist auf diesen Bergen, es waren immer Berge, ist nicht spurlos an den Menschen vorübergegangen: Während sie vom Berg hinabstiegen verbot ihnen Jesus davon zu erzählen, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden ist. Und dieses Wort beschäftigte sie, was das sei, von den Toten auferstehen.

Mäßigung, das richtige Maß ist ein Dreh- und Angelpunkt, damit Menschen weiterleben können, dass sie in ihren Alltag
zurückkehren können, dass sie ihr Gesicht wahren können und dass sie nicht von extremen Positionen und Situationen
ständig hin und her gerissen oder gar zerrissen werden. Mäßigung hat etwas mit Mittelmaß zu tun, aber nicht mit
Mittelmäßigkeit, auch wenn es vielleicht manchmal den Anschein hat.

Liebe Schwestern und Brüder, immer wieder wird die Geschichte von einem Pfarrer erzählt, der es wohl mit dem Maß und der Maß nicht so genau genommen hat. Er beendete seine Predigt nicht mit einem Amen, sondern mit einem „Prost“. Vielleicht wäre das heute aber sogar angebracht, denn unser „Prost“ leitet sich ja von dem lateinischen Wort „Prosit“, einem Trinkspruch ab. Prosit ist eine Form des lateinischen Wortes „prodesse“ und heißt übersetzt „nützen und zuträglich sein“.

Mäßigung, das richtige Maß, es soll nützen und zuträglich sein. Dieses Gespür, dieser Dreh- und Angelpunkt in einem
Menschen wird sich nicht durch Gesetze erzwingen lassen, sondern es beruht auf guten Erfahrungen und guten Beispielen.


Für den heiligen Benedikt ist das richtige Maß ein entscheidender Faktor für ein gelingendes Leben. Er verschweigt aber auch nicht die Mühe, die damit verbunden sein kann und verbunden sein wird. So möchte ich schließen mit einem Zitat aus dem Prolog seiner Lebensregel: Sollte es jedoch aus wohlüberlegtem Grund etwas strenger zugehen, um Fehler zu bessern und die Liebe zu bewahren, dann lass dich nicht sofort von Angst verwirren und fliehe nicht vom Weg des Heils; er kann am Anfang nicht anders sein als eng.

Wer aber im klösterlichen Leben und im Glauben fortschreitet, dem wird das Herz weit, und er läuft in unsagbarem Glück der Liebe den Weg der Gebote Gottes.

Also dann Prost! Prosit! Zum Wohl! Zum Heil!
 
Amen!

Bibelstellen: Gen 22,1-2.9a;10-13;15-18 und Mk. 9,2-10
Erscheinung des Herrn, 6. Januar 2018, Kloster Scheyern

Die zweite Chance

Liebe Schwestern und Brüder!

Wenige Tage ist es jetzt her, dass eine Nacht vom Licht vieler, ja ungezählter Feuerwerkskörper erhellt und so das neue Jahr begrüßt wurde. Bei allem Sinn oder Unsinn dieses Tuns, wieviel Geld da einfach verpulvert und wieviel Dreck und Gestank produziert wird, hat dieses farbenprächtige und schillernde Spektakel in der Neujahrsnacht auch etwas Schönes und Faszinierendes. Viele Menschen schauen da einfach in den Himmel und verbinden mit diesen nur kurz aufflackernden bunten Lichtern auch viele Hoffnungen und Wünsche.

Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, um ihm zu huldigen. So haben wir es gerade im Evangelium gehört. Es wird zwar nichts von einem Feuerwerk gesagt, aber für mich ist in diesem Satz ein wahres Feuerwerk an Hoffnungen, an Wünschen und an Sehnsüchten enthalten. Menschen verbinden mit Licht, mit diesem Licht so viel, dass sie sich aufmachen, dass sie etwas hinter sich lassen, vielleicht sogar sehr viel oder alles, um etwas zu suchen und zu finden, von dem sie lediglich eine Ahnung haben: Der neugeborene König der Juden.

Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, um ihm zu huldigen. Mit diesem Satz ist nicht nur das Vorhaben und das Tun dieser Könige, Magier oder Weisen beschrieben, sondern dieser Satz sagt viel über uns Menschen aus, was wir sind und wie wir sind. Wir alle sind Lebewesen mit Hoffnungen, Wünschen und Sehnsüchten, die uns nicht nur antreiben, sondern die uns auch umtreiben. Auf der einen Seite ist das etwas sehr Schönes, auf der anderen Seite bedeutet das auch eine schwache Stelle in uns Menschen, die ausgenützt und auch missbraucht werden kann. Mit den Sehnsüchten der Menschen kann man auch Geschäfte machen auf ganz verschiedenen Ebenen, auch auf religiöser Ebene.

Wir alle kennen das. Wo Menschen etwas in Aussicht gestellt wird, zum Beispiel ein Gewinn, wie immer er auch aussehen mag oder wie hoch er sein mag, sind Menschen bereit viel zu investieren, viel zu bezahlen oder auch sehr Persönliches preiszugeben, was sie sonst nie tun würden. Die Grenzen vom Seriösen bis hin zum handfesten Betrug können recht fließend und flexibel sein. Vielleicht wundern wir uns, mit welchen Versprechungen sog. Trickbetrüger immer noch und immer wieder zum Ziel kommen. Da wird ein schwacher Punkt von Menschen ausgenutzt Die Sehnsucht des Menschen treibt den Menschen an und sie treibt ihn auch um. Das wusste auch ein Prophet Jesaja, denn er zündet ein wahres Feuerwerk, wenn er schreibt: Blick auf und schau umher: Sie alle versammeln sich und kommen zu dir. Deine Söhne kommen von fern, deine Töchter trägt man auf den Armen herbei. Du wirst es sehen, und du wirst strahlen, dein Herz bebt vor Freude und öffnet sich weit. Denn der Reichtum des Meeres strömt dir zu, die Schätze der Völker kommen zu dir. Zahllose Kamele bedecken dein Land, Dromedare aus Midian und Efa. Sie alle kommen von Saba, bringen
Weihrauch und Gold.

Wer hätte das nicht gerne, auch wenn die Begriffe und Definitionen von Schätzen und Reichtum heute von uns anders
aussehen oder anders heißen.

Liebe Schwestern und Brüder, es ist schon einige Jahre her, dass ich von jemandem immer wieder sog. Bayernlose geschenkt bekommen habe. Ganz gespannt habe ich diese Lose immer geöffnet. Ob ich wohl diese halbe Million bekomme? Damals als wir unsere neuen Glocken angeschafft haben. Dann wären sie auf einmal bezahlt gewesen. Über 5 Euro bin ich aber nie hinausgekommen. Und so musste ich mir von meinem Geber mit einem Augenzwinkern fast vorwurfsvoll anhören: „Dass Sie eigentlich so wenig Glück haben, Herr Abt!“

Bei diesen Losen ist mir aber eines noch Erinnerung geblieben. Es gab die sog. „Zweite Chance.“ Man konnte das Los
einschicken und an einer zweiten Auslosung teilnehmen. Da hatte ich zwar wieder kein Glück, aber der Begriff der
„zweiten Chance“ ist ein Gewinn für das Leben: Es noch einmal versuchen zu dürfen. Die zweite Chance könnte uns das
heutige Fest noch in einer anderen Weise erschließen. Wir feiern heute ja noch einmal irgendwie Weihnachten und das
Geheimnis der Menschwerdung.

Zum Menschsein und zum Menschwerden gehören auch Umwege, es gehört das Verlieren, das Versagen und das Scheitern dazu. Das wurde auch diesen Weisen nicht erspart. Der Besuch bei Herodes hätte alle Hoffnungen und Sehnsüchte auch platzen lassen können. Aber sie haben den Stern wieder entdeckt, der sie zum richtigen Ziel geführt hat.

Wenn wir heute das Fest Erscheinung des Herrn begehen, bekommen auch wir sozusagen noch eine zweite Chance. Vielleicht war Weihnachten nicht so, wie wir es erhofft, erwartet oder gebraucht hätten. Vielleicht hatten wir selbst auch übertriebene oder gar falsche Vorstellungen und Erwartungen.

Heute haben wir noch einmal die Chance, nicht nur zur Krippe zu kommen, sondern zu dem zu finden, der in der Krippe
liegt und der uns etwas geben kann für unser Leben.

Von den Weisen wird berichtet, dass sie vor dem Kind auf die Knie fallen und ihm ihre Schätze gaben. Schätze können ganz verschiedene Namen und Gesichter haben. Vielleicht ist auch das darunter, was ein Lied so besingt:

Meine engen Grenzen, meine kurze Sicht, bringe ich vor dich, wandle sie in Weite. Herr erbarme dich.
Meine ganze Ohnmacht, was mich beugt und lähmt, bringe ich vor dich, wandle sie in Stärke. Herr erbarme dich.
Mein verlornes Zutraun, meine Ängstlichkeit, bringe ich vor dich, wandle sie in Wärme.
Herr erbarme dich.

Meine tiefe Sehnsucht nach Geborgenheit, bringe ich vor dich, wandle sie in Heimat. Herr erbarme dich.

Unsere zweite Chance!

Bibelstellen: Jes. 60,1-6 und Mt. 2,1-12
1. Januar 2018, Kloster Scheyern

Schnee von gestern

Liebe Schwestern und Brüder!

Ich habe hier ein kleines Glas, in dem sich ein wenig Wasser befindet. Dieses Wasser ist allerdings ein besonderes
Wasser. Es ist der Schnee von gestern. Genauer gesagt, es ist der Schnee von vorgestern. Wir haben es erlebt, wie der Schnee vom Freitag und vom Samstag praktisch über Nacht geschmolzen, ja irgendwie verschwunden ist, indem er zu Wasser wurde und in der Erde versickerte. Schnee von gestern!

Der Schnee von gestern ist das Wasser von heute und irgendwie ist es das Leben von morgen!

Wenn wir vom „Schnee von gestern“ sprechen, dann meinen wir damit nicht in erster Linie den richtigen Schnee, der
schmilzt und zu Wasser wird, sondern mit dem „Schnee von gestern“ bezeichnen wir meistens etwas despektierlich
Ereignisse und Dinge, die vergangen oder veraltet sind, Begebenheit und Dinge, die sich überholt oder erledigt haben.

Wie schnell etwas zum Schnee von gestern werden kann, das hat uns in den letzten Tagen vielleicht mancher Jahresrückblick vor Augen geführt. Da wird es Ihnen wohl nicht anders ergangen sein, wie mir, als ich mir bei so mancher Notiz dachte: Ach ja, genau, das war ja auch in diesem Jahr! Ich konnte mich aber gar nicht mehr so recht daran erinnern, ich hatte es eigentlich schon vergessen.

Schnee von gestern. Auch wenn so vieles, was im letzten Jahr geschehen ist, für uns nicht mehr so präsent ist, so nehmen wir wohl mehr aus dem vergangenen Jahr mit in das neue Jahr, als wir denken, und manchmal auch mehr als uns lieb ist. Der Schnee von gestern verschwindet nicht einfach, er wird zum Wasser und spielt damit eine Rolle im Leben von morgen. So manches wird uns im neuen Jahr wieder einholen oder bewusst und wichtig werden, auch solches, was wir schon als veraltet, erübrigt oder erledigt angesehen haben.

Schnee von gestern. Gerade haben wir Texte aus dem Buch unseres Glaubens, aus der Bibel gehört. Es sind Texte, die manche Menschen als veraltet, überholt und erledigt betrachten, also als Schnee von gestern. Ja, die Texte stammen aus längst vergangenen Zeiten, aber sie rufen Ereignisse und Dinge in Erinnerung, die nicht einfach vergangen sind, sondern die bis heute für das Leben der Menschen von Bedeutung sind, vielleicht mehr als wir glauben möchten oder als uns glaubend gemacht wird.

Das Evangelium, das wir gerade gehört haben, greift das weihnachtliche Geschehen noch einmal auf. Die Geburt Jesu hat das Leben der Menschen verändert. Von den Hirten heißt es, dass sie erzählen, was sie über dieses Kind gehört haben. Es muss etwas gewesen sein, was sie so fasziniert und sehr beschäftigt hat, so dass sie es weitererzählen möchten. Bis heute ist diese Botschaft weitererzählt worden, sonst wären wir heute nicht hier.
Von Maria wird berichtet, dass sie das, was erzählt wurde nicht einfach nur zur Kenntnis genommen hat, sondern dass sie es in ihrem Herzen bewahrte und darüber nachdachte. Das ist eine Eigenschaft von uns Menschen, wo sich der sog. Schnee von gestern lange, sehr lange halten kann.

Menschen können oft nach vielen Jahren noch voller Begeisterung von Erlebnissen erzählen, als wäre es gestern gewesen. Menschen wissen noch genau, was sie gesagt oder versprochen haben, und halten ihre Versprechen. Andere Menschen dagegen schleppen oft Begebenheiten und Erinnerungen über Jahre und Jahrzehnte in ihrem Leben mit, weil sie nicht loslassen, weil sie nicht vergessen oder vergeben können. Der Schnee von gestern ist also doch nicht so belanglos, wie man oft glauben möchte.

Liebe Schwestern und Brüder, wir beginnen heute das Jahr 2018. In dieser Schreib- oder Sprechweise fehlt ein Zusatz,den wir nicht mehr dazuschreiben oder erwähnen. Korrekterweise müssen wir sagen, dass wir das Jahr 2018 nach Christi Geburt beginnen. Mit der Geburt Christi hat eine neue Zeit begonnen, wobei es das Jahr 0 und das Jahr 1 nicht gegeben hat. Der Mönch Beda Venerabilis hat neben anderen und auch einigen vor ihm um 731 geschichtliche Ereignisse in Beziehung zur Geburt Christi gesetzt. Um das Jahr 1060 hat sich diese Zeitrechnung in der römisch katholischen Kirche durchgesetzt. Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, so heißt es im Galaterbrief. Man könnte auch etwas freier übersetzen und formulieren: „Als es Zeit war, als es Zeit wurde, sandte Gott seinen Sohn.“

Natürlich könnte man auch anders zählen, aber woran wollen wir unsere Zeit festmachen? Im letzten Regierungsjahr von
Ministerpräsident Seehofer oder im ersten Jahr des Ministerpräsidenten Söder? Im 17. Jahr nach den Anschlägen von New York? Auf solche Weise wurde lange gezählt und Zeit ausgedrückt.

Im Jahr des Herrn 2018! So gehen wir heute in dieses neue Jahr. Dabei gilt immer noch die Zusage aus dem Buch Numeri, die Gott an Mose und Aaron gegeben hat. Es ist auf der einen Seite Schnee von gestern, weil uralt, aber es ist doch ein wunderschöner und auch aktueller Text: Der Herr segne dich und behüte dich. Der Herr lasse sein Angesicht über dich leuchten und sei dir gnädig. Der Herr wende sein Angesicht dir zu und schenke dir Heil.

Diese Zusage von Gottes Schutz und Geleit hat einen Hans Dieter Hüsch, er war ein sehr kritischer Geist, inspiriert, einen Text zu verfassen, mit dem ich schließen und den ich Ihnen in den ersten Tag dieses neuen Jahres mitgeben möchte:

Ich verlasse mich auf den Herrn und auf seine Gedanken. In deine Hände lege ich voll Vertrauen mein Leben. Manchmal denke ich, du hast mich aus den Augen verloren.

Doch dann hörst du meine Fragen, wenn ich um Hilfe rufe und ratlos bin. Du nimmst dich meiner Unsicherheiten an und lässt mich nicht verloren gehen. Und wenn mich die anderen festnageln, befreist du mich mit deiner Kraft.
Mein Herz ist stark und unverzagt. Du hast mir den Sack der Trauer ausgezogen und mich mit Freude umgeben. Meine Zeit steht in deinen Händen, und mein Leben liegt in deiner Hand.
Schnee von gestern ist das Wasser von heute und die Hoffnung auf Leben von morgen. Ein gutes und gesegnetes neues Jahr!

Bibelstellen: Num. 6,22-27 und Lk. 2,16-21